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Der moderne Zen-Lehrer Jeff Shore lässt keine Frage zur Praxis des Zen unbeantwortet. Es wird deutlich, welche Stufen man in der Meditation erreichen kann und wo sich die Fallen befinden. Was ist eigentlich genau ein Samadhi, ein Zustand ununterbrochener Konzentration, im Gegensatz zu einem Zustand vertiefter Meditation und echter Verwirklichung? Was ist genau gemeint mit dem Ausdruck Nicht-Selbst, mit dem im Buddhismus unsere wahre Wesensnatur beschrieben wird? Und wir funktioniert die berühmte Koan-Praxis wirklich? Für alle Zen-Praktizierenden ist Der Weg beginnt unter deinen Füßen unverzichtbar. Es ist ein lebensbegleitendes Handbuch aus spürbar direkter Erfahrung und für die direkte Erfahrung geschrieben. Zen-Meister Jeff Shore inspiriert mit seinen lebendigen Teachings einen Weg zu gehen, der unmittelbar in die Erfahrung Eins-Seins führt. Aus dieser inneren Mitte heraus bleibt man ständig präsent und kann sein Herz der Welt wirklich ungetrennt von ihr öffnen. "Ich traf Jeff zum ersten Mal in Kyoto, es waren nur noch ein paar Rennen bis zur Weltmeisterschaft. Ich lernte von ihm alles über Zen-Meditation. Vor dem letzten Rennen meiner Karriere meditierte ich, wie ich es mit Jeff getan hatte. Ich stieg in meinen Rennwagen und gewann so meine erste Weltmeisterschaft." Nico Rosberg
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2018
Jeff Shore
Zen für das moderne Leben
Übersetzt und herausgegeben von Sabine Beyreuther, Bernhard Kleinschmidt, Jeannette Stowasser und Michael Walter
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Der moderne Zen-Lehrer Jeff Shore lässt keine Frage zur Praxis des Zen unbeantwortet. Es wird deutlich, welche Stufen man in der Meditation erreichen kann und wo sich die Fallen befinden. Was ist eigentlich genau ein Samadhi, ein Zustand ununterbrochener Konzentration, im Gegensatz zu einem Zustand vertiefter Meditation und echter Verwirklichung? Was ist genau gemeint mit dem Ausdruck Nicht-Selbst, mit dem im Buddhismus unsere wahre Wesensnatur beschrieben wird? Und wir funktioniert die berühmte Koan-Praxis wirklich?
Für alle Zen-Praktizierenden ist Der Weg beginnt unter deinen Füßen unverzichtbar. Es ist ein lebensbegleitendes Handbuch aus spürbar direkter Erfahrung und für die direkte Erfahrung geschrieben. Zen-Meister Jeff Shore inspiriert mit seinen lebendigen Teachings einen Weg zu gehen, der unmittelbar in die Erfahrung Eins-Seins führt. Aus dieser inneren Mitte heraus bleibt man ständig präsent und kann sein Herz der Welt wirklich ungetrennt von ihr öffnen.
Vorwort
Teil eins – Schritte auf dem Weg
1 Der Weg zum Eins-Sein
Der »eine Geist«
2 Licht in den Ursprung der Dinge bringen
Grundlagen des Zen
3 Lasst alle Bedingungen los
Eine klassische Anleitung zum Zazen nach Changlu
Teil zwei – Über das Selbst hinaus
4 Eins sein – frei sein vom Selbst
Samadhi und Dhyana
5 Das Nicht-Selbst und die Wippe des Samsara
Die Mitte finden
6 Das Unbedingte
Im Buddhismus, im Zen und im täglichen Leben
Teil drei – Der Kern der Praxis
7 Spirituelle Erfahrung im Licht des Zen-Buddhismus
… und umgekehrt
8 Die Koan-Praxis im Rinzai-Zen
Die brennende Frage im Hier und Jetzt
9 Der Ursprung des Zen: Wer überträgt was?
Übertragungslinien im Zen-Buddhismus
Mein Selbst – viel Lärm um Nichts
1953 in einem Vorort [...]
Anmerkungen
Wonach suchst du? Nach einer Antwort auf die Frage des Lebens? Und wo glaubst du sie zu finden? In diesem Buch?
Nein, auch Jeff Shore wird dir die Antwort nicht verraten – doch dafür gibt er dir einen Fingerzeig in die richtige Richtung: Das Leben hat dich schon längst gefunden, jetzt liegt es an dir, dich seiner Frage zu stellen. Der Weg beginnt hier, unter deinen Füßen, und es liegt an dir, einen und dann den nächsten Schritt zu tun!
