Und dann passierte das Leben - Nella Beinen - E-Book

Und dann passierte das Leben E-Book

Nella Beinen

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Beschreibung

Für Tobias ist seit einem halben Jahr alles nur noch grau und kalt. Nur seinen besten Freund Leon lässt er noch in seine Nähe. Der tut was er kann, damit Tobi sich nicht zu Hause vergräbt - oft vergeblich. Doch Florian, neu in der Klasse, denkt nicht daran, Tobias Schmerz zu ignorieren. Wie wird Tobias darauf reagieren?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Glossar
Meine weiteren Werke

 

 

Und dann passierte das Leben

 

Von Nella Beinen

 

 

 

 

 

 

Buchbeschreibung:

Für Tobias ist seit einem halben Jahr alles nur noch grau und kalt.Nur seinen besten Freund Leon lässt er noch in seine Nähe. Der tut

was er kann, damit Tobi sich nicht zu Hause vergräbt – oft vergeblich.

 

Doch Florian, neu in der Klasse, denkt nicht daran, Tobias Schmerz zu ignorieren.

 

Wie wird Tobias darauf reagieren?

 

 

 

 

Über den Autor:

Nella Beinen stammt aus Norddeutschland und hat ein bewegtes Leben hinter sich, das sie über Essen, Spiekeroog und Bonn an den Niederrhein geführt hat.

 

Dort hat sie begonnen den Geschichten in ihrem Kopf Leben einzuhauchen.

 

Ihre Protagonisten stoßen an ihre Grenzen, lernen Vertrauen zu fassen, streiten und versöhnen sich wieder.

 

 

Impressum

 

 

 

Von Nella Beinen

Baegertstr. 11

47533 Kleve

[email protected]

www.nellabeinen.de

3. Auflage. Auflage, 2021

© Nella Beinen – alle Rechte vorbehalten.

 

Lektorat: Daniela Seiler www.textkabinettchen.de

Korrektorat: Daniela Seiler www.textkabinettchen.de

Cover: A+K Buchcover www.akbuchcover.de

Illustrationen: von Clker-Free-Vector-Images

Buchsatz: Nella Beinen

 

Content Notes: In diesem Buch geht es um die Bewältigung von Trauer,

außerdem um Krebs. Tod und Suizid werden angedeutet.

 

Kapitel 1

 

Mein bester Freund stupste mich an. »Hey Tobi, schau mal. Da kommt ein neuer Typ mit der Tussi in die Klasse.«

»Hm«, gab ich lediglich zurück. Ich hatte den Kopf auf den verschränkten Armen auf dem Tisch abgelegt, die Augen geschlossen. Die ‚Tussi' war die Deutschlehrerin. Vor einem dreiviertel Jahr hätte mich das bestimmt interessiert. Ich hätte ihn mir garantiert angeschaut. Aber das war seit diesem Sommer anders.

»Mensch, das ist genau dein Typ, Tobi«, drängte Leon, mein bester Freund. Ich reagierte nicht.

»Hey Tobi«, hörte ich von vorne. Oh Mann, Lisa, lass mich in Ruhe. Ich will es nicht wissen, dachte ich.

»Komm schon, Tobi, mach die Augen auf und schau dir diesen voll süßen Typen an.« Genervt öffnete ich sie und blickte kurz hoch, um mir den Neuen endlich anzuschauen und meine Ruhe zu haben. »Ja, sieht gut aus.« Ich rang mir sogar ein Lächeln ab, legte den Kopf auf den Armen ab und starrte aus dem Fenster. November. Trist, grau, kalt, nass. Das Wetter passte perfekt zu meiner Stimmung. Endlich mal.

Der Sommer war dieses Jahr mal ein Sommer gewesen, heiß und trocken, richtiges Strandwetter. In mir drin hatte es anders ausgesehen. Die Sommerferien waren in diesem Jahr genau zum rechten Zeitpunkt gekommen. Nicht weiter darüber nachdenken, bevor es mich überrollt, beschloss ich.

Wer hatte überhaupt behauptet, dass die Zeit alle Wunden heilt? Bei mir bestimmt nicht. Meine Eltern hatten schon überlegt, mich zu einem Psychologen zu schicken. Als ob der was machen könnte.

Die Vorstellung von dem Neuen bekam ich nicht mit, bemerkte ebenfalls nicht, wo er sich hinsetzte. Ich war viel zu sehr in meinen Gedanken versunken. Ich musste nur noch dieses Schuljahr überstehen, dann hatte ich es hinter mir. Allerdings wusste ich nicht so recht, was ich werden wollte. Dabei war meine Zukunft bis zum Sommer so klar gewesen. Jeder Schritt hatte vor mir gelegen. Und dann passierte das Leben.

Die Tussi begann den Unterricht. Leon stieß mich wieder an. »Los, hol das Buch raus. Wir wollen das besprechen.« Ich setzte mich auf und blickte nach vorne. Die Tussi machte ihrem Namen heute wieder alle Ehre. Sie war top geschminkt und frisiert, hochhackige Schuhe und perfekt lackierte Nägel. Dann kramte ich das Buch aus meiner Tasche. Gelesen hatte ich es, aber nichts behalten. Immerhin konnte ich mir die eine oder andere Schwäche leisten und die Lehrer ließen mich.

Während das Buch besprochen wurde, lag es zwar aufgeschlagen vor mir, aber ich bekam rein gar nichts mit, starrte nur weiter aus dem Fenster und wünschte mich nach Hause in mein Zimmer. Dort war keiner, der etwas von mir forderte, niemand, der wollte, dass ich redete. Da hatte ich einfach nur meine Ruhe.

In der Pause suchten wir unsere Lieblingsecke in der großen Halle auf. Der Neue wurde direkt umzingelt und ausgefragt. Vor allem die Mädels machten Wirbel um ihn. Ich blieb ein wenig abseits und beobachtete sie. Irgendwann kam Leon zu mir herüber und so nach und nach gesellten sich die anderen zu uns, inklusive des Neuen.

»Ich glaube, deinen Namen weiß ich noch nicht«, sprach er mich sofort an.

»Tobias. Einfach Tobi«, antwortete ich ihm knapp in der Hoffnung, dass er mich in Ruhe lässt. Ich war nicht zum Reden aufgelegt. Wobei ich das die letzten Monate schon nicht war. Sie waren es mittlerweile alle gewohnt, nur einsilbige Antworten von mir zu erhalten.

Nur Leon gab nie auf. Er zerrte mich auf Partys, an den Strand, überallhin. Er sorgte dafür, dass ich mein Schwimmtraining dreimal die Woche nicht verpasste und am Leben teilnahm. Und ich ließ es mit mir geschehen. Es war mir egal, solange ich nicht reden oder an einem Gespräch teilnehmen musste.

Manchmal fragte ich mich, warum ich noch lebte. Leon versuchte ständig mit mir über mein Problem zu sprechen, aber ich blockte es ab. Er würde es nicht verstehen. Keiner konnte das, der es nicht erlebt hatte. Woher sollten sie es daher begreifen?

Plötzlich rempelte mich jemand von der Seite an und holte mich zurück ins Hier und Jetzt. Sie sprachen über das gestrige Champions League Spiel. Hauke hatte einen Schuss nachgeahmt und mich mit dem Fuß an der Wade getroffen.

Zum Ende der Pause kamen wir auf die Party am Samstag bei Lisa zu sprechen. Sie wurde achtzehn und feierte es.

»Wir glühen bei Hauke vor. Ich hol dich um halb acht ab?« Das war mehr ein Befehl, denn eine Frage von Leon.

»Aye, aye Sir«, gab ich im zackigen Militärgruß zurück.

»Willst du auch kommen?«, fragte Hauke den Neuen. Ich hatte seinen Namen immer noch nicht mitbekommen.

»Klar, schick mir die Adresse und dann werde ich es schon finden.«

Und da war er wieder, der Gong. Immerhin hatten wir jetzt Bio. Das mochte ich. Bio lenkte mich immer ab.

 

 

 

Heute war ein trainingsfreier Tag. Wir hatten im Verein montags, mittwochs und freitags Schwimmtraining und mittwochs zusätzlich Krafttraining. Es war kein großer Verein, bis zu den Deutschen Meisterschaften, geschweige denn Europa- oder Weltmeisterschaften, würde ich es bestimmt nicht schaffen. Allerdings kamen wir bis über die Kreismeisterschaften hinaus. Ich war nicht der Beste, aber auch nicht der Schlechteste. Immerhin so gut, dass ich in den Freistilstaffeln aufgestellt wurde.

