Der Staat - Markus Grain - E-Book

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Markus Grain

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Beschreibung

Der Staat, ein Ort, an dem man zufrieden und in Sicherheit leben kann. Alles ist geregelt, alles ist geplant. Man bekommt gesagt, was zu tun ist. Und es wird getan, was gesagt wird. Kris ist siebzehn, Schüler und vollkommen zufrieden mit dieser Situation. Jedoch, als Naan - ein Mann von außerhalb - auftaucht und beginnt, ihm von Dingen wie Neugierde und Freiheit zu erzählen, stellt sich Kris' Welt mit einem Schlag auf den Kopf.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Markus Grain

DER STAAT

Copyright © 2017 by Markus Grain Verlag

Umschlaggestaltung: Andreas Grain, Markus GrainBildquellen: pixabay, texturemate

Erstmalig erschienen 2017 in Österreich

Alle Rechte vorbehalten: Markus Grain Verlag

www.markus-grain.jimdo.com

[email protected]

Als Fortsetzung zu meinem im Frühjahr 2015 erschienen Buch "Der Wolf in Flammen" habe ich im Dezember 2015 mit der Online-Community-Fortsetzungsgeschichte "Der Staat" begonnen.

Ausgelegt war das Projekt auf ein Jahr, wobei pro Woche ein neues Kapitel erschienen ist, und die Community - die Leserinnen und Leser - die Möglichkeit hatten, den Handlungsverlauf mitzubestimmen.

Zwei äußerst engagierte Leser - Christina Mair und David Leitner - verfassten sogar einige Kapitel selbst. Diese Kapitel wurden im Buch gesondert gekennzeichnet.

Damit wünsche ich nun allen: Viel Spaß beim Lesen und gute Unterhaltung mit "Der Staat".

Kapitel 1

23. April 2062, 6:31, Wien, Wohnsitz der Feinbergs

Wien, eine Stadt. Die einzige Stadt, in der ich jemals war. Der einzige Ort, an dem ich jemals war. Alle meine Freunde, Verwandte leben hier.

Meine Familie und ich, Mama, Papa, mein älterer Bruder und ich, leben in einem weiß gestrichenen Reihenhaus in der sechsten Ringstraße. Mir gefällt es, so nahe am Zentrum zu wohnen. Es erlaubt meinen Freunden und mir, jeden Abend gemeinsam mit vielen anderen in ein kleines Restaurant mit Kegelbahn zu gehen und ein wenig die Sorgen des Alltags zu vergessen.

Mein Zimmer in unserer Wohnung ist zwar ganz nett, aber es ist dort irgendwie langweilig, es gibt nichts, womit ich mich beschäftigen könnte. Meinen Freunden ergeht es genau gleich.

Nur zum Schlafen, das ist die einzige Zeit, die ich zuhause verbringe, komme ich heim.

Auch heute falle ich wieder erschöpft, doch dem neuen Tag schon erwartungsvoll entgegensehend, in die Federn.

Ich stehe in einem schwarzen Raum. Geborgen kann ich unbekümmert schlafen.

"Kris, wach auf!", ruft meine Mutter so wie jeden Tag in dem gleichen freundlichen Tonfall wie immer von der Küche herüber.

Sofort hellwach stehe ich auf und werfe mich in meine schwarz-weiße Schuluniform. Stolz prangt das Wappen meiner Schule, eine graue siebenunddreißig, auf der rechten Brust.

Geschmacklos, aber nahrhaft rutscht mir das Müsli die Kehle runter.

Mein Vater und mein Bruder sind bereits außer Haus bei ihrer Arbeit.

Als nächstes Zähneputzen und dann noch die Schuhe anziehen.

"Hast du alles, was du brauchst?", möchte Mutter erinnernd wissen. Gerade öffne ich die Tür.

"Auf deinem Schreibtisch vielleicht?", deutet sie an.

"Danke", entgegne ich und eile schnell noch einmal kurz zurück, um mir das Tablet unter den Arm zu klemmen. Darauf habe ich alles, was wir für die Schule brauchen. Unterrichtsmaterial, Aufgaben, Übungen,...

"Jetzt aber", melde ich mich fertig.

"Na dann, viel Spaß in der Schule", wünscht sie mir.

Synchron, wie jeden Morgen, treten meine Freunde aus den weißen Türen der angrenzenden Wohnungen auf den weiß gefliesten Gang.

"Morgen", grüße ich mit einem kurzen Nicken nach links und rechts.

"Morgen", kommt es simultan zurück.

Dann sind wir auch schon auf dem Weg, die weiße Fliesentreppe hinunter zur Bushaltestelle.

Und wie es schon gestern, am Tag davor und all den Tagen vorher war, warten dort, meine Freunde und mich eingeschlossen, exakt dreiundzwanzig Personen. Wovon zwanzig Schüler und die restlichen drei Angestellte des Staates sind.

Zwei Minuten nachdem wir uns hinzugestellt haben, ist der Bus noch immer nicht da. Dabei sollte er doch sofort kommen!?

Fragend blicken wir umher. Nicht minder verwirrt wirken die restlichen Menschen an der Haltestelle.

Zwei, drei drücken bereits ihren Irgendetwas-läuft-nicht-wie-es-soll-Notrufbutton, den jeder Bürger des Staates bekommt.

Einer der Schüler macht nach dem Drücken des Knopfes einen Schritt auf die Staatsangestellten zu. Doch auch diese scheinen keinen blassen Schimmer zu haben, wo der Bus bleibt...

Nach einem kurzen Anruf bei den Stadtwerken, erklärt einer der Staatsbediensteten: "Offenbar liegt eine technische Panne beim regulären Bus vor. Der Ersatzbus hätte ihn eigentlich unverzüglich ersetzen sollen. Leider hat wohl irgendetwas nicht ganz funktioniert. Es besteht jedoch kein Grund zur Beunruhigung."

Das nervöse Trippeln meines Freundes Tobias hört auf. "Nur eine technische Panne", wiederholt er tief durchatmend.

