Der Welten-Express 1 (Der Welten-Express 1) - Anca Sturm - E-Book

Der Welten-Express 1 (Der Welten-Express 1) E-Book

Anca Sturm

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Beschreibung

*** Eine atemlose Reise, angetrieben von Kohle, Dampf ... und Magie! Willkommen im WELTEN-EXPRESS! *** BAND 1: Nacht für Nacht sitzt die schüchterne Flinn Nachtigall am stillgelegten Bahnhof von Weidenborstel, dem Ort, wo zwei Jahre zuvor ihr Bruder verschwand. Bis eines Abends ein Zug herbeirollt, mit einer gewaltigen, rauchspuckenden Lokomotive. Und Flinn ... ... stürzt als blinde Passagierin in das Abenteuer ihres Lebens! Denn der Zug ist der Welten-Express, ein fahrendes Internat voller außergewöhnlicher Kinder, angetrieben mit magischer Technologie. Ein Ort, in dem Flinn Freunde findet – und Feinde. Denn der Welten-Express birgt mehr Geheimnisse, als sie sich je hätte träumen lassen ... *** Die Reise beginnt: Der erste Band einer fantastisch-zauberhaften Trilogie über Freundschaft, Liebe und Abenteuer mit jeder Menge Spannung und Magie für Mädchen und Jungen ab 11 Jahren *** Für Fans von "Harry Potter" und "Der Goldene Kompass" ***  

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Copyright © by Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2018

Umschlagillustration: Bente Schlick

Umschlaggrafik: formlabor

Layout und Herstellung: Constanze Hinz

Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde

978-3-646-92958-4

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PROLOG

 

Zu einer Zeit, als die Märchen zu Metall wurden und Fabriken sich übers Land erhoben, lebte ein kleiner, aber außergewöhnlicher Junge in sehr, sehr armen Verhältnissen. Zu seinem Glück besaß er drei Dinge: Tapferkeit, Tatendrang und Talent. Er wurde zum Erbauer der ersten Eisenbahn und lebte glücklich bis an sein Lebensende.

So zumindest steht es in den Geschichtsbüchern.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn so erfolgreich er am Ende auch war, er vergaß nie, wie es sich anfühlt, außergewöhnlich talentiert, aber furchtbar arm zu sein und deshalb keine Chance zu haben. Daher beschloss er, eine Schule zu gründen für all diejenigen Kinder, deren Potenzial der Welt verloren zu gehen drohte.

Weil er sich aber mit den Schulregeln keines einzigen Landes anfreunden konnte und weil er es schrecklich fand, die ganze Schulzeit lang nur ein und dieselbe Stadt zu sehen, beschloss er, dass die Schule sich bewegen und nirgendwo zu Hause sein sollte. Oder vielmehr: überall.

Und kein Außenstehender sollte jemals von dieser Schule erfahren, damit ihre Schüler in Sicherheit und Freiheit leben konnten.

Wer hätte so etwas bauen können, wenn nicht er, mit seinem wirklich äußerst außergewöhnlichen Talent? Denn außer seiner Tapferkeit und seinem Tatendrang besaß er noch eine Fähigkeit – ein Geheimnis, so groß wie die Welt: In seinen Adern floss Magie, pur wie flüssiges Gold.

Im Geheimen entwarf er also eine Dampflok mit vierundzwanzig Waggons – ein magischer Zug, so einzigartig wie die Schüler, die er beherbergen würde. Und weil der Zug jedes Land auf jedem Kontinent der Welt befahren sollte, nannte er ihn den

WELTEN-EXPRESS.

DER WELTEN-EXPRESS – DIE WAGENREIHUNG:

 

Lok

1.Lagerwagen

2.Gepäckwagen

3.Hausmeisterwagen

4.Küchenwagen

5.Speisewagen

6.Teebar

7.Bibliothek

8.Unterrichtswagen „Heldentum“

9.Unterrichtswagen „Strategie & Zuversicht“

10.Unterrichtswagen „Benehmen“

11.Studierwagen

12.Studierwagen

13.Aufenthaltswagen der Pfauen

14.Clubwagen

15.Schlafwagen der Pfauen (Mädchen)

16.Schlafwagen der Pfauen (Mädchen)

17.Schlafwagen der Pfauen (Jungen)

18.Schlafwagen der Pfauen (Jungen)

19.Aufenthaltswagen des Personals(mit Lehrerzimmer, Krankenzimmer, Pausenraum)

20.Direktoratswagen

21.Schlafwagen der Lehrer

22.Schlafwagen des Personals

23.Letzter Waggon

24.Aussichtswagen

 

182 Jahre später, im Hier und Jetzt.

Mit ihrem Namen fing es an: Flinn Nachtigall war kein typisches Mädchen. Sie hatte einen dieser sonderbaren Namen, den Mädchen und Jungen gleichermaßen tragen können, so wie Charlie oder Puck.

„Hätte ich dir doch nur einen anderen Namen gegeben“, klagte ihre Mutter oft, als wäre ihr Name daran schuld, dass sie so anders war. „Irgendetwas Normales wie Isabelle oder Laura.“

Aber Flinn wollte keine Isabelle oder Laura sein. „Isabelles mögen Pferde und alles, was rosa ist“, sagte sie dann, „und Lauras gehen immer zu zweit aufs Klo.“

Es schien nur diese zwei Möglichkeiten zu geben für ein Mädchen in ihrem Alter. Es gehörte sicher nicht dazu, altertümliche Wörterbücher zu lesen oder Bumerangs zu benutzen. Aber wenn man wie Flinn mitten im Nirgendwo wohnte, in einem einsamen, alten Haus auf dem Land, hatte man nicht viele Möglichkeiten, sich mädchenhaft zu benehmen.

Da half es auch nichts, dass sie jeden Morgen zwei Stunden mit dem Bus zur Schule fuhr. Denn aufstehen zu müssen, während ihre Klassenkameraden noch schliefen, hatte ihr nur dunkle Augenringe und damit blöde Scherze über ihren Nachnamen eingebracht.

Gerade war Flinn ziemlich aufgewühlt, denn die Sommerferien waren erst seit drei Wochen zu Ende und sie hatte sich in der Schule schon zehn lahme Witze anhören müssen, angefangen bei „Nachtigall, ich hör dich trapsen“ bis zu „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!“.

„Eine für meinen Namen!“, sagte Flinn und schleuderte ihren Bumerang mit einer gezielten Bewegung über das Feld hinter dem Haus. Das gebogene Holzstück surrte davon und fegte eine rostige Metallbüchse vom Zaun, ehe es in hohem Bogen wieder zurück zu Flinn flog. Mit einem lässigen Sprung fischte sie den Bumerang aus der Luft.

Es war später Nachmittag, die Sonne stand tief über den Feldern und das einzige Geräusch weit und breit war das metallische Knallen, wenn Flinn eine weitere Dose zu Boden schoss.

„Eine für die Aasgeier“, sagte sie und zielte mit zusammengekniffenen Augen auf die nächste Blechbüchse. Aasgeier war ihre Bezeichnung für all jene Leute, die jeden, der nicht durchschnittlich war, auf hundert Meter witterten. Vor allem für ihre Mitschüler.