Zum ersten Mal bin ich Jeff Anfang der 90er-Jahre in Kyoto bei einer Zen-Sitzung der FAS-Gesellschaft, einer Vereinigung praktizierender Laien, begegnet. Die Runde bestand aus einer Handvoll meist älterer japanischer Herrschaften, an weibliche Teilnehmende kann ich mich nicht erinnern. Eine Besonderheit der FAS-Gesellschaft, die sich an Samstagnachmittagen traf, war, dass sich die Teilnehmer nach dem Zazen zusammensetzten, um – ganz unzennig – zu diskutieren. Eine Tradition, die aus der Zeit des Gründers Hisamatsu Shin’ichi stammte, der ein bekannter Zen-Philosoph war. Mir fiel auf, dass außer mir noch ein weiterer Westler in der Runde saß, der sich in fließendem Japanisch an der Diskussion beteiligte. Später stellte er sich mir als Jeff Shore vor. Da ich meine Zeit in Kyoto dazu nutzen wollte, möglichst vielen authentischen Zen-Meistern zu begegnen, fragte ich ihn, ob er mir einen Tipp geben könne. Jeffs Antwort: »Wenn es Rinzai sein soll, geh zu Shōdō Harada nach Okayama. Interessierst du dich für Soto, geh zu Sekkei Harada nach Obama.«
Diesem Rat folgte ich nicht, stieß dafür jedoch später auf den Antai-ji, ein kleines, sich selbst mit Lebensmitteln versorgendes Soto-Kloster tief in den Bergen am Japanischen Meer.
Nach drei Jahren empfahl mir einer meiner japanischen Klosterbrüder, ein Jahr im Tōfuku-ji in Kyoto zu verbringen, wo der Rinzai-Meister Keidō Fukushima unterrichtete. So bekam ich die für Soto-Mönche seltene Gelegenheit, Koans im Kontext des Tagesablaufs eines authentischen Rinzai-Klosters zu praktizieren.
Der Leser wird sich vorstellen können, wie überrascht ich war, als ich eines Abends Jeff auf dem Kissen neben mir sitzen sah! Er, der mich nach Okayama hatte schicken wollen, war schon lange Jahre ein Laienschüler von Fukushima gewesen.
In diesem Buch präsentiert Jeff seine Zen-Erfahrungen, bereichert durch seine jahrelange Übersetzertätigkeit für Fukushima Roshi und seine Lehrtätigkeit als Professor für Zen in der modernen Welt an der Hanazono-Universität in Kyoto. Dieses Buch ist gleichermaßen tiefgründig, direkt und klar. Jeff begnügt sich nicht mit einer akademischen Analyse, sondern konfrontiert uns mit unseren eigenen Fragen. Allerdings, und das ist wichtig, kann auch der beste Meister seinen Schülern den Weg nicht abnehmen. Jeder muss sich seiner ureigenen Frage selbst stellen. Nutzt dieses Buch daher, um zum Kern dieser Frage vorzudringen, der Frage eures Lebens in diesem Augenblick!
Muhō Nölke, Abt des Klosters Antai-ji (Hyōgo-ken, Japan)
Schritte auf dem Weg
Der Weg zum Eins-Sein
In jeder authentischen religiösen Tradition geht es darum, zum Kern der spirituellen Übung, zum Wesen des Menschseins zu gelangen.
Darum geht es auch beim Zen, aber denkt daran: Es steht euch frei, von dem, was hier steht, Gebrauch zu machen oder nicht. Wenn ihr es hilfreich findet, gut. Wenn nicht, weg damit!
Warum sitzen wir beim Zazen eigentlich in einer bestimmten Haltung? Warum verknoten wir unsere Beine, sitzen Stunde um Stunde mit geradem Rücken da und konzentrieren uns auf unseren Atem?
Klar wird das, sobald wir es tun, denn Zazen ist nicht nur eine geistige, sondern auch eine körperliche Übung. Es beansprucht unser ganzes Wesen. Allen, die in der vollen Lotoshaltung sitzen oder sie sich behutsam durch Dehnübungen und Yoga aneignen können, empfehle ich sie sehr. Sie beruhigt und sammelt Körper, Atem und Gedanken. Sie ist eine uralte Körperhaltung, in der man schon vor Buddha Gautama geübt hat.
Allerdings hat jeder von uns einen anderen Körper und eine bestimmte Lebensweise. Wer nicht mit gekreuzten Beinen sitzen kann, hat viele Alternativen. Experimentiert mit verschiedenen Haltungen und lernt von eurem Körper, was gut für ihn ist. Es kommt nicht so sehr darauf an, was man mit den Beinen macht, als darauf, den Rücken auf natürliche Weise aufzurichten. Sitzt aber nicht steif wie ein Zaunpfahl da, sondern folgt der natürlichen S-Form der Wirbelsäule und verankert das Gesäß fest auf der Unterlage. Wenn der Rücken gerade ist, kann Zazen auch auf einem Stuhl oder einem Bänkchen geübt werden.
Knapp ausgedrückt besteht die buddhistische Praxis darin, sich selbst zu ergründen. Es geht darum, zu dem, was wir unser Selbst nennen, vorzudringen und es zu durchschauen – also nicht darüber nachzudenken, ihm nachzuspüren oder tiefsinnige Vorstellungen davon zu entwickeln, sondern wirklich auf dessen Grund zu gelangen. Was befindet sich dort? Geht hin und findet es heraus! Es ist die vollkommene und endgültige Befreiung, die im Buddhismus als Erwachen bezeichnet wird.
