Der Wortjongleur - Sigrun Casper - E-Book

Der Wortjongleur E-Book

Sigrun Casper

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Beschreibung

Kilian lebt mit seiner Mutter in einem Provinznest im Westdeutschland der fünfziger und sechziger Jahre. Er ist ein uneheliches Kind, ein „Bankert“. In der Schule und im Ort lässt man Mutter und Sohn deutlich spüren, was man von ihnen hält. Sie erfahren Verachtung von allen Seiten. Und dann bemerkt Kilian, dieser freundliche, überaus liebenswerte Junge, der so erstaunlich mit Sprache umgehen kann, auch noch früh, dass er schwul ist. Eines Tages macht er sich auf die Suche nach dem unbekannten Vater. Dieser Roman ist eine fiktive Biografie – aber genauso, wie hier beschrieben, könnten sich die ersten Lebensjahre und Jugend des 2013 verstorbenen Dichters Mario Wirz abgespielt haben. (Die Schriftstellerin Sigrun Casper verband eine langjährige Freundschaft mit dem Dichter.) Sigrun Casper schildert gekonnt, liebevoll und einfühlsam – manchmal zu Tränen rührend – die Enge und Kleingeistigkeit in der katholischen Provinz der Sechziger aus den Augen des kleinen Kilian, auch, wie seine Mutter versucht, ihm die Welt zu erklären, seine Ausbruchsversuche, seine Träume von einem freieren Leben und seine Suche nach dem Vater.

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Seitenzahl: 224

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Sigrun Casper

Der Wortjongleur

Roman

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

Zum Buch

Kilian lebt mit seiner Mutter in einem Provinznest im Westdeutschland der fünfziger und sechziger Jahre. Er ist ein uneheliches Kind, ein »Bankert«. In der Schule und im Ort lässt man Mutter und Sohn deutlich spüren, was man von ihnen hält. Sie erfahren Verachtung von allen Seiten.

»Der Wortjongleur« ist eine fiktive Biografie. So wie hier beschrieben, könnte sich die Kindheit des 2013 verstorbenen Dichters Mario Wirz abgespielt haben. (Die Schriftstellerin Sigrun Casper verband eine langjährige Freundschaft mit dem Dichter.)

Sigrun Casper schildert die Enge und Kleingeistigkeit in der katholischen Provinz der Sechziger aus den Augen des kleinen Kilian, eines freundlichen, liebenswerten Jungen, der so erstaunlich mit Sprache umgehen kann, seine Ausbruchsversuche, seine Träume von einem freieren Leben und seine Suche nach dem unbekannten Vater.

1 Kilian Schelk und seine Mutter Marianne

leben in Tingen, einer Kleinstadt, deren Bewohner fast alle katholisch sind. Marianne wurde neunzehnhundertfünfzehn in Tingen geboren und kam da nicht weg. Aufrecht, wie sie ist, hatte sie sich als junge Frau entschlossen, die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben aufzugeben. Ihre Tochter Miriam, das Kriegskind, musste auf Wunsch der Großmutter katholisch getauft werden. Seit dem Ende des Krieges einerseits materiell abhängig von ihrer Mutter, andererseits verpflichtet, sich um sie zu kümmern, wohnt Marianne mit Miriam und, als sie Kilian endlich bei sich haben darf, eine kurze Zeit mit beiden Kindern in der Villa bei der alten Dame, im sogenannten Bessere-Leute-Viertel. Miriam heiratete mit achtzehn Jahren, als ihr Halbbruder Kilian noch nicht vier war, einen sehr viel älteren Mann und zog mit dem nach Berlin.

Das Viertel, in dem sich die Wohlhabenden einzäunen, entstand in den dreißiger Jahren am Ufer des Sees, zu dem sich der Fluss, der an der Stadt vorbeifließt, verbreitert. Wohlhabende Leute hatten damals den Fischern ihre Wassergrundstücke für lächerliche Summen abgeschwatzt. Bauherren und Gartenarchitekten verwandelten die dörfliche Gegend am See und in dessen Nähe nach und nach in ein Reservat. Einfamilienhäuser und Villen sind von parkähnlichen Gärten umgeben, Bäume schmücken die Straßenränder. Die Wagen sind meist in Garagen untergebracht, die Yachten der Seegrundstückseigner, sobald sie nicht mehr in den Bootsschuppen am Ufer überwintern, ankern an ihren Bootsstegen. Zwei standhaft gebliebene benachbarte Fischerfamilien betreiben seit Kriegsende gemeinsam ein wegen seiner fantasievollen Fischgerichte stadtbekanntes Uferrestaurant nah der Badeanstalt.

