Der Weihnachtsfluch von Callum Hall - Nella Beinen - E-Book

Der Weihnachtsfluch von Callum Hall E-Book

Nella Beinen

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Beschreibung

Die Geschwister Julie und Sean ziehen mit ihren jeweiligen Partnern Timothy und Cathal in das alte angeblich verfluchte Herrenhaus, dessen Legenden ihnen in der Jugend, die ein oder andere Gänsehaut bereitet hat. Kurz darauf scheinen genau die wahr zu werden. Gibt es ruhelose Seelen in Callum Hall, wie Julie glaubt, oder treibt, wie Sean vermutet, ein Einbrecher sein Unwesen auf dem Gelände? Was ist dran an dem Fluch, der zwei der Vorbesitzer zu angeblichen Mördern machte und wird das Haus ein weiteres Opfer fordern? Die vier Bewohner müssen sich zusammenraufen, bevor die Vorfälle nicht nur ihre Beziehungen, sondern auch ihre Unversehrtheit bedrohen. Ein queerer cozy Gruselroman der auf der grünen Insel Irland spielt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buchbeschreibung:
Über die Autorinnen:
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Weiterer Lesestoff

Der Weihnachtsfluch von Callum Hall

Von Catherine R. Striker & Nella Beinen

Buchbeschreibung:

Die Geschwister Julie und Sean ziehen mit ihren Partnern in das verschriene alte Herrenhaus, dessen Legenden ihnen in der Jugend, die ein oder andere Gänsehaut bereitet hat. Kurz darauf scheinen genau die wahr zu werden.

Gibt es ruhelose Seelen in Callum Hall, wie Julie glaubt, oder treibt, wie Sean vermutet, ein Einbrecher sein Unwesen auf dem Gelände? Was ist dran an dem Fluch, der zwei der Vorbesitzer zu angeblichen Mördern machte und wird das Haus ein weiteres Opfer fordern?

Die vier Bewohner müssen sich zusammenraufen, bevor die Vorfälle nicht nur ihre Beziehungen, sondern auch ihre Unversehrtheit bedrohen.

Über die Autorinnen:

Katharina Stürmer wurde 1992 in einer Kleinstadt in Mittelfranken geboren und lebt seit 2015 in einer noch kleineren Stadt, in der sie als Physiotherapeutin arbeitet.

Die verlorene Erinnerung ist ihr Debütroman, den sie unter dem Pseudonym Catherine R. Striker im Eigenverlag veröffentlicht.

Weitere Informationen zur Autorin finden Sie auch auf ihrer Website www.catherineschreibt.de

Nella Beinen stammt aus Norddeutschland. Über Essen, Spiekeroog und Bonn ist sie am Niederrhein gelandet.

Dort hat sie begonnen ihren Geschichten Leben einzuhauchen.

Ihre Protagonisten stoßen an ihre Grenzen, lernen Vertrauen zu fassen, streiten und versöhnen sich wieder.

Impressum

Von Catherine R. Striker & Nella Beinen

Baegertstr. 11

47533 Kleve

[email protected]

www.nellabeinen.de / www.catherineschreibt.de

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß §44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

1. Auflage, 2024

© Oktober Catherine R. Striker & Nella Beinen – alle Rechte vorbehalten.

Lektorat & Korrektorat: Daniela Seiler www.textkabinettchen.de Cover: A+K Buchcover www.akbuchcover.de Illustrationen: Adobe Stock: Ilya, 3295730, Trendy CraftSVG, KsanaGraphica, sumonbrandbd, [email protected]

[email protected],

[email protected]

Kapitel 1

Sean

»Uff, noch eine Etage nach oben schleppen.« Sean stöhnte. Er sah die große Treppe am Ende der Eingangshalle hinauf. »Können wir die Kommode kurz abstellen?« Sein Freund Cathal lachte und sie stellten das Möbelstück ab.

Die Treppe war ihm bisher nie so gewaltig vorge-kommen, wie am heutigen Tag. Wie waren sie nur auf die Idee gekommen, Callum Hall, diesen alten englischen Landsitz zu kaufen?

Dabei war es ursprünglich der Einfall seiner Schwester gewesen, damit sie als Innenarchitektin ihre Büroräume und einen Showroom unter einem Dach unterbringen konnte. Aber sie hatte ihn solange bearbeitet, bis er und Cathal zugestimmt hatten, mit ihr und ihrem Mann Timothy, der praktischerweise Seans bester Freund war, das Haus zu kaufen.

Die Unterschrift auf dem Kaufvertrag war nicht getrocknet, da hatte Sean Julies erste Ideen für seine und Cathals Privaträume unterbunden. Cathal und er wollten sich selbst darum kümmern, die Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss hatten sie Julie überlassen.

Sean bewunderte die tolle Eingangshalle. Julie hatte die alten hellen Bodenfliesen mit dem abwechselnden Dekor aus dunklen Quadraten und beigen Sternen erhalten. Die Wände hatten sie passend in einem matten beige gestrichen. Die schlichten hellen Holztüren fügten sich in das Ensemble ein und verliehen dem ganzen einen modernen Touch.

»Was ist, bist du so weit? Von alleine trägt sich die Kommode nicht hoch und da wartet noch einiges auf uns.« Cathal stützte sich auf dem Möbelstück ab, sodass sein dunkler Vollbart beinahe das Holz berührte.

Sean streckte den Rücken durch. Seine Muskeln schmerzten mittlerweile überall vom vielen Möbel schleppen. Sie hatten am frühen Morgen begonnen und bis auf eine kurze Lunchunterbrechung gearbeitet. Nun, zu Beginn des Nachmittags lichtete sich das Innere des Transporters langsam.

»Sean, wir wollen heute fertig werden, nicht in drei Tagen.« Cathal schmunzelte.

»Hör schon auf zu hetzen.« Sean packte die Kommode an, hielt allerdings inne. Aus der ersten Etage hörten sie Julie mit ihrem Mann Timothy streiten.

»Ich hoffe, wir ziehen nicht direkt wieder aus.« Sean fuhr sich durch seine Haare. Die Locken wollten sich heute nicht bändigen lassen. Bei regnerischem Wetter, das in dieser Gegend Irlands oft herrschte, waren sie besonders widerspenstig. Seine Schüler lachten oft über seine wüsten Frisuren.

»Sean? Bist du da?« Seine Mutter erschien in der Tür zur Küche. Sie hatte ihre langen weißen Haare, in denen einige dunkle Strähnen zum Vorschein kamen, zu einem Zopf zusammengebunden.

»Ja, Mam, bin ich.«

»Komm mal bitte. Ich glaube, an meinem Stew fehlt etwas. Probier mal. Du auch, Cathal.«

»Natürlich, Fiona.«

Mit einem breiten Grinsen folgten sie Seans Mutter in die geräumige Küche, die sich an der linken Seite der Halle befand.

»Dad, du hier?« Sean sah überrascht zu seinem Vater, der in dem Stew rührte und sich am Hinterkopf kratzte. Seine Haare waren voll, hatten aber ihre kräftige rote Farbe im Laufe der letzten Jahre verloren.

Sean und Cathal wichen zwei Kisten aus, die sich in der Küche mit anderen stapelten. Geschirr, Töpfe und alles Mögliche an Küchenzubehör wollte noch ausgepackt werden. Zerknülltes Zeitungspapier lag auf dem Esstisch, der mitten im Raum stand. Angeblich sollte in ihrer heutigen Küche früher der Frühstücksraum des verstorbenen Landlords gewesen sein. Davon war nichts mehr zu sehen. Den vorderen Teil hatten sie in eine kleine Kammer umgebaut, daneben befand sich der Zugang zum Garten. Dort hatten sich früher wohl das Büro des Butlers und die Wirtschaftsräume befunden.

»Wo soll ich denn sonst sein?«

»Dachte oben bei Julie zum Helfen.« Es war ungewöhnlich, dass sich Seans Eltern in einem Raum aufhielten und es nicht laut wurde. Sie waren getrennt und wie Hund und Katze. Meistens trafen sie nur aufeinander, wenn es nicht anders ging. So wie heute.

»Jetzt komm mal probieren.« Sein Vater hielt ihm einen Löffel hin und Sean tat wie ihm geheißen.

»Schmeckt gut. Vielleicht etwas Salz.« Sean griff nach dem Salzfass, das bereits seinen Platz im offenen blauen Hängeschrank gefunden hatte und würzte nach.

»Cathal, du bist dran.« Sean hielt ihm den Löffel hin.

»Hm, sehr lecker. Wirklich.« Cathal lehnte sich gegen einen Stuhl gegenüber der Küchenzeile. Diese war an einer langen Wand gebaut mit Ausblick in den weitläufigen Garten. Die Tür dorthin war geöffnet und ein Luftzug fegte einige Zeitungen vom Esstisch. Fiona schloss sie und gleich danach die Tür zum Badezimmer.

Sean runzelte die Stirn. Sie wollten diese abgeschlossen halten. Er hatte bis heute nicht verstanden, weshalb das Badezimmer von Halle auf Küche aus zu betreten sein sollte. Julie hatte ein Gäste WC für ihre Kunden haben wollen, was, wie Sean zugeben musste, nicht ganz unüberlegt war, doch da hätte auch ein Zugang vom Flur aus gereicht.

