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Paula sucht nach Ordnung in dieser unruhigen Welt. Mangels anderer Gelegenheiten beginnt sie mit ihrer Bibliothek. Zwischen den Bänden, die Erinnerungen an Kindheit und Jugend in der DDR hervorrufen, stößt sie auf einen Bauplan – einen »Cloudbuster«, jenen Regenmacher, dessen Konstruktion auf den Psychoanalytiker Wilhelm Reich zurückgeht. Der Legende nach verbindet er die Einflussnahme auf das Wetter mit der Beeinflussung der menschlichen Psyche. Die von Dürren geplagte Welt im Jahr 2035 braucht dringend einen solchen Wolkenraser und so beschließt Paula, den Plan Wirklichkeit werden zu lassen. Für seine technische Realisierung benötigt sie allerdings Verbündete. Die findet Paula in einer Freundin aus früheren Zeiten, Carla, mit der sie sich über die Zeit nach der Wende, über Liebesverhältnisse und die Sorge um den Planeten austauschen kann. Erst eine Reise nach Westafrika, zwei Torhüter und eine Autowerkstatt helfen schließlich dabei, eine Lösung für den Bau des Instruments zu finden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Eva-Maria Siegel
Der Wolkenraser
Ein Roman
Eva-Maria Siegel
Der Wolkenraser.
Ein Roman
ISBN (Print) 978-3-96317-421-6
ISBN (ePDF) 978-3-7552-1015-3
ISBN (ePUB) 978-3-7552-1016-0
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Prof. (apl.) Dr. phil. Eva-Maria Siegel studierte von 1980 bis 1985 Literatur- und Kunstwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Anschließend war sie bis 1991 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig. Danach lehrte sie u. a. an der Gesamthochschule Essen und war Lise-Meitner-Stipendiatin an der Universität zu Köln. Im Anschluss an die Habilitation 2002 unterrichtete sie dort auch als Privatdozentin. Seit 2007 ist sie Außerplanmäßige Professorin und vertrat u. a. eine Professur an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. 2004 gründete sie das Unternehmen SiegelTraining und arbeitet seither als Dozentin, Trainerin und Beraterin für mittelständische Firmen und unterschiedliche Hochschulen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählten bislang: Ästhetik der Welthaltigkeit im Roman, Literatur und Diversität in der Geschichte der Moderne, Raumdarstellungen und Reiseliteratur, Theater und Kabarett sowie die Bedeutung des Lachens und das Verhältnis von Text und Geschlecht. Foto: Regina Denecke.
I’ve looked at clouds from both sides now
Joni Mitchell
Sie sind nur eine Option der Wirklichkeit.
Zoomen wir sie heran, unsere Protagonistin, aus der Ferne der Vorstellung in den Nahraum der Existenz, als Figur, eingestandenermaßen. Vergessen wir dabei keine der Möglichkeiten.
Aus dem Anderswo kommend, betreten wir ihr Zimmer. Warum ausgerechnet Paula? Weil es nun einmal so ist, und weil sie einer Beschäftigung nachgeht, die nicht mehr viele ausführen. Schon das Stehen vor den Regalen und das ständige Bücken sieht nach einer Anstrengung aus. Sie setzt sich, um den Rücken zu entlasten. Bücher sind Bäume, denkt sie. Deshalb sind sie so schwer. Früher hat man hier das Holz von Nadelbäumen für die Produktion von Papierseiten benutzt. Woanders waren es Eukalyptus und Akazie, und weit entfernt, am anderen Ende der Welt, holte man sich den Zellstoff aus rasch nachwachsenden Rohstoffen wie Bambus oder Zuckerrohr, heißt es. Zehn Kilogramm Fichte oder Kiefer ergeben ein einziges Buch. Da kommt was zusammen.
Aber alles Wissen besteht aus Geschichten. Was soll man also tun. E-Books sind was für Vielleser, für die bequeme Durchsicht der Seiten, deren Inhalte eilig angeeignet werden müssen, meist unterwegs. Aber Paula ist so sesshaft geworden, dass sie nicht einmal über ihre nächste Reise nachdenken will. Sie steht wieder auf, seufzt, streicht eine dunkle Haarsträhne hinter das Ohr, die ihr in die noch glatte Stirn gefallen ist, und steigt wieder auf den Stuhl. Oben rechts ist sie inzwischen angelangt. Bis dahin hat sie herausgenommen, gezögert, sortiert, zur Seite gerückt, wieder hineingestellt oder auf den Boden zu den anderen geworfen. Eine Kiste für den Verein, eine Kiste für das Institut. Inzwischen sind viele Flächen leer, aber dort oben, da klemmt noch etwas zwischen den Seiten. Das gehört da nicht hin. Sie reckt sich, um danach zu greifen, und hält plötzlich eine Zeichnung in den Händen. Dahinter liegen weitere Blätter, lose zusammengeheftet durch ein vergilbtes Fadenkreuz. Wo kommt das denn her? Ratlos dreht sie die Seiten in den Händen, ohne den Sinn zu verstehen. Wo hat sie dieses Buch, aus dem die lose Sammlung gefallen ist, zum ersten Mal in der Hand gehabt? Sie sieht eine Leiter vor sich, auf die zu steigen ist; nein, da war kein Stuhl. Dieses Möbelstück legt Privatheit nahe. Ein kurzer Blick zurück und sie sieht sich in der ausgedehnten Lesehalle einer Institution stehen, jener Institution, die sich einmal für die Anschauung der Welt verantwortlich fühlte. Jahrzehnte muss das her sein. Das Buch mit dem orangefarbenen Einband stand ganz weit oben, noch außerhalb ihrer Reichweite. Das lockte sie, damals. Heute findet sie nur noch Pflanzen anziehend. Ihre Samen destillieren das Wissen der Natur, während Bücher menschliche Erkenntnis suggerieren.
