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Überarbeitete Fassung aller 17 Kurzgeschichten England hat Sherlock Holmes, Frankreich – Pardon, Belgien – Hercule Poirot und Österreich? Österreich hat den charmanten Detektiv Dagobert. Lesen Sie hier erstmals in überarbeiteter Fassung alle ursprünglich in 6 Bänden herausgebrachten 17 Kurzgeschichten mit dem sympathischen Ermittler, der seinen bekannten Kollegen an Spitzfindigkeit und Schläue in nichts nachsteht. Dagobert Trostler ist ein Wiener Ruheständler. Sein Vermögen erlaubt ihm ein Leben nach seinen Interessen. Und seine Interessen sind die Verbrechen der feinen Wiener Gesellschaft. Dabei geht er stets charmant vor – immer Gentleman, aber auch immer erfolgreich. Der Leser weiß heute, dass die Donaumonarchie da schon dem Untergang geweiht war – umso unterhaltsamer sind die Geschichten, bieten sie doch einen Blick durchs Schlüsselloch auf eine vergangene Epoche. "Cozy Crime" wie man es heute nennt: Krimis zum Schmunzeln und Einkuscheln, ohne pathologische Serienkiller oder alptraumhafte Gewaltorgien. Null Papier Verlag
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Seitenzahl: 657
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Balduin Groller
Detektiv Dagobert
Kriminalgeschichten
Balduin Groller
Detektiv Dagobert
Kriminalgeschichten
Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected] EV: Philipp Reclam jun., Leipzig, 1910–12 2. Auflage, ISBN 978-3-962818-81-4
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Inhaltsverzeichnis
Erster Band
Die feinen Zigarren.
Der Falschspieler
Der große Unterschleif.
Anonyme Briefe.
Zweiter Band
Dagoberts unfreiwillige Reise.
Der große Rubin.
Der große Schmuckdiebstahl.
Dritter Band
Der Kasseneinbruch.
Der schreckliche Brief.
Eine teure Depesche.
Vierter Band
Ein sonderbarer Fall.
Dagoberts Ferienarbeit.
Fünfter Band
Die seltsame Fährte.
Eine Verhaftung.
Das Halsband der Gesandtin.
Sechster Band
Empfang beim Ministerpräsidenten.
Das geheimnisvolle Kästchen.
Danke, dass Sie sich für ein E-Book aus meinem Verlag entschieden haben.
Sollten Sie Hilfe benötigen oder eine Frage haben, schreiben Sie mir.
Ihr Jürgen Schulze
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Nach dem Abendessen begab man sich in das Rauchzimmer. Das war eisernes Gesetz und durfte durchaus nicht anders sein. Die beiden Herren wären vielleicht lieber noch bei Tische sitzengeblieben, um im Nachgenusse der kulinarischen Meisterleistungen in aller Behaglichkeit ihre Zigarre zu rauchen, aber das ging nicht, ging absolut nicht. Das wussten sie so schon lange, und nun schien ihnen der Aufbruch und die Auswanderung nur das Selbstverständliche. Die schöne Hausfrau hatte das so eingeführt. In ihrem Hause durfte nur im Rauchzimmer geraucht werden. Dort hielt sie sogar gelegentlich mit und rauchte selbst in Gesellschaft eine Zigarette, aber für alle anderen Gemächer bestand – das setzte sie durch – strengstes Rauchverbot.
Frau Violet Grumbach hielt wie auf sich selbst, so auch auf den Rahmen für ihre Persönlichkeit, auf ihre Wohnung. Wie ihre äußere Erscheinung mit aller nur erdenkbaren Sorgfalt, mit Geschmack und guter Berechnung in Szene gesetzt war, so auch die Wohnung. Die Einrichtung war modern, war kostbar, alles war blitzblank und funkelte förmlich vor Sauberkeit. Und da sagt man noch manchmal, dass gewesene Künstlerinnen im Allgemeinen keine guten Hausfrauen abgäben!
Frau Violet war Schauspielerin gewesen. Nicht eine von den allerersten, aber sicherlich eine der allerhübschesten. Auch jetzt noch – alles, was wahr ist! – war sie eine ungemein anziehende Frau. Etwas unter Mittelgröße, die Formen von angenehm entwickelter rundlicher Fülle, jetzt doch schon beträchtlich mehr entwickelt als zuzeiten ihrer aktiven Künstlerschaft; lichtblondes, immer kunstreich geordnetes Haar, lebhaft blitzende graue Augen, feingezeichnete zarte, rote Lippen und ein pikantes, keckes Stumpfnäschen, das dem runden Gesichtchen auch jetzt noch eine Art kindlichen Ausdruckes lieh, – alles in allem ein sehr angenehmes Ensemble.
Zu den Mahlzeiten liebte sie es, immer in besonders gewählter Toilette zu erscheinen. Kinder waren nicht im Hause, so hatte sie Zeit dazu, überhaupt besaß sie eine ganz gute Art, sich das Leben zu verschönen; sie schmückte sich und ihre Umgebung. Da begreift es sich denn, dass sie ihre Vorhänge, ihre Spitzen und Deckchen, ihre Plafonds und Seidentapeten nicht der bösen Wirkung des Tabaksqualms aussetzen wollte.
Heute war nur ein Gast anwesend, der alte Hausfreund Dagobert Trostler, und der war im Hause Grumbach so zu Hause, dass man seinetwegen keinerlei Umstände mehr machte; wenn Frau Violet doch wieder große Toilette angelegt hatte, so galt das nicht einmal eigentlich ihm. Es war einmal Gepflogenheit, die eingehalten ward, auch wenn sie mit ihrem Mann allein zu Tische ging. Höchstens dass einige Nuancen auf Rechnung des Gastes kamen, so der herzförmige Ausschnitt der weißen Spitzenbluse, der dem Beobachter einige Aus- und Einblicke gestaltete, und die halblangen Spitzenärmel, die den rundlichen Unterarmen, die sich zu den seinen Handgelenken und den hübschen kleinen Händen zart verjüngten, den wünschenswerten Spielraum gewährten.
Andreas Grumbach, Besitzer einer großen und sehr einträglichen Jutespinnerei, Präsident der Allgemeinen Bauunternehmungsbank und außerdem Träger zahlreicher Titel und Würden, war ganz erheblich älter als seine Gattin; so an zwanzig Jahre, und wenn es verwehrt ist, das Alter der Damen mit allzu brutaler Genauigkeit nachzurechnen, so darf es bei ihm schon verraten werden. Er mochte doch so seine drei- oder vierundfünfzig Lenze gesehen haben, aber er sah sogar noch etwas älter aus, als er war. Sein schönes dunkelbraunes, glattgebürstetes Haar bewies nichts. Er hätte auch außer Haus frisieren lassen können. Der Backenbart zu beiden Seiten schimmerte schon sehr stark ins Silbrige, und dabei trug er doch das Kinn ausrasiert in dem Bestreben, doch etwas jünger auszusehen und den Silbersegen nicht allzu sehr anwachsen zu lassen.
Dagobert Trostler, sein alter Freund, war durchaus nicht damit einverstanden gewesen, als Grumbach, einem holden Johannistriebe nachgehend, vor etwa sechs Jahren die Schauspielerin Violet Moorlank als sein ehelich Gemahl in sein Haus führte. Es war aber nichts dagegen zu machen, und schließlich hatte Dagobert auf der ganzen Linie unrecht behalten. Es ward eine ganz akzeptable und respektable Menage daraus, die Ehe gestaltete sich zu einer durchaus glücklichen.
