Wer Liebe mit Eifer sucht - Frank Merlin - E-Book

Wer Liebe mit Eifer sucht E-Book

Frank Merlin

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Beschreibung

Marius droht alles zu verlieren, was ihm bisher wichtig war: Haus, Geld, Frauen. Doch in diesem Moment schickt ihm das Leben zwei Weggefährten: Richard und Sybille. Ab da läuft alles in geregelten Bahnen. Eigentlich …, denn es zieht ein unheilvoller Schatten auf, ein schleichendes Gift, was jedwede Liebe zerstören wird: Eifersucht! Bald stellt sich die Frage: Wie soll man jemanden vertrauen, wenn man sich selbst nicht lieben kann? „Wer Liebe mit Eifer sucht“ - ein "heiter bis wolkiger" Liebesroman in drei Teilen.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsangabe

Wer Liebe mit Eifer sucht

Teil 1 Eine neue Liebe entflammt

Prolog

Zwei Jahre zuvor

Der Hampelmann

Die Jungfrau im Manne

Die Göttin

Kalt, kalt, kalt

Die Freundin

Homo Maklerensis

1, 2, 3 ... vorbei

Flutsch – die Karte futsch

Albtraum in Rosa

Der Höhepunkt

Teil 2 Wolken verdunkeln die Liebe?

Der verhinderte Liebhaber

Sybilles Eltern

Marius allein zuhaus

Die verbotenen Früchte

Verbotene Spiele

Der Frieden trügt

Mein kleiner Bär

Frag Ruth

Frag Rikscha

Versöhnung mit Hänger

Der Auszug

Frag Mutti

Die Beschattung beginnt

Besuch der Männer in Schwarz

Rikschas Entscheidung

Hotel die Zweite

Hartmut mischt erneut mit

Die Entdeckung

Beschattung des Beschatters

Die Entführung

Teil 3 Alles wieder heile Welt

Wenn ich das überlebe …

Ein Star aus den Jugendtagen

Das (un)moralische Angebot

Picknick mit Sissi?

Ein Neubeginn

Niemandes Schuld oder?

Escort-Knigge for Dummies

Zurück im Gärtnerhäuschen

Wer A sagt, muss auch B sagen

Hip-Hop-Style

Nicht mehr so auf sich fixiert

Der andere Mann

Echt jetzt Thailand

Eigentlich …

Dir auch Kleines

Ending without Happy Ending

P E C H

Was sind Meriten?

Chasselas im Chez Bernard

Die Ich-küsse-Frank-Fraktion auf dem Vormarsch

Viel Hype um einen Namen

Ja schon, aber Elektro?

Wo in Zukunft drehen?

5,4,3,2,1 und schön lächeln

Die neue Koch-Location

Die Entscheidung

Epilog

Über den Autor

Weitere Bücher und E-Books des Autors

Impressum

Wer Liebe mit Eifer sucht

 

Liebesroman in drei Teilen

 

von

 

Frank Merlin

 

 

Madrigenum Verlag

Teil 1 Eine neue Liebe entflammt

 

 

 

 

Prolog

Ich erwachte in einem dunklen Raum. Meine Gedanken wirbelten durcheinander.

Wo bin ich?

Mein Kopf schmerzte fürchterlich.

Was ist geschehen?

Ich wollte mir an den Kopf fassen, doch es gelang mir nicht. Meine Hände waren mit Bändern am Rücken gefesselt. Bänder, die meine Handgelenke stark einschnürten. Plötzlich nahm ich draußen Schritte wahr, eine Tür wurde aufgerissen. Helles Licht schoss in den dunklen Raum. Ich stellte mich bewusstlos, blinzelte aber vorsichtig Richtung des Geschehens. Zwei Vermummte zerrten einen bewusstlosen Mann herein und ließen den Körper in der gegenüberliegenden Ecke auf den gefliesten Boden nieder. Einer der beiden Maskierten kam auf mich zu. Sofort begann mein Herz wie wild zu pochen. Hoffentlich hört er nicht mein Herz schlagen. Ich hatte höllische Angst, sie würden mir was antun. Der Vermummte berührte mich am Handgelenk. Ich ließ die Muskeln locker, damit er nicht merkte, dass ich bei Bewusstsein war. Ich roch die Ausdünstungen des Mannes: kalter Zigarettenrauch und Espresso mit Zucker. Doch nichts passierte. Der Maskierte drückte den Daumen auf meinen Puls, verharrte einen Augenblick und nickte anschließend seinem Partner zu. Worauf die beiden den Raum verließen und ihn wieder verschlossen. Durch die Tür vernahm ich ein paar ausländische Wortfetzen, konnte sie der italienischen Sprache zuordnen:

»Pisa … morte … salsiccia … scomparire …«

Die Stadt in Italien, Tod, Wurst, verschwinden. Panik erfasste mich. Sollte ich etwa nach Pisa verschleppt und dort getötet werden? Um dann endgültig alle Spuren zu verwischen, verwurstet werden? Bin ich in die Fänge der Mafia geraten? Mir drückte es augenblicklich den Schweiß aus allen Poren.

Als es draußen vor der Tür ruhig wurde, fasste ich den Entschluss nach dem anderen Mann zu sehen. Es war schwierig, sich mit verbundenen Händen und Füßen fortzubewegen. Wie eine Raupe glitt ich seitwärts fünf Meter durch die Dunkelheit. Plötzlich stieß ich an etwas. Das konnte nur der Fuß des bewusstlosen Mannes sein. Vorsichtig stupste ich mit meinem Schuh gegen das Bein des Mannes. Dies schien Erfolg zu haben, denn kurz darauf vernahm ich ein leises Stöhnen …

 

Zwei Jahre zuvor

Ich erwachte, da mir etwas ins Gesicht schlug. Als ich erschrocken die Augen öffnete, sah ich eine Hand, die einen Teil meines Gesichts bedeckte. Ich hob sie vorsichtig zur Seite und erblickte eine brünette junge Frau neben mir liegen. Langsam kam die Erinnerung zurück. Das war doch Michelle, die Bedienung aus dem Bistro von gestern Abend. Leicht verkatert griff ich nach meinem Smartphone auf dem Nachtkästchen.

