Der Widerspenstigen Meuchelung - Frank Merlin - E-Book

Der Widerspenstigen Meuchelung E-Book

Frank Merlin

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Beschreibung

Auf die Hauptstraße, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hastete in die enge Gasse, Hanni hinter sich an der Leine herzerrend. Kalter Schweiß rann ihr den Rücken hinab. Während die meisten Bewohner des Marktes Haag, ca. 40 km östlich von München an der B12 gelegen, der Vorstellung des Shakespearestückes "Der Widerspenstigen Zähmung" beiwohnen, wird die Betreiberin des örtlichen Bratwurststandes heimtückisch ermordet. Oberkommissarin Brandstetter und ihr Kollege Mauerberg ermitteln in Folge akribisch genau. Und obwohl zuerst die wichtigste Zeugin (Dackel Hanni) verschwunden bleibt, sind schnell die ersten Verdächtigen gefunden. Unter ihnen der Kulturjournalist Hubertus Schlössl, der unseren Ermittlern noch einiges abverlangen wird. Menschlich, menschelnd und spannend zugleich. Liebe, Neid, Eifersucht und Starrsinn. Ein Regionalkrimi mit Humor und Seele. "Wenn man die Bewohner dieses Ortes kennt, muss man sagen, manche sind Volltreffer, wie sie wirklich rumlaufen." (Leserin)

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsangabe

Der Widerspenstigen Meuchelung

Mittwoch, 16. Mai, 19.45 Uhr

Mittwoch, 16. Mai, 19.45 Uhr

Mittwoch, 16. Mai, 20.25 Uhr

Mittwoch, 16. Mai, 20.25 Uhr

Mittwoch, 16. Mai, 20.50 Uhr

Mittwoch, 16. Mai, 21.10 Uhr

Mittwoch, 16. Mai, 21.05 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 08.00 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 08.30 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 08.15 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 08.30 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 08.50 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 08.50 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 11.00 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 11.20 Uhr

Donnerstag. 17. Mai, 11.20 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 12.10 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 12.30 Uhr

Donnerstag, 17. Mai, 13.15 Uhr

Freitag, 18. Mai, 08.30 Uhr

Freitag, 18. Mai 08.45 Uhr

Freitag, 18. Mai, 09.45 Uhr

Freitag, 18. Mai, 11.30 Uhr

Freitag, 18. Mai, 14.00 Uhr

Freitag, 18. Mai, 19.00 Uhr

Freitag, 18. Mai, 19.10 Uhr

Freitag, 18. Mai, 19.55 Uhr

Freitag, 18. Mai, 20.10 Uhr

Samstag, 19. Mai, 09.30 Uhr

Samstag, 19. Mai 10.20 Uhr

Samstag, 19. Mai, 11.00 Uhr

Samstag, 19. Mai 11.55 Uhr

Samstag, 19. Mai, 12.50 Uhr

Samstag, 19. Mai, 13.20 Uhr

Samstag, 19. Mai, 13.30 Uhr

Samstag, 19. Mai, 14.00 Uhr

Samstag, 19. Mai, 14.10 Uhr

Samstag, 19. Mai, 15.00 Uhr

Samstag, 19. Mai, ca. 15.30 Uhr

Samstag, 19. Mai, 15.30 Uhr

Samstag, 19. Mai, 17.00 Uhr

Samstag, 19. Mai, 17.00 Uhr

Samstag, 19. Mai, 17.15 Uhr

Samstag, 19. Mai, 17.45 Uhr

Sonntag, 20. Mai, 11.30 Uhr

Sonntag, 20. Mai, 17.20 Uhr

Sonntag, 20. Mai, 18.00 Uhr

Sonntag, 20. Mai, 18.30 Uhr

Sonntag, 20. Mai, 19.30 Uhr

Sonntag, 20. Mai, 21.30 Uhr

Sonntag, 20. Mai, 22.00 Uhr

Montag, 21. Mai, 08.30 Uhr

Montag, 21. Mai, 09.30 Uhr

Montag, 21. Mai, 09.30 Uhr

Montag, 21. Mai, 09.35 Uhr

Montag, 21. Mai, 10.10 Uhr

Montag, 21. Mai, 10. 30 Uhr

Montag, 21. Mai, 16.30 Uhr

Montag, 21. Mai, 18.30 Uhr

Wie geht es in der nächsten Folge weiter?