Dagobert selbst war Junggeselle geblieben. Er war ein ausgedienter Lebemann mit stark gelichtetem Scheitel und einem Petrus-Schöpfchen. Sein sokratisches Gesicht wurde belebt durch zwei dunkle ausdrucksvolle Augen. Jetzt hatte er nur noch zwei große Passionen, die Musik und die Kriminalistik. Sein großes Vermögen gestattete ihm, sich diesen seinen beiden so divergierenden Liebhabereien ohne jegliche andere Sorge zu widmen. Zur Musik hatte er ein genießendes und ein schaffendes Verhältnis. Seine Freunde behaupteten, dass er stärker war im ersteren. Auch er hatte Violet schon gekannt, als sie noch dem Theater angehörte, und wenn es damals irgendeine ihrer Rollen mit sich brachte, dass sie einige Lieder zu singen hatte, so war er es, der sie ihr einstudierte. Natürlich als Amateur. Auf allen Tätigkeitsgebieten, aus denen er sich umtat, blieb er Amateur, passionierter Dilettant, gentleman-rider. Seinen Profit hatte er aber bei jenen musikalischen Einpaukungen doch. Es gelang ihm nämlich manchmal, auf diesem Wege die eine oder die andere seiner eigenen Kompositionen als Einlagen in die Öffentlichkeit zu schmuggeln.
Was seine kriminalistischen Neigungen betraf, so äußerten die sich zunächst darin, dass er am liebsten von bedeutenden Raubmorden und halbwegs anständigen Unterschlagungen sprach. Er war überzeugt, dass an ihm ein Kriminalkommissär von Klasse verloren gegangen wäre, und behauptete steif und fest, dass, wenn alle Stricke rissen, er sehr wohl in der Lage sei, sich als Detektiv sein Brot zu verdienen. Seine Freunde machten sich auch oft genug lustig über ihn. Nicht etwa, dass sie an seinem einschlägigen Talent gezweifelt hätten. Von dem hatte er ja oft genug überzeugende Proben geliefert. Sie fanden nur die Passion sonderbar, sich selbst eine Rute auf den Rücken zu binden. Denn seine Liebhaberei brachte ihm nicht nur mancherlei Unannehmlichkeiten ein, sondern sie verstrickte ihn gelegentlich wohl auch in recht gefährliche Situationen. Wenn es irgendwo eine Ansammlung von Menschen gab, war er sicher mit dabei, aber nicht mit dem allgemeinen Interesse an dem aktuellen Vorgange, welcher Art er auch sein mochte, – er passte auf Taschendiebe und trachtete, sie bei der Arbeit zu beobachten und auf frischer Tat zu ertappen. Er geriet da nicht selten in bedenkliche Verwicklungen, aber es gelang ihm doch, manchen Langfinger der Polizei in die Hände zu liefern. So liebte er es auch, bei dunklen Kriminalfällen auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, und daher kam es, dass er sich alle möglichen Scherereien auf den Hals lud, alle Augenblicke bei Gericht zu tun hatte oder auf die Polizei zitiert wurde, der seine privaten Bemühungen manchmal schon unbequem geworden waren, – aber das alles machte ihm Vergnügen. Er war eben Amateur. –
Man begab sich also ins Rauchzimmer.
Die beiden Herren setzten sich an das Rauchtischchen, das in der Nähe des Fensters stand, Frau Violet nahm auf einer kleinen gepolsterten Bank Platz, die – ein ganz reizendes Möbelstück – sich von dem hohen und feingegliederten Kamin bis zur Tür hinzog und dort den Raum sehr schicklich ausfüllte. Der Kamin stand in einer Ecke, und so war dort ein sehr trauliches Plätzchen geschaffen.
Grumbach nahm vom Rauchtische ein Zigarrenkistchen; nicht auf gut Glück. Es waren deren mehrere da, und er hatte erst bedachtsam gewählt. Er öffnete es und wollte die Zigarren eben Dagobert reichen, als er stutzte.
»Ich weiß nicht«, sagte er nachdenklich, »es muss in meinem Hause doch noch einen Liebhaber geben – gerade für diese Sorte. Es wäre kein schlechter Geschmack. Das Stück kostet einen Gulden!«
»Bemerkst du Abgänge?« fragte Dagobert.
»Ich glaube sie zu bemerken«, erwiderte Grumbach.
»In unserem Hause wird nichts gestohlen!« warf Frau Violet ein in Verteidigung ihrer Hausfrauenehre.
»Gott sei Dank – nicht!« gab Grumbach zurück. »Und doch – ganz bestimmt kann ich es natürlich nicht behaupten – aber mir ist, als hätten aus der oberen Lage gestern nur zwei Zigarren gefehlt, und heute fehlen da acht oder neun Stück.«
»Eigene Schuld«, bemerkte Dagobert. »Müsstest sie eben unter Verschluss halten!«
»Man soll in seinem Hause auch etwas frei herumliegen lassen können!«
»Vielleicht irrst du dich doch?« gab Frau Violet zu bedenken.
»Es wäre nicht unmöglich, aber ich glaub’s nicht. Nun, ein Unglück ist’s gerade nicht, aber es beunruhigt.«
»Das müsste doch nicht schwer sein, der Sache auf den Grund zu kommen«, äußerte Dagobert, in dem sich die Detektivleidenschaft zu regen begann.
»Das Einfachste wird sein, deinen Rat zu befolgen, Dagobert. Verschließen – das ist der beste Schutz!«
»Das wäre mir nicht interessant genug«, lautete die Antwort. »Man muss den Marder erwischen!«
»Soll ich mich vielleicht auf die Lauer legen und tagelang aufpassen? Da komme ich noch billiger weg, wenn ich’s mich ein paar Zigarren kosten lasse.«
»Du musst doch wissen, wer Zutritt in das Zimmer hat!«
»Für meinen Diener stehe ich. Der nimmt nichts!«
»Und ich für mein Stubenmädchen«, beeilte sich Frau Violet hinzuzufügen. »Sie ist seit meiner Kindheit bei mir, und es ist noch nicht eine Stecknadel weggekommen!«
»Desto besser!« fuhr Dagobert fort. »Glaubst du, dass täglich Abgänge vorkommen?«
»I bewahre! Das fehlte gerade noch! Vorige Woche glaubte ich’s einmal schon bemerkt zu haben und dann einmal vielleicht auch in der vorvorigen Woche.«
Dann ließ man das Thema fallen. Man sprach noch eine Weile von den Tagesereignissen, die gerade die öffentliche Meinung beschäftigten: darauf erhoben sich Hausfrau und Hausherr, um sich noch ein wenig herzurichten für die Oper. Es war gerade ihr Logentag, Mittwoch, und Dagobert sollte wie gewöhnlich mit von der Partie sein. Einen so alten Bekannten und vertrauten Hausfreund durfte man schon ein Viertelstündchen allein lassen, ohne sich erst groß zu entschuldigen.
Frau Violet meinte im spöttischen Scherz, es müsse ihr sogar sehr erwünscht sein, eine Weile allein bleiben zu dürfen, da er nun umso ungestörter dem düsteren Problem nachsinnen könne, wohin die verschwundenen Zigarren wohl geraten sein mögen. Er als Meisterdetektiv werde das doch gewiss herausbringen!