»Wenn ihr uns nicht mehr benötigt, wir haben noch einige Möbel zu schleppen.« Cathal umfasste Sean am Oberarm und zog ihn mit sich. Dabei stolperte er über einen Karton, der ins Wohnzimmer gehörte.

»Ich soll wirklich die Küche einräumen?« Fiona stellte sich neben Seans Vater, der nun seinerseits das Stew ausgiebig probierte.

»Ja, Mam. Bitte. Wir haben genug anderes zu tun.« Sean hob den Karton auf und stellte ihn auf den anderen Kisten für das Zimmer im Durchgang zwischen Küche und Wohnzimmer ab.

Dann folgte Sean Cathal zurück zur Kommode, doch gerade als sie sie anheben wollten, stürmte Mara, eine von Seans Schülerinnen aus der Primary School ins Haus.

»Cathal, du musst schnell kommen. Pitty bekommt ihr Fohlen«, rief sie und japste nach Luft. Sie hielt sich die Seiten und beugte sich leicht nach vorne.

»Dr. Flannery hat heute Dienst. Kannst du ihn bitte holen?«, fragte Sean die Achtjährige. Aber die schüttelte energisch den Kopf.

»Der ist nicht da. Da war ich schon.« Tränen traten ihr in die Augen. »Bitte Cathal. Sie liegt seit letzter Nacht da und Papa sagt, da stimmt was nicht.«

»Tut mir leid, Sean, aber da kann ich nicht Nein sagen.« Er zuckte mit den Schultern, trat zu Sean und küsste ihn. »Ich habe zwar gesagt, in den Halloweenferien während unseres Umzugs nicht zu arbeiten, doch was soll ich machen?« Der verdrehte die Augen, verstand allerdings Cathals Handeln.

»Komm bald, wieder ja?«

»Ich geb mein bestes.« Cathal zwinkerte ihm zu und wandte sich an Mara. »Bist du zu Fuß?«

Das Mädchen strahlte und nickte.

»Dann fährst du jetzt bei mir mit.« Cathal legte ihr die Hand in den Rücken, bevor sie gemeinsam das Haus verließen und in den Nieselregen hinaus traten.

»Dad? Ich brauche Hilfe«, rief Sean und stützte sich auf der Kommode auf. Von oben drang weiterhin der Streit zwischen Julie und Timothy zu ihm. Hörten die beiden auch mal auf? Konnte ein Tag noch schlimmer werden? Garantiert würde er Cathal jetzt nicht so schnell wiedersehen und er stand mit ihren Möbeln und Kartons alleine da. Genervt seufzte er.

»Bin schon da. Wo ist Cathal?« Sein Vater sah sich um und hob die Augenbrauen.

»Ein medizinischer Notfall.«

»Das tut mir leid.« Oisin ging in die Knie und hob ächzend mit an. »Ihr hättet sie auseinanderbauen sollen. Das ist massives Holz.«

»Ich weiß, Dad. Nun ist es zu spät.« Den genervten Unterton konnte Sean nicht unterdrücken.

Nachdem sie das Möbelstück in ihren Teil des Hauses gebracht hatten, half Oisin ihm dabei, den Transporter weiter auszuräumen. Auf Julies und Tims Seite des Wohnbereiches traute er sich nicht, denn die beiden stritten noch immer.

Als sie die Möbelstücke endlich alle oben hatten, lehnte Sean sich im Flur an das Geländer. Es umgab das Treppenhaus in der ersten Etage, ging über in eine Galerie, die zu den einzelnen Zimmern führte und eröffnete den Blick nach unten in die Eingangshalle. Nach fast einem Jahr Renovierung zogen sie ein, für Sean noch immer nicht greifbar.

Er fuhr sich über die Stirn. Trotz Oktoberkälte war er schweißgebadet. Lächelnd ließ er nach den Stunden der Anstrengung den Blick schweifen. Ihm gefiel die Aufteilung ihrer Privaträume.

In der ersten Etage hatten die beiden Paare jeweils einen eigenen Wohnbereich mit Bad, Schlaf- und einem kleinen Wohnzimmer. Sean und Cathal im Westflügel, Julie und Timothy im Ostflügel. Dazu kamen noch drei zusätzliche Räume, die bisher ungenutzt waren und das vorerst bleiben würden.

Sein Blick fiel auf den riesigen Kratzbaum, der links neben der Treppe für Julies Katze Miss Woodhouse aufgebaut worden war und der bis zum Beginn des Geländers hochreichte. Timothy hatte ihn mühsm mit Seans Hilfe an der Wand montiert.

Lange und vehement hatte Sean als einziger dagegen argumentiert, jedoch auf ganzer Linie in einer demokratischen Abstimmung verloren.

Er verzog sein Gesicht. In seinen Augen verschandelte das riesige Ding nur die schöne Eingangshalle, aber die anderen drei waren der Meinung, die Katze bräuchte ihn und er kam nicht gegen sie an. Erst recht nicht, wenn ein Tierarzt dafür plädierte.

»Ihr wollt hier wirklich wohnen?«, fragte sein Vater, als er aus Cathals und Seans Schlafzimmer kam und sich neben Sean stellte.

»Die Frage kommt nun zu spät, oder?« Sean konnte es nicht mehr hören. Erst ihre Mutter, die vor dem Kauf lange und ausgiebig mit ihnen über die Entscheidung diskutiert hatte, danach zählte ihr Vater ihnen auf, was hier alles angeblich geschehen war.

Als ob Sean es nicht wüsste, er war hier aufgewachsen. Zudem war seine Mutter Stadtführerin und kannte jedes noch so kleine Detail der Geschichte von Callum Hall.

»Du kennst doch die ganzen Legenden, die sich um dieses Haus ranken.«

Sean schnaubte. »Dad, hier sind vor ewigen Jahren mal Leute gestorben, das passiert in allen Häusern.«

»Aber ihre Seelen spuken hier noch. Das weißt du doch. Heiligabend traut sich keiner her und alles hat seinen Anfang heute vor vielen Jahren an Samhain genommen.«

»Ich möchte nicht weiter drüber reden, in Ordnung? Wahrscheinlich wird Mam das später eh machen.« Sean wandte sich ab.

»O nein, das Bett kommt nicht dorthin.« Julies Stimme klang dumpf zu ihnen.

»Lass uns nach unten gehen und die Kartons holen.« Sean hatte es eilig, fort von seiner geladenen Schwester zu kommen, als ihm Timothy mit einem genervten Gesichtsausdruck aus ihrem Flügel entgegenkam.

»Warum nochmal wollten wir umziehen?«, fragte er und raufte sich die dunklen Haare. Er wirkte genervt von Julie. Dankenswerterweise hielt Oisin sich zurück und folgte ihnen nur. Sean lachte leise. »Wo ist dein Freund?« Timothy sah sich um. »Baut er schon fleißig euer Bett zusammen? Du schläfst doch so gerne.«

»Der hilft einem hilflosen Fohlen auf die Welt. Dagegen kann ich nicht anstinken.«

Timothy klopfte ihm auf die Schulter. »Nein, die sind definitiv süßer als du. Tut mir leid.«

Draußen vor der Tür trennten sie sich. Timothy verschwand in dem Transporter mit seinen und Julies Sachen, während Sean und Oisin den gegenüber ansteuerten.

Mit hochgezogenen Augenbrauen und sinkenden Mundwinkel blieb Sean vor den offenen Türen stehen und sah hinein. Die Möbelstücke waren alle raus, die Kartons nahmen jedoch einen nicht geringen Teil des Platzes ein.

»Wir haben schon so viel aussortiert. Ich werde bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag schleppen«, murmelte er.

»Kopf hoch, wir sind zu zweit.« Sein Vater stieg in den Transporter und reichte Sean einen Karton, Oisin selbst kam mit einem Weiteren hinunter. Irgendwann stieß Julie zu ihnen. Gemeinsam leerten sie den Wagen und als Fiona alle zum Abendessen rief, waren sie bereits beim Zusammenbauen der Möbel angelangt.

Kapitel 2

Schritte hallten durch das sonst so stille Haus. Stimmen riefen durcheinander und der Duft von Stew wehte durch die Räume.

Ausgerechnet heute, an Samhain, dem Tag, an dem der Fluch stets einen neuen Anfang nahm. Während diese Leute über die Position von Möbeln stritten, spürte er, wie es sich tief in Callum Hall zu regen begann. Wie die dunkle Energie im Haus stärker wurde, um ihn aufs Neue für die nächsten Wochen zu begleiten.

Er blickte über die Galerie, an deren Geländer sich diese Leute unterhielten.

»Du kennst doch die ganzen Legenden, die sich um dieses Haus ranken«, meinte der eine gerade.