Über den Autor

Stadtplan von Haag (Obb.)

Impressum

Der Widerspenstigen Meuchelung

 

Ein Grafschaft Haag Krimi

 

von

 

Frank Merlin

 

 

Madrigenum

 

 

Mittwoch, 16. Mai, 19.45 Uhr

»Was willst du, einen Vorschuss? Du unverschämter Versager. Ich hab dir einen Job gegeben, als die meisten auf dir herumgetrampelt sind.« Antonia Bodner warf wütend ihr Besteck zurück auf den Teller. »Weißt du, was du bist? Du bist ein undankbares Stück Dreck.«

Das Messer prallte vom Teller ab, traf das Jugendstilweinglas, welches stark zu schwanken begann und wie in Zeitlupe umkippte. Auf der bisher blütenweißen Damasttischdecke saugte sich, Millimeter um Millimeter, ein kreisrunder Fleck mit dem satten Rot des Spätburgunders voll. Bodners kleine Dackelin erschrak, sträubte ihr Nackenfell, fletschte heftig erregt, machte einen Satz auf den Gast zu und kläffte ihn wütend an. Schmidberger, ihr Gegenüber, rutschte erschrocken mit dem Stuhl zurück, sprang auf und keifte seine Gastgeberin an: »Pfeif deinen Köter zurück, sonst trete ich ihn weg.«

»Wenn du der Hanni was antust, dann ... «, mit hochrotem Kopf und fast außer sich vor Wut stürmte die großgewachsene Fünfzigjährige mit erhobener Hand drohend auf den schmächtigen jungen Mann zu: »... dann fängst du dir gewaltig eine.«

Schmidberger schreckte zurück, packte in seiner Not und um sich zu verteidigen, eine alte, massive Holzfällerstatue, die in Reichweite auf einem Vertiko aus der Gründerzeit stand. Wild fuchtelte er damit vor Bodners Gesicht herum: »Bleib stehen, sonst …«

»Sonst was, du Scheißkerl?«, schrie Antonia Bodner und blickte ihn mit böse funkelnden Augen an, »Bringst du mich dann etwa um die Ecke?«

Schmidberger starrte mit Entsetzen auf die Statue in seiner Hand. Wie konnte er sich so gehen lassen? Langsam ließ er die schwere Holzfigur aus den sich kraftlos öffnenden Fingern gleiten, sodass sie auf den Steinfußboden fiel. Durch das laute Geräusch beim Aufprall löste sich seine Erstarrung und er rannte mit der Bemerkung, »Ich hab’s gleich gewusst, du bist wie all die anderen Spießer!« aus dem Wohnzimmer in den Hausflur.

Die Eingangstür fiel mit lautem Krachen hinter ihm ins Schloss. Ein gerahmter Kunstdruck, mit der Maria und dem Gotteskind auf dem Arm, löste sich dabei von der Wand, das Frontglas zersprang unter lautem Klirren auf dem Steingut. Erneut kläffte die Dackelin erschrocken auf. Antonia Bodner bückte sich runter zu ihrer Hündin und kraulte sie zur Beruhigung hinterm Ohr: »Gell, der böse Kerl hat dir Angst gemacht. Aber keine Sorge, der kommt uns nimmer ins Haus. Der kriegt gleich morgen seine fristlose Kündigung und basta. Der Lump kann froh sein, wenn ich ihn nicht anzeige.«