Was, schon 08.30 Uhr!

Schnell war das Katergefühl verdrängt.

Verdammt, schon so spät. Oje, mein Vorstellungsgespräch!

Warum hatte mich die Alarmfunktion des Smartphones nicht wie eingestellt um 08.00 Uhr geweckt? Hatte ich nicht gestern ein Taxi für heute 09.00 Uhr bestellt? Mir fiel es wieder ein, doch hatte ich!

Jetzt schnell duschen und ordentliche Klamotten anziehen.

Als alles erledigt war, hatte ich der Kleinen schnell noch einen Zettel hingelegt, mich für die Nacht bedankt und ihr mitgeteilt, sie solle einfach die Türe zuziehen, wenn sie das Haus verließe. Ich blickte auf das Smartphone, 08.59 Uhr, geschafft. Ich warf die Eingangstür hinter mir in das Schloss und stürmte die Garageneinfahrt hinab zur Straße. Da stand aber kein Taxi. Hektisch blickte ich zuerst nach links, dann nach rechts die Anliegerstraße hinunter.

09.00 Uhr vorbei. Mist, wo bleibt es nur?

Ich konnte nicht mehr warten, um 9.30 Uhr sollte ich in der Innenstadt sein. Endlich mal wieder vernünftige Arbeit in Aussicht, nach all den drittklassigen Jobs. Ich konnte gut mit Computern, vor allem spielen, spielen, spielen. Am liebsten wäre mir ein Job als Betatester in der Gamerbranche gewesen, aber es hagelte immer nur Absagen; der allgemeine Tenor: zu alt, zu alt, zu alt.

 

Die letzten zehn Jahre waren nicht leicht für mich gewesen. Kurz vor dem Abi, ich war 18, kamen meine Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Unschuldig, wie sich später während der Gerichtsverhandlung herausstellte. Aber das half mir nichts. Ich war von einer Sekunde zur anderen Waise. Verwandte hatte ich keine. Ein einsamer Kindskopf allein in einem riesigen Haus. Ich hab dann das Abitur mit Mühe und Not geschafft. Ab dann nur noch Party, Party, Party. Hatte ja Kohle ohne Ende geerbt, dachte ich damals als Achtzehnjähriger. Aber auch viel Kohle hat irgendwann mal ein Ende. Vor allem dann, wenn man so wie ich alles verbrannte. Wer was von mir wollte, bekam es auch. Sollte ich mir jetzt Vorwürfe machen? Nein, so war ich eben. Hatte daher viele gute Freunde. Aber nur bis zu dem Zeitpunkt, als das Bargeld zu Ende ging, die Aktien verkauft waren und nur noch das Haus übrig war. Plötzlich waren alle Freunde verschwunden und ich saß alleine zuhause wie damals mit 18. Das fühlte sich nicht gut an. Es musste sich etwas verändern. Daher suchte ich mir Gelegenheitsjobs, aber die machten mich auch nicht glücklich. Dann traf ich in einem Café jenen Geschäftsmann, der von mir angetan zu sein schien. Ich bediente als Kellner, er gab mir seine Visitenkarte. Ich sollte ihn anrufen, wenn ich Lust verspürte, mich beruflich verändern zu wollen. Und verdammt noch mal, diese Lust verspürte ich. Ich rief ihn an und wir vereinbarten einen Termin für heute, 09.30 Uhr.

Aber das konnte ich jetzt wohl in die Tonne kloppen. Ich rannte die Straße Richtung Bushaltestelle. Wann war ich das letzte Mal Bus gefahren? Während der Schulzeit. Diese Enge, dieser Geruch wie nasser Hund, pah, wie es mir vor dem Busfahren ekelte. Da lobte ich mir schon das Taxifahren. Hinten reinlümmeln und bestimmen, wo es hingeht. Wie ein englischer Prinz in seinem Rolls-Royce mit Chauffeur. Für meine Eltern war ich immer ihr kleiner Prinz. Und so behandelten sie mich auch. Ich bekam alles, was ich wollte, musste nichts dafür tun. Ich denke, sie waren einfach nur glücklich, dass sie mich doch noch so spät bekommen hatten. Meine Mutter zählte schon fast 45, mein Vater 55 Jahre, als sie mir das Leben schenkten.

 

Völlig außer Atem war ich an der Bushaltestelle angekommen. Doch anstelle der rettenden Fahrgelegenheit fand ich nur einen laminierten Zettel, auf dem zu lesen war: Diese Haltestelle ist vorübergehend wegen Baumaßnahmen in der Balllaufstraße stillgelegt.

Pah, die nächste U-Bahn-Station ist etwa zwei km entfernt, das schaffe ich nie.

Mit klammen Fingern pflückte ich mein Smartphone aus der Manteltasche, jetzt bloß schnell den Typen von der Firma anrufen. Ich tippte die Nummer ein, doch anstatt zu wählen, leuchtete das Akku-leer-Zeichen auf und schaltete das Gerät ab, verdammt! Wenn einem das Leben einen Streich spielte, dann aber gewaltig. Mich überfiel so ein Gefühl, alles hinzuwerfen, aufzugeben. Doch die Stimme in mir, die mein Bankkonto zu vertreten schien, riet mir, den Arsch in die Höhe zu recken und weiter zu laufen.

 

Der Hampelmann

Also rannte ich los, Richtung U-Bahn-Station. Plötzlich hörte ich von hinten das Knattern eines Motors. Ich drehte mich um, sah ein komisches Fahrzeug herantuckern. Ein Mofa mit einer Rikscha hinten dran montiert. Die Rikscha war überdacht, fast so wie die Gefährte in Südostasien.

