Der Wunsch zu glauben - Jörg Fidorra - E-Book

Der Wunsch zu glauben E-Book

Jörg Fidorra

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Beschreibung

Die Evolution unseres Gehirns hat uns dazu befähigt, einen Glauben an einen mehr oder weniger abstrakt gedachten Gott zu ermöglichen. Auf dieser Grundlage entwickelte sich der Wunsch, an ein höheres Wesen zu glauben, das aus heutiger Sicht entweder als Gott der Religionen oder als Gott der Philosophen beschrieben werden kann. Beide Gottesvorstellungen unterscheiden sich sowohl im Gottesbild als auch in den dazugehörigen Ritualen und Zeremonien. Diese erst definieren eine Religion und werden als ein unveränderbarer Bestandteil gehütet. Aus der vorgelegten evolutionsgeschichtlichen Betrachtung ergibt sich, dass eine Reformbereitschaft bei den religiösen Institutionen mit dem Ziel einer gegenseitigen Tolerierung dann erreicht werden kann, wenn der Gottesglaube von den unzeitgemäßen, menschengemachten Lehrmeinungen und Ritualen entweder getrennt wird oder die Lehrmeinungen und Rituale reformiert werden.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jörg Fidorra

Der Wunsch zu glauben

Wie eine friedliche Koexistenz von Religionen erreicht werden kann

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Einleitung

Spirituelle und religiöse Grundlagen

1.1 Spirituelle Vorstellungen

1.2 Personifizierung und Polytheismus

1.3 Der Schritt zum Monotheismus

1.4 Schriftlehren und Religionsvielfalt

2 Religion und Gesellschaftsform

3 Das höchste Wesen und seine Eigenschaften

3.1 Die zwei Gottesvorstellungen

3.2 Schöpfungsgeschichte und Urknallhypothese

3.3 Die Biologie der Moral

3.4 Die Natur als höchstes Wesen

4 Biologie des Bewusstseins

4.1 Eine kurze Beschreibung der Funktionsweise des Gehirns

4.2 Das Bewertungs- und Belohnungssystem des Gehirns

4.3 Religion und ihr evolutionäres Potential

5 Gleichwertigkeit der Religionen

5.1 Historische Ausgangssituationen

5.2 Lehrmeinungen und ihre Auswirkungen

5.3 Die größten Hindernisse auf dem Weg zu Reformen

5.4 Glaube und Religion

6 Literaturverzeichnis

Impressum neobooks

Vorwort

Die zunehmende Polarisierung zwischen den verschiedenen religiösen Richtungen und der säkularen Weltanschauung, die am 11. September 2001 erneut einen Höhepunkt mit dem spektakulären Anschlag auf das World Trade Center in New York erreichte, waren der Anlass, sich auf naturwissenschaftlicher Grundlage mit religiösen Glaubensrichtungen und deren Lehrmeinungen auseinanderzusetzen.

Obwohl die moderne Kommunikationstechnik zu einem weltweiten Informationsaustausch geführt hat, ist es bisher weder zu einem Dialog zwischen den Religionen gekommen, noch sind Ansätze einer Relativierung oder gar Liberalisierung bei den verschiedenen religiösen Glaubensgrundsätzen erkennbar. Es scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein, formieren sich doch erhebliche Widerstände gegen weltanschauliche Einflüsse aus andern Kulturstaaten und Zivilisationen.

Anlass genug, um aus Sicht eines Naturwissenschaftlers die Möglichkeit zu beleuchten, ob auf der Grundlage einer Trennung von Gottesglaube und Ritualen, die sich aus den religiösen Lehrmeinungen ableiten, es zu einer Diskussionsbereitschaft unter den Religionen kommen kann. Dazu wird ein Bogen gespannt, der mit einer evolutionsgeschichtlichen Betrachtung beginnt, um auf dieser Basis die Entstehung von spirituellen und religiösen Vorstellungen von den Anfängen her verständlich zu machen. Unter Einbeziehung neuester Erkenntnisse aus der Neurobiologie wird einerseits das Verständnis für den inständigen Wunsch nach einem Gottesglauben geweckt und andererseits die Möglichkeit eines Weges zur friedlichen Koexistenz aller Religionen aufgezeigt.