Flinn blieb in der Schule, diesem großen klinkerverputzten Kasten, stets allein. In Fräulein Schlechtfelds Haus für Wohlergehen ging es ihr nie wirklich wohl. Sie war es gewohnt, dass ihre Mitschülerinnen in einer Ecke saßen und unüberhörbar über ihr Äußeres herzogen: über das kupferfarbene Haar, das schulterlang war und immer ein wenig zerzaust, denn Flinn sah nicht ein, warum sie es jeden Morgen – jeden! – kämmen sollte. Oder über ihr blasses Gesicht mit den hellen Sommersprossen. Oder über ihre müden Augen, die oft so ausdruckslos dreinblickten, dass noch niemand bemerkt hatte, von welch funkelndem Bernsteingold sie waren. (Zumindest hoffte Flinn, dass es Bernsteingold war und nicht Lehmbodenbraun.)

„Dann freunde dich halt mit den Jungs an“, sagte ihre Mutter, wenn Flinn sich zu Hause darüber beklagte. Sie hatte keine Ahnung davon, dass Jungs in der Schule grundsätzlich nicht mit Mädchen reden – und mit Flinn schon gar nicht. „Pass dich ein bisschen an!“

„Ich bin doch kein Chamäleon“, murmelte Flinn empört und schleuderte ihren Bumerang auf eine weitere Dose. Ein paar Kolkraben flatterten erschrocken auf, als die Büchse scheppernd im Getreidefeld landete.

Flinn war nicht gut im Anpassen. Sie war weder Prinzessin noch Wildfang. Sie war irgendwas dazwischen. Ein Mädchen, das sich zwar nicht dreckig machen wollte, aber im Sommer wie Winter weite Holzfällerhemden und klobige Boots trug. Ein Mädchen, das ganze Wörterlisten im Kopf speicherte und am Ende doch nur die Schlagfertigkeit eines Stummfilmdarstellers besaß.

Sie war ein Mädchen, das zwar gern ein Junge gewesen wäre, sich aber zu Tode schämte, wenn sie für einen gehalten wurde. Das geschah oft, denn Flinn war hoch aufgeschossen und schmal für ihr Alter. In der siebten Klasse der Fräulein-Schlechtfeld-Schule waren alle Mädchen dicker als sie.

Lückenfüller, so hatte ihr großer Bruder Jonte sie früher genannt.

Aber das war lange her. Ohne ihn war es kaum auszuhalten, irgendwo zwischen den Fronten zu stecken, im Niemandsland.

Sich einzubilden, wie ihr Leben verlaufen würde, wenn Jonte noch hier wäre, ihre Familie reicher, ihre Mutter glücklicher, das war das Einzige in ihrem Alltag, was nicht nur trostlos war, sondern auch ein bisschen gut.

„Und noch eine“, sagte Flinn, „für Jonte!“

Weil er ihr so fehlte. Weil er nur noch eine Erinnerung war, fast schon so verblichen wie die Etiketten auf den Metallbüchsen.

Zwei Jahre konnten eine verdammt lange Zeit sein, wenn man versuchte, nicht zu vergessen, wie die Stimme von jemandem geklungen oder wie sich seine Umarmung angefühlt hatte.

„Du könntest wenigstens auf die Flugenten zielen“, sagte ihre Mutter jedes Mal, wenn sie Flinns Künste mit dem Bumerang beäugte. „Das wäre ein billiges Festmahl.“

Als ob Flinn je auf ein Tier anlegen würde! Sie zielte am liebsten auf die Dose mit der Aufschrift Entenragout.

Peng!

Wie immer ein sauberer Wurf. Sehr sauber sogar.

Aus reiner Gewohnheit drehte Flinn sich zum Haus um. Es war ein großes, altes Ungetüm mit sieben schäbigen Zimmern und einer Veranda aus Holz. Mit seinem Wild-West-Charme wirkte es völlig fehl am Platz hier im Norden Deutschlands.

Flinn fühlte sich in den niedrigen, breiten Räumen stets so klein und unbedeutend wie eine Maus zwischen den Dielen. Durch die offene Hintertür sah sie ihre zwei jüngsten Brüder in der Küche auf den Stühlen herumklettern. Sah ihre Mutter mit ihnen schimpfen. Sah Jannik, ihren dritten Bruder, auf dem Sofa rumhängen und wahrscheinlich irgendeine Castingshow gucken. Flinn seufzte. Es war niemand mehr da, den ihre Wurfkünste hätten beeindrucken können. Wie auch? Das hier war ein altes Haus, zwei Kilometer und mehrere verfallene Scheunen entfernt von Weidenborstel – ein Ort, der nach Jontes Meinung genau so aussah, wie er klang.

Andererseits standen in Weidenborstel sechs neu verputzte Dorfhäuser um einen frisch angelegten Weiher. Flinn war sich sicher: Dort gab es selbst gemachte Marmelade zum Frühstück und die Familien wohnten gern auf dem Land. Kein Wunder, denn bei ihnen blühten Rosenbüsche und Kraniche nisteten in der Nähe. Hier aber, vier Felder davon entfernt, gab es genau fünf missmutige Einwohner – Flinn, ihre Mutter sowie ihre drei Halbgeschwister. Hier gab es nichts, absolut nichts bis auf die Erinnerung an Jonte, den ehemals sechsten Bewohner.

Einen Vater hatte es hier nie gegeben, nicht Jontes, nicht den ihrer drei jüngeren Geschwister und auch nicht ihren eigenen. Flinn vermutete, dass keiner von denen hier am Ende der Welt hatte wohnen wollen.

Flinn räumte den Bumerang erst weg, als es bereits dämmerte und ihre Mutter „Abendbrot!“ in die Stille hinausrief. Flinn wünschte, sie würde Abendessen sagen und nicht Abendbrot, weil das nach dicken Brotscheiben mit trockenem Aufschnitt klang.

Als sie schon fast auf der Veranda war, kam Flinn ein Gedanke. Sie ging noch einmal zurück und griff nach der letzten Dose mit dem Entenragout-Aufkleber. Auf dem Weg zum Haus wölbte sich das Metall kühl in ihrer Hand. Flinn fühlte sich seltsam hoffnungsvoll.

Ihre drei Brüder – allesamt jünger als sie – aßen wie immer schon, bevor alles angerichtet war. Flinn stellte die zerbeulte Dose mitten auf den Tisch.

„Was ist das?“, fragte ihre Mutter unwirsch. Seit Jonte nicht mehr da war, hatte sie keine Geduld mehr mit ihren Kindern.

Flinn betrachtete ihr langes sandfarbenes Haar, den rauen Wollpullover über ihren Schultern und ihre matten blauen Augen. Wahrscheinlich würde sie hübsch aussehen mit etwas Glanz darin.

„Ich habe eine Ente getroffen“, antwortete Flinn. Sie wusste, dass es sinnlos war, einen Scherz zu machen, aber sie konnte nicht anders: Sie suchte im Gesicht ihrer Mutter nach einem Schmunzeln, einem Grinsen, irgendeiner Regung. Irgendwann musste sie doch mal lachen!

Ihre Mutter fegte die Dose vom Tisch. „Kannst du nicht ein Mal vernünftig sein?“

„Nicht, solange du es nicht bist“, sagte Flinn leise. Sie sah das dreckige Geschirr, das sich in der Spüle stapelte, sah die Farbe, die von den Wänden abplatzte wie das Leben vom Gesicht ihrer Mutter.