Dazu ist es nicht nötig, irgendwo anders hinzugehen oder einen transzendenten, glückseligen Geisteszustand zu erfahren. Jeder von uns hat hier und jetzt bereits alles, was er braucht. Ein Lehrer ist dazu genauso wenig notwendig wie irgendwelche Bücher. Der Überlieferung zufolge saß Buddha Gautama unter dem Bodhi-Baum, um zum Grund seines Selbst vorzustoßen. Das hat er ganz alleine getan, und hier – nicht in irgendwelchen Lehren oder Dogmen – liegt das Fundament buddhistischer Praxis.
Der Buddha tat nichts anderes als das, was auch wir hier und jetzt tun können: uns selbst auf den Grund gehen. Ihr spürt doch, dass ihr ein Selbst besitzt, nicht wahr? Dann habt ihr schon mehr als genug. Geht eurem Selbst nur ein einziges Mal wirklich auf den Grund! Wenn ihr wisst, wer ihr wirklich seid, könnt ihr das lebendig werden lassen. Denn in gewissem Sinne ist es mindestens genauso wichtig wie das Erwachen selbst, diese Erfahrung in jedem Aspekt unseres Lebens zu verwirklichen.
Wie gelingt uns das praktisch? Ein ganz natürlicher Einstieg ist die Konzentration auf den Atem. Körper und Geist auf diese Weise in Einklang zu bringen, ist eine schlichte, einfache Methode. Normalerweise sind wir uns dessen nicht bewusst, dass wir atmen. Doch in vielen Meditationstechniken geht es darum, sich auf den Atem zu konzentrieren und ihn achtsam wahrzunehmen. Versucht es! Das braucht Zeit, Geduld und Entschlossenheit. Aber wenn ihr dabei bleibt, wird die Übung schließlich beständig sein. Sie muss dann nicht mehr bewusst begonnen und aufrechterhalten werden und wird auch nicht auf die Zeit der Meditation beschränkt bleiben.
In der modernen Zen-Praxis wird anfangs oft geraten, beim Ausatmen zu zählen. Es gibt zwei Methoden dieser Atemmeditation. Bei der einen wird jedes Ausatmen gezählt. Man beginnt mit »eins«, beim nächsten Ausatmen zählt man »zwei«, und so geht es weiter bis »zehn«. Ist man bei zehn angekommen, kehrt man zur Eins zurück und fängt mit dem Zählen von vorne an. Merkt man, dass man gedanklich abgeschweift ist, beginnt man einfach wieder mit »eins«.
Bei der anderen Methode seid ihr bei jedem Ausatmen einfach: »Eiiiins«. Zuerst könnt ihr euch die Zahl bildlich vorstellen oder lautlos formulieren, um die Konzentration aufrechtzuerhalten. Irgendwann jedoch sollten kein Bild und keine Spur mehr davon übrig bleiben, nur dieses »Eiiiins«, das sich selbst atmet, sodass aus dem Sein im Atmen ein umfassender Zustand des Eins-Seins entsteht.
Ihr werdet feststellen, dass dieser Zustand sich auch dann ergibt, während ihr euch mit den unterschiedlichsten Dingen beschäftigt. Wenn ihr euch schlafen legt, lasst dieses »Eins« ganz sanft unterhalb eures Nabels einsinken. Irgendwann merkt ihr, dass ihr es nicht wieder wecken müsst, sobald ihr aufwacht. Es wird schon da sein, bevor ein einziger Gedanke entsteht.Beide Methoden haben ihre Vor- und Nachteile. Von eins bis zehn zu zählen, kann die Vorstellung entstehen lassen, dass man irgendetwas erreichen will, also zu einem Ziel unterwegs ist. Das kann die Übung beeinträchtigen. Die Alternative ist, mit jedem Ausatmen einfach eins zu sein. So braucht man sich nicht darum zu kümmern, zur Zehn zu gelangen.
Es könnte sich jedoch herausstellen, dass die Praxis an Schärfe verliert, wenn man sich ständig nur auf »eins« konzentriert. Dann wirkt das Eins-Sein womöglich ein wenig verschwommen und verträumt. Wenn dies geschieht, zählt man besser von eins bis zehn; das kann dabei helfen, konzentriert und wach zu bleiben.
Beide Methoden haben ihren Wert. Hier im Westen reicht es meiner Meinung nach jedoch im Allgemeinen aus, einfach zu atmen und eins zu sein, solange die Übung nicht unscharf und schal wird. Experimentiert eine Zeit lang, seid geduldig und findet heraus, was für euch passt. Vielleicht ist es ja manchmal am sinnvollsten, von eins bis zehn zu zählen, und manchmal ist es besser, einfach eins zu sein.
Anfangs benutzen wir für den Versuch, eins zu sein, unwillkürlich unseren rastlosen, suchenden Geist. Dadurch erscheint uns etwas, das im Grunde ganz einfach ist, schwierig oder sogar unmöglich. Hier ist Vorsicht geboten, denn viele sind beim Zazen schon auf diese anfängliche Schwierigkeit gestoßen und haben frustriert aufgegeben. Sie sind dem Trugschluss erlegen, so eine Praxis sei zu schwierig für sie. Aber wo genau liegt diese Schwierigkeit?