Wie heißen die noch, ähm … Tuk Tuks, glaube ich.

Der Fahrer hatte einen urigen Motorradhelm auf, Marke alter Topf. Ich winkte ihn heran und schrie: »Anhalten, stopp!«

Der Fahrer schien mich bemerkt zu haben, jedenfalls wandte er sich mir zu und wurde langsamer. Schließlich hielt er vor mir mit quietschenden Bremsen an und fragte mich laut schreiend, um das Knattern seines Mofamotors zu übertönen: »Ein Taxi?«

Ich brüllte zurück, »Lindenstraße 10, 9.30 Uhr – Termin«.

Er warf einen Blick auf seine alte Armbanduhr, nickte: »15 Minuten – könnte klappen. Steigen Sie hinten ein!«

Ich sprang in die Rikscha und der Fahrer fuhr los. Anfangs hoppelte es ein wenig, doch dann gewann das Gefährt allmählich an Fahrt. Die parkenden Autos huschten an mir vorbei. Entweder sah es nur so schnell aus oder er hatte das Mofa frisiert. Jedenfalls war der Lärm ohrenbetäubend und es roch so komisch. Von Minute zu Minute wurde ich müder. Ich hätte gestern doch nicht mehr die Kleine vernaschen sollen. Irgendwann sackte mein Kopf zur Seite und ich schlief ein.

 

Ich träumte von meinen Eltern, wie sie mit mir vor unserem Haus im Garten spielten. Ich fühlte mich glücklich und geborgen. In diese Idylle hinein kam dann plötzlich ein Anruf. Meine Mutter nahm den Hörer ab, hörte kurz zu, legte wieder auf und blickte meinen Vater an. Dann sagte sie zu mir, sie müssten jetzt kurz mit dem Auto wegfahren. Ich wurde traurig, denn irgendwie wusste ich, dass sie nie mehr zurückkehren würden. Daher wollte ich mit ihnen gehen. Aber mein Vater stellte sich mir in den Weg und sagte: »Mein Junge, deine Zeit ist noch nicht gekommen, du solltest jetzt lieber … aufwachen …

Ich öffnete langsam die Augen. Mein Schädel brummte heftig. Die Lunge brannte bei jedem Atemzug höllisch. Wie durch einen Schleier konnte ich einen Mann vor mir im weißen Kittel wahrnehmen. Ich hörte das Piepsen irgendwelcher Apparate. Der Mann setzte mit eindringlicher Sprache nach: »Herr Ambach, bitte aufwachen!«

Ich blinzelte vorsichtig, konnte nur unter großer Anstrengung die schmerzenden Augenlider offenhalten. Das verschwommene Umfeld wurde langsam klarer. Ich erkannte medizinische Geräte, das solariumgebräunte Gesicht eines ca. 35 jährigen Arztes und eine Schwester in grüner OP-Kleidung.

»Ho bi i?« Das hörte sich seltsam an, nicht nach »Wo bin ich«. Ich konnte nur undeutlich nuscheln, da meine Zunge wie Blei in meinem Mund lag. Besorgt blickte ich den Arzt an.

»Im Sankt-Ursula-Krankenhaus«, antwortete der Arzt, »Sie haben eine schwere Kohlenmonoxid-Vergiftung erlitten; das mit der Zunge ist eines der Symptome!«

Jetzt erinnerte ich mich wieder. Der Typ mit der Rikscha. Dieser fremdartige Geruch. Hatte der Nerd absichtlich die Abgase in die Rikscha geleitet? Ein ungutes Gefühl kroch in meine Innereien. Durch die Glasscheibe der Intensivstation sah ich den Rikschatypen plötzlich auftauchen. Halluzination oder Wirklichkeit? Ich blinzelte, der Kerl blieb. Unter größter Anstrengung hob ich den Arm und deutete mit dem Finger auf ihn: »Daf ift dö Köl!«

Die Stationsschwester schien mein Gestammel verstanden zu haben, jedenfalls lächelte sie und meinte: »Ja, das ist der Herr Hampel, der hat Sie vorhin bei uns abgeliefert!«

Das ungute Gefühl verstärkte sich, diesen Kerl wollte ich auf keinen Fall in meine Nähe lassen. Ich bäumte mich auf: »Nöng, hufn Schie gie Bolitschei!«

Der Arzt drückte mich sanft an den Schultern wieder zurück in das Krankenbett und redete beruhigend auf mich ein: »Alles in Ordnung, Herr Ambach. Wir brauchen keine Polizei. Herr Hampel hat angegeben, dass es ein unglücklicher Umstand gewesen sei, eine undichte Leitung, aufgrund derer Abgase in die Rikscha strömten.«

Nein, ich wollte mich nicht beruhigen, drückte mit letzter Kraft die Arme des Arztes weg und schrie: »Schiggn Schie ing wäg!«

Der Arzt nickte, ließ mich los und meinte lapidar »O.k., wenn Sie möchten«, und verließ den Raum. Durch die Glasscheibe konnte ich sehen, wie er den Rikschatypen ansprach. Wie in der Glotze, wenn man den Ton abdreht. Der Arzt deutete dann auf mich, schüttelte den Kopf und reichte dem Rikschatypen die Hand. Dieser schaute mich verlegen an und machte mit seiner Hand eine Geste in Richtung meiner Person. So, als wollte er sich entschuldigen und verabschieden gleichzeitig. Ich schüttelte den Kopf.

Entschuldigen, jetzt in diesem Moment. Das geht gar nicht.

Vor lauter Erschöpfung bin ich dann wieder eingeschlafen.