Für die Nutzung von Archiv und Bibliothek hatte sie sich einen Arbeitsnachweis für wissenschaftliche Zwecke besorgen müssen. Das war umständlich, allerdings auch unvermeidlich. Sie hatte sich von dem Mantra der anderen überzeugen lassen: Das letzte Wort hat immer das Archiv. Da sie mit ihrer Arbeit einigermaßen vorangekommen war, hatte die Obrigkeit keine Einwände gegen ihren Besuch. Ihr Interesse galt seinerzeit zeitgenössischen Theorien des Faschismus, präziser: der Theorie, in der Einzahl wohlgemerkt. Den Platz im Lesesaal zog sie allen anderen vor, obgleich von den Angestellten dort kaum Hilfe zu erwarten war. Meist gehörten sie zu den strikten Verfechtern der Manier, Hinweise auf Vorschriften sogleich mit einer Drohung im Falle der Nichtbefolgung zu verbinden. Sie war in diesem Land weiter verbreitet als anderswo. Das Gebäude hob sich durch einen imposanten, von Säulen umgebenen Eingang von den anderen ab. Der Weg in den Lesesaal führte durch einen hallenden Saal mit Mosaikboden. Am rechten Rand war eine Loge platziert, aus der die Augen der beiden Pförtner wachsam spähten. Hatte man sie passiert, durfte man die Freitreppe emporschreiten. Sie schwang sich in den zweiten Stock, den eine Galerie von Fenstern umlief. Das einfallende Licht verlieh dem Entrée einen hellen Schimmer, den die dahinter liegenden Archivräume nicht einzulösen vermochten.
Sie steigt herab und setzt sich wieder hin, in der einen Hand den Band, in der anderen die Zeichnung mit dem Papierbündel. Auf dem Stuhl balancierend kann sie der Vergangenheit nicht nachdenken. Nicht weit von Paulas damaliger Wohnung hatte das Gebäude gelegen, in einem der alten Viertel der Hauptstadt. Auf dem Weg dorthin brachte sie den Jüngsten in den Kindergarten. Die Straße führte vorbei am abgeplatzten Stuck der Fassaden, von einstiger Pracht zeugend, vorbei an den schiefen Toren, die in unzählige Hinterhöfe führten, vorbei an Kohlenhaufen im Winter und geduldig gezogenen Sonnenblumen auf staubiger Erde im Sommer. Bereits damals begann es in der Zeit zwischen Juni und Oktober heißer zu werden. Aber noch schien ihnen dieser Umstand das geringste ihrer Probleme zu sein. Sie aber wollte es schon damals genau wissen, unsere Paula, der wir aus einem anderen Jahrhundert kommend in diese Jahre folgen. Sie hatte sich vorgenommen, nicht an der Oberfläche zu bleiben. Sie suchte in einer Tiefe, die sie selbst herstellte, noch ohne es zu wissen. Allerdings hatte sie bereits Bekanntschaft mit der Erfahrung gemacht, dass dieses Schürfen und Aufwühlen den Erfolg der Arbeit auch gefährden konnte. Es schien eine richtige Tiefe zu geben, deren Wurzeln in eine korrekte Vergangenheit hineinreichten. Und es schien eine falsche Tiefe zu geben – eine, deren Keime ins Licht verkehrter Schlussfolgerungen austrieben. Wenn ihr zu dieser Zeit jemand gesagt hätte – oder vielleicht hätte sie es auch nur irgendwo gelesen, zum Beispiel in einem dieser Bücher, die so entfernt von den anderen standen –, dass es so viele Vergangenheiten gibt wie Erinnerungen, und dass der Zugriff darauf einem Gang in den Keller oder auch Abgrund ähnelt, sie hätte es nicht geglaubt. Lässig hätte sie abgewunken, eine ihrer dunklen Locken vor die Augen gezogen und in sich hineingelächelt. Ein solcher Gedanke war so weit von der Gegenwart entfernt wie die Regenwolken von den Baulücken zwischen den Dächern der Stadt. Noch immer legten sie Zeugnis ab vom letzten Krieg, und was ihre Keller bargen, das wollte niemand so genau wissen.
Wie gesagt, alle hatten damals mit der Gegenwart zu tun. Nur wenige Grübelnde suchten nach verschiedenen Arten von Wahrheit. Je nachdem, wer sie aussprach und je nachdem, an wen die Rede sich richtete, wechselte sie plötzlich die Farbe. Das zumindest wusste Paula genau: Das Resultat ihrer Suche nach dem, was geschehen war, war nicht der Endpunkt einer geraden Linie. Es nahm die Gestalt einer Diagonalen an. Sie war Verbindung zwischen zwei Eckpunkten, die miteinander redeten, stritten, flüsterten, überzeugen konnten oder auch nicht. Mit einem Wort, der Verlauf hing von der Position des Gegenübers ab. Noch waren Tatsachen nicht Sache der Verhandlung. Aber die Frage war schon zu damaliger Zeit, welches Kräfteverhältnis gerade herrschte.
Solche Gedanken gehen Paula durch den Kopf, die nun wieder nach der Wahrheit greift – nach einer, nach der sie hier und jetzt sucht, nur eine Handbreit von sich entfernt. Das Erinnerungsbild, das aufkommt, ist wie durch einen Schleier verdeckt. Es gibt keine Erklärung dafür ab, wie Buch und Zeichnung den Weg in dieses Regal gefunden haben. Diebstahl kann es nicht gewesen sein. Nicht in diesem Fall. Aus der Zeit im großen Saal sind an und für sich nur die blauen Bände bemerkenswert, das Werk seinerzeit verpflichtender Klassiker. Sie standen mit Sicherheit dort. Doch das hier, dieses unauffällige Bändchen … Ganz für sich allein hatte es in der Höhe des Regals gestanden, unter der geweißten Decke, umgeben von ungewohnter Leere, seitlich flankiert von einer verdorrten Pflanze. The doctor who made it rain. Raubdrucke waren das, verstaubt und vergessen, von jenseits der Grenze, die sich damals quer durch die graue Stadt zog.