Wie in den meisten Städten befindet sich im Zentrum Tingens der Marktplatz mit katholischer Kirche und Rathaus, die auf den Schmalseiten des Platzes einander gegenüberstehen. Für die evangelisch Gläubigen steht ein Gemeindehaus in einer Gasse hinter der Schule zur Verfügung. An den längeren Seiten des Marktplatzes sind zwischen zweigeschossigen Fachwerkhäusern das Kaufhaus, der Supermarkt, eine Arztpraxis, darunter die Apotheke, zwei Bekleidungsgeschäfte, das Schuhgeschäft, ein Schmuckgeschäft, zwei Cafés, ein Restaurant mit deutscher und italienischer Küche, das Kino und verschiedene kleine Geschäfte untergebracht, ein Wäschegeschäft, der Eisladen, der Laden für Zigaretten, Zeitungen und Lotto. Und Sigrid Hönigs Friseursalon.

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

2 An den warmen,

3 Wenn Kilian von draußen

5 Vom vierten Schultag an

6 Der Schreibtisch mit

7 Die Großmutter,

8 Auch wenn er Freunde

9 Aschenputtel huscht

10 Nach dem Abendbrot

11 Den Teddy hat Kilian

12 Kilian ist zehn Jahre alt,

13 Nach der Beerdigung,

14 Die Beerdigungsfeierlichkeit

15 Etwa zwei Monate

16 Mit Hilfe von

17 Kurz vor der Abendessenszeit,

18 Die Wohnung,

19 Sie schläft

20 Drei aus rohem Holz

21 Am ersten Tag

22 An den Rändern

23 Es sind verschiedene

24 Sie sind gerade

25 Sigrid Hönig,

26 Als der Krieg begann,

27 Sonntags

28 Am Sonnabendnachmittag,

29 Auch bei Sigrid

30 Zweieinhalb Jahre

31 In Berlin West,

32 Gegessen wird

33 So innig

34 Am nächsten Tag

35Am Sonntag

36 Sieht Kilian in der Schule

38 Das abweisende Verhalten

39 Eines Tages,

40 An einem der nächsten

41 Manchmal,

42 Nicht jede

43 Kilian und alle

44 Mitten auf

45 Der Spiegel

46 Als der Zweite Weltkrieg

47 Auf seinen Wegen

48 Kilian ist als Schüler

49 In Mathe

50 Seit Anfang

51 In der Schule

52 Er hört

53 Deutsch schriftlich

54 An einem Sonnabend

55 Niemand,

56 Die Einrichtung

57 Die Leute

58 An einem Spätnachmittag

59 Auf dem Weg

60 Nebeneinander

61 Jeder geht

62 Einige Tage später

63 Es regnet.

64 Der Zettel

65 Am Montag,

66 Vor Aufregung

67 Er hetzt los.

68 Die Schranken

69 Mu steht mit ihrem Lächeln

70 Eine Woche später

71 Am nächsten Tag

72 Am Mittwoch

73 Treppen, Gänge, Türen.

Epilog: Augenschein

Impressum

2 An den warmen,

oft allzu heißen Tagen vor der Einschulung gehen Kilian und seine Mutter wie in den Sommern davor nach dem Frühstück in die Badeanstalt, wenn sonst nichts Wichtiges erledigt werden muss. Einkaufen und saubermachen kann Marianne auch am Nachmittag. Barfuß, in ihren selbst genähten weiten Sommerhosen und kurzärmeliger, geblümter Bluse sitzt sie im Schatten eines Baumes auf der Decke, liest noch einmal Miriams letzten Brief aus Berlin und unterhält sich dann mit Frauen in Badeanzügen, die ebenfalls den Schatten suchten und auf Decken sitzen und ihre im flachen Wasser tobenden Kinder beobachten. Rechtzeitig zum Vorbereiten des Mittagessens sind Marianne und Kilian wieder zu Hause, damit die Großmutter nicht meckert.