Ich kann seine Aufregung schon verstehen. Noch nie habe ich davon gehört, dass sich ein Bus verspätet hätte!

Fünf weitere Minuten vergehen, ohne dass der Bus in Sicht kommt. Auch ein neuerlicher Anruf bringt kein bisschen Gewissheit mehr.

"Was sollen wir jetzt tun?", hört man die umstehenden Schüler langsam verzweifeln: "Wir müssen doch in die Schule kommen?"

"Könnte das irgendeine Art Übung sein", vernehme ich einen der Angestellten des Staates neben mir murmeln.

Sein Kollege verneint jedoch: "Ich weiß von nichts. Außerdem, solch eine Übung existiert doch nur in den Theoriebüchern."

Auch in meinem Kopf steht Alles Kopf.

So etwas hat man uns nie in der Schule beigebracht...! Nie wurde uns erklärt, wie wir uns in so einem Fall zu verhalten hätten!...

Ratlos steige ich von einem Fuß auf den anderen.

Tobias hämmert wie wild auf seinen Irgendetwas-läuft-nicht-wie-es-soll-Notrufbutton, aber außer der Ansage einer weiblichen Computerstimme: "Bitte bewahren Sie Ruhe, ihr Bus wird gleich ankommen", erhält er keine Reaktion.

Mein Freund Lukas tippt mir auf die Schulter: "Hast du eine Ahnung, was wir jetzt tun sollen?"

"Nein", gebe ich niedergeschlagen, irritiert und auch etwas angsterfüllt zurück.

"Aber wir müssen zur Schule!", drängt Lukas energisch.

"Dann erklär mir, wie!", fordere ich aufbrausend: "Ich weiß doch auch nicht, wie!"

Ähnlich wie uns dreien, scheint es auch den Anderen zu gehen.

Plötzlich meldet sich einer der Staatsangestellten mit dem verrückten Vorschlag: "Die Stadtwerke entschuldigen sich vielmals für alle Unannehmlichkeiten, und da das vorliegende Problem nicht auf die Schnelle zu lösen ist, wird man uns Karten auf unsere Smartphones oder Tablets schicken. Damit sollen wir, nur als Zwischenlösung für den Moment, zu Fuß zu unseren Arbeitsplätzen gehen."

Tatsächlich vibriert mein Tablet gerade jetzt in meiner Hand - eine Nachricht des Staates ist eingetroffen.

"Zu Fuß?!", kreischt irgendjemand.

Achselzuckend setzen sich die drei Angestellten des Staates in Bewegung.

Widerwillig folgen alle ihrem Beispiel.

Kurz verweile ich noch, studiere die Karte auf meinem Display.

Just in diesem Moment höre ich von der Straße her ein Quietschen. Irgendeine komische Art von Gefährt rast über den Asphalt. Vier Räder, ein Motor. Im Prinzip ist es ein kleiner Bus. Aber nicht so einer, wie die, in denen man im Fernsehen manches Mal Angestellte des Staates herumfahren sieht. Jene sind nämlich schön schwarz, lang und fahren nicht so schnell. Dieses spezielle Exemplar hier ist so ziemlich das Gegenteil davon. Klein, schnell, reinweiß lackiert.

"Kris, wo bleibst du?", dreht sich Lukas nach mir um. Tobias hämmert beim Anblick des kleinen Busses schon wieder auf seinen Irgendetwas-läuft-nicht-wie-es-soll-Notrufbutton.

"Was zur Hölle ist denn das schon wieder?", jetzt hat auch der Rest der Menschen, die nun entgegen aller Vernunft zu Fuß aufgebrochen sind, das Gefährt bemerkt.

Und um die allgemeine Verwirrung perfekt zu machen, bremst es mit qualmenden Reifen direkt neben mir ab. Eine Tür springt auf, aus dem Inneren dringt eine freundliche, männliche Stimme, deren Besitzer eine Emotion hat, die ich nicht kenne. Er spricht schnell, undeutlich und aufgeregt: "Steig ein Kris. Wir haben im Moment keine Zeit für Erklärungen, aber wenn du dein Leben weiterleben willst, rate ich dir, schnell einzusteigen."

Lukas tritt an mich heran: "Lass das Kris. Das wäre ein sehr großer Fehler."

Ich persönlich weiß ja nicht so genau. Natürlich soll ich nicht in irgendein Gefährt steigen, dessen Herkunft, Fahrer oder Machart ich nicht kenne, andererseits hänge ich doch irgendwie sehr an meinem Leben...

Kapitel 2

23. April 2062, 7:24, Wien, 6. Ringstraße

Unsicher setze ich einen Schritt auf das Gefährt zu.

"Schnell!", drängt die Stimme aus dem Inneren. Durch die verdunkelten Scheiben kann ich nicht hineinsehen. Irgendwie sagt mir ein komisches, unbestimmbares Gefühl, ich sollte einsteigen. Alles andere, besonders mein Verstand hämmert jedoch dieses eine Wort in meinen Kopf: 'Nicht!'

Innerlich zerrissen stoppt mein Fuß, bevor er den Boden erneut berührt.

Neuerlich meldet sich der Mann aus dem Vehikel: "Kris, ich meine es ernst!"

Er legt immer mehr Kraft in seine Stimme, dieser mir unbekannte Tonfall verstärkt sich weiter.

Ich stelle meinen Fuß ab. Möchte zu einem weiteren Schritt ansetzen.

Woher kennt der meinen Namen?!?

Unbewusst setzte ich mich vollends in Bewegung.

Ich bekomme noch mit, wie einer der Staatsangestellten mich zurückreißt, dann erfüllt trommelfellzerstörendes Reifenquietschen die Atmosphäre.

Schwer lande ich mit dem Rücken auf dem Asphalt, bleibe diesig liegen.