Sie hob die massive hölzerne Statue vom Boden auf, stellte sie zurück auf das Vertiko, ging in den Flur, kam mit der Leine zurück und legte sie der mittlerweile freudig wedelnden Hündin an: »Das Glas feg ich später zusammen. Komm Hanni, auf den Schreck hin gehen wir erst mal eine Runde Gassi.«

 

Mittwoch, 16. Mai, 19.45 Uhr

Schlössl war im Vorfeld etwas skeptisch der Qualität wegen gewesen, die ihn bei der Aufführung von »Der Widerspenstigen Zähmung« im Bürgersaal des hiesigen Ortes erwarten würde. Es sollte sein erster Bericht für die Kulturseite des Lokalteils einer großen bayerischen Tageszeitung sein, für dessen Hauptblatt er bereits in der Landeshauptstadt München tätig war.

Natürlich war der Ausflug in die Niederungen der Provinz aus beruflicher Sicht ein Abstieg für den erfolgreichen Redakteur. Von der Journalisten-Champions-League in die Schreiberlingkreisliga, von der Münchner Philharmonie zur örtlichen Blasmusikkapelle. So in etwa hatten seine Kollegen beim Abschied gespottet. Aber er hatte keine andere Wahl, er musste Abstand zu seinem vorigen Leben gewinnen. Seine Gattin, die Schauspielerin Bambi Cesare, war seit Beginn ihrer Ehe vor 21 Jahren von einer Film- zur nächsten Theaterparty geschwebt. Partyhopping nannte man das in der Schickimickiszene.

Anfangs hatte er sie noch begleitet, schließlich traf er dort auch wichtige und interessante Kontakte für seine Artikel. Aber mit der Zeit hatte ihn das oberflächliche Bussi hier, Bussi da körperlich sowie seelisch ermüden lassen. Eines Tages konnte er nicht mehr daran teilhaben. Sie jedoch wollte keinesfalls auf ihre „Freunde“ verzichten und zog alleine los. Was zu Anfang funktionierte, sollte über einen längeren Zeitraum nicht ungestraft vonstattengehen. Keine Frau, auch eine Bambi Cesare nicht, konnte es verkraften, die Aufmerksamkeit des Partners zu verlieren, beziehungsweise vernachlässigt zu werden. Und wie das Leben so spielt, lernte die Schauspielerin auf ihren allabendlichen Alleingängen den Filmproduzenten Rubens van der Wiesen kennen. Dieser war von ihr als Akteurin und später immer mehr auch als Frau derart fasziniert. Da passierte es: Die beiden verliebten sich. Zuerst trafen sie sich heimlich. Aber als sie aufzufliegen drohten – ein Paparazzo hatte sie beim Knutschen erwischt, wurde das Ganze offiziell. Bei nächster Gelegenheit beichtete sie ihrem Nochehemann die neue Liebe. Der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung folgte. Hubertus Schlössl konnte nicht einmal sagen, ob es ihn belastete. Nur die Tatsache, dass sie Sohn Marvin mitnahm, war für ihn wie ein Schlag ins Gesicht.

Einsam und allein blieb der Kulturjournalist in der riesigen Schwabinger Penthousewohnung zurück, die ihm ohne das glückliche Kinderlachen eher einem Gefängnis gleichkam. So blieb er oft bis spätabends im Zeitungsverlag und legte all die Energie in seine Artikel. Als er dann, als Resultat seiner ausgezeichneten Arbeit, vor einem Jahr zum Redaktionsleiter Kultur befördert werden sollte, verstarb plötzlich und unerwartet seine Mutter an einem versteckten Herzinfarkt. An einer Krankheit, von der er bisher nur geglaubt hatte, dass sie einzig und allein Männer dahinraffte. Die Tage bis zum Begräbnis waren für Schlössl eine Qual. Wie bereits beim Auszug von Marvin fühlte er diese quälende Leere. Nun war er zum ersten Mal wirklich alleine, hatte weder Vater noch Mutter noch Ehefrau.

