Der Zauberbund - Margit Sandemo - E-Book + Hörbuch
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Der Zauberbund E-Book und Hörbuch

Margit Sandemo

4,3

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Beschreibung

Der fulminante Auftakt zur fesselnden historischen »Saga vom Eisvolk«! Silje ist erst siebzehn Jahre alt, als ihre gesamte Familie der Pest zum Opfer fällt. Ausgehungert, halb erfroren und mit zwei Waisenkindern auf dem Arm, sucht sie Hilfe nahe der Stadt Trondheim. Doch nur einer nimmt sich ihrer an, ein geheimnisvoller Mann aus der Sippe des Eisvolkes, der von einem mystischen Geheimnis umgeben ist – und auf Silje beängstigend, aber zugleich seltsam anziehend wirkt…

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Zeit:8 Std. 9 min

Sprecher:Demet Fey
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Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Eine wahrlich eindrückliche Saga mir gefällt das es hoffnungsvoll in guten Absichten voran geht in dieser Saga..Bildlich beschrieben
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Der Zauberbund

Die Saga vom Eisvolk 1 - Der Zauberbund

© Margit Sandemo 1982

© Deutsch: Jentas A/S 2020

Serie: Die Saga vom Eisvolk

Titel: Der Zauberbund

Teil: 1

Originaltitel: Trollbunnen

Übersetzer: Dagmar Mißfeldt

© Übersetzung : Jentas A/S

ISBN: 978-87-428-2000-1

1. Kapitel

Eines Abends im Spätherbst des Jahres 1581, als sich am Himmel über Trondheim Eisnebel mit blutrotem Feuerschein vereinigte, irrten zwei Frauen durch die Straßen, ohne etwas voneinander zu wissen.

Die eine war Silje, ein kaum siebzehnjähriges Mädchen mit Augen, die vor Einsamkeit und Hunger groß und verständnislos in die Welt schauten. Sie zog die Schultern zusammen, um sich gegen die Kälte zu schützen, und bohrte die blau gefrorenen Hände in ihre Kleider, die eher zusammengenähten Säcken glichen. Um die zerschlissenen Schuhe an ihren Füßen hatte sie Fellfetzen gebunden und über das schöne, nussbraune Haar einen Wollschal geschlungen, in den sie sich verkroch, wenn sie ein seltenes Mal eine Stelle fand, wo sie sich schlafen legen konnte.

Silje wich in der engen Straße einer Leiche aus. Noch ein Opfer der Pest, dachte sie bei sich. Diese Pest — sie erinnerte sich nicht mehr, die wievielte es in diesem Jahrhundert war — hatte vor zwei, drei Wochen ihre ganze Familie dahingerafft und Silje gezwungen, auf Wanderschaft zu gehen, auf die Suche nach etwas Essbarem.

Ihr Vater war Hufschmied auf einem großen Gut südlich von Trondheim gewesen, aber als er, ihre Mutter und ihre Geschwister tot waren, wurde Silje aus der kleinen Hütte verjagt, in der sie gewohnt hatten. Von welchem Nutzen konnte denn schon ein Mädchen in einer Schmiede sein?

Im Grunde war Silje erleichtert, als sie das Gut verlassen durfte. Sie hatte dort ein Geheimnis, das sie noch niemals irgendjemandem anvertraut hatte, so tief verborgen war es in ihrem Herzen. Im Südwesten lagen die sonderbaren Berge, die sie »Schattenland« oder »Abendland« nannte. Ihre gesamte Kindheit hindurch hatten deren gewaltige Massen ihr Furcht eingeflößt und sie verzaubert. Sie lagen so weit in der Ferne, dass man sie kaum erkennen konnte. Wenn jedoch der klare Schein der Abendsonne auf die Zacken der Berge fiel, dann traten sie in einer sonderbaren, durchsichtigen Schärfe hervor, die die ungewöhnlich lebhafte Fantasie des Mädchens anregte.

Dann konnte Silje sie stundenlang betrachten, schreckerfüllt und fasziniert zugleich. Dann sah sie sie, die namenlosen Gestalten, die dort wohnten. Sie stiegen aus den Tälern zwischen den Gipfeln empor, glitten sachte und suchend durch die Luft immer näher heran zu ihrem Haus, bis ihre bösen Augen die von Silje fanden. Silje lief dann immer fort, um sich zu verstecken.

Eigentlich waren diese Wesen nicht namenlos. Doch die Gutsbewohner hatten stets leise von den Bergen in der Ferne gesprochen, und es waren im Grunde wohl diese Worte, die Silje zunächst erschreckt und ihre Fantasie zum Leben erweckt hatten. Geh niemals dorthin, sagten sie immer. Dort gibt es nur Zauberei und Bosheit. Die Leute vom Eisvolk sind keine Menschen. sie stammen von Kälte und Dunkelheit ab, und wehe, wenn ein Mensch in die Nähe ihrer Behausungen kommt!

Die Leute vom Eisvolk ...? Ja, so wurden diese Wesen genannt, jedoch nur Silje hatte sie durch die Luft schweben sehen.

Sie wusste nie, wie sie diese Gestalten hätte nennen sollen. Nicht Trolle, oh nein, das waren sie nicht. Auch keine Gespenster. Teufel war eine ebenso falsche Bezeichnung. Verwunschene oder Geister aus dem Abgrund vielleicht? Einmal hatte sie gehört, wie der Gutsbesitzer eines der Pferde Dämon nannte. Das war für sie ein neues Wort, sie fand aber, das könnte auf »die« passen.

Ihre Fantasien über das »Schattenland« waren so intensiv, dass sie im unruhigen Schlaf sogar von ihnen träumte. Als sie das Gut verlassen musste, war es für sie dann auch ganz selbstverständlich, den Bergen den Rücken zuzukehren. Einem einfachen Instinkt folgend, wählte sie den Weg nach Trondheim. Dort lebten so viele Menschen — bei denen würde sie in ihrer Einsamkeit und Not sicherlich Hilfe finden.

Sie begriff jedoch sehr rasch, dass in einer Zeit, wo die Pest den Menschen auf Schritt und Tritt durch das Land folgte, niemand Fremde bei sich aufnehmen wollte. Und wo wütete die Krankheit am ärgsten, wenn nicht in diesen engen, schmutzigen Straßen und in den Häusern, die dicht aneinandergedrängt standen?