Dieses Buch richtet sich an Leser, die sich mit allen Fragen einer notwendigen Modernisierung von Religionen befassen.

Nach Fertigstellung dieses Buches gilt mein besonderer Dank meiner Frau Lisa, die meinen ständigen Rückzug ins Schreibzimmer duldete, meinem Sohn Matthias für die kritische Durchsicht des Manuskriptes sowie Herrn Dr. Klaus-Dieter Vilshöver für seine hilfreichen Diskussionsbeiträge bei der Abfassung des Manuskriptes.

Engelskirchen, im September 2015

Einleitung

Seit es religiöse Autoritäten gibt, seien es Einzelpersonen oder Institutionen, prägen diese die Normen einer Gesellschaft und dies teilweise bis ins Detail des menschlichen Daseins. Gesellschaften können sich dabei deutlich in ihren Normen und Gewohnheiten unterscheiden. Treten Gesellschaften mit unterschiedlichen Normen und Traditionen in Kontakt, kann es leicht zu Konfliktsituationen kommen. Die Historie ist bekanntlich reich an religiös motivierten Konflikten, die mit erheblichen Gewaltanwendungen verbunden waren und von grausamen Auswüchsen begleitet wurden. Auch heute liefert die weltweite Berichterstattung immer wieder Beispiele religiös motivierter Gewalttaten. Der fortgeschrittene Kenntnisstand in den Wissenschaften hat offenbar bis heute nicht dazu geführt, dass in allen Regionen der Welt auch abweichende Glaubensrichtungen toleriert werden. Stattdessen scheint die zunehmende Ausbreitung naturalistischer Weltbilder zu einer aggressiven Politisierung von Glaubensgemeinschaften geführt zu haben, die sich insbesondere gegen säkular orientierte Gesellschaften richtet. Anlass genug, nach einer Erklärung für dieses Phänomen zu suchen. Lediglich Europa scheint von dieser Revitalisierung destruktiver religiöser Kräfte verschont zu bleiben. Ist aus der Tatsache, dass die Historie reich ist an religiös motivierten Konflikten, zu schließen, dass wir es mit einem unabwendbaren Naturereignis zu tun haben, oder sind Lösungsansätze für eine gegenseitige Tolerierung von Weltanschauungen denkbar?

Wenn ich mich als Naturwissenschaftler, der sich als Agnostiker versteht, in einem Buch mit religiösen Fragen beschäftige, mag dieses Anliegen im ersten Moment eine gewisse Verwunderung hervorrufen, wird man doch in der Regel als jemand angesehen, dem religiöse Themen nicht zustehen. Aber warum sollte nicht eine geänderte Sichtweise der Zusammenhänge zu neuen Einsichten führen? Überholte Naturbetrachtungen sind schrittweise durch die mathematische Physik abgelöst worden und haben zu Ergebnissen geführt, die nicht mehr in jedem Fall Bestandteil des Erfahrungsschatzes der Alltagswelt sind. Gerade die moderne Physik in Gestalt der Quantentheorie wäre hier als Beispiel anzuführen. Die Astrophysik beziehungsweise die Kosmologie hat unser Verständnis über das Weltall zwar erweitert, aber auf uralte Fragen noch immer keine befriedigenden Antworten gefunden. Fragen etwa, die auf die Entstehung und den Sinn und Zweck der Natur abzielen. Derartig ungelöste Fragen streifen zwangsläufig das Feld der Religion, die auch in aufgeklärten Gesellschaften ihre Bedeutung und ihren Einfluss nicht verloren hat.

Die Erfolge der Naturwissenschaften bei der Erklärung der Phänomene unserer Welt lassen es angebracht erscheinen, die szientistische Methodik auch auf Gebiete auszudehnen, auf denen die Begriffe wie „Seele“ und „Geist“ beheimatet sind. Hier versuchen Neurowissenschaftler und Kognitionsforscher die Begriffsinhalte mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen quantitativ zu erfassen. Die große Schwierigkeit bei der Verständigung über diese Begriffsinhalte rührt wohl daher, dass eine tragfähige und allgemein anerkannte Definition von beispielsweise „Seele“ oder „Geist“ derzeit nicht erreicht werden kann. Allzu leicht werden mystische Einflussgrößen auf den Menschen und auf alle biologischen Organismen angenommen. Selbst der gesamte Kosmos wird als Akteur auf alles Lebendige etwa in Form eines Weltgeistes verantwortlich gemacht. Als Beispiel mag der Hinweis dienen, dass der Begriff „Energie“ in esoterischen Kreisen eine andere Deutung erfährt als in der Physik. Damit wird eine naturwissenschaftliche Bearbeitung der vorliegenden Themen nicht gerade erleichtert.