Der Sohn erwies sich als ein fragwürdiges Vergnügen, das einmal im Monat für ein Wochenende stattfand. Schon während der Beerdigung bemerkte er das unkontrollierte Zittern an seinem ganzen Körper, dieses Brennen in den Oberschenkeln und den permanenten Durchfall. Als er am nächsten Morgen aufwachte, konnte er sich vor Schwäche kaum mehr auf den Beinen halten. Der herbeigerufene Notarzt überwies ihn in eine Münchner Großklinik. Dort wurde, nachdem man kein körperliches Defizit gefunden hatte, ein Burnout diagnostiziert. Schlössl ließ sich freiwillig in eine Klinik für psychosomatische Erkrankungen einweisen, um, wie er später in den Gesprächen mit den Psychologen herausfand, seine Scheidung, den Tod der Mutter und die Problematik des unbekannten Vaters endgültig zu verarbeiten.

Als er nach sechs Wochen entlassen wurde, fand er in seinem etwa einen Meter hohen Stapel aus unerledigter Post, die Nachricht eines Notars aus Haag. Sie war erst einige Tage alt gewesen. Leicht nervös öffnete er den Brief, denn Post vom Notar hatten für ihn bisher Scheidungspapiere und sonstige Ärgernisse bedeutet. Doch dieses Mal ging es um einen Nachlass. Wen oder was sollte er beerben? Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Seine Mutter war doch erst vor Kurzem verstorben. Von weiteren Verwandten wusste er nichts. Was er dann las, raubte ihm fast den Atem. Er legte den Brief zur Seite und ging erst mal im englischen Garten eine Runde spazieren. An jenem Tag bemerkte er, dass fast nur Väter mit Söhnen unterwegs waren. Oder hatte ihn einfach nur seine ganze Konzentration auf diese Thematik gelenkt? Nach einer Stunde an der frischen Luft fühlte er sich endlich bereit, dem Inhalt des Briefes zu stellen. Hektisch eilte er nach Hause, machte sich der Verdauung wegen einen Fencheltee, die bei solcher Aufregung gerne mal verrückt spielte, setzte sich auf die Couch und stierte auf das Blatt Papier vor sich auf dem Glastisch. Schließlich nahm er den Brief fest in beide Hände, um das Zittern in Griff zu bekommen. Dann begann er ihn, zu studieren. Was? Er hatte einen Großvater väterlicherseits in Haag? Das bedeutete auch, dass er einen realen Vater hatte. Seine Mutter hatte ihm seinen Erzeuger zeit ihres Lebens verheimlicht. Er fühlte, wie sich die Haare an seinen Armen aufstellten, er vor Aufregung eine Gänsehaut bekam. Wie würde sein biologischer Vater jetzt wohl aussehen? So wie er selbst? Wahrscheinlich, denn seiner verstorbenen Mutter hatte er wirklich nicht sehr ähnlich gesehen. Aber als er weiterlas, stiegen ihm Tränen in die Augen. Sein Vater war schon vor seiner Geburt bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wie oft war er unwissentlich am Haus seines Großvaters vorbeigefahren, wenn er zu den Journalistentagungen nach Passau musste. Haag lag ca. 50 Kilometer östlich von München, an der Schnittstelle der Bundesstraßen 12 und 15 gelegen. Der Ort mit dem großen Burgturm aus dem frühen Mittelalter. Fragen über Fragen stellten sich augenblicklich bei ihm ein. Warum hatte seine Mutter nichts über den Vater erzählt? Warum nichts über den Großvater? Was war geschehen? Er hoffte, dass er das eine oder andere Geheimnis beim Weiterlesen gelüftet bekam. So erfuhr er, dass sein Großvater kurz vor seinem Ableben einen Privatdetektiv auf seine Schwiegertochter angesetzt hatte und sie inzwischen verschieden war, letztlich nur noch ihn, den Schlössl als Nachkommen ausfindig machen konnte. Nur fragte sich der Journalist, warum sein Großvater ihn nicht noch vor seinem Tode hatte sehen wollen. Er befragte sowohl den Privatdetektiv als auch den Notar. Doch keiner konnte ihn darüber aufklären. Anscheinend hatte der Großvater das Geheimnis seiner Entscheidung mit ins Grab genommen.