Allein der Versuch, sich durch das Stadttor zu schmuggeln, hatte sie einen ganzen Tag gekostet. Am Ende war es ihr gelungen. Sie hatte sich einigen Familien angeschlossen, die in der Stadt wohnten und die nach einem kurzen Aufenthalt vor den Stadtmauern wieder zurückkehren wollten. Sie hatte sich auf der anderen Seite des Karrens gehalten und sich so an der Torwache vorbeigeschlichen. Dass sie nun aber wohlbehalten in der Stadt war, hatte ihr auch nicht viel gebracht. Nichts außer ein paar trockenen Brotrinden, die ihr ab und an aus dem einen oder anderen Fenster zugeworfen wurden. Gerade eben so viel, um sie auf der richtigen Seite zwischen Leben und Tod zu halten.

Vom Marktplatz beim Dom waren Krakeelen und Lärm von Betrunkenen zu hören. In ihrer Naivität hatte Silje sich einmal dorthin begeben, um die Gesellschaft anderer nächtlicher Wanderer zu suchen. Aber schon bald hatte sie eingesehen, dass dort für ein gut aussehendes junges Mädchen nicht der richtige Platz war. Sie hatte versucht, das hässliche Zusammentreffen mit diesen brutalen Gesellen aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen — gelungen war es ihr aber nicht so ganz.

Nach der tagelangen Wanderung taten ihr die Füße weh. Der lange, lange Weg nach Trondheim hatte gewaltig an Siljes Kräften gezehrt — und da sie in der Stadt keine Hilfe fand, wurde ihre Hoffnungslosigkeit immer größer.

Silje ging auf einen Torweg zu. Sie wollte wenigstens versuchen, ein paar Stunden zu schlafen. Als sie jedoch das Pfeifen von Ratten hörte, wandte sie sich ab und setzte ihre trostlose Wanderung fort.

Unwillkürlich wurde sie vom Feuerschein auf dem Berg außerhalb der Stadt angezogen. Feuer bedeutete Wärme, auch wenn es ein Leichenfeuer war. Drei Tage und drei Nächte loderte es bereits. Und daneben — der Richtplatz.

Sie murmelte geschwind ein Gebet vor sich hin: »Herr Christus, beschütze mich vor all den verwirrten Geistern, die dort draußen ihr Unwesen treiben! Gib mir Mut und Kraft in Deinem Glauben, damit ich mich für einen kurzen Augenblick dorthin traue! Ich sehne mich so sehr nach der Wärme des Feuers, damit mir die erfrorenen Glieder nicht abfallen.«

Ihr argloses Herz voller Angst und den Blick geradewegs auf die verlockende Wärme gerichtet, trottete Silje auf das Stadttor im Westen zu.

Zur selben Zeit war die junge Adelige Charlotte von Meiden in einer höchst geheimen Angelegenheit unterwegs. Verzagt stapfte sie in ihren Seidenschuhen durch unbeschreiblich schmutzige Straßen, in denen der Rinnstein zugefroren war, sodass all der widerwärtige Schmutz liegen blieb. Im Arm hielt sie ein gut verpacktes Bündel, und während sie sich vom Palast ihres Vaters zum Stadttor schlich, summte sie verzweifelt eine Tanzmelodie, eine Pavane, um ihre Gedanken von ihrem Vorhaben abzulenken.

Das Gehen fiel ihr schwer. Ihre Lippen waren weiß, Schweißperlen standen ihr auf Stirn und Oberlippe und klebten ihr Haar an die Schläfen.

Wie sie es fertiggebracht hatte, ihren Zustand in diesen angsterfüllten und unerträglichen Monaten zu verbergen, begriff sie noch immer nicht. Aber sie war schon immer klein und zierlich gewesen, und deshalb hatte man es ihr kaum ansehen können. Die Mode der Zeit war ihr dabei auch entgegengekommen, ein Korsett, eine abstehende Krinoline und ein gerade von den Schultern herabhängendes Kleid verbargen das Ganze. Zudem hatte sie immer darauf bestanden, sich selbst zu schnüren, fest und schmerzhaft. Niemand, noch nicht einmal ihre eigene Kammerzofe, hatte die geringste Ahnung.

So inständig hatte sie das Leben, das in ihr heranwuchs, gehasst! Das Resultat einer flüchtigen Begegnung mit einem unbeschreiblich eleganten Dänen vom Hofe König Frederiks. Verheiratet war er auch, hatte sie hinterher erfahren. Die Gedankenlosigkeit eines einzigen Abends — und dann als Strafe all dieses Elend. Während er ungestraft von einer zur anderen weiterflatterte!

Alles hatte sie versucht, um den Eindringling in ihr Leben loszuwerden. Starke Arzneien, Sprünge aus großer Höhe, heiße Bäder — ja, sie war sogar eines Donnerstags nachts im Sommer draußen auf dem Friedhof gewesen, und dort hatte sie derart geheime und unheimliche Handlungen ausgeführt, dass sie sie danach vollkommen verdrängt hatte. Nichts aber hatte geholfen. Das widerliche Wesen in ihrem Körper hatte sich mit teuflischer Beharrlichkeit ans Leben geklammert.

Und wie viel Angst sie in diesen Monaten ausgestanden hatte! Weiterhin ausstand. Seltsamerweise aber verspürte sie gerade jetzt nicht den brennenden Hass gegen das Unerwünschte. Stattdessen fühlte sie in ihrem Herzen etwas anderes. Eine Wärme, eine heftige Trauer und Sehnsucht ...

Nein, so durfte sie nicht denken! Nur gehen, gehen, fort, den wenigen Menschen, die in einer solchen Nacht draußen umherwanderten, aus dem Weg gehen.

Wie kalt es war. Armes kleines ...

Nein, nein!

In einer Seitenstraße erkannte sie schemenhaft ein junges Mädchen, beinahe ein Kind, und zog sich schnell in einen Torweg zurück. Das Mädchen ging dort drüben vorüber, ohne sie gesehen zu haben. Wie einsam sie aussah! Charlotte empfand herzzerreißendes Mitleid und richtete sich auf. Mitleid war ein Gefühl, das sie auf gar keinen Fall aufkommen lassen durfte. Nur nicht schwach werden!

Sie musste sich beeilen, musste wieder zurück durch das Tor, bevor es um neun Uhr geschlossen wurde. Sie hatte keine Angst vor dem Torwächter, sie hatte sich eine Erklärung zurechtgelegt — für den Fall, dass er fragen sollte. Und der Umhang, den sie sich übergeworfen hatte, gehörte einer der Dienerinnen. Niemand würde darin das vornehme Fräulein Charlotte wiedererkennen.

Endlich, da war das Tor. Doch der Wächter hielt sie an. Sie hielt ihm kurz das Bündel hin und murmelte: »Totes Kind. Soll es hinaustragen zum ...«

Der Torwächter winkte sie weiter, ohne noch etwas zu ihr zu sagen.