„Warum ist es keine echte Ente?“, fragte Jannik mit wehmütigem Blick auf die Dose. Sein kurzes Haar war so hell wie die Getreidefelder außerhalb des Hauses. Flinn fand, dass er aussah wie eine jüngere Version ihrer Mutter, nur weniger erschöpft.

Plötzlich tat er Flinn leid. Hätte sie doch bloß nichts gesagt.

„Weil ich mir lieber den Arm abhacken würde, als ein unschuldiges Tier zu töten“, erklärte sie sachlich. Und überhaupt würde dann das ganze Kochen an mir hängen bleiben, fügte sie im Stillen hinzu.

Jannik prustete los, Brotkrümel flogen über den Tisch.

„Du bist so ein Weichei!“, sagte er.

„Idiot“, sagte Flinn. Sofort war jede Art von Mitgefühl verschwunden, auch wenn sie wusste, dass sie ihm unrecht tat. Jannik plapperte nur das nach, was man ihm vorsagte. Manchmal glaubte Flinn, Jonte und sie wären die Einzigen in dieser Familie, die ein funktionsfähiges Gehirn besaßen. Und jetzt, zwei Jahre nach Jontes Verschwinden, war sie die Einzige.

Flinn nahm sich eine dicke Scheibe Brot und ging wieder hinaus in den lauen Herbstabend. Die Holzstufen knarrten laut unter ihren Füßen, doch niemand rief sie zurück. Seit Jonte spurlos verschwunden war, schien Flinn für ihre Mutter sowieso nur noch eine weitere potenzielle Vermisstenanzeige zu sein.

Wie jeden Abend machte Flinn sich auf ihren gewohnten Weg durch die Kornfelder. Das Brot zerbröselte sie wie eine Spur, die sie später am Abend nach Hause führen sollte. Hinter ihr stürzten Raben sich in Scharen darauf. Nicht, dass Flinn die Tiere gemocht hätte – sie hörte einfach nur gern ihr Krächzen, weil es die Leere übertönte, die Jonte hinterlassen hatte.

Wenn sie nur eine Möglichkeit fände, ihren Halbbruder zurückzubringen, ihre Mutter würde ganz sicher wieder die Alte werden. Wenn es nur einen Hinweis gäbe, nur einen.

Nun, einen hatte sie. Den Bahnhof!

Als wäre Flinn eine Weltreisende, zog es sie immer wieder dorthin. Jeden Abend. Jede Nacht.

Flinn rannte die letzten Meter und sprang die zerplatzten Betonstufen hinauf auf den Bahnsteig. Der Weidenborsteler Bahnhof hatte nur noch diesen einen, den Bahnsteig 2.

Flinn wunderte diese Nummer nicht, denn eine Nummer 1 war etwas für Gewinner. Und niemand aus ihrer Familie, der hier je in einen Zug steigen würde, war einer.

Die Bewohner der hübsch verputzten Häuser in Weidenborstel schienen den Bahnhof längst vergessen zu haben. Schließlich war hier schon seit Jahren kein Zug mehr durchgefahren. Und ganz sicher würde auch nie mehr ein Zug hier halten. Flinn, die beinahe jede Nacht hier saß, seit Jonte verschwunden war, konnte es den Zügen nicht verdenken. Die einzige Bank war rostig, das Gleisbett von Gestrüpp überwuchert. Die Bahnhofsuhr war vor Jahren stehen geblieben – an jenem Neujahrsmorgen, als Jonte nicht nach Hause kam.

Klirrend kalt war es damals gewesen und niemand hatte Flinn geglaubt, dass Jonte die ganze Silvesternacht einfach nur hier auf dieser frostigen Bank gesessen und die Sterne beobachtet hatte. Aber Flinn wusste, dass es so gewesen war. Weil Jonte das schon immer getan hatte, Jahr um Jahr.

Er war zwar erst dreizehn gewesen, also genauso alt wie Flinn jetzt, aber um Lichtjahre mutiger als Flinn. Mutiger, sorgloser und freier. Der Bahnhof war sein Ort zum Träumen.

Bis zu diesem Neujahrstag.

Drei Wochen nach seinem Verschwinden war eine Postkarte von ihm gekommen. An den vielen Poststempeln, die Jontes Schrift überdeckten, konnte man sehen, dass die Karte schon viel eher abgeschickt worden war, gleich am zweiten Januar. Doch sie hatte einen weiten Weg zurückgelegt – von Oslo über Kopenhagen, was Flinn kaum glauben konnte. Und dann hatte die Karte von Hamburg aus noch fast eine Woche bis zu ihnen nach Hause gebraucht. Die Post vergaß gern, dass es auf den Feldern um Weidenborstel überhaupt noch Menschen mit einem Briefkasten gab.

Seit diesem Tag hatte Flinn Jontes Angewohnheit übernommen, nachts hier herumzustreunen. Sie hatte tausend Theorien aufgestellt, was passiert sein könnte. War Jonte entführt worden? War er in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden? Mittlerweile kam sie nur noch hierher, um wie Jonte zu träumen – vom Leben irgendwo anders, wo das Gras grüner, das Lachen lauter, die Chancen größer waren. Sie wäre ihrem Halbbruder gern gefolgt, hätte sie doch nur gewusst, wohin. Von ihrer Familie würde sie bestimmt nicht vermisst werden. Die vermisste sie nachts, wenn sie hier am Bahnsteig saß, ja auch nicht.

Nachtwind kommt auf,

wenn man drauf beharrt,

nimmt verlässlich und bald

der Express dich auf Fahrt,

hatte Jonte geschrieben. Sollte das ein Rätsel sein? Wenn ja, auf Fahrt wohin? Flinn seufzte. Es war laienhafte Lyrik. Mehr nicht.

Flinn fand das typisch für Jonte, die Polizei fand das sonderbar. Die Karte wurde zu Untersuchungszwecken in ein Labor gebracht. Doch niemand hatte etwas damit anfangen können – außer Flinn. Wie konnte es sein, dass sie als Einzige den petrolfarbenen Zug auf der Vorderseite sah? Diese eleganten Wagen in dunklem Blaugrün, dort, wo der Rest ihrer Familie nur eine alte, ausrangierte Draisine erkannte? Aber mit einer quietschenden Holzplatte auf Rädern war Jonte ganz sicher nicht abgehauen, das musste sogar die Polizei einsehen.

Flinn holte die Karte aus ihrer Hosentasche hervor. Die Ecken waren schon ganz abgestoßen, denn sie trug die Karte mit sich herum, seit die Polizei sie ihrer Mutter ohne Ergebnis zurückgeschickt hatte. Das war vor über einem Jahr gewesen. Flinn sah noch immer diesen Zug, wo andere nichts sahen. Und was für ein Zug das war! Kein bloßer Regionalexpress mit zerkratzten Fenstern und auch kein steriler ICE. Nein, es war der schönste Zug, den Flinn je gesehen hatte. Ein altmodischer Zug mit einer richtig alten Dampflok. Die cremefarbenen Dächer der Waggons glänzten im Sonnenlicht und der makellose Lack trug Aufschriften in eleganten Lettern. Leider konnte Flinn sie nicht entziffern.

