Der Wolf in Flammen - Markus Grain - E-Book

Der Wolf in Flammen E-Book

Markus Grain

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Beschreibung

Ariks erster Schultag in der zehnten Klasse verläuft… anders als gewöhnlich. Gestalten in Schwarz laufen durch die Straßen, ziehen eine Spur der Verwüstung hinter sich her. Mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Freunden und Schulkollegen versucht Arik in einer Welt, in der plötzlich Chaos und Zerstörung regieren, zu überleben. Die Welt verblutet vor seinen Augen. Alles was jetzt noch zählt, sind Zusammenhalt und Zuversicht. Wenn ihm nur nicht ständig die Liebe und unerklärliche Visionen in den Weg kommen würden…

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Der Wolf in Flammen

 

 

 

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- gekürzte Vorschau -

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Prolog

Kapitel 1: Ein ganz normaler Tag in meinem Leben

Kapitel 2: Das Blut der Welt

Kapitel 3: Es beginnt

Kapitel 4: Geschichten

Kapitel 5: Der Erste

Kapitel 6: Feuer und Blitze

Kapitel 7: Wachträume

Kapitel 8: Der Schuldige

Kapitel 9: Die Notwendigkeit der Schönheit

Kapitel 10: Einfallslos

Kapitel 11: Frage niemals Wieso

Kapitel 12: Mondgespenster

Kapitel 13: Immer nur das Eine?

Kapitel 14: Erinnerungen

Kapitel 15: Der Weg in die Hölle

Kapitel 16: Unvergessene Helden

Kapitel 17: Rätsel

Kapitel 18 Die Causa Kufstein

Kapitel 19: Visionen

Kapitel 20: Wissen und Verzweiflung

Kapitel 21: Bilder

Kapitel 22: Gefühle

Kapitel 23: Ein Angebot

Kapitel 24: Mein Eigentum

Kapitel 25: Nutzen und Unnutzen

Kapitel 26: Gehe immer von der eigenen Unterlegenheit aus

Kapitel 27: Ein besonders schwerer Fall

Kapitel 28: Wir gehen einkaufen

Kapitel 29: Soldaten, wo bleibt eure Ausbildung?

Kapitel 30: Top Secret

Kapitel 31: Mein Ziel

Kapitel 32: Arbeit macht das Leben süß

Kapitel 33: Krieg

Kapitel 34: Für meine Freunde!

Kapitel 35: Die Wirren der Liebe

Kapitel 36: Abgrund

Kapitel 37: Schmerz

Kapitel 38: Der Beginn eines langen Weges

Kapitel 39: Abscheulichkeiten

Kapitel 40: Realität

Kapitel 41: Essen

Kapitel 42: Ausrüstung

Kapitel 43: Volders

Kapitel 44: Neue Freunde

Kapitel 45: Wörter

Kapitel 46: Hunde…

Kapitel 47: Die tote Stadt

Kapitel 48: Mauern

Kapitel 49: Treppen

Kapitel 50: Wahl

Kapitel 51: Wahnsinn

Kapitel 52: Verwandlung eines ganzen Landes

Kapitel 53: Wanderungen

Kapitel 54: Mondschein

Kapitel 55: Mein Gehirn setzt aus

Kapitel 56: Reisen 2.0

Kapitel 57: verlorene Kindheit

Kapitel 58: Salzburg

Kapitel 59: Iven

Kapitel 61: Patt

Kapitel 62: das "Allheilmittel"?

Kapitel 63: Freude

Kapitel 64: Zuschauer

Kapitel 65: Angriff oder Verteidigung?

Kapitel 66: Nichts als Probleme

Kapitel 67: Spielball

Kapitel 68: Die ersten Schritte in der Zukunft

Namensbedeutungen:

Impressum tolino

Vorwort

Ein Buch soll weit mehr sein, als das Papier, die Geschichte mit ihren Charakteren, Höhen und Tiefen, mehr als nur Buchstaben, die ineinander überfließen und eine eigene Welt, nur für den Leser bauen, ihm ein Gefühl der Grenzenlosigkeit geben, mehr als nur die Tatsache, dass man mit ihm ein Stück des Autors in den Händen hält, mehr als nur eine Möglichkeit, seine Seele auszuschütten.