Es hätte nicht erst dieses spöttischen Appells bedurft, um ihn an seine Liebhaberei zu erinnern. Er hatte im Stillen ohnedies schon bei sich beschlossen, den Täter zu entdecken, und so war es ihm nun ganz besonders willkommen, sich ungestört auf dem Schauplatz der Tat genau umsehen zu können. Der Fall war ja herzlich unbedeutend und geringfügig, aber was tut ein Amateur nicht, um im Training zu bleiben? Man nimmt einmal auch so etwas mit.
Er setzte sich, als er allein war, in seinem Fauteuil1 zurecht und begann nachzudenken. Gar so einfach war die Geschichte denn doch nicht. Die letzte Untat war am Tage vorher begangen worden. Er besah sich das Zigarrenkistchen, den Rauchtisch – da war nichts zu entdecken. Es war einfach ekelhaft, was in dem Hause für Reinlichkeit herrschte! Wie da täglich aufgeräumt und aufgewischt wird! Da soll dann ein Mensch etwa noch einen Fingerabdruck auf dem Holzrahmen des Rauchtisches entdecken, der die rote Tuchfüllung der Platte umgrenzt! Der Rahmen war wahrscheinlich auch gestern nicht staubig, und seither ist ja wieder unsinnig gewischt und gebürstet worden, – und da soll ein Mensch daktyloskopische Studien machen!
Damit war es also nichts.
Im Zimmer leuchteten jetzt vier elektrische Lampen. Er drehte mit einem Griff auch noch die übrigen acht auf. Strahlende Helle erfüllte nun den Raum, und jetzt untersuchte er weiter. Er schritt das Gemach nach allen Richtungen ab, und überall hin sandte er den forschenden Blick, ohne irgendeinen Anhaltspunkt finden zu können.
Dann setzte er sich wieder an den Rauchtisch. Es war klar, dass dieser das Zentrum für die Nachforschungen bilden müsse. Wie er aber auch spähte, hier ließ sich keine Spur und kein corpus delicti entdecken, – doch – eben als er wieder seine Wanderungen aufnehmen wollte, bemerkte er etwas. Eingebettet in der schmalen Spalte zwischen Tuch und Holzrahmen des Rauchtisches und über sie herausragend ein Haar, dunkel und glänzend, nicht lang – gerade gezogen vielleicht fünf Zentimeter, aber es hatte die Tendenz, sich zu einem Kreise zu schließen.
Dagobert fuhr mit der Hand über Tuch, Rahmen und Spalte, wo das Haar steckte. Dieses bog sich und blieb stecken. Es hat also auch Bürste und Staubtuch standhalten können. Anderseits – bei der Art, wie hier rein gemacht wurde, wie bereits erwähnt – geradezu ekelhaft! – war es wohl anzunehmen, dass der Widerstand kaum von Dauer sein würde. Mehrfache Angriffe würden das Haar doch wohl wegfegen. Es war also ganz gut möglich, ja wahrscheinlich, dass es erst gestern hingelangt ist.
Er dachte einen Augenblick daran, sich den Diener hereinzuläuten, um sich zu vergewissern, ob nicht heute schon irgendjemand, der nicht zum Hause gehörte, das Zimmer betreten hätte, vielleicht ihn auch darüber auszuholen, wer gestern dagewesen sei, aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Natürlich wollte er, musste er spionieren, aber nicht bei der Dienerschaft! Das konnte zu albernem Gerede führen, und eine gewisse Rücksicht war er doch dem Hause seines besten Freundes schuldig.
Er hob also das Haar mit den Fingerspitzen heraus und barg es mit aller Sorgfalt in seinem Taschenbuche. Dann setzte er seine Nachforschungen fort. Er sah sich in dem ganzen Zimmer noch einmal gut um; es war wohl kaum noch etwas zu holen. Die Beleuchtung war so hell, dass ihm nicht leicht etwas entgehen konnte. Oben auf der glatt polierten Fläche des schwarzmarmornen Kamingesimses bemerkte er ein dunkles Klümpchen, das den scharfen geraden Zug der Linie unterbrach. Ob es wohl verlohnte? Für einen Detektiv verlohnt sich alles, kann sich alles verlohnen.
Er rückte sich einen Ledersessel hin und stieg auf ihn. Ein Zigarrenstummel, etwa vier Zentimeter lang. Eine ganz leichte Staubdecke auf der polierten Platte. Wenn die Hausfrau das wüsste! Da ist heute nicht abgewischt worden. Der Herr Bediente hat sich’s bequem gemacht. Wahrscheinlich wischt er da nur jeden zweiten oder dritten Tag ab. Älter war die dünne Staubschicht nicht. Auch der Stummel war nicht älter. Das konnte ein Raucher schon beurteilen. Und noch eins. Auf der Staubfläche zeigte sich keine Spur einer Hand oder eines Fingers. Die Platte war also nicht schon staubig, als der Zigarrenrest da hingelegt wurde. Er dürfte also – er ist also gestern hingelegt worden.
Dagobert untersuchte den Rest. Er stammte von der inkriminierten Sorte.
Nun stieg Dagobert vom Sessel, steckte den bedachtsam verpackten Stumpf in die Tasche, löschte die überzähligen Lampen wieder aus und fuhr dann, als die Zeit gekommen war, mit in die Oper.
Lehnstuhl, Lehnsessel oder Armsessel <<<
Grumbach hatte die ganze Zigarrenaffäre am nächsten Tage schon wieder vergessen. Der vielbeschäftigte Fabrikherr und Großkaufmann hatte wahrhaftig an anderes zu denken. Er kam auch später nicht wieder auf sie zurück, weil sich kein Anlass dazu ergab. Ganz zu Ende war sie aber doch noch nicht.
Dagobert hatte fast eine ganze Woche verstreichen lassen, bevor er sich wieder in dem Grumbachschen Hause sehen ließ. Das letzte Mal war er am Mittwoch dort gewesen, und erst am darauffolgenden Dienstagabend zeigte er sich wieder. Frau Violet empfing ihn im Rauchzimmer. Das Diner war vorbei, und zum Kaffee, den er mit ihr nehmen sollte, rauchte sie selber ganz gern eine Zigarette.
»Ich komme Ihnen ungelegen, gnädige Frau?« begann er die Unterhaltung.
»Sie sind mir immer willkommen, Herr Dagobert«, erwiderte sie liebenswürdig, aber etwas betreten schien sie doch, als sie sich auf der Kaminbank zurechtsetzte.
»Ich meinte nur«, fuhr er harmlos fort, »weil ich ja annehmen konnte, den Herrn Gemahl nicht zu Hause zu treffen.«
»Allerdings – Dienstag ist sein Klubtag; da ist er nie zu Hause. Desto angenehmer für mich, Gesellschaft zu haben.«
»Es wäre aber doch auch möglich gewesen, dass Gnädige sich bereits mit anderweitiger Gesellschaft versorgt hätten, und ich vielleicht nur störend gewesen sein würde.«
»Sie stören niemals, Herr Dagobert«, versicherte sie eifrig und lenkte dann ab, indem sie ihn, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, bei seiner schwachen Seite packte und ihn mit seiner Detektivleidenschaft zu necken begann.
»Nun? Haben Sie den ruchlosen Zigarrenmarder noch immer nicht entdeckt?« fragte sie mit fröhlichem Spott.