„Krah!“

Flinn schreckte auf. Wieder hatte sie Stunden hier verbracht, ohne es zu bemerken. Tiefdunkle Nacht war aufgezogen und die Raben sahen aus wie glänzende Klumpen Nachthimmel. Sie starrten Flinn mit schief gelegten Köpfen an. Flinn seufzte. Mit einer schnellen Bewegung warf sie das letzte Stück Brot zum Ende des Bahnsteigs, dorthin, wo der bröckelnde Beton jäh in wilden Sträuchern endete. Die Raben flatterten hinüber, ein heiser schreiender Schwarm.

Als das Gewirr aus Flügeln und dunklen Schnäbeln sich wieder aufgelöst hatte, saß da ein Tier. Kein Rabe, sondern groß, schlank, weiß. Und irgendwie undeutlich.

Flinns Herz setzte einen Schlag aus. Der Schreck zuckte wie ein Stromschlag durch ihren Körper und lähmte sie. Mit tauben Gliedmaßen beugte sie sich vor, gerade weit genug, um an dem Metallpfeiler vorbei, der sie verbarg, einen Blick auf das seltsame Tier zu werfen. Nur wurde das dadurch nicht schärfer. Im Gegenteil, seine Konturen blieben unklar und liefen aus wie eine Zeichnung, die jemand mit zu viel Wasser mitten in die tiefblaue Nacht gemalt hatte.

Flinn schauderte. Sie glaubte nicht an Magie, an Geister oder Spukgestalten. Aber dieses Wesen musste definitiv die Art Erscheinung sein, deretwegen man nachts nicht auf einem einsamen Bahnsteig sitzen sollte. Oder war es eine Halluzination? Flinn rieb sich die Augen. Das Wesen war noch immer da.

Also gut. Ruhig Blut.

Das Tier regte sich nicht. Stumm saß es da und blickte hinüber zu den weiten Getreidefeldern. Vermutlich hatte es sie noch gar nicht bemerkt. Die Chancen dafür standen ganz gut, denn Flinn trug ihr dunkelstes Holzfällerhemd. Und Wind, der ihren Duft hätte hinüberwehen können, ging in dieser lauen Nacht auch nicht.

Dann, urplötzlich, rührte sich das Etwas. Flinn zuckte unwillkürlich zusammen, als das Tier seinen unscharfen Kopf in ihre Richtung wandte und sie direkt ansah.

Bevor Flinn sich auf die Zunge beißen konnte, japste sie auf – ein hoher Ton, der nicht zu einem Mädchen wie ihr passte.

Das Tier zuckte zurück. Einen Moment lang war es schwer zu sagen, wer von beiden erschrockener war. Dann erhob sich das Wesen und machte einen langsamen Schritt auf Flinn zu – eine undeutliche Bewegung, die sich mit dem Wind vermischte, der plötzlich aufkam.

Oh nein, dachte Flinn, neinneinnein! Ruckartig sprang sie auf. Sie wollte wegrennen, sie musste wegrennen. Mit diesem Ding wollte sie nichts zu tun haben. Was, wenn das in Wahrheit der Grund für Jontes Verschwinden war? Was, wenn es keine blöde Draisine gewesen war, sondern ein … ein was auch immer das war?

Komm schon! Ihre Füße gehorchten ihr nicht, sie waren plötzlich unbrauchbar und verhedderten sich schon beim ersten Schritt.

Das Tier kam näher, mit geducktem Kopf, wie auf der Pirsch.

In Flinns Kopf hämmerte es. Das war’s, das war’s, das war’s.

In ihren Ohren begann es zu rauschen und es pfiff wie von weit her. Kühler Wind strich Flinn übers Gesicht.

Nachtwind kommt auf … hatte Jonte geschrieben.

Das nebelhafte Tier hielt inne. Es schien zu lauschen, Flinn fest im Blick. Da erfüllte das Pfeifen mit einem Mal den gesamten Bahnsteig. Flinn zuckte zusammen und presste sich die Hände auf die Ohren. Was war hier los? Das klang wie der alte Teekessel, wenn ihre Mutter sich mal wieder nicht aufraffen konnte, ihn rechtzeitig vom Herd zu nehmen. Nur lauter, tausendmal lauter.

Jetzt wandte das Tier sich ab, zurück zu den Gleisen. Doch bevor Flinn den Moment zur Flucht nutzen konnte, bebte der Boden unter ihren Füßen und etwas Mächtiges, Schweres rauschte in den Bahnhof. Ein diffuser Lichtkegel rollte über sie hinweg und ein Luftstoß, stark wie in einem Windkanal, riss sie von den Füßen. Dann verebbte der Wind und das Pfeifen wurde verschluckt von einem schrillen Quietschen. Metall schrammte auf Metall und mit einem Ruck, den Flinn körperlich spüren konnte, hielt das Ungetüm. Unter lautem Zischen stieg Dampf unter ihm auf wie schnaufender Atem. Sofort war der Bahnhof eingehüllt in rauchigen, dichten Qualm. Flinn lag auf dem Bahnsteig neben der Bank, hustete und rang nach Luft. Und dann herrschte mit einem Mal Ruhe. Gespenstische Ruhe, nach dem Lärm von eben.

Flinn wartete eine Sekunde, noch eine, dann rappelte sie sich so schnell wie möglich auf. Sie rieb sich die schmerzenden Ellbogen, hob den Kopf – und blickte auf einen Eisenbahnwaggon. Ihr erschrockenes Ebenbild starrte davon zurück. Überall vor ihr waren dunkle, spiegelnde Fenster, acht in jedem Waggon des hohen, schlanken Zuges mit petrolfarbenem Anstrich und flachen cremefarbenen Dächern.

Flinn blinzelte, kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Nein, kein Zweifel. Der Qualm brannte ihr unter den Lidern, aber das hier war definitiv ein Zug.

Der Zug.

… wenn man drauf beharrt …

Ganz langsam, als wäre die Situation zerbrechlich wie Glas, blickte Flinn auf die Postkarte hinab. Sie hatte das dicke Papier vor Aufregung fast zerknüllt, aber – das war Jontes Zug. Eindeutig. Der Zug, den offenbar nur sie hatte sehen können. Flinn hob den Kopf und atmete zitternd ein. Er sah wirklich genauso aus! Da waren die gleichen altmodischen Holzplattformen zwischen den Waggons, die gleichen Verzierungen an den Außenlampen. Jetzt konnte sie auch die goldenen Buchstaben auf dem Lack lesen: ein WE und das stilisierte Rad eines Pfaues, beides von einem Rechteck eingerahmt.

Flinns Herz machte einen Salto. Dieser Zug war das Schönste, was sie je gesehen hatte.

Doch bevor sich noch die letzte Schwade Dampf verflüchtigt hatte, schlug irgendwo am vorderen Teil des Zuges eine Tür zu. Der Knall hallte durch die Nacht und riss Flinn aus ihrem Staunen. Mit Entsetzen bemerkte sie, dass der Zug ganz langsam wieder anrollte.

Nein. Oh nein!

Ihr Herz blieb stehen, viel zu lange, dann überschlug es sich fast.

Das unscharfe Wesen war nicht mehr am Bahnsteig zu sehen. War es etwa eingestiegen? Hatte der Zug es hier abgeholt?

Und Flinn?

Blieb sie hier zurück, aus Angst vor unerklärlichen Dingen wie diesem? Oder aus Angst vor dem, was sie jenseits der Getreidefelder erwartete? Wollte sie das wirklich? Hier bleiben?