Der andere reagierte genervt. »Dad, hier sind vor ewigen Jahren mal Leute gestorben, das passiert in allen Häusern.«

Schauer überliefen ihn. Ein dumpfes Grollen wanderte durch die Gemäuer, doch die beiden Männer schienen es nicht zu bemerken. Er wimmerte. Aus dem Augenwinkel sah er den Lord an einem Fenster stehen. Wie immer reagierte der nicht auf ihn. Vermutlich hatte er vor all der Zeit auch dort gestanden, nichtsahnend was in dieser Nacht über ihn kommen würde. Genauso wie es ihm ergangen war, als er das erste Mal die Mauern dieses unglückseligen Hauses betreten hatte. Er wollte den Lord nicht ansehen, konnte seinen Blick nicht von den Männern am Gelände lösen.

»Aber die Geister spuken hier noch. Das weißt du doch. Heiligabend traut sich keiner her und alles hat seinen Anfang heute vor vielen Jahren an Samhain genommen.« Der ältere Mann wirkte besorgt.

»Ich möchte nicht weiter drüber reden, in Ordnung? Wahrscheinlich wird Mam das später eh machen.«

Er wandte sich ab. Wollte davon huschen, doch er stand wie festgefroren. Blickte wieder zu den Männern hinüber. Seine Hände zitterten, wenn er daran dachte, was in wenigen Stunden seinen Anfang nehmen würde. Wussten sie es denn nicht? Warum hörten die jungen Leute nicht zu, wenn ihnen weisere Menschen Lebensratschläge gaben?

In seinem Magen entfaltete sich die Angst vor dem Kommenden, wanderte in jede seiner Gliedmaßen. Nun sah er doch zu der Gestalt des Lords hinüber, schauderte ob des verzerrten Gesichts, in dem nichts Symmetrisches zu finden war und das aus purem Schmerz zu bestehen schien. Andere Worte hatte er nie dafür gefunden.

»Diese Menschen, sie sind so jung und unbedarft«, murmelte er dem Schatten zu. »Sie lernen nicht aus der Geschichte, sondern stellen sich ihr trotzig entgegen. Wissen sie denn nicht, dass das nichts bringt?« Seine Augen huschten umher, fanden die Männer, die vom Geländer fortgingen. »Im Gegenteil: Am Ende wird es sie alle ins Verderben stürzen. Heute Abend beginnt der Fluch von neuem und wird wie immer alles mit sich reißen.« Er krümmte sich, als ob der Schmerz ihn bereits im Griff hatte.

Kapitel 3

Sean

»Wo bleibt ihr denn?« Fionas Stimme drang in Seans Schlafzimmer, in dem er das Bett mit seinem Vater zusammenbaute.

»Laut konnte deine Mutter schon immer sein«, murrte Oisin, verdrehte die Augen und zog die Schraube des Mittelbalkens an. Dort würden sie gleich den Lattenrost festschrauben.

»Das Stew wird kalt, wenn ihr nicht endlich kommt.« Fiona erschien in der Tür und schnaufte.

»Sofort, Mam. Ich will nur eben das Bett fertig bekommen.« Sean legte mit seinem Vater einen der beiden Lattenroste auf das Bettgestell, griff nach dem Akkubohrer und begann die Schrauben festzuziehen.

»Aber danach kommt ihr sofort runter«, ermahnte sie die beiden. »Oisin, komm bloß nicht auf den Gedanken, noch schnell dieses oder jenes zu machen.«

»Jawohl, Frau General«, entgegnete Oisin gereizt und Sean enthielt sich jedweden Kommentars. Das waren seine Eltern, wie er sie kannte. Er unterdrückte einen Seufzer. In ihm hatte sich für einen halben Nachmittag die Hoffnung aufgebaut, seine Eltern könnten nach ihrer Trennung endlich normal miteinander umgehen, das war wohl hoffnungslos. Was wären das für schöne Familienessen geworden, ohne die angespannte Stimmung, in der Sean, Julie, Timothy und Cathal genau darauf achteten, nichts Falsches zu sagen und somit einen Grund für die nächste Auseinandersetzung zu liefern.

Fiona drehte sich um und ging. Sean richtete sich auf und streckte seinen Rücken durch, wie er es schon den ganzen Tag machte, und blickte sich um. Cathal und er hatten das letzte große Zimmer im Flur als ihr Schlafzimmer auserkoren, daneben gab es mit direktem Zugang ein Badezimmer, von dem man auf der anderen Seite in ihr zukünftiges Wohnzimmer gelangte. Ob es auffiel, wenn Sean sich auf die Couch im Wohnzimmer legte?

Er seufzte leise, als er die vielen Kisten mit Klamotten an der Wand gestapelt sah. Sie mussten alle in den Schlauchraum, wie Sean das schmale Zimmer neben dem Badezimmer nannte und das ihr begehbarer Kleiderschrank werden würde. Angeblich war dieser Raum auch das ehemalige Ankleidezimmer des vornehmen blaublütigen Vorbesitzers gewesen.

Bis es zu ihrem Schlafzimmer wurde, würde es noch dauern. Bisher hatten sie nur das Bett zusammengebaut. Es blieb so viel zu tun, bis aus dem Chaos, das in ihren Räumen herrschte, Ordnung geschaffen war.

Er hoffte, seine Mutter kam nicht auf die Idee, ihm beim Ausräumen der Kartons helfen zu wollen. Wenn er nur daran dachte, was sie zwischen der Kleidung versteckt hatten, wurde ihm heiß und er wandte sich schnell dem zweiten Lattenrost zu, welches an der Kommode gegenüber dem Bett lehnte. Dabei schweifte sein Blick durchs Fenster.

Draußen wurde es dunkel und der Wind nahm zu, rüttelte an den Bäumen, die in dem weitläufigen Garten standen. Sein Spiegelbild verwischte im Glas durch die Bewegungen der Äste. Es wirkte fast, als ob sie ihn im Fenster erfassen und mit sich reißen würden. Sean schüttelte sich. Was für einen Müll dachte er da? Es gab keine Gespenster und Geister und all den anderen Kram, den seine Mutter in ihren Stadtführungen immer anbrachte.

Sean riss sich von dem Anblick los und trat zu seinem Vater, der den Akku in das Aufladegerät steckte und den neuen an den Schrauber anbrachte. »Lass uns den zweiten Lattenrost anbringen und runtergehen.«

Als die Männer in der Küche Platz nahmen, saßen Julie, Timothy und Fiona bereits am Tisch und unterhielten sich. Seine Mutter hatte am Nachmittag einiges in der Küche geschafft. Es standen nur noch drei Kartons herum und auf den Schubladen und Türen klebten Post-its mit den Infos, was sich darin verbarg.

Sean lächelte und Wärme überkam ihn, gleichzeitig allerdings auch Wehmut. Es befanden sich im ganzen Haus noch so viele unausgepackte Kisten, doch er war seiner Mutter für die Hilfe dankbar. Sie konnte nerven und er biss sich auf die Unterlippe, als er daran dachte, wie oft sie mit Julie und ihm heftig über den Kauf des Hauses diskutiert hatte. Wie sein Vater beharrte Fiona auf den Fluch, der angeblich auf Callum Hall lag und jeder, der darin lebte, wurde unglücklich und verstarb auf die unterschiedlichsten Arten.

»Weißt du schon, wann Cathal zurückkommt?«, fragte Fiona und schöpfte Stew in die Teller, die sie verteilte. Sean und Oisin setzten sich zu den Frauen an den Tisch.

»Nope, er hat sich nicht gemeldet. Ich werde einen Teufel tun und versuchen, ihn anzurufen. Wenn er einen Kaiserschnitt machen muss, ist er voller Blut oder so.« Sean nahm seinen gefüllten Teller entgegen.

»Das arme Pony. Hoffentlich geht alles gut.« Fiona verzog das Gesicht.

»Cathal ist ein guter Tierarzt. Miss Woodhouse lässt sich gerne von ihm behandeln und das ist nicht selbstverständlich.« Julie führte einen Löffel zum Mund.

Timothy grummelte etwas Unverständliches, doch Julie schien es verstanden zu haben, denn sie warf ihm einen bösen Blick zu.

»Missy ist keine merkwürdige Katze«, fuhr sie ihn an und hob Timothy den Löffel zum Gefecht entgegen.

»Ach nein? Jeder darf sie streicheln, nur ich nicht.«

»Ihr hattet einen schlechten Start, du musst ihr nur Zeit geben.«

»Das mache ich seit vier Jahren und laut deiner Katze sind wir ihre Untergebenen.«

»Überhaupt nic…«

Timothy unterbrach Julies Protest, in dem er ihre Hand mit dem Löffel ergriff, sie zu sich zog und ihr einen Kuss gab. Lächelnd löste er sich von ihr.

»Vielleicht mag sie dich wirklich nicht«, gab Julie zu und ihre Mundwinkel zogen sich minimal nach oben.

Sean verdrehte die Augen, als er den kleinen Disput zwischen seiner Schwester und seinem besten Freund beobachtete.

»Wie lange dauert es denn in der Regel, wenn Cathal zu einer Geburt gerufen wird?«, fragte Oisin und lenkte das Gespräch auf das eigentliche Thema zurück.