Sie sah schon den Wald vor sich, die spitzen Tannenwipfel zeichneten sich vor dem Feuerschein ab. Auch der Mond schien an diesem eiskalten Abend, sodass der Weg nicht schwer zu finden war. Wenn sie nur nicht so erschöpft gewesen wäre! Schmerzen hatte sie außerdem, und ab und zu spürte sie mit Entsetzen, wie eine warme, feuchte Flüssigkeit das Handtuch durchnässte, mit dem sie ihre Blutung zu stillen versucht hatte.

Sie hatte das Kind auf dem Heuboden über dem Stall zur Welt gebracht; sie hatte sich ein Holzstück in den Mund gesteckt, um nicht zu schreien. So hatte sie lange, lange Zeit erschöpft dagelegen, ohne einen Blick auf das Kind zu werfen, dann hatte sie es eingepackt und war mit schwankenden Beinen aufgestanden. Um die Nabelschnur hatte sie sich keine Gedanken gemacht, sie hatte mit diesem Kind nichts zu schaffen, fand sie. Das leise, klägliche Wimmern hatte sie mit einem Tuch gedämpft.

Es lebte immer noch, hin und wieder nahm sie eine schwache Bewegung wahr. Gut, dass es beim Torwächter nicht geschrien hatte!

Sie war sich sicher, dass sie auf dem Heuboden alle Spuren beseitigt hatte. Wenn sie doch nur die Bürde der Schande loswerden und dann ungesehen in den Palast zurückkehren könnte. Dann würde sie frei sein, frei! Endlich!

Nun war sie tief genug im Wald. Da drüben, unter der hohen Tanne, weitab vom Weg ...

Charlotte von Meidens Hände zitterten, als sie das Bündel auf dem hart gefrorenen, schneefreien Boden ablegte. Mit Tränen in den Augen wickelte sie den kleinen Körper vorsichtig erst in ein Wolltuch und dann in einen Schal. Dann stellte sie eine mitgebrachte Schüssel Milch neben die Wange des Kindes. Tief in ihrem Herzen wusste sie sehr wohl, dass das Kind niemals an die Milch gelangen könnte, aber darüber wollte sie nicht weiter nachdenken.

Sie blieb einen Augenblick lang stehen. Ein unerwartetes, grenzenloses Gefühl von Verlust und Verzweiflung durchfuhr sie. So wankte sie auf frierenden Beinen wieder der Stadt zu.

Silje wanderte weiter, dankbar für den Mondschein, der ein schwaches Licht auf die Straße warf, sodass sie besser sehen konnte, wohin sie trat, und allen hervorspringenden Erkern und seltsamen Anbauten ausweichen konnte. Schritt für Schritt setzte sie einen Fuß vor den anderen, halb schlafwandelnd, monoton und ohne nachzudenken. Denn wenn sie es getan hätte, dann hätte sie die Kälte, den Hunger, die Müdigkeit und die Gewissheit gespürt, dass sie kein Ziel, keine Zukunft hatte.

Da weinte jemand in ihrer Nähe.

Sie blieb stehen. Auf ihrem Weg zum westlichen Stadttor war sie in ein kleines Gässchen geraten.

Alles in dem Gässchen war so finster, das Mondlicht reichte nicht bis hier herunter. Das Weinen kam aus einem Hinterhof. Ihr Blick fiel auf eine halb offene Tür.

Es war ein Kind, das weinte. Bitterlich und herzzerreißend. Silje ging zögernd in den Hof.

Dort war es heller. In dem kleinen, offenen Hof, der von niedrigen Häusern umgeben war, hatte der Mondschein größere Kraft.

Ein kleines Mädchen von zwei Jahren kniete neben einer toten Frau. Das Kind zerrte an der Mutter, um sie wieder aufzuwecken.

Silje war selbst noch ein Kind, zugleich aber war sie auch eine kleine Frau. Beim Anblick des kleinen Kindes ergriff eine seltsame Rührung ihr Herz, während sie gleichzeitig vor der Toten zurückwich. Das Gesicht, der Schaum vor dem Mund, alles deutete mit grausamer Deutlichkeit darauf hin, dass die Pest zugeschlagen hatte.

Trøndelag war von dieser Seuche, die im Grunde aus zweien bestand, schwer heimgesucht worden. Neben der Pest wirkten alle anderen Krankheiten ziemlich geringfügig; und diesmal war noch eine ansteckende Krankheit aus Dänemark gekommen. Sie wurde bisweilen das »spanische Pfeifen« genannt und war ein Katarrh in Verbindung mit Fieber, Kopfweh und Brustschmerzen. Zur gleichen Zeit jedoch war eine Seuche mit reinem Pestcharakter aus Schweden gekommen. Sie ging mit Geschwüren und Kopfschmerzen einher, verursachte starke Schmerzen in der Seite und führte zum Wahnsinn. Silje kannte die Anzeichen; sie hatte sie allzu oft beobachtet.

Das kleine Mädchen hatte sie nicht bemerkt. Silje dachte in ihrer Erschöpfung langsam, so viel aber begriff sie:

Sie hatte allein versuchen müssen, zu Hause in der Hütte die Pest zu überleben. Sie war lange genug zwischen den Toten der Stadt umhergewandert, um sich angesteckt zu haben. Silje hatte keine Angst um sich. Aber das kleine Kind?

Es hatte kaum Aussichten, die Krankheit zu überstehen. Und wenn es hier allein bei der Mutter bliebe, dann hätte es erst recht keine Überlebenschance.

Silje kniete sich neben die Kleine, die ihr nun das verweinte Gesicht zuwandte. Sie war ein hübsches kleines Mädchen, robust gebaut, mit dunklen Locken, dunklen Augen und kräftigen, kleinen Händen.

»Deine Mutter ist tot«, sagte Silje sanft. »Sie kann nicht mehr mit dir sprechen. Du musst jetzt bei mir bleiben.«

Die Lippen der Kleinen zitterten, vor Schreck aber hörte sie auf zu’ weinen.

Silje erhob sich und rüttelte an den Türen, die auf den kleinen Hof hinausgingen. Sie waren alle drei verschlossen. Die Frau gehörte bestimmt nicht hierher. Vielleicht war sie nur zum Sterben hergekommen?

Auch wenn sie anklopfte, würde niemand öffnen, das wusste sie aus Erfahrung.

Mit raschen Bewegungen riss sie ein Stück Stoff von ihrem zerlumpten Rocksaum ab und knotete daraus etwas, was entfernt einer Puppe ähnlich sah. Die legte sie in die Hände der Toten, damit sie nicht zur Wiedergängerin werden und ihr Kind verfolgen könnte. Dann sprach sie ein stilles Gebet für die Seele der Unglücklichen.