Flinn ballte die Hände zu Fäusten. Dieser Zug war ihre Chance, vielleicht ihre einzige. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie dachte an Jonte. An die große, weite Welt, die es irgendwo gab, irgendwo, nur nicht hier. Sie dachte an all das wirklich Wichtige – und bevor sie es überhaupt bemerkte, rannte sie los, bekam das Geländer der letzten Plattform zu fassen und schwang sich auf die unterste Stufe. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Zug den Bahnsteig hinter sich ließ.

Flinn klammerte sich an das kühle Metall des Geländers und schnappte nach Luft. Ein letztes Mal blickte sie zurück zum verlassenen Bahnsteig. Die Bahnhofsuhr hatte sich bewegt, nach vielen Jahren zum ersten Mal. Es war jetzt zwei Uhr zweiundzwanzig.

Im nächsten Moment bog der Zug nach links und die Uhr war nicht mehr zu sehen.

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

… nimmt verlässlich und bald

der Express dich auf Fahrt.

Flinn drehte sich zu der eisernen Tür um, die ins Innere des Zuges führte. In der oberen Hälfte war ein kleines, quadratisches Fenster eingelassen. Bläuliche Dunkelheit gähnte ihr von dort entgegen.

„Sei furchtlos und kühn!“, murmelte Flinn und atmete tief durch. Mit einiger Anstrengung öffnete sie die Tür und trat ein.

Kaum hatte Flinn den Waggon betreten, schlug hinter ihr die Waggontür zu, mit solch einer Wucht, dass es Flinn vorkam, als hätte sie gerade ihre gesamte Vergangenheit ausgesperrt.

Sie stand in einem langen dunklen Flur. Der heulende Fahrtwind war verstummt. Einzig das unablässige Rattern der Räder auf den Schienen und ein fernes Rauschen waren zu hören. In der plötzlichen Stille fühlte Flinn sich fremd und geborgen zugleich. Irgendwie war es heimelig – eins der Wörter aus ihren alten Wörterbüchern. Nur, dass es jetzt Bedeutung bekam.

Sie brauchte eine Weile, bis sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, aber selbst dann war nicht viel mehr zu erkennen als zugezogene Rollläden auf der einen Seite des Flures und geschlossene Türen auf der anderen. Der Boden war mit Teppich ausgelegt. Die Wände schienen mit Holz vertäfelt zu sein. Der Gang war leer. Keine Stimme, kein menschliches Geräusch war zu hören.

„Hallo?“, fragte Flinn vorsichtig und erschrak, als neben ihr ein leises Flattern zu hören war. Doch sie blieb allein und alles war wieder still bis auf das Rattern der Räder unter ihr.

Wo war sie? In einem Schlafwagen?

Flinn hatte keine Ahnung von Zügen und von Luxuszügen wie diesem schon gar nicht. Ihre Familie hatte sich ja nicht einmal eine Fahrt mit der DB Regio leisten können. Doch sie war sich ziemlich sicher, dass sie beim Schaffner ein Ticket kaufen sollte, bevor sie ohne eins erwischt wurde. In ihren Hosentaschen tastete sie nach Geld und fand einen Zehn-Euro-Schein. Das musste reichen, wenigstens für ein paar Stationen.

Vom Holpern der Räder getragen, wagte Flinn sich den Gang entlang. Ihre Fingerspitzen glitten vorsichtig über den Lack der Holztüren und der Vertäfelungen dazwischen. Ein warmes Gefühl der Vertrautheit stieg in ihr auf. Der Waggon war zu Ende, ohne dass jemand ihr begegnet war.

„Sei furchtlos und kühn!“, murmelte Flinn noch einmal, stemmte sich gegen die nächste Eisentür, in die ebenfalls ein quadratisches Fenster eingelassen war, und trat hinaus auf die kleine Außenplattform, die am Ende und Beginn eines jeden Wagens befestigt war.

Augenblicklich schlug ihr kalter Fahrtwind entgegen, nieselnass und trüb vom Dampf der Lokomotive. Fröstelnd schlang Flinn ihre Arme um den Oberkörper und schob die Füße über den Verbindungssteg zwischen dieser Plattform und der des nächsten Waggons. Der Steg war nicht mehr als eine bloße Metallplatte mit Geländer, die vorwurfsvoll klapperte und schepperte. Nicht gerade das, was sie von einem Zug wie diesem erwartet hätte. Andererseits hatte sie nicht erwartet, dass es diesen Zug überhaupt gab. Jontes Zug. Oder vielmehr: den Zug von Jontes Postkarte.

Zitternd vor Angst stemmte Flinn sich gegen die schwere Eisentür des nächsten Waggons und trat ein. Auch diesen Waggon durchquerte sie, ohne jemandem zu begegnen.

Es schien, als wollte der Zug kein Ende nehmen. Immer mehr Wagen voll dunkler, schmaler Gänge, immer mehr alte, windumtoste Verbindungsstege dazwischen. Und weit und breit keine Menschenseele!

Flinn durchquerte gerade den sechsten dieser schier endlosen Gänge, als sie plötzlich, aus heiterem Himmel, mit jemandem zusammenstieß. Jemand eher Großem.

„Autsch!“, ertönte eine raue Stimme. „Pass doch auf, du verdammter Pfau! Daniel hat gesagt, wenn die Beleuchtung mal wieder ausfällt, sollt ihr in eurem Abteil bleiben.“

„’tschuldigung“, sagte Flinn schnell und fügte in der Hoffnung, damit als unverdächtig zu gelten, hinzu: „Ich suche eigentlich nur den Schaffner.“

Tatsächlich schwieg ihr Gegenüber. Flinn glaubte zu spüren, wie er sie im Dunkeln musterte. Dann sagte die raue Stimme: „Du meinst Madame Florett.“

Es klang halb wie eine Frage und halb, als wäre Flinn in Schwierigkeiten.

„Ähm … Ich weiß nicht. Ich denke schon. Wenn sie die Tickets verkauft?“ Flinn versuchte, den Mann – es schien jedenfalls ein Mann zu sein, zu dem die Stimme gehörte – im Dunkeln auszumachen, doch alles, was sie erahnen konnte, war, dass er ziemlich viel Raum einnahm. Flinn schluckte. Er musste ziemlich groß und kräftig sein.

„Moment mal … bist du etwa gerade eben eingestiegen?“

„Ja“, erwiderte Flinn. Sie verstand nicht, warum der Mann so ungläubig klang. Ein Bahnhof, ein Zug – warum sollte sie nicht eingestiegen sein?

„Und jetzt willst du ein Ticket kaufen?“ Seine Stimme wurde immer fassungsloser.

„Na ja“, sagte Flinn irritiert, „schon. Schwarzfahren käme wohl nicht so gut, oder?“

Der Mann hielt inne. Flinn blieb gerade genug Zeit, ihre etwas unbedachte Antwort erst zu bewundern und dann zu bereuen, da sagte ihr Gegenüber: „Ich werd verrückt!“

Im nächsten Augenblick blendete sie ein helles Licht, so stark, dass Flinn vor dem gleißenden Lichtstrahl zurückwich. Erschrocken presste sie die Augen zusammen. „Hey!“

„Sorry.“ Der Mann senkte die Taschenlampe und Flinn erkannte in ihrem Widerschein, dass er nicht so alt war, wie seine Stimme klang. Fünfzehn vielleicht, aber nicht viel älter.