Sean zuckte mit den Schultern. »Unterschiedlich. Ist wie bei den Menschen. Manchmal geht es schnell, manchmal dauert es Stunden.«

Sean dachte an seinen Freund und wie er ihn am Morgen freudestrahlend aus dem Bett geworfen hatte. »Heute ist der erste Tag in unserem neuen Heim«, hatte er gerufen und dem Morgenmuffel Sean die Bettdecke weggerissen.

»Der arme Cathal. Er hat sich so auf den Umzug gefreut und muss jetzt ein Fohlen zur Welt bringen, anstatt Möbel aufzubauen«, bemerkte Sean traurig.

»Keine Sorge, ich werde genug aufbauen.«

Sean drehte sich um und grinste. Cathal stand in der Tür. Er hatte einige Blutflecke auf seiner Kleidung und überall hing helles Fell. Normalerweise trug er immer einen grünen Ganzteiler, aber manchmal reichte der nicht aus als Schutz. Der Geruch nach Stall, Pferdedung und, wie Sean mittlerweile wusste, Geburtswasser drang zu ihnen an den Tisch.

»Du stinkst, Doc«, begrüßte Sean ihn.

»Der Geruch nach einer schweren, aber glücklichen Geburt. Mutter und Stutfohlen geht es gut und das Kleine steht passabel auf wackligen Beinen.« Cathal strahlte, wie jedes Mal, wenn er einem Tierkind auf die Welt geholfen hatte. »Ich gehe mich mal duschen. Lasst mir etwas vom Essen übrig.«

»Natürlich.« Fiona lächelte ihn an.

»Ich gehe mit hoch und esse nachher mit dir zusammen.« Sean stand auf und folgte Cathal, der in die Halle getreten war.

»Aber dein Essen wird kalt«, rief Fiona ihm nach.

»Wir haben eine Mikrowelle, Mam.« Sean folgte Cathal die Treppe nach oben in die erste Etage, bog links ab zu ihren Zimmern.

»Unser Bett steht ja schon«, rief Cathal freudig aus und blieb abrupt stehen. Sean wäre fast gegen ihn geprallt, konnte sich allerdings rechtzeitig stoppen.

»Ich dachte, es wäre schön, wenn wir heute nicht auf den Matratzen auf dem Boden schlafen müssen. Die letzte Nacht hat mir gereicht.«

»Du kleine Mimose.« Cathal lachte und drehte sich um. Er wollte Sean küssen, doch der wich zurück.

»Du kennst die Nicht-Küssen-Regel, wenn du von einem Einsatz zurückkommst und stinkst.«

Cathal verdrehte die Augen und ging ins Badezimmer. Sean kam ihm hinterher, setzte sich auf den zugeklappten Toilettendeckel, stellte einen Fuß darauf und umschlang sein Bein mit den Armen.

»Du bist manchmal anstrengend«, bemerkte Cathal, aber Sean hörte den sanften Ton aus den Worten heraus.

»Das ist einer der vielen Gründe, weshalb du mich liebst.« Sean grinste und bewunderte seinen Freund, der bei allem, was er tat, so unglaublich geschmeidig wirkte. Sogar, wenn er seine stinkenden Klamotten auszog.

»Willst du mit unter die Dusche?«, fragte Cathal, als er die Glaskabine betrat und das Wasser anstellte.

Ein verlockendes Angebot für Sean, dem es schwerfiel, ungerührt dazusitzen, während sein Freund nackt in greifbarer Nähe war. Sie hatten in den letzten Wochen viel zu wenig Zeit füreinander gehabt. Das Haus und ihre jeweilige Arbeit nahmen sie vollkommen in Anspruch.

Sean legte den Kopf schief und beobachtete lächelnd, wie Cathal sich die Haare mit Shampoo einrieb. Ein minziger Geruch breitete sich aus.

»Nope, ich dusche später. Jetzt genieße ich nur den Anblick. Schätze außerdem, es lohnt sich nicht, da wir nach dem Essen weitermachen.«

Cathal beeilte sich, fertig zu werden und gemeinsam gingen sie zurück in die Küche, in der die anderen noch immer saßen und sich unterhielten.

Fiona sah ihnen entgegen, schöpfte Stew für Cathal in einen Teller und stellte den für Sean in die Mikrowelle.

»Schade, dass deine Eltern nicht kommen können«, sagte Fiona zu Cathal, als sie sich wieder setzte.

»Sie könnten schon, nicht wollen ist da eher der richtige Ausdruck«, erwiderte Cathal und nahm mit einem Lächeln seinen Worten die Schärfe. Er hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern, doch seit sie nach ihrer beider Ruhestand nach Spanien gezogen waren, gab es regelmäßig Krach zwischen ihnen. Sie und Cathal setzten unterschiedliche Prioritäten, was die Wichtigkeit von Ereignissen anbelangte, zu denen sie nach Irland kamen.

Sean legte eine Hand auf seine neben dem Teller liegende und drückte sie.

»Egal.« Cathal rührte in seinem Stew. »Was haben wir heute noch alles geplant? Jeder erst mal in seinem Wohnbereich und hier unten gehen wir es später an?«

»Das dachte ich auch. Mam könnte hier in der Küche weiter ausräumen und ab morgen würde ich vorschlagen, teilen wir die Tage auf. Vormittags räumen wir in den Gemeinschaftsräumen und nachmittags wieder in den privaten«, schlug Julie vor.

Kapitel 4

Julie

»Was für ein Tag!« Julie warf sich seufzend in die Kissen des senffarbenen Sofas. Die Gestaltung des gemeinsamen Wohnzimmers, das an die Küche grenzte, hatten sie und Cathal in die Hand genommen und Julie hatte die Idee gehabt, sie könnten unterschiedliche Arten und Farben von Polstermöbeln nutzen. So standen sich nun das samtene, »gelbe Sofa«, wie Timothy es nannte, und eines in Petrol gegenüber, die von Sesseln in Grau und mit Gold besticktem Violett ergänzt wurden. Das Auge wurde lediglich von den herumstehenden Kartons gestört, die nur teilweise, oder gar nicht ausgepackt waren.

Die Umzugshelfer waren fort und zum ersten Mal an diesem Tag herrschte Ruhe im Haus. Cathal erhob sich vom Kamin, in dem er ein Feuer entfacht hatte. Nun setzte er sich ächzend neben Sean.

Timothy gesellte sich zu ihnen und schenkte allen Rotwein ein. »Frisch aus unserem neuen Weinkeller«, bemerkte er und grinste. Sie hatten überhaupt keinen Keller, stattdessen spielte er damit auf ein Regalfach in ihrer Vorratskammer an.

»Oh, unser Weinkeller.« Julie kicherte. »Unser Vestibül, unser Salon, unser Musikzimmer, unsere Bibliothek …«, zählte sie mit näselnder Stimme auf. Nach den Streitigkeiten am Nachmittag mit ihrem Mann hatten sich die Wogen vollständig geglättet. Julie war für ihre impulsive Art berüchtigt, sie war jedoch auch ebenso schnell wieder zahm wie ein Kätzchen.

»Unglaublich, dieses Haus gehört nun uns.« Sean erhob sein Glas. »Auf Callum Hall und seine neuen, jungen und gutaussehenden Besitzer.«

Leises Klirren erklang, als sie miteinander anstießen.

»Wir haben heute Halloween«, bemerkte Julie, als sie alle getrunken hatten.

»Samhain, wenn ich bitten darf, Halloween hat sich aus dem von Christen erfundenen All Hallows Eve ergeben, um den Heiden ihre Feiertage nicht zu nehmen«, korrigierte Sean sie in belehrendem Ton.

»Verzeihen Sie, Herr Lehrer.« Julie lehnte ihren Kopf gegen Timothys Schulter. Ihre roten Haare waren ein starker Kontrast auf seinem blauen Shirt. »Aber ob Samhain oder Halloween, es ist auf jeden Fall die richtige Zeit für Gruselgeschichten.«

Ihr Mann stöhnte gequält auf und kratzte sich am Drei-Tage-Bart. »Du und deine Vorliebe für Morbides. Wir können stattdessen nette Anekdoten aus unserer Jugend ausgraben. Sean, erzähl nochmal die Geschichte von Julies erstem Rausch.«

»Das kannst du dir jeden Tag im Jahr anhören, Tim.« Sie stupste ihren Mann gegen die Schulter. »Wir haben jetzt genügend Zeit alle miteinander, aber heute ist die Nacht der Nächte und wo wäre ein besserer Ort für Horror als hier?« Ein wohliger Schauer durchlief sie. Sie liebte Gruselgeschichten.

Cathal legte den Arm um Sean. »Wirst du uns etwa zum hundertsten Mal in die unheimliche Geschichte von Callum Hall einweihen?«

Julie grinste breit. »Das ist der perfekte Abend, um sie zu erzählen.«

Alle drei Männer stöhnten genervt auf. Sie konnten es nicht mehr hören. Bereits als Kinder mussten sie sich die Legende des Fluchs von Callum Hall anhören. Jedes Mal, wenn sie an einer bestimmten Stelle im Haus renovierten, an der einer der Morde geschehen sein sollte, zitierte Julie aus den Geschichten.