Mit weit geöffneten Augen und Mund starren die Menschen dem Davonrasenden hinterher. Verarbeiten, ja nicht einmal realisieren kann es allem Anschein nach jemand. Was um Alles in der Welt ist gerade passiert?!

Sogar den Angestellten des Staates überfordert die Situation vollkommen. Unfähig irgendetwas Vernünftiges zu sagen, stottert er vollkommen aufgelöst und erschöpft in sein Telefon: "Hilfe...sofortige Hilfe – benötigt...Vorfall...schlecht...Kinder - involviert..."

Tobias kann sich nicht mehr halten, wie ein Verrückter stürmt er die Bushaltestelle auf und ab, immer und immer wieder, mit jedem Mal schneller.

Lukas kommt allmählich wieder zu sich: "Das, das war...? Was...war das gerade?", schluckt er schwer.

Ein weiterer Staatsangestellter kommt seinem Kollegen zu Hilfe: "Hubert bringt gerade die Kinder weg. Wie geht es dir Franz?"

"Ähm...? Naja, mir fehlt eigentlich nichts...", murmelt Franz und steht tapsig auf.

Lukas tritt an mich heran: "Kris?"

Ich hebe den Kopf. Dann hält er mir die Hand hin, hilft mir aufzustehen.

"Danke", atme ich aus, blicke zu der Straßenecke, hinter der das Gefährt mittlerweile verschwunden ist.

Jemand tippt mir auf die Schulter.

"Folgt Hubert, er bringt euch in die Schule", befiehlt Franz Lukas, Tobias und mir.

Willig folge ich Lukas mit Tobias im Schlepptau.

Kopfschüttelnd bleiben die zwei Angestellten des Staates zurück.

Schule. Ein Ort, zu Lernen. Ein Ort, dich auf das Leben vorzubereiten. Ein Ort, Hilfe zu bekommen. Ein Ort, Probleme zu vergessen. Ein Ort, sich wohlzufühlen.

Schule Nummer siebenunddreißig. Dritte Schulstufe, siebtes Gebäude, liegt zwischen dem sechsten und achten. Gegenüber liegen die Gebäude der zweiten Schulstufe mit denselben Nummern.

Vom Fenster meiner Klasse aus sehe ich den Sportplatz. Nur Wenigen ist es vergönnt, mehr als einmal pro Woche dort trainieren zu dürfen. Zu diesen Wenigen sehen wir alle auf, selbst wenn sie jünger sind als wir.

Sie werden einmal ein gutes, ehrvolles Leben führen, sagt man uns. Das ist auch der Grund, wieso jeder immer so gut wie möglich bei der jährlichen medizinischen Untersuchung dastehen will. Denn nur die Gesündesten, Fittesten kommen in die Klassen, deren Kennzeichnung mit einem V endet.

Schule ist interessant, keine Frage, nur heute beschäftigt mich etwas Anderes einfach mehr. Die immer gleichen Bewegungen der V-Klasse dort unten, ihre Routine beruhigt mich irgendwie.

"Kris, du verhältst dich heute sehr seltsam", bemerkt meine Lehrerin: "Bring ihn doch mal zur Schulärztin, Lukas."

"Sofort", beflissen erhebt sich jener unverzüglich, wartet an der Tür auf mich.

Wenigstens kann ich so etwas mehr Nachdenken und muss mich nicht simultan auf zwei Dinge konzentrieren.

Lange leere Gänge voller weißem Nichts und weißgeflieste Treppen führen uns ins Erdgeschoß von Gebäude acht.

"Ich werde hier auf dich warten", verkündet Lukas, als wir angekommen sind.

Abwesend klopfe ich an.

"Herein", bittet eine freundliche Damenstimme.

Hinter mir fällt die Tür sanft ins Schloss. Stille hüllt den sterilweißen Raum in eine sanfte Decke der Heilung.

Lächelnd kommt die Ärztin mit klackernden Stöckelschuhen auf mich zu. "Was kann ich für dich tun?", möchte sie mütterlich erfahren.

Monoton, in Gedanken versunken, gebe ich zurück: "Meine Lehrerin meinte, etwas stimme nicht mit mir. Ich bin vom Gebäude sieben, Stockwerk drei, 3B-Klasse."

"Na dann nimm bitte dort auf dem Stuhl Platz", fordert sie mich auf und deutet auf den weißen Stuhl gegenüber ihres Schreibtisches.

Stumm tue ich wie geheißen.

Sie kramt erst in einer Schublade herum, bringt einige Blätter Papier zum Vorschein, setzt sich dann auf den bequem wirkenden, weißen Ledersessel mir gegenüber und beginnt freundlich auffordernd lächelnd: "Erzähl mir, was passiert ist."

"Heute Morgen ist der Bus nicht wie geplant gekommen, stattdessen ist so ein kleines, weißes Gefährt, in welchem vielleicht fünf Personen Platz haben, angerast. Der Fahrer meinte, mein Leben sei in Gefahr und ich solle unbedingt einsteigen, bevor es zu spät sei. Natürlich habe ich das nicht getan. Zum Schluss sind wir dann zu Fuß zur Schule gegangen", erzähle ich gefühlslos.

Für einen Moment belegt überraschte Stille den Mund der Ärztin. Zwei Augenblicke später fängt sie sich wieder: "Also noch einmal zum Mitschreiben: Der Bus ist nicht gekommen, und ein Mann hat gewollt, dass du zu ihm ins Auto steigst?", will sie sich unsicher vergewissern.

Ein Auto ist das also, gut zu wissen. Ich habe solch ein Wort noch nie zuvor gehört...

"Genau."

"Gut", murmelt sie, ihr Stift fliegt über das Papier.

"Ist so etwas schon vorher geschehen?"

"Nein."

"Ist dir sonst etwas Seltsames widerfahren? - Irgendetwas, das nicht geplant war?"

"Nein."

"Hm...", beendet sie die Fragen und dirigiert mich zum Sehtest. Anschließend checkt sie noch Ohren, Atmung und Herzschlag. Alle Tests ergeben nichts Ungewöhnliches.