Nach dem Mittagessen bleibt Kilian gern noch eine Weile in der Küche sitzen und sieht seiner Mu beim Abwaschen zu. Als er dabei einmal an den Vormittag in der Badeanstalt denkt – er hatte sich auf seinem roten Schwimmring mit den Händen paddelnd durchs Wasser vorwärtsgeackert, war dabei wohl eingedöst und fand sich, als er die Augen aufmachte, beinahe mitten im See ziemlich weit entfernt von den anderen, hörte ihre Stimmen wie Gezwitscher und paddelte zu ihnen zurück so schnell er nur konnte –, kommt ihm wieder in den Sinn, was ihm seit einigen Tagen aufgefallen ist. Er und seine Mu gehen, wo der Kiesweg von der Bude, wo man Eintritt bezahlt, zu Ende ist, immer in eine andere Richtung nach Hause als die anderen Mütter und deren Kinder.

Mu, warum wohnen wir in diesem großen Haus und nicht in einem Vieleleutewohnhaus in der Stadt wie die anderen?

Sie antwortet ihm mit gesenktem Kopf, ohne sich zu ihm umzudrehen, als spräche sie mit dem Abwaschwasser, und es kommt Kilian vor, als stellte sie, während sie spricht, das abgewaschene Geschirr besonders geräuschvoll neben der Spüle ab.

Der Mann deiner Großmutter, also mein Vater, war Oberkellner im einzigen Hotel in der Stadt. Als er dann Karriere machte, unter Hitler, du weißt ja, hat er das Haus für sich und seine Frau, vor allem aber zum Repräsentieren, in diesem Bessere-Leute-Viertel bauen lassen. Direkt am Seeufer, das wäre dann wohl doch zu kostspielig geworden.

Aber das hat doch bestimmt trotzdem sehr viel Geld gekostet, fragt Kilian den Rücken der Mutter, und er sieht ihren gesenkten Kopf heftig nicken.

Mein Vater hatte einen wohlhabenden Bruder. Der hat ihm mit ’ner Menge Geld unter die Arme gegriffen. Zeit und Gelegenheit zum Repräsentieren blieb dem Herrn Emporkömmling allerdings kaum, sagt sie und gluckst spöttisch auf.

Wieso blieb dem kaum Zeit?

Im Krieg geblieben, murmelt die Mutter.

Sie trocknet ihre Hände mit dem Geschirrtuch ab, setzt sich Kilian gegenüber an den Tisch und ergreift seine Hände, die aufgeregt das Trinkglas hin- und herdrehen.

Im Krieg geblieben, hat sie gesagt. Kilian sieht der Mutter in die Augen und übersetzt es sich. Krieg ist böse. Wenn im Fernseher Bilder vom Krieg gezeigt werden, schließt Mu sofort das Türchen. Er braucht das Wort Krieg nur zu hören, schon weiß er, um was es geht. Krieg ist Feind und Feind und tot machen, Menschen und Häuser. Mu und Großmutter reden manchmal vom Krieg. Mus Vater ist also da liegen geblieben, wo ihn ein Feind totgeschossen hat, irgendwo im Krieg. Wo auch sonst, wenn er den Krieg so toll fand. Davon hat sie ja schon öfter erzählt.

Aber Emporkömmling, was ist denn das?

Sie lächelt.

Mit seiner Fragerei bringt er seine Mu manchmal in Verlegenheit, das merkt Kilian daran, dass sie die Augenbrauen hochzieht und seufzt, er weiß aber auch, sie wird ihm antworten, so gut sie kann und wo sie auch gerade sind, ob jetzt hier in der Küche oder auf der Straße. Oder am Sonntag beim Spazierengehen draußen am Fluss. Wenn Mu nicht sitzt, bleibt sie stehen, nachdem er sie gefragt hat. Im Laufen, hat sie mal gesagt, kann sie nicht so gut denken. Hat sie zu Ende gedacht, geht sie weiter und sagt ihm, was ihr zum Antworten eingefallen ist. Aber jetzt sitzt sie. Also Emporkömmling.

Das ist jemand, der sich durch Schöntun, Unterwürfigkeit und Dienstbereitschaft Vorteile bei denen verschafft, die das Sagen haben.

Das Sagen haben. Kilian zieht spitze Lippen, blinzelt nachdenklich und stellt sich vor, diejenigen, die das Sagen haben, tragen es in einer Einkaufstasche oder auch in der Hosentasche gequetscht bei sich und holen es heraus, wenn sie es benutzen wollen. Kaum an der Luft, bläst es sich auf, das Sagen, und drückt die anderen Leute an die Wand. So könnte es sein mit dem Haben vom Sagen.