»Spotten Sie nicht zu früh, Gnädige!«
»Mein Gott, ein paar Zigarren können leicht wegkommen, ohne dass man erfährt, wohin sie geraten sind. Man sollte gar nicht forschen. Am nächsten liegt es, den Diener zu beargwöhnen. Er ist sicherlich unschuldig, aber wenn einmal der Verdacht geweckt ist, – mein Mann ist sehr genau! – da kann der arme Teufel leicht um sein Brot kommen.«
»Wir werden uns ja gleich überzeugen«, entgegnete Dagobert und drückte auf den elektrischen Taster.
Frau Violet erschrak über seine Voreiligkeit und machte eine Bewegung, ihn zurückzuhalten, aber es war schon zu spät. Im nächsten Augenblick stand der Diener im Zimmer der Befehle gewärtig.
»Sie, lieber Franz«, begann Dagobert, »Sie werden so gut sein, mir einen Fiaker zu holen, so etwa in einer Stunde.«
»Sehr wohl, gnädiger Herr!«
»Hier, lieber Freund, für Ihre Mühe eine feine Zigarre!« Dagobert griff dabei nach dem Kistchen.
»Ich bitte um Verzeihung, gnädiger Herr, ich rauche nicht.«
»Ach, Unsinn, Franz!« sagte Dagobert. »Jetzt tun Sie nur Ihre Zigarrentasche heraus; wir wollen sie einmal ordentlich anfüllen.« Und er griff jetzt mit der ganzen Hand in das Kistchen.
Franz lachte mit dem ganzen Gesicht über den herablassenden Scherz und versicherte noch einmal, dass er kein Raucher sei.
»Na, dann ist’s ja gut«, bemerkte Dagobert leutselig, »dann werden wir uns schon noch miteinander verrechnen. Sie sollen deshalb nicht zu kurz kommen.«
Der Diener verbeugte sich und verließ geräuschlos das Zimmer.
»Sie sehen. Gnädige«, nahm darauf Dagobert wieder das Wort. »Er ist es nicht gewesen.«
Nun war es an Frau Violet, hell aufzulachen.
»Wenn das Ihre ganze Kunst ist, Dagobert, dann lassen Sie sich nur ruhig wieder das Lehrgeld zurückgeben! Ich sage ja nicht, dass er’s gewesen ist – er ist es bestimmt nicht gewesen –, aber selbst, wenn er sich schuldig gefühlt hätte, glauben Sie wirklich, dass er Ihnen in diese plumpe Falle gegangen wäre?«
»Wer sagt Ihnen denn, Frau Violet, dass das meine ganze Kunst ist? Ich wollte Ihnen nur vordemonstrieren, dass er der Schuldige nicht sein kann.«
»Weil Sie ihm sofort alles glauben! Sie sind naiv, Dagobert.«
»Für mich war es ganz zwecklos, ihn vorzuladen. Ich wollte nur vor Ihnen seine Ehrenrettung bewerkstelligen. Eigentlich recht überflüssiger Weise. Denn auch Sie sind von seiner Unschuld überzeugt, und damit könnten wir ja die Sache als abgeschlossen betrachten.«
»Dagobert, Sie wissen mehr, als Sie sagen wollen.«
»Ich will alles sagen, wenn es Sie interessiert, meine Gnädige.«
»Es interessiert mich sehr.«
»Wäre es nicht besser, überhaupt nichts mehr davon zu reden?«
»Ja, warum sollte das nun besser sein, Dagobert?«
»Ich dachte nur – ich weiß nämlich alles.«
»Umso besser! Lassen Sie hören, was Sie herausgebracht haben.«
»Es ist ja möglich, dass ich im einzelnen irre, dann werden Sie in der Lage sein, mich zu korrigieren.«
»Ich?!« Sie sah ihn groß an.
»Sie, meine Gnädige. Es ist ja auch möglich, dass ich mich schwer blamiere – ich glaube es nicht, aber möglich wäre es immerhin. Sie müssen berücksichtigen, dass ich ausschließlich auf meine Kombination angewiesen war und es ganz selbstverständlich verschmäht habe, Ihre Dienerschaft auszuhorchen.«
»Keine so lange Einleitung, Dagobert; zur Sache, wenn ich bitten darf.«
»Gut, ich decke meine Karten auf. Sie erinnern sich, meine Gnädigste, dass ich am letzten Mittwoch zum ersten Mal von den Abgängen erfuhr. Fünf Minuten später hatte ich die genaue Personenbeschreibung –«
»Wie haben Sie denn das angefangen?«
»Die genaue Personenbeschreibung des – des Rauchers. Ich denke, wir bleiben bei dieser Bezeichnung und vermeiden den odiosen Ausdruck Dieb oder auch nur Zigarrendieb. Die Zigarren sind ja tatsächlich nicht gestohlen, sondern nur geraucht worden, ohne dass der Hausherr davon wusste. Der Raucher ist also ein hochgewachsener junger Mann, einen guten Kopf größer als ich, mit einem wohlgepflegten schwarzen Bart und prachtvollen Zähnen.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich werde Ihnen alles sagen, Gnädigste. Übrigens hoffe ich, die Richtigkeit der von mir gelieferten Personenbeschreibung heute noch eklatant bestätigt zu sehen. Ich rechne nämlich darauf, dass der vortreffliche junge Mann binnen kurzem uns die Ehre seiner Gesellschaft gewähren wird. Ich habe auch schon das Kistchen mit seiner Lieblingssorte zurechtgerückt.«
Da tat sich die Tür auf, und der Diener trat mit der Meldung ein, dass der Wagen für den gnädigen Herrn bestellt sei und pünktlich zur festgesetzten Zeit vorfahren werde. Dann richtete er an die Hausfrau die Frage, ob es ihm nun erlaubt sei, zu »gehen«. Die Erlaubnis wurde erteilt, und er zog sich dann mit einer devoten Verbeugung und einem dankenden »Küß d’ Hand!« wieder zurück.