Prolog

7. September 2015, 6:30, MünsterEs ist 6 Uhr 30, mein Wecker klingelt. Wie schon seit sechs Jahren meldet sich auch heute wieder der Radiosprecher mit den Worten:"Guten Morgen Österreich! Es ist 6 Uhr 30 und für alle Schlafmützen unter euch kommt nach den Nachrichten etwas, bei dem ihr einfach aufwachen müsst." Er meint damit eigentlich, dass er dann wieder so einen Song aus dem letzten Jahrhundert auflegt. Meistens irgendein Heavy Metal oder Hard Rock Song."Und jetzt zu den Nachrichten: Die Konflikte in Nahen Osten, insbesondere in Syrien, Israel, Iran und dem Irak spitzen sich trotz des gestrigen Krisengipfels der Spitzenpolitiker der NATO und der UN, an dem auch die Anführer, der für die Konflikte verantwortlichen Rebellengruppe teilnahmen, immer weiter zu. Weite Teile der betroffenen Länder liegen schon in der Hand der Aufständischen. Mittlerweile greift der Konflikt auch auf Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien, Afghanistan oder Ägypten über. Alle Regierungen im Krisengebiet bitten um Hilfe von außen, um den Vormarsch der Rebellen zu stoppen. Die EU-Außenbeauftragte beschreibt die Situation mittlerweile als ein großes Pulverfass, das nur einen Funken braucht, um zu explodieren. Und nun zum Sport: Sturm Graz…"Durch das Fenster sehe ich hinter den Bergen die ersten Schimmer der Sonne hervorblitzen.Aber erst einmal aufstehen, anziehen, wobei mir eigentlich egal ist was, heute ist es ein hellblaues T-Shirt und eine Jeans.Nebenbei betrachte ich mich im Spiegel, ein 16-jähriger Junge sieht mich an, dunkelblonde kurzgeschnittene Haare, himmelblaue Augen mit einem Hauch von grün und grau. Ein muskulöser Oberkörper, und kräftige Beine, circa ein Meter achtzig groß.Ja, das bin ich, Arik.Dann kommt das Frühstück und anschließend Zähneputzen."Beeil dich, sonst kommst du zu spät zum Bus!", warnt meine Mutter mich, und schon habe ich meine Schuhe an.Ich trete aus der Haustür und atme mit Genuss die herrlich frische Luft ein. Die Sonne scheint durch einen dünnen Nebelschleier direkt auf mein Gesicht.In der Nacht hatte es geregnet und die Regentropfen, auf den, hie und da schon gelben, Blättern der Bäume, glänzen nun in den ersten Strahlen der Sonne, wie tausende, kleine, geschliffene Diamanten.Beflügelt von einem Gefühl der Grenzenlosigkeit, beginne ich, dem neuen Schuljahr erwartungsvoll entgegen zu sehen."Guten Morgen!", grüße ich meinen Nachbarn, er steigt gerade in seinen blauen Audi."Guten Morgen!", antwortet er noch ganz verschlafen und muss gähnen.Die Blumen, an denen ich auf meinem Weg zur Bushaltestelle vorbeigehe, strecken ihre Blüten dem Licht der Sonne entgegen.Heute sehe ich wieder ein paar neue Gesichter an der Bushaltestelle, und ein paar alte sind verschwunden.Fünf Leute, mich mitgezählt, stehen an dieser Haltestelle. Ein Mädchen mit tiefschwarzen Haaren und kastanienbraunen Augen, das etwa zwei Jahre jünger ist als ich, zwei Jungen aus der Klasse über mir, sie könnten nicht verschiedener sein. Der eine dünn wie ein Ast mit roten Haaren und blauen Augen und der andere hätte nicht einmal in einem Weinfass Platz, mit schwarzen Haaren und fast schwarzen Augen. Und dann ist da noch dieser kleine Junge, vielleicht zehn Jahre alt, strohblondes Haar und betongraue, aber lebhafte Augen. Er wirkt vollkommen normal, nur seine grauen Augen wollen einfach nicht in das Bild passen.Der Bus kommt. Es ist derselbe, der auch letztes Jahr gefahren ist. Ein ziemlich veraltetes Modell, vielleicht zwanzig Jahre alt, aber es fährt noch.Jetzt heißt es entweder sitzen oder stehen, zum Glück werden die meisten am ersten Schultag von den Eltern persönlich zur Schule gebracht. Also setze ich mich auf einen harten und durchgesessenen Platz in der ersten Reihe. Da der Fahrer das Radio immer sehr laut einstellt, kann man in der ersten Reihe gut hören, und eine andere Beschäftigung gibt es nicht während der langen Busfahrt nach Wörgl.Schon wieder Nachrichten, diesmal spricht eine Frau:"Schwere Kämpfe erschüttern die Ukraine und Weißrussland. Aufständischen, welche von Russland als 'Armee von Neurussland' bezeichnet und angeblich unterstützt werden, gelang es Kiew einzunehmen. Der geflohene Präsident der Ukraine bittet weiterhin um Unterstützung durch die EU und die Nato. Morgen wollen die Außenminister der EU über das weitere Vorgehen diskutieren, im Gespräch stehen weitere Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Ein militärisches Eingreifen wird weiterhin von fast allen Staats- und Regierungschefs ausgeschlossen…"Die Kornkammer Europas, die Ukraine, kann keine Waren mehr produzieren, und nahezu alle Gas- und Ölpipelines sind verschlossen. Brot ist teuer geworden im letzten Jahr, Treibstoff, dank Öllieferungen aus den USA und Kanada, noch leistbar. Die heimische Wirtschaft, durch die Einfuhrverbote nach Russland geschwächt, Unmengen an Arbeitern haben ihren Job verloren. Wo soll das nur hinführen?Der Bus ist bereits komplett voll, aber es wollen noch immer Leute einsteigen.Die Häuser verdichten sich allmählich zu einem Vorort und dann zu einer Stadt. Endlich kann ich die Schule sehen. Der Bus hält und wie unter Druck stehendes Wasser strömen die Schüler aus dem viel zu kleinen Bus.