Da mich Leon durch den trainingsfreien Nachmittag nicht durch die Gegend schleppte, schnappte ich mir meinen grünen Lieblingspulli, er war warm und kuschelig, zog einen dicken Regenparka und eine Regenhose an und marschierte zum Strand. Ich wohnte an der Nordsee auf einem alten Bauernhof, der am Rande einer Stadt lag. Nicht zu groß, aber auch kein Dorf. Wir hatten immerhin ein eigenes Krankenhaus.

Früher liebte ich diese Jahreszeit. Die Zeit der Stürme, wenn die See wild war. Ich stellte mir vor, wie die Seeungeheuer sich nah an den Strand wagten und man sie sehen konnte. Alte gekenterte Schiffe waren am Horizont zu sehen, die als Geisterschiffe auftauchten und die verlorenen Seelen einsammelten, die die See samt ihren Booten verschlungen hatte.

Es war die Zeit, in der meine Mutter Leon und mir leckere heiße Schokolade kochte. Eine Echte mit Milch, Schokolade und Sahne obendrauf. Nicht dieses Instantzeug mit Wasser, das es überall zu kaufen gab. Im Kamin wurde ein Feuer entfacht und sie hatte uns Geschichten vorgelesen. Es waren gemütliche Sturmnachmittage. Und wenn dann der erste Schnee fiel. Alles wie in Puderzucker getaucht wurde. Oder die Zeit vor Weihnachten, und jeder seine kleinen Geheimnisse mit sich herumtrug und man sich darauf freute, dass endlich Heiligabend war und sie gelüftet wurden. Am nächsten Tag kamen die Nachbarn zu Besuch, um zu quatschen und wir Kinder durften die Geschenke präsentieren.

Früher liebte ich diese Jahreszeit genauso wie die anderen. Jede auf ihre Weise. Doch in diesem Jahr war alles anders. Ich freute mich nicht darauf, auf gar nichts.

Am Strand angekommen, setzte ich mich in den Sand. Es war mir egal, dass er nass war und das es nieselte. Hauptsache, ich war alleine und konnte die See beobachten. Es würde mir auf ewig ein Rätsel bleiben, wie man ohne sie leben konnte.

Es war gerade Flut. Wie einfach es wäre, jetzt aufzustehen, hinein zu gehen und nicht mehr wiederzukommen. Dann wäre ich wieder bei ihm.

Aber ich hatte es noch nicht gemacht. Irgendwo tief in mir schien ein kleiner Lebenswille zu glimmen, der mich davon abhielt, in die Endgültigkeit zu gehen. Was hielt mich hier? In dieser Welt? In der alles nur noch grau und kalt war. In der man mir all meine Freude genommen hatte.

»Hey, was machst du da? Es ist viel zu kalt, um im November schwimmen zu gehen!«, rief auf einmal eine fremde Stimme, die rasch näher kam. Es war, als erwachte ich in dem Moment, schaute mich um und bemerkte erstaunt, dass ich tatsächlich im Meer stand.

Das Wasser schwappte mir bereits um die Oberschenkel. Wann war ich aufgestanden? Wie war ich hierhergekommen? Ich ging wieder zum Strand und der Unbekannte riss mich die letzten Meter zurück. Meine Schuhe waren nass geworden und das Wasser hatte sich einen Weg unter die Regensachen gebahnt. Ich war bis zu den Oberschenkeln nass. Dann schaute ich genauer hin, wer mich aus dem Wasser geholt hatte. Es war der Neue.

»Tobi, richtig?«, fragte er außer Atem. Ich nickte. Unfähig zu sprechen. War ich gerade auf dem Weg gewesen, eine von diesen verlorenen Seelen zu werden?

»Bist du bescheuert oder was? Es ist arschkalt und du spazierst ins Wasser!«, rief er ungläubig. Er betrachtete mich. »Du weinst ja«, bemerkte er da.

Ich griff in mein Gesicht. Tatsächlich. Wann hatte ich denn damit angefangen?

»Okay, ich habe schon mitbekommen, dass du nicht der größte Redner vorm Herrn bist.« Er runzelte die Stirn und schien kurz zu überlegen. »Komm, wir gehen zu mir. Ich wohne in der Nähe. Wollte eigentlich nur die neue Umgebung erkunden. Bei mir ist es warm und du kannst trockene Klamotten anziehen.« Er nahm das Zepter in die Hand. Ich nickte nur wieder. Aus einer Tasche fummelte er ein Taschentuch hervor und reichte es mir stumm. Ich ergriff es und wischte mir die Tränen ab.

Bei ihm angekommen waren wir alleine. Seine Eltern waren beide arbeiten, erklärte er mir. Sie waren Ärzte und hatten im Krankenhaus angefangen. Zur Begrüßung hatten sie die Spätschichten erhalten.

»Wie heißt du eigentlich?«, war das Erste, das ich sagte.

»Florian.«

»Mh.«

Florian kramte ein Handtuch hervor und schlug vor, dass ich eine heiße Dusche nehmen sollte, damit ich wieder auftaute. Das Meer war frostig, und ich zitterte. Er zeigte mir das Bad und ließ mich alleine. Ich zog gerade meine nassen Klamotten aus, als er mit einer Jeans in der Hand wieder kam.

»Hier, wir haben fast dieselbe Größe, die sollte dir passen.« Er legte sie auf dem Toilettendeckel ab und verschwand wieder. Unter der Dusche taute ich auf. Ich war immer noch ganz durcheinander über das, was da am Strand passiert war.

Doch so sehr ich auch versuchte, mich daran zu erinnern, wann ich aufgestanden war und das Wasser betreten hatte, ich konnte keinen Zeitpunkt benennen. Leise liefen mir die Tränen hinunter. Warum konnte das nicht einfach nur ein schlechter Albtraum sein?

Als ich langsam wieder klar denken konnte, fiel mir auf, dass Florian gar nicht gefragt hatte, warum ich geweint oder warum ich im Wasser gestanden hatte. Nicht einmal den Versuch, mich ansatzweise zum Reden zu bringen, hatte er unternommen. Einfach nur von sich hatte er erzählt.

Als ich fertig war, zog ich mich an und suchte das Haus nach ihm ab. Irgendwo musste Florian ja sein. Im Wohnzimmer fand ich ihn. Er schaute eine Serie und lümmelte auf dem Sofa.

»Dankeschön«, brachte ich wortkarg heraus. Er drehte sich zu mir um und lächelte.

»Kein Problem. Hast du Hunger? Ich habe Essensgeld und soll mir eine Pizza bestellen.«

Eigentlich wollte ich gehen. Ich zog meinen Pullover bis über die Nase und sog den Geruch ein, während ich mit mir kämpfte. Florian hatte sich wieder dem Fernsehen zugewandt und dass er mich nicht beobachtete, half mir. Ein bisschen konnte ich noch bleiben. Meine Eltern würden eh nicht vor acht Uhr abends zu Hause sein und essen musste ich auch. Daheim hätte ich mir Käsetoast gemacht.

»Okay. Ich will dir aber nicht auf den Geist gehen«, willigte ich ein, während ich meinen Kopf aus dem Pulli zog.

»Quatsch. Alles gut. Zu zweit essen macht viel mehr Spaß. Setz dich endlich hin und wir schauen, was wir bestellen.«

Ich hockte mich neben ihn und wir einigten uns auf eine große Familienpizza. Er bestellte und wir guckten zusammen die Serie, die bereits lief. Die bestimmt tausendste Wiederholung von How I Met Your Mother. Egal. Ich zog meine Beine an und legte das Kinn auf den Knien ab, während meine Arme die Beine umschlangen. Zwischendurch schaute ich ständig zur Seite, um Florian zu betrachten. Lisa hatte recht, er sah wirklich gut aus. Dunkle Haare, sportliche Figur, braune Augen.

»Du hast mich gar nicht gefragt, warum ich geweint habe«, durchbrach ich nach einer Weile die Stille zwischen uns.

»Du hast deine Gründe. Und wenn du es mir erzählen willst, wirst du es machen«, antwortete er mir schlicht, während er mir in die Augen schaute. Ich blickte nicht weg.