Aber repräsentieren, Mu, was soll denn das nun wieder sein?

Mu zieht die Augenbrauen hoch. Etwas nach außen vertreten.

Was denn?

Eine Firma, ein Volk, eine Familie.

Kilian denkt an Gisela, das lustige Mädchen, das letztens mit Olav zum See kam. Olavs Mutter war irgendwie verhindert, die kichernde Gisela hat sie also vertreten. Hat Gisela Olavs Mutter repräsentiert? Kann er sich nicht vorstellen. Er merkt, seine Mu ist noch nicht fertig mit Erklären.

Die Männer in der Regierung, auch der Bürgermeister – sie grinst –, die sollen das Volk repräsentieren, das sie gewählt hat.

Manchmal sagen ihre Mundwinkel Kilian mehr als die Worte, die sie benutzt. Was sie mit ihren Mundwinkeln und ihrem leisen Glucksen sagt, braucht gar kein Wort.

Mit repräsentieren, fährt sie fort, kann aber auch gemeint sein, dass jemand es nötig hat, seine eigene eingebildete Großartigkeit mit irgendetwas zur Schau zu stellen, was alle sehen sollen, zum Beispiel mit so einem schönen großen Haus.

Wie sie jetzt unter schief gezogenen Augenbrauen die Luft anguckt, kommt es Kilian vor, als fände sie das schon wieder ziemlich komisch, was sie ihm da beschreibt.

Aha, sagt er mit einem Lacher.

Dein Großvater, also mein Vater, der Leuten Teller mit Essen und Gläser mit Trinken vor die Nase gestellt und weggeräumt hat, der brauchte dieses Haus, damit sie alle sagen: Was für ein großartiger Herr wird das sein, der sich so eine Villa leisten kann.

Angeber, kommentiert Kilian.

Marianne nickt. Heute machen manche Leute Schulden, um sich ein dickes Auto zu kaufen. Damit kutschen sie dann durch die Stadt und lassen sich bewundern.

Alexander, sagt Kilian darauf und versucht, seine Mundwinkel zucken zu lassen wie sie ihre und in seiner Kehle so ein gegluckstes i entstehen zu lassen. Ganz bekommt er es noch nicht hin, merkt er, und wie Mu ihn jetzt anschaut, scheint sie von seinem Nachahmungsversuch nichts mitbekommen zu haben. Alexander, fährt er also fort, ein Junge in der Badeanstalt, der gibt damit an, wie viel Geld der bunte Ball gekostet hat, den er immer anschleppt. Der Ball vertritt Alexander, ha ha.

Mu lacht auch, so laut, dass sie sich für einen Moment die Hand vor den Mund hält. Als sie sich sich beide wieder halbwegs beruhigt haben, sagt Kilian: Aber es gibt ein paar Kinder, die den teuren bunten Ball toll finden und den Alexander und den Ball so komisch ansehen … so … na, wie soll ich sagen …

Meinst du vielleicht unterwürfig?

Das Wort hat Kilian doch eben schon mal gehört. Die, die das Sagen haben, brauchen Unterwürfigkeit, hat Mu gesagt. Ja, genau!, ruft er, unterwürfig! Unterwürfig fragen sie Alexander, ob er ihnen erlaubt, mit ihm zu spielen. Und er erlaubt es ihnen dann wie einer, der das Sagen hat.

Mu muss schon wieder lachen. Wenn sie lacht, könnte Kilian die ganze Welt bei den Händen fassen und in die Luft springen. Was sie mit »sogenannte bessere Leute« gemeint hat, braucht er sie nun gar nicht mehr zu fragen. Die sind nämlich in Wirklichkeit überhaupt nicht besser als andere Leute.

Die Nachkommen des Bruders können ihren Tod kaum erwarten, erklärt ihm die Mutter noch und guckt ängstlich zur angelehnten Küchentür, ob da etwa die Großmutter steht und lauscht. Aber sie legt sich ja nach dem Mittagessen immer hin. Darum ergänzt Marianne noch, damit ihr Sohn nicht weiter löchert: Der Bruder und seine Familie, die erben das alles später. Ein Wunder überhaupt, dass die Verwandten der Großmutter und mir erlaubt haben, nach dem Krieg in der heil gebliebenen Villa wohnen zu bleiben.