Der Sachverhalt, dem die Begriffe „Seele“ und „Geist“ zugrunde liegen, die eine hohe Abstraktion beinhalten, kann mit naturwissenschaftlichen Methoden wohl nur aufgeklärt werden, wenn fortgeschrittene Untersuchungsmethoden zur Verfügung stehen. Schließlich sind diese Begriffe das Ergebnis einer Abstraktionskette, deren Ausgangspunkt konkrete Beobachtungen sind und wo die einzelnen Glieder erneut zu prüfen und zu bewerten wären. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass jeder Abstraktionsvorgang den Verlust von ursprünglich vorhandenen Informationen zur Folge hat.

Aber es sind nicht nur die abstrakten Begriffe, die wegen mangelnder Anschaulichkeit das Verständnis erschweren. Auch gesicherte Tatbestände, wie etwa der, dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, werden nur zögerlich von religiösen Institutionen akzeptiert. Religiöse Lehrmeinungen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse weisen weiterhin gravierende Unterschiede auf. Besonders deutlich wird dies bei der biblischen Schöpfungsgeschichte, die mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen so gar nicht verträglich ist. Und nicht nur deswegen, weil der Zeitrahmen - in der biblischen Darstellung einige Tausend, in der wissenschaftlichen Erkenntnis dagegen einige Milliarden Jahre - erheblich differiert. Wiederholt hat man versucht, aus der in der Bibel dokumentierten Generationenfolge seit Abraham auf den Schöpfungsakt zu schließen, der die ersten Menschen hervorbrachte.

Das sich ständig erweiternde naturwissenschaftlich geprägte Weltbild, das von den tradierten Vorstellungen über die menschliche Entwicklung und dem Naturgeschehen immer mehr abweicht, hat bisher keineswegs dazu geführt, dass religiöse oder gar spirituelle Vorstellungen zurückgedrängt wurden. Im Gegenteil scheinen die Weltreligionen und sektiererische Gruppierungen einen ungebremsten Zulauf zu verzeichnen. In den USA scheint dieser Trend besonders ausgeprägt zu sein. Unterschiedliche religiöse Gruppierungen werben dort mit poppigen und effektvollen Zeremonien erfolgreich für eine Mitgliedschaft in ihren Reihen. Auch diese Erscheinungsformen müssten sich in meiner noch folgenden Betrachtung rational erklären lassen.

Es bildet sich in allen menschlichen Gesellschaften ein auffälliger Gegensatz zwischen dem naturwissenschaftlichen und den religiösen Weltbildern heraus, der verstärkt nach einer Klärung der Hintergründe suchen lässt. Eine Klärung der eigentlichen Hintergründe wäre schon deswegen von Interesse, weil der sich in einigen Weltgegenden ausbreitende religiöse Fundamentalismus zu einer Verunsicherung und sogar Bedrohung nicht nur säkular orientierter Gesellschaften geführt hat. Auch religiös geprägte Gesellschaften fühlen sich durch fundamentalistische Tendenzen verunsichert und bedrängt. Zu der wissenschaftlichen Aufklärung der Ursachen religiöser Vorstellungen gesellt sich daher auch ein sicherheitspolitischer Aspekt.

Religiöse Vorstellungen treten weltweit in nahezu allen menschlichen Gesellschaften auf und können aufgrund dieser Tatsache nicht zufallsbedingt sein in dem Sinne, dass eine Gesellschaft sich frei für oder gegen religiöse Vorstellungen entscheidet. Bei dem Auftreten von religiösen Vorstellungen muss es sich demnach um eine typisch menschliche Eigenschaft handeln.