Sie bildeten eine Ordnung für sich, diese Schriften, hier in diesem abgeschlossenen Land. Vermutlich waren sie nur an diesem einzigen Ort zu finden. Greifbar standen sie im Regal und Paula ergriff sie, um zu begreifen, worin ihre abtrünnige Wahrheit bestand. Denn dass es sie gab, das wusste sie bereits, obgleich auf diesem Staatsboden selbst eine Lektüre des Erfinders der talking cure verboten war. Die einzelnen Bände seiner Ausgabe, blau wie die der verpflichtenden Klassiker, blieben eingesperrt in den Giftschränken. Nur unter strengen Auflagen wurden sie für das eine oder andere Forschungsprojekt freigegeben. Psychologie galt lange Zeit als eine Pseudowissenschaft.
Schon während ihres Studiums war es Paula dennoch gelungen, einige der Bände zu besorgen. Wozu sonst war sie in der Ausleihe tätig gewesen, hatte sich gelangweilt dort, mit unordentlichen Nutzern herumgeschlagen, den Blick aus den hellen Augen unter dem damals noch rabenschwarzen Pferdeschwanz streng über die Theke gerichtet. Einmal war sie beim Nachprüfen von Signaturen in den hintersten Teil des alten Bibliothekstraktes geraten, den der Krieg noch übrig gelassen hatte. Die Bilder von zerfallenden Folianten verfolgten sie eine Weile. Zeilen über Zeilen, deren Sinn niemand mehr zu erschließen vermochte. Wie lange das her ist, dachte Paula bei sich, dass wir unsere Lektüren mit den Wissensbeständen in den Köpfen der Freunde abglichen, in Gesprächen, die Tage und Nächte füllten. Jetzt steht sie vor der Schrift eines abtrünnigen Jüngers des Erfinders der Psychoanalyse. Ausgerechnet von dem Ort muss sie herkommen, den einst die Hüter der Orthodoxie streng bewachten. Sie liest auf dem Titelblatt Massenpsychologie des Faschismus. Dann steigt sie noch einmal nach oben, ach ja, da stehen auch die Charakteranalyse und Die Funktion des Orgasmus. Seltsam, das muss sie später angeschafft haben. Auch die Erinnerungen einer Mitarbeiterin aus der Reihe Geist und Psyche stehen daneben. Noch in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts waren die Rollen der Assistentin und der Ehefrau kaum voneinander zu unterscheiden. Zumindest das hat sich inzwischen geändert.
Da dringt ein Windstoß durch das offene Fenster, zusammen mit einer Bewegung, die seltsamerweise hinter ihr aus dem Raum zu kommen scheint. Er wirbelt die Seiten auf, die hinter ihr auf dem Boden liegen. In einer diagonalen Drehbewegung flattern sie wieder herunter, wie Baumsamen, die sich zur Erde drehen. Frische Luft dringt in den Raum, den sie doch ordnen wollte. Die Weltordnung liegt nicht in Paulas Macht. So beschränkt sie sich darauf, von ihrer unsicheren Warte wieder herabzusteigen, gleichsam aus den Wolken – eine Option, die beste aller ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, im Hier und Jetzt unter den gegenwärtigen Bedingungen.
Sie legt die Broschüren mit dem vertrauten Namen auf einen gesonderten Stapel und hebt die Blätter vom blanken Holzboden wieder auf. Sie setzt sich daneben und faltet das Ganze auseinander. Sie sieht auf die Konturen der Zeichnung, deren Zweck immer noch unerfindlich bleibt. Es scheint die Konstruktion einer Maschine zu sein. Mehrere lange Röhren kann sie erkennen, die in den Himmel ragen. Wolken sind eingezeichnet, erstaunlich dilettantisch, im Gegensatz zu der kompliziert anmutenden Gerätschaft. Die weiteren Blätter sind mit Zahlenangaben versehen, deren Ziffern sich in Form einer Liste über die Seiten erstrecken. Die Apparatur mutet anachronistisch an. Ihre Bestandteile sind auf eine Art Drehscheibe montiert. Das lässt auf eine Mechanik schließen, die einen Antrieb braucht. Verschiedene Röhren aus Metall sind mit einer Art Kabel untereinander verbunden. Die Striche wurden offenbar mit Bleistift in Eile skizziert. Zugleich erscheinen sie energisch aufs Blatt geworfen. Paula schüttelt verwirrt den Kopf. Haarsträhnen fliegen ihr ins Gesicht. Da ist sie nun alt und weise geworden und kann ein solch banales Rätsel nicht lösen. Etwas anarchisch sieht das Ganze schon aus. Sie nimmt einen der beiseitegelegten Bände in die Hand und beginnt zu blättern. Vielleicht ist die Lösung ja hier zu finden? Aber schon nach kurzer Zeit gibt sie die Hoffnung wieder auf. Das kann der Weg nicht sein. Die Wahrheit liegt nicht in den Büchern, nicht in diesem Fall. Hier hat die Zukunft einen Anker ausgeworfen. Aber den kann sie zwischen den Zeilen noch nicht erkennen.
Sie wirft das Papier in eine der beiden Kisten und damit nimmt die Geschichte ihren Lauf.
Und so müssen wir uns zunächst an Paula halten und weitersehen, wo sie bleibt, denn nun …
… steht sie plötzlich auf, kneift die Augen zusammen, die müde geworden sind, und streicht die Haare zurück. Für heute hat sie genug vom Sortieren. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste. Sie klopft den Staub von den Händen, wäscht die Finger unter kaltem Wasserstrahl und tritt ans Fenster, um auf die Straße hinabzusehen. Wieder so ein warmer, trockener Tag heute, obgleich es bereits Anfang November ist. Genauer gesagt haben wir heute den 9. November 2036. Das Sortieren hat sie zum Durchstreifen vergangener Zeiten verführt. Fast ein halbes Jahrhundert ist die Öffnung der Grenze nun her. Massive Mauern waren es allerdings nur in der Hauptstadt, in der sie einst gelebt und gearbeitet hatte. Anderen Ortes durchschnitten Zäune die Landschaft. Später nahmen sie die Form eines grünen Bandes an, aus der Vogelperspektive gut zu erkennen. In diese Gegend war sie hineingeboren – die Aussicht unterbrochen von hoch aufragenden Grenztürmen, einige nun zu Museen geworden. Der Erhalt des Grüngürtels, in dem jetzt Wildpflanzen gediehen, war ihr seinerzeit wichtig gewesen. Sie hatte dabei ein Haus vor Augen, das sie seit ihrer Kindheit kannte.