Das reicht Kilian nun. Hm, sagt er und nickt und rutscht vom Stuhl runter. Er will nun oben in der Spielecke an seinem Lego-Palast weiterbauen.

3 Wenn Kilian von draußen

kommend durch die schwere Eichentür den Vorraum der Villa betritt, von dem die breite Treppe abgeht, sieht von dem verschnörkelt und vergoldet gerahmten Gemälde neben der Treppe eine Frau auf ihn herab. Sie sitzt auf einem Stuhl. Sie hat keine Falten im Gesicht und ein Grübchen über jedem Nasenflügel. Ihre Locken sind dunkelbraun, sie trägt ein grünes Sommerkleid und hat nackte Arme. Die Frau ist jung, viel jünger als seine Mu. Aber die Augen, wie sie ihn ansehen, sind unverkennbar die Augen der Großmutter. Sei artig, fordert ihr Blick auf ihn. Halt den Mund!

Es gelingt Kilian nicht, so zu tun, als hinge da kein Gemälde oder nur eines mit einer Landschaft. Wie unter einem Zwang muss er hochsehen und den fordernden Blick aushalten. Der Frau etwas Freches zurufen will er nicht, höchstens: Lass mich in Ruhe, Mensch, aber er verkneift sich das, streckt dem Bild nur in Gedanken die Zunge raus, ehe er den Kopf wieder senkt. Den Mund halten und nur dann etwas sagen, wenn er darum gebeten hat, wie die Großmutter es wünscht, tut er sowieso nicht. Wenn ihm bei Tisch, wie sie sich ausdrückt, was einfällt, sagt er es oder er fragt es, sobald er den Bissen durchgekaut und geschluckt hat, und seine Mu antwortet ihm.

Die Großmutter behauptet, die Grübchen über den Nasenflügeln habe er von ihr geerbt. Auf dem Gemälde ist auf jeder Seite der Nase ein schwacher Schatten zu erkennen. Wenn er in den Spiegel schaut, fallen ihm die Grübchen manchmal auf, aber keine Schatten.

Die Großmutter ist eine strenge Dame, die selten lacht, obwohl sie sich meistens Mühe gibt, nett zu sein. Kilian spürt das Bemühen, das nicht ganz Echte in ihrem Verhalten zu ihm. Was er sagt, wie er guckt, sich bewegt, die Gabel zum Mund führt, das geht auf einmal alles nicht mehr wie von selbst, wenn sie in der Nähe ist. Als stünde ein Kontrolleur hinter ihm, der ihm Anweisungen gibt, sich so und so zu verhalten, damit sie zufrieden ist und nicht mäkelt. Halt dich gerade! Frag nicht so viel! Kleckere nicht! Lach nicht so laut!

4 Am Tag seiner Einschulung,

als Kilian, Schultüte im Arm, mit seiner Mutter von der Feier nach Hause kommt, sieht er die Großmutter direkt unter ihrem Bild in der Diele stehen. Wie ihre Augen aber jetzt zu ihm hinsehen, das hat keine Ähnlichkeit mit den Augen auf dem Bild. Mit geheimnisvollem Lächeln und gekrümmtem Zeigefinger lockt sie Mutter und Sohn, ihr zu folgen, und geht ihnen dann auf der Treppe voraus. Vor einer geschlossenen Tür im oberen Flur bleibt sie stehen, zieht mit großer Gebärde einen Schlüssel aus ihrer Rocktasche, steckt ihn ins Schlüsselloch, dreht ihn und klinkt die Tür auf.

Das Zimmer, das die Großmutter vor ihnen betritt, hat Kilian noch nie gesehen. An der Tür war er bisher vorbeigegangen zum nächsten Zimmer, in dem er und seine Mu schlafen, wo sie ihre Nähmaschine und er seine Spielecke hat.

Mit aufgerissenen Augen steht er neben der Mutter im Türrahmen.