Als er am Tag der Testamentseröffnung das erste Mal die Wurzeln seiner Herkunft besuchte und vor dem zukünftigen Haus stand, wusste er, dass er hier, an diesem beschaulichen Ort, leben wollte. Die Testamentseröffnung selbst empfand er als skurril. Er als einzige Person in dem großen Büro des Notars, um ihn herum zehn freie Stühle. Die Reise nach Jerusalem mal andersrum, dachte er flapsig. Anscheinend waren sonst immer größere Erbengemeinschaften geladen. Kurz darauf erschien der Kanzleiinhaber, begrüßte ihn und verlangte von ihm den Ausweis zur Bestätigung seiner Identität. Dann las der Notar das Testament des Großvaters vor. Der Text war kurz und knapp. Nur die Bedingung, dass das Haus von Schlössl persönlich bewohnt und nicht verkauft werden durfte, war an die Annahme der Erbschaft verknüpft. Sonst würde das Anwesen augenblicklich an den örtlichen historischen Verein übergehen. Da sich Schlössl bei der Besichtigung sowieso schon für Haag entschieden hatte, willigte er dem Testament ein und unterschrieb die Erklärung des Notars.

Am nächsten Tag sprach er mit dem Chefredakteur, ob die Möglichkeit bestünde, ihn in die Provinz zu versetzen. Die Antwort des Chefs war eindeutig: »Nur unter größeren finanziellen Einschnitten bei ihrem Gehalt, Schlössl. Der Redaktionsleiter in Haag hat noch einen Vertrag bis Ende nächsten Jahres. Zunächst werden Sie als einfacher Kulturredakteur angestellt. Im Anschluss können wir Sie auf den freiwerdenden Posten des Redaktionsleiters setzen.«

Da Geld für Schlössl im Augenblick nicht so wichtig war, nahm er das Angebot an - für den entscheidenden Richtungswechsel in seinem Leben. Er verkaufte das Penthouse, zahlte seiner Exfrau ihren Anteil aus und steckte einen Teil des Erlöses in die Renovierung des großelterlichen Hauses.

Schlössl hatte nun schon seit einer dreiviertel Stunde der Vorstellung im Haager Bürgersaal beigewohnt. Bevor das Stück um 19.00 Uhr begonnen hatte, studierte er das Programmheft und las die Kurzbeschreibung des Theaterstücks. 1. Akt: Padua, Italien. Lucentio verliebt sich in Bianca, die jüngere der beiden Töchter Baptistas. Doch hat der Vater beschlossen, dass er einer Heirat der jüngeren Tochter nicht zustimmen werde, ehe seine ältere Tochter vermählt sei. Um Bianca zur Frau zu nehmen, muss Lucentio deshalb nicht nur einige Mitbewerber ausschalten, sondern auch einen Gatten für die widerspenstige Katharina finden.

Endlich hatte dann das Warten ein Ende, das Glöckchen wurde geklingelt, der Vorhang geöffnet, die Theateraufführung begann. Jetzt, gegen 19.45 Uhr, empfand er, entgegen seinen ursprünglichen Vorurteilen, das Stück ganz ansprechend inszeniert. Manchmal erschienen ihm die Dialoge der Akteure zwar etwas holprig, aber einer machte das wett, stach heraus. Der Schauspieler, der die Rolle des Lucentio spielte. Schlössl blätterte interessiert das Programmheft durch, er wollte unbedingt den Namen des talentierten Akteurs wissen.