Die Studenten an der japanischen Universität, an der ich unterrichte, stehen vor demselben Problem. Wenn ich einige Minuten mit ihnen Zazen gesessen habe, frage ich sie, wie es ihnen mit dem Eins-Sein ergangen ist. Fast einhellig erklären sie dann, es sei schwierig oder gar unmöglich gewesen. Dann frage ich sie, ob sie denn gleichzeitig Fahrrad fahren, ihren Regenschirm halten und in ihr Handy sprechen können. So sieht man sie nämlich oft auf Kyotos Straßen. Das ist kein Problem für sie. Trotzdem kommt es ihnen fast unmöglich vor, ein paar Momente eins mit dem Atem zu sein. Daher noch einmal: Wo genau liegt die Schwierigkeit?
Versucht es, dann werdet ihr es selbst merken: Die Schwierigkeit liegt nicht im Zazen, sie liegt in unserem Geist. Der Geist, besonders der moderne Geist, ist überaus komplex, zersplittert und zerstreut. Wir haben praktisch vergessen, wie man einfach eins sein kann. Dabei verlange ich von euch und meinen japanischen Studenten nichts, was besonders schwierig wäre, ganz im Gegenteil! Nur weil es so einfach ist, kommt es euch so schwierig vor. Gebt euch eine Weile ganz der Übung hin, dann werdet ihr es selbst erkennen. Man braucht Zeit und Disziplin, um sie zu meistern, aber das bedeutet nicht, dass ihr etwas falsch macht oder nicht für Zazen geeignet seid. Kehrt einfach geduldig zum Eins-Sein zurück und übt weiter. Ihr habt euer ganzes bisheriges Leben darauf verwendet, den Geist zu zersplittern und zu zerstreuen. Lohnt es sich da nicht, ein wenig Zeit zu investieren, um ihn wieder eins werden zu lassen?
Wenn ihr gerade erst anfangt, Zazen zu üben, lasst euch nicht entmutigen. Bei den ersten Versuchen werdet ihr vielleicht feststellen, dass sogar noch mehr Gedanken aufkommen als sonst! Das kann sehr frustrierend sein. Manche Meditationslehrer erklären diese Erfahrung so, dass in Wirklichkeit nicht mehr Gedanken auftauchen, sondern dass wir lediglich solche, die immer schon da sind und am Rande unseres Bewusstseins schweben, nun endlich wahrnehmen. Das könnte stimmen, aber es könnte auch sein, dass gerade der Versuch, eins zu sein, zusätzliche Gedanken erzeugt. Anders gesagt: Die Anstrengung, die wir unternehmen, verursacht weitere Hindernisse. Warum? Weil wir es nicht gewohnt sind, einfach eins zu sein. Normalerweise richten wir unsere Aufmerksamkeit auf zwei, drei oder mehr Dinge gleichzeitig. Deshalb finden wir es anfangs unmöglich, einfach eins zu sein.
Macht kein Problem daraus, fahrt einfach geduldig und entschlossen mit der Übung fort. Lasst zu, dass sich die Wahrnehmung Schritt für Schritt sammelt und fokussiert. Wenn sich Gedanken, Bilder oder Gefühle melden, müsst ihr nicht dagegen ankämpfen – das hieße nur, noch mehr Gedanken zu produzieren. Eine Methode besteht darin, alles, was an die Oberfläche kommt, einfach wahrzunehmen und es dann loszulassen. Ein Gedanke entsteht, man bemerkt ihn und kehrt dann einfach wieder zum Eins-Sein zurück. Habt Geduld. Kein Grund, sich über sich selbst zu ärgern; da ist sowieso niemand, über den man sich ärgern könnte. Kehrt einfach zum Eins-Sein zurück.
Der Geist schweift schon wieder ab? Kehrt zum Eins-Sein zurück. Dabei lernt ihr bereits eine wertvolle Lektion, denn ihr erkennt aus eigener Erfahrung deutlich, wie der Geist abschweift und warum es der Disziplin und einer kontinuierlichen Praxis bedarf. Ja, Disziplin und Geduld braucht man tatsächlich, aber jeder von uns kann seinen zerstreuten und zerstreuenden Geist darin üben, von selbst wieder zu jener schlichten Einheit zurückzukehren, die reines Gewahrsein ist.
Fast alle, die anfangen, Zazen zu üben, machen solche Erfahrungen. Sie bekommen ein gewisses Gefühl dafür, eins zu sein, und ahnen, dass da etwas ist. Gefördert wird dieses Gefühl meiner Erfahrung nach in einer Gruppe, in der man gemeinsam sitzt.
Daneben taucht jedoch eine wahre Flut von Gedanken auf. Vielleicht hat das Geräusch eines vorüberfahrenden Autos irgendwelche Gedanken in uns ausgelöst. Vielleicht haben wir einen Moment lang darüber nachgedacht, ob wir tief genug in die Meditation versunken waren, oder wir waren mit uns zufrieden, was ein Gefühl der Genugtuung bewirkte. Wahrscheinlich existierte dennoch auf einer bestimmten Ebene das Bewusstsein, nicht vollständig eins zu sein, weil immer noch eine mentale Aktivität herrschte. Auch das ist wertvoll, weil die eigene Erfahrung zeigt, wie der Geist arbeitet und wie nötig eine meditative Disziplin ist.