Kapitel 1: Ein ganz normaler Tag in meinem Leben

7. September 2015, 7:57, Wörgl, SchulzentrumAls ich aus dem Bus steige, halte ich kurz die Luft an, diese stinkende Mischung aus Abgas und Zigarettenrauch, ekelhaft. Dennoch ist es ein wunderschöner Anblick, der sich mir, einzig mit der Schule als einzigen Makelpunkt im Vordergrund, bietet. Die tiefgrünen Nadelwälder an den Berghängen, durchschnitten von Wasserfällen mit kleinen Regenbögen und Bächen, eingerahmt von den ersten weißen Bergspitzen.Ein Blick auf meine Armbanduhr reißt mich aus meinen Gedanken. Ich muss mich beeilen, es sind nur noch zwei Minuten bis zur ersten Stunde, und ich muss noch in den dritten Stock. Wenn man am ersten Tag zu spät kommt, macht das gar keinen guten Eindruck. Im Eilschritt haste ich los. Die Treppe zum Hauptportal hinauf, dann die langen, von Schülern überfüllten Gänge, mit den Spinden an den Seiten, entlang, und zum Schluss muss ich noch drei Stockwerke höher.Ich schaffe es gerade rechtzeitig.Dieser Tag läuft ab wie jeder andere erste Schultag im neuen Jahr auch. Eine kleine Feier mit einer Rede der Direktorin, die Bekanntgabe des vorläufigen Stundenplans und die Vorstellungsrunde, damit auch ja jeder wieder weiß, wie der Andere heißt. Dieses Mal hat es sogar einen Nutzen, der Ast und das Weinfass sind sitzengeblieben und heißen mit richtigen Namen Heinz und Ferdinand.Bis zur zweiten Stunde verläuft alles absolut normal und irgendwie langweilig. Doch dann mitten in der dritten Stunde als der Lehrer gerade ansetzt:"Wegen des Klassenwandertages müssen wir uns noch einigen, wohin…", und dann wird im zwei Kilometer entfernten Steinbruch gesprengt. Jedoch klingt es dumpfer als sonst, als ob ein großer Felsbrocken auf Erdboden fällt, ich schaue aus dem Fenster, man sieht auch keine Staubwolke aufsteigen. Nein, man hört eher einen von der Klassentür gedämpften, aber dennoch laut kreischenden Aufschrei eines Mädchens vom anderen Ende des Flurs her. Der Klassenraum ist sofort wie leergefegt, alle Schüler rennen nach draußen, der Lehrer hinterher. Die anderen Klassen sind auch schon auf dem Flur, es kracht noch einmal, diesmal ist es um ein Vielfaches lauter, es klingt wie eine Kanone, die man von Umzügen kennt. Und das, was ich sehe, beunruhigt mich zutiefst. Über die Köpfe der versammelten Schüler hinweg, durch die große Glaswand am Ende des Flurs, sehe ich eine Wolke aus orangenem Feuer und schwärzestem Rauch aufsteigen."Die Tankstelle!", schreit ein Schüler."Die dort hinten auch", ergänzt eine Schülerin. Aufgeregtes Gemurmel erhebt sich. Anscheinend sind die zwei Tankstellen, die an der Straße nach Westen liegen, explodiert. Ich versuche, mich nach vorne zum Fenster zu drängen, um besser zu sehen, aber bevor ich ankomme, steigt noch eine Wolke auf. Die Zeit scheint still zu stehen, so markerschütternd ist die Explosion der dritten Tankstelle, die unmittelbar vor unserer Schule in die Luft fliegt. Durch die panische Schülermenge dränge ich nach vorne, immer auf das Fenster zu. Ich höre nur noch Pfeifen, aber was ich sehe, reicht.Chaos. Das beschreibt es in einem Wort. Autos versuchen verzweifelt, nicht in die Trümmer der Tankstelle zu prallen, und krachen dabei gegeneinander.Metall verbiegt sich, Glassplitter fliegen überall umher. Die Häuser im Umkreis brennen, oder sind zerstört. Verbrannte Leichen und eine Massenkarambolage, die bis zum Horizont zu reichen scheint. Metallteile, Glassplitter, ausgelaufenes Benzin und Öl bedecken den Asphalt, im nächsten Moment brennt die gesamte Straße.Menschen laufen orientierungslos und teilweise selbst brennend umher. Mittendrinnen die Feuerwehr, Polizei und die Rettung, die versuchen zu helfen und für Ordnung zu sorgen.Das Feuer beginnt auf umstehende Häuser überzugreifen. Noch mehr Menschen strömen auf die Straße. Inmitten des Straßengetümmels sehe ich ein orange-schwarzes Motorrad, man hätte durchaus beeindruckt sein können, denn schlecht sieht es in der Tat nicht aus, wenn die Situation nicht so vollkommen unpassend wäre.Wie durch ein Wunder kann es noch weiterfahren, als ob der Fahrer schon in Vorfeld gewusst hätte, was gerade passiert ist. Rasch entfernt sich das Motorrad, Slalom fahrend zwischen Feuer, Autowracks und den Menschen, in Richtung Osten. Zwei vermummte Gestalten sitzen auf ihm und die hinten sitzende Gestalt hält etwas Schwarzes in der Hand.Sie wirft es. Diesmal höre ich keinen Knall mehr, aber die nächste Tankstelle fliegt in die Luft, jetzt ist die Straße in Richtung Osten an der Reihe. Inzwischen haben viele Schüler ihre Handys in der Hand, als ob sie sogar in so einer Situation nur daran denken, allen mitzuteilen, was sie gesehen haben. Und alle schreien durcheinander.