»Franz ist nämlich ein Theaternarr«, erläuterte Frau Violet. »Einmal in der Woche muss er ins Theater gehen, und da gebe ich ihm am liebsten den Dienstagabend frei, wo mein Mann ohnedies nicht zu Hause ist, er also am leichtesten entbehrt werden kann.«
»Ach sooo!« erwiderte Dagobert nachdenklich. »Nun, das ist ja ganz in der Ordnung.«
»Lassen Sie sich aber dadurch nur nicht ablenken, lieber Dagobert«, fuhr Frau Violet fort. »Sie sind mir die Aufklärung schuldig, wie Sie zu jener Personenbeschreibung gelangt sind.«
»Ich hatte am Mittwoch, als Sie und Ihr Herr Gemahl sich zurückzogen, um sich fürs Theater fertig zu machen, einige Minuten Zeit zur Untersuchung. Die Sache wäre vielleicht schwierig geworden, wenn ich am Schauplatz der Tat keine Spuren gefunden hätte.«
»Und Sie haben welche gefunden?«
»Ja. In der Spalte des Rauchtisches ein Haar und hier oben am Kamin einen Zigarrenrest.«
»Die konnten aber schon lange hier und dort liegen!«
»Ich hatte meine guten Gründe, anzunehmen, dass es wirklich corpora delicti und erst am Tage vorher dorthin gelangt seien. Ich habe dann bei mir zu Hause die beiden Gegenstände genau, das Haar sogar mikroskopisch untersucht.«
»Und das Resultat?«
»Ein vollkommen befriedigendes. Das Haar wies auf einen Täter mit schönem schwarzen Bart. Naturechtes Schwarz, keine Spur von künstlichem Farbstoff – also ein alter Mann ist unser Raucher nicht. Ich kann sogar sagen, dass es ein junger Mann ist. Denn das Haar war weich, bieg- und schmiegsam. Nicht gerade erster Flaum, aber doch noch immer zart. Es hätte derber, borstiger sein müssen, wenn da vorher schon jahrelang ein Rasiermesser gewaltet hätte. Der junge Mann hält auch etwas auf seinen Bart, denn unter dem Mikroskop wies das Haar eine Spur von Brillantine auf. Das ist ein ganz harmloses, kosmetisches Mittel, aber ein wenig eitel muss man doch sein, um es anzuwenden. Da Sie den Täter kennen, Gnädigste, werden Sie ja beurteilen können, ob meine Annahme eine richtige oder irrige ist.«
»Ich glaube, dass Sie sich da in eine fixe Idee verrannt haben.«
»Möglich; aber das ist ja nicht von Belang. Gehen wir weiter. Hier oben am Kaminsims lag der Zigarrenrest.«
»Zu welchen Schlüssen führte Sie der?«
»Es war mir zunächst angenehm, feststellen zu können, dass die Sorte stimmte. Die weiteren Schlüsse ergaben sich von selbst. Erlauben Sie jetzt, dass ich noch einmal auf Ihren Diener zurückkomme. Ich erwähne da etwas beinahe zum Schluss, wovon ich ausgegangen bin und womit ich eigentlich angefangen habe. Nicht ohne Grund hatte ich ihn jetzt hereinzitiert. Sie sollten sich ihn noch einmal ansehen. Also der Mensch ist blond, und sein Gesicht ist, wie sich das für einen ordentlichen Diener gehört, der auch bei Tisch serviert, glatt rasiert. Er hat ferner, wie es sich eigentlich für einen ordentlichen Diener nicht gehört und wie Sie sich überzeugen konnten, als er uns so freundlich angrinste, recht schadhafte Zähne. Endlich konnten Sie sehen, dass seine Statur eine ziemlich kleine ist. Er ist noch etwas kleiner als ich, und wir haben doch festgestellt, dass der unbekannte Täter einen schwarzen Bart trägt, sehr gute Zähne hat und einen Kopf größer ist als ich.«
»Das haben wir durchaus noch nicht festgestellt!«
»Dann wollen wir es gleich besorgen. Die Spitze der Zigarre war nicht mit einem Messer abgeschnitten, sondern prompt und glatt abgebissen worden. Dazu gehören gute Zähne. Darüber wären wir also im Klaren. Nun muss noch seine ungewöhnliche Körperlänge bewiesen werden. Nichts einfacher als das. Reproduzieren wir einmal die Situation, meine Gnädige –, eigentlich gar nicht nötig. Denn sie ist schon hergestellt. Sie auf Ihrem bevorzugten Platze –, ich in respektvoller Entfernung, aber doch gerade noch nahe genug für unsere Konversation, Ihnen gegenüberstehend, an den Kamin gelehnt. Die Aussicht, die ich da beinahe aus der Vogelperspektive genieße, ist eine entzückende. Sie brauchen nicht zu drohen, Frau Violet –, eine entzückende. Auch ich würde ohne besonderen Grund meinen glücklichen Beobachterposten nicht verlassen. Wenn ich aber eine Zigarre wegzulegen hätte, so müsste ich mich zum Rauchtische begeben, auf dem die Aschenbecher stehen. Denn ich könnte nicht auf den Sims hinauflangen, mir wäre er zu hoch! Da hätte ich nun die Personenbeschreibung begründet. Stimmt sie, meine Gnädigste?«
»Sie stimmt«, gab Frau Violet lachend zu. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Herr Dagobert. Sie sind ein fürchterlicher Mensch, und ich sehe schon, es wird doch am besten sein, wenn ich selber gleich ein umfassendes Geständnis ablege, sonst glauben Sie am Ende noch Gott weiß was!«
»Keine Geständnisse! Ich lehne sie ab. Geständnisse können – ich spreche natürlich ganz akademisch – können auch falsch sein. Es sind auf Grund von falschen Geständnissen schon Justizmorde verübt worden, und nichts vermag mich mehr aufzuregen, als der Gedanke an einen Justizmord. Zudem – ich brauche das Geständnis nicht; es kann mir nichts mehr nützen. Ich bin hier nur Untersuchungsrichter und habe kein Urteil zu schöpfen. Meine Aufgabe war, den Tatbestand aufzuklären und die Täterschaft zu erweisen. Ob dann bei der Schlussverhandlung gestanden oder geleugnet wird, das geht mich nichts an.«
»Gut, also hören wir weiter!«
»Ich musste also weiter kombinieren. Der hochgewachsene junge Mann mit dem schönen Bart und den guten Zähnen hat seine Zigarre hier in Ihrer Gegenwart geraucht und Ihnen dabei Gesellschaft geleistet. Er hat mit Ihnen geplaudert, wie ich jetzt mit Ihnen plaudere. Ein besonderes Geheimnis konnte nicht dahinter stecken.«
»Gott sei Dank, dass Sie mir das wenigstens nicht zutrauen, Dagobert!«
»Konnte nicht dahinter stecken. Wir kennen uns nun schon lange genug – Sie sind eine kluge Frau. Sie wissen, was auf dem Spiele steht, und Sie machen keine Dummheiten.«
»Ich danke für das ehrende Vertrauen!«
»Mein Vertrauen ist auch felsenfest, nicht minder mein Respekt. Aber es ist nicht nur das. Ich habe offene Augen und gute Ohren. Ich selbst hätte irgendeinmal etwas bemerken, oder irgendein Gerede hätte auch zu mir dringen müssen. Nichts von alledem. Sie haben da einen Besuch empfangen, der weiter nicht auffallen konnte, sonst wäre er schon aufgefallen. Warum fiel er nicht auf? Weil Sie ihn oft empfangen. Es musste also ein ganz harmloser Besuch sein. Ein Umstand konnte allerdings stutzig machen. Aus den hingeworfenen Äußerungen Ihres Mannes konnte ich mir so ungefähr herausnehmen, dass die Zigarren gewöhnlich am Dienstagabend verschwanden, zu der Zeit also, wo er im Klub war. Was ich nicht wusste, was Sie aber angaben, ist, dass am Dienstag Ihr Diener das Theater zu besuchen pflegt.«
»Hoffentlich ziehen Sie aus diesem Umstand nicht auch Ihre Schlüsse!«
»Ich denke nicht dran. Tatsache scheint mir, dass der junge Mann ziemlich häufig im Hause vorspricht, dass er aber gerade am Dienstag etwas länger verweilt und die Hausfrau unterhält.«
»Das ist richtig, aber ich kann versichern, dass die Unterhaltungen ganz harmloser Natur sind.«
»Daran habe ich niemals gezweifelt, zumal der junge Mann – wie soll ich sagen? – ein wenig unter Ihrem Stande ist.«
»Wie haben Sie das nun wieder herausgebracht, Dagobert?«