Es war das letzte vor den Grenzanlagen gewesen, seitlich flankiert von einem rot-weißen Schlagbaum. Der üppige Garten lag einige Meter von der Baracke der Grenzer entfernt. Sie kamen nur selten heraus und agierten lieber im Verborgenen. Nur gelegentlich fuhr ein Auto diese Straße entlang, und wenn, dann war es ein militärisches Fahrzeug. Jetzt war die Straße frei passierbar. Damals aber kam am Rand der vertrauten Welt kaum ein Vorübergehender auf die Idee, nach einem Durchgang zu fragen. Trotz der verordneten Enge aber spannte sich der Himmel weit und sehr blau über dieser Landschaft auf. Wegen des nahen Gebirges zogen die Wolken am Horizont besonders rasch.
Das grüne Band erwies sich als die beste aller Optionen für diesen besonderen Ort. Unvermittelt und unerwartet war der Bruch der Zeit über dieses Fleckchen Erde gekommen. Paula wünscht sich plötzlich, es gäbe so einen blühenden Wildwuchs wie dort auch in ihrer Nähe. Der letzte Sommer war heiß gewesen – so heiß, dass der Asphalt auf der Straße vor ihrem Haus Blasen geworfen hatte. Das hatte sie in Panik versetzt. Die Verkehrswege konnten erst im Frühherbst wieder repariert werden, als die Temperaturen zurückgegangen waren. Die Bäume, von denen ohnehin nur wenige von ihrem Fenster aus zu sehen sind, warfen ihre Blätter in diesem Jahr schon im Juli ab. Und obgleich ihr Viertel einige ausgedehnte Parkanlagen aufweist, bläst der Wind nun das ganze Jahr über seine Staubfontänen durch das Straßengewirr der Innenstadt. Mit Physik und Botanik kannst du nicht verhandeln, denkt sie, während sie den Blick vom Fenster zurück ins Zimmer wendet. Der Gedanke führt sie zu der aufgefundenen Zeichnung zurück. Aber noch versteht sie nicht recht warum und wozu. Sie schaltet das Fernsehgerät an. Es ist alt und erstaunlich klein. Die meisten Haushalte besitzen inzwischen Geräte, die über die Zimmerwände reichen. Daneben aber liegt ein nagelneues Melofon.
Der Duktus der allabendlichen Katastrophenmeldungen stößt sie hinein in den Geist des Widerspruchs. Immerhin gab es in den letzten Monaten auch einige Neuanpflanzungen. Das Braun der Nadelwälder hatte sich in den letzten Jahren so weit ausgedehnt, dass die Hoffnung auf Selbstregulierung in Ignoranz umgeschlagen war. Das galt selbst noch für den stumpfesten Waldmenschen. Längst hatte die Dürre nun auch die großen Städte erreicht. Für alle greifbar war der Verlust an natürlichen Ressourcen. Die Nachrichten boten Wortgeklingel, kaum jemand hörte noch darauf. In welchem der Bände an der Wand, zu der sie nun wieder hinüberblickt, steht, was zu tun ist? Die Selbstgefährdung hält weder die Bewohner noch die Verwalter des Planeten davon ab, zu tun, was sie für richtig halten – und vor allem, was Bequemlichkeit verspricht. Aber Pathos ist nicht Paulas Ding. Inzwischen konnte das alles jeder wissen. Aber Kenntnisnahme war das eine. Handeln war eine ganz andere Sache. Jeder Vorschlag, der sich wellenartig in der aufgeschreckten Öffentlichkeit ausbreitete, hatte inzwischen seine eigenen Helden – meist gelenkt und ins Aufgeregte gesteigert von denjenigen, die ein ökonomisches Interesse daran hatten. Nicht nur Paula ist sich dessen bewusst.
Wahrscheinlich muss sie deshalb heute so viel an frühere Zeiten denken. Damals hatte Engagement noch etwas bewirkt. Wobei, seinerzeit schon vermochte Idealismus an den Rand der Provokation zu treiben. Aus ihm konnten fast zynisch zu nennende Haltungen hervorgehen. Meist merkte man es erst, wenn Freunde vorsichtig auf Distanz gingen. In den Debatten, wie sie vor der Wendezeit üblich waren, wären nur wenige damit einverstanden gewesen, Autos aus den Innenstädten zu verbannen. Zu groß war die Sehnsucht nach Erweiterung von Mobilität und Konsum. Kaum jemand hätte akzeptiert, dass die Fahrzeuge an den Rand der großen und mittleren Städte gehörten, um wieder atmen zu können. Nun aber reist auch sie bevorzugt mit der Bahn oder sie leiht sich einen Wagen, den sie mit anderen Nutzern teilt. Das Gemeineigentum an natürlichen Ressourcen ist der einzige soziale Kitt, der etwas bewirkt. Schwindet er, spaltet sich die Gesellschaft weiter. Sie hat durchgesetzt, dass das Haus, in dem sie wohnt, sich an der Begrünungsaktion für Wände und Dächer beteiligt. Mit anderen zusammen hat sie einen Garten angelegt, mitten in der Stadt. Nur fehlt es jetzt leider oft an Wasser für ihre Pflanzen. Sie hat sogar eingesehen, die Reste des Waldes, als bedrucktes Papier an den Wänden ihrer Wohnung angehäuft, anderen Zwecken zuzuführen. Sie gehören wieder in den Umlauf gebracht. Eine Kiste für das Institut, eine für den Verein.