Kapitel 2: Das Blut der Welt

7. September 2015, 9:59, Wörgl, SchulzentrumMeine Ohren pfeifen noch immer, wie durch eine dicke Nebelwand gedämpft, dringen ihre Stimmen zu mir durch:"Nicht nur hier…""…Deutschland, Frankreich,…""Großbritannien, Italien, der gesamte Rest von Österreich…""…die Vereinigten Staaten, Kanada, Spanien, Norwegen, Saudi-Arabien,…""…die gesamte EU…""Nicht nur Tankstellen…""…Raffinerien, Häfen, Pipelines, Bohrtürme, Bohrinseln…"Es betrifft alle großen Industrieländer, sowie große Erdöl- und –Gaslieferanten, kein Öl, kein Gas - Chaos…Keine Autos, keine Lkws, keine Generatoren, nichts, das in irgendeiner Weise Schmieröl, Treibstoff oder ein anderes Erdölerzeugnis braucht, um zu funktionieren, wird noch betriebsfähig sein.Die Ersten beginnen zu verstehen, welche Tragweite dieses Ereignis hat. Panik. Das sehe ich, wenn ich mir ihre Gesichter ansehe, viel besser geht es mir auch nicht. Es werden Zustände wie im frühen Industriezeitalter herrschen, wenn es schlimm kommt, fallen wir ins Mittelalter zurück. Und das nur vom technologischen Standpunkt aus gesehen.Da keine Lkws, keine Züge, keine Schiffe und keine Flugzeuge mehr zur Verfügung stehen, werden alle Waren knapp werden, vor allem Kleidung und Lebensmittel. Eine junge Lehrerin hatte die Geistesgegenwart, ein Radio zu besorgen und es so laut zu stellen, dass die ganze Schule mitbekommt: mit was sie die verehrte Regierung soeben beschäftigt, nämlich Hinweise für die Bevölkerung zu funken.Eine freundliche Damenstimme verkündet:"Verehrte Bürgerinnen und Bürger, wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren und sich nach Hause zu begeben. Wir arbeiten bereits an einem Notfallplan. Außerdem werden wir versuchen, die weitere Stromversorgung, um Sie, unsere verehrten Bürgerinnen und Bürger, auch in Zukunft über den Stand der Dinge informieren zu können, aufrecht zu erhalten. Bitte verwenden sie ausschließlich Radios, und diese sparsam und nur zu Informationszwecken, da unsere Notstromversorgung nicht stabil genug sein wird, um dauerhaft alle Informationsquellen zu versorgen. Verehrte Bürgerinnen und Bürger, Sie werden in der nächsten Zeit keine großen Geräte, wie etwa Fernseher oder Waschmaschinen, betreiben können. Wir bitten Sie, in jedem Fall Ruhe zu bewahren, bis Sie weitere Informationen erhalten. Auch möchten wir Sie bitten, verehrte Bürgerinnen und Bürger, jeden Ölvorrat, dabei spielt die Art des Öls keine Rolle, und sei er noch so klein, bei der nächsten Polizeiwache, Gemeindeamt, oder Post abzugeben. Wir brauchen alles, was Sie, verehrte Bürgerinnen und Bürger, noch besitzen. Wir danken Ihnen, verehrte Bürgerinnen und Bürger, für Ihr Verständnis. Verehrte Bürgerinnen und Bürger, wir bitten Sie…" Die Nachricht beginnt wieder von vorne."Also Ruhe bewahren und alles Öl abgeben", fasst mein Freund Marco verunsichert zusammen. Er ist einen Kopf kleiner als ich, hat blonde Haare und smaragdgrüne Augen. Zwar ist er nicht so kräftig wie ich, schwach aber ganz sicher auch nicht."Was sie wohl mit dem Öl vorhaben? Vielleicht für Generatoren?", wirft Nathan, ein großgewachsener und drahtiger Junge mit safirblauen Augen und tief in die Stirn hängenden braunen Haaren, ein. Verwirrung macht sich auf seinem Gesicht breit. Er zählt ebenfalls zu meinen Freunden und ist wie Marco auch, siebzehn Jahre alt."Ich weiß es nicht, und ich habe auch keine wirkliche Vermutung", muss ich eingestehen, Hilflosigkeit ist es, die mich beschäftigt:"Aber das mit den Generatoren klingt plausibel."Zum Glück wird das Pfeifen langsam erträglicher, und mein Gehör beginnt wieder normal zu funktionieren.Ich schaue aus dem Fenster, und das, was ich sehe, ist sogar noch schlimmer als vorher.Durch den Rauch und das Feuer schreitet, fast majestätisch, eine Gruppe, bestehend aus circa zwanzig schwarz vermummten Gestalten, sie sehen aus wie Todesengel, von denen nur noch die Augen zu sehen sind, die Straße herauf. Unaufhaltsam marschieren sie nach Osten. Das Chaos rund um sie herum scheint sie wenig zu stören. Auf ihrem Weg verschlingen sie förmlich jedes Tröpfchen Öl, das sie finden können. Sie brechen Tankdeckel mit großen Brecheisen auf, schlagen Löcher in die Seitenwände der Autos, Benzin und Öl spritzen auf das brennende Trümmerfeld, welches einmal die Straße war.Eine der Gestalten fängt Feuer, doch ihre Kameraden kümmern sich nicht um die Person, die neben ihnen in Panik verbrennt. Sie setzen ihren Weg ungehindert fort. Eine Spur der totalen Zerstörung hinterlassend, ziehen sie an der Schule vorbei.Die Hölle hat sich in den Tartarus verwandelt.Was wollen sie? Wieso sind sie hier?Polizisten, welche die Gestalten aufhalten wollen, werden zu Boden geschlagen und als einige von Ihnen erneut aufstehen wollen, zieht die zuvorderst gehende Person eine Pistole aus ihrem Umhang. Die Polizisten weichen zurück. Einige Momente später liegen alle Polizisten am Boden, diesmal will keiner mehr aufstehen.Alle Schüler stehen unter Schock, keiner bewegt sich. Verängstigtes Gemurmel zieht durch den Gang, die Lehrer versuchen die Kontrolle zu wahren und zu beschwichtigen. Niemand hört auf sie. Das Gemurmel steigert sich zu einem panischen Schreien:"Die werden uns auch töten, wenn wir nicht wegkommen! ... Das sind sicher Terroristen, fliehen wir, so lange wir noch die Chance dazu haben!" Solche und ähnliche Rufe hallen durch die Schule. Die verrücktesten Theorien werden aufgestellt. Hier sind es islamistische Terroristen, dort sind es äußerst extremistische Umweltaktivisten, die kein Öl mehr auf der Welt wollen, und immer wieder höre ich, es sei eine militärische Großmacht, wie China oder Russland - auch USA höre ich. Die Angst, Panik, Verunsicherung sind förmlich greifbar. So plötzlich wie ein Pulverfass explodiert, beginnen einige Schüler, unter Schock stehend, nach unten ins Erdgeschoss zum Ausgang zu rennen, Weitere schließen sich ihnen an. Dieser eine Funke genügt und die Hölle bricht auch über die Schule herein. Die Menge schaukelt sich gegenseitig auf, Rufe werden zu Schreien und aus den beschwichtigenden Reden der Lehrer wird Hoffnungslosigkeit.Schon ist die Massenpanik perfekt. Nicht in der Lage einen klaren Gedanken fassen zu können, beginne auch ich zu rennen. Zehn Meter weit komme ich, dann liege ich auch schon umgerempelt, zusammengekrümmt, und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden.Schreie. Tränen. Blut. Schmerzen. Dieser Sturz weckte mich aus meiner Panik. Benommen bleibe ich liegen. Mein Verstand wacht wieder auf:Liegenbleiben und warten, das werde ich tun. Das oberste Gebot heißt nämlich jetzt wirklich: Ruhe bewahren. Panik hilft momentan wirklich niemandem.Nur denkt gerade keiner daran…