Unser Geist ist eine wahre Gedankenfabrik. Ohne nachhaltiges Üben neigt er dazu, immer weiter und weiter zu wuchern, sich selbst zu befriedigen und das Eins-Sein, das immer da ist, zu verbergen. Dabei sind Gedanken an sich weder gut noch schlecht. An ihnen ist nichts auszusetzen. Sie haben ihren Platz, aber nicht auf dem Meditationskissen.
Ein häufiger Fehler ist der Versuch, die Gedanken abzuschneiden oder zu unterdrücken, auch wenn wir vielleicht gar nicht klar erkennen, was wir da tun. Wenn Gedanken oder Gefühle unterdrückt werden, tauchen sie irgendwann an anderer Stelle wieder auf, oft verzerrt und fehlgeleitet. Das funktioniert also nicht und führt nur zu neuen Problemen. Achtet daher sorgfältig darauf, was ihr tut, denn die Verdrängung ist selbst eine Art willentlicher Gedanke. Ist ein Gedanke erst einmal entstanden, kann nichts auf der Welt ihn mehr ungeschehen machen. Allerdings muss man ohnehin nichts dagegen tun, außer sich bewusst zu sein, dass er aufgetaucht ist, und ihn dann loszulassen.
Dennoch müssen wir daran arbeiten, eins zu sein, besonders zu Beginn unserer Praxis. Möglich ist das, indem wir achtsamer werden und an uns selbst arbeiten. Wir arbeiten mit unserem Geist, so wie er ist, so wie er von Natur aus funktioniert. Wenn sich die Meditation vertieft und ihr ganz eins seid, werdet ihr bemerken, dass sich die Gedanken einfach auflösen – sie schmelzen wie von selbst dahin. Sie verlieren ihren Halt. Während sich die Praxis festigt und beständiger wird, erübrigen sich Gedanken immer mehr. Das erfordert ein wenig Geduld und Disziplin, doch es ist möglich und letztendlich gar nicht schwer. Wenn ihr weitermacht, werdet ihr merken, dass immer weniger Gedanken entstehen, weil der Grund dafür fehlt. Die Verunsicherung und Unruhe, von der sie hervorgerufen wurden, sind verschwunden.
Es ist schön, wenn man merkt, wie sich die Übung vertieft. Aber beschäftigt euch nicht zu viel damit, und lasst euch nicht davon fortreißen. Macht nichts Besonderes daraus. Ihr habt keine fantastische Heldentat vollbracht; es handelt sich nur um einen natürlichen Reifeprozess. Bleibt nicht stehen. Geht weiter!
Der im japanischen Zen häufig verwendete Ausdruck Mu bedeutet, dass letztlich alles leer von einem Selbst ist. In Sanskrit spricht man von Shunyata. Viele, die Zen üben, wollen Mu werden. Wir sehnen uns danach, leer vom Selbst zu sein. Aber wir wissen nicht einmal, wie wir beständig ins Samadhi des Eins-Seins eintreten, von dem oben die Rede ist. Wir wissen nicht, wie wir bei der Übung wirklich eins sein können. Kein Wunder, dass wir es nicht schaffen, Mu in unserem Leben und in unserer Praxis voll und ganz zu verwirklichen!
Im Verlauf eurer Zen-Übung könnt ihr zunächst daran arbeiten, mit eurem Atem eins zu sein oder die Atemzüge zu zählen. Sobald ihr in diesem Atem-Samadhi geübt seid, könnt ihr ihn durch Mu ersetzen. In der zeitgenössischen Zen-Praxis geht man oft so vor.
Doch wirklich eins zu sein und Mu zu sein, ist nicht zweierlei! Werdet voll und ganz zu dieser Einheit, nicht nur zu einer Idee oder Vorstellung davon. Dann werdet ihr sehen, dass sie nichts anderes als lebendiges, atmendes Mu ist. Alles liegt klar auf der Hand. Hier im Westen ist es jedoch verständlicher und weniger esoterisch, vom Eins-Sein zu sprechen, statt einen Begriff aus dem Japanischen oder dem Sanskrit zu verwenden.
Alles hängt davon ab, wie wir tatsächlich damit umgehen. Wenn wir darüber nachdenken, was Mu bedeutet, oder irgendetwas daraus machen, dann ist es nicht wirklich Mu. Treten wir jedoch ganz in diese Einheit ein, dann erwacht sie in allem, was uns umgibt, zum Leben. Von diesem dynamischen Eins-Sein aus können wir leben und Entscheidungen treffen. Es haftet nicht einmal daran, »eins« zu sein; es tut alles – oder nichts – mit Leichtigkeit. Wenn wir uns jedoch daran festklammern, um dem Trubel dieser Welt zu entfliehen, ist es kein wahres Eins-Sein mehr. Alles, was gewonnen – oder verloren – werden kann, ist nur das tote Eins-Sein, das im Zen entschieden abgelehnt wird. Also Vorsicht!