Paula erinnert sich noch an Zeiten, in denen Begrünungsaktionen unter dem Motto standen: Schöner unsere Städte und Gemeinden. Anfangs pflanzte das Misstrauen in ihr ein. Dann machte sie sich kundig. Das war so ihre Art. Jetzt bringt sie den Begriff des Anthropozäns den Kindern ihrer Kinder bei. Sie glauben, alles anders machen zu können. Sie aber weiß: Die Weichen sind gestellt. Als sie noch in der Hauptstadt lebte, war man aus dem eigenen Kiez nur selten herausgekommen. Die meisten waren sich selbst genug. Oder sie waren einfach zu erschöpft, sich um fernliegende Dinge zu kümmern. Ganz besonders hatte das für das Viertel am Prenzlauer Berg gegolten. Sie hatte es geliebt: Seine verfallenen Hinterhöfe, seine Fassaden, deren einst prächtige Ornamente nun Farbsymphonien aus Schiefergrau und Schwefelgelb bildeten. Manchmal, am frühen Morgen, leuchteten sie purpurrot auf. Sie kannte die blassen Bewohner, die aus dunklen Kellerwohnungen emporstiegen oder aus finsteren Toreingängen kamen; die hellgelben Bahnen, in die sie stiegen, um zur Arbeit in alle Richtungen zu fahren. Den Bäckerladen gegenüber ihrer Wohnung, der in den dunklen Wintermonaten mit seinen warmen Schrippen in der Ablage leuchtete, betrat sie gern. Die dunklen wurden Schusterjungen genannt. Das alles lag nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt, nicht weit von den prächtigen Theatern, den ausgedehnten Alleen und den kleinen Parks, deren Schwimmbäder im Sommer öffentlich zugänglich waren. Damals hatte es wenig Bedarf für Ortswechsel gegeben. Wenn sie das Epizentrum ihrer Existenz verließ, geschah das meist im Hochsommer, um Ausflüge mit den Kindern zu machen, an die Seen der Umgebung. Gelegentlich unternahmen sie Streifzüge durch die Dörfer. Dort war man unter Leuten und doch einander ähnlich. Das Haus, in dem sie wohnten, lag an einer der langen Ausfallstraßen. Wie Trassen führten sie aus der Stadt heraus. Wer sie besuchte, musste in die Beletage und benutzte dafür den geräumigen Treppenaufgang. Gerne wurde der Stuck an der Decke bewundert, mit all seinen Figuren und Arabesken. Wichtiger aber war es, aufmerksam auf die ausgetretenen Stufen hinunterzusehen. Sie waren jeweils bedeckt von einem Streifen Linoleum. Er hatte eine unbestimmte Farbe angenommen und man stolperte leicht über ihn.
Paula liebte das geräumige Wohnzimmer und den Erker mit dem Fenster zum Hof. Dort konnte sie abends sitzen und noch etwas lesen, wenn sie dazu kam. Hob sie den Blick, sah sie in den ersten von drei Höfen. Sie taten sich nacheinander auf und wurden immer kleiner und dunkler. Der erste Hof bot geräumigen Platz für Fahrräder und ausrangierte Kinderwagen; in Winter auch für Kohlenhaufen, die vor der Treppe zum Keller gelagert wurden. Der zweite Hof hatte zu früherer Zeit Werkstätten umfasst, deren Türen nun mit Brettern vernagelt waren. Der dritte Hof schien in weit zurückliegenden Zeiten dem Personal vorbehalten gewesen zu sein. Manchmal, wenn Paula nach unten blickte, sah sie es noch hindurcheilen, weibliche Angestellte, schwarz und weiß gewandet, blasse Gesichter, die Schürze umgebunden und mit gestärktem Kragen und Häubchen geschmückt. Die Handwerker aus dem zweiten Hof sahen ihnen hinterher. Die Hände in den Taschen des Blaumanns, beäugten sie misstrauisch die Kutscher der Kohlewagen, die ihre Fracht entluden. Ihre Häupter waren von Thälmannmützen gekrönt. Licht fiel von gegenüber ein. Kurz vor dem Ende des letzten Krieges sprengte eine Bombe die oberen Etagen des Nebenhauses. Die Frauen hatten sich mit den Kindern durch den Gang im Keller bis zum Bunker geflüchtet, hoffentlich. Er lag im Volkspark Friedrichshain. Zu Paulas Zeiten wurde der Berg mit dem gesprengten Bunker Mont Klamott genannt. Es gab ein Lied darüber, das sie in die Hauptstadt gelockt hatte. Ihre Wohnung hatte zwei Eingänge. Durch die Flügeltüren des vorderen waren einstmals die Herrschaften geschritten. Durch den hinteren erhielt man Zutritt zu Küche, Kammer und Kinderzimmer, getrennt von der Welt der anderen durch einen langen schmalen Flur. Im vorderen Teil der Wohnung rankten sich aufwändige florale Muster an den Zimmerdecken entlang. Im hinteren Teil waren die Böden schief. Jeder Gang in den Keller atmete Moder. Er ließ Tod und Verderben spüren. Neben einigen Verschlägen hingen noch Schilder mit der Aufschrift »Zum Durchbruch«. Ein roter Pfeil wies in Richtung Nachbarhaus. Nur dort ging es zum Bunker. Die Schrift in schwarzen Sütterlin-Buchstaben war ordentlich aufgemalt und noch immer deutlich lesbar.
Verließ sie das Haus gelegentlich an Abenden, stand sie in zwanzig Minuten vor der Volksbühne und in einer dreiviertel Stunde war sie am Deutschen Theater. Nicht einmal halb so lange dauerte es bis ins Foyer des Berliner Ensembles. Von dessen Tür aus folgte der Weg im Schneegestöber des letzten Winters dem nächtlichen Lauf der Spree.
Wie immer war der Schnee unerwartet gekommen. Regelmäßig brachte er den Verkehr des Landes zum Erliegen. Sie hatte vor dem Theatereingang auf die anderen gewartet. Rasch war man an der Tür der Möwe angelangt. Zu jener Zeit, kurz vor dem Untergang des Landes, galt das Lokal als Treffpunkt jener, die es wissen wollten. Uneingeweihte durften den heiligen Raum nicht betreten. Selbst ältere Kollegen aus dem Institut hatten erst ein Wörtchen mit dem Türsteher zu wechseln. Von den geflüsterten Sätzen war in den Atemzügen des Wortwechsels kaum etwas zu vernehmen. Kondensationsspuren bildeten sich wie Buchstaben in der frostigen Umgebung ab. Der Türsteher stand stumm wie eine afrikanische Statue da und trat zur Seite, ohne das maskenhafte Gesicht zu wenden. Sie schlüpfte gleichsam unter dem Schutz seines Armes hinein, der hinter der Glastür den dunkelroten Wärmevorhang zur Seite raffte.