Kapitel 3: Es beginnt

7. September 2015, 10:03, Wörgl, Schulzentrum"Hey! Arik! Willst du nicht mitkommen?", ich höre Marcos Stimme aus dem Getümmel heraus. Sofort wird er von der Menge weitergetragen. Füße trampeln rund um mich über den Boden."Wohin!?", schreie ich zurück, in der Hoffnung, dass er mich noch hört. In nächsten Moment stöhne ich schmerzerfüllt auf, irgendjemand ist über mich gestolpert und hat mir dabei mitten in mein Gesicht getreten."Irgendwohin, wo es sicher ist!" Die Menge drängt ihn immer weiter weg von mir. Verzweifelt versucht er gegen sie anzukämpfen."Es gibt keinen Ort, an dem es zurzeit sicher ist. Bleib hier und sieh nach, ob du Nathan irgendwo findest. Wir müssen Ruhe bewahren!" Ich spüre warmes Blut auf meiner Hand, mit der ich mein Gesicht zu schützen versuche. Der Tritt ins Gesicht hatte meine Nase erwischt, gebrochen ist sie nicht, aber dafür heftig geprellt.Zeitlose Sekunden vergehen, ich hoffe mit ganzer Kraft, dass Marco zur Vernunft kommt. Vielleicht auch andere? Immer wieder stoßen Füße gegen mich. Mein ganzer Rücken schmerzt.Zum Glück ist Marco so vernünftig und bleibt stehen, wundersamer Weise hat auch Nathan unsere Rufe mitbekommen und versucht, anzuhalten. Sonst bemerke ich niemanden, der mich auch nur bemerkt. Ich höre panisches Protestgeschrei, als Marco und Nathan versuchen, zu mir durch zu kommen. Immer noch stürmen Schüler an mir vorbei. Marco ist zur Erkenntnis gekommen, dass er nicht gegen die Masse ankämpfen kann.Er zieht Nathan zur Seite des Ganges. Sie drücken sich fest an die Wand, um nicht mitgerissen zu werden. Ich krümme mich noch stärker zusammen und ertrage alles, was auf mich zukommt. Kurze, schmerzvolle Augenblicke später sind alle verschwunden. Nicht einmal die Lehrer sind geblieben. Langsam stehe ich, gemeinsam mit ein paar anderen Schülern, die ebenfalls zu Boden getrampelt wurden, auf. Meine beiden Freunde lösen sich von der Wand.Alle noch Stehenden, sind mit Blutergüssen übersät. Einige bluten aus verschiedensten kleineren Wunden. Die meisten, darunter auch ich, haben Schwierigkeiten zu stehen. Jedoch sind drei Schüler liegen geblieben, zwei so schwer verletzt, dass jede Hilfe zu spät kommt, der eine schon tot. Ein grausames Massaker. Blutlachen bilden sich bereits auf dem Boden.Ich möchte helfen.Einige Meter vor mir liegt ein Mädchen, in voller Größe ausgestreckt, die rechte Hand auf ihrem Herzen. Langsam humpelnd, meine eigenen Schmerzen unterdrückend, nähere ich mich dem Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre alt, mit im Halbkreis um ihren Kopf ausgebreiteten, tiefbraunen Haaren, Blutergüsse erstrecken sich über ihren ganzen Körper. Als ich ihren linken Arm betrachte, muss ich mich fast übergeben. Die Knochen sind komplett durchgebrochen und ragen aus ihrem Unterarm. Unaufhörlich strömt Blut aus der Wunde. Selbst der beste Arzt hätte Probleme, das zu heilen. Ich knie mich neben sie hin und nehme ihre Hand."Sehe ich wirklich so schlimm aus?", fragt sie, ein schelmisches Lächeln umspielt ihre Lippen."Du hast echt Sinn für Humor", unwillkürlich muss ich mitlachen. Vielleicht ist Lachen wirklich das Beste in den letzten Momenten des Lebens."Ich bin Sarah." Ich habe sie schon einmal auf der Schulabschlussfeier zusammen mit ihren Eltern gesehen."Arik", erwidere ich:"Das wird wahrscheinlich nie wieder gut", füge ich mit abgewandten Augen hinzu."Kennst du meine Eltern, Manfred und Sabine, und meine kleine Schwester, Tina?", erkundigt sie sich schwach."Ich habe sie nur einmal auf der Schulabschlussfeier gesehen", muss ich eingestehen.Mit der Antwort zufrieden, befiehlt sie mir:"Suche sie und sag ihnen, dass es mir gut geht und sie sich keine Sorgen machen müssen", ihre Worte kommen nur mehr stockend, aber fest, und mit der Bestimmtheit einer Befehlshaberin gesprochen. Ihr Gesicht ist bereits ganz weiß, der Blutverlust immens, aber sie ist tapfer und fröhlich bis zum Ende, eine bewundernswerte Fähigkeit."Das werde ich", ich streiche ihr zärtlich über den Kopf, möchte ihr Trost spenden. Der letzte Wunsch eines Sterbenden, etwas das ich ihr nicht abschlagen kann.Zufrieden schließt sie die Augen und haucht in einem letzten glücklichen Atemzug ihr Leben aus. Totenstille war eingekehrt. Niemand bewegte sich, weder lebendig noch tot."Bewundernswert. Sie hat bis zum Ende nur an ihre Familie gedacht. So zufrieden würde ich auch gerne einmal sterben", das asiatische Mädchen neben mir, sieht sehr mitgenommen aus, ihre langen braunen Haare rahmen eine Miene der Verzweiflung und der Trauer ein. Nur die Augen blicken unbewegt ins Leere, Tränen glänzen in ihren Augenwinkeln. Sie ist zwar so alt wie ich, aber wirkt trotzdem zerbrechlich wie eine Vase. Sie kniet sich neben mich und nimmt die andere Hand von Sarah."Kanntest du sie?", versuche ich das Schweigen zu brechen.Unter Tränen presst sie hervor:"Ja."Schweigen. Als sie sich wieder gefasst hat fährt sie fort:"Sie war meine Freundin. Meine einzige."Auf der Suche nach Trost schlingt sie ihre Arme um meinen Hals. Die Tränen fließen jetzt in Strömen an ihrem Gesicht hinunter. Die Umarmung, auch auf der Suche nach Trost, erwidernd, sitze ich da und weiß nicht, was ich machen soll."Soll ich dein neuer Freund sein?", flüstere ich zaghaft mit halb erstickter Stimme, auch mir steigen die Tränen in die Augen. Ich spüre wie ihre Umarmung fester wird."Danke", sie lächelt und umarmt mich noch fester."Hey, ihr zwei Turteltäubchen, kommt ihr dann?", ruft Nathan - in seinem Gesicht zeichnet sich ein wissendes Grinsen ab - vom Treppengeländer zu uns herüber. Wie kann er nur in so einer Situation lachen?Beschämt steht sie auf und eilt zur Treppe. Ein letzter Blick auf ihre Freundin, ich bleibe alleine zurück. Ich lege Sarahs linken Arm im Kreuz über ihren rechten. Da bemerke ich eine Haarspange auf meiner Handfläche, in winzigen Buchstaben steht auf der Spange Sarahs Name geschrieben. Die Spange verschwindet in meiner Hosentasche. Behutsam Schritt vor Schritt setzend bewege ich mich zum Treppengeländer."Wie kannst du in so einer Situation lachen?", frage ich:"Nein, ich will keine Antwort darauf", ich muss mir eingestehen, dass es wahrscheinlich wirklich so ausgesehen hatte. Auf der Suche nach irgendwelchen Antworten, drehe ich mich einmal im Kreis.Inzwischen war auch der zweite Schwerverletzte gestorben, ein Junge von vielleicht elf Jahren. Eine Schande, und alles nur wegen