"Sieht so aus, als wäre mit dir alles in Ordnung", diagnostiziert die Ärztin: "Du darfst gehen", entlässt sie mich.

Auf meinem Weg zur Tür höre ich hinter mir noch ein wenig Papierrascheln.

Plötzlich meldet sich die Dame noch einmal: "Halt, warte noch kurz bitte." Offenbar hat sie noch etwas vergessen, was ich als sehr ungewöhnlich einstufe.

Stumm deutet sie, gezwungen ruhig, auf die weiße Liege.

"Bitte leg dich dort hin, schließe die Augen und entspanne dich." Ich begebe mich also in Schlafposition.

Alles was sie tut, ist mir etwas ins Genick, genauer gesagt in etwa dorthin, wo der Schädel auf der Wirbelsäule aufliegt, zu kleben.

"Nicht erschrecken, das ist nur eine Elektrode. - Versuch jetzt an nichts zu denken."

Das ist leichter gesagt, als getan, wenn einem so viel durch den Kopf geht.

Ich stehe in einem schwarzen Raum. Nichts ist hier, was irgendwie interessant sein könnte. Nur schwarz. Unsicher bewege ich mich vorwärts. So Vieles, das ich nicht verstehe, das Schwarz verschluckt alles.

Jemand tippt mir auf die Schulter.

Unfähig den Ausdruck des Gesichtes der Ärztin zu deuten, richte ich mich auf. Sie starrt unentwegt auf einen kleinen Bildschirm auf dem eine Kurve eingeblendet wird. Ruhig lastet ihr linker Zeigefinger auf einem Bereich, welcher sich insofern vom Rest des Graphen unterscheidet, dass hier ein Ausschlag, wenn auch kein besonders großer, zu sehen ist.

"Hat das etwas zu bedeuten?", will ich erfahren.

Tief durchatmend gibt sie zurück: "Es bedeutet wohl, dass du von nun an die V-Klasse besuchen wirst – zumindest vorübergehend bis wir Zeit haben, eine weitere Untersuchung durchzuführen."

"Na das ist doch ein Grund zur Freude", bemerke ich in entsprechender Stimmung. Die V-Klasse! "Ab sofort?", vergewissere ich mich.

"Nicht so eilig", lacht sie auf: "Ich muss zuerst noch zum Direktor."

Zurück in Gebäude Nummer sieben der dritten Schulstufe warte ich eine halbe Ewigkeit auf einem harten Holzsessel vor der schwarzen Tür mit der weißen Aufschrift: 'Direktor'.

Nach einer geschätzten halben Stunde kommen Direktor und Ärztin endlich wieder heraus. Der beleibte Mann mittleren Alters verkündet: "Kris, die Sache sieht wie folgt aus: offensichtlich wurde es bei der letzten medizinischen Untersuchung übersehen, denn so wie es im Moment aussieht, bist du für die V-Klasse geeignet. Um ganz sichergehen zu können, müssen wir aber noch das Ergebnis eines weiteren Tests abwarten. Dieser wird morgen früh stattfinden. Bis dahin darfst du nun entweder in die Schulbücherei gehen, um dich auf die Wahrscheinlichkeit eines Besuches der V-Klasse vorzubereiten, oder du gehst direkt in den Unterricht der V-Klasse."

Hm. Die V-Klasse hat das höchste Leistungspensum von allen, ein wenig Vorbereitung könnte also nicht schaden. Doch wieso warten, wenn man etwas auch sofort haben kann? Lasse ich die Vernunft siegen, oder meinen Impuls?

Kapitel 3

23. April 2062, 9:12, Wien, Schulzentrum

Vernunft geht immer über Impulse.

Und irgendwie, so sehr ich mir schon ausmale, die Tür der V-Klasse zu durchschreiten, so sehr weiß ich auch, dass ich es dort nicht leicht haben werde.

Bei einem kann ich mir, bei all diesen Fragen in meinem Kopf, jedoch auf jeden Fall sicher sein: Die Bibliothek ist ein Hort des Wissens, wo jeder hingehen kann und mit allem herauskommt, was er wissen wollte. Außerdem ist es dort absolut still und die Atmosphäre sehr angenehm.

"Ich werde doch wohl besser erst noch die Bibliothek aufsuchen", vermelde ich.

"Gut, dann erwarten wir dich morgen", lächelt mich der Direktor an.

Gemächlich mache ich mich auf den Weg. Die Schulglocke erschallt. Und plötzlich füllen sich die Gänge so rasant, wie ein Waschbecken, bei dem man alle Wasserhähne gleichzeitig geöffnet hat. All diese Schüler erinnern mich an meine beiden Freunde. Tja, dieses Kapitel ist nun abgeschlossen.

Eine neue Klasse, neue Freunde.

Es war einmal eine Zeit, da ging ich in die B-Klasse. Es ist nun eine Zeit, da gehe ich in die V-Klasse.

Erfolg, Ruhm, Wichtigkeit.

Ein Traum, eine Klasse.

Stille flutet über mich, als ich die Tür der Bibliothek öffne. Über den Rand ihrer Halbmondbrille hinweg blickt mich die ältliche Bibliothekarin freundlich an: "Was kann ich für dich tun?"

"Ich bin Kris. Meine Klasse war die 3B, jetzt wechsle ich in die V-Klasse. Deshalb werde ich etwas nachholen müssen. Können Sie mir das Material zur Verfügung stellen?"

"Warte kurz", murmelt sie, tippt etwas in ihren Computer, meint dann: "Okay, dein Tablet bitte." Ich händige es ihr wie befohlen aus. Schon beginnt der Datentransfer.

"Fürs Erste ist der Stoff der 1V-Klasse für dich vorgesehen. Hier." Sie gibt mir das Tablet zurück. "Ich wünsche viel Erfolg."

"Vielen Dank", erwidere ich lächelnd.

Dann suche ich mir in Ruhe einen bequemen Lederstuhl und beginne, mich einzuarbeiten.