»Haben die anderen dir nichts erzählt von mir?«, hakte ich nach. Wir hielten immer noch Blickkontakt.

»Nein, ich habe auch nicht gefragt. Es ist nicht meine Art, andere über jemanden auszufragen. Entweder erzählt derjenige mir etwas über sich oder er macht es nicht. Ganz einfach.«

Ich quittierte das wieder nur mit einem »Mh«. Dann verfielen wir erneut in Schweigen. Ich drehte mich zum Fernseher. Es war keine unangenehme Stille, so wie es sie oft gab und man das Gefühl hatte, unbedingt etwas sagen zu müssen, da es sonst bedrückend wurde. Wie hatte meine Mutter mal zu mir gesagt: Man muss auch miteinander schweigen können. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

In meine Gedanken hinein klingelte es an der Tür. Florian erhob sich und kam kurz darauf mit dem Pizzakarton wieder. Wir fingen an zu essen.

Da wir beide extra Käse haben wollten, zog sich bei jedem Bissen ein langer Faden von der Pizza bis in unsere Münder. Bei mir hörte das nicht mehr auf. Ich kämpfte mit dem Käsefaden, der immer länger wurde und sich nicht bezwingen ließ. Florian bemerkte es und fing an zu lachen. Irgendwann gab ich es auf, legte das Stück über den Tisch gebeugt zurück in den Karton und zog den Faden mit beiden Fingern auseinander.

»Ich finde das nicht witzig. Der wäre nie gerissen, ich hätte meine Arme bis zum Fernseher ausfahren können. Die Mainzelmännchen tanzten schon fast Ballett darauf«, gab ich schmollend von mir, wandte mich aber dann grinsend Florian zu.

»Bestimmt.« Vor lauter Lachen konnte er nicht sprechen. Und es wurde nicht besser, als bei seinem nächsten Stück der Käse das gleiche Spielchen mit ihm trieb. Nachdem wir satt waren, brach ich auf. Er brachte mich bis zur Tür, wo ich zudem Ersatzschuhe von ihm erhielt. Es war mir zwar ziemlich unangenehm, aber ich mochte auch nicht in meine immer noch klitschnassen Schuhe steigen. Die nassen Sachen packten wir in eine Tüte.

In der Tür drehte ich mich zu ihm um. »Danke für das nicht fragen. Bis morgen in der Schule.«

Er nickte und wünschte mir einen schönen Abend. Dann machte ich mich auf den Weg.

Auf dem Heimweg ließ ich die vergangenen zwei Stunden Revue passieren und stellte fest, dass es mir gefallen hatte, Zeit mit ihm zu verbringen. Wann hatte ich das letzte Mal dieses Gefühl? Keine Ahnung, es war schon länger her.

Als … als Niklas noch lebte. Sofort hatte ich sein Bild vor Augen. Seinen Geruch in meiner Nase. Immerhin hatte ich seinen Pullover an. Erneut suchten die Tränen sich einen Weg in meine Augen. Seit seiner Beerdigung hatte ich nicht mehr geweint. Warum jetzt auf einmal? Wieso fing es wieder an?

 

 

 

 

Kapitel 2

 

Am Samstag holte Leon mich am Abend wie verabredet um halb acht ab und wir fuhren mit dem Fahrrad zu Hauke. Die anderen waren schon da. Wir saßen im Wohnzimmer, verteilt auf Sofa, Stühle und Boden und unterhielten uns. Besser gesagt, alle bis auf meine Wenigkeit. Wie üblich hörte ich nur zu.

Sie sprachen fast nur über Fußball. Die Mädchen fanden das ziemlich langweilig und brachten andere Themen ein. So landeten wir bei der Schule. Sie erzählten von dem aktuellen Weihnachtsstück. Dieses Jahr hatte ich noch nichts davon mitbekommen. Aber es musste wohl dröge werden, wie ich aus den Kommentaren deutete, die ich mitbekam. Ein klassisches Stück ohne Komik.

»Wisst ihr noch, wie Niklas immer die Touristen am Strand nachgemacht hat?«, fragte auf einmal Lasse lachend.

Ich horchte auf. Niklas Name war gefallen. Worüber redeten sie? Ich war mal wieder ganz woanders.

»Oh ja, oder die Tussi. Die hatte er perfekt drauf. Sogar besser als das Original«, kam es von Marie. Sie lachten bei der Erinnerung.

Niklas und seine Parodien. Das konnte er wirklich gut. Aber nicht nur das. Er war in jeder Theater AG und bei allem dabei, das annähernd mit Theater zu tun hatte. Und wenn er nur für die Kulissen zuständig war. Mir huschte ein Lächeln über die Lippen.

»Niklas wollte zum Theater gehen. Er hätte sich jetzt im Winter bewerben müssen«, hörte ich mich sagen und überraschte nicht nur die anderen damit. Gleichzeitig bildete sich ein schmerzhafter Kloß in meinem Hals.

Mit einem Schlag war es ruhig. Sie schauten mich alle mit großen Augen an. Keiner war es gewohnt, dass ich mich an einem Gespräch beteiligte und schon gar nicht über Niklas sprach. Ich musste selbst erschrocken dreingeschaut haben. Die Stille dehnte sich.

»Sorry, Tobi, ich wollte … Das ist mir irgendwie, na ja, raus gerutscht. Tut mir leid«, stammelte Lasse. Sie fühlten sich alle sichtbar unwohl. Ich blickte in die Runde. Das alles nur, weil ich über Niklas gesprochen hatte. Der Kloß drückte immer mehr im Hals, schnitt mir die Luft zum Atmen ab.

»Schon gut. Es ist alles gut. Warum solltet ihr nicht über ihn reden?« Abrupt stand ich auf. Gleich kamen wieder die Tränen.

»’Tschuldigung, ich wollte den Abend nicht verderben«, murmelte ich, aber die Worte klangen so erstickt, dass ich meine Zweifel hatte, ob sie mich verstanden hatten.

Verdammt noch mal. Warum jetzt? Ich eilte zur Toilette, wo ich den Tränen freien Lauf ließ. Wann hörte es endlich auf wehzutun? Hörte es überhaupt auf?

Als ich mich wieder im Griff hatte, wusch ich mir das Gesicht mit kaltem Wasser. Es änderte nichts daran, dass meine Augen rotgerändert waren und brannten. Vielleicht sollte ich nach Hause gehen. Dann würde ich meine Freunde nicht mit meinem Anblick in Verlegenheit bringen.

Nachdem ich aus der Toilette kam, rechnete ich mit Leon, der auf mich wartete, aber jemand anderes hatte ihn wohl davon abgehalten, mir zu folgen. Froh noch einige Minuten für mich zu haben, versteckte ich mich im Flur. Es war ruhig im Wohnzimmer. Ich schlich bis zur Tür und blieb stehen. Sie sprachen leise über mich.

»Es ist fast sechs Monate her, dass Niklas gestorben ist und Tobi ist immer noch so drauf«, hörte ich Matthias sagen.

»Spricht er mit einem von euch über Niklas? Mit mir hat er das seit der Beerdigung nicht mehr. Er redet fast gar nicht mehr«, ertönte Patricias Stimme.

»Er redet mit niemandem. Weder mit mir noch mit seinen Eltern, geschweige denn mit Niklas Eltern. Als sie sein Zimmer ausgeräumt haben, haben sie Tobi gefragt, ob er etwas haben wollte, und er hat sich ein paar Sachen geholt. Niklas Lieblingsklamotten und die Dinge, die er ihm in den zwei Jahren geschenkt hat. Die Sachen bewahrt er in einem Karton in seinem Schrank auf. Er frisst alles in sich rein.« Das war Leon. Mein bester Freund. Er klang traurig und sorgenvoll. Ich wünschte, er würde sich nicht so viele Gedanken um mich machen. Ich kam zurecht.

»Die beiden passten aber auch so gut zusammen. Ich hätte all mein Geld darauf verwettet, dass die beiden sich nie trennen werden. Wir können nicht mehr tun, als weiterhin für Tobi da zu sein.« Das war Marie. Ich lehnte mich gegen die Wand und schloss die Augen. Leider bekam ich nicht mit, dass einer meiner Freunde aufgestanden war. Jemand tippte mir sachte auf die Schulter und ich öffnete die Augen. Florian. Er schaute mich an, Gott sei Dank nicht mitleidig.