eines Grundes, den niemand, außer den Vermummten selbst, kennt.Vielleicht die Schwächung westlicher Staaten?, vielleicht Macht?, es gibt so vieles, das sein könnte.In allen Klassenräumen sind die Stühle umgefallen, mancherorts auch die Tische. Schultaschen und Bücher liegen in einem einzigen Chaos auf dem Boden.Das Handy des toten Jungen läutet.Als ich bei ihm ankomme, hat es schon aufgehört. Fieberhaft taste ich ihn ab. Blut fließt über meine Hände, als ich seine Hosentaschen durchsuche. Auf dem gelben T-Shirt des Jungen hatte sich ein großer roter Fleck gebildet, der sich immer weiter ausbreitet. Ich will mir gar nicht vorstellen, was ihm passiert ist. Wir müssen hier weg! Ich will nicht noch jemanden sterben sehen! Mein Blickfeld trübt sich, Tränen tropfen an meinen Wangen herunter. Diese Verzweiflung, diese Trauer, drohen mich zu überwältigen.Noch einmal läutet das Handy. Mit verkrampften Händen, und einem Schleier vor den Augen, finde ich es in der Jackentasche."Hallo?", meine Stimme zittert, droht zu ersticken. Am anderen Ende der Leitung spricht eine junge Frau, ihre Stimme klingt verwirrt und äußerst mitgenommen:"Wer ist da? Was ist mit David, bist du sein Freund?" Der Junge heißt also David. Was sag ich jetzt?Fieberhaft überlege ich. Wenn ich ihr sage, dass ihr Sohn tot ist, wie würde sie reagieren? Aber eigentlich habe ich keine andere Wahl.Ich rede also nicht lange um den heißen Brei herum:"Ihr Sohn liegt vor mir, ihm geht es gut, machen Sie sich keine Sorgen um ihn, er ist dort, wo man sich keine Sorgen mehr um ihn machen muss." Wie reagiert sie wohl?Sie bemüht sich, gefasst zu klingen, ihre Stimme zittert:"Das ist doch ein sehr schlechter Scherz. Ich will jetzt sofort mit meinem Sohn reden!", befiehlt sie mir, Hysterie spielt in ihrer Stimme mit."Ihr Sohn kann nicht mit Ihnen reden, bitte beruhigen Sie sich, niemand kann ihm jetzt noch schaden. Sie müssen sich keine Sorgen um ihn machen", versuche ich sie zu beschwichtigen.So eine Situation, ist unvorstellbar, meine Worte mögen vernünftig klingen, doch sie ist seine Mutter.Fast schon kreischend, ihre Stimme schwankt, als würde sie weinen, brüllt sie in ihr Telefon:"Lass mich sofort mit meinem Sohn reden!!!" Ihre Stimme wird zu einem schrillen Schrei, dann bricht sie ab. Stille. Ich sage nichts, sie sagt nichts.Ihr Atem geht schnell.Noch immer Schweigen.Eine scheinbare Ewigkeit lang sitze ich da und höre sie schluchzen."Hören sie in sich hinein, dann hören sie ihn", flüstere ich sanft ins Handy, selbst der totalen Verzweiflung nahe und lege auf.Ich schlage die Hände vor mein Gesicht, ich will das alles nicht mehr, ich will weg, nach Hause, zu meiner Familie, zu meinen Brüdern, meinen Eltern. Ich will das alles vergessen, hoffe, dass ich gleich aufwache, und meine Mutter sagt:"Steh endlich auf, sonst versäumst du noch den Bus."Ich wache nicht auf, meine Mutter kommt auch nicht. So sitze ich da, alleine, verzweifelt, von Trauer zerfressen, meine Schmerzen aus mir heraus weinend. Jede Träne hilft mir, die Wahrheit ein Stück weit mehr zu akzeptieren, hilft mir, die Trauer und meine Verzweiflung zu vergessen. Dann erhebe ich mich, wie ein aus dem Feuer auferstehender Phönix, fühlend. Geläutert und bereit alles zu tun, das notwendig ist, um alle zu beschützen, die noch leben, öffne ich meine Augen.Entschlossen, nicht auf meine Schmerzen achtend, marschiere ich mit bestimmten Schritten zum Treppengeländer."Na da hast du dir ja eine geangelt", Nathan kann es einfach nicht lassen, kurz spiele ich mit dem Gedanken ihm für seine Taktlosigkeit kräftig eine zu…Beruhig dich Arik, rufe ich mich selbst zur Raison."Wir haben jetzt keine Zeit dafür, lass uns das auf später verschieben", erwidere ich eiskalt:"Jetzt nicht."Dann schaue ich die Treppe hinunter. Auch auf der Treppe das gleiche Bild wie im Flur."Okay?, dann später." Nathan klingt verwirrt, ob über meine Reaktion, oder meinen plötzlichen Sinneswandel, erschließt sich mir nicht. Aber er hat bemerkt, dass es mir ernst ist, sein Grinsen ist verschwunden.Meine Aufmerksamkeit gilt wieder der Treppe. Über die ganze Treppe verteilt liegen Schüler; jedoch dort unten, wie durch ein Wunder, jemand der sich noch bewegt. Auf der Höhe des ersten Stockwerks, mitten auf der Treppe, entdecke ich den weinenden Grauäugigen von der Bushaltestelle. Er scheint noch zu leben."Alles Okay?", rufe ich. Jeder, der jetzt noch lebt, ist eine Wohltat für meine Seele."Bis auf ein paar Prellungen ja", kommt es zaghaft, und mit zittriger Stimme, zurück. Blutspuren ziehen sich über die gesamte Treppe, in Strömen rinnt es nach unten, und wird immer mehr. Jeder Schritt schmerzt, doch bringt er mich meinem Ziel näher. Als ich endlich bei ihm angekommen bin, hebe ich ihn hoch und trage ihn in die Aula. Meine Beine rebellieren und mein ganzer Körper droht zu versagen. Nur unter Aufbietung aller Willenskraft, halte ich durch. Der Saal liegt direkt im Zentrum unserer Schule, von hier aus kann man in alle Stockwerke sehen. Hier werden oder wurden auch die großen Schulveranstaltungen abgehalten. Vereinzelt sehe ich Menschen in den unteren Stockwerken. Sie stehen entweder, tapfer, ihre Trauer um Freunde und Klassenkameraden verbergend, oder sitzen, in Tränen versunken, auf den Knien. Ich rufe einmal kurz:"Kommt bitte in die Aula." Ich hoffe sie kommen alle.Am Rand der Halle, nahe der Bibliothek, lege ich den Jungen auf den Boden und setze mich erschöpft und niedergeschlagen neben ihn. Die einzigen körperlichen Verletzungen, welche der Grauäugige hat, sind ein kleiner blauer Fleck am linken Oberschenkel, eine dicke Beule direkt oberhalb der Stirn und ein leicht geschwollenes Handgelenk.Die restlichen Überlebenden sind mir, zum Glück alle, humpelnd und sich gegenseitig stützend, gefolgt. Sieben Leute sitzen um mich herum versammelt. Mehr nicht? Von insgesamt über tausend Schülern sind nur wir acht übrig geblieben? Aus ihren Gesichtern spricht Trauer, Verzweiflung, Angst, Verwirrung, Ratlosigkeit. Schweigen, alle stehen noch immer unter Schock. Ein Mädchen, ich schätze sie auf 14, ihre blonden Haare sind schulterlang und die Augen jadegrün, fragt mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck, der Falten auf ihr ansonsten so hübsches Gesicht gräbt:"Was geht hier vor? Was soll das alles?""Das würde ich auch gerne wissen", meldet sich der Grauäugige schluchzend hinter seinem Vorhang aus Tränen.