»Es erklärt sich von selbst, gnädige Frau. Freund Grumbach hat nicht eine oder zwei Zigarren vermisst, sondern gleich sechs oder sieben. Sie erinnern sich; nach seiner Angabe hatten aus der obersten Schicht am Tage vorher zwei Zigarren gefehlt. Die hat Grumbach jedenfalls selber herausgenommen und sich dabei halb unwillkürlich das Bild eingeprägt, das das Innere des Kistchens darbot. Einen Tag später schien es ihm, als fehlten acht oder neun Stück. Also Abgang von sechs oder sieben Stück. Man raucht aber nicht sechs oder sieben schwere Zigarren während eines Plauderstündchens mit der Hausfrau, man raucht eine, wenn’s hoch kommt zwei. Der Vorgang war nun der, dass die Hausfrau den jungen Mann beim Abschied ermutigt hat, sich noch einige Zigarren einzustecken.«
»Auch das ist richtig. Aber daraus folgt doch noch nicht, dass ich mich, wie Sie sich auszudrücken belieben, unter meinem Stande unterhalten hätte.«
»Ich bitte um Verzeihung, meine Gnädigste. Einem gesellschaftlich vollwertigen Besuch empfiehlt die Hausfrau vielleicht, sich auf den Weg eine Zigarre mitzunehmen –, eine! Natürlich ohne Betonung. Eine Handvoll zu geben oder – zu nehmen, das deutet schon auf einen gewissen gesellschaftlichen Abstand.«
»Sie sind wirklich der reine Kriminalkommissär, Dagobert!«
»Auf einen Abstand und doch auch auf eine gewisse Sympathie.«
»Es ist auch ein ganz netter, liebenswürdiger junger Mann. Haben Sie sonst noch etwas herausgebracht?«
»O, noch eine ganze Masse! Ich legte mir die Frage vor: Was kann das für ein junger Mann sein, der so oft, vielleicht täglich, ins Haus kommt, ohne dass es irgendwie auffiele? Die Antwort darauf war nicht schwer. Es konnte nur ein Beamter aus dem Büro Ihres Mannes sein, wohl einer, der die Aufgabe hat, jeden Tag am Abend dem Chef die Kassaschlüssel oder den Tagesrapport zu überbringen.«
»Er bringt allerdings nach Geschäftsschluss die tägliche Abrechnung nach Haus. Mein Mann hat sich das so eingerichtet.«
»Woran er sehr recht getan hat. Das weiß ich übrigens nun auch. Denn ich war inzwischen bei Ihrem Direktor.«
»Nein, was Sie nicht alles treiben, wenn Sie eine Spur verfolgen!«
»Man fängt entweder nicht an, meine Gnädigste, oder man fängt an, dann aber muss man auch bis ans Ende gehen, sonst hätte es keinen Sinn.«
»Und was haben Sie bei dem Direktor ausgerichtet?«
»Alles, was ich wünschen konnte.«
»Lassen Sie hören, Dagobert!«
»Ich sagte ihm, dass ich gekommen sei, einen jungen Mann zu protegieren –, er solle mich nur dem Chef nicht verraten. Der Direktor lächelte. Er wisse ganz gut, dass, wenn ich vom Chef etwas wolle, es von vornherein bewilligt sei. Wohl möglich, gab ich zu, es wäre mir aber lieber, ihn nicht direkt um den Freundschaftsdienst zu bitten. Der Direktor begriff oder tat, als begriffe er, und stellte sich mir zur Verfügung.«
Um was handelt es sich? fragte er.
Sie haben da einen jungen Mann im Kontor, erwiderte ich, – na, wie heißt er doch nur? Ich habe so ein scheußliches Namensgedächtnis! Tut übrigens nichts; werde schon draufkommen. Also ein auffallend großer junger Mann mit liebenswürdigen Manieren – sonst hätte er Ihnen nicht gefallen, meine Gnädigste –, mit einem schönen schwarzen Bart und guten Zähnen. Abends bringt er gewöhnlich dem Chef –
Ach, das ist ja unser Sekretär Sommer! unterbrach mich der Direktor.
Sommer, natürlich Sommer! Dass mir der Name entfallen konnte! Sehen Sie, lieber Direktor, Sommer ist ja ein ganz begabter Mensch, aber er ist in der Kanzlei, bei der Korrespondenz nicht am richtigen Platze. Es fehlt die letzte Genauigkeit und Exaktheit bei der Arbeit. Dagegen müsste er sich vortrefflich verwenden lassen für den Verkehr mit den Parteien. Ich weiß, dass Sie schon geraume Zeit nach einer geeigneten Persönlichkeit suchen zur Leitung der Verkaufsfiliale in Graz. Wäre das nichts für Sommer?
Der Direktor schlug sich mit der Hand auf die Stirne.
Donnerwetter, das ist eine Idee! Da suchen wir uns die Augen aus dem Kopfe und haben den Mann in nächster Nähe! Natürlich ist Sommer wie geschaffen dafür! Sie üben da nicht Protektion an ihm, sondern erweisen uns einen Dienst mit Ihrem Vorschlag. Er geht nach Graz. Die Sache ist abgemacht.
»Sie sehen, meine Gnädigste, ich war glücklich genug, ein wenig Vorsehung spielen zu können.«
»Aber Dagobert, wie konnten Sie die Behauptung riskieren, dass der junge Mensch nicht fürs Büro tauge?«
»Da war nichts riskiert dabei. Ich verließ mich auf mein bisschen Psychologie. Der richtige Büromensch ist immer mehr oder minder – bis zu einem gewissen Grade – Pedant. Er wird es durch seine Beschäftigung, die unausgesetzte minuziöse Genauigkeit erfordert. Ein Pedant ist unser Freund nicht. Der richtige Büromensch beißt die Spitzen der Zigarren nicht mit den Zähnen herunter, sondern er schneidet sie säuberlich ab mit dem Federmesser oder mit einer besonderen Maschinerie, die er sicher bei sich trägt, wenn er Zigarrenraucher ist. Und noch etwas tut der richtige Büromensch nicht. Er legt Zigarrenstummel nicht auf Marmorkamine. Er bemüht sich vielmehr zum Aschenbecher und deponiert den Rest dort, immer bestrebt, darauf zu achten, dass nicht etwas von der Asche daneben gehe. Unser sorgloser junger Freund, der es mit einem Zigarrenstummel nicht so genau nimmt, wird es wahrscheinlich auch mit der Büroarbeit nicht gar zu genau nehmen. Er hat’s nicht in sich!«
»Und daraus haben Sie dann gleich geschlossen, dass er der richtige Mann für den Parteienverkehr ist?«
»Nicht nur daraus, sondern auch aus der Bevorzugung, die Sie ihm haben zuteil werden lassen, meine Gnädigste. Er muss ein sehr angenehmes Mundwerk haben, wird wohl auch ein kleiner Schwerenöter sein. Das alles ist ganz vortrefflich, wenn man mit der Kundschaft in persönliche Berührung zu treten hat.«
»Eines müssen Sie mir noch aufklären, Dagobert. Sie haben sich bemüht, den jungen Mann wegzubringen, weil Sie um meine Tugend besorgt waren?«
»Aber, Frau Violet! Sie wissen doch, welches Vertrauen ich in Sie setze! Da ich aber wusste, dass die abgängigen Zigarren durch Ihre Hände gegangen waren, und Sie daraus Ihrem Manne gegenüber ein Geheimnis machten, musste der Raucher notwendigerweise verschwinden. Das musste sein!«
»Ein Geheimnis! Da steckt ja die Ungeschicklichkeit von mir. Ich hatte es meinem Manne nicht gleich gesagt; hatte nicht daran gedacht, und als er dann eine Affäre daraus machte, da wäre es so merkwürdig herausgekommen. Es wäre mir peinlich gewesen.«
»Geradeso habe ich es aufgefasst, gnädige Frau … Für mich dürfte übrigens der Wagen vorgefahren sein. Sollte der junge Mann noch kommen, sich zu verabschieden, dann bieten Sie ihm zur Abwechslung eine Zigarre von einer anderen Sorte an, und dann wird diese wichtige Affäre für alle Zeit erledigt sein.«
Andreas Grumbach hatte eigentlich immer ein recht zurückgezogenes Leben geführt. Seine Ehe mit der Schauspielerin Moorlank hatte sich, entgegen der ursprünglichen Annahme der abratenden Freunde, zu einer durchaus ungetrübten und glücklichen gestaltet. Die blonde Frau Violet führte das Hauswesen mit tadelloser Sorgfalt und Geschicklichkeit, und Grumbach fühlte sich zu Hause so wohl, dass er an besondere gesellschaftliche Zerstreuungen gar nicht dachte, obschon vielleicht Frau Violet nicht abgeneigt gewesen wäre. Sie war aber zu klug, da auf Änderungen zu dringen, wo ohnedies alles zu allseitiger Befriedigung sich abwickelte.