Wenn das Bedürfnis nach metaphysischen Vorstellungen eine grundlegende Eigenschaft der meisten Menschen darstellt, dann eröffnet sich zwangsläufig die Frage nach den biologischen Ursachen. Ursachen, die letztlich nur im Gehirn eines Menschen zu suchen sein können. Dabei ist zu betonen, dass metaphysische Neigungen noch keine Religion darstellen. Diese entwickelt sich erst dann, wenn der Glaube an ein transzendentes Etwas, wie immer dies auch charakterisiert wird, sich mit Zeremonien, Ritualen und Lehrmeinungen verbindet. Lehrmeinungen zudem, die auf ein archaisches Weltverständnis zurückgehen und mit Idealen gespickt sind, die von der Realität oft weit entfernt sind. Der Glaube an dieses transzendente Etwas allein begründet folglich noch keine Religion. Daher wird es sich als notwendig erweisen, den Begriff „Religion“ etwas genauer zu bestimmen.

Das Bedürfnis oder fast schon Sehnsucht zu nennende Verlangen, an einen Gott zu glauben, ist bei sehr vielen Menschen so tief verwurzelt, dass es nicht erworben sein kann, sondern eine Eigentümlichkeit des Menschen sein muss. Die Suche nach den Ursachen muss sich daher vornehmlich auf das Gehirn und den genetischen Code konzentrieren. Und hier sind zunächst die Naturwissenschaften gefordert.

Diskussionen zwischen Gläubigen und dem Glauben gegenüber kritisch eingestellten Menschen über die Bedeutungsinhalte von Buchreligionen führen in der Regel zu wenig aussagekräftigen Resultaten. Als ein Beispiel hierfür sei die Diskussion zwischen dem Glaubensvertreter Hans Küng und dem Kritiker Hans Albert anzuführen, die die Schwierigkeiten einer gegenseitigen Verständigung aufzeigen [1].

Der Glaube an Gott als ein vollkommenes allgegenwärtiges, in transzentenden Sphären angesiedeltes Etwas ist eine seit Menschengedenken bestehende Vorstellung zur Erklärung der Wirklichkeit und des eigenen Daseins. Die Neigung auch des frühen Menschen, unbeobachtbare Zusammenhänge durch Analogien aus der Alltagswelt anschaulich und damit verständlich zu machen, führte zunächst zu Vorstellungen von Naturgeistern und in weiteren Schritten zum Polytheismus und Monotheismus.

Erst als sich griechische Philosophen mit Glaubensfragen befassten, wurde ein Unterschied zwischen dem Gott des Glaubens und dem Gott der Philosophen erkennbar. Eine Unterschied, der in der hier vorliegenden Abhandlung eine wesentliche Rolle, und sich in Diskussionen zwischen unterschiedlichen religiösen Glaubensrichtungen als von grundlegender Bedeutung erweisen wird. Ausgangspunkt dieser Abhandlung ist dabei die evolutionsgeschichtliche Entwicklung des Gehirns.

Der Gottesglaube erweist sich als eine Eigenschaft des menschlichen Gehirns. Für das Entstehen eines Gottesglaubens sind daher die biologische Entwicklung und die Funktionsweise des menschlichen Gehirns in Betracht zu ziehen. Nach der Darwinschen Lehre ist das Gehirn ein Produkt einer evolutiven Entwicklung. Einer biologischen Evolution, die auf den beiden Grundpfeilern „Variation“ und „Selektion“ beruht. Einem Mechanismus, der sich an der erfolgreichen Theorie Newtons von „Kraft gleich Gegenkraft“ (Actio est reactio) orientiert, wie ich in einem anderen Zusammenhang bereits beschrieben habe [12].

Hier bietet sich eine Klarstellung hinsichtlich des Begriffes „Theorie“ im Zusammenhang mit der Darwinschen Lehre an. Eine naturwissenschaftliche Theorie im strengen Sinne erlaubt Aussagen über die zukünftige Entwicklung. Gerade dies aber leistet die Darwinsche Lehre nicht. Sie beschreibt lediglich die Wandlungen biologischer Formen bis zum heutigen Zeitpunkt. Aus diesem Grunde wird von Kritikern der Darwinschen Lehre diese mit religiösen oder philosophischen Lehren gleichgestellt. Wesentlicher Kritikpunkt von der ablehnenden Seite ist, dass es als unwahrscheinlich angesehen wird, dass das Bewusstsein und damit die Vernunft einem Selektionsprozess unterworfen gewesen sein sollen. Auch zu dieser Thematik werden in Kapitel 4 Diskussionsbeiträge geliefert.