Ich hob einen Finger an meine Lippen, um ihm zu signalisieren, dass er nichts sagen sollte. Ich wollte nicht, dass die anderen mitbekamen, dass ich einen Teil des Gespräches gehört hatte. Er nickte verstehend. Seinen prüfenden Blick konnte ich nicht einordnen.

Dann wandte er sich ab, schnappte sich seine Jacke und ging vor die Tür. Ich griff nach meiner und gesellte mich zu ihm. Er steckte sich gerade eine Zigarette an.

»Auch eine?«, fragte er und hielt mir die Schachtel hin. Normalerweise rauchte ich nicht, außer ich hatte Alkohol getrunken. Ich griff nach einer und er gab mir Feuer.

Keiner von uns sprach ein Wort, bis er das Schweigen durchbrach. »Wusstest du eigentlich, dass Weinen gesund ist? Durch die Tränen werden Giftstoffe aus dem Körper geschwemmt und es soll angeblich auch Stress lösen. Es gibt drei Arten von Tränen. Die emotionalen, die basalen und die reflektorischen Tränen.«

Ich schaute ihn ungläubig an. Wir standen hier, rauchten in aller Ruhe eine Zigarette und er fing davon an, wie wichtig Weinen sei. Und Godverdomme, er kannte sich auch noch mit dem Thema aus. Zumindest klang es so.

»Echt jetzt. Kannst du nachlesen«, versicherte er mir nachdrücklich. Warum wusste er so etwas?

»Bist du ein Experte fürs Weinen?«, erkundigte ich mich.

»Nope, aber ich habe das mal nachgeschlagen, weil ich wissen wollte, warum meine Mutter bei Liebesfilmen weint. Ist noch gar nicht lange her«, erklärte er. Ich schaute ihn mit einem zweifelnden Blick an.

»Okay. Auf die Idee, dass das bei solchen Filmen nun mal so ist, bist du nicht gekommen?« Er nickte langsam und seine Augen bekamen einen belustigten Ausdruck.

»Das hätte man mir vielleicht vorher sagen können, bevor ich mich durch die unzähligen Artikel gelesen hatte. Das wurde nämlich auch erwähnt.«

»Sollten wir ein Referat in Bio über das Weinen schreiben müssen, weiß ich auf jeden Fall, wer mein Partner wird«, entgegnete ich. Froh darüber, dass er Niklas nicht ansprach oder dass ich vorhin fluchtartig den Raum verlassen hatte.

»Ich habe gehört, du bist der Nerd im Jahrgang. Kannst du mir bei Chemie helfen? Ich verstehe das nicht.« Florian nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in den Himmel.

»Äh, klar. Mach ich. Ich kann dienstags oder donnerstags nach der Schule.« Anscheinend war bei ihm noch nicht angekommen, dass ich zurzeit nicht auf Gesellschaft stand. Ansonsten hätte er mich nicht gefragt, oder? Abgesehen davon, Nerd? Ich war das genaue Gegenteil eines Nerds, wie ich ihn mir vorstellte: Außenseiter, kaum Freunde und ständig mit der Nase in einem Buch.

»Gut, wie wäre es dienstags bei mir und donnerstags bei dir? Und nur solange, bis ich den Stoff drauf habe«, schlug er mir vor.

Moment, er wollte zweimal die Woche lernen? Reichte nicht einmal? Godverdomme. »Du hast das oder schon gehört? Reicht nicht ein Tag in der Woche?«

»Mir wären zwei schon lieber, damit ich schneller drin bin.«

Ich zog an der Zigarette und blies den Rauch aus. »In Ordnung. Aber nur je eine Stunde.« Das musste reichen. Zu mehr war ich nicht bereit.

»Hier seid ihr. Ich hatte mich schon gefragt, ob ihr beiden einfach abgehauen seid.« Leon war im Türrahmen erschienen. Ich ließ meinen aufgerauchten Stummel auf den Boden fallen und trat ihn aus, genauso wie Florian.

»Also dann dienstags bei mir und donnerstags bei dir eine Stunde nach der Schule.« Mit diesen Worten ging er an Leon vorbei ins Haus. Der schaute mich fragend an. Eine Augenbraue hob sich dabei in die Höhe. Er beherrschte das perfekt. Früher hatte ich ihn dafür beneidet. Mittlerweile war mir das wie so vieles egal.

»Chemie Nachhilfe«, bemerkte ich und schob mich an ihm vorbei zurück ins Haus.

 

 

 

Kapitel 3

 

Florian nahm das mit der Nachhilfe absolut ernst. Am Dienstag fuhren wir nach der Schule direkt zu ihm. Seine Eltern hatten frei und er stellte sie mir vor. Sie waren freundlich, fragten mich viel nach dem Leben hier an der Küste, aber unterließen persönliche Fragen.

Ich schätzte, dass Florian sie vorbereitet hatte und war ihnen sehr dankbar dafür, dass sie auf ihren Sohn hörten. Nachdem wir mit ihnen gegessen hatten, verzogen wir uns nach oben in sein Zimmer.

Überall standen offene, halb ausgeräumte Kartons herum, Bücher und DVDs stapelten sich in den Ecken. Er war noch dabei, sein Zimmer einzurichten. Trotz der Unordnung wirkte es gemütlich.

So einfach Chemie für mich war, für Florian schien das ein Buch mit sieben Siegeln zu sein. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, er verzweifelte völlig darüber. Wir gingen zunächst alles durch, was er bisher in Chemie gelernt hatte und was wir bereits durch hatten, um auf einen Wissensstand zu kommen. Mitten im Schuljahr die Schule zu wechseln, war bestimmt nicht einfach.

»Boah, ich verstehe das nicht. Wozu soll ich das alles wissen?«, fragte er mich in einer kurzen Pause erschöpft und rieb sich mit den Händen übers Gesicht.

»Na ja, du musst dir Beispiele aus dem wirklichen Leben suchen.« Ich überlegte mir ein paar Beispiele. »Deine Eltern müssen über die Zusammensetzung der Tabletten Bescheid wissen, die sie verschreiben. Zusammensetzung von Waschpulver und vieles mehr«, versuchte ich ihm das Thema näher zu bringen.

»Kannst du bitte mit dem Besserwissen aufhören?«, kam es von ihm zurück.

»So wie du mit den Tränen neulich?«, konterte ich.

»Weißt du, ich bin kein Besserwisser, ich weiß es wirklich besser.« Er bemühte sich um ein ernstes Gesicht und nickte dabei, um es zu unterstreichen. Ich lachte laut los.

»Das ist das erste Mal, dass ich dich lachen höre.« Ich stutzte. Tatsächlich, es stimmte. Aber es tat mir in diesem Moment so gut und brachte ein klein wenig der Leichtigkeit zurück, die mich früher immer getragen hatte. Ich wusste gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal richtig gelacht hatte, irgendwann im Sommer war das gewesen.

»Wie du hörst und siehst, bin ich durchaus dazu in der Lage.«

»Schade, dass du nicht öfter lachst. Du hast ein schönes Lachen«, meinte er. Er schaute mich an und lächelte dabei. Verlegen kratzte ich mich am Kopf und blickte aufs Buch.

»Ich denke, wir sollten jetzt weitermachen. Muss gleich los.« Mir war unwohl bei dem Thema. Es war nicht, dass ich nicht gerne lachte, das tat ich früher sehr häufig, allerdings gab es kaum noch etwas, das mich zum Lachen brachte.

»Weißt du, Tobi, ich werde dich nicht fragen, ob du mit mir reden willst, dennoch sollst du wissen, dass ich jederzeit zur Verfügung stehe. Wir kennen uns noch nicht gut, eigentlich gar nicht, aber manchmal ist gerade so jemand der Richtige. Ich wollte nur, dass du das weißt, in Ordnung?«

Ich hörte ihm mit gesenktem Kopf zu und tat so, als ob ich etwas im Buch nachschlagen würde. Mit einem angedeuteten Nicken gab ich ihm zu verstehen, dass ich ihm zuhörte. Ich wollte nicht darüber reden. Keiner von meinen Freunden wird je nachvollziehen können, wie es für mich war. Wie ich mich fühlte. Sie hatten nicht ihren Partner verloren und mussten nur hilflos daneben stehen.