Tagsüber hatte Grumbach genug zu arbeiten, und da war es ihm doch am liebsten, wenn er die Abende in seinem Heim verbringen konnte, das ihm Frau Violet mit aller Umsicht, mit Takt und Geschmack ganz in seinem Sinne eingerichtet hatte. Einmal in der Woche besuchte er seinen Klub, das war er sich schuldig; und für einen Abend in der Woche hatte er eine Loge in der Oper, das war er Frau Violet schuldig. Sonst aber blieben sie fein zu Hause, wo es nach seiner Auffassung doch am schönsten war.
Gäste sahen sie selten bei sich. Dagobert Trostler, der gediente Lebemann, der im ruhigen Genusse seiner Renten jetzt nur noch seinen Liebhabereien lebte, der zählte kaum mit. Er konnte kommen und gehen, wann er wollte. Man war auf den alten Freund des Hauses immer vorbereitet, und er gehörte sozusagen zum Hause. Seine großen Passionen wurden ja vielfach belächelt, aber er war zu sehr Philosoph, um sich das sonderlich anfechten zu lassen.
Für Grumbachs war er geradezu unentbehrlich geworden, schon durch die Macht der Gewohnheit; aber auch sonst. Er war ein treuer und sorglicher Freund, auf den man sich in allen Lebenslagen unbedingt verlassen kannte. Er war aber auch der Mittler für die Außenwelt; er brachte die Neuigkeiten des Tages ins Haus, sorgte dafür, dass man in Sachen der Kunst aus dem laufenden blieb und wusste in einemfort allerlei Räuberromane und Kriminalgeschichten zu erzählen, bei denen man sich auch ganz gut unterhalten konnte.
Dieses Idyll hatte aber nun ein Ende gefunden, und Grumbachs wurden mit einem Male hineingerissen in den Wirbel des gesellschaftlichen Lebens der Reichshaupt- und Residenzstadt, sehr gegen die Neigung des Mannes, nicht so auch gegen die von Frau Violet, die da fand, dass sie nun erst die Rolle spiele, die ihr eigentlich und von Rechts wegen schon lange gebührt hätte.
Das war so gekommen: Freiherr Friedrich von Eichstedt, der Chef der altberühmten Firma Eichstedt & Rausch, war der eigentliche Begründer des Klubs der Industriellen gewesen und dessen alljährlich neugewählter Präsident durch volle zehn Jahre. Als die zehn Jahre um waren, wurde das Jubiläum unter großartigen Ovationen gefeiert. Es gab ein denkwürdiges Bankett, zu dem auch die Damen der Mitglieder eingeladen waren, – die Toilette von Frau Violet war sehenswert. Die große Überraschung für den Präsidenten war die feierliche Enthüllung seines von Leopold Horowitz für den Sitzungssaal gemalten Porträts. Er hatte dem Künstler natürlich dazu gesessen. Es wurden prachtvolle Reden gehalten, und alles war sehr schön. Nur eines schien bedauerlich. Der Präsident wollte nicht mehr. Er hatte genug; er wollte durchaus und durchaus nicht mehr. Er habe seinen Dienst zehn Jahre gemacht, nun solle ein anderer ’ran.
Es war nichts zu machen, und in der nächsten Generalversammlung wurde einstimmig zum Präsidenten – Andreas Grumbach gewählt. Nun war sie da, die Bescherung! Ablehnen ging nicht. Zu Hause redete Frau Violet zu, und sie hatte sich sogar hinter Dagobert gesteckt, dass er ihrem Mann die etwaigen Bedenken austreiben möchte. Aber auch ohne das – es ging wirklich nicht, abzulehnen. Die Wahl bedeutete eine Auszeichnung, die reichlich auch einen hohen Orden aufwog. Der erste Klub der Stadt, der Klub der Millionäre, wie er im Volksmund hieß! Der Mann, der da an die Spitze berufen wurde, der stand damit eigentlich an der Spitze der Industriellen überhaupt. Dazu musste einer doch schon, figürlich gesprochen, von guten Eltern sein, das will besagen, dass sein persönlicher und geschäftlicher Ruf über allen Zweifel erhaben, sein Kredit ein unbeschränkter und dementsprechend auch sein Reichtum ein sehr wohlfundierter sein musste. Für einen Geschäftsmann war also eine solche Berufung nicht mehr und nicht minder als ein Adelsbrief.
Derlei lehnt man nicht ab, zumal die Würde auch ihre Bürde hatte, welche die Übernahme in doppelter Hinsicht als Ehrenpflicht erscheinen ließ. Es war bekannt und durch die Amtsführung des ersten Präsidenten förmlich zur Tradition geworden, dass mit der Leitung des Klubs ganz erhebliche materielle Opfer verbunden waren. In Wien haben die Klubs von jeher einen sehr schweren Stand gehabt. Die unzähligen eleganten Kaffeehäuser, die London, der klassische Boden des Klubwesens, nicht hat, bieten da mit ihren Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten eine schier unbesiegliche Konkurrenz. Darum vegetieren denn auch alle Klubs nur notdürftig und arbeiten mit Defizit, solange es eben geht. Trotzdem wollten die Industriellen ihren Klub haben, und bei dem musste natürlich von vornherein jeglicher Zweifel an seinem Bestande ausgeschlossen bleiben. Da nun aber auch die Industriellen nicht zaubern können, so verließ man sich ruhig darauf, dass der jeweilige Präsident schon für die Ehre des Hauses, also auch dafür sorgen werde, dass da kein Defizit zum Vorschein kam.
Die Mitgliedsbeiträge waren recht ansehnlich, zweihundert Gulden jährlich, und dazu kamen noch Einnahmen aus den Kartengeldern, die im Jahre doch an die zwanzigtausend Gulden ausmachten. Aber auch an Ausgaben fehlte es nicht. Zehntausend Gulden Miete, zehntausend Gulden das Personal, zehntausend Gulden für Heizung, Beleuchtung, Zeitungen und sonstige Anschaffungen, zehntausend Gulden Verlust bei Küche und Keller; denn es musste alles erstklassig und dabei billig sein, um die Mitglieder heranzulocken und zusammenzuhalten. Und so ging das fort. Da läppern sich die Ausgaben doch schon zusammen.