Am Zustand des Eins-Seins ist absolut nichts Mystisches oder Transzendentes. Im Gegenteil, er spielt bei allem, was uns wichtig ist, eine Rolle. Wenn wir unsere Arbeit tun, ein Kunstprojekt in Angriff nehmen, Sport treiben, Musik machen oder Sex haben, ein Buch lesen, einen Film sehen oder uns mit Freunden unterhalten: Ohne dabei wirklich eins und vollständig präsent zu sein, wie wäre das möglich? Mit geteilter Aufmerksamkeit können wir überhaupt nichts wirklich tun.
Habt ihr schon einmal in einem Notfall oder einer lebensbedrohlichen Situation handeln müssen? Wohin verschwinden alle Gedanken, die sonst so real und greifbar scheinen, in solch einem Moment? Woher kommt plötzlich diese Klarheit, diese Konzentration und Kraft?
Wenn wir mit etwas eins sind, existiert das gewöhnliche Denken von Natur aus nicht. Intuitiv sind wir mit dieser Wahrheit längst vertraut und ständig in Berührung. Es ist überhaupt kein wirrer oder verschwommener Zustand, sondern absolute Klarheit. Ungebundene Aufmerksamkeit – für eine Weile – und grenzenlose Freiheit, während wir etwas tun, was wie von selbst geschieht. In dieser Situation können wir spontan handeln und Entscheidungen treffen. Kreative Menschen wissen das intuitiv und sind oft in der Lage, sich diese Quelle zu erschließen. Unglücklicherweise leiden sie aber häufig sehr darunter, das Eins-Sein wieder zu verlieren, wenn sie anderen Tätigkeiten nachgehen, oder sie haben Probleme, es in ihren Alltag zu integrieren. Geduld, fortwährende Übung und eine heilsame Lebensweise sind daher von entscheidender Bedeutung.
Wenn ihr euch eine Zeit lang mit ganzem Herzen der Übung gewidmet habt und es euch immer noch schwerfällt, eins zu sein, könnt ihr vor der Meditation erst einmal etwas tun, worin ihr so gut seid, dass ihr euch ganz von selbst darin verliert. So etwas haben wir alle. Ich beispielsweise konnte mich immer beim Frisbeespielen verlieren. Seit ich mich erinnern kann, war ich immer eins, wenn ich die Scheibe fing oder sie jemandem zuwarf. Warum, weiß ich nicht, aber jeder hat so etwas, ob es nun eine Sportart ist, das Spielen eines Instruments oder das Hören von Musik. Etwas, worin man wie von selbst aufgeht. Manche erleben es beim Autofahren.
Ganz gleich, was es ist, tut es vor dem Zazen. Natürlich sollte es nicht zum Zwang werden, nicht zu etwas, woran man sich so klammert, dass man glaubt, es tun zu müssen, bevor man sich aufs Kissen setzt. Aber für Anfänger, die mit sich kämpfen, kann es nützlich sein, dadurch auf natürliche Weise loszulassen. Außerdem kann es als Einstieg dienen. Hört zum Beispiel ein paar Musikstücke an oder ein bestimmtes Lied, das euch beruhigt, und setzt euch dann hin. Vielleicht könnt ihr dann nicht so lange sitzen, aber euer Zazen ist gefestigter.
Klingt das ketzerisch? Auf den ersten Blick scheint es nicht zum Zen zu passen, etwas Angenehmes zu tun, wenn einem das Sitzen zu hart vorkommt. Wenn man es richtig macht, ist es jedoch Buddhismus pur. Die Erinnerung daran, sich vollkommen wohlzufühlen, hat sogar Buddha Gautama selbst die Augen geöffnet. Der Überlieferung zufolge gab ihm genau das den Impuls, den er brauchte, um schließlich zu erwachen.
Buddha Gautama hat gewaltige Anstrengungen auf sich genommen. Mit zwei Lehrern übte er die Meditation, doch nachdem er ihre Techniken gemeistert hatte, erkannte er schließlich, dass er noch immer nicht frei war vom Selbst. Alter, Krankheit und Tod, diese Probleme suchten ihn noch immer heim. Er war noch immer Etwas. Deshalb verließ er diese Lehrer und praktizierte unter extremen Entbehrungen weiter. Er versuchte, das Atmen einzustellen. In den Sutren werden diese Versuche ausführlich beschrieben, aber im Wesentlichen heißt es, er habe höllische Kopfschmerzen davon bekommen. Dann aß er fast nichts, bis sein Bauchnabel die Wirbelsäule berührte. Erschöpft erkannte er, dass dies nicht der Weg sein konnte, denn so würde er eher sterben als erwachen. Etwas stimmte nicht. Er war in eine Sackgasse geraten. Um erleuchtet zu werden, hatte er die Anstrengung, die das Selbst aufbringen kann, auf die Spitze getrieben und sich beinahe umgebracht. Dennoch war er noch immer nicht eins, er war noch immer getrennt. Was nun?