Für sie war Niklas nur ein Freund, mit dem man Spaß haben konnte, für mich war er meine Gegenwart und meine Zukunft. Sie haben ihn die letzten Wochen nicht mehr erlebt, durften es auch nicht.

»Tobi? Tobi, machen wir weiter?« Florian schnipste mit den Fingern vor meinem Gesicht. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich schon wieder mit meinen Gedanken abgedriftet war.

»Äh, ja, natürlich. Also wir sind ungefähr auf demselben Stand wie deine alte Schule.«

Nach einer halben Stunde schlug Florian das Buch zu und sagte mit Verzweiflung in der Stimme, dass jetzt der Moment erreicht sei, wo er nur noch ‚Input overload’ denken konnte.

»Wie ist es für dich in eine neue Klasse zu kommen und dann kurz vor dem Abitur?«, fragte ich neugierig. Das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit überraschte ich mich selbst. Schon lange hatte ich nicht mehr von mir aus gesprochen. Meistens redeten die anderen und ich gab irgendwelche zustimmenden Laute von mir.

»Ist nicht einfach, seine Freunde zu verlassen, aber es gibt ja Gott sei Dank Skype, WhatsApp und Facebook. Es war eine Chance für meine Eltern hier in diesem Krankenhaus und es war eine jetzt oder nie Gelegenheit.« Er schwieg einen Moment, bevor er mich wieder ansah. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ihr mir die Aufnahme so einfach macht. Ihr seid seit Jahren zusammen, habt eure Freundschaften und ich dachte nicht, dass ich schnell Anschluss finden würde.«

»Von wo kommst du noch mal?«

»Essen. Ist schon etwas anderes als diese kleine Stadt hier, wo gefühlt jeder jeden kennt. Aber mir gefällt’s. Es ist übersichtlich. Und hier versteht man es ebenso zu feiern wie in Essen. Langweilig ist es auf jeden Fall nicht.« Er lächelte mir zu.

»Hast du viele Freunde in Essen?«

»Meine Güte für deine Verhältnisse quetscht du mich ganz schön aus«, sagte er lachend und brauchte einen Moment, bis er sich gefangen hatte. Ich fiel mit ein, aber ich wollte mehr von ihm wissen. Ein Umstand, der mich etwas aus der Bahn warf, da ich nicht damit gerechnet hatte. Immerhin war ich doch nur hergekommen, um mit ihm Chemie zu lernen und dann schnell wieder verschwinden.

»Na ja, was heißt viele Freunde. Wirkliche Freunde habe ich nicht viele. Wir waren immer eine Clique von acht Leuten. Mein bester Freund fehlt mir schon sehr.« Er erzählte davon, was sie in Essen gemacht hatten.

Eine weitere halbe Stunde später ging ich nach Hause und stellte mit Erschrecken fest, dass ich, abgesehen von der Schule, nicht ständig an Niklas gedacht hatte. War das ein Fortschritt oder war ich dabei, ihn zu vergessen?

Ich hatte Angst davor, mich nicht mehr an ihn zu erinnern, wie er aussah, wie er roch, wie seine Küsse schmeckten. Ich sehnte mich jeden Tag nach ihm. Bis heute konnte mir noch keiner die Frage nach dem Warum beantworten. Warum er?

 

 

 

Kapitel 4

 

»Zieh, Tobi, zieh.« Ich hörte die Anfeuerungsrufe jedes Mal, wenn mein Kopf aus dem Wasser kam. Es war Sonntag und ich hatte ein Schwimmturnier.

100 m Freistil, meine Paradedisziplin. Die letzten Meter, jetzt noch einmal die Schlagzahl erhöhen und lang machen. Wenn ich richtig sah, hatte ich als zweiter angeschlagen. Was meine Zeit am Ende wert sein würde, stellte sich in fünfzehn Minuten heraus, wenn alles ausgewertet war.

Ich hievte mich aus dem Becken und ging zu meinen Mannschaftskameraden. Dort schnappte ich mir meine Sachen und verschwand in der Umkleide. Ich zog mir eine trockene Badehose und ein T-Shirt an. Als ich wieder in die Halle kam, schlenderte ich in den Besucherbereich, wo Leon direkt auf mich zukam. »Die Ergebnisse hängen bereits. Du bist in deiner Altersklasse vierter. So gut warst du schon ewig nicht mehr.« Freudig zog er mich zu dem Aushang.

Das ging flott dieses Mal mit den Ergebnissen. Allerdings war unser Lauf auch der letzte mit den am schnellsten gemeldeten Trainingszeiten, keine Ahnung, wie ich da reinrutschen konnte. Da stand es schwarz auf weiß: 4. Tobias Leitner.

»Ist doch gut«, war alles, was ich darauf bemerkte.

»Herzlichen Glückwunsch. Gutes Ergebnis?«, hörte ich da eine mir mittlerweile bekannte Stimme hinter mir und ich zuckte innerlich zusammen. Was wollte Florian denn hier? Hoffentlich hatte er keine Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen konnte, so wie beim Lernen, als wir miteinander gelacht und uns unterhalten hatten.

»Jo, das ist nicht schlecht. Jedenfalls für mich. Ich war in letzter Zeit froh, wenn ich überhaupt in den Top Ten zu finden war«, antwortete ich ihm. »Was machst du hier?«

»Ich hatte ihm von dem Wettkampf erzählt. Er fragte, ob du etwas dagegen haben könntest, wenn er sich das Spektakel anschaut«, klärte Leon mich auf.

»Ah«, kam es wieder wortkarg von mir. Ich schaute mich um, ob ich meine Eltern entdecken konnte. Sie wollten versuchen, es zu schaffen. Bis jetzt hatte ich sie nicht gesehen. Wahrscheinlich ließ meine Tante sie nicht gehen. Sie hatte heute Geburtstag und meine Eltern waren zu Kaffee und Kuchen eingeladen.

Dafür entdeckte ich Patricia, Lisa und Marie. Sie kamen winkend auf uns zu. Innerlich verdrehte ich die Augen. Was wollten die alle hier? Das war hier ein Wettkampf und kein Treffpunkt für Verabredungen.

Außerdem hatte ich keine Lust und keinen Nerv darauf, mir mit anzuschauen, wie die drei Mädels um Florian buhlten. Der musste sich wie ein Hahn im Korb vorkommen. Für wen er sich am Ende wohl entschied? Godverdomme, konnten sie ihr Balzverhalten nicht wo anders aufführen und nicht gerade vor meinen Augen?

»Ihr wart noch nie bei einem meiner Turniere. Läuft kein Fußballspiel, bei dem ihr den anderen Jungs hinterher schmachten konntet?«, fragte ich die drei.

»Das könnte jetzt an mir liegen«, fing Florian an, »ich habe Freitag in der Pause erzählt, dass ich herkommen wollte und da haben sie gefragt, ob wir uns nicht hier treffen wollen.«

»Na, ich wünsche euch viel Spaß. Ich habe gleich ein Staffelrennen und gehe wieder zu den anderen.« Bevor ich allerdings los konnte, packte Leon mich am Arm und hielt mich auf.

»Das Staffelrennen ist erst am Ende, sprich um vier. Wir haben es jetzt ein Uhr. Du hast also noch Zeit.« Er zog mich mit zu den Sitzplätzen. Wie immer ging ich ohne Murren mit, wenn Leon so bestimmend war, vor allem, da ich wusste, dass er recht hatte.

»Hey Tobi, wir wollen nachher zu Matthias. Der feiert heute eine Eltern-sind-nicht-zu-Hause-Party und morgen fällt die Schule für die Oberstufe aus. Kommst du mit?«, fragte Patricia. Ich schaute auf und stellte fest, dass sie alle zu mir blickten und auf eine Antwort warteten. Um uns herum wurde es wieder laut, da das nächste Rennen gerade startete und die Schwimmer im Wasser angefeuert wurden.

»Klar kommt Tobi mit. Wir könnten erst Pizza essen gehen und von dort aus direkt zu Matthias«, rief Leon über den Lärm der Menge.

Aber ich wollte gar nicht auf die Party. Nach dem Turnier wollte ich am Friedhof vorbei und meine Ruhe haben. Mir reichte dieser Tag mit den vielen fröhlichen Menschen um mich herum voll und ganz. Das brauchte ich nicht auch noch am Abend.