»Komm«, sagte sie zu dem Mädchen. »Wir müssen gehen.«

Das Kind wollte nicht. Es hielt sich am Mantel der Mutter fest, der schön und nicht allzu zerschlissen war. Das Mädchen war ebenfalls gut gekleidet. Nicht verschwenderisch, aber einfach und hübsch. Die Mutter musste einmal eine strahlende Schönheit gewesen sein. Nun starrte sie aus schwarzen Augen blind zum Mond hinauf.

Dass Silje den Mantel der Toten an sich nehmen könnte, um ihren frierenden Körper zu schützen, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Das war für sie aus vielen verschiedenen Gründen undenkbar, hauptsächlich aber war ihr wohl der Gedanke zuwider.

»Komm«, sagte sie erneut, ziemlich hilflos gegenüber dem schluchzenden Weinen. Vorsichtig machte sie die Hände der Kleinen los und nahm sie auf den Arm. »Wir werden versuchen, für dich etwas zu essen zu finden.«

Davon, wie sie etwas zu essen finden sollte, hatte sie keine Vorstellung, aber das Wort »essen« hatte magische Wirkung. Das Mädchen resignierte mit einem bebenden, tränenerstickten Seufzer und ließ sich aus dem Hinterhof tragen. Doch der lange Blick, den es noch auf seine Mutter warf, war so voller Trauer und Verzweiflung, dass Silje ihn niemals vergessen würde.

Das Kind weinte leise, während Silje es das letzte Stück zum Tor und weiter durch die Straßen trug. Die Kleine hatte offenbar so lange geweint, dass sie zu erschöpft war, um Widerstand zu leisten.

Siljes Problem jedoch hatte sich verdoppelt. Jetzt war sie auch noch für einen anderen Menschen verantwortlich. Für ein Kind, das aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb weniger Tage an der Pest sterben würde ... Doch bis dahin musste sie dafür sorgen, dass es nicht verhungerte.

Sie näherte sich dem Stadttor. Zwischen den Häusern erblickte sie den Lichtschein vom Leichenverbrennungsplatz. In jenen Tagen war es so kalt, dass die Toten nicht begraben werden konnten und deshalb verbrannt werden mussten. Ansonsten gab es ein Massengrab, das ... Nein, Silje wollte jetzt nicht an diese schrecklichen Dinge denken.

Sie entdeckte eine Frau, die an einer Hauswand lehnte und offensichtlich kurz vor dem Zusammenbruch war. Silje ging zögernd auf sie zu.

»Kann ich dir helfen?«, fragte sie vorsichtig.

Die Frau wandte sich ihr mit matten Augen zu. Es war eine junge Dame von vornehmer Erscheinung, jetzt aber war sie leichenblass, und Schweiß rann ihr übers Gesicht.

Als sie Silje bemerkte, nahm sie all ihre Kräfte zusammen und setzte ihren Weg fort. »Mir kann keiner helfen«, murmelte sie, während sie um die Straßenecke verschwand. Silje sah ihr nach, folgte ihr aber nicht. Es ist wohl wieder die Pest, dachte sie, und gegen die Pest kann ich nichts ausrichten.

Dann war sie am Stadttor. Es würde erst in einer Stunde geschlossen werden. Silje jedoch wollte nicht wieder in die Stadt zurück. Dort gab es für sie und das Kind keine Hilfe, das wusste sie. Sie musste versuchen, auf dem Land eine Scheune oder einen anderen Unterschlupf zu finden.

Wenn sie nur keinen Raubtieren begegnete!

Aber die waren nicht schlimmer als das Gesindel, das sich in der Stadt am Marktplatz herumtrieb. All die betrunkenen Männer und anderen Streuner, die versuchten sie anzufassen, wenn sie in die Nähe ihres Reviers geriet. Die waren der Ansteckungsgefahr gegenüber vollkommen gleichgültig geworden oder nahmen an, dass ihre Zeit so gut wie abgelaufen war. Da wollten sie doch, bevor es zu spät war, noch einmal alle Genüsse des Lebens auskosten.

Der Torwächter fragte, wohin sie so spät am Abend wolle. Sie erklärte, sei seien wegen ihrer Krankheitssymptome aus der Stadt gewiesen worden, und das akzeptierte er unmittelbar. Mit einer Handbewegung winkte er sie vorbei. Es kümmerte ihn nicht, dass sie die Seuche weitertrugen, und wenn schon! Hauptsache, sie verließen seine Stadt.

Die Wärme des Feuers dort draußen lockte, und Silje begann rascher zu gehen. Wenn sie nur nicht das Feuer löschten, bevor sie angelangt war. Zunächst jedoch musste sie durch den Wald, der zwischen der Stadt und dem Richtplatz lag. Als sie nach Trondheim gekommen war, hatte Silje sich zu der bösen Stätte, dem Galgenberg, verlaufen. Der Gestank und der schaurige Anblick, der sich ihr bot, hatten sie jedoch so entsetzt, dass sie sich schnell wieder entfernt hatte.

Nun aber trieb sie die Sehnsucht nach Wärme dorthin. Nur einmal die frierenden Hände zum Feuer halten, den Rücken dort hinwenden und fühlen, wie die Wärme die Kleider bis auf die Haut durchdringt, die seit unzähligen Tagen und Nächten nur Kälte gespürt hatte — es war wie ein Wunschtraum.

Der Wald ...! Sie blieb am Waldrand stehen.

Silje hatte Angst vor dem Wald, hatte sie immer gehabt, so wie sie die Leute vom flachen Land oft empfinden. Denn im Wald verbarg sich so viel Unsichtbares.

Die Kleine wurde zu schwer für Siljes erschöpften Körper, und sie musste sie absetzen.

»Kannst du selber laufen?«, fragte sie. »Ich nehme dich dann nach einer Weile wieder auf den Arm.«

Das Kind antwortete nicht, gehorchte aber apathisch und leise schluchzend.

Die Schatten zwischen den Stämmen waren so schwarz. Siljes Augen hatten sich einigermaßen an die dunkle Nacht gewöhnt, und die Angst überkam sie von Neuem. Sie hatte den Eindruck, hinter den Bäumen geheimnisvolle Gestalten mit leuchtenden Augen zu sehen. Sie dachte, dass schwarz nicht nur schwarz war, sondern aus einer ganzen Skala von Nuancen bestand — denn sie gingen in etwas über, das man Grau nennen konnte.

Auch die Kleine hatte Angst. Die Angst aber hatte ihr Weinen gedämpft, und sie schmiegte sich ganz fest an Silje und wimmerte ab und zu leise.