»Nein, nicht, verschone uns, Julie«, wandte Sean ein, und verzog das Gesicht. »Ich bin Dad heute schon über den Mund gefahren. Wir sollten die Vergangenheit lieber ruhen lassen und unsere eigene Geschichte in diesem Haus schreiben.«

»Ach kommt schon«, flehte Julie, »nur noch heute, dann lassen wir das Thema bleiben, ja?«

Cathal zuckte mit den Schultern. »Also ich habe nichts dagegen. Keiner von uns glaubt ernsthaft an Geister oder irgendwelche Flüche. Es ist nur eine Legende, die die Älteren den Jüngeren erzählen, um ihnen Angst zu machen, oder?«

Timothy grummelte, tauschte einen genervten Blick mit Sean, seufzte aber schließlich ergeben. Julie durchfuhr ein Stich der Eifersucht, als sie ihren Bruder und ihren Mann dabei beobachtete, den sie aber entschieden beiseiteschob. Timothy und Sean waren nun mal seit ihrer Kindheit befreundet und kannten sich in- und auswendig.

»Wenn du unbedingt willst, meinetwegen, aber sollte ich deswegen die halbe Nacht nicht schlafen können, bist du schuld.« Timothy knuffte Julie gegen die Schulter. Auf ihrem Gesicht breitete sich ein zufriedenes Lächeln aus.

»Sean?« Sie warf ihm einen bittenden Blick zu.

»Nur heute Abend, ab dann wird das Thema hier nie wieder zur Sprache kommen!«

»Versprochen«, versicherte seine Schwester fröhlich, stellte ihr halb leeres Glas auf den schweren Couchtisch zwischen ihnen und rieb sich die Hände.

»Die Geschichte von Callum Hall beginnt etwa im Jahre 1816«, begann sie mit gesenkter Stimme. Ihr Blick schweifte über die Gesichter der Männer. »Der Erbauer des Hauses war ein Engländer namens Reginald Chimney, der mit seiner Familie nach Irland kam. Sie bezogen Callum Hall, als der Westflügel fertig gestellt war, doch seine Frau verstarb vor der endgültigen Fertigstellung an Schwindsucht.«

»Es gibt kein altes Herrenhaus ohne eine an Schwindsucht verstorbene Frau.« Cathal grinste und trank.

»Das gehört fast schon zum guten Ton«, bestätigte Timothy ernst nickend, bevor seine Mundwinkel sich zu einem Schmunzeln verzogen.

»Was ist Schwindsucht überhaupt?« Sean warf einen fragenden Blick auf seinen Freund.

Julie schnipste mehrfach mit den Fingern in der Luft. »Hey, Männer, hier spielt die Musik. Ich versuche, hier Stimmung aufzubauen.«

»Schwindsucht ist Tuberkulose«, erklärte Cathal und warf Julie einen entschuldigenden Blick zu. »Verzeihung, wir sind ganz Ohr.«

Die junge Frau seufzte theatralisch, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen. »Also, Reginalds Frau verstarb an Schwindsucht …«

»Warum sagt man dann nicht Tuberkulose?« Sean sah einen nach dem anderen an.

Julie warf ihm einen tadelnden Blick zu. Ihr Bruder konnte nicht mal den Mund halten, wenn ihm etwas unlogisch erschien, was ihr schon so manche Geschichte verdorben hatte. »Weil Schwindsucht nun mal viel dramatischer klingt.«

»Ist doch logisch.« Timothy nickte ernst. »Aber jetzt lasst Julie endlich weitererzählen. Ich platze schon bei all der unterdrückten Spannung.«

Alle drei Männer begannen zu lachen.

Julie verdrehte die Augen. »Jetzt seid doch bitte mal ernst und verderbt mir den Spaß nicht.« Sie räusperte sich, wartete einen Moment, bis sie die gesamte Aufmerksamkeit hatte und startete einen neuen Versuch. »Nachdem seine Frau an Schwindsucht verstorben war …« Sie warf einen Blick in die Runde, aber diesmal schien sie keiner unterbrechen zu wollen. »… zog Reginald mit seinen Kindern zurück nach England. Einige Jahre stand das Haus leer, bis James Redfield es kaufte und viel Geld hineinsteckte, um es zu vollenden und nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Das Gebäude in seinem jetzigen Zustand geht auf den heutigen groben Grundriss zurück. Die Böden, auf denen wir gehen, sind dieselben, auf denen auch James und seine Frau Cordelia wandelten und am Ende ihrer beider Blut vergossen wurde.«

Julie nutzte eine bedeutungsschwere Pause, um einen Schluck von ihrem Wein zu nehmen. »James war der grausame Verpächter der Höfe ringsum, Arbeitgeber hier im Haus und Ehemann. Jeder Pächter, der ihm die Pacht stundete, wurde vertrieben. Meist einen Tag später. Im schlimmsten Fall wurden ihnen die Häuser unter dem Arsch angezündet und neue Pächter mussten die Kate neu errichten.«

»Was bin ich froh, in der heutigen Zeit zu leben«, warf Cathal ein und handelte sich einen bösen Blick von Julie ein. »Was? Ist doch so.«

»Wir hätten nicht zusammen sein können«, sagte nun auch Sean.

»Meine Güte, lasst mich die Geschichte erzählen.«

»Sie ist hartnäckig.« Timothy küsste seine Frau auf die Schläfe. »Mach weiter, meine Liebe.«

Julie atmete tief ein. »Er war gefürchtet in der ganzen Gegend und seine Pächter kamen kaum über die Runden. Eines Abends an Samhain waren die Gemüter besonders erhitzt. Die Wut über den ungeliebten Landlord entlud sich in einem Fluch, den sie über James Redfield aussprachen. Ein Geist sollte ihn heimsuchen und ihn davon abhalten das Haus jemals wieder zu verlassen.« Sie legte eine dramatische Pause ein, um dann flüsternd fortzufahren. »Auch über seinen Tod hinaus.«

»Damals gab es kein Internet oder Netflix«, bemerkte Cathal schmunzelnd. »Da muss es die Hölle gewesen sein, im Haus festzusitzen.«

Julie fuhr dieses Mal unbeeindruckt fort. »Die Wochen vergingen, der Fluch entfaltete seine Wirkung und James wurde zunehmend wahnsinnig. Der Geist trieb ihn zur Verzweiflung, eine Verzweiflung, die an Weihnachten ihren Höhepunkt fand. In unserer Küche, dem damaligen Frühstückszimmer des Paares, erstach er zunächst seine Frau und schließlich sich selbst. Angeblich war er gar nicht mehr bei klarem Verstand und wusste nicht, was er tat.«

»In unserer Küche?«, fragte Timothy und ließ seinen Blick zur Küchentür schweifen.

»So ist es«, bestätigte Julie, erfreut über den mulmigen Gesichtsausdruck ihres Mannes.

Das hatte sie während der gesamten Renovierungszeit verschwiegen und sich bis heute aufgehoben. Jeder wusste über die Morde Bescheid, doch kaum einer beschrieb, in welchem Raum genau sie passiert waren. Sie selbst hatte tagelang die Stadtarchive durchwühlt, bis sie auf eine angebliche Aussage des damaligen Butlers gestoßen war, die gebündelt in einem Ordner mit den anderen Aussagen der Angestellten lag. »Danach stand das Haus viele Jahre lang leer. Neue Bewohner zogen nach wenigen Jahren wieder aus. Oft wurden die hohen Instandhaltungskosten als Grund genannt, doch insgeheim war die Rede von Geräuschen und Stimmen, die nachts laut wurden. Besonders in der Zeit zwischen Samhain und Weihnachten wurde der Spuk immer intensiver und an Heiligabend sollen laute Schreie durch das Haus dröhnen.«

»Na, das war eine schöne Gute-Nacht-Geschichte.« Sean leerte sein Glas, doch Julie hielt ihn davon ab sofort aufzustehen. »Aber Sean, du weißt genauso gut wie ich, sie ist noch lange nicht zu Ende.«

Ihr Bruder seufzte und verdrehte die Augen. »Bringen wir es hinter uns.«

Julie senkte erneut die Stimme. »1973, vor 50 Jahren, kauften Hutch und Rhona Murphey das Haus. Hutch richtete nacheinander die Räume her, doch seiner Frau fielen kurz nach Samhain Veränderungen an ihm auf. Sie litt zunehmend unter den Wutausbrüchen des sonst so ruhigen Mannes. Er war unausgeglichen und rastlos. Eine Angestellte erzählte später, Rhona hätte regelrecht Angst vor ihm bekommen. Es war, als würde er heimgesucht werden.« Julie unterbrach ihre Erzählung, griff nach ihrem Glas, um einen Schluck zu trinken, und sah der Reihe nach die Männer intensiv an. »Hatte der Fluch von Callum Hall auch von ihm Besitz ergriffen? Angeblich sah ihn nach Samhain niemand mehr das Haus verlassen. Er verlor dadurch seine Arbeit und schließlich kam es an Weihnachten zum Schlimmsten. Keiner weiß, was in jener Heiligen Nacht geschah, doch als das Haus betreten wurde, lag Rhona mit einem Dolch erstochen im Badezimmer, während Hutch Murphy an einem Seil am Geländer der Eingangshalle hing.«

Im Kamin knackte laut das Holz und Julie zuckte zusammen. Zufrieden sah sie, wie es den Männern ebenso erging. Sie beugte sich vor und flüsterte: »Seitdem lebte niemand mehr lange genug hier, um Weihnachten zu feiern. Zufall, oder Glück für die Bewohner? Erst im Jahr 2024 wagen sich erneut zwei mutige und verdammt attraktive Paare in dem Haus zu leben. Wird der Fluch sie verschonen, oder gibt es an Heiligabend ein Massaker ungeahnten Ausmaßes?«

»Das ist nicht witzig Julie.« Sean stand auf.