»Äh, Leon, ich wollte nach Hause«, warf ich ein. »Es ging früh los heute Morgen und ich bin müde«, versuchte ich mich rauszureden, wohlwissend, dass ich am Ende doch auf der Party landete.

»Wirklich?« Leon betrachtete mich. »Du willst nicht mitkommen? Das wird garantiert spaßig. Bei Matthias sind auch einige von einer anderen Schule. Da sind garantiert auch ein paar gut aussehende weibliche Wesen dabei.« Mit einem Seitenblick zu mir und den Mädels fügte er schnell »Und Jungs« hinzu.

Mir war egal, ob da Typen waren. Ich wollte keinen Neuen kennenlernen. Ich wollte meinen Niklas zurück. Aber mir war klar, dass Leon keine Ruhe geben würde, bis ich auf dieser Party erschien. Das war immer so. Ich spürte einen Blick auf mir und sah auf. Florian musterte mich und als sich unsere Blicke trafen, lächelte er mir aufmunternd zu.

 

 

 

Auf der Party hielt ich mich mit dem Alkohol nicht zurück. Schon beim Pizzaessen hatte ich in kurzer Zeit mehrere Biere getrunken.

Jetzt stand ich alleine im Garten. Die Sterne konnten heute gehen, ständig drehten sie sich im Kreis. Während ich sie beobachtete, versuchte ich mir eine Zigarette anzuzünden.

»Soll ich dir helfen?«, kam Florian mir zu Hilfe und zündete die Zigarette für mich an.

»Was mascht du eienlich stänig bei mir?«, lallte ich. Jedes Mal, wenn ich alleine war, tauchte er neben mir auf. »Verfolst du mich?«, brabbelte ich weiter.

»Ich bin halt gerne in deiner Nähe«, antwortete er mir.

»Was’n mit nen Mädschen. Die wolln dich alle ins Bett kriegn«, bohrte ich weiter.

»Och, die interessieren mich nicht. Ich werde hier von allen über alles ausgefragt, aber ob ich auf Mädchen stehe, hat mich noch keiner gefragt. Das wird einfach vorausgesetzt.«

»Etwa nich?«

»Gerade du solltest es doch besser wissen und es nicht einfach voraussetzen.«

Mein alkoholvernebeltes Hirn arbeitete auf Hochtouren, bis es endlich klick machte.

»Du bis wie ich? Das is’n Ding. Da brist du jetz Herzen.« Ich starrte wieder in den Himmel. »Schau mal, die Sterne fliegn.« Ich zeigte mit meiner Hand nach oben auf keinen bestimmten Punkt, da ich des Zielens nicht mehr mächtig war und so sehr schwankte. »Ich muss mich setzn.« Es drehten sich nicht nur die Sterne und ich ließ mich auf den Hintern plumpsen. Ich bekam nur dumpf mit, dass der Boden gefroren war und es wehtat beim Aufkommen.

»Du solltest aufstehen. Der Boden ist kalt und du könntest krank werden«, versuchte Florian mich auf die Beine zu kriegen. Er griff mir unter die Arme und zog, aber ich machte mich extra schwer.

»Versprichst du mir, dass ich sehr doll krank werde? Dann dauert es stimmt nich mehr lang, bis ich wieder bei Niklas sein kann. Da oben im Himmel. Irgendwo da is er jetz.«

»Hör auf mit dem Gerede Tobi. Komm, steh’ auf.« Florian gab den Versuch nicht auf, mich auf die Beine zu bekommen.

»Nein, Flo, ich kann nich.« Ich ließ mich auf den Rücken fallen und zog genüsslich an meiner Zigarette. Dann war Stille, nur das Knistern der Glimmstängel war zu hören. Der Himmel drehte sich immer weiter.

»Wenn du schon auf dem Boden liegen willst, dann leg wenigstens diese Decke dazwischen. Ich lege die neben dich, du musst nur ein paar Zentimeter weiterrutschen.« Florian redete auf mich ein und ich tat ihm den Gefallen. Er hatte mir eine Daunendecke besorgt, setzte sich mit darauf und beobachtete mich, während ich auf dem Rücken lag und den drehenden Himmel betrachtete. Ganz sachte begann mein Magen gegen den Alkohol zu revoltieren.

»Niklas und ich habn im Sommer immer am Strand glegen und Wolken geschaut. Und dann habn wir uns gefragt, wer da auf uns guckt. Einmal war er fel, felse, also er war überzeugt, dass auf ner großn Wolke Hitler, Schtalin und Mossulin, nee, Muslin, nee …«

»Mussolini«, half Florian mir weiter.

»Ja, gnau der, saßn und Skat gspielt haben.« Ich lachte bei der Erinnerung. »Und Mao saß aufn der Nebenwolke und hat eifersüchtig zucheschaut.« Die Zigarette war aufgeraucht und ich versuchte sie wegzuschnipsen, was nicht so recht gelang. Florian rettete die Decke vor einem Brandfleck. Dabei beugte er sich über mich und kam mir nahe.

Als er wieder zurückwollte, rutschte er mit dem abstützenden Arm ab und landete auf mir. Jetzt lachte ich laut über seine Tollpatschigkeit. Meine Hände klatschten sachte auf seinen Rücken, der durch seine dicke Winterjacke geschützt war. Florian rappelte sich wieder auf. »Sehr witzig.« Erst klang er beleidigt, lachte dann aber mit.

Ich erinnerte mich daran, wie Niklas und ich immer miteinander gerauft hatten im Bett, um uns gegenseitig zu ärgern. Meistens endete es mit einer Knutscherei, in der der Untenliegende sich ergeben hatte. Plötzlich liefen mir die Tränen über die Wangen.

»Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab? Das hat er mir zum ersten Jahrestag geschenkt. Kennst du das Büchlein?«, fragte ich Florian mit tränenerstickter Stimme. Mit einem Schlag fühlte ich mich nüchterner als ich war. Er hörte auf zu lachen.

»Ja, das kenne ich«, antwortete er leise und wischte liebevoll mit einer Hand meine Tränen fort. Ich blickte zu ihm. Er drehte sich auch, aber nicht so schlimm wie der Himmel.

»Wie seid ihr zusammengekommen, du und Niklas?« Seine Stimme war immer noch leise. Ich schaute ihn an, brauchte ein paar Minuten, um die Worte beisammen zu haben und sprechen zu können. Wahrscheinlich dachte er, ich würde nicht mehr antworten, als ich meinen Kopf drehte, um wieder in den Himmel zu schauen.

»An Silvester vor drei Jahren«, begann ich flüsternd. Meine Tränen liefen immer noch langsam. Warum musste ich so viel weinen in letzter Zeit? Ich hatte in fünf Monaten kaum Tränen vergossen.

»Wir hattn bis wenige Wochen vor Silvester nichs mitnander zu tun. Er war inner andern Klasse und wir warn alle immer für uns. Dann warn unsere Klassn zusamm im Museum. Wir mussten immer kleine gemischte Gruppen bilden und warn zusammen inne Gruppe. Sofort merkten wir, dass wir auf ner Welle warn. In den nächsten Wochen warn wir viel gmeinsam unnerwegs. Irendwann stellte ich erschrocken fest, dass ich ihn küssen wollte.«

Hier hielt ich kurz inne und ließ den Museumsbesuch und die darauf folgenden Tage und Wochen an meinem inneren Auge vorbeiziehen. »Ihm gings genauso und an dem Silvester hattn wir beide getrunken, uns rausgeschlichen von der Party, so wie wir jetzt. Allerdings in sein Zimmer, wir habn bei ihm gefeiert und da habn wir uns das erste Mal geküsst.« Wieder kurze Stille. Mit einem Finger fuhr ich über meine Lippen. Versuchte, dem Gefühl des Kusses nachzuspüren. »Ein paar Wochen habn wir das geheim gehalten, aber irjendwann nervte Leon uns, warum wir nur noch allein sein wolltn und da haben wir es ihm erzählt. Bald wussten es alle.«

Ich hatte aufgehört zu weinen. Florian hatte meine Wangen mit seinen Fingern getrocknet, es war mir nicht mal aufgefallen, weil er so sanft drüber gestrichen hatte.