Siljes Mund war trocken. Sie versuchte zu schlucken, um die Trockenheit loszuwerden, die Angst aber konnte sie nicht abschütteln. Sie musste sich Schritt für Schritt vorantasten, immer bemüht, sich auf den Lichtschein auf der anderen Seite zu konzentrieren. Das half einige Male. Sie wagte nicht, sich umzudrehen, hatte sie doch die ganze Zeit das Gefühl, dass ihr unförmige Wesen auf den Fersen waren ...

Als sie den Wald fast zur Hälfte durchquert hatten, spürte Silje, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich und durch den Körper strömte. Sie schnappte nach Luft.

Von irgendwoher kam das Weinen eines Kindes. Aber dieses wollte sie nicht, ein solches Weinen konnte sie nicht ertragen!

Ihr Herz schlug wie verrückt.

Das Weinen eines Kindes in einem Wald. Hilfloses Jammern eines Säuglings.

Das konnte nur eins bedeuten — eine Ausgeburt.

Silje hatte Todesangst vor solchen Geistern ausgesetzter Kinder. Über sie hatte sie unzählige Geschichten gehört und sich immer gefürchtet, dass auch ihr einmal ein solcher Geist begegnen könnte. Sie wusste, dass Ausgeburten lebensgefährlich waren.

Eine Ausgeburt war der Geist eines Kindes, das heimlich geboren und dann vor langer, langer Zeit ausgesetzt worden war, damit es starb. Und danach suchte er alle heim, die an seinem geheimen Grab vorüberkamen.

Oh, sie wusste nur zu gut, was mit den Leuten geschah, die einem solchen Grab im Wald zu nahe kamen! Wenn der Säugling, groß wie ein Haus, unter unerträglichem Geschrei den Menschen verfolgte, mit Schritten, unter denen die Erde erbebte, und sich dann am Rücken festklammerte, sodass man auf die Knie sank. Sie kannte auch alle Gestalten, in die sich ein solcher Geist verwandeln konnte. Schwarze Hunde, Kinderleichen ohne Kehle, Raben und Kriechtiere. Alle gleich bösartig.

Silje blieb wie versteinert stehen. Die Beine wollten ihrem Befehl, von dieser Stätte zu flüchten, einfach nicht gehorchen.

Das kleine Mädchen jedoch, das sich dicht an sie geschmiegt hatte, reagierte auf ganz andere Weise.

Sie sagte etwas, das Silje nicht verstehen konnte. Ein einziges Wort, einen Namen vielleicht. Es hörte sich an wie »Nadda« oder so ähnlich.

Konnte sie einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester gehabt haben, die oder der vor Kurzem gestorben war? Das war nicht ganz ausgeschlossen.

Das Mädchen zog an ihrer Hand, wollte sie in Richtung des Kinderweinens ziehen, zwischen die Baumstämme, ein Stück von dem Weg entfernt, auf dem sie ihrer Vorstellung nach unterwegs waren.

Silje weigerte sich, sie wollte am liebsten fort von hier.

Das Kind wiederholte den Namen oder das Wort noch einmal. Seine Stimme war wieder weinerlich.

»Aber das ist gefährlich«, protestierte Silje. »Wir müssen gehen, fort, fort!«

Weglaufen? Mit einem riesengroßen Geist auf den Fersen? Nein, das würde es noch schlimmer machen.

Ihr kam eine andere, eine friedlichere Erinnerung. Die Erinnerung an den verzweifelten Wunsch der Ausgeburt nach Taufe, an den Ruf nach der Mutter.

Was tat man mit einem Geist, damit er Ruhe gab? Messen lesen? Sie war aber kein Priester. Oder ... halt! Es gab da einen Spruch, eine Beschwörungsformel. Wenn sie sich doch nur daran erinnern könnte! Etwas mit »Ich taufe dich ...«

Am besten alles auf einmal.

Silje holte tief Luft, und so begann sie, alle Gebete aufzusagen, die sie gelernt hatte. Es kamen abwechselnd protestantische und katholische dabei heraus, Fragmente, die sie aus ihrer frühsten Kindheit in Erinnerung hatte, Lektionen, die sie beim Dorfgeistlichen gelernt hatte.

Zögernd, beim geringsten Anzeichen von Gefahr zur Flucht bereit, näherte sie sich dem Geist.

Der Geist schwieg jetzt. Die Gebete hatten geholfen!

Silje wurde ein wenig sicherer und ging etwas schneller. Zugleich versuchte sie, ein Ritual zusammenzustellen, das als Taufe taugen könnte. Das Mädchen zog eifrig an ihr, damit sie sich beeilte.

Während sie sich vorwärtstasteten, murmelte Silje mit unsicherer Stimme:

»Ich fand dich nachts in der Dunkelheit. Deshalb taufe ich dich Dag, Tag, falls du ein Junge bist. Und du warst dazu verdammt, eines Tages zu sterben — wie lange das her ist, weiß ich nicht. Deshalb taufe ich dich Liv, Leben, falls du ein Mädchen bist.«

Hörte sich das albern an? War das als Taufritual geeignet? Sicherheitshalber fügte sie noch hinzu: »In Jesu Christi Namen, Amen.« Wohl wissend, dass sie nicht das Recht hatte, so heilige Worte in den Mund zu nehmen. Die waren den Geistlichen vorbehalten.

War es womöglich gefährlich, ein Kind Liv zu nennen? Vielleicht würde die Ausgeburt dann tatsächlich zum Leben erwachen und sich mit gewaltiger Macht erheben ... Nein, so etwas durfte sie nicht denken. Sie hatte jetzt ihr Bestes getan, und nun konnte sie nur beten, dass es reichte.

Das Mädchen wollte unbedingt die Ausgeburt ausfindig machen, was Siljes Vermutung verstärkte, dass sie kleinere Geschwister gehabt hatte. Der Versuch, sie davon abzuhalten, war zwecklos, es blieb ihr nichts anderes übrig, als der Kleinen zu folgen.

Hier irgendwo musste es sein. Sie blieb stehen, bückte sich und begann, im Dunkeln unter den Bäumen zu suchen. Ihr klopfte das Herz vor Angst, und die frierenden Finger zitterten.

Aber eine Ausgeburt anfassen?

Wie würde sich das anfühlen? Da konnte doch alles Mögliche liegen? Vielleicht nur vertrocknete Knochen? Oder etwas Ekelerregendes und Schleimiges? Oder würde etwas, stark wie Eisen, nach ihrem Handgelenk greifen? Sie wäre am liebsten vor allem geflohen, als sie plötzlich zusammenzuckte.

Das Mädchen hatte bestimmt etwas gefunden. Sie plapperte in einem fort, vollkommen unverständlich. Und da hörte Silje ein rasselndes Geräusch wie von einem Holzgegenstand.