Anatomie, Medizin, Rhetorik, Mathematik.

Noch nie habe ich so viel Stoff auf einmal aufnehmen müssen. Aber wie gesagt, das ist die V-Klasse. Und wer nicht mithalten kann, fällt eben zurück.

Stunde um Stunde vergeht.

Mal um Mal ertönt der Schulgong.

Schüler um Schüler betritt die Bibliothek, verlässt sie später erneut.

Alles was bleibt, ist diese Vorfreude, welche mich immer wieder von neuem anspornt, wenn es mir, wie so oft an diesem Tag, einfach genug ist, und ich eine Pause will. Nichts als die digitale Uhr auf meinem Tablet sagt mir, wie lange ich nun schon hier sitze und mir die Eigenschaften vom menschlichen Körper und mathematische Formeln eintrichtere.

Allmählich geht die Anzeige auf 18:00 Uhr zu.

Zeit, Schluss zu machen.

Nur kurz schließe ich meine Augen. Ein Moment zum Durchschnaufen.

So schnell meine Beine mich tragen, rase ich durch diesen schwarzen Raum, der erst in der Unendlichkeit zu enden scheint. Begleitet werde ich nur vom Geräusch eines einzelnen Motors dort in der Ferne und den quietschenden Reifen des zugehörigen 'Autos'.

"Kris...", haucht eine Stimme in der endlosen Ferne.

Alle meine Muskeln spannen sich schlagartig an.

Ich fahre keuchend hoch.

Schief blickt mich die Bibliothekarin an: "Ist mit dir alles in Ordnung?", will sie forsch wissen.

Instinkt, nichts anderes spricht aus mir, als ich zurückgebe: "Ja,...mir...äh...ist nur gerade aufgefallen, dass ich zu meinem Bus muss...ich habe die Zeit übersehen..." Und schon bin ich weg.

Was um alles in der Welt war das? Kann mir jemand erklären, was diese Sachen in meinem Kopf sein sollen? Autos – Stimmen; in einer riesigen Welt aus Schwarz. Irgendetwas stimmt nicht mit mir...

Könnte es sein, dass ich verrückt werde. Ich habe gehört, solche Symptome werden 'Verrücktheit' genannt. Aber die Ärztin hat doch gesagt, mit mir sei alles in Ordnung?

Im Eilschritt arbeite ich mich durch die Schülermasse, welche sich zäh in Richtung Busbahnhof bewegt. Nur weg erstmal. Irgendwie muss ich einen klaren Kopf bekommen...

Einer der Lehrer wird auf mich aufmerksam und kommt hilfsbereit auf mich zu: "Hey, du da. Geht es dir nicht gut?"

Wie vorhin, als ich mit der Bibliothekarin sprach, veranlasst mich irgendetwas, nicht zu sagen, was wirklich vor sich geht. "Ich muss meinen Bus erwischen."

Der Lehrer stutzt: "Aber es fahren doch so lange Busse, bis niemand mehr hier ist. Du kommst schon nach Hause."

"Ja schon, aber meine Mutter kocht heute etwas Besonderes, weil mein Vater Geburtstag hat und will, dass alle pünktlich zuhause sind."

"Aha, na dann halte ich dich besser nicht länger auf. Richte deinem Vater doch alles Gute von mir aus", bittet er mich freundlich zum Abschied.

"Werde ich. Wiedersehen", verabschiede ich mich.

Nachdenklich lastet der Blick des Lehrers noch einige Momente auf mir. Schulterzuckend wendet er sich dann ab.

In ordentlichen Schlangen warten die Schüler am Busbahnhof auf ihre Heimfahrt. Ordnungsgemäß stelle ich mich in jene für die sechste Ringstraße. Tief durchatmend, versuche ich dieses unlogische Gefühl, welches sich anfühlt, als würde irgendetwas Gefährliches hinter mir stehen, loszuwerden.

Ruhe suchend, schließe ich kurz die Augen, lege den Kopf in den Nacken.

"Kris...", haucht jemand aus der Schwärze hinter mir sanft: "Komm zu mir, triff mich. Du kennst den Weg. – Vertraue auf dich und schließe die Augen..."

Unverzüglich reiße ich die Augen auf, fahre herum.

Alles was ich erblicke, sind erstaunte Gesichter von anderen Schülern.

Vertrauen? - auf was?! Auf meine Verrücktheit? Oder was bitteschön?

Schließe deine Augen...? Damit ich noch mehr von diesem unlogischen Unsinn sehe?!

Kapitel 4

23. April 2062, 18:23, Wien, Schulzentrum

In diesem Moment tippt mir von hinten jemand auf die Schulter: "Hallo Kris. Wir haben heute Morgen keine Zeit gehabt, miteinander zu reden. Wenn ich dich nun bitten dürfte, mir zu folgen, dann könnten wir unser unterbrochenes Gespräch fortsetzen", fordert er mich höflich auf.

"Wieso sollte ich?", entgegne ich instinktiv. In meinem Kopf dreht sich alles.

"Das werde ich dir alles erklären. Hier ist nur nicht der richtige Ort dafür", schnell dreht er seinen Kopf herum, so als würde er nach etwas suchen.

"Ich muss nach Hause", blocke ich ab.

"Dort kann ich dich auch hinbringen", sein Kopf fährt hoch: "Hast du meine Worte von heute Morgen vergessen?"

"Nein...", betone ich lange und unsicher.

"Dann folge mir", meint er knapp.

Er führt mich durch die Menschenmenge. Hinfort von der Schule. Hinter einer Ecke in einer Seitengasse öffnet der Mann ein Tor. Dahinter kommt das Auto zum Vorschein, in dem ich ihn schon heute Früh angetroffen habe.

"Bitte einzusteigen", hält er mich an, öffnet mir die Tür.

Kaum habe ich Platz genommen, werde ich auch schon in den weichen Sitz direkt neben dem Fahrer gedrückt. Der Mann neben mir tritt eines der Pedale bis zum Boden durch.