»Heute vor drei Jahren war der Ausflug. Ich vermisse ihn so sehr, dass es wehtut. Körperlich wehtut. Ich vermisse es, ihn zu berühren, ihn zu küssen, zu umarmen. Aufzuwachen und seinen Körper zu spüren. Mit ihm zu reden, zu lachen und zu schweigen.« Erneut suchten die Tränen sich ihren Weg. Florian lag neben mir, hörte sich das alles an und sagte nichts. Stattdessen hielt er meine kalte Hand. Zu allem Überdruss fing meine Nase an zu laufen und ich hatte kein Taschentuch dabei.

»Ich will nach Hause, in mein Bett. Ich friere fürchterlich, meine Augen brennen und ich will den Pullover anziehen«, flüsterte ich und setzte mich auf. Dabei wurde mir schwindelig. Immerhin hatte die Umgebung aufgehört, sich zu drehen.

Florian erhob sich und half mir. »Ich bring dich nach Hause. So kommst du nicht heile an.« Ich nickte nur und nachdem er die Decke weggebracht hatte, kam er zurück und wir gingen los. Mein Magen mochte den Positionswechsel gar nicht und wir mussten kurz anhalten.

Florian gab mir Halt und mir war das Ganze unsäglich peinlich. Auf dem gesamten langen Heimweg entschuldigte ich mich bei ihm.

 

 

 

 

Kapitel 5

 

»Hey, Tobi, aufwachen. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«, hörte ich Leon neben mir. »Hier riecht’s wie in einem Schnapsladen. Wach endlich auf!« Er zog die Jalousien hoch und öffnete das Fenster. Frische kalte Luft strömte ins Zimmer. Ich war trotzdem bewegungsunfähig. Meine Augen waren wie zugeklebt. Mit viel Anstrengung bekam ich eines auf. Sofort durchströmte Schmerz meinen Kopf, als ob ein Blitz eingeschlagen hätte.

Oh meine Güte. Allmählich fiel mir wieder ein, dass ich gestern getrunken hatte. Eventuell etwas zu viel. Ich bewegte mich ganz vorsichtig. Meine Zunge war pelzig und der Geschmack im Mund eklig. Die Erinnerungen an letzte Nacht waren in einem großen schwarzen Loch verschwunden.

»Na los, jetzt wach auf. Geh dich duschen, Zähne putzen, anziehen und dann machen wir einen Spaziergang am Strand.« Leon konnte ziemlich nerven, wenn er wollte.

Ich gab ein unverständliches Brummen von mir. »Aspirin«, war das erste Wort, das ich formen konnte.

»Du warst gestern ziemlich betrunken«, sagte Leon mit einem Lachen.

»Nicht so laut«, murmelte ich. Schmerz, Schmerz, Schmerz.

»Wie bist du überhaupt heile nach Hause gekommen?«, fragte er.

Ja, wie war ich hier gelandet? Es hatte mir jemand geholfen, glaubte ich mich zu erinnern. Lag ich nicht im Garten? Da war noch eine Person. Genau, Florian.

»Florian«, mehr war ich nicht in der Lage zu sagen. Und dann kam eine weitere Erinnerung. Oh nein, ich hatte mich nicht wirklich übergeben, während er mich gehalten hatte, oder? Der Geschmack im Mund war jedenfalls der Meinung.

»Oh nein«, entfuhr es mir entsetzt. Ich richtete mich schnell auf. Au, das hätte ich nicht tun sollen. Mit beiden Händen griff ich an meinen Kopf. Mein Magen war sich zurzeit noch nicht sicher, ob er den Rest des kaum vorhandenen Inhaltes loswerden wollte oder ob es letzte Nacht gereicht hatte.

»Was ist los? Warum klingst du so entsetzt?« Leon grinste mich an.

Ich schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Meine Sinne waren noch nicht alle zusammen.

»Na los, erzähl’ schon. Was ist passiert? Habt ihr rumgemacht?«, bohrte er neugierig nach. Jetzt blickte ich ihn mit einem hoffentlich abschätzigen Blick an, zumindest versuchte ich es.

»Nein, natürlich nicht. Was für ein dämlicher Gedanke.«

»’Tschuldigung, aber du stehst auf Jungs, er steht auf Jungs. Warum die Mädels das noch nicht mitbekommen haben, ist mir echt ein Rätsel. Außerdem seid ihr beide Single, und ein bisschen Spaß steht ja wohl jedem zu«, klärte er mich auf.

»Woher weißt du, dass Florian schwul ist?«, hakte ich genervt nach. Würde ich überhaupt jemals wieder jemanden nahe sein, um mit ihm zu knutschen geschweige denn mehr zu machen?

»Wenn er gewollt hätte, könnte er an jedem Finger eine haben. Hat er aber nicht«, setzte Leon an und ich barg meinen Kopf in meinen Händen. Vielleicht konnte ich ihn so vor dem Schmerz schützen.

»Ich habe mitbekommen, wie er gestern Abend mit einem Jungen aus der anderen Schule geflirtet hat. Abgesehen davon ist mein bester Freund schwul, also habe ich damit Erfahrung«, beendete er seine Ausführungen.

Eine Erinnerung blitzte auf. Er erwähnte, dass alle davon ausgingen, er sei hetero. Aber keiner hatte ihn gefragt, ob das so sei.

»Was ist so schlimm daran, dass du so entsetzt reagierst?«, fragte Leon mich und zuckte mit den Schultern.

Ich legte die Ellenbogen auf den angewinkelten Beinen ab. Das war definitiv bequemer, als die Arme die ganze Zeit für den Kopf hochzuhalten. Oh, meine Güte war das hell. Ich schaffte es kaum, meine Augen offenzuhalten.

»Aspirin«, forderte ich nochmals. Leon seufzte, entfernte sich und kam kurze Zeit später mit zwei Tabletten und einem Glas Wasser wieder. Wie gut, dass er sich bei uns genauso gut auskannte wie ich bei ihm zu Hause.

Er gab mir beides, ich legte die Aspirin auf meine Zunge und leerte das Glas mit einem Zug. Flüssigkeit war doch etwas Tolles. Das leere Glas hielt ich Leon mit der stummen Aufforderung hin, es nochmals zu füllen. Er kam der Forderung nach, hatte er doch die Wasserflasche mitgebracht. Schlaues Kerlchen. Ich trank noch ein weiteres Glas Wasser leer.

»Kannst du es mir jetzt erzählen?« Er schmunzelte.

»Ich glaube, ich habe ins Gebüsch gekotzt und Florian hat mich gehalten, weil ich sonst gefallen wäre.« Laut ausgesprochen war das sogar noch peinlicher. Leon lachte laut los. Er kriegte sich nicht mehr ein. Da Leon es sich auf dem Fußende meines Bettes bequem gemacht hatte, wackelte jetzt die ganze Matratze.

»Du warst nie so betrunken. Normalerweise hast du uns immer alle nach Hause gebracht.«

»Ich freue mich sehr, zu deiner Erheiterung beitragen zu können, aber kannst du das bitte etwas leiser machen? Die Aspirin wirken noch nicht«, knurrte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er hatte recht. Ich trank zwar Alkohol, aber ich wusste bisher immer, wo meine Grenze war. Niklas hatte sich hin und wieder so betrunken, dass er einen Filmriss hatte.

Dann fiel mir ein zu schauen, was ich überhaupt anhatte. Bis auf die Boxershorts war ich nackt. Suchend schaute ich mich im Zimmer um und entdeckte, dass meine Sachen ordentlich zusammengelegt auf dem Schreibtischstuhl lagen. Hatte Florian mich etwa bis ins Bett gebracht und mich ausgezogen? Oder hatte meine Mutter sich erbarmt? Godverdomme, ich hatte noch nie einen Filmriss.

Ich zog die Bettdecke fester um mich, da es kalt wurde. War da nicht auch etwas mit einer Decke letzte Nacht? Ich wusste es nicht mehr. Das Nachdenken strengte an. Der Kopf schmerzte trotz der zwei Aspirin immer noch.

»Hör auf zu lachen und mach das Fenster zu«, nörgelte ich.

»Dat klöönt in d’ Jopp de Suupkopp un de olle Buck«, zitierte Leon ernst, allerdings zuckte es um seine Mundwinkel. Er war jedoch so gnädig und schloss das Fenster.

»Na los jetzt, es ist mittlerweile halb drei. Lass uns spazieren gehen. De Sünn schient so fein«, drängte er mich. War der ekelhaft gut drauf, wenn er sogar Plattdütsch schnackte.