Sie tastete danach. Ihre Hände trafen auf einen hölzernen Handgriff. Es fühlte sich an wie ein Bierkrug mit Deckel.

Das war nicht so gefährlich. Die Hände suchten weiter.

Stoff ... Wärmer als der hart gefrorene Boden.

Ein kleines Bündel.

Als sie es berührte, setzte das zarte Kinderweinen wieder ein. Silje nahm all ihren Mut zusammen und untersuchte vorsichtig das dicke Tuch.

Warme Haut. Es war ein Kind — und es lebte. Kein Geist, nur ein Kind, das ausgesetzt worden war, um einer zu werden.

»Ich danke dir«, flüsterte sie dem kleinen Mädchen zu. »Du hast heute Nacht einem Kind das Leben gerettet.«

Das Mädchen betastete eifrig das Kind in dem Bündel. »Nadda«, sagte es wieder, und Silje brachte es nicht übers Herz, das pestinfizierte Kind fortzuscheuchen.

Der Krug. Sie schüttelte ihn. Etwas schwappte darin. Silje steckte einen Finger hinein und spürte etwas Nasses, das noch nicht eiskalt war.

Sie leckte ihren Finger ab.

Milch! Oh Vater im Himmel, es war Milch!

Mit einem Mal fuhr sie auf aus dem Rausch, der von ihr Besitz ergriffen hatte, und stellte fest, dass sie den Krug an den Mund gesetzt hatte, um alles in einem Zug auszutrinken.

Die Kinder. Die durfte sie nicht vergessen!

Doch nur einen kleinen Schluck?

Nein, dann könnte sie nicht mehr aufhören.

Zuerst das Mädchen. Ein Drittel stand ihm zu.

Sie hörte die großen, glücklichen Schlucke, während das Kind trank. Es war unsagbar schwer, ihr den kleinen Krug abzunehmen, aber sie musste es tun. Das Mädchen reagierte heftig, mit einer Wut, die Silje fast erschreckte.

»Nadda muss auch was kriegen«, flüsterte sie und beruhigte damit das Mädchen. Zudem tat die Milch anscheinend in dem kleinen Körper ihre Wirkung. Es war nicht sehr viel nötig gewesen, um die arme Kleine zu sättigen.

Aber der Säugling? Was sollte sie mit ihm machen?

Das Kind war in mehrere Stoffschichten eingewickelt, die unterste bestand aus einem Tuch, das im Abenddunkel grau schimmerte. Silje nahm den einen Zipfel, drehte ihn zusammen, tunkte ihn in den Krug und steckte ihn in den Mund des Kindes.

Das kleine Wesen wollte nicht trinken. Silje kannte sich mit Neugeborenen nicht so gut aus, wusste nicht, dass sie oft satt waren und am ersten Lebenstag keine Nahrung brauchten. Sie wusste auch nicht, dass nicht alle Kinder sofort einen Saugreflex hatten. Sie war einfach verzweifelt und hilflos.

Wie sehr sie sich auch bemühte, das Kind wollte keine Milch zu sich nehmen. Am Ende gab sie auf. Sie mussten weiter, und sie konnte nicht auch noch den Krug tragen, sie hatte schließlich nur zwei Arme. Mit großem Schuldgefühl trank sie selbst den Rest aus. Es schmeckte ihr nicht sonderlich gut, wenn sie daran dachte, dass sie es einem anderen wegnahm.

Dann richtete sie sich auf, nahm den Säugling auf den Arm und das kleine Mädchen bei der Hand. Sie brach in ein beinahe verzweifeltes Lachen aus. Was um alles in der Welt tat sie da eigentlich? Der Blinde führt den Lahmen, dachte sie. Sie war den Kindern keine große Hilfe, nein!

Die Milch aber hatte sie gesättigt und gestärkt, sowohl das Mädchen als auch sie. Siljes Angst vor der Dunkelheit war ebenfalls etwas gewichen. Denn nun leuchtete der Feuerschein klar und deutlich zwischen den Stämmen hervor.

Sie hielt am Waldrand an und schaute auf den widerlichen Platz hinunter. Von dem gewaltigen Feuer stiegen stinkende Rauchschwaden auf. Vor dem Feuer erhoben sich die schwarzen Konturen eines Galgens, und daneben standen die Foltergeräte, die bewiesen, welche Fantasie die Menschen plötzlich entwickelten, wenn man ihnen die Gelegenheit gab, andere zu quälen. Dort sah sie den Pranger. Daneben war ein Feuer entfacht worden, um Schwerter und Zangen zum Glühen zu bringen. Große, unheimliche Haken zum Hängen von Gesetzesbrechern, Foltergerätschaften, die so grotesk und so teuflisch erdacht waren, dass Silje bei ihrem Anblick aufstöhnte.

Am auffallendsten aber war das Rad, auf dem den Unglücklichen das Rückgrat gebrochen wurde und ...

»Oh nein!«, jammerte sie leise. »Oh nein, nein!«

Zwischen all diesen grauenvollen Apparaturen bewegten sich dunkle Gestalten. Silje erkannte den Henker mit seiner schwarzen Kapuze, der seine abgeschnittenen Ohren versteckte. Sein Henkersknecht, der meistverachtete Mann in Trondheim, lief geschäftig in seiner Nähe auf und ab — und überall waren Knechte des Landvogts zu sehen. In ihrer Mitte stand ein Mann — ein junger Mann mit blonden Locken, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, sollte nun aufs Rad geflochten werden.

»Nein, tut das nicht«, flüsterte sie wieder.

Sein Profil wurde vom Feuer beschienen, und er war so aufregend jung und schön. Silje krampfte es vor Schmerz das Herz zusammen, sie glaubte, schon jetzt seine bevorstehenden Qualen zu spüren.

Sie standen dort mit den Folterwerkzeugen, die jeden Knochen in seinem Körper brechen würden.

Und der Henker — der Blutmeister oder der Scharfrichter oder wie auch immer man ihn nennen wollte — ging schwergewichtig und würdevoll mit einer Axt mit breiter, schwarzer Klinge in der Hand umher.

Der Gefangene sollte also zuerst gefoltert werden und dann sterben.

Nein, das wollte Silje nicht. Ihr waren in ihrem Leben noch nicht so viele junge Männer begegnet, aber dieser war etwas ganz Besonderes. Was konnte er sein? Ein Dieb? Nein, dann wäre hier das Aufgebot an Henkersknechten und Wächtern nicht so groß. Er musste etwas sehr viel Feineres sein.