Westliche Kommentare übergehen oft, was als Nächstes geschah. Stattdessen heißt es schlicht, Gautama habe den »Mittleren Weg« gefunden und sei zum Buddha geworden. Dabei wird ein entscheidender Punkt vergessen. In vier verschiedenen Versionen auf Pali und auf Sanskrit wird berichtet, Gautamas nächster Schritt sei durch die Erinnerung an ein bestimmtes Erlebnis von vollkommener Ruhe und Leichtigkeit ermöglicht worden. In den frühen Sutren ist Gautama noch ein Kind, in der tibetischen Version ist er erwachsen. Die Aussage bleibt jedoch dieselbe.
Gautama erinnert sich, wie er im Schatten eines Rosenapfelbaumes saß, während sein Vater, ein König, zeremoniell einen Acker pflügte. Der kleine Gautama wurde unter einen Sonnenschutz gesetzt und freute sich am Betrachten der Zeremonie. Dabei kam ihm eine spontane Erkenntnis. Was er tatsächlich erlebte, ist nicht ganz klar; in einer Version wird berichtet, beim Pflügen seien kleine Lebewesen ans Tageslicht gekommen. Entscheidend ist, dass er in eine Art spontanen Samadhi eintrat. Das geschah nicht bei einer regelrechten Meditation, Gautama saß einfach nur da und genoss den Anblick, wie ein Kind es eben tut.
Offenbar ist dem erwachsenen Gautama in seiner tiefsten Verzweiflung dieses Kindheitserlebnis ins Gedächtnis gekommen. Er hat sich daran erinnert, wie angenehm dieser Zustand war, aber nicht auf eine sinnliche, begehrende Art. Damals war er vollkommen ruhig, friedvoll und ganz eins. Diese Erinnerung traf ihn wie ein Donnerschlag, und er erkannte, dass sie möglicherweise den Weg wies, sein momentanes Dilemma zu überwinden.
Und so änderte Gautama seine Haltung grundlegend. Er hörte auf, sich durch reine Willenskraft Qualen zuzufügen, und erkannte dank jener spontanen Erfahrung als Kind, dass es einen viel natürlicheren Weg gab. Daher entschied er sich, etwas Nahrung in Form von Milch zu sich zu nehmen und sich durch ein Bad im nahe gelegenen Fluss zu erfrischen. Erst dann kommt die Schlussszene, die wir alle kennen: Er setzt sich unter den Bodhi-Baum, erwacht und wird zum Buddha.
Die Geschichte von Gautamas Leben ist voller übernatürlicher Begebenheiten, von seiner Geburt bis zu seinem Tod. Ist es da nicht verblüffend, dass gerade jenes Ereignis, das ihm schließlich den Weg wies, etwas so Banales wie eine Kindheitserinnerung war? Dennoch wurde diese Erinnerung an jene spontane Erfahrung, die er ohne eigene Mühen und Anstrengungen machte, zur treibenden Kraft seines großen Erwachens.
Damit will ich natürlich nicht sagen, die buddhistische Praxis sei eine Art Psychodrama, und wir sollten uns darauf verlegen, unsere Kindheitserfahrungen wachzurufen. Aber mir scheint, schon diese frühen Überlieferungen deuten darauf hin, dass das, wonach Gautama suchte, immer schon vorhanden war, »direkt unter seinen Füßen«. Gerade seine willentlichen Versuche, es zu erfassen, haben ihn von seinem höchsten Ziel ferngehalten.
Gut, ich modernisiere das Ganze ein wenig, wenn ich vorschlage, vor dem Zazen Musik zu hören. Aber darum geht es gar nicht. Gebt euch der kontinuierlichen Praxis einfach vollkommen hin. Dazu braucht ihr weder Musik noch irgendwelche Sutren, nur das: Geht diesen Weg bis zum Ende!
Ganz einfach ist das allerdings nicht. Doch statt frustriert aufzugeben, weil euch der Anfang zu schwer vorkommt, könnt ihr euch ein paar Lieder anhören, ein wenig Ball spielen oder etwas anderes tun, was das Eins-Sein wieder ans Licht bringt. Dann setzt euch auf euer Kissen. In gewisser Hinsicht hat Gautama das auch getan. Damals gab es zwar noch keine CDs, aber seine Geschichte weist auf dasselbe hin, nämlich auf das, was seinen gewaltsamen, willentlichen Anstrengungen fehlte. Ohne seine Übung zu schwächen oder zu verwässern, hat seine Kindheitserinnerung ihm ermöglicht, ganz ins Eins-Sein einzutreten.
Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: In allem gibt es kein Selbst! Wie schon erwähnt, besteht die Übung darin, dieser einfachen Tatsache auf den Grund zu gehen und von diesem Grund aus zu leben. Das ist der Anfang, die Mitte und das Ziel der buddhistischen Praxis.