Das Reich unseres Schuljungen, hört er die Großmutter ausrufen, die raumgreifend mitten im Zimmer steht. Er weiß nicht recht, ob er sich freuen soll. Er sieht einen sehr großen Schreibtisch, davor einen Stuhl mit drei komisch schrägen Beinen, er sieht das Fenster hinter dem Schreibtisch und draußen das Grün, er sieht das große Bett mit seiner zu kurzen Kinderbettdecke. Von der runden Deckenlampe aus sieht er eine Fliege starten und kreuz und quer durchs Zimmer fliegen. Die wohnt hier schon länger, die weiß hier Bescheid, vermutet Kilian, und er gibt sich einen Ruck. Er drückt der Mutter seine Schultüte in den Arm und greift noch einmal nach ihrer Hand. In der Berührung mit ihrer Hand spürt er etwas wie Ermutigung.

Mit geschwenkten Armen, wissend, dass jede Bewegung beobachtet wird, schreitet Kilian auf den Schreibtisch zu, klettert auf den Stuhl und merkt, der lässt sich drehen. Das gefällt ihm. Er lacht ins Fenster hinein, die beiden Frauen lachen auch, und die Großmutter sagt, na, das wäre doch gelacht, wenn unser Schuljunge hier nicht gut lernen und schlafen wird.

Ja, ruft Kilian, haut verwegen mit der rechten Faust auf die grüne Filzunterlage und dreht sich im Stuhl zu den Frauen um, die mit freudig gespannten Gesichtern dastehen und ihn beobachten. Ja, wiederholt er, und um seiner Großmutter zu beweisen, dass er ab jetzt tatsächlich der große Junge ist, den sie wohl nun in ihm sieht, gibt er eine Redewendung aus der Ansprache der Schulrektorin wieder.

Ich werde, verkündet er mit dem Pathos, das er der Stimme der Rektorin abgelauscht hat, ich werde mit gespitzten Ohren lernen und schlafen!

5 Vom vierten Schultag an

geht Kilian allein zur Schule und nach Hause zurück. Er ist doch kein Muttersöhnchen. Wo er das Wort herhat, weiß er nicht mehr, aber er hat es sich gemerkt und weiß, dass es etwas in Richtung verhätschelt und verwöhnt und beim kleinsten Pups gleich zum Arzt bedeutet. Den Hin- und Rückweg zur Schule wusste er bereits nach dem zweiten Schultag auswendig. Rechts raus, an zwei hohen Zäunen aus verschnörkelten Eisenstangen und einem Zaun aus weißen Zaunlatten entlang die Straße bis zum Ende gehen und wo der silberfarbene Mercedes parkt, noch mal rechts herum und an sieben Eichen vorbei. Auf der Eichenstrecke kommen ihm beinah jeden Morgen ein ziemlich alter Mann und ein großer Hund entgegen. Der Hund zieht den Mann an der Leine hinter sich her und wendet ab und zu den Kopf nach hinten, als wollte er, sein Herrchen möge etwas schneller gehen. Eh die beiden an Kilian vorbei sind, sagt der Mann zu ihm: Na, junger Mann, wieder in die Schule? Und Kilian nickt und entgegnet: Na, Mann und Hund, wieder spazieren? Und er hört den alten Mann laut lachen, eh er links um die Ecke geht und dann die Straße runter bis zum Marktplatz. Den überquert er, hört den Springbrunnen plätschern und geht auf die schmale Straße neben dem Schuhladen zu, dessen Schaufenster um die Ecke verläuft. Auf dem Marktplatz mit dem Springbrunnen in der Mitte sieht er jede Menge seiner neuen Schulkameraden in dieselbe Richtung eilen, alle Mädchen und Jungen vom vierten Schultag an ohne eine Mama an der Hand, manche sogar schon einen oder zwei Tage vorher. Die Großmutter hat nämlich recht, er ist jetzt groß, so groß wie die anderen in seiner Klasse.

An den Markttagen Mittwoch und Samstag drängt man sich zwischen den Marktaktivitäten durch. Der Rückweg ist der gleiche, nur in umgekehrter Reihenfolge. Auf dem Marktplatz muss Kilian, wie mit der Mutter nach dem Verlassen des Schwimmbades am See, auch wieder eine andere Richtung einschlagen als die anderen Kinder in seiner Klasse. Auf der vorletzten Etappe, neben den Bäumen, sieht Kilian keinen Mann mit Hund, dafür verschiedene andere Leute. Die sehen ihn alle an, sagen aber zum Glück nichts zu ihm.

Eines Morgens, Kilian ist in der dritten Klasse, merkt er auf dem Weg zur Schule, dass etwas fehlt. Etwas ist anders, schon seit Tagen, wird ihm bewusst. Der Hund mit dem alten Mann an der Leine trottet ihm nicht mehr entgegen.