War man drinnen, schienen alle sich untereinander zu kennen. Man war in den Kreis aufgenommen und durfte sich schließlich zu Füßen des Dramatikers niederlassen – dem Mann von Weltruf, der das Land nicht verlassen hatte. Er hielt dem Ländchen die Treue oder kehrte jedenfalls immer wieder dorthin zurück, um die Grenzen auf andere Weise zu sprengen. Er saß, nein, er residierte in Paulas Erinnerung stets auf einem Stuhl in der linken Ecke, der aus der Entfernung betrachtet einem Thron nicht unähnlich war. Immer wenn sie hinsah, hielt er seine Zigarre hoch empor, um damit zu gestikulieren. Paula war fest überzeugt, diese Geste schon einmal auf Fotos gesehen zu haben, die den Gründer des Berliner Ensembles zeigten. Der Duft der Zigarre verstärkte den Dunst im Raum. Er durchzog die schneefeuchten Mäntel und aromatisierte die Luft. Abgerissene Wortfetzen erreichten das zugeneigte Ohr. Für die Enträtselung des Sinns brauchte man noch den Heimweg. Gegen Mitternacht führte er an der düsteren Hausfront eines fast unbewohnten Schwesternheims der Charité entlang. Das Gehörte setzte sich zu apokalyptischen Visionen zusammen. Sie überspannten zukünftige Tage wie der Stoff der Vorhänge die bis in die kleinste Ritze abgedichteten Fenster.
Das Faszinosum solcher und ähnlicher Begegnungen war jedoch nicht der springende Punkt beim Tausch der Neubauwohnung gewesen, die Paula einige Jahre zuvor mit ihrer Familie bewohnt hatte. Der Block, zu dem sie gehörte, stand weit draußen an der östlichen Peripherie der Hauptstadt. Er war Teil eines neuen Wohnviertels, auf grüner Wiese errichtet. Im Vergleich zu der alten Bruchbude, wie der Mann an Paulas Seite das Objekt ihrer Begierde gerne nannte, war das an und für sich luxuriös. Es war die Nähe zum Stadtzentrum, die sie reizte. Er murrte, aber werkelte ihr zuliebe ein volles Jahr. Er brachte die Wohnung auf Vordermann; so nannte man das damals. Wissen wollte Paula, ob all die Geschichten stimmten, die sich um das dort ansässige Künstlervolk rankten. Zwar waren die Stierblutjahre längst vorüber, wie später die Siebzigerjahre getauft wurden. Rosenthaler Kadarka, die flüssige Basis ausufernder Gesprächskreise, gab es inzwischen in jedem Konsum zu kaufen. Dunkle Schrippen bekam man für wenige Groschen über die Ladentheke gereicht. Paula nahm sie mit zu den Festen des Wortes. Sie schotteten sich ab von der Öffentlichkeit. Jeder frei geäußerte Gedanke war verboten. So trafen sie sich in abgedunkelten Räumen unter den hohen Decken. Nicht selten bröckelte über ihnen der Putz. Niemand stieß sich daran. Man zog die handgenähten Vorhänge zu und vermeinte, unter sich zu sein.
Im Schatten des Hügels, Berg genannt, versammelte sich seinerzeit, wer sich der Macht des Wortes zugehörig fühlte. Semiöffentlich wurde der Sinn hohler Phrasen in seine klingenden Bestandteile zerlegt. Anarchisch hörte sich das an. Es schienen ebenso unerlaubte wie unerhörte Töne zu sein. Die Szene war durchdrungen vom Verrat – das konnte erahnen, wer wollte. Aber damals wollte das eigentlich niemand so genau wissen. Die Zerstörung überkommenen Sinns war lustbesetzt. Gefeiert wurde die Arroganz der Ohnmacht. Gefragt war das Abheben vom Alltäglichen. Das Streben nach Macht galt als überlebt. Die Mächtigen glaubte man zu ignorieren. Paula trank mit den anderen auf die Schönheit, die Vergeblichkeit und Vergänglichkeit des irdischen Seins. Wo sie nur konnte, stürzte sie sich in die wortgewaltigen Auftritte. Das Wort Performance gab es in den verrauchten Kneipen noch nicht. Aber die Form der Energie war schon da. Die Wortanarchisten in den Hinterhöfen balancierten auf wackligen Stühlen, am Rand der Sinnhaftigkeit. Sie mied die abgeschiedenen Zirkel, in denen Flugschriften auf illegalen Druckmaschinen hergestellt wurden. Sie zog sich zurück auf das Terrain der Literatur. Vom Treiben der politischen Opposition erfuhr man am besten beim Zusammenrücken auf alten Kirchenbänken. Dorthin zog es sie nicht. Dennoch erfuhr sie von geheimnisvollen Verlagsgründungen, die mit der Umkehr der Wortfolgen experimentierten. Galrev, flüsterte jemand neben ihr. Neigte sich das Ohr hin zu einem Mund, über dem die Augen Vertrauen verhießen, konnte man vieles in Erfahrung bringen. Poet’s corner, ja, das war zu jener Zeit, als der Name noch nicht für Literaturfestivals und Lektüremarathons stand. Die Bewegung war Vorbote des Sommers, der die Freiheit versprach. Poetische Texte und Manifeste fanden sich an allen Ecken und Enden. Sie hingen nicht als Plakate an Häuserwänden. Sie waren nicht in Form von Graffiti sichtbar. Sie wurden nicht im virtuellen Raum verbreitet. Sie versteckten sich in den Köpfen. Sie ließen die Gedanken nicht mehr los. Noch war die literarische Szene nicht desavouiert durch den Verrat derjenigen, die viele Kontakte in den Westen geknüpft hatten. Noch hatte sich ihr Popstar nicht als erfolgreichster Informant erwiesen. Noch war er nicht in einem Roman unter seinem eigenen Namen den Voraussetzungen des Verrats nachgegangen. Weil die großen Säle des Landes mit Büchern gefüllt waren, deren Wissen der Öffentlichkeit verwehrt blieb, verschaffte sich die Literatur Stimme und Geltung in Privaträumen. Bis zur Einlösung ihrer Wirkung genügte man sich selbst. Doch Anarchie ist kein Dauerzustand. Darin liegt der Reiz ungeordneter Zustände.