Das farblose Licht seiner Taschenlampe warf unruhige Schatten auf sein kantiges Gesicht und seine Augen funkelten aus dunklen Höhlen. Er stand vor ihr wie der Wächter zum Tor der Unterwelt, und im Vergleich zu ihm kam Flinn sich plötzlich sehr, sehr jung und sehr, sehr fehl am Platz vor.

Der Junge ließ seinen Blick über ihre leider äußerst nichtssagende Erscheinung huschen und Flinn fragte sich beklommen, ob er sie vielleicht für einen Jungen hielt. Einen ziemlich mickrigen Jungen im Vergleich zu ihm.

„Nur noch mal zur Sicherheit: Du willst ein Ticket kaufen? Du hast noch keins?“

„Ja. Nein. Ich bin ein Mädchen“, platzte es aus Flinn heraus.

„Was sonst?“, fragte der Junge. Er schien nicht verblüfft zu sein über diese Tatsache. Seine Stimme klang tief und ruhig.

„Du meinst … du hast mich nicht für einen Jungen gehalten?“

Der Junge hob die Brauen, sodass Flinn einen kurzen Blick auf seine dunklen Augen erhaschen konnte. Sie funkelten spöttisch.

„Du bist reichlich komisch“, sagte er. „Hast du dich schon mal im Spiegel gesehen? Deine Augen …“ Er brach ab, als wäre ihm gerade bewusst geworden, dass er im Begriff war, einem wildfremden Mädchen ohne Fahrschein Komplimente zu machen.

Flinn hätte gern nachgefragt, was mit ihren Augen war, verkniff sich das aber. Sie war sowieso keins dieser Mädchen, die nach Bestätigung suchten – schon allein deshalb, weil sie ja eh nie welche bekam.

Außer gerade eben.

Also, fast.

„Tja, dann haben wir jetzt wohl ein Problem“, sagte der Junge.

„Wieso?“, fragte Flinn.

Der Junge lachte düster. „Weil du hier kein Ticket kaufen kannst. Das geht nicht.“

Flinn erschrak. Die glänzenden Mahagoniwände fühlten sich plötzlich bedrohlich an, das Holpern des Zuges feindlich.

Würde er sie jetzt aus dem Zug werfen? Mitten in der Nacht, mitten im Nirgendwo? Flinn hatte schon von Fällen gehört, in denen das passiert war. Und dann?

„Aber in Weidenborstel gibt es keinen Fahrkartenautomaten. Wo hätte ich denn eines kaufen sollen?“

Der Junge schwieg eine Weile. „Du hast keine Ahnung, wo du hier bist, oder?“ Er schien fast ein wenig amüsiert oder fasziniert, aber Flinn fand die Situation weder belustigend noch begeisternd.

„Kann ich nicht einfach nur ein Stück mitfahren?“, fragte sie verunsichert.

„Nein. Ein Stück?“

„So weit wie möglich“, erklärte Flinn.

„Nein“, entgegnete der Junge wieder. „Madame Florett reißt mir den Kopf ab.“

Flinn bekam es mit der Angst zu tun. „Bitte“, sagte sie leise. „Es gibt da Gründe. Weshalb ich wegmuss … und woandershin. Ich muss jemanden suchen.“

Sie dachte an die Traurigkeit ihrer Mutter, die an Flinn klebte wie eine zweite Haut, und an Jonte, der irgendwo in der Ferne war, dort, wo es sie hinzog, und fand, das hätte sie nicht schwammiger ausdrücken können. Doch der Junge schwieg bloß, statt sie gleich am Hemdkragen zu packen und nach draußen zu werfen. Einen langen Moment war es still. Flinn spürte ihr Herz in ihrem Brustkorb so heftig pochen, dass sie Angst hatte, das Echo würde den gesamten Zug erfüllen.

Dann sagte der Junge mit gequälter Stimme, als täte er etwas wider besseres Wissen: „Okay. Aber wir müssen leise sein. Komm mit!“

Er schwenkte die Taschenlampe in die Richtung hinter sich.

Flinn traute sich kaum, etwas zu fragen, und schon gar nicht, erleichtert zu sein, denn wohin würde er sie jetzt bringen?

Nach etlichen weiteren Wagen voll dunkler Gänge landeten sie in einem langen mondhellen Waggon, den ein einziger großer Raum ausfüllte.

Hier waren die Rollläden nicht heruntergezogen. Überall standen Sessel, Hocker und Getränkedosen herum. Flinn stieß mehr als einmal gegen einen Stapel Bücher, weil der Lichtkegel der Taschenlampe immer nur einen Meter voraustanzte und die Nachtlichter an den Wänden kaum mehr als eine Notbeleuchtung waren.

„Nachts sind alle Waggons ab diesem hier tabu“, erklärte der Junge, „und ohne Licht gibt’s kein Backgammon.“

„Kein was?“ Flinn wusste nicht, was das für ein Raum war, den nachts niemand betreten sollte, aber sie ahnte, dass hier tagsüber viel los war.

„Gibt es denn hier keine, na ja, normalen Sitzreihen?“

Der Junge lachte – ein freundlicher, holpriger Klang. Wie eine Straße voll Kopfsteinpflaster, glänzend im Mondlicht.

„Nein, du Scherzkeks, warum denn auch?“

Flinn verstand nicht, was an ihrer Frage so komisch war. Sie fragte sich ja bloß, wo sie den Rest der Reise sitzen sollte – vorausgesetzt dass diese ominöse Madame Florett ihr eine Fahrkarte verkaufte. Es konnte ja nicht der ganze Zug nur aus Schlafabteilen und einem riesigen, unordentlichen Raum bestehen.

Doch die endlos langen Flure hatten sie jetzt endgültig hinter sich. Alle folgenden Wagen bestanden aus großen, weiten Räumen und waren ebenfalls äußerst unkonventionell eingerichtet. Überall stieß Flinn gegen Bänke und Tische, stolperte über Bücher und sah kaum, was es eigentlich war, was da an den Wänden hing oder mit merkwürdigen Flattergeräuschen über ihrem Kopf rumorte. Es gab doch wohl keine Fledermäuse an Bord, oder?

Umso erleichterter war Flinn, als der Junge endlich in einem Wagen stehen blieb. Es war der verwinkelteste von allen. Sie waren jetzt im vorderen Abschnitt des Zuges angekommen, wo man die Lok rhythmisch schnaufen hörte wie ein metallisches Ungetüm. In dichten Wolken zog der Dampf an den Fenstern vorbei. Es war, als hüllte er den Zug ein wie eine Daunendecke und filterte die Gefahren der Nacht heraus, die womöglich hinter den Fenstern lauerten.

Mit dem Strahl der Taschenlampe deutete der Junge auf eine Art Laken, das wie ein Ballon, aus dem man die Luft gelassen hatte, in einer Ecke zwischen zwei Regalen hing.

„Das ist mein Lieblingsplatz“, sagte der Junge und wies auf das Laken. „Hier kannst du schlafen. Morgen früh stellen wir dich Madame Florett vor, also mach es dir besser nicht allzu gemütlich. Sie steht zeitig auf.“

Die Gefahr, es sich allzu gemütlich zu machen, bestand sowieso nicht, denn bei näherer Betrachtung stellte sich das Laken als provisorische Hängematte heraus, die auf dem Boden schleifte. Flinn fragte sich, wie jemand diesen Platz mögen konnte.