Ich ließ einen tiefen Seufzer der Verzweiflung los, erhob mich und trottete ins Bad. Zumindest hatte Leon den Anstand, mich hier nicht weiter zu nerven. Unter der Dusche versuchte ich, den Abend zu rekonstruieren. Mit geschlossenen Augen stand ich unter der Brause und ließ das Wasser auf mich prasseln. Ich hatte auf jeden Fall über Niklas gesprochen. Das wusste ich noch. Aber was? Und meinen brennenden und geschwollenen Augen nach zu schließen, hatte ich geweint. Oh Gott, hatte ich Florian etwas vorgeheult?

»Bist du wieder eingeschlafen oder warum brauchst du so lange zum Duschen?«, rief Leon draußen vor der Tür und klopfte ungeduldig dagegen. Noch nicht mal dafür ließ er mir Zeit. Ich verdrehte die Augen und griff nach dem Shampoo.

»Ich mach ja schon«, bellte ich zurück.

 

 

 

Keine halbe Stunde später waren wir unterwegs.

»Oh Mann, Tobi, nu aber man tau. Clock fiev word dat düster.« Leon klang langsam genervt. Wir waren mittlerweile fast am Strand angekommen. Mein Kopf schmerzte immer noch und alleine der Gedanke an Essen brachte meinen Magen in Aufruhr. Die frische Luft war da nicht hilfreich meiner Meinung nach.

Warum war Leon nur so gut drauf? Und wieso musste er mich mitschleppen? Hatte er keinen anderen, mit dem er am Strand entlanglaufen konnte?

Leon war stehen geblieben, und als ich aufschloss, passte er sich meinem Schritt an.

»Jetzt weißt du, wie es uns geht, wenn wir zu viel getrunken haben. Vielleicht machst du dich nicht mehr über uns lustig.«

»Als ob ich das je gemacht hätte«, erwiderte ich nur.

Ich schaute zum Meer. Seit dem Tag, als Florian mich aus dem Wasser geholt hatte, war ich nicht mehr hier gewesen. Was wäre wohl passiert, wenn er nicht spazieren gegangen wäre? Hätte ich es bis zum Ende durchgezogen? Wahrscheinlich nicht. Ich wusste es nicht.

»Ich muss mit dir reden«, riss Leon mich aus meinen Gedanken.

Deswegen waren wir hier. Wichtige Dinge erzählte er mir immer am Strand. Hätte ich mir denken können.

»Okay. Solange es nicht mit mir zu tun hat.« Ich hatte keinen Nerv auf einen neuen Versuch seinerseits mit mir über Niklas zu reden. Oder das die Zeit alle Wunden heilt.

»Es geht nicht immer um dich. Die Welt dreht sich weiter«, entgegnete er mit einem schärferen Tonfall. Überrascht schaute ich ihn an. So hatte er seit Monaten nicht mehr mit mir geredet, seitdem Niklas krank geworden war.

Er fuhr fort. »Es geht um mich. Ich will es dir selber sagen, bevor du es von jemand anderen erfährst.«

Was kam jetzt? Zog er weg? Oh nein, war er etwa krank? Die Gedanken schwirrten mir durch den Kopf.

Leon schien mein erschrockenes Gesicht gesehen zu haben. »Es ist nichts Schlimmes. Keine Sorge«, meinte er schnell und lächelte mich beruhigend an.

Gut, das hätte ich nicht ertragen können. Auch wenn ich nicht mit ihm über Niklas sprechen wollte, ihn konnte ich nicht auch noch verlieren.

»Es ist sogar ein erfreulicher Grund«, setzte er wieder an. »Vor Kurzem habe ich jemanden kennengelernt und, na ja, wir verstehen uns sehr gut und mögen uns. Du bist mein bester Freund und sollst es als Erstes erfahren. Seit einer Woche bin ich kein Single mehr.«

Ich zog meine Augenbrauen hoch und sah ihn mit großen Augen an. Hatte er eine Freundin? Wann hatte er sie getroffen? Musste ich mir jetzt etwa ständig anschauen, wie sie sich anhimmelten? Himmel Herr Gott, das ertrage ich nicht.

Ich war stehen geblieben. Leon ebenfalls und beobachtete mich. Ich musste etwas sagen, er wartete. Aber was?

»Das ist doch schön, oder nicht?«, brachte ich heraus. Na toll, bestimmt nicht das, was er erwartet hatte.

»Hör mal, Tobi, ich weiß, es ist nicht einfach für dich, wegen Niklas. Aber deswegen hält die Welt nicht an.« Er flüsterte. Ich rang mir ein Lächeln ab und blickte ihn an.

»Auch wenn ich nicht danach aussehe, aber ich freue mich für dich. Wirklich. Du hast es verdient, eine Freundin gefunden zu haben. Du musst dich für nichts bei mir entschuldigen.«

Er lächelte zurück. »Sehr schön.«

Wir gingen wieder weiter. Eine Weile wanderten wir schweigend nebeneinanderher. Immerhin wusste ich endlich, warum er so gute Laune hatte.

»Wer ist denn die Glückliche, die sich mit mir meinen besten Freund teilen will?«, fragte ich ihn. Er fing an zu strahlen, es hatte ihn echt erwischt.

»Conny, also Cornelia aus der anderen Schule. Wir haben uns auf dem Sportplatz kennengelernt. Vor drei Wochen«, antwortete er glücklich.

»Wann lerne ich sie kennen?«

»Sobald du willst. Wahrscheinlich aber schon morgen nach der Schule. Sie hat früher aus und wollte zu uns kommen.«

»Gut.«

Wir gingen weiter. Leon erzählte mir die Geschichte und ich versuchte, ihm aufmerksam zu lauschen. Mir war nicht ein Fitzelchen aufgefallen. Weder, dass er in den letzten Wochen verliebt gewirkt hatte, noch dass er seine Zeit nicht mehr häufig bei mir verbrachte. Was war ich nur für ein Freund? Zumindest einer, der mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hatte. Aber das machte es nicht besser und das schlechte Gewissen machte sich in mir breit. Doch ich konnte nicht aus meiner Haut und zurzeit war es so schwierig, auf andere Menschen zu achten.

Nach fast einer Stunde machten wir uns auf den Heimweg. Es ging mir besser, die frische Luft war doch nicht so schlecht gewesen wie gedacht.

 

 

 

Auf halbem Weg verabschiedete sich Leon, da sein Zuhause näher war als meines und es einen Umweg für ihn bedeutet hätte.

Ich dachte erneut krampfhaft über die letzte Nacht nach. Auch wenn es mir peinlich war, war es doch besser, als mir die ganze Zeit vorzustellen, wie weh es tun würde, Leon mit Conny zu sehen. Das meiste blieb in einem großen schwarzen Loch verschwunden. Kurz überlegte ich, Florian zu fragen, was passiert war, verwarf es allerdings wieder. Ich schämte für die letzte Nacht und wollte am liebsten auch den letzten Rest aus meinem Gedächtnis streichen.

Als ich aufblickte, stand ich vor Florians Tür. Meine Füße hatten mich von alleine hierher getragen. Sollte ich klingeln? Wenn ich mit ihm redete, wüsste ich wenigstens, was passiert war. Warum nur musste ich so abstürzen? Ich streckte den Arm zur Klingel aus. Der Finger verharrte vor dem Knopf. Nur wenige Millimeter. Na los, trau dich, sprach ich mir Mut zu. Ich atmete einmal tief ein. Dann überwand mein Finger den Abstand und drückte drauf. Es dauerte nur eine Minute, bis die Tür geöffnet wurde. Florian war es selbst.

»Hey«, begrüßte er mich überrascht. Wahrscheinlich war ich der Letzte, mit dem er gerechnet hätte.

»Hey«, flüsterte ich. Beschämt blickte ich zu Boden. Einer meiner Füße scharrte einen imaginieren Stein hin und her. Am liebsten würde ich in dem vielgerühmten Loch verschwinden, das nie zur Stelle war, wenn man es gebrauchen konnte.

»Willst du nicht reinkommen? Ist kalt draußen«, durchbrach er die entstandene Stille. Er trat beiseite und ich ging an ihm vorbei. Im Flur zog ich meine schmutzigen Schuhe und die Jacke aus.

»Wollen wir in mein Zimmer gehen?

---ENDE DER LESEPROBE---