Was mache ich da eigentlich gerade?

Lange habe ich nicht, darüber nachzudenken.

Heulend, mit einem blauen Blinklicht auf dem Dach und blauen Streifen auf den ansonsten reinweißen Seiten, rast ein weiteres Auto hinter uns um die Ecke. Der einzige Unterschied zu jenem, in dem ich sitze ist, dass der Neuankömmling mit der Sirene so etwas wie eine metallisch verstärke Front besitzt.

Noch tiefer werde ich in den Sitz gedrückt. In diesem Vehikel steckt mehr, als die Größe vermuten lässt. Grimmig wirft der Mann hinter dem Steuerrad einen Blick in den Rückspiegel und rät mir: "Schnall dich besser an."

Hä?

"Nimm dir den Gurt rechts von dir und klinke ihn in die rote Halterung links von deinem Sitz", erklärt der Fahrer mit zusammengebissenen Zähnen, als wir gerade um eine Kurve rasen. Hart pralle ich gegen das Plastik und Glas der Tür. Diese Prellung wird mich eine Weile begleiten...

Endlich bringe ich zustande, was für den unbekannten Mann neben mir selbstverständlich zu sein scheint. Der 'Gurt' klickt, rastet ein.

In dieser Kurve ergeht es mir besser.

Alles in meinem Kopf schreit: 'Lass den Blödsinn Kris!'

"Was soll das alles?", will ich nun endlich erfahren.

"Kris, lass es mich kurz machen: Träumst du?"

Träumen?

"Was bedeutet denn 'Träumen'?"

Tief schnauft der Mann durch.

"Wenn du schläfst, siehst du dann etwas?"

"Während ich schlafe!?", wundere ich mich. Da habe ich meine Augen doch geschlossen...?

Wieder muss er tief Luft holen.

Die nächste Kurve.

"Also nichts?", will er sich vergewissern.

"Schwarz, mehr ist da nicht", antworte ich wahrheitsgemäß.

Brummig murmelt der Fahrer: "Na das ist doch schon mal etwas..."

Mein Blick fällt auf den Rückspiegel. Hinter uns ist niemand mehr. Das scheint so etwas wie das Signal zu sein, anzuhalten. Etwa eine halbe Minute später kommen wir in einem dunklen Raum zu stehen.

Noch nie in meinem Leben ist mir so viel gleichzeitig durch den Kopf gegangen, noch nie zuvor habe ich so schnell geatmet, noch nie zuvor hatte ich so viele Fragen.

"Also, was soll das nun alles? Und wer sind Sie überhaupt?", nehme ich einen zweiten Anlauf: "Und wieso ist mein Leben in Gefahr?"

Seelenruhig steigt der Mann aus und betätig den Lichtschalter.

Jetzt habe ich endlich Gelegenheit, ihn mir genauer anzusehen. Ungefähr dreißig, braune, wild herumstehende Haare, kein Bart, blau-grüne Augen. Gekleidet ist er in einen einfachen schwarzen Anzug.

"Lass mich mit meinem Namen beginnen. Ich bin Naan. Zweitens, dein Leben. Wenn du nicht jetzt anfängst, zu leben, wirst du nie eines haben. Drittens, wieso du auf mich getroffen bist? Eigentlich nur, damit du beginnst, zu sehen, wer und was du bist."

Hä? Was will dieser Kerl von mir? Sagt mir, mein Leben sei in Gefahr und kommt mir jetzt mit: 'Beginne zu leben, oder du wirst nie eines haben..."

"Kann es sein, dass ich gerade etwas verpasst habe?", frage ich ihn, versuche zu signalisieren, dass ich von dieser Aussage nichts halte.

"Fühle dich frei, zu gehen wohin auch immer es dich verschlagen mag. Lass mich dir zuvor nur diesen einen Satz mitgeben: 'Höre in dich hinein, finde heraus, warum du mich getroffen hast und du wirst verstehen.' – So, da du augenscheinlich keine Lust hast, länger zu bleiben, geh, wenn du willst. Ich mach mir jetzt auf jeden Fall einmal einen guten, kräftigen Tee." Er verschwindet durch eine weiße Tür.

Ich wünschte, ich wäre jetzt in der Schule, dort bekommt man es nämlich erklärt, wenn sie einem etwas Neues beibringen...

Gefühle, die ich noch nie fühlte, machen sich in mir breit. Mein Atem geht schneller, schnell schlägt das Herz in meiner Brust, in meinem Kopf ist kein klarer Gedanke mehr zu fassen. Alles was ich will, ist zurück, dorthin, wo ich hin muss. Erschöpfung übermannt mich. Schwer sinke ich an die Wand des Raumes, strecke meine Beine unter das Gefährt.

Nachdenklich drehe ich den Irgendetwas-ist-nicht-so-wie-es-sein-soll-Button in meiner Hand. Durch wässrige Augen - wieso kommt Wasser aus meinen Augen? – starre ich das rote Rufzeichen auf dem ansonsten weißen, kleinen Gerät an, so als wollte ich alleine dadurch den Knopf betätigen.

Ich will doch nur zurück dorthin, wo ich hinmuss.

"Wieso", murmle ich halblaut.

Naan seufzt in einem Nebenraum. Man hört das Geklapper von Teetassen, dann kommt er mit zwei dampfenden zu mir, setzt sich ebenfalls auf den Boden und hält mir eine hin. Instinktiv nehme ich sie an, nippe vorsichtig an dem brennend heißen Früchtetee.

Mein undurchsichtiger neuer 'Freund' setzt an: "Panik ist ein gutes Signal. Sie haben dich noch nicht genug gegraut..."

"Äh... 'gegraut'?", hebe ich die Augenbrauen.

"Ein Ausdruck, das Verschwinden von Gefühlen zu beschreiben. Sie wurden durch all die Regeln, die Routine, die vollkommene Sicherheit einfach vergessen. – Dabei ist es nicht einmal so lange her, dass es anders war."