So weit war sie mit ihren Gedanken gediehen, als eine tiefe Stimme dicht hinter ihr aus dem Wald erscholl und sie heftig und unkontrolliert zusammenzucken ließ.

»Was machst du hier, Frau?«

Silje und die Kleine drehten sich jäh um, und die Kleine schrie auf. Silje hätte es ihr am liebsten gleichgetan, sie konnte sich aber beherrschen.

Mitten zwischen den Baumstämmen stand eine hohe Gestalt, die ihr wie ein Mittelding aus Tier und Mensch erschien. Dann aber sah sie, dass er lediglich in einen halblangen Mantel aus Wolfsfell gekleidet war und dass sein Kopf wegen der zotteligen Kappe dem eines Tieres ähnelte. Und dennoch: Etwas schien mit seinen Schultern nicht in Ordnung zu sein — sie waren kräftig wie die eines Raubtieres. Ein Paar schmale Augen glühten ihr aus einem seltsam scharf gezeichneten Gesicht entgegen, stattlich und zugleich unheimlich. Schnell bleckte er die Zähne, wie zu einem warnenden Wolfsgrinsen. Nur für wenige Augenblicke war er im flackernden Licht des Feuers zu sehen, um gleich darauf wieder im Schatten zu verschwinden. Er stand vollkommen regungslos da.

Zitternd antwortete sie auf seine Frage: »Ich will mich nur ein bisschen am Feuer wärmen, Herr.«

»Sind das deine Kinder?«, fragte er mit dieser dunklen, harten Stimme.

»Meine?«, wiederholte sie nervös lächelnd, steif vor Kälte. »Ich bin erst sechzehn Jahre, Herr. Ich habe diese beiden heute Abend gefunden. Sie waren allein zurückgelassen worden.«

Er betrachtete sie lange und nachdenklich. Aus lauter Angst vor seiner Erscheinung musste sie die Augen niederschlagen. Auch das Mädchen war ängstlich und versteckte sich hinter Silje.

»Du hast sie also gerettet«, sagte er. »Willst du heute Nacht noch ein Leben retten?«

Unter seinem brennenden Blick krampfte sich ihr Herz in unerklärlicher Furcht zusammen. Sie antwortete verwirrt und verlegen: »Noch ein Leben? Ich weiß nicht ... verstehe nicht ...«

»Hunger und Entbehrungen haben dein Gesicht gezeichnet, du kannst also für zwei, drei Jahre älter durchgehen. Du könntest meinem Bruder das Leben retten. Willst du?«

Ihr fuhr der Gedanke durch den Kopf, dass sie noch nie zuvor derart ungleiche Brüder gesehen hatte. Der hübsche blonde Junge dort unten und dieses Untier hier mit dem dunklen, struppigen Haar, das ihm in die Stirn hing.

»Ich will nicht, dass er stirbt«, sagte sie zögernd. »Aber wie sollte ich ihn denn retten können?«

»Ich selbst kann es nicht tun«, sagte der Mann. »Es sind zu viele, und alle sind hinter mir her. Die nehmen mich auch noch fest, und davon hätte er nichts. Aber du ...«

Er zog ein kleines, zusammengerolltes Papier aus der Manteltasche. »Hier. Nimm den Brief mit dem königlichen Siegel! Sag ihnen, du bist seine Ehefrau und das sind seine Kinder. Ihr wohnt hier in der Gegend, sein Name ist Niels Stierne, und er ist Gesandter des Königs. Wie heißt du eigentlich?«

»Silje.«

Er schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Cecilie, dummes Mädchen! Du kannst nicht Silje heißen wie ein dahergelaufenes Bauernmädchen! Du bist Gräfin, vergiss das nicht! Du musst diesen Brief ungesehen in seine Kleider schmuggeln und so tun, als fändest du ihn dort.«

Das hört sich gewagt an, dachte sie. »Aber wie könnte ich denn als Gräfin durchgehen? Das glaubt doch niemand.«

»Hast du dir das Kind auf deinem Arm nicht angesehen?«, sagte er kurz.

Sie senkte den Blick und erschrak. »Nein, aber ...«

Der Schein des Feuers war stark genug, sie konnte alles deutlich erkennen.

Das Kind war in einen Schal aus feinster Wolle eingewickelt, der so spinnwebdünn und leicht war, dass Silje dergleichen noch nie gesehen hatte. Goldfäden waren eingewebt, und das dünne Wolltuch darunter wies ein unbeschreiblich schönes Muster auf. Französische Lilien, meinte sie, hieße es. Und zuunterst lugte eine blendend weiße Decke hervor, die hatte sie in die Milch getunkt.

Der Mann machte einen Schritt nach vorn. Sie wich instinktiv zurück. Ihn umgab eine Aura der heidnischen Urzeit, von unbeschreiblicher Mystik und tierischer Anziehungskraft, zugleich verfügte er über eine enorme, fast majestätische Autorität.

»Das Kind hat Blut im Gesicht«, sagte er und wischte das Blut mit einem Zipfel des Stoffes ab. »Es ist neugeboren. Bist du sicher, dass es nicht deines ist?«

Silje war zutiefst gekränkt. »Ich bin ein anständiges Mädchen, Euer Gnaden.«

Sein Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln, während er nervös einen Blick hinunter auf den Richtplatz warf. Noch aber waren sie nicht fertig, noch war da nur ein Geistlicher, der allem Anschein nach versuchte, den Bruder zu überreden, seine Sünden zu bekennen.

»Wo hast du das Kind gefunden?«

»Hier im Wald, ausgesetzt zum Sterben.«

Er zog die schwarzen Augenbrauen hoch. »Zusammen mit der Kleinen?«, fragte er skeptisch.

»Nein, nein, sie habe ich in der Stadt über dem toten Körper ihrer Mutter gefunden.«

»Die Pest?«

»Ja.«

Er sah von ihr zum Kind. »Anscheinend hast du Mut«, sagte er langsam.

»Vor der Pest habe ich keine Angst. Sie war viele Tage meine Begleiterin. Sie schlägt um mich her zu — von mir aber will sie nichts wissen.«

Etwas, das an ein Lächeln erinnerte, zeigte sich in seinem beängstigenden Gesicht. »Von mir auch nicht. Du gehst da hinunter, nicht wahr?«

Sie zögerte mit der Antwort, und er fuhr fort: »Die Kinder schützen dich, deshalb wirst du nicht auch noch gefangen genommen. Sie müssen aber einen Namen haben.«

»Oh, ich weiß nicht, ob das Kleinste ein Mädchen oder ein Junge ist. Aber ich habe es Liv oder Dag getauft. Ich habe gedacht, es ist eine Ausgeburt, und deshalb habe ich mich durch die Nottaufe geschützt.«

»Verständlich. Und das andere?«

Silje dachte nach. »Nachtkinder sind sie beide. Nacht, Dunkelheit und Tod umgaben sie, als ich sie fand. Ich werde sie ... Sol, Sonne, nennen, glaube ich.«

Noch einmal sah er sie aus den sonderbaren Augen an, die eher langen, leuchtenden Spalten glichen. »Du hast bestimmt mehr Gedanken im Kopf als die meisten Menschen. Willst du uns nun helfen?«

Silje errötete über die anerkennenden Worte. Sie erwärmten sie. »Ich kann nicht bestreiten, dass ich Angst habe, Herr.«

»Du wirst belohnt werden.«

Sie schüttelte den Kopf. »Geld hilft mir nichts. Aber ...«

»Ja?«, sagte er.

