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Im Mittelpunkt von "Der Wille zum Leben" steht die Haltung des Menschen dem Tod gegenüber. Die Frage, warum Menschen medizinische Vorsorgeuntersuchungen nur so wenig wahrnehmen, dient Erich Fromm als Aufhänger, um zwei sich widersprechende Hypothesen zu entfalten: Die Menschen haben kein wirkliches Interesse mehr am Leben, sondern werden von einer chronischen Depression oder gar von nekrophilen Tendenzen bewegt, so dass ihr Lebenswille gebrochen ist. Dieser Hypothese steht die zweite nur scheinbar entgegen: Die Menschen haben so sehr Angst vor dem Tod, dass sie jede ärztliche Untersuchung meiden, um nicht mit einer todbringenden Krankheit konfrontiert zu werden. Beide Thesen widersprechen sich nicht, wenn die unbewusste Grundhaltung miteinbezogen wird: Wer das Leben und alles, was das Leben attraktiv macht, in der Weise des Habens betrachtet, der wird von allem Leblosen angezogen und kann gleichzeitig das Leben nicht hergeben, eben weil es ein lebloser Besitz ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
(The Will to Live)
Erich Fromm(1976c)
Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer Funk[1]Aus dem Amerikanischen von Liselotte und Ernst Mickel.
Erstveröffentlichung unter dem Titel The Will to Live in Preventive Medicine. An International Journal Devoted to Practice and Theory, New York, Jahrgang 5 (1976) S. 518-521; die von Liselotte and Ernst Mickel besorgte erste deutsche Übersetzung erschien 1981 in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zehn Bänden, Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt), GA IX, S. 393-397.
Die E-Book-Ausgabe orientiert sich an der von Rainer Funk herausgegebenen und kommentierten Textfassung in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, GA IX, S. 393-397.
Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.
Copyright © 1976 by Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2016 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2016 by Rainer Funk.
Man fragt sich, warum Menschen das Angebot einer medizinischen Untersuchung nicht wahrnehmen, die ihnen zu einer Früherkennung von Krebs oder anderen Krankheiten verhelfen könnte, wo sie sich doch, wenn sie die Möglichkeit nutzen, vor schwerer Erkrankung oder vorzeitigem Tod bewahren könnten. Dies ist erstaunlich, denn es steht in einem völligen Gegensatz zu dem vernunftgemäßen Verhalten, welches doch das Leben der meisten Menschen zu bestimmen scheint.
Die von den Ärzten zu diesem Thema zusammengetragenen Daten bieten zahlreiche und konkrete Beispiele dafür, dass die Menschen nicht fest genug entschlossen sind, ihr Leben zu schützen, obwohl sie sich auf vielen anderen Gebieten offensichtlich solche Mühe geben, „etwas für ihre Gesundheit zu tun“. Aber man sollte sich von vornherein darüber klar sein, dass der medizinische Bereich nur einer von vielen ist, auf dem die Erscheinung, dass man sich nicht ausreichend um den Schutz seines Lebens kümmert, zu beobachten ist. Diese Tatsache gewinnt noch an Bedeutung, wenn wir uns klarmachen, dass das gleiche irrationale Verhalten auch auf einem ganz anderen Gebiet festzustellen ist, nämlich auf dem der atomaren Rüstung und der ökologischen Schädigung der Umwelt. Auch auf diesen Gebieten wissen die Menschen, dass sie die mehr oder weniger totale Zerstörung ihres Landes, ja der ganzen Welt riskieren oder dass sie ökologische Schäden anrichten, die sogar den Fortbestand des Lebens auf der Erde in Frage stellen; und trotzdem unternehmen sie nichts zur Abwendung dieser Gefahren. Mit dieser Feststellung will ich nicht bestreiten, dass in beiden Richtungen gewisse Anstrengungen gemacht wurden, aber angesichts der ungeheuren Gefahr scheinen mir diese Bemühungen damit vergleichbar, dass einer Aspirin einnimmt, wenn er Grund zur Annahme hat, dass er an Krebs leidet. Man muss tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass es sich um eine grundsätzliche Frage handelt, die eine weit tiefere Bedeutung besitzt als die Verhütung von Krankheiten, und die wirklich an die Wurzel unserer Zivilisation rührt. Wie ist es möglich, dass in einer Kultur, die sich so sehr um die Wohlfahrt und „das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen“ bemüht, die Menschen sich so verhalten, als ob es ihnen gleichgültig wäre, ob sie leben oder sterben?