„Danke“, sagte sie dennoch – und meinte es auch so.

Der Junge nickte und warf einen Blick auf seine Uhr. „Schon okay. In ein paar Stunden sind wir durch Hamburg durch und dann liegt schon ziemlich viel Strecke zwischen deinem Biederwurstel und …“

„Weidenborstel“, sagte Flinn.

„Oder so. Und dann ist ja auch noch Daniel da, wenn du Glück hast. Also mach dir keine Sorgen.“

„Mach ich nicht“, log Flinn. In Wahrheit schlug ihr das Herz bis zum Hals, so laut und heftig wie das metallische Rumpeln vorn in der Lok.

Der Junge nickte erneut. „Gut. Dann bis morgen.“ Er wandte sich wieder Richtung Zugende.

„Wo gehst du hin?“ Irgendwie wäre es Flinn lieber gewesen, er wäre geblieben.

„In mein Abteil natürlich“, sagte er. „Ich brauch auch ein bisschen Schlaf.“ Er war schon fast an der Tür, da blieb er noch einmal stehen. „Ach ja, ich bin übrigens Fedor.“

„Ich bin Flinn“, stellte Flinn sich vor.

Als Fedor die Tür aufstemmte und den pfeifenden Nachtwind hereinließ, rief Flinn noch einmal nach ihm. „Fedor?“

„Ja?“

Flinn blickte ihn ernst an. Sie schluckte. „Wo bin ich hier?“

Fedor sah überrascht aus, doch dann grinste er – was sein Gesicht um Jahre jünger wirken ließ. „Am besten Ort der Welt“, sagte er, dann schlug die Eisentür hinter ihm zu.

Ein einzelner Windhauch wirbelte durch den Waggon und strich Flinn über die Stirn, während sie sich bemühte, in der schlaffen Hängematte eine halbwegs bequeme Position einzunehmen.

Und so, in Gedanken an Fedors optimistische Aussage, lag sie da, den Klang des Zuges im Ohr, sein Schnaufen und Rauschen, und das Holpern der Gleise unter sich. Bei jeder Bodenwelle hob und senkte sich der Zug, als atmete er tief ein und aus. Flinn spürte jede Bewegung, als wäre sie ein Teil von ihm.

Als die Morgendämmerung erstes Tageslicht durch die winzigen Fenster sandte, schlief Flinn endlich ein, nicht ahnend, dass in weniger als zwei Stunden alles auf den Kopf gestellt werden würde, was bisher ihr Leben ausgemacht hatte. Und noch einiges mehr.

„Nicht zu fassen! Das ist die größte Unverschämtheit meiner gesamten Laufbahn! Eine Zumutung ist das!“

„Ich bin doch gar nicht so groß“, murmelte Flinn und blinzelte in das blendende Tageslicht hinein. Und ins Gesicht einer großen, hageren Frau, die eine lederne Schutzbrille übertriebenen Ausmaßes auf dem Kopf trug. Es sah aus, als hätte sie überdimensionale Insektenaugen über ihren normalen, funkelnden Augen.

„Wer! Sind! Sie! – Kulikow, wer ist das?“

Fedor, der Junge von gestern Nacht, musste irgendwo in der Nähe sein, denn seine kratzige Stimme schallte durch den Waggon: „Ich kann das erklären, Madame Florett …“

„Das hoffe ich sehr, Kulikow! Das hoffe ich wirklich sehr.“

Das war also diese Schaffnerin, der laut Fedor keine Möglichkeit mehr blieb, Flinn hinauszuschmeißen. Vorausgesetzt, Hamburg lag schon hinter ihnen, was Flinn inständig hoffte.

Madame Florett sah mit ihrem zweireihigen Hosenanzug eher wie eine Mischung aus Schaffnerin und Geheimagentin aus. Ihr knallroter, perfekt geschminkter Mund und die passend lackierten, spitzen Fingernägel wirkten auf Flinn wie Zeichen großer Angriffslust. Mit schneidender Stimme rief sie: „Kulikow, bewegen Sie Ihren Hintern hierher!“

Als sie ihren Kopf in Fedors Richtung drehte, wippte ein blonder Pferdeschwanz herum. Er war so seidig und so glatt, dass er tatsächlich aussah wie der Schweif eines Pferdes, und so straff nach hinten gebunden, dass das Haar sich über ihrem Kopf spannte wie eine zweite Haut.

„Ich kann das auch selbst erklären“, beeilte Flinn sich zu sagen und richtete sich so schnell auf, dass sie aus der kippenden Hängematte fiel wie ein Sack Kartoffeln.

Der Pferdeschwanz wippte zurück. Madame Florett bedachte sie mit einem geringschätzigen Blick, als handelte es sich bei Flinn um ein Versehen auf ganzer Linie. Dann richtete sie den Blick wieder auf das Ende des Waggons.

„Es liegt auf dem Boden herum wie eine Qualle! Ein ambitionsloses Kind.“ Ihre Stimme wurde immer fassungsloser. „Da liegt ein ambitionsloses, quallenartiges Kind auf dem Boden des Welten-Expresses! Wo kommt das her und warum wurde ich nicht informiert?“

Der Welten-Express. Das hier war der Welten-Express. Der Zug, der Luxuszug, mit dem Jonte verschwunden war, hieß Welten-Express. Das Wort klang in Flinns Ohren wie pure Magie. Es klang nach der weiten Welt, nach Abenteuern in der Ferne, nach dem wahrhaftigen Leben, nach der Chance, Jonte zu finden – und danach, glücklich zu werden.

Flinn blickte auf. In den gewölbten Gläsern von Madame Floretts Schutzbrille spiegelten sich die staubigen Fenster des Waggons, hinter denen die grüngelbe Landschaft verschwamm wie das Ende eines Sommers.

Aber es war kein Ende. Es war ein Anfang. In Flinns Kopf vermischten sich das Auftauchen dieses seltsamen Zuges in Weidenborstel, das Rattern der Räder, das Quietschen der Gleise und das Schnaufen des Stahlrosses zur Ankündigung großer Geschehnisse – was jedoch nicht an Madame Floretts Stimme liegen konnte, die mit jedem Satz schriller wurde.

„Allüren hat es sicher auch“, sagte sie vorwurfsvoll, als Fedor endlich um die Ecke eines Regals bog. Der ganze Waggon war voller Regale. Große, ausgeblichene Schilder teilten ihn in Lebensmittel, Alltägliches und Schulbedarf ein. Flinn rieb sich die Augen. Wer bitte brauchte denn während einer Reise Schulbedarf? Hausaufgaben im Urlaub – die Vorstellung war grausig.

„Sie war gestern Nacht plötzlich da“, setzte Fedor zu einer Erklärung an.

„Ich habe keine Allüren“, fuhr Flinn dazwischen. Sie wusste selbst nicht, wo diese Worte herkamen.

Die Schaffnerin schüttelte verständnislos den Kopf und Fedor fuhr sich hinter ihrem Rücken mit der Handkante quer über den Hals. Flinn begriff, dass sie besser eine Weile schwieg.

Ihr Blick wanderte durch den Waggon und streifte Kisten voller Kohle, dick verschnürte Schachteln und riesige Kartons. Im dünnfingrigen Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, sah Flinn die Rußschicht glitzern, die über allem lag wie zu Boden geregnete Asche. Sie überkam das Gefühl, von der Dunkelheit des Raumes aufgesogen zu werden.