 

Am nächsten Morgen wurde ich von der Intensivstation auf die Innere verlegt. Was für eine blöde Aktion! Mit meinen 28 Jahren war ich mit Abstand der Jüngste auf der Station. Der andere Youngster war knappe 70, der Rest der bettlägerigen Mannschaft zwischen 80 und 90. Neben mir lag ein 85 jähriger, der nicht mehr ansprechbar war. In der Nacht schrie er laufend irgendwelche Sachen von Krieg und Bomben. Ich hab dann die Nachtschwester gerufen. Sie streichelte ihm über den Kopf, er hörte auf zu schreien. Dann telefonierte sie mit dem Bereitschaftsarzt. Kurze Zeit später sind die Grünvermummten von der Intensivstation gekommen und haben ihn mitgenommen. Die Nachtschwester meinte zu mir, er werde wohl die Nacht nicht überstehen. Irgendwie tat mir der Mann schon leid. Aber ganz ehrlich, nach dem Erlebnis mit der Rikscha wollte ich mich mit dem Thema Tod und Sterben in diesem Moment wirklich nicht auseinandersetzen.

 

Nach der etwas kurzen Nacht besuchte mich am Morgen auch noch die Dame von der Krankenhausverwaltung zwecks Aufnahme meiner Patientendaten. Als ich ihr auf Nachfrage mitteilte, dass ich keine Krankenversicherung hätte, schaute sie mich ungläubig an.

Also ehrlich, wozu auch soll ich so was brauchen? Ich bin bisher nie krank gewesen.

Als meine Eltern durch den Unfall starben, war ich aus der Familienversicherung rausgeflogen. Und um was Neues hatte ich mich nie gekümmert. Doch dann rechnete sie mir vor: zwei Tage Intensivstation 2000 €, der Tag auf der inneren Station 450 €. Bei weiteren acht Tagen, grobe Schätzung des Arztes, mache das summa summarum 6500 €.

Jetzt glotzte ich ungläubig. Fragte sie, wo sie ihre Designerkostüme gebunkert hätte. Sie blickte mich mit großen Augen an, schien mich nicht zu verstehen. Ich erklärte ihr, wenn ich das bekäme, was sie hier an Preisen verlangten, würde ich in die nächste Nobelklitsche wandern. Und anschließend meinen imaginären, begehbaren Wandschrank mit den erbeutenden Designerklamotten auslegen. Sie rollte wütend mit den Augen, atmete dann aber tief durch und meinte, das Budget der Klinik sei korrekt durchkalkuliert. Jetzt kam die Leier von den Auswirkungen des unvorsichtigen Handelns unserer Politiker auf das Gesundheitssystem. Das wollte ich mir nicht antun, von so was bekam ich immer Brechreiz. Ein Ablenkungsmanöver musste her. Also stellte ich in meiner Vorstellung bei ihr einfach den Ton ab. Ich wollte sowieso lieber an das Liebesspiel mit der netten Bedienung von vorgestern Nacht denken. Doch irgendwie klappte das heute nicht so recht. Immer wieder schwebten Gedankenfetzen an die 6000 Euronen herein. Sollte wohl auch lieber tief durchatmen. Funktionierte heute alles nicht. Musste an diesem Rikschatypen denken, diesen Hampelmann. Ich schaltete bei der Verwaltungsdame den Ton wieder an. Schon ging es los … Kostendämpfung …

Ich unterbrach ihre Ausführungen: »Aber ich wurde doch vergast!« Ich denke, der Ausdruck ›vergast‹ war ein wenig unglücklich gewählt. Wieder rollte sie mit den Augen und begann mit einem Vortrag über die unglückliche Wirkung eines Vergleichs zeitgeschichtlicher Ereignisse des Dritten Reiches mit vergleichbar geringen heutigen gesellschaftlichen Belangen.

Ich unterbrach sie wieder: »Kohlenmonoxid ist doch ein Gas?«

Sie nickte zustimmend.

»Und es wurde in mein Transportmittel geleitet, richtig.«

Erneut nickte sie und las mir dann aus meiner Krankenakte vor, was die Ärzte als Einlieferungsgrund notiert hatten: eine schwere Kohlenmonoxidvergiftung. Gut, um das Ganze abzukürzen, wir einigten uns dann auf Vergiftung. Worauf sie wieder etwas hilfsbereiter agierte. Sie teilte mir mit, ich könnte die Kosten bei dem Verursacher gerichtlich einfordern.

Gerichtlich einfordern! Wo denn? Bei diesem Hampelmann? Und was denn? Der sah nicht so aus, als hätte der einen müden Cent übrig.

Also fragte ich sie, ob sie nicht direkt mit dem Rikschatypen abrechnen könne. Sie schüttelte verneinend den Kopf und setzte zum nächsten Erklärungsmarathon an. Mir reichte es jetzt. Ich signalisierte ihr, dass ich verstanden hatte. Bat sie aber, mir wenigstens die Adressdaten des Herrn Hampel offenzulegen. Sie hatte keine Adressdaten, einzig die Telefonnummer war auf der Anmeldung notiert.

Schlampig, schlampig, Frau Krankenhausverwaltungsdame.

 

Eine Stunde später rief ich den Hampelmann an. Er schien sich wirklich zu freuen, dass ich mich meldete. Wenn er gewusst hätte, dass ich nur darauf aus war, seine Kohle abzugreifen. Aber so stand er 30 Minuten später vor meiner Zimmertür und klopfte. Ja, ich wurde jetzt als Selbstzahler, quasi als Privatpatient geführt, daher das Einzelzimmer. Ich bat ihn herein. Hampelmann öffnete die Tür, streckte zuerst den Kopf durch, um zu sehen, wo ich lag. Und wahrscheinlich, um auszuschließen, dass ich ihn mit irgendetwas bewerfen würde. Jetzt betrat der Rest des Körpers mit einem Blumenstrauß in der Hand das Zimmer.

»Herr Ambach?«

Ich antwortete: »Ja, liegt hier!«

»Richard Hampel, mein Name.«

Und dann sprudelte es aus ihm heraus. Wie leid es ihm täte und dass er mir Blumen mitgebracht hätte.