»Kommt schon, das war ein Spaß«, erwiderte diese.

»Du weißt doch, dein Bruder glaubt nicht an Geister und Flüche, trotzdem kann er keine Witze in die Richtung ab.« Cathal grinste Sean an. »Außerdem bin ich total attraktiv.«

Sean lachte und beugte sich für einen Kuss zu ihm herab. »Das war vermutlich das einzig Wahre an der Geschichte.« Er nahm Cathal sein Glas aus der Hand und stahl sich den letzten Schluck Rotwein, was ihm einen Knuff seines Freundes einbrachte. »Vergessen wir nicht, das in so alten Häusern viel geschehen ist. Gutes, wie Schlechtes, genauso wie es gute und schlechte Menschen gibt. James und Hutch gehörten wohl eher zu letzterer Kategorie. Alles drum herum mit dem Fluch und den Geistern ist vermutlich mehr oder weniger begabten Geschichtenerzählern eingefallen.« Sean streckte sich. »So, mir tut alles weh und wir haben morgen genug zu tun. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich werde mich jetzt ins Bett begeben.«

»Gute Idee.« Timothy erhob sich und zog Julie mit sich. »Vermutlich werde ich trotz dieser Geschichte schlafen wie ein Murmeltier.«

Ein Poltern schloss sich an Timothys Worten an und das Paar fuhr erschrocken herum.

»Was war das?«, fragte Julie unsicher und krallte sich in Timothys Oberarm fest. Der gab einen unterdrückten Schmerzlaut von sich.

Sean und Cathal sahen sich ratlos an.

»Gesehen habe ich nichts.« Cathal erhob sich auch.

Da war es wieder. Julie stellte sich hinter Timothy und schmiegte sich an ihn. Der griff nach ihrer Hand und drückte sie.

»Das kommt davon, wenn man unbedingt Geschichten erzählen muss«, murmelte er. Das Geräusch erklang erneut und erinnerte eher an ein dumpfes Klopfen, denn poltern. Cathal pfiff leise, wieder hörten sie es. Julie hielt die Luft an.

Sean wandte sich an seine Schwester. »Wie wäre es, wenn du mal nachsiehst?« Ihm war eine gewisse Anspannung anzumerken, doch seine Stimme hatte etwas Herausforderndes.

»Das ist jetzt die Rache, oder was?« Julie zuckte zusammen, als sie das Klopfen erneut vernahmen und ihr Puls beschleunigte sich.

Cathal ging einige Schritte in die entsprechende Richtung. »Ich glaube, es kommt von hier.« Er stand vor ein paar Kartons, die halb aufeinandergestapelt waren. Plötzlich wurde aus dem Klopfen Gerumpel. Cathal zögerte nur kurz, bevor er die oberste Kiste herunter nahm, beiseite stellte und den Deckel der Nächsten anhob. Miss Woodhouse, Julies weißer Perser kam ihm maunzend entgegen gesprungen.

»Missy«, rief Julie erleichtert und lief zu der Katze, die etwas zerzaust aussah. »Sie muss sich in den Karton gelegt haben und eingeschlafen sein.«

»Aber wer hat dann den anderen daraufgestellt?«, fragte Sean, der sich Miss Woodhouses Schlafplatz genauer ansah. In der Umzugskiste lagen ein paar Decken und Kissen, dazu die passenden Bezüge.

»Ich glaub, das war ich, um ein bisschen Platz zu schaffen«, meldete sich Timothy schuldbewusst. »Woher sollte ich wissen, wo die Katze sich einnistet?«

Cathal lachte. »Kein Wunder, dass sie dich nicht leiden kann. Aber sie scheint es gut überstanden zu haben.«

Kapitel 5

Die neuen Bewohner von Callum Hall waren in ihren Betten verschwunden, aber er konnte noch lange nicht ruhen. Im ganzen Haus rumorte es. Der Lord war ständig auf seinen Fersen, ließ sich nicht abschütteln.

Beim Blick nach draußen konnte er den fernen Schein der Feuer sehen, dazu die umherhüpfenden Lichter der Fackeln, die von jenen gehalten wurden, die den Fluch vor so vielen Jahren über diese Mauern gebracht hatten.

Nach all dieser Zeit waren ihre blassen Schemen noch immer zu sehen. Er hörte ihre Rufe und Drohungen ebenso deutlich wie das Flüstern im Haus. Das Wispern der Angestellten, die sich ängstlich zurückzogen. Türen klapperten leise, der Wind spielte an den Fenstern, die kaum hörbar klirrten. Er sah durch sie den Schimmer der Fackeln näherkommen und fröstelte.

»Sie kommen«, flüsterte er und war so unendlich müde. Es gab so viel zu tun und die Zeit war so knapp. Wann hörte das endlich auf? Wie viele Jahre musste er das noch ertragen, bis er erlöst wurde? Bis er in Frieden ruhen konnte?

Kapitel 6

Julie

Die Tage vergingen wie im Flug. Immer mehr Kartons leerten sich und neue, wie alte Möbel fanden ihren Platz.

»Es ist unglaublich, wie klein dieser Schrank plötzlich wirkt«, bemerkte Julie, nachdem der wuchtige, antike Eichenholzschrank seine endgültige Position im gemeinsamen Wohnzimmer eingenommen hatte. »In unserer kleinen Wohnung erschien er riesig, aber in einem Raum wie diesem geht er beinahe unter.«

»Das er untergeht, würde ich jetzt nicht behaupten.« Timothy wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Er mag kleiner wirken, er ist allerdings genauso schwer.«

Julie verzog entschuldigend ihr Gesicht. »Tut mir leid, trotz Vorplanung wirkt ein Möbelstück an einer anderen Stelle manchmal besser.«

»Kein Problem, nur versuch das nächste Mal daran zu denken, bevor du den Schrank einräumst und ihn so schwerer machst«, meldete sich Sean zu Wort.

»Wird gemacht.« Julie legte gehorsam zum Militärgruß die Hand an die Stirn. »Ihr seid hiermit erst mal entlassen. Die Bücher bekomme ich auch alleine in die Regale.«

Sie hörte die Schritte der Männer im ersten Stock verklingen, als eine weibliche Stimme aus der Küche schallte. »Hallo? Entschuldigen Sie die Störung …«

»Ja bitte?« Julie ging in die Küche, in der eine kleine, drahtige Dame mit weißem, eingedrehtem Haar in der Hintertür stand und unsicher lächelte. In den faltigen Händen hielt sie eine Keksdose.

»Verzeihen Sie, ich habe vorne geklingelt, es hat sich jedoch nichts gerührt, da dachte ich, ich hätte hinten vielleicht mehr Glück.«

Julie seufzte. »Die Klingel hat garantiert wieder einen Wackelkontakt. Da muss nochmal der Elektriker drauf schauen.« Sie musterte ihre Besucherin neugierig. »Sie sind Mrs Walsh, nicht wahr? Von nebenan.« Sean und sie waren in dieser Stadt großgeworden und so waren ihr viele Gesichter vertraut.

»Ja richtig.« Mrs Walsh nickte eifrig. »Sie sind Julie, Fionas Kleine, nicht wahr? Ich habe schon lange beobachtet, wie Sie das Haus renovieren. Natürlich nur aus der Ferne, aber jetzt da Sie einziehen, wollte ich Sie doch gerne in der Nachbarschaft willkommen heißen.«

Selbstverständlich kannte Mrs Walsh ihre Mutter. Als Stadtführerin war Fiona bekannt, ebenso, wie Julie »die kleine Ó Briain«, oder »Fionas Kleine« genannt wurde und sie störte sich nicht daran. Sie hoffte sogar neben ihrer, und der Bekanntheit ihrer Mutter im Ort, ihr Innenarchitektenbüro erfolgreich zu starten.

»Das ist sehr nett, Mrs Walsh. Kommen Sie und setzen Sie sich. Dann bereite ich uns Tee zu.« Sie zog einen Stuhl am Tisch zurück und wies darauf.

»Vielen Dank.« Die alte Dame betrat die Küche und schloss die Tür hinter sich. »Ich habe Ihnen selbstgebackenes Shortbread, ein paar Brandy Butterplätzchen und Gingerbread Cookies mitgebracht. Hoffentlich ist für jeden etwas dabei.« Mrs Walsh stellte die Keksdose auf den Tisch und sah sich bewundernd um. »Wie hübsch Sie es hier gemacht haben. Die Küche ist jetzt viel größer ohne die Wand.«

»Vielen Dank, sowohl für das Gebäck, als auch für die Komplimente.« Julie setzte einen Teekessel auf, präparierte eine Thermoskanne mit losem Tee und öffnete danach einzelne Schränke, auf der Suche nach Zucker und Milchkännchen. Als sie sich umdrehte, wurde sie sich Mrs Walshs Blick auf sich gewahr. »Tut mir leid, meine Mutter hat hier alles eingeräumt und ich finde noch heraus, wo unser Geschirr und so ist.« Die Post-its hatten leider die Nacht nicht überlebt, sondern am Morgen auf dem Fußboden verteilt gelegen.