Madame Florett seufzte tief, verdrehte die Augen und zückte ein Klemmbrett. „Also gut, fangen wir einfach an. Ich habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.“ Sie nahm Flinn ins Visier. „Willkommen und so weiter. Mit so weiter meine ich: Sie sind fast ein Dreivierteljahr zu spät! Das Schuljahr hat bereits am ersten Januar begonnen. Ich hoffe, Sie sind fleißig. Sonst schaffen Sie es nie, den Schulstoff des ersten Jahres bis zum Schuljahresende im Dezember nachzuholen. Wo ist Ihr Gebäck?“ Sie schaute sich um. „Haben Sie etwa keinerlei Gebäck dabei?“

Sie wurde gesiezt! War das nicht etwas übertrieben?

„Gepäck“, verbesserte Flinn und fing sich einen bösen Blick ein. Oje, wir werden sicher gute Freunde, schoss es ihr durch den Kopf. „Nein, habe ich nicht.“

Sie fand diese Frage etwas seltsam. Wie sollte sie Gepäck dabeihaben für einen Zug, von dessen Existenz sie bis gestern Nacht nicht einmal gewusst hatte?

Die Frau hob das Kinn und ihr Pferdeschwanz wippte. „Kein Ge… Koffer, sieh an.“ Sie lehnte sich vor und musterte Flinn wie ein Habicht sein Mittagessen. „Name?“ Ein altmodischer Füllfederhalter stach auffordernd in ihre Richtung.

Flinn blinzelte. „Flinn Nachtigall“, sagte sie schnell.

„Flinna Chtigall.“ Das Kratzen des Füllers klang so energisch, als führte die Schaffnerin mit dem Stift einen stummen Kampf.

„Nein“, sagte Flinn, jetzt noch schneller. „Flinn. Nicht Flinna.“

Die Schaffnerin hielt inne. Ihre Augenbrauen bildeten eine steile Linie. „Ist das ein Jungen- oder ein Mädchenname?“

„Genau genommen beides“, sagte Flinn und spürte, wie ihr heiß wurde. Falsche Antwort, falsche Antwort. Der Blick der Schaffnerin wanderte an ihr hinab und wieder hinauf.

„Meinetwegen“, sagte Madame Florett. „Wir sind ja liberal eingestellt … Alter?“

„Dreizehn“, sagte Flinn und biss sich auf die Lippen, als ein weiterer prüfender Blick an ihr entlangwanderte. Jetzt war Madame Florett sich bestimmt sicher, dass Flinn ein Junge war. Kein Mädchen in ihrem Alter sah so aus wie sie. Zumindest kein normales.

„Irgendwelche außergewöhnlichen Begabungen?“, fragte Madame Florett und blätterte die erste Seite ihres Blockes um.

„Ähm …“ Was für Begabungen? Flinn war sich ziemlich sicher, dass Fahrgäste in Zügen normalerweise nicht nach ihren Begabungen befragt wurden.

„Mögliches Fachgebiet?“

„Ähm …“, machte Flinn wieder und kam sich ziemlich dumm vor.

Die Schaffnerin seufzte. „Irgendetwas, was erahnen lässt, weshalb Sie in der Welt von Bedeutung sein werden?“

„Ähm …“ Woher sollte sie wissen, ob sie je von Bedeutung sein würde?

„Angegebene Reisedauer?“

Statt noch einmal „Ähm“ zu sagen, stieß Flinn hervor: „Ich müsste eigentlich erst mal ein Ticket kaufen.“

Madame Florett fiel beinahe das Klemmbrett aus der Hand.

„Sie hat … kein Ticket?!“ Sie wandte sich an Fedor, der die ganze Zeit über nervös an den Trägern seiner Latzhose herumgespielt hatte. Sie hingen lose über seinem Gürtel – einem breiten, schweren Gürtel, an dem allerlei Werkzeuge befestigt waren, als handelte es sich dabei um Trophäen.

„Nein, hat sie nicht“, sagte Fedor und vermied es, Madame Florett ins Gesicht zu sehen. Flinn fiel auf, dass sein rabenschwarzes, unordentliches Haar im trüben Morgenlicht glänzte und schimmerte. Woran lag das? Etwa am Kohlenstaub, der hier überall in der Luft hing wie grünlicher Feenglanz? Der ganze lange Waggon, auch die Ecke, in der Flinn und Fedor mit Madame Florett gerade standen, erschien dadurch düster und magisch.

„Das wollte ich ja vorhin sagen …“, setzte Fedor hinzu. Sein Gesicht wirkte blass und matt wie schon gestern Nacht. Trotzdem kam Flinn nicht umhin zu bemerken, dass er auf seine markante Art gut aussah.

„Wann?“, fragte Madame Florett. „Wann wollten Sie das sagen?“

„Na ja … irgendwann“, druckste Fedor herum. Seine Stimme war nun so spröde wie seine gesamte grauschwarze Erscheinung.

Madame Florett sah aus, als würde sie ihm gleich das Klemmbrett auf den Kopf hauen. „Irgendwann, ja? Ach, gehen Sie arbeiten, Kulikow. Was tun Sie überhaupt noch hier, wenn Sie mich nicht ordnungsgemäß informieren?“

Fedor zuckte hilflos mit den Schultern und verkrümelte sich in Richtung Lok. Es gab ein kurzes, mechanisches Gebrüll, als er die Tür zu dem Dampfross öffnete, dann war Flinn mit Madame Florett allein.

„Und Sie! Geben Sie mir Ihr Ticket.“

„Aber …“ Hatte die Frau ihr denn nicht zugehört?

„Stehen Sie auf und leeren Sie Ihre Taschen. Es muss da sein!“

Wenn es da gewesen wäre, hätte Flinn das ja wohl gewusst, oder?

Madame Florett wedelte ungeduldig mit der Hand. „Stehen Sie auf, habe ich gesagt.“

Flinn wünschte sich mit einem Mal, Fedor hätte der Schaffnerin mit der Taschenlampe eins übergezogen. Mit ungutem Gefühl leerte sie ihre Jeanstaschen. Zum Vorschein kamen der Zehn-Euro-Schein, zwei Büroklammern, ein Kronkorken, Flusen, Krümel, Jontes Postkarte und die sorgfältig zerrissenen Überreste eines Briefes an ihre Mutter („Ihre Tochter arbeitet im Unterricht nicht mit. Sind Sie sicher, dass ein Gymnasium die richtige Schulform für sie ist?“).

Die Schaffnerin inspizierte alles mit einem schnellen Blick. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus steckte Flinn Jontes Karte wieder ein, bevor Madame Florett sie näher betrachten konnte. „Das ist kein Ticket“, beeilte sie sich zu erklären, als Madame Florett sie misstrauisch beäugte.

Sie hielt ihr den Zehn-Euro-Schein unter die Nase. „Aber hiermit möchte ich eines bezahlen“, setzte sie hinzu.

Madame Florett riss die Augen auf, als hätte Flinn sie beleidigt. „Sie wollen mich bestechen?“, kreischte sie. „Als würde ich den ganzen Tag über mit Tickets unter dem Arm herumlaufen! Sehe ich vielleicht aus wie ein Weltenstromer?“

Flinn blinzelte. Was sollte das sein?