6 Der Schreibtisch mit

der grünen Filzunterlage und dem Schubladenteil an der linken Seite ist und bleibt zu wuchtig für Kilian und seine Schulsachen. Der Mann der Großmutter, der Oberkellner und Kriegsmann, der da geblieben ist, wo er hingehört, hat auf demselben Stuhl gesessen, auf dem nun Kilian sitzt. Am selben Schreibtisch, auf dem Kilian Rechenaufgaben zu lösen und ordentlich zu schreiben versucht, hat der Emporkömmling Briefe gelesen, Befehle geschrieben und sonst was Ungutes erledigt. Weich ist es auf dem Stuhl; die Mutter hat ihrem Sohn zwei Kissen übereinander auf den Sitz gelegt, damit er es, wie sie sagt, leichter habe beim Lesen, Schreiben und Rechnen und beim Nachdenken.

Den alten Drehstuhl hat Kilian gern. Der kann ja nichts dafür, dass ein Kriegsmann auf ihm gesessen hat. Auch wenn Kilian den Sitz ganz tief runterdreht, berührt er anfangs kaum mit den Zehenspitzen den Boden.

Vor dem Fenster steht eine Eiche. Sieht Kilian von seinem Platz am Schreibtisch aus lange in den alten Baum hinein, blickt der zu ihm zurück, seine Äste biegen sich hierhin und dorthin wie die Arme und Beine der Akrobaten in dem Wanderzirkus, der vor einiger Zeit in der Nähe der Badeanstalt sein Zelt aufgeschlagen hatte und den Kilian zusammen mit seiner Klasse besucht hat. Die Zweige winken ihm, sie locken ihn in den wilden, zerzausten Garten. Andere Bäume stehen da wie Riesen, die sich verlaufen haben und nicht weiterwissen. Immer wieder wagt sich Kilian an Nachmittagen in den Garten hinein, und immer wieder weiß er dann auf einmal nicht, was und wie er hier alleine spielen soll, und er stapft ratlos auf verrottetem Laub und abgebrochenen Zweigen herum. In der schattigen Wildnis voller Vogelstimmen überkommt ihn die Angst aus den Märchen. Das unter seinen Füßen knackende Gestrüpp könnte nachgeben, ihn verschlingen. In den Märchen, der Trost fliegt ihn an, werden die Ängstlichen und auch die Mutigen befreit oder erlöst. Er hört die Mutter ihn rufen. Kilian! Kilian! Sein Name ist das erlösende Zauberwort, und er rennt, so schnell er nur kann, aus dem Garten, ums Haus herum von den Märchen weg, zurück zu ihr, in ihre Arme.

7 Die Großmutter,

so viel hat Kilian verstanden, ohne zu begreifen – die Großmutter will nicht, dass die anderen mitbekommen, wie sie hier leben. Deswegen darf ihr Enkel kein einziges Mal Schulkameraden zu sich einladen, nicht mal zum Geburtstag. Dafür lädt sie ihn und seine Mutter an allen Geburtstagen zum Kaffeetrinken in das größere und schickere der beiden Cafés am Marktplatz ein.

Sie gehen gemeinsam hin, am Springbrunnen vorbei, wo jede Menge ältere Schülerinnen und Schüler schwatzend herumstehen und ihn mit den beiden alten Frauen sehen, zwischen denen er gehen muss. Er könnte im Boden versinken. Als sie am Brunnen vorbeigegangen sind, schämt er sich noch immer, nun aber vor sich selbst. Eine von den beiden alten Frauen ist schließlich seine Mu, die er so lieb hat und die ihn lieb hat. Das Schämen verflüchtigt sich und ist schon vergessen, als er sagen darf, welche Torte er will. Schwarzwälder Kirschtorte isst er am allerliebsten, drei Stück, und die Großmutter verzieht keine Miene. Was er nicht schafft, verputzt dann seine Mu.