»Kein Grund, sich zu entschuldigen,« erwiderte Mrs Walsh augenzwinkernd. »Nach so kurzer Zeit ist es bewundernswert, wie viel bereits verräumt ist.«

Julie lachte auf. »Sie sollten mal das obere Stockwerk sehen.« Sie nahm den Kessel vom Herd und goss den Tee damit auf. Das gefundene Milchkännchen, sowie eine Zuckerdose stellte sie auf den Tisch. »Waren Sie schon öfter in Callum Hall?«

»Viele hunderte Male«, bestätigte die alte Dame lächelnd. »Je nach Hausbesitzer war ich hier angestellt.«

»Angestellt?« Julie öffnete die Keksdose, aus der es herrlich duftete. Ein Schwall Weihnachtserinnerungen schwappte wie eine Welle über ihr zusammen. Sie musste unwillkürlich lächeln.

»Nun ja, natürlich gab es zu meiner Zeit niemanden mehr, der sich einen ganzen Stamm an Zimmermädchen, Stallburschen, oder gar einen Butler leisten konnte, aber so ein großes Haus braucht viel Aufmerksamkeit und so wurde ich von diesem oder jenen angestellt, um sauber zu machen oder im Garten zu helfen.«

»Dann müssen Sie das Gebäude gut kennen«, stellte Julie erfreut fest. Sie entfernte das Teeei, gab die heiße Flüssigkeit in eine Thermoskanne und platzierte sie auf dem Tisch.

Mrs Walsh bedankte sich und mischte sich ihren Tee mit Milch und Zucker. »Wenn Sie nicht überall so viel an der Raumaufteilung verändert haben wie hier, würde ich mich sicher einigermaßen zurechtfinden, wobei es mich immer wieder überrascht wie eine neue Einrichtung die Gestalt eines Hauses verändern kann.«

»Da haben Sie recht. Wer weiß das besser als eine Innenarchitektin?« Julie holte ein paar Kuchenteller und füllte einen für sich mit den Leckereien, die die Nachbarin mitgebracht hatte. »Tatsächlich ist im Rest des Hauses weniger passiert. Der letzte längere Besitzer hatte hier, in den ehemaligen Wirtschaftsräumen, eine Art Einliegerwohnung ausgebaut. Die hat leider nicht in unser Konzept gepasst, aber die meisten der Zimmer sind dem ursprünglichen Grundriss treu geblieben, zumindest insoweit ich das einsehen konnte. Die ersten Pläne sind leider nicht mehr existent. Ich kann Ihnen später eine Führung geben.«

»Sehr gerne«, erwiderte Mrs Walsh ehrlich erfreut. »Das mit der Einliegerwohnung war Hutch Murphey. Er hatte hier unten schon alles fertig und war dabei, oben Kinderzimmer einzurichten.«

Julie spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, als der Name des Mannes genannt wurde, der die Legende von Callum Hall komplettierte.

»Kinderzimmer? Erwartete das Ehepaar denn Nachwuchs?« Julie kramte in ihren Erinnerungen, doch sie konnte sich an keine Erwähnung ihrer Mutter in der Hinsicht zu erinnern.

Das Lächeln auf Mrs Walshs Gesicht erlosch. »Ähm, nein.« Ihre Finger glitten über den Rand der Tasse vor ihr. »Rhona konnte nicht schwanger werden, aber die beiden wollten gerne Pflegekinder bei sich aufnehmen.«

»Ah.« Julie versuchte krampfhaft, nicht zu neugierig zu klingen. »Haben Sie denn auch zu ihrer Zeit hier gearbeitet?« In der Geschichte um das Ehepaar wurde sich immer wieder auf die Aussagen einer Angestellten bezogen, die Hutchs zunehmenden Verfall beschrieb. Konnte es sich dabei um ihre Nachbarin handeln? Ein Schauer durchfuhr Julie. Hier saß jemand vor ihr, der die Menschen aus der Legende kannte, mit ihnen gesprochen hatte und sogar intime Details von ihnen wusste.

Mrs Walsh nahm bedächtig einen Schluck Tee, als wollte sie Zeit schinden. Heftig stellte sie die Tasse auf die Untertasse und es klirrte. Hatte Julie mit ihrer Frage alte Wunden aufgerissen?

»Ja, ich war in der Woche ein paar Stunden hier, um Rhona zu unterstützen.« Sie seufzte. »Es tut mir leid, ich weiß, womit die beiden in der ganzen Stadt bekannt wurden, aber für mich waren sie ein nettes Ehepaar. Zwei hart arbeitende Menschen mit Wünschen und Träumen.« Sie zögerte, versteckte ihr Gesicht hinter der Teetasse, als sie einen Schluck trank. »Ich spreche nicht gerne darüber, was damals geschah. Frühere Aussagen von mir wurden oft genug zu Schauermärchen degradiert, wobei mein Schweigen vermutlich zu zusätzlichen Geschichten inspiriert hat.«

Julie nickte mitfühlend. Sie schämte sich dafür, gehofft zu haben, die alte Dame könnte ihre Neugierde befriedigen. Sie hatte absolut recht damit. Hinter den Gerüchten stand das echte Schicksal zweier Personen. »Sie müssen sich nicht entschuldigen. Es ist sogar besser, wenn wir nicht so viel über Vergangenes reden. Schließlich wollen meine Familie und ich das Haus mit neuen, glücklichen Erinnerungen füllen«, zitierte sie lose Seans Worte.

»Das ist ein schöner Vorsatz.« Mrs Walsh entspannte sich spürbar. Sie schenkte sich Tee nach und erkundigte sich nach dem Geschmack der Butterplätzchen, von denen Julie eben eines in den Mund genommen hatte, als sie die Stimmen der Männer in der Eingangshalle hörten, die sich der Küche näherten.

»Es gibt Tee und keiner hat uns geholt?«, fragte Cathal, der den Raum als Erster betrat, kurz stockte und dann Mrs Walsh mit einem Lächeln begrüßte.

»Es gibt mehr als nur Tee, dank unserer netten Nachbarin Mrs Walsh«, erwiderte Julie und hob die Keksdose in seine Reichweite.

»Sie sind unsere Nachbarin?« Cathal griff in die Dose, um sich ein großes Stück Shortbread herauszunehmen. »Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre allein das ein Grund für mich gewesen, hierher zu ziehen.«

»Ihr kennt euch?«, fragte Sean verwundert und zog sich einen Stuhl heran.

»Nicht so gut wie ihren Hund Charles.« Cathal lachte. »Nach jedem erfolgreichen Termin bei uns gibt es Shortbread für die ganze Praxis.«

»Ich hoffe, Sie halten den alten Jungen deshalb lange am Leben.« Mrs Walsh zwinkerte ihm spitzbübisch zu.

Timothy holte für sich, Sean und Cathal Tassen aus dem Schrank und setzte sich ebenfalls. »Sie sind uns hier auf jeden Fall jederzeit willkommen. Ob mit oder ohne Essen ist egal.«

»Aber natürlich lieber mit«, fügte Sean verschmitzt hinzu und biss in einen Keks.

Julie lächelte beim Blick in die Runde. Es war eine gute Idee gewesen, das Haus zu kaufen. Sie war umgeben von Menschen, die sie gern hatte und nun fanden sie sich in die Nachbarschaft ein.

Kapitel 7

Sean

Sean schlich sich am Nachmittag desselben Tages leise die Treppe hinunter. Manchmal knarzte eine Stufe und er hielt kurz inne. Doch als sich nichts tat, ging er weiter. Ob in der Keksdose von Mrs Walsh noch Shortbread war? Er zuckte zusammen, als aus der offenen Wohnzimmertür von Julie und Tim unvermittelt lautes Lachen erklang. Kurz packte Sean die Neugierde. Er war drauf und dran umzukehren und zu fragen, was so witzig war, aber er verwarf den Gedanken. Am Ende kam Julie noch auf die Idee, er könnte bei irgendwas helfen.

Aus ihrem eigenen Wohnzimmer war Hämmern zu hören. Cathal hängte die Ahnengalerie ihrer beiden Familien auf. Ein Hobby, dem er seit Jahren verfallen war. Sollte er nur, es war sein Ausgleich zum stressigen Tierarztalltag und wenn er dadurch gut gelaunt war, ertrug Sean auch die alten Männer und Frauen an der Wand.

Am Treppenende stolperte er fast über die zusammengerollte Miss Woodhouse, die es sich auf der letzten Stufe gemütlich gemacht hatte. Da Sean so darauf bedacht gewesen war, von keinem der drei gesehen zu werden, hatte er kaum auf seinen Weg geachtet.