Kapitel 4: Geschichten

7. September 2015, 10:38, Wörgl, SchulzentrumVerwirrt und geschockt bin ich auch, aber wenigstens kann ich halbwegs klar denken. Alle sieben schauten mich an, als wäre ich der Allwissende. Langsam setzen sich die bruchstückhaften Eindrücke der letzten fünf Minuten zusammen, und ich beginne zu erklären, oder es zumindest so zu erzählen, wie ich es mitbekommen habe:"Ich fasse für alle noch einmal zusammen: Irgendjemand hat es auf das Öl abgesehen, aber nicht um es zu benutzen, sondern, um es zu zerstören. Gefolgert aus dem, was ich gehört habe, ist jeder Bohrturm, jede Bohrinsel, jede Pipeline, jede Raffinerie, jede Tankstelle, auf der gesamten Erde, dem Erdboden gleichgemacht worden oder wird es in diesem Moment. Das heißt es gibt nur noch das, was in den Tanks der Fahrzeuge geblieben ist, oder in Geschäften und Wohnhäusern herumsteht. Die Regierung will nun wahrscheinlich das Öl schützen oder anderweitig verwenden, und um nichts zu verschwenden wurden die Bürger aufgefordert, alles, was sie an Öl besitzen, abzugeben. Da kein Öl mehr für Transportzwecke genutzt werden kann, wird die Versorgung mit allen Gütern, darunter auch Lebensmittel und Kleidung, komplett zusammenbrechen…""Wieso sitzen wir dann hier herum, wir sollten rausgehen und uns so viele Lebensmittel schnappen, wie wir nur können", meldet sich ein circa fünfzehnjähriges, vollkommen ruhig wirkendes Mädchen mit braunen Haaren und onyxschwarzen Augen."Und uns von Leuten, die diese Lebensmittel ebenfalls haben wollen, oder diesen Vermummten, totschlagen lassen, nein, ich denke, das ist keine sehr gute Idee", erwidere ich entschieden:"Außerdem sind die Vermummten eine unbekannte Partei in dieser Sache, wir wissen nicht, ob sie es wirklich nur auf das Öl abgesehen haben."Ich fahre fort:"…genauso wird auch die Stromversorgung zusammenbrechen, bis auf ein kleines bisschen, welches für Radios bestimmt ist.""Aber was ist mit den Wasserkraftwerken und den Windrädern, die brauchen doch kein Öl", wirft Marco, erfreut über seinen eigentlich guten Einfall, ein. Aber:"Es stimmt zwar, dass sie nicht die Energie des Öls brauchen, aber ihre Generatoren müssen geölt werden, um richtig funktionieren zu können. Außerdem gibt es niemanden mehr, der sie erreichen und bedienen kann, ohne Autos", erwidere ich. Zwar werde ich selbst immer niedergeschlagener, aber sich falsche Hoffnungen zu machen, finde ich nicht gut. Meine Denkprozesse werden klarer, meine Gedanken setzten sich zu immer genaueren Bildern zusammen."Was ist mit dem Öl, das die Regierung konfisziert, damit könnte man doch…", Nathan verstummte, er hat bemerkt, dass das Unsinn ist.Marco bringt sich ein:"Die Regierung wird es horten und nur für das Notwendigste verwenden, des Weiteren würden die Reserven viel zu schnell aufgebraucht werden. Wir können keine Hilfe erwarten.", also hat auch er es erkannt und ausgesprochen, was ich nicht aussprechen wollte."Wir sind vollkommen auf uns alleine gestellt", verkünde ich mit verbitterter Miene."Und was jetzt?", diese Frage eines etwa vierzehnjährigen Mädchens stelle ich mir gerade auch. Die roten Haare hat es sich zu einem Zopf zusammengebunden, und ihre graublauen Augen schauen mich erwartungsvoll, genauso wie verängstigt, an.Niemand sagt etwas, also muss ich wieder einmal anfangen:"Ich habe keine Ahnung. Im Moment dürfen wir nur auf keinen Fall nach draußen, und ob die Vermummten nicht irgendwann hier herein kommen, weiß ich auch nicht. Wir wissen nicht einmal genau, was sie vorhaben. Das Naheliegendste wäre, nach Hause zu gehen und dann zu fliehen", Hoffnung schimmert in einigen Gesichtern."Sofern noch ein Zuhause oder ein Ort zum Fliehen existiert, wenn diese Vermummten überall sind", die Hoffnung erlischt, die Gesichter sehen noch niedergeschlagener aus als vorher."Soll das heißen, dass alle, die jetzt dort draußen sind, tot sind?", Tränen schimmern auf dem Boden, vor jedem von uns, vor allem vor dem rothaarigen Mädchen.Ich habe gesehen, was die Vermummten anrichten, erst schlagen sie dich nieder, dann töten sie dich.Ich bin nicht zu einer direkten Antwort im Stande:"Wenn sie nicht mehr hier sind, sind sie trotzdem noch bei dir. Solange du an sie denkst."Ein kleines bisschen Hoffnung kehrt zurück in unsere Herzen."Wir müssen in jedem Fall zusammenbleiben. Und für alle, die mich noch nicht kennen ich bin Arik, und bin 16 Jahre alt.""Nadine, 14", meldet sich das blonde Mädchen."Julia, 14", setzt die Rothaarige fort, man hört sie fast nicht, so zaghaft und gebrochen ist ihre Stimme."Marco, 16""Nathan, 16""Alexandra, 15", ihre Stimme klingt fest, vollkommen ruhig"Emi, 16", man hört noch ein wenig von der Trauer um ihre Freundin, aber die Stimme der Asiatin klingt fest und entschlossen.Als letzter meldet sich auch der Grauhaarige zu Wort. Seine Stimme zittert und wird wie ein Spielball zwischen Angst und Verwirrung hin- und hergeworfen. Er hat mehr mitgemacht, als man sich je hätte vorstellen können für sein Alter:"Nevio, z-zehn.""Gut. Dann würde ich vorschlagen, dass wir uns alles Essbare, das sich in der Schule finden lässt, nehmen, und dann erst einmal aus der Stadt verschwinden. Unser weiteres Vorgehen können wir immer noch besprechen, wenn wir erst einmal hier weg sind." Da mein Vorschlag der einzige ist, wird er sofort angenommen. Eine Ahnung wo wir hingehen sollen, habe ich trotzdem nicht."Marco und ich durchsuchen den dritten Stock", erklärt sich Nathan bereit."Dann nehmen Alexandra, Julia und Emi den zweiten. Ich durchsuche mit Nevio und Nadine den ersten und das Erdgeschoss. Wir treffen uns in 30 Minuten beim Hauptausgang in Erdgeschoss", teile ich den Rest ein. Alexandra, Nathan, Nadine und ich haben Armbanduhren."Sollte irgendetwas passieren, so dass wir uns nicht beim Hauptausgang treffen können, versucht in den Wald zu kommen. Notfalls treffen wir uns bei der St. Martins Kapelle in fünf Stunden." Man kann nie sicher genug sein. Die Kapelle ist das Erste, das mir einfällt, sie liegt etwa fünfzig Gehminuten von der Schule im Wald und ist mit einem Fahrzeug schwer zu erreichen. Das sollte fürs Erste halbwegs sicher sein.Ein zustimmendes Nicken und alle stehen auf, bei einigen fallen mir noch die Blutergüsse und Schürfwunden auf:"Und nehmt Verbandsmaterial und Medikamente mit, falls ihr welches findet!", rufe ich den davon humpelnden Gruppen hinterher.