 

Mittwoch, 16. Mai, 20.25 Uhr

Antonia Bodner hatte auf ihrer Gassirunde inzwischen eine Stelle erreicht, den die Straßenlaternen nicht ausleuchteten, und es daher stockdunkel war. Jedes Mal, wenn sie auf ihren allabendlichen Spaziergängen hier vorbeigekommen war, hatte sie ein mulmiges Gefühl beschlichen. Einmal berichtete sie ihrer Nachbarin von ihren Bedenken, doch diese antwortete nur lapidar: »Warum gehst du dann nicht woanders?«

Aber Antonia Bodner war nicht der Typ Frau, der sich durch irgendetwas vom eingeschlagenen Weg abbringen ließ, weder beruflich noch privat. Und überhaupt war hier in der Gegend noch nie jemand überfallen worden.

Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Sogleich bereute sie ihre kühne Einstellung. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und ebenso ihr Gang. Ihre Konzentration galt einzig den fremden Schritten. Aber auch die schienen immer schneller zu werden. Ihre Bewegungen wurden zittriger, die Beine machten nicht mehr so, wie sie wollte. Panik lähmte ihren Körper.

Auf die Hauptstraße, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hastete in die enge Gasse, Hanni hinter sich an der Leine herzerrend. Kalter Schweiß rann ihr den Rücken hinab. Dann ein Schlag gegen ihr linkes Armgelenk. Augenblicklich schrie sie vor Angst auf. Schnell und ohne nachzudenken, lief sie weiter. Dann, ein kleines Stückchen weiter die Gasse runter, endlich Licht, die Kegel von Autoscheinwerfern, die Hauptstraße, Menschen, Sicherheit. Sie atmete tief durch und schwor sich, heute keinen Schritt mehr zu Fuß gehen zu wollen. Beruhigt zückte sie ihr Handy und rief ein Taxi, das sie und den Hund bis vor die Haustür bringen sollte.

 

Mittwoch, 16. Mai, 20.25 Uhr

Schmidberger radelte, hektisch in die Pedale tretend, auf eine Kneipe zu, bog in die Einfahrt zum Hinterhof ein und stellte seinen Drahtesel am Müllcontainer ab. Über die Hintertür betrat er das Etablissement. Eine ältere, ungepflegt wirkende Frau, mit einer abgebrannten Kippe im Mundwinkel, schob unmotiviert ein paar Fleischpflanzerl in die Mikrowelle. Schmidberger räusperte sich und sprach sie an: »Ist der Tom da?«

Sie nickte, dabei fiel die Zigarettenasche in die darunter stehende Schüssel mit Fertigkartoffelsalat. Ohne dies groß zu beachten, deutete sie mit dem Kopf Richtung Nebenzimmer. Schmidberger durchzuckte kurz ein Gefühl des Ekels. Jetzt fiel es ihm wieder ein, warum er hier bisher nichts essen wollte. Er verließ die schmuddelige Küche, betrat den engen verrauchten Gang und klopfte an die nächste Tür rechts. Durch die geschlossene Tür hörte er die Stimme Tom Färbers, die fragte: »Wer ist da?«

»Ich bin‘s, der Schmidberger!«

»Ja, mein Spezi, der Flori. Komm rein«, lautete die Antwort von der anderen Seite der Tür.

Schmidberger spürte, wie der Ärger in ihm hochstieg. Er hasste es wie die Pest, wenn jemand seinen Namen verhunzte. Schon in der Schule war er wie eine Furie auf die um zwei Köpfe größeren Mitschüler losgegangen. Aber einem Tom Färber konnte und wollte er nichts entgegensetzen. Er brauchte ihn noch als Stofflieferant. Als er die Hand Richtung Türgriff bewegte, bemerkte Schmidberger, dass er bereits am ganzen Körper zitterte. Er fragte sich, ob das schon die ersten Anzeichen der einsetzenden Entzugserscheinungen waren, denn er hatte sich schon länger nichts mehr eingeworfen. Oder war es doch nur die Angst vor Färber, die ihn lähmte. Der Junkie atmete tief durch, drückte die Klinke runter, schob die Tür auf und betrat den Raum. Mit seinem Blick erhaschte er hinter einem alten Eichenschreibtisch sitzend, Färber, mit einer Kippe im Mundwinkel, Geldscheine zählen. Schmidberger versuchte zu lächeln, doch was dabei rauskam, wirkte nur gequält.