»Elendige Katze.« Es kam fast einem Zischen gleich, was Miss Woodhouse nicht im mindestens interessierte. Er umrundete das Tier, huschte durch den Flur und in die Küche, hielt an der Keksdose und fand sie leer vor.

»Verfressenes Volk«, murmelte er. Wahrscheinlich hatte er den größten Teil davon gegessen, doch wer zählte schon mit? Schließlich trat er durch den Hintereingang nach draußen. Dort holte er einmal tief Luft. Glücklich, dem Umzugswahnsinn für ein paar Minuten zu entgehen. Immerhin würde dies sein letzter Umzug sein.

Sean reckte und streckte sich, bevor er einige Meter weiter in den weitläufigen Garten ging, der völlig verwildert war. Die Wege zugewachsen und von Unkraut überwuchert. Durch das Gebüsch waren im Laufe der Jahre kleine Pfade getreten worden. Womöglich von Kindern und Jugendlichen, die Mutproben austrugen, wer sich näher an das verfluchte Haus traute.

Timothy und er waren als achtjährige Steppkes nicht anders gewesen, wie er sich lächelnd erinnerte. Zweige knackten unter seinen Schuhen und das nasse Laub klebte an seiner Sohle. Er folgte dem Weg bis zu den alten Ställen, die seitlich des Grundstückes hinter einigen Bäumen versteckt standen. Irgendwann in Zukunft wollte Cathal hier eine kleine Tierklinik einrichten.

Timothy hatte in den alten Garagen vorne am Parkplatz einen Teil für seine Sägen und das Holz in Anspruch genommen, in denen er Arbeiten für ihr Haus erledigte. Sollten sie nur, dann verfielen die Gebäude wenigstens nicht. Die Ställe bestanden aus zwei aneinander gebauten Gemäuern in L-Form. Früher hatten hier vor allem Pferde gelebt sowie ein paar Kühe, Schweine und Hühner, um die Bewohner des Hauses mit den entsprechenden Lebensmitteln zu versorgen.

Davor stand unter einer hervorstehenden Überdachung eine wackelige Bank, die Sean kritisch beäugte. Ach, die würde ihn schon halten. Er setzte sich auf das feuchte Holz, das unter seinem Gewicht etwas nachgab.

Von hier aus hatte er einen perfekten Blick auf sein neues Heim. Zum ersten Mal ergriff ihn Besitzerstolz. Dieses alte große graue Gemäuer gehörte nun ihnen.

Hätte man ihm als Kind erzählt, er würde das verfluchte Herrenhaus kaufen, er hätte die Person lauthals ausgelacht. Dies war ein Haus, zu dem man schlich, um Stoff für Albträume zu sammeln und später mit seinem Mut vor den Kumpels anzugeben, keines, das man besaß, war die einhellige Meinung seit ihrer Schulzeit unter seinen Freunden. Schon allein der Weg hierher war spannend. Sie mussten ungesehen über die Felder und Wiesen kommen, da es ihnen von den Eltern verboten worden war, sich zu nähern. Hatte man das geschafft, musste man sich durch das Dickicht hinter der Steinmauer, die das Gelände umgab, kämpfen und nur im Schein der Taschenlampen den Weg durch den Garten finden. Natürlich fanden Mutproben nachts statt, jeder wusste, Geister zeigten sich nicht am Tag.

Wenn das Haus bewohnt war, bestand die Probe darin, Steine an die Fenster zu werfen und die derzeitigen Bewohner herauszulocken, um zu sehen, ob sie lebten. War es, wie meistens, unbewohnt, sollte man das Haus natürlich betreten.

Er würde nie vergessen, wie er sich das eine Mal fast zu Tode erschreckt hatte, als er ein feuchtes Spinnennetz ins Gesicht bekam und schreiend fortgelaufen war. Timothy hatte ihn wochenlang damit aufgezogen, bis dieser bei einem erneuten Besuch des Grundstücks angeblich einen Geist gesehen hatte, der durch den Garten lief. Stocksteif war er da gestanden und konnte nur auf die Stelle starren, an der er vorgab den Geist zu sehen. Sean war mitten in ihn hineingelaufen. Er hatte Timothy die Taschenlampe abgenommen und den Platz ausgeleuchtet, aber nichts entdeckt. Damals waren sie zwölf gewesen und seitdem war Timothy nicht mehr dazu zu bewegen gewesen, sich nachts hierher zu schleichen.

Ob jemals einer der Jungs es bis ins Haus geschafft hatte, wusste Sean nicht. Timothy und er bekamen es erst von innen zu sehen, als Julie sie zur Besichtigung hergeschleift hatte. Über den angeblichen Geist im Garten verloren Timothy und er nie wieder ein Wort.

Die Erinnerung brachte Sean zum Lächeln. Als sie den Garten besichtigten, hatte Timothy kurz gezögert, ihn zu betreten. Niemandem war es aufgefallen, nur Sean, da er ihn genau beobachtete hatte.

Sean seufzte, als er den Garten betrachtete. Den wieder hinzubekommen würde im Frühjahr ein großes Stück Arbeit bedeuten. Früher war das bestimmt mal ein wunderschön angelegter englischer Garten gewesen. In der Mitte stand ein großer Springbrunnen, jeder Weg hier führte dorthin. Ob der wohl noch funktionierte? Sie würden es herausfinden.

»Jesus Christ, was haben wir uns nur gedacht, als wir das hier alles mitten im Nirgendwo gekauft haben?«, murmelte er und blickte die dreistöckige Fassade entlang. Sie war in Ordnung gewesen und sie hatten lediglich jedes Fenster vom Erdgeschoss bis in den Dachboden auswechseln müssen. Einige waren nicht mehr dicht gewesen, andere hatten nette Risse geziert. Mit einer modernen Dreifachverglasung hatten sie alle nicht mithalten können.

Sean wusste noch genau, was er empfand, als er auf dem Parkplatz gestanden und das Gebäude betrachtet hatte. Die drei nebeneinanderliegenden Giebel ließen das Haus herrschaftlicher erscheinen. Der mittig Gelegene war etwa doppelt so hoch wie die daneben. Er bildete mit den darunterliegenden Stockwerken und der imposanten Eingangstür nach vorne den Mittelteil des Hauses. Während die anderen drei gestaunt hatten, war er völlig überwältigt gewesen von dem vielen Raum, der geputzt werden musste. Dasselbe dachte er nun wieder, als er das Haus von der Seite aus ansah.

Er holte tief Luft. Der Wind trug den Geruch von verbranntem Holz zu ihm, das vermutlich gerade im Kamin des gemeinsamen Wohnzimmers niederbrannte, damit sie es nachher schön warm hatten. Mehrere graue Schornsteine, die in den Himmel ragten, spien Rauch aus.

Sein Blick blieb an einem Fenster des Dachbodens hängen, das zum Flur führte. Dort befanden sich die alten Dienstbotenzimmer, die Julie für ihre Firma zu Showrooms ausgebaut hatte. Sean reckte sich. Bewegte sich da etwas hinter dem Glas? War da jemand? Die Bewegung fesselte ihn. Der Schatten sah aus wie eine männliche Gestalt. Er kniff die Augen zusammen und beugte sich vor. Das Fenster stand offen. War das eben schon gewesen? Er konnte sich nicht erinnern. Vielleicht war es Tim, der etwas für einen Termin für Julie vorbereitet. Wobei …

Sie wollte erst nächste Woche anfangen zu arbeiten.

Sean kratzte sich an seinem Dreitagebart. Er musste sich unbedingt rasieren. Sein Blick fiel wieder auf das Fenster, aber dahinter bewegte sich nichts mehr. Hatte er sich das nur eingebildet? Er war viel zu weit weg, um überhaupt etwas erkennen zu können.

Er schüttelte den Kopf. Nun sah er schon Gespenster. Wurde Zeit für ihn, mit dem Umzug fertig zu werden und wieder in die Schule zu kommen. Er brauchte seinen Alltag, dann kam er nicht auf krude Gedanken.

»Na du Drückeberger?«, erklang Cathals Stimme vom Hintereingang des Hauses. Sean schrak auf. »Glaubst du, wenn du dich raus schleichst, fällt es keinem auf?«

»Ein Versuch war es wert, oder?« Sean stand auf und ging seinem Freund entgegen.

»Kläglich gescheitert. Vor allem, wenn du auf diese Seite des Gartens gehst, aus der ich dich durch unser Wohnzimmerfenster sehen kann.«

»Ich kann doch nichts dafür, wenn der Großteil hier angelegt worden ist.« Sean hob die Schultern. »Wobei ich nicht verstehen kann, warum man unbedingt auf die Ställe schauen musste.«

»Vielleicht war der Erbauer ein Kontrollfreak gewesen, der wissen wollte, ob seine Angestellten ordentlich arbeiteten?« Cathal zog Sean an sich.

»Das kommt mir nicht zu Gute. Ich muss mir ein anderes Versteck suchen.«

---ENDE DER LESEPROBE---

Table of Contents

Der Weihnachtsfluch von Callum Hall

Buchbeschreibung:

Über die Autorinnen:

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Weiterer Lesestoff

Guide

Cover

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