Kapitel 5: Der Erste

7. September 2015, 10:51, Wörgl, Schulzentrum"Und was machen wir?", Nadines Augen sprühen nahezu Funken vor lauter Tatendrang. Bewundernswert, als wäre das ein Spiel für sie geworden. Aber es ist gut, jemanden zu sehen, der lacht, denn dann lacht man selbst auch."Wir werden zur Hausmeisterwerkstatt gehen und nachsehen, ob wir vielleicht etwas Nützliches finden. Hinterher werden wir im Zimmer der Schulärztin nach Verbänden und Medikamenten suchen." Sie hat meine Antwort noch nicht einmal fertig gehört, da ist sie schon weg. Es ist gut, sich durch etwas ablenken zu können. Ich kann nicht anders und muss mich ihrem Tatendrang einfach anschließen. Schon habe ich sie fast eingeholt, da bemerke ich, dass Nevio uns nur mit niedergeschlagener Miene hinterher schlurft. Ich halte an und gehe zurück zu ihm. Mit einem Bein knie ich mich vor ihm auf den Boden und lege die Hände auf seine Schultern."Soweit alles in Ordnung?" Wirklich Sinn macht diese Frage nicht."Vorhin habe ich Schüsse gehört. Und ich will nach Hause." Trauer wirft tiefe Schatten auf sein Gesicht. Schüsse? Was ist denn jetzt passiert? Schon steigt wieder Angst im mir hoch, was wenn noch mehr Menschen gestorben sind? Wir müssen hier weg."Das wollen wir alle." Doch zuerst muss ich Nevio aufmuntern."Während wir hier nach Essen suchen, ist meine Familie sicher bereits kilometerweit weg." Jetzt kommt Verzweiflung hinzu."Ich bin mir sicher, sie werden auch nach dir suchen.""Du meinst also, dass ich sie wiedersehe?" Seine Miene hellt sich bedeutend auf."Ganz sicher sogar. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber ganz sicher irgendwann wirst du sie wiedersehen. Erzähl mir von deiner Familie, hast du viele Geschwister?""Nein, nur einen älteren Bruder.""Magst du ihn?""Eher nicht, er nervt immer nur, bringt ständig jemanden mit, aber spielt nie mit mir." Ganz im Gegensatz zu seiner Aussage zeichnet sein Gesicht ein Lächeln."Aber du hast ihn trotzdem lieb, oder nicht, immerhin ist er dein Bruder?""Ja, das schon", murmelt er verlegen."Siehst du, genau wegen dieses Gefühls wird deine Familie dich suchen. Solange du so fühlst, werden sie auch so fühlen. Auch wenn du manchmal mit ihnen gestritten hast.""Jetzt komm, wir wollen doch nicht verhungern", füge ich aufmunternd lächelnd hinzu.Mit neuem Mut in seinem Herzen und den Gedanken an seine Familie macht er sich an die Arbeit.Nadine hat bereits drei stabile Schulrucksäcke gefunden und angefangen, die Jause aus den restlichen, in den Klassen und auf dem Flur liegengebliebenen, Rucksäcken herauszusuchen und in zwei der drei Rucksäcke zu verteilen."Ihr zwei schafft das auch ohne mich, ich gehe in die Werkstatt und ins Krankenzimmer, ich komme gleich wieder", mit diesen Worten schnappe ich mir den dritten Rucksack und mache mich auf den Weg zur Werkstatt.Was haben diese Schüsse zu bedeuten? Wie soll das weitergehen? Von einem Gefühl geleitet, schaue ich aus dem Fenster, das Feuer breitet sich weiter aus, niemand, der noch lebt, ist mehr auf den Straßen. Unsere Situation wird immer schlimmer! Gerade eben stürzt ein fünfstöckiges Wohnhaus in unmittelbarer Nähe zur Schule ein.Wir haben keine halbe Stunde mehr! Sie werden auch zur Schule kommen. Wir müssen uns beeilen! Ich bin endlich bei der Werkstatt angelangt. Zum Glück ist die Tür nur angelehnt. Ein kleiner Raum öffnet sich mir, es riecht nach Holz, Metall und Schmieröl. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Fein säuberlich hängen an der Wand Hammer, Sägen, Zangen, Schraubenzieher und vieles mehr in verschiedenen Größen und Formen. Drei kleinere Hammer, eine Säge, zwei Zangen, und vier Schraubenzieher verstaue ich in meinem Rucksack. Was sollen wir jetzt machen? Wir müssen auf der Stelle hier weg. Nägel, fünf Feuerzeuge, Seile, drei Taschenlampen, ein großes, sehr scharfes Messer, alles was ich für nützlich befinde, stecke ich dazu, auch zwei Schutzbrillen finde ich. Früher oder später kommt sicher die Möglichkeit, all das einzusetzen. Zuletzt greife ich mir zwei große, schwere Brecheisen, die hinter der Tür lehnen. Mein Blick fällt aus dem zur Hauptstraße hinausführenden Fenster. Vier schwarze Gestalten stürmen über den Schulhof.Im Laufschritt begebe ich mich zum Zimmer der Schulärztin. Während ich laufe, rufe ich so laut ich kann meinen neuen Plan den restlichen Überlebenden zu:"Planänderung! Sofort zum Hinterausgang der Schule. Lauft zur Kapelle. Ich treffe euch spätestens dort."Vom dritten Stock herunter höre ich Marcos Stimme antworten:"Was ist denn passiert?""SIE kommen!", schreie ich keuchend zurück:"Nathan übernimm du die Führung!" Mit diesen Worten setze ich das größere der beiden Brecheisen an die Tür und breche die verschlossene Tür zum Arztzimmer auf. Im Warteraum stehen einige Stühle, auch hier liegen zurückgelassene Besitztümer herum: Jacken, Schals, Kappen. Die Tür zum Behandlungsraum ist offen. Schwere, künstliche Gerüche schlagen mir entgegen. Akten liegen überall auf dem Boden verstreut, von der Ärztin keine Spur mehr. Alles deutet auf eine überstürzte Flucht hin, komisch, dass sie noch Zeit gefunden hat, die Tür zu verschließen…Fluchend reiße ich das Medikamentenkästchen auf, muss ausgerechnet dann die Welt im Chaos versinken, wenn man am wenigsten damit rechnet?! Mit einer Handbewegung werfe ich alles in meinen Rucksack. Einige kleinere Päckchen stecke ich in meine Hosentaschen.Und jetzt nichts wie raus hier. Das Einzige, das jetzt zählt.Als ich aus dem Zimmer trete, versperrt mir eine Gestalt den Weg. Bevor ich reagieren kann, rast ein Schlagstock auf meine rechte Schulter zu. Ein stechend, lähmender Schmerz durchzuckt meinen rechten Arm. Klirrend fällt mein erstes Brecheisen auf den Boden. Die Gestalt macht einen Schritt auf mich zu. Instinktiv hebe ich mein zweites Brecheisen, welches ich in der linken halte. Es gelingt mir den zweiten Schlag, der meinem Hals gilt, mit mehr Glück als Verstand abzufangen. Mein rechter Arm hängt gelähmt und nutzlos an meiner Seite herunter. Verdammt! Schon setzt mein Gegenüber zum nächsten Schlag an. Keinen anderen Ausweg sehend, springe ich nach rechts und rolle mich ab. Der Schlag der Gestalt geht daneben. Mit einem wütenden Aufschrei dreht sie sich und stürzt sich mit aller Macht auf mich. Kurz bevor die Attacke mich erreicht, ducke ich mich. Nutzlos schwingt der Schlagstock über mich hinweg. Mein Angreifer hat zu viel Energie in diesen Schlag gesteckt, für einen kurzen Moment verliert er das Gleichgewicht. Er wird immer wütender. Meine Chance erkennend, rast mein Brecheisen auf seine Kniekehle zu. Erschrocken lässt die Gestalt die Pistole fallen, welche sie gerade ziehen wollte, und bricht in den Knien ein. Diesen Schreckmoment nutze ich aus, um das Brecheisen seitlich, mit aller Kraft, auf den Hals meines Angreifers zu schmettern. Ein hässliches Knirschen ertönt, der Vermummte sackt vollends zusammen und fällt mit dem Gesicht voraus auf den Boden. Ob tot oder bewusstlos ist mir im Moment egal.

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Impressum

Texte © Copyright by Copyright 2015 by Markus Grain, [email protected] Covergestaltung und Illustrationen von Noah Weiß Erstmalig erschienen 2015

Bildmaterialien © Copyright by Copyright 2015 by Markus Grain, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-7393-0551-6