Das Risiko, zu scheitern, erwies sich allerdings in der um sich kreisenden Mitte des Landes als nicht unbeträchtlich. Die Verweigerung von Chancen schien dabei nur eine Ausflucht zu sein. Es galt, sich in die aufflammende Bewegung zu stürzen, den frischen Wind einzuatmen, der die Buchstaben durcheinanderwirbelte und die Zeilen miteinander tanzen ließ; der schließlich zum Sturm anwuchs, zum Orkan wurde, um alles bisher Gedachte hinwegzufegen. Er bestimmte den Gang der Ereignisse, für einen kurzen Spalt im Kontinuum der Zeit. Für einen Wimpernschlag befand man sich zwischen zwei Ordnungen. Es dauerte wenige Wochen, in denen nicht das Chaos ausbrach, sondern Lust und Kreativität. Der Sturm flaute ab zu einem lauen Lüftchen. Danach wollte niemand mehr wissen, woher der Wind gekommen war. Als das Unwetter losbrach, mit Enthüllungen im führenden Meinungsjargon, war Paula bereits außerhalb des Landes. In Cambridge weilte sie, wovon sie später gerne erzählte. Ein Stipendium hatte sie dahin verschlagen. Dort legte ein britischer Kollege ihr eine druckfrische Wochenzeitung ins Zimmer, im International House. Sie erinnert sich noch heute an den Blick, an die hochgezogenen Augenbrauen und die betretene Miene:
Sieh her, was aus euch geworden ist. Alles voller Verrat.
»Verrat ist das richtige Wort.« Das schrieb der Doppeldichter später auf. Er sah sich gezwungen, den Komplex aus Textorgien und Anarchie, das Konglomerat von Ordnung und Gegenordnung noch einmal zu rekonstruieren. Kaum eine Leserschaft konnte danach mit den Namen auf den Buchdeckeln der schmalen Bände noch etwas anfangen. Nur die Freundschaften erwiesen sich von Dauer. Damals muss Paula auch Carla begegnet sein. Über alles andere ging der Literaturbetrieb hinweg. Manche Bände standen noch eine Weile in den Regalen. Andere verschwanden, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Noch andere, die rechtzeitig den Absprung geschafft hatten, taten unentwegt groß. Die feste Sinngebung, sie schloss sich wieder über den tanzenden Buchstaben. Für die visuelle Poesie, aufwändig gestaltet, war die Arbeit getan. In den Kiez rückten nach und nach die gutbetuchten Kinder einer westlicher angesiedelten Durchgangs-Boheme. In den Straßen hörte man öfter Schwäbisch als Berlinerisch. Der Sound der Gegend veränderte sich bis zur Unkenntlichkeit. Zwar trug das Viertel noch immer denselben Namen. Zwar ragten die Häuser ebenso hoch empor, waren die Höfe ebenso tief gegliedert, wurden die Fassaden renoviert oder sich selbst überlassen. Eigentumsansprüche waren zu klären. Doch wer hier einst sesshaft geworden war, wurde ausgetauscht. Oder sie tauschten sich selbst um, die Bewohner, in eine ihnen vorläufig noch unbekannte Währung. Der Austausch ging in aller Stille vor sich, gelegentlich mit Hilfe brennender Dachstühle befördert. Sie halfen den Spekulanten, die Geschwindigkeit der Sanierungen zu erhöhen. Die einen zogen fort. Andere zogen hin. C’est la vie. Schließlich hatte der Druck der neuen Lebensumstände auch Paula und ihre Familie vertrieben. Sie zog um, tränenreich. Aber wollen wir das wirklich wissen? Andere rückten nach. Andere Kinder spielten auf den Plätzen. Andere Klänge, andere Gesänge. Die Nachrückenden taten ihr ein wenig leid, bei ihren späteren Besuchen. Keines der Spottlieder kannten sie, die auf sie gesungen worden waren – in den Zeiten der Anarchie, der Freiheit und des Verrats nach allen Seiten.
So viel zu Paulas Bücherliebe und ihrer Verwurzelung. Nun aber beschließt sie, dass es erst einmal gut sein muss mit all dem Vergangenen. Sie will in die Gegenwart zurück. Dazu ruft sie am besten Carla an: »Hallo, wie geht es dir, meine Liebe, was macht das Leben?« »Ist immer noch da«, kommt die Antwort von der anderen Seite, sehr rasch. »Was machst du gerade?« »Ich sehe der Zeit beim Vorübergehen zu, und denke hinter ihr her. Ausnahmsweise. Das habe ich so gelernt. Du weißt, von wem.«
An dieser Stelle lächeln beide, ohne einander dabei zu sehen. Paula beschließt, noch einen Tag in die Ordnung der Dinge zu investieren. Sie weiß, dass Carlas Leichtigkeit ansteckend ist, und das braucht sie jetzt. Noch immer hat sie keine Entscheidung bezüglich ihres Fundes getroffen. Sie muss von der Hand eines Autors stammen, an den sie lange nicht gedacht hat. Das sollte sie jetzt aber tun. Ihre Erinnerungen müssen sich zusammenfügen zu einer möglichen Zukunft, …
… die sich auf eine gewisse Art und Weise, die sie noch nicht kennt, an den Zug der Wolken knüpft. Diese Ahnung jedenfalls überwältigt sie, als sie am nächsten Morgen aus dem Fenster schaut, mitten in eine dichte Staubwolke hinein. Dabei befindet sich ihre Wohnung im zweiten Stock. Aber von der Straße ist kaum etwas zu sehen. Die Situation ist nur als kafkaesk zu beschreiben. Mit anderen Worten: Sie wirkt sich auf eine kaum zu ergründende Weise bedrohlich aus. Diesen Alptraum will sie nicht schon am Morgen über sich kommen lassen. Sie wendet sich wieder den Regalen zu. Zugleich erinnert sie sich daran, dass dies der letzte Tag ist, an dem sie Ordnung schaffen wird. Sichtung des angesammelten Wissens. Schauen, was davon übrig bleibt. Eine Kiste für den Verein, eine Kiste für das Institut.