Sehe ich doch selbst, aber für was? Blumen sind doch kein Bier und auch nichts zum Essen. Eher so Zeugs für Frauen. Aber zumindest eine Geste des guten Willens.

Wovon ich persönlich noch meilenweit entfernt war.

Für die Kosten käme er auf, versicherte er mir mit treuem Augenaufschlag. Ich verkniff mir das Grinsen und antwortete kühl: »Gut, 6500 Euronen!«

Jetzt wurde der Hampelmann ein wenig blass um die Nase. Er griff nach einem Stuhl, zog ihn zu sich ran und setzte sich. Dann gab er kleinlaut zu: »Ich hatte mit höchstens 2500 € gerechnet.«

Dann erzählte er mir fast unter Tränen, dass er sich gerade selbstständig gemacht hatte. Das Geschäft gerade so begonnen hatte, anzulaufen. Und nun dieser dumme Zwischenfall mit der undichten Abgasleitung.

Will mich dieser Kerl jetzt wirklich mit dieser Mitleidsmasche im Preis drücken? Das kann ich besser.

Ich warf ein, dass ich auch hätte tot sein können. Wofür er dann höchstwahrscheinlich für längere Zeit in den Knast gewandert wäre. So gesehen hatte er noch Glück im Unglück gehabt. Jedenfalls wollte ich meine Kohle sehen und blieb hart.

Er machte mir dann ein Angebot: 3500 könnte er sofort aufbringen, die restlichen 3000 monatlich mit 200 € abstottern. Ich fragte ihn, was mit Zinsen wäre. Schließlich müsste auch ich mit 9% Überziehungszinsen auf dem Girokonto rechnen. Der Hampelmann überlegte kurz. Dann machte er mir ein zusätzliches Angebot, dass ich ein Jahr lang kostenlos bei ihm in der Rikscha mitfahren könne.

Mitfahren, bei dem Kerl, in der Rikscha! Bei dem Gedanken sträuben sich mir die Nackenhaare.

Ich hielt meine Arme abwehrend vor dem Körper. Er schien meine Bedenken zu ahnen, schüttelte den Kopf. Nein, er hätte jetzt wieder, wie ursprünglich, ein Fahrrad vorne dranmontiert. Vollkommen ohne Abgase. Eigentlich wollte er sich für die 3500 € ein E-Bike als Zugmaschine anschaffen, aber die waren jetzt den Krankenhauskosten geschuldet.

O.k., ich war klamm. Und in Zukunft ein Jahr lang das Geld für das Taxi zu sparen, hörte sich ganz gut an. Und diesmal mit einer Original Fahrradrikscha. Ich hielt Richard meine Hand hin, er schlug ein – Deal perfekt.

 

 

 

Die Jungfrau im Manne

Am nächsten Tag brachte mir Richard – so sollte ich ihn auf seinen Wunsch hin ab sofort nennen – die 3500 Euronen in einem Kuvert vorbei. Er zückte einen Zettel, auf dem ich den Empfang quittieren sollte. So dumm war der Kerl anscheinend gar nicht. Ich an seiner Stelle hätte mir, also dem Opfer, die Kohle einfach so hingeblättert. Aber wenn das Opfer, also ich, es dann nochmals verlangt hätte, würde ich an seiner Stelle ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben. Mensch, hätte ich mir die Darlehen, die ich an meine sogenannten Freunde verteilt hatte, doch nur quittieren lassen. Dann stünde ich jetzt finanziell besser da.

Ich unterschrieb die Quittung und meinte nebenbei zu ihm: »Kluge Entscheidung!«

Er schüttelte den Kopf: »Nicht meine Idee, meine Mutter meinte, so sei es sicherer.«

Meine Mutter hätte es wahrscheinlich genauso wie Richards Mutter gemacht. Meine Mutter hatte das gemeinsame Familienkonto geführt und alle Rechnungen bezahlt. Ich hatte sie manchmal fragend angesehen, da es in anderen Familien umgekehrt gewesen war. Worauf sie meistens antwortete: »Dein Vater ist ein lieber Mensch, aber er kann beileibe nicht mit Geld umgehen!« Ich bekam auch nie Taschengeld oder hatte ein eigenes Konto. Nein, wenn ich etwas brauchte, bin ich zu Mama gegangen, die kaufte mir dann das Gewünschte.

Wo sind wir stehengeblieben? Ach ja, bei der Quittung.

Ich habe sie dann unterschrieben, zweimal. Das Original ging an Richard, die Kopie erhielt ich.

 

Von da an besuchte mich Richard jeden Abend, brachte mir mein Notebook aus dem Haus mit. Ja, richtig verstanden, ich vertraute Richard meinen Hausschlüssel an. Dieser Mensch war nicht der Typ, der andere übers Ohr zu hauen versuchte. Dafür hatte er ehrlich gesagt zu wenig Charisma. Ihm fehlte die Ausstrahlung, andere manipulieren zu können. Ihm merkte man sofort an, wenn er flunkern wollte. Er wurde sogar rot, wenn er die Wahrheit sagte, aber sein Gegenüber dachte, er flunkere. Einmal brachte er eine DVD mit, die wir bei einem Bierchen und Chips auf meinem Notebook ansahen. Obwohl wir manchmal etwas lauter wurden, bekamen wir keinen Ärger. Wieso auch? Die Schwestern zerschmolzen unter meinen Fingern. Endlich mal einen jungen, knackigen gut aussehenden Endzwanziger. Ich wollte jetzt zwar auch noch gut duftend hinzufügen, habe dies aber nach dem obligatorischen Achselriechtest vermieden. Sollte aber bald wieder duschen dürfen.