Färber lächelte zurück, doch es erinnerte eher an das Zähneblecken eines Kampfhundes, kurz bevor er seinem Opfer an die Kehle ging. Schmidberger schlotterte nur noch wie ein kleines Häufchen Elend, als er vor den Schreibtisch trat.

»Was willst du?«, zischte Färber ihn an.

Schmidberger blickte an sich herunter, das Zittern war in Schüttelfrost übergegangen: »Du siehst doch, was ich brauche!«

Färber antwortete in einem sarkastischen Tonfall: »Hast du Fieber? Grippemittel gibt’s beim Quacksalber nebenan.«

Schmidberger war klar, dass Färber ihn verarschte und ganz klar wusste, dass er Stoff brauchte: »Ich hab kein Fieber. Tom, bitte, ich brauch dringend was!«

Färber griff in die Schreibtischschublade, nahm ein Notizbuch heraus, blätterte darin, bis er die gewünschte Seite gefunden hatte, und schüttelte skeptisch den Kopf: »Flori, Flori, das schaut ausgesprochen schlecht für dich aus. Nein, nein, nein, da sind ja noch jede Menge Kröten offen. Puh, insgesamt 750 Euronen.«

Kraftlos stützte sich der Junkie an Färbers Schreibtisch ab, da er befürchtete, vor Schwäche nach vorne zu stürzen.

»Bleib bloß mit deinen Schmierfingern von meinem Schreibtisch weg«, zischte der Dealer den jungen Mann an.

Blitzschnell zog Schmidberger seine Hände zurück, ließ sich theatralisch auf die Knie fallen und flehte den Dealer an: »Tom, bitte, gib mir was. Ich zahl‘s dir bestimmt zurück. Bitte, ich verreck gleich vor Schmerzen.«

Färber lehnte sich in seinen Bürostuhl zurück, verschränkte beide Hände hinter dem Kopf und antwortete lakonisch: »Keine Chance, Flori, erst die Kohle.«

Schmidberger krabbelte langsam wieder hoch, zog seine leeren Hosentaschen demonstrativ raus: »Ich bin im Moment nicht flüssig!«

»Dann frag deine Alte. Oder besser noch die Würsteltussi.«

Schmidberger riss angsterfüllt die Augen auf. Wenn es jemanden gab, vor dem er noch mehr Bammel hatte als vor Färber, dann vor seiner Chefin: »Etwa die Bodner! Nein, die nicht!«

Dann drückte er auf die Tränendrüse, fing an zu flennen: »Nix wollte sie mir abgeben, die knickrige alte Kuh, obwohl sie Tausende von Euros daheim gebunkert hat.«

Färber grinste: »Ach, hast du es ihr nicht mehr richtig besorgt, du Ochs?«

Schmidberger verstand Färbers Anspielung auf den kastrierten Stier nicht und heulte weiter: »Das war nix Sexuelles! Nur rein beruflich. Ich würde die Janine nie betrügen.«

»Die Janine, eine leckere Schnitte. Überlass sie mir ein paar Nächte ...«

Färber griff in die Schublade und warf ein paar Pillen auf den Schreibtisch: »Dann bist du schuldenfrei und kannst die Pillen hier verticken. Das ist doch ein Deal oder?«

Schmidberger verzog sein Gesicht zur Fratze. Dem Färber die Janine überlassen, auf keinen Fall. Hasserfüllt schrie er seinen Widersacher an: »Leck mich, du Arsch!«

Färber steckte sein Notizbuch zurück in die Schublade: »Oh, Schmidberger, das war jetzt ein böses Foul.

- Ende der Buchvorschau -

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