Trotzdem wird im Folgenden die Evolutionslehre als Grundlage für die Erklärung des Auftretens von Spiritualität und Religion herangezogen, weil diese Lehre sich eben auch mit den neurowissenschaftlichen Befunden verträgt.

Mit einer evolutionsgeschichtlichen Betrachtung soll versucht werden, die Hintergründe für das Entstehen eines Gottesglaubens und von Religionen aufzudecken, um damit ein Verständnis gegenüber allen Religionen zu wecken. Mit diesem Ansatz wird die Hoffnung verbunden, das Verständnis für die Einflussgrößen, die bei der Entstehung verschiedener Religionen eine Rolle gespielt haben, zu wecken und damit einen Beitrag für einen Entspannungsprozess zwischen den verschiedenen Religionen zu liefern. Aufforderungen nach einem Dialog zwischen den Religionen, wie sie immer wieder und vor allem in jüngster Zeit erhoben wurden [31], soll mit dieser Abhandlung eine zusätzliche Stütze gegeben werden, indem der evolutionsgeschichtliche Hintergrund hervorgehoben wird. Allerdings ist einzuräumen, dass ein Diskussionsprozess unter den Religionen erst nach einer längeren Phase reformerischer Bemühungen von Erfolg gekrönt sein dürfte.

Spirituelle und religiöse Grundlagen

Die früheste Phase in der evolutionsgeschichtlichen Entwicklung des Menschen, nämlich als die Schwelle vom Tier zum Menschen überschritten wurde, stellt auch heute noch, lange nach der Veröffentlichung der Darwinschen Lehre, ein unbekanntes Entwicklungsstadium dar, das auf absehbare Zeit noch lange auf seine Enträtselung warten wird. Weder sind die biologischen, und damit insbesondere die genetischen Modifikationen, die zur Menschwerdung geführt haben, noch die damals vorherrschenden Einflussgrößen der Umwelt hinreichend bekannt. Nach der Darwinschen Lehre beruhen die bekannten Daseinsformen einer Art auf einer Variation der Spezies selbst, und das bedeutet nach heutigem Verständnis: auf Mutationen in der Erbsubstanz dieser Spezies.

Eine Rekonstruktion der frühesten menschlichen Entwicklungsschritte, die nur auf dem heutigen Wissensstand beruhen kann, geht von einer Rückextrapolation von den bisher bekannten geologischen und klimatischen Veränderungen auf die damals vorherrschenden Umwelteinflüsse aus, denen die Menschwerdung über viele Entwicklungsstufen ausgesetzt war. Ein Nachzeichnen der möglichen relevanten Entwicklungsschritte unter den damaligen vorherrschenden Bedingungen beruht daher auf sehr allgemeinen Annahmen, denen nur wenig gesicherte prähistorische und paläologische Befunde zugrunde liegen.

In der nachfolgenden Betrachtung wird jedoch nicht die gesamte Menschwerdung, sondern es werden vornehmlich die Einflussgrößen, die auf die Entwicklung des menschlichen Gehirns eingewirkt haben können. in den Fokus gestellt, wobei die neuesten Erkenntnisse aus der neurobiologischen und kognitionswissenschaftlichen Forschung Berücksichtigung finden sollen.

Zunächst soll die mögliche Lebenssituation der frühen Menschen, soweit sie für die hier gewählten Aspekte von Bedeutung ist, nachgezeichnet werden.

1.1 Spirituelle Vorstellungen

Die Menschwerdung beginnt nach allgemeinem Verständnis mit der Entwicklung der Sprachfähigkeit. Bereits die „Vorläuferversionen“ des Menschen bargen das Potential zur Sprachfähigkeit. Sie bildet das herausragende Merkmal eines Menschen, das ihn von allen anderen Lebewesen auf unserer Erde unterscheidet. Die Entwicklung eines Sprachvermögens scheint bisher nur der menschlichen Spezies vorbehalten geblieben zu sein und stellt damit eine Besonderheit in der gesamten belebten Natur dar.