Richard wurde immer furchtbar nervös, wenn die Schwestern reinkamen, um nach mir zu sehen. Warte mal, doch nicht bei allen Schwestern. Ich glaube, die 50 war dabei die magische Grenze. Drüber benahm er sich normal, drunter stammelte er herum wie ein Hampelmann. Schon wieder dieser negative Ausdruck. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihn nie wieder in Bezug auf Richards Person zu verwenden.

Sorry Richard.

Als wir am letzten Abend vor der Entlassung wieder alleine waren, sprach ich Richard darauf an. Erst blickte er mich ungläubig an, dann begann er, zu schwitzen. Dachte ich, zumindest standen ihm Schweißperlen auf der Stirn und unter den Augen. So ähnlich wie bei mir, wenn ich Habanera aß. Plötzlich sprang Richard auf und rannte im Zimmer umher, wie eine Raubkatze, die im Zoo in einem zu kleinen Käfig eingesperrt war. Dann brach es aus ihm heraus: »Ich bin noch Jungfrau!«

Ich fragte vorsichtshalber, ob er das Sternzeichen meinte. Er schüttelte den Kopf und gab frustriert von sich: »Nein, eine Richtige!«

Noch nie Sex gehabt. Ich war zwar noch nie der Größte im Mitgefühl zeigen gewesen, aber der arme Kerl tat mir jetzt wirklich leid.

»Und wie das?«

Er wurde nun wütend und deutete an sich herunter: »Dumme Frage! Schau mich doch an.«

Also schaute ich ihn genauer an. Richard war zwar nicht der Hübscheste, soweit ich das als Mann beurteilen konnte. Aber es hatten schon hässlichere Typen Sex mit Traumfrauen vollzogen. Aber dieses Argument hatte er schon im nächsten Satz wieder getilgt: »Und wenn du zusätzlich nie Kohle hast!« Richard begann zu stottern: »Dann, dann wirkt das bei Frauen wie Weihwasser auf den Teufel.«

Da musste ich ihm zu 100% zustimmen. Hässlich und ohne Kohle, das war wirklich ein Nogo in Bezug auf die Frauenwelt. Aber ich gab nicht auf: »Und was ist mit, naja, du weißt schon, käuflich und so?«

Auch dieses Argument wischte er mit einer Handbewegung weg: »Ach, das klappt bei mir nur, wenn ich verliebt bin.«

Ich schüttelte den Kopf: »Das kann ich jetzt nicht glauben. Das ist doch bei einem Mann schon reibungstechnisch fast unmöglich. Dass es einem nicht kommt, wenn Frau Hand oder anderes angelegt.«

Richard ließ sich auf dem Stuhl am Besuchertisch nieder, senkte den Kopf auf die Tischplatte und hielt sich mit beiden Fäusten in seinen rotblonden Locken fest: »Ich kann das einfach nicht. Mir ekelt davor. Ich brauche Nähe, Vertrautheit und Liebe. Für mich ist das etwas Besonderes.«

Ich kratzte mich am Hinterkopf. Irgendwie konnte ich Richard verstehen. Was er beschrieb, war genau das Gefühl, das ich immer bei meinen Eltern verspürt hatte. Aber im Prinzip waren wir dann doch sehr unterschiedlich. Ich hatte unverbindlichen Sex mit wechselnden Partnerinnen, um nicht nochmal jemand an mich ran lassen zu müssen, den ich dann wieder verlieren konnte. Und Richard wollte eine feste Beziehung, bekam es aber nie zustande, da er sich nie traute, den ersten Schritt zu wagen.

Da saß er nun am Tisch, wie ein Häufchen Elend. Ich bin zu ihm hingegangen, habe mich neben ihn gesetzt und gesagt: »Ich helfe dir, Bro!«

Rikscha hat den Kopf gehoben und mich mit leuchtend großen Augen angeblickt, bei denen jedes halbwegs vernünftige Mädchen schwach geworden wäre: »Wirklich?«

Ich nickte, hielt ihm die Hand zum Einschlagen hin und sagte: »Wirklich!«

Am nächsten Morgen hat mich Richard dann mit der Rikscha vom Krankenhaus abgeholt und nachhause geradelt. Im Gepäck natürlich die Rechnung über 6500 €. Ich hatte mir schon die ganze Woche über Gedanken gemacht, wie es mit mir weitergehen sollte. Als ich dann mit der Rikscha an meinem Elternhaus ankam, blickte ich in den Garten. Der ehemalige englische Rasen, eine, teils mit Moos bedeckte, teils von Unkräutern durchsetzte Wildnis. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich gehörte hier nicht mehr hin. Ich musste schleunigst weg. Richard schob die Rikscha die Hofeinfahrt hinauf. Ich stieg aus, er nahm den Trolley und begleitete mich hoch zur Eingangstür. Ich sperrte auf und betrat das Haus. Drinnen setzten wir uns an den Esszimmertisch. Überall standen Bierflaschen rum, alte Pizzaschachteln mit verschimmelten Essensresten pflasterten den Boden. Nun saß ich da wie ein Häufchen Elend. Dann schlug ich mit der Faust auf den Tisch. Die Bierflaschen kippten um, einige zerbarsten auf dem Steinboden, dessen ursprüngliche weiße Farbe inzwischen eine graubraune Konsistenz angenommen hatte. Ich rief gen Himmel: »Sorry Leut`s, ich verkauf den Schuppen.« Dann nahm ich mein Smartphone aus der Jackentasche und suchte mir einen Makler übers Internet.

 

 

Die Göttin

Für den übernächsten Tag hatte ich mit der Empfangsdame des Maklerbüros einen Besichtigungstermin vereinbart, bei dem der Makler den Wert und Zustand der Immobilie einschätzen wollte. Mit dem Typus Makler hatte ich bisher nur einmal zu tun. Das war bei einer Einweihung eines neuen Bürogebäudes, bei der ich als Catering-Service-Kraft arbeitete. Die Gäste, alles lackierte, blasierte Typen, ihre mittellangen Haare mit Gel nach hinten gestriegelt oder gleich kahl rasiert, um den drohenden Kahlschlag zu verbergen. Zufrieden strich ich mir damals durchs volle Haar. Da lobte ich mir meine Frisur. Meine Haare waren so dicht, dass ich als Kind beim Duschen nur die oberste Schicht Haare nass bekam, denn das Wasser perlte einfach ab. Und ich liebte das nach Aprikosen duftende Bio-Kinder-Shampoo, mit dem meine Mutter mir immer die Haare einschäumte. Das auch wirklich nicht in den Augen brannte.