Die Kinder gaben ihr Mut. Erhobenen Hauptes sagte sie: »In diesen Zeiten nimmt niemand umherziehendes Volk auf. Für die Kinder habe jetzt ich die Verantwortung, und ich bin durchgefroren. Ihr verschafft uns Essen, Unterkunft und Wärme, dann bin ich bereit, mein Leben für den jungen Grafen zu wagen.«

»Dafür kann ich sorgen«, versprach er.

»Gut! Dann gehe ich. Aber meine Kleider? Keine Gräfin trägt solche Lumpen am Leib.«

»Daran habe ich gedacht. So hier, nimm das!«

Unter dem Wolfspelzmantel machte er einen Umhang aus dunkelblauem Samt los. Der reichte ihm bis zur Hüfte — ihr bis auf die Füße. Sie schob die Hände durch die Schlitze.

»So! Das verdeckt das Schlimmste. Zieh ihn fest um dich. Und nimm die Fetzen von den Schuhen!«

Silje tat, was er ihr sagte. »Und meine Sprache?«

»Ja«, sagte er zögernd. »Das wundert mich. Die stammt nicht gerade von armen Leuten. Vielleicht hörst du dich ja wie eine Gräfin an. Tu dein Bestes!«

Sie holte tief Luft. »Wünscht mir Glück, Herr!«

Er nickte grimmig.

Dann schloss sie für einen Moment die Augen und holte tief Luft, wie um sich zu konzentrieren. Sie umfasste die Hand des Mädchens fester, und mit dem Säugling auf dem Arm und dem Tod im Herzen ging sie hinunter. Hinunter zu dem Platz, wo soeben die Hände des jungen Mannes aufs Rad gebunden wurden.

Im Rücken spürte sie den Blick des Menschentieres. Sie hatte das Gefühl, dass seine Augen sich in sie einbrannten.

Was für eine sonderbare, seltsame Nacht, dachte sie. Und sie hatte kaum erst begonnen.

2. Kapitel

Als Silje den offenen Platz erreicht hatte, wurde sie schneller. Die Kleine konnte nur mühsam mit ihr Schritt halten. Von Weitem rief Silje aufgeregt:

»Was um alles in der Welt habt ihr vor?«

Sie brauchte nicht die Aufgeregte zu spielen. Sie war es, sie war bereit, ihr junges Leben für den unglücklichen Grafen zu riskieren. Für einen Gesandten des Königs! Ja, hatte sie das nicht gewusst, dass er etwas Feineres als die anderen sein musste?

Die Männer drehten sich nach ihr um. Der Scharfrichter grunzte und umklammerte die Axt fester. Hatte er Angst, sein Opfer zu verlieren?

»Seid ihr vollkommen von Sinnen, ihr erbärmlichen Handlanger?«, schrie sie. »Das ist mein Mann, den ihr da misshandelt!«

Sie warf rasch einen Blick auf den Mann, der festgebunden auf dem Rad hing. Sein Gesicht war bleich und verbissen. Hinter der verbissenen Fassade drohte der Zusammenbruch. Nie hatte sie panische Angst so gut verborgen gesehen!

Er war zwar von ihrer Ankunft genauso überrascht wie die anderen, doch gewann er seine Fassung schnell wieder.

»Nein!«, rief er. »Du hättest nicht herkommen dürfen. Und dann auch noch mit den Kindern!«

Der Kommandant der Henkersknechte schnitt verächtlich eine Grimasse und wollte sie fortscheuchen. »Wenn das Euer Mann ist, Frau, dann tut es mir um Euretwillen leid.«

»Wisst Ihr denn nicht, wen Ihr da vor Euch habt?«, fragte sie, immer noch etwas aufgeregt. Trotz ihrer Furcht fand sie es recht spannend, die Ehefrau dieses jungen Grafen zu spielen.

»Wer er ist? Das wissen wir nur allzu gut!«

»So, das wisst Ihr? Und trotzdem behandelt Ihr den Gesandten des Königs auf diese unerhörte Weise?«

Der Mann auf dem Rad stieß einen wütenden Ruf aus: »Du hast kein Recht, mich zu enttarnen!«

Sie wandte sich zu ihm und war erstaunt, wie elegant und schön er war, auch wenn sie noch immer tief in seinen Augen die Todesangst sehen konnte.

»Nein, du opferst lieber dein Leben, anstatt etwas zu sagen«, fuhr sie genauso wütend dazwischen. »Ohne an uns zu denken, an deine Frau und deine Kinder. Ich aber habe nicht die Absicht, dich zu verlieren. Herr Kommandant, ich bin Gräfin Cecilie Stierne, das ist der Gesandte Seiner Majestät, Niels Stierne. Da mein Mann aus dieser Region stammt, wird er immer hierher entsandt.«

»Cecilie!«, schrie ihr »Mann«.

»Nun schweigst du! Da sitze ich allein auf dem Gut und warte auf ein Lebenszeichen von dir, und dann muss ich hören, dass ein Stümper unter den eigenen Männern des Königs dich gefangen genommen und hierhergebracht hat. Sofort brach ich von zu Hause auf, und was finde ich vor?«

Sie ging näher auf den Kommandanten zu und murmelte leise: »Er ist in geheimer Mission hier.«

»Glaubt ihr nicht!«, schrie der Gefangene. »Sie lügt nur!«

Der Kommandant war etwas unsicher geworden — allerdings nur etwas. »Tja, warum hat er denn nichts gesagt?«, fragte er spöttisch.

»Ihr müsstet doch wissen, dass ein Kurier des Königs niemals, ja unter gar keinen Umständen, seinen Auftrag verrät! Lieber geht er in den Tod.«

Ein scharfer und erstickender Geruch lag über dem ganzen Platz.

Die Helme der Henkersknechte blitzten im Fackelschein, und der Henker ließ seine schwere Axt ungeduldig durch die Luft surren.