In den buddhistischen Schriften ist manchmal die Rede davon, die Wurzel der Täuschung abzuschneiden oder die Illusion des Selbst mit der Wurzel auszureißen. Aber wie schneidet man die Wurzel von etwas ab, das gar nicht vorhanden ist? Wenn man wirklich das Selbst durchbricht, erkennt man, dass es eigentlich nie eine Wurzel gegeben hat, die man hätte abschneiden können. Solange das trügerische Selbst jedoch Bestand hat, ergeben sich tatsächlich die unterschiedlichsten Verwicklungen und Illusionen, die sich zu einer fest verschlungenen Wurzel verknotet zu haben scheinen. Jeder, der damit gekämpft hat, weiß, was für ein zähes, verworrenes und frustrierendes Gewebe das Selbst sein kann.
Wenn man über diese Fragen nachdenkt, entstehen manchmal absurde Missverständnisse, die die Verwirrung noch unnötig vergrößern. Nimmt man zum Beispiel den Begriff des »Nicht-Selbst« wörtlich, so kann man sich überhaupt keinen Reim mehr darauf machen, geschweige denn es verwirklichen.
Doch seit den Anfängen herrscht im Buddhismus Klarheit über diesen Punkt. Beispielsweise geht es im zwölften Kapitel des Dhammapada um das Selbst. Dort wird die Illusion über dessen Vorhandensein nicht verurteilt, stattdessen wird bekräftigt, welche relative und praktische Bedeutung ihm zukommt. Das Selbst, so heißt es, unterstütze und beschütze das Selbst. Wer sonst könnte das wohl tun? Wir werden daran erinnert, dass das Selbst Schlechtes tut, weshalb wir durch es beeinträchtigt werden, aber gleichermaßen bereinigt es Schlechtes, weshalb wir durch es geläutert werden.
Auch die buddhistischen Meditationsanweisungen sind eindeutig. Das elfte Kapitel von Buddhaghosas Hauptwerk Visuddhimagga (»Weg der Reinheit«) besagt ganz klar, wir sollten die Metta-Meditation, die Meditation der liebevollen Güte, nicht damit beginnen, Mitgefühl für unsere Feinde zu wecken, auch nicht für unsere Lehrer, sondern zunächst für uns selbst.
In gewissem Sinne besteht das einzige Problem darin, dass wir unser ganzes Leben in bedingt entstandenen Illusionen verbracht haben. Doch das sind tatsächlich nur Illusionen, substanzlos und ohne festen Halt. Verliert euch also nicht in Spekulationen, die euch auf Distanz halten und überlegen lassen, wie das Nicht-Selbst überhaupt möglich ist. Werft euch einfach in die Übung hinein und lebt sie. Wenn ihr außen stehen bleibt, werdet ihr euch nur endlos im Kreis drehen und fragen, wie man das Nicht-Selbst zustande bringen kann. Sieht man die Wahrheit aber von innen, enthüllt sie sich wieder und wieder. Wie könnte man sie nicht erkennen?
Im Grunde ist die Wahrheit nicht etwas, das wir erkennen. Im Zen wird dies auf vielfältige Weise wunderbar ausgedrückt, zum Beispiel zu Beginn des frühen chinesischen Klassikers Das Wesen der Geist-Übertragung von Huangbo (jap. Ōbaku Kiun, gest. 850), dem Lehrer von Linji Yixuan (jap. Rinzai Gigen, gest. 866/67). Wenn Huangbo vom »Einen Geist« spricht, stellt er fest, dieser fehle den gewöhnlichen Menschen genauso wenig, wie er in Buddhas vollständig vorhanden wäre.
Um zu verhindern, dass man sich am Begriff des »Einen Geistes« festklammert, hat man ihn später durch typische Zen-Ausdrücke wie »kein Geist« (jap. mushin) ersetzt. Wenn die Einheit des Geistes zu einem Objekt gemacht wird, muss diese Sicht durchbrochen, zerstört und überwunden werden. Denn »Ein-Geist« ist grundlegender als irgendein Objekt. Er ist nichts, was einem fehlen könnte oder was jemand, den man für erleuchtet hält, besitzen könnte. Wenn man sich selbst für unerleuchtet hält (was immer das heißen mag), so bedeutet das nicht, dass dieser Geist einem fehlen würde – wobei man natürlich nicht besser dran ist, wenn man sich für erleuchtet hält. Darum geht es schlichtweg nicht!
Wenn du ihn zu Etwas, zu einem Objekt machst, so mag er als solches erscheinen, doch das hat nichts zu tun mit »Ein-Geist«. Bevor ein Buddha ein Buddha oder ein ahnungsloser Kerl ein ahnungsloser Kerl ist, besitzt er bereits den »Einen Geist«. Deshalb können wir diesen Geist in einem sehr realen Sinne nicht erkennen. Wir müssen ihn auch nicht erkennen. Lasst die Täuschungen einfach los und seht: Ihr steht doch mittendrin! Beklagt euch daher nicht, euch würde etwas fehlen.
Gern möchte ich Huangbo ein wenig ausführlicher zitieren, so könnt ihr selbst sehen, dass wir alle – ihr, ich und Huangbo – tatsächlich dieser »Eine Geist« sind. Doch ich würde auch Huangbo nicht blind vertrauen; nutzt seine Worte stattdessen, um zu hinterfragen, wer ihr selbst seid.