Tut es immer noch nicht! Was jetzt? Warum sollte ich es als erwachsener Mann nicht mehr nehmen. Es tut meinen Haaren gut und basta!

Rikscha hatte ebenso seine Erfahrungen mit dem Homo Maklerensis gemacht, wie er mir aufgebracht erzählte. Vor ein paar Jahren wurde die Wohnung, die er mit seiner Mutter bewohnte, vom Vermieter in eine Eigentumswohnung umgewandelt und sollte verkauft werden. Der Makler war echt nervig. Immer wieder wollte er kurzfristig mit potenziellen Käufern die Wohnung besichtigen. Rikschas Mutter war schon fast den Tränen nahe. Rikscha ist dann mit ihr zum Mieterverein spaziert. Die gaben ihnen den Tipp, überall in der Wohnung an den Türen Zettel anzuheften, auf denen stand: ›Wir bleiben in der Wohnung und werden mit allen rechtlichen Mitteln dafür Sorge tragen‹. Und um die potentiellen Käufer vollends abzuschrecken, teilte Rikschas Mutter ihnen bei der Begrüßung lapidar mit: »Schön, dass sich mal jemand um die Mängel kümmert!« Das hatte anscheinend geholfen, denn seine Mutter und er lebten immer noch in dieser Wohnung.

Ich konnte Rikschas Bedenken nachvollziehen, aber was sollte ich sonst unternehmen, wenn ich das Haus verkaufen wollte. Ich blickte Rikscha an und stellte ihm die alles entscheidende Frage: »Kannst du mir das Haus verkaufen?«

Er blickte mich erschrocken an, duckte sich förmlich in seinem Stuhl weg und meinte kleinlaut: »Nö, kann ich nicht!«

»Siehste«, antwortete ich ihm, »dann brauche ich wohl oder übel so eine Pestbeule.«

 

Zwei Tage später gegen 10.00 Uhr erwartete ich diesen Makler. Rikscha musste arbeiten, ich war also auf mich alleine gestellt. 10.00 Uhr, niemand kam. 10.05 Uhr, immer noch nichts. 10.10 Uhr – inzwischen klebte ich mit der Nase wartend an der Fensterscheibe – schoss ein gelber Mini mit Karacho meine Einfahrt herauf. Die Sonne stand noch tief und spiegelte sich in der Frontscheibe des Fahrzeugs, sodass ich den Fahrer nicht sehen konnte. Kurz darauf öffnete sich die Fahrertür und ein blonder, fülliger Haarschopf erhob sich über das Dach des Minis. Die Löwenmähne schüttelte sich und erstrahlte hell und glänzend in der Sonne. Das war eine Frau! Davon hatte mir die Empfangstussi des Maklers nichts gesagt. Und schon kam sie, elegant wie eine Prinzessin, um das Auto gestöckelt, was bei dem kiesigen Untergrund unserer Einfahrt ein Drahtseilakt sein musste. Da die Augen der Frau hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen blieben, konnte ich nur auf Brüste, Becken und Beine schauen. Und ehrlich gesagt, das, was ich sah, hatte Stil und Klasse. Ich schreckte vom Fenster zurück. Sie sollte mich nicht gaffend dort stehen sehen. Doch hatte ich bereits Spuren auf der Scheibe hinterlassen; Spucke war aus dem Mund auf die Glasfläche gelaufen.

Verdammt, immer diese niederen Instinkte.

Ich nahm den Ärmel des Sweatshirts und wischte die Überreste menschlichen Sekrets weg. Dann klingelte es schon an der Haustür. In meiner Vorstellung habe ich ihr die Tür geöffnet. Sie stand da, lasziv bis in die letzte Faser ihres Körpers. Dann riss sie sich ihre Bluse vom Leib, drückte ihren heißen bebenden Körper an den meinen.

Hallo, das ist nur deine Vorstellung.

Ich atmete tief durch, aber mein Herz pochte wie wild und die Knie waren schwammig. Ich drückte die Klinke herunter und öffnete die Türe. Sofort blickte ich in strahlend blaugrüne Augen. Mir verschlug es die Stimme: »A … Am … Ambach!« Endlich hatte ich meinen Namen in einem Stück aussprechen können. Diese Augen schienen mir den Rest zu geben.

Wenn Sie mich jetzt noch mit irgendwas berührt, wenn auch nur zufällig, dann sacke ich zusammen, wie ein Boxer, der den finalen Leberhaken des Gegners abgekriegt hat. Was zum Teufel ist nur mit mir los? Das ist doch sonst nicht meine Art.

Sie streckte mir ihre Hand entgegen und lächelte mich mit ihren Engelszügen an. Die strahlend weißen, absolut gerade gewachsenen Zähne funkelten zwischen ihren vollen Lippen. Sicher war sie mal potthässlich gewesen, so mit Brille und Zahnspange, wie in diesem amerikanischen Highschoolfilmen, die Verwandlung vom hässlichen Entlein zur Prinzessin.

Genau, ich stelle mir vor, dass sie in der Schule mit Zahnspange, Pferdeschwanz und Nickelbrille rumgerannt ist. So, jetzt kann ich sie anfassen, ohne dass mir gleich die Knie weich werden.