Zur Abwechslung beginnt sie in der Mitte, beim Buchstaben K. Ein gelbschwarzer Band fällt ihr in die Hände. Der Umschlag ist gemustert wie ein Insekt: Kafkas Erzählungen. Ausgerechnet jetzt. Es ist das einzige Buch, das sie jemals gestohlen hat. Bei nachgeschobener Betrachtung bestand das Delikt vor allem in dem fehlenden Entschluss, es zurückzugeben. Dafür war nach einer Weile eine ordentliche Leihgebühr fällig gewesen. Sie sieht noch die weißen Karten vor sich, mahnend auf dem Küchentisch, wenn sie aus der Schule nach Hause kam. Gelegentlich schwang die Hand der Mutter damit in ihre Richtung: Sieh her, was deine Leserei schon wieder angerichtet hat. Eine Weile noch lagen sie sogar auf dem winzigen Tisch im Zimmer des Lehrlingswohnheims. Es befand sich am östlichen Rand der Universitätsstadt, in die sie inzwischen gezogen war. Gegenüber erhob sich ein Doppelstockbett, je ein Stuhl stand rechts und links. Ein hoher Schrank stand neben der Tür, keinen Meter breit. Die beiden Mädchen, die den Raum bewohnten, fühlten sich reich in diesem Interieur. Paula beglich die Summe, die sich angehäuft hatte, schließlich von ihrem Lehrlingsentgelt. Da war endlich Ruhe – auch an dieser Front, die sie zurückgelassen hatte.
Sie hat nun genug Bände aus dem Regal gezogen und atmet tief durch. Die Luft ist trocken und schmeckt nach Staub. Es fällt ihr nicht leicht, diese Ordnung zu zerstören. Ihr Zweck mag der Vergangenheit angehören, doch liegt der Reiz darin, eine gewisse Zuverlässigkeit zu bieten. Darüber ist sich Paula im Klaren. Sie geht zum Fenster zurück, um es zu schließen. Dabei streift sie fast die beiden Figuren, die ihr einst der Colonel geschenkt hat. Türhüter stellen sie dar, sagte er zu ihr. Es sind die Hüter des Hauses und der Zukunft. Sie ist immer unfertig und muss daher gedacht werden. Von hier aus betrachtet, erscheinen die gesammelten Schätze der Bibliothek lediglich ein Muster aus Papier und Farbe zu sein. Es folgt einem geheimen Prinzip, das dem Zufall geschuldet sein muss – oder Entscheidungen, die sich nach anderen Regeln als der Buchkunst ausrichten.
Sie tritt wieder heran. In der Welt der Bücher steht der Buchstabe K recht weit unten. Diese Ordnung scheint Paula plötzlich unverbrüchlich zu sein. Zumindest hat das jene Zeit suggeriert, in der ein Großteil der Bände gekauft, geschenkt, gelesen, mit Notizen versehen, eingeordnet, wieder herausgenommen und weitergegeben worden war. Aussortiert und weggeworfen wurde nichts zu dieser Zeit. Sie hebt den schweren Band an und schaut auf die Lücke, die er hinterlässt. Dabei ignoriert sie das leise Beben, das von den beiden Figuren hinter ihr zu kommen scheint. Trotz des geschlossenen Fensters hat der Staub von der Straße seinen Weg in ihre Wohnung gefunden. Darum wird sie sich später kümmern. Der Blick auf die Leerstelle verstärkt den Gang zurück. Zuerst hatten Kafkas Erzählungen in einer Reihe von Büchern gestanden, die noch auf zwei lackierte Bretter passten. Sie hingen über ihrem schmalen Bett. Tagsüber wurde es zusammengeklappt und an die Wand geschoben. So blieb ein schmaler Durchgang im Zimmer. Später gehörte es zu den wenigen Büchern im Wohnheim. Dann stand es in der ersten gemeinsamen Wohnung in Jena, dann in Berlin, dann in allen anderen Gegenden, und jetzt in der Mitte der mittleren Stadt. Die Gedankenreise führt ihr vor Augen, warum ausgerechnet dieser Band ihr heute in die Hände fällt: Sie darf weder die Vergangenheit noch die Zukunft aus den Augen verlieren. Aufschreiben, festhalten, was kommt. Mit diesem Ansinnen ist sie nicht allein. Das weiß sie aber noch nicht. Was sie weiß, ist: Man baut sich seine eigene Geschichte nur da, wo sie wachsen kann. Es muss ein Raum dafür da sein, in den das Licht einfällt. Also muss zunächst Platz dafür geschaffen werden. Das hier ist schon mal ein guter Anfang. Der Einband, den sie gerade in der Hand hält, hat eine durchsichtige Plastikhülle, wie sie in öffentlichen Bibliotheken benutzt wird. Das kostbare Gut war vor Fingern zu schützen, die Öl unter den Nägeln trugen, in der Erde gewühlt hatten oder mit Brotkrümeln behaftet waren. Gemessen an all den Jahren, in denen er zwischen den anderen gestanden hatte, erscheint ihr der Band erstaunlich intakt. Lange hat sie ihn nicht mehr beachtet. An der leichten Verfärbung der Seiten, in Vergilbung übergegangen, erweist sich die Spur der Zeit – ein chemischer Prozess, der mit dem Bindemittel Lignin in holzhaltigen Papieren zu tun hat. Jede Berührung kann zum Zerfall der Seite führen.
Sie legt den Band zur Seite, schiebt eine Haarsträhne zurück und tritt wieder in die Gegenwart ein. Sie geht aus dem Zimmer, um sich eine Tasse Tee zu machen. Was sie nicht mehr sieht, ist das Walten geheimer Kräfte. Sie wissen das Prinzip des Zufalls für sich zu nutzen. Das Zuschlagen der Tür setzt einen winzigen Staubwirbel in Gang, der sich über den Köpfen der beiden Statuen ausbreitet.