8 Auch wenn er Freunde

zu sich einladen dürfte, wen hätte er da schon einladen können? Doch, einen, Bernhard, der neben ihm sitzt. Mit dem zusammen würde er den Garten gern erobern. Bernhard darf beim Diktat von Kilians kaum leserlichem, aber fehlerfreiem Gekrakel abschreiben. Er hat sich erstaunlich schnell an diese nach links geneigten, wie an Krücken humpelnden Kilian-Buchstaben gewöhnt, die jedes Wort wie ein Fremdwort dastehen lassen. Die freundliche junge Lehrerin, bei der sie schreiben und lesen lernen, bestand anfangs nur aus Kopfschütteln, sie hat Kilians Mutter in die Schule gebeten, um mit ihr über die unglaubliche Schmiererei ihres Sohnes zu sprechen, aber die Mutter hat nur ratlos die Schultern hochgezogen. Sie weiß das, sie hat von Anfang an mit Kilian ordentlich schreiben geübt, aber es hat nichts geholfen, da scheint etwas mit seiner Schreibmotorik nicht zu stimmen. Inzwischen hat sich die Lehrerin mit Kilians Klaue abgefunden, lässt sie ihm durchgehen, weil der eigenwillige Junge, der sich so ungewöhnlich klar und originell auszudrücken versteht, von Anfang an ein erstaunliches Gespür für Rechtschreibung an den Tag legt. Bernhard profitiert also von der orthografischen Fehlerfreiheit seines Sitznachbarn, und Kilian, der gekonnte Danebenrechner, wie ihn der Lehrer im dritten Schuljahr einmal liebevoll verzweifelt vor der Klasse betitelte, darf bei Rechenarbeiten zu Bernhards Ergebnissen rüberschielen und den korrekten Rechenweg und das Ergebnis übernehmen, aber bloß nicht bei jeder, höchstens bei dieser und jener Aufgabe, damit die Schummelei nicht auffällt. Statt einer Fünf kriegt er dann eine Vier minus, das ist immerhin etwas, und beim Korrigieren der Arbeiten hilft ihm seine Mu und übt dann auch gleich mit ihm.

In der großen Pause stehen Kilian und Bernhard auf dem Schulhof beieinander und unterhalten sich über bestimmte Lehrer, vor allem über die blöde Biolehrerin, die es nicht erlaubt, eine Pflanze oder mal eine Katze mit in die Klasse zu nehmen; sie mutmaßen, ob es regnen wird und tauschen sich darüber aus, was es gestern zum Mittagessen gab. Aber ganz gleich, welches Thema dran ist – Kilian sieht Bernhard gern in die Augen. Bernhards Augen sind himmelblau mit silbernen Pünktchen. Worüber er auch gerade reden oder nachdenken mag, seine Augen sehen aus, als ob sie lachen. Kein albernes Lachen ist es, was aus Bernhards Augen zu Kilian sprüht, eher ein spöttisches, ein kluges. Denkaugen, darauf kommt Kilian in der dritten Klasse. Er merkt sich das Wort. Wenn seine und Bernhards Augen sich begegnen, muss er lächeln, er möchte eine Hand auf Bernhards Schulter legen. Er wundert sich über diese Regung, die er in sich verspürt, aber es ist so. Bernhard merkt ja nichts davon.

Bernhard interessiert sich genauso wenig für Fußball wie Kilian, das allein eint. Hast du Lust auf Halma heut Nachmittag bei mir, fragt er Kilian ab und zu. Da braucht er nicht lange fragen. Bernhard spielt fast genauso gut Halma wie Kilians Mu, und dazu gehört schon einiges. Mal siegt der eine, mal der andere, es gibt also keinen Ärger. Außerdem gibt es Kakao und Kekse. Bernhards Mutter stellt ihnen die Becher, das Schälchen mit den Keksen und den Henkeltopf mit dem Kakao auf einem Tablett hin, wünscht ihrem Sohn und seinem Gast sehr freundlich viel Spaß beim Spielen und lässt sich dann nicht mehr blicken. Manchmal am späten Nachmittag, wenn es Zeit ist loszugehen, begrüßt Bernhards Vater die beiden Jungen. Kilian erwidert verlegen den väterlichen Blick und lässt sich seine rechte Hand von der großen Vaterhand drücken. Und auf dem Nachhauseweg ist es ihm eine Weile, als begleitete ihn etwas Warmes, Starkes, das ihn beschützt.

Bernhard lädt Kilian und noch fünf andere aus ihrer Klasse, drei Jungen und zwei Mädchen, zu seinem elften, zwölften und dreizehnten Geburtstag ein. Danach trennen sich ihre Wege.

9 Aschenputtel huscht