Ich nahm ihre Hand, so weich und warm. Plötzlich wollte ich nur noch auf Barbados sein: Karibik, weißer Strand, engumschlungene Körper wälzen sich lustvoll im lauwarmen Meerwasser. Dann wurde alles schwarz. Ich hörte dann erst wieder diese süße Stimme, die in mein Bewusstsein drang: »Herr Ambach …«

Ich öffnete die Augen und sah verschwommen einen blonden Haarschopf, der über mich gebeugt war.

»Herr Ambach, Gott sei Dank, können Sie mich verstehen?«

Mein Blick wurde wieder klar, die Erinnerung an die junge Maklerin kam zurück. Ich lag am Boden, unter den Kopf hatte sie mir ihre Aktenmappe geschoben. Ich nickte und stammelte: »Frau …?«

Sie bemerkte, dass sie sich bisher nicht hatte bei mir vorstellen können: »Sibylle Fahrenholz! Herr Ambach, geht es ihnen wieder gut oder soll ich einen Krankenwagen rufen?«

Nein, ins Krankenhaus will ich auf keinen Fall mehr.

Ich schüttelte den Kopf. Sie fühlte den Puls an meiner Halsschlagader, blickte dabei auf ihre Armbanduhr.

Cooles Teil – ist das eine Rolex? Ach egal, so nah bei dieser wunderschönen Frau.

Und was ich jetzt erst bemerkt hatte, bei der Rettungsaktion war auch noch ein weiterer Knopf ihrer Bluse aufgegangen. Darunter zeigte sich ein Dekolletee – marmorfarbene, zarte Haut, ohne irgendwelche Unreinheiten. Ein verspielter Spitzen-BH lugte hervor, der ein paar wunderschöne Brüste im Ansatz erkennen ließ. Ohne den Blick davon abwenden zu können, antwortete ich: »Auf keinen Fall. Von da komme ich gerade her! Ich brauche nur ein Glas Wasser.«

»Zweite Tür rechts, stimmt`s?«, fragte sie mich, stand auf und ging los, ohne eine Antwort abzuwarten. Woher wusste sie das? Sie konnte wohl Gedanken lesen, denn sie antwortete mir abrupt: »Woher ich das weiß? Ich habe vorab die Pläne, die Sie unserem Sekretariat gemailt hatten, studiert. Wissen Sie, Herr Ambach, nur wer professionell arbeitet, hat zufriedene Kunden.«

 

Pfff … wie ein Luftballon, der gerade den ungleichen Kampf mit dem Kaktus verloren hatte, entwich auch bei mir schlagartig die Luft meiner Gefühlsblase. Professionell arbeiten! Auf der einen Seite fand ich Frau Fahrenholz höchst interessant, aber andererseits törnte mich dieses Maklerfachgelaber ganz schön ab. Nur, als sie aus der Küche mit dem Glas Wasser zurückkam, erschien sie nicht mehr so abgebrüht. Sie wollte wissen, warum ich im Krankenhaus gewesen sei. Nachdem ich einen Schluck getrunken hatte und mich mit der Unterstützung von Frau Fahrenholz in das Wohnzimmer führen ließ, begann ich ihr mein erstes Zusammentreffen mit Rikscha zu erzählen. Ich beobachtete sie dabei, wie sie auf gewisse Situationen reagierte. Sie konnte über komisch anmutende Details herzhaft lachen. Aber als das Thema auf die Kohlenmonoxidvergiftung durch Rikschas Gefährt zu sprechen kam, wurde sie plötzlich ganz still. Dann atmete sie tief durch, stemmte ihre beiden Hände in die Taille und rief energisch: »So ein Vollpfosten!« War da etwa Mitgefühl, das unter ihrer oberflächlichen, unnahbaren Schale schlummerte? Zeigte sie etwa ebenfalls Interesse an mir? Ich beschloss ihr von meinen Eltern zu erzählen, die Geschichte über deren frühen Unfalltod. Aber irgendwie schien ich es übertrieben zu haben. Die Fahrenholz stand auf, blickte im Raum umher und meinte knapp: »Dann wird es höchste Zeit für Veränderung«, schnappte sich ihre Aktenmappe und begann das Haus zu begutachten.

 

Als sie nach ca. einer halben Stunde fertig war, kam sie zu mir ins Wohnzimmer zurück. Sie entfernte eine alte Pizzaschachtel von dem Sessel mir gegenüber, setzte sich und schlug die Beine übereinander. Dann faltete sie ihre Hände, legte sie auf ihrem Schoß ab und begann mir ihre Erkenntnisse mitzuteilen: »Also, das Haus ist in keinem sehr guten Zustand, die Böden defekt, die Heizung und die Bäder veraltet. Der Garten – es schien ihr fast die Sprache zu verschlagen – der Garten ist eine einzige Katastrophe. Aber Sie haben Glück im Unglück, das Grundstück ist mit seinen 2000 m² riesig. Ich hätte da einen Vorschlag, man könnte das Haus abreißen und ein Mehrfamilienhaus mit Eigentumswohnungen drauf planen. Für einen Bauträger bedeutet das in dieser Lage eine gute Rendite.«

Rendite! Jetzt kam wieder der Teil in ihr zum Vorschein, den ich nicht mochte. Aber was soll`s, ich hatte einen Makler bestellt und keine Sexgespielin. Und das, was hier vor mir saß, das war eindeutig eine Maklerin. Desillusioniert gab ich ihr dann mein o.k., das Haus auch gegebenenfalls an einen Bauträger zu verkaufen. Ich unterschrieb die Maklervereinbarung zur Alleinvertretung. Dann verabschiedete sie sich mit ihrem professionellen Maklerlächeln und einem ›Wir hören in Kürze voneinander!‹

 

Am Abend kam Rikscha vorbei und wollte natürlich haargenau wissen, wie es abgelaufen war. Als ich ihm vom enttäuschenden Ende erzählte, blickte er mich an und meinte ernüchternd: »Was erwartest du?«

»Was!

---ENDE DER LESEPROBE---