"Aha", murmle ich. Die gleichmäßige Hitze und der kräftige Geschmack des Tees beruhigen mich.

"Nicht so lange her...", wiederhole ich leise. Ja, so lange ist es her, dass mein Leben noch ganz normal war.

Naan wechselt das Thema: "Wie siehst du den Staat?"

"Keine Ahnung... Sie lassen mich in die Schule gehen, geben meiner Familie und mir eine Wohnung,..." Worauf will er hinaus?

"Nein, ich meine, was machen sie?"

"Wer, die Angestellten des Staates? Ich sehe sie nur jedem Morgen an der Bushaltestelle und an jedem Abend im Lokal mit der Kegelbahn..."

Stille, lange, unerträgliche Totenstille.

Stumm trinken wir unseren Tee.

Naan versinkt in vollkommener Nachdenklichkeit, seine Augen starren ins weiße Nichts der Tür seines Autos. Die Minuten vergehen.

"Willst du wissen, was geschehen ist?", erwacht er aus diesem komischen Zustand.

"Wann?", wundere ich mich.

"Damals - bevor alles weiß in grau in schwarz geworden ist?"

"War die Welt denn jemals anders?", wundere ich mich.

In Gedanken versunken meint er: "Komisch. Damals wollte jeder eine Welt, die so ist wie diese, und nun scheint es auch so, als ob jeder zufrieden ist. Zumindest jene, die das Glück haben, im Staatsgebiet zu leben."

"Soll das gerade heißen, dass es mehr als nur den Staat gibt?!", fahre ich hoch. Dass dieser Kerl im Kopf nicht ganz richtig ist, war mir schon irgendwie klar, doch das?!

'Der Staat, der Eine und Einzige.

Hier ist euer Glück, hier ist eure Zukunft.

Gemeinsam für alle, alle für die Gemeinsamkeit!', hallt es in meinem Kopf immer und immer wieder nach.

So und nicht anders ist es.

"Wo ist die Tür?", fordere ich ihn rüde auf, mich nicht länger zu belästigen. Spinner!

"Kris reiß dich zusammen!", befiehlt Naan mir. Er betont meinen Namen ganz besonders.

"Kris, das ist dein Name. Naan, das ist meiner. Eines haben beide gemeinsam: Sie sind einzigartig", startet er, auf mich einzureden: "Das hat einen Grund: Sie kennzeichnen uns."

"Würdest du endlich mit deinem Gerede aufhören und mich hinauslassen?!", übergehe ich alle seine Worte ohne Gnade.

"Du willst wissen, warum du mir begegnet bist?"

"NEIN!", fahre ich ihn an, stürme an ihm vorbei in den Nebenraum, durch eine kleine Küche, eine Wohnung in der offenbar nichts seinen Platz hat, wie eigentlich vorgesehen.

Aus dem Augenwinkel erfasse ich die Tür, welche mich auf die Straße führen wird.

Weg, nur weg von diesem Spinner.

Kurz überlege ich noch: Soll ich den Irgendetwas-ist-nicht-so-wie-es-sein-soll-Button drücken?

Kapitel 5

23. April 2062, 15:02, Wien, 12. Ringstraße

Entscheidungslos beginne ich ziel- und orientierungslos einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich will einfach nur noch heim. Nur wie?

Moment - hat mir der Staat nicht eine Stadtkarte auf das Tablet geladen?

In mir gehen gerade Dinge vor sich, die ich nicht verstehe. Ein Cocktail aus fliegenden Gedanken und widersprüchlichen Gefühlen strudelt in meinem Kopf.

Zwei Berührungen später zeigt mir das Tablet die Meldung: 'Es tut uns leid. Der von Ihnen angeforderte Inhalt ist nicht mehr aktuell. – Falls Sie unsere Hilfe benötigen, drücken Sie drei Mal kurz auf ihren Irgendetwas-ist-nicht-so-wie-es-sein-soll-Button.'

Dann wäre zumindest das entschieden. Einige Schritte hinter mich gebracht, blicke ich kurz und eindringlich auf den roten Knopf. Unbestimmte Gedanken flüstern mir zu, es sei keine gute Idee. Und aufgrund der simplen Tatsache, dass mich solche unbestimmten Gedanken erst in diese missliche Lage gebracht haben, ignoriere ich sie.

"Kris, was machst du denn da?", zuckt Naans Stimme durch die dunkle Schwärze meines Bewusstseins.

Unbewusst ziehe ich den Kopf ein und die Schultern hoch. Wie von selbst beginnen meine Beine sich schneller zu bewegen. Ohne noch einmal zurückzublicken, entferne ich mich so rasch wie möglich von Naan, seinem Auto und all diesen dummen Sachen, welche er mir erzählt hat.

Keine zwei Minuten später fährt die Polizei auf mich zu. Pflichtbewusst halten die Beamten direkt neben mir an. Mit einem freundlichen und hilfsbereiten Lächeln auf den Lippen lässt der Beifahrer die Glasscheibe einfahren und möchte ruhig von mir wissen: "Hast du den Button gedrückt?"

Stumm nicke ich. Schon wieder dreht sich in mir alles. Schlimmer als die Autofahrt mit Naan fühlt es sich an.

"Was ist den passiert?", fragt er weiter.

"Also...", was ist los mit mir, sag doch einfach, was passiert ist, Kris! "ahm...Nach der Schule wollte ich wie immer in den Bus einsteigen, jedoch sprach mich ein unbekannter Mann an, faselte irgendwelche sinnfreien Dinge und hat mich dann einfach mitgenommen. Es gelang mir, mich von ihm loszureißen. Und jetzt bin ich hier..."

Wenn sich der Polizist auch bemühen mag, freundlich zu bleiben, schleicht sich für einen Moment etwas anderes, Undefinierbares in seine Gesichtszüge.

"So, so...", meint er, weiß offenbar nicht so recht, was er sagen soll: "Äh...wo war das denn? – Wo du dich losgerissen hast?"

Gleich hier um die Ecke, eigentlich.

"Keine Ahnung. Ich wollte einfach weg von dem Kerl und habe nicht aufgepasst."

"Hmm...", er wendet sich seinem Kollegen zu: "Karl, überpr...", er stoppt mitten im Satz, dreht sich nach mir um: "Kris?, stimmt das?"

Erneut nicke ich.

"3B-Klasse, Schule Nummer 37?"

"Genau", bestätige ich.

Wieder blickt er den Fahrer an: "Überprüf ihn kurz", fügt an mich hinzu: "Bitte habe kurz etwas Geduld."

Aus dem Inneren des Polizeiwagens höre ich einige Tasten klackern. Wenige Augenblicke vergehen, bis man mir mitteilt: "Okay, Kris Feinberg, wohnhaft in der sechsten Ringstraße...Wir werden dich jetzt fürs Erste einmal nach Hause bringen. Wenn du bitte einsteigen würdest?"

Auf Kommando springt eine Tür auf und ich nehme, wie befohlen, Platz.

Selten passiert es einem, dass man mit seinem vollen Namen angesprochen wird. Um genau zu sein, ist mir das bisher erst drei Mal im gesamten Leben passiert und zwar nur dann, wenn ich in die nächste Schulstufe aufgestiegen bin. Macht dann vier Mal.

Zum Glück werde ich im Zuge dieser Autofahrt nicht so durchgeschüttelt, wie gerade eben bei Naan.

Sanft kommen wir vor meinem Haus zum Stehen.

Der Polizist erklärt mir über die Schulter: "Du darfst jetzt aussteigen. Wir werden zu deiner Sicherheit eine Wache hier postieren, dieser Vorfall wird sich nicht wiederholen, vertrau uns. Morgen früh wirst du dann direkt hier von einem Lehrer und einem Arzt abgeholt werden und zu deiner, von deinem Schuldirektor angeordneten, medizinischen Untersuchung gebracht. Ich wünsche dir eine gute Nacht, Kris."

Ich steige aus.

"Vielen Dank,...Herr...?", will ich mich erkenntlich zeigen, doch habe keine Ahnung, wie er heißt.

Er schmunzelt kurz: "Nenn mich Josef", bemerkt er meine Not.

"Vielen Dank, Josef! Auch Ihnen eine gute Nacht! Auf Wiedersehen."

Wieder lacht er kurz auf: "Na, dass wir uns wiedersehen, wird wohl eher nicht passieren, trotzdem danke."

Und weg sind die beiden Polizisten.

Mittlerweile versuche ich schon gar nicht mehr, zu verstehen, was um mich herum so vor sich geht. So beschränke ich mich darauf, wie gewöhnlich mein Abendessen bis auf den letzten Krümel aufzuessen und mich anschließend in mein Zimmer zwecks Hausaufgaben und Schlafen zurückzuziehen. Wenigstens eines an diesem Tag läuft nach Plan. Aufgewühlt erledige ich meine Aufgaben und lege mich anschließend ins Bett.

Schwarz. Doch nur für einen Moment. Blitzbilder tauchen auf, verblassen so schnell, wie sie kommen. Alle hängen sie zusammen: Männer steigen aus mehreren Autos. Sie halten eigenartige Geräte in den Händen, gekleidet sind sie alle gleich. Schwarze, stabil wirkende Overalls mit einer Ausbuchtung um die Brust herum und harten, unzerstörbar erscheinenden, runden Kopfbedeckungen. Auf ein stummes Nicken von einem der Männer hin, setzen sie sich alle gleichzeitig mit ruckartigen Schritten in Bewegung. Die Tür, welche ihr Ziel ist, stellt kein Hindernis für das Objekt – ein Gewicht an einem langen Griff –, geschwungen von einem von ihnen, dar.

Ich höre den Anführer zufrieden murmeln: "Jetzt haben wir dich."

Plötzlich unterbricht ein einzelner Aufschrei die Szene: "Kris, vertrau mir doch!"

Schweißgebadet fahre ich hoch, richte mich kerzengerade im Bett auf. Nur das fahle Licht des silbrigen Mondes bringt etwas Licht in mein Zimmer. Unbewusst schlage ich die Decke zurück und schlüpfe in meine Schuluniform.

Es irritiert mich selber, wieso tue ich das?

Auch wenn ich die Antwort bereits kenne, stelle ich mir doch diese Frage.

Vorsichtig schleiche ich durch die Wohnung, drücke zaghaft die Tür auf. Naan - er weiß etwas über mich, das ich nicht weiß, das ich wissen will.

Kapitel 6

23. April 2062, 22:54, Wien, Wohnsitz der Feinbergs

Es sind keine zwei Schritte bis zur Treppe, keine zwanzig bis zur Straße, keine zehn bis zur anderen Seite. Und dann? Wie geht es dann weiter? Nein, ich sollte das nicht tun. Es wäre unvernünftig.

Warum stehe ich überhaupt hier und stelle mir die Frage, ob ich mitten in der Nacht einen Verrückten aufsuchen soll, von dem ich nicht einmal weiß, wo er wohnt? Weil ich offenbar langsam mein letztes bisschen Verstand verloren habe und an 'Träume' glaube, sie für real halte. Und warum, wenn ich ihnen glaube, will ich dann überhaupt zu Naan? - diese Männer, welche da seine Tür eingetreten haben, sahen nicht sehr freundlich aus.

Gibt es überhaupt noch eine logische Erklärung für irgendeine meiner Aktionen!?

Kris, reiß dich doch endlich einmal zusammen und leg dich wieder hin. Was du dir vorstellst, kann keine Wirklichkeit sein! Und woher kenne ich auf einmal Wörter, die ich zuvor nie kannte? Einbildung, Vorstellung...

Wie habe ich es immer gehalten?

- Ende der Buchvorschau -

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ISBN: 978-3-7393-7964-7