Mit all diesen Sorgen war nun Andreas Grumbach beladen, und das war noch nicht einmal alles. Die neue Würde legte auch Repräsentationspflichten auf, vor denen er früher so schön Ruhe gehabt hatte. Früher hatte er so bequem abseits gesessen, und nun riss ihn der gesellschaftliche Strom mit. Gab der Minister des Kaiserlichen Hauses und des Äußeren einen Rout oder der Ministerpräsident eine Soiree, wurde ein Denkmal enthüllt oder ein General begraben, eine Schule eingeweiht oder eine Ausstellung eröffnet, – der Präsident des Klubs der Industriellen wurde eingeladen und musste dabei sein, was dann natürlich auch immer zum ewigen Gedächtnis ins Protokollbuch der Vorstandssitzungen eingetragen wurde. Dann kamen auch noch die privaten Einladungen, für die man sich revanchieren musste. Kurz, es ging recht bunt zu, und Frau Violet war’s sehr zufrieden.
Die Hauptschuld an allem trug eigentlich Baron Eichstedt. Erstlich einmal, weil er überhaupt das Präsidium niedergelegt hatte, und zweitens, weil er sich in Frau Violet ganz verliebt hatte – natürlich und selbstverständlich in allen Ehren. Das war die Dame, wie er sich sie schon lange gewünscht und lange gesucht hatte. Seine eigene Frau war ihm schon vor zwölf Jahren gestorben, und seit der Zeit hatte alles gesellschaftliche Leben in seinem Hause geruht. Er hatte sich ganz seinem Klub gewidmet, der ihm das Heim ersetzte. Nun regte sich aber doch das Gewissen in ihm; das musste anders werden. Als seine Frau gestorben war, hatte sie ihm ein einziges Kind hinterlassen, eine kleine Tochter, Gretl. Das war jetzt eine junge Dame von achtzehn Jahren, an deren Zukunft man doch denken musste. Er musste Leute bei sich sehen, und er musste das Mädchen in die Welt einführen. Dazu brauchte er eine befreundete Dame, die liebenswürdig genug war, an seiner Seite in seinem Hause bei festlichen Anlässen mit die Honneurs zu machen und außer Hause seine Tochter mit der nötigen Anmut und Würde zu chaperonieren.1 Weit und breit hätte er da keine geeignetere Persönlichkeit finden können als Frau Violet. Das war eine Dame von Welt, die sich anzuziehen, sich zu benehmen und zu repräsentieren wusste, und dabei war sie niemals steif und langweilig, sondern immer gut aufgelegt und munter. Gretl konnte von ihr schon etwas lernen. Dass sie Schauspielerin gewesen, tat ihr gesellschaftlich keinen Abbruch. Wenn es anfänglich vielleicht hier und da Bedenken gegeben haben mochte, so hatte diese das Schwergewicht des gesellschaftlichen Ansehens ihres Mannes doch sehr bald beiseite gedrückt.
Dagobert Trostler tat bei alledem immer mit. Grumbach hätte ihn um keinen Preis aufgegeben, und auch Frau Violet war so an ihn gewöhnt, dass er ihr sehr gefehlt hätte. Er hatte also, als Grumbach Präsident wurde, nicht nur in den Klub einzutreten, er musste es sich auch gefallen lassen, auf Vorschlag des Präsidenten in den Ausschuss kooptiert zu werden. Die Freundschaft war eine notorische, und man richtete sich danach. Man wusste, dass man dem Herrn Präsidenten gefällig sei, wenn man mit ihm auch seinen Freund einlud.
Wie jedem großen Manöver die Kritik folgt, so folgte jeder mitgemachten Unterhaltung, und wenn man noch so spät heimkehrte, im Hause Grumbach die kritische Besprechung derselben. Dagobert musste immer noch »auf einen kleinen Schwarzen und eine Zigarre« mitfahren. Frau Violet wollte es so. Man könne doch nicht gleich schlafen gehen. Ein kleiner Plausch, ein kleiner Tratsch, ein bisserl Leutausrichten – das beruhigt die Nerven wunderbar.
So saßen die drei wieder einmal zu nächtlicher Stunde beisammen und übten Manöverkritik an der eben absolvierten Soiree bei Eichstedts.
»Es war doch sehr hübsch«, bemerkte Frau Violet, die da allerdings interessierte Partei war.
»Es war tadellos«, bekräftigte Dagobert, seinen Schwarzen schlürfend. »Sie waren einfach bewunderungswürdig, Frau Violet, wie Sie die Honneurs machten.«
»Mein Gott, es ist so schwer, wenn so viele Leute da sind!«
»Ja, ein wenig zu voll war es doch wohl.«
»Sie haben sich darüber nicht zu beklagen, Dagobert. Sie liegen ja immer auf der Lauer mit Ihren Beobachtungen. Je mehr Leute, desto besser für Sie.«
»Das ist nicht richtig, Frau Violet. Es beobachtet sich besser, wenn das Gewühl nicht so groß ist.«
»Also gar keine Ausbeute heute?«
»O doch, eine Kleinigkeit schon! Ich möchte wissen, ob sie ihn auch liebt.«
»Sie haben so eine merkwürdige Art, Dagobert, die Leute mit unvermittelten Fragen und Behauptungen zu überrumpeln. Wer soll wen lieben? Und wie soll ich das wissen?«
»Nicht so unvermittelt, wie es scheint, Gnädigste. Ich liebe es nur, gelegentlich das Bekannte als bekannt vorauszusetzen und mich damit nicht weiter aufzuhalten. Ich meine wirklich, dass, wenn jemand es wissen könnte, Sie es sein müssen.«
»Etwas deutlicher, wenn ich bitten darf!«
»Ich habe im Vorzimmer, als wir weggingen, eine hübsche kleine Szene beobachtet. Eine Schauspielerin hätte davon lernen können.«
»Sie machen mich neugierig, Dagobert.«
»Die Dienerschaft half den Herrschaften in die Überkleider. Ein junger Mann, unzweifelhaft der hübscheste in der ganzen Gesellschaft – er hat so schöne melancholisch-träumerische Augen –«
»Ich weiß schon – Baron André, der kleine Attaché.«
»Bei welcher Gesandtschaft?«
»Bei keiner vorläufig. Er ist Diplomat von Beruf und wartet nun hier darauf, dass ihn seine Regierung nach Petersburg oder Madrid dirigiere.«
»Gut. Ich bemerkte also, dass dieser junge Mann nicht ohne Geschicklichkeit so manövrierte, dass nicht einer der sechs Lakaien dazu kam, ihm beim Anziehen behilflich zu sein, sondern das einzige im Vorzimmer anwesende Stubenmädchen.«
»Die war eigentlich da, um den Damen zu helfen.«
»Verstehe vollkommen. Kein schlechter Geschmack; hätte mir auch lieber von ihr helfen lassen. Ich beobachtete weiter. Und nun kommt die kleine Szene; sie war allerliebst. Er drückt ihr etwas in die Hand, das Trinkgeld. Da hätten Sie das Gesicht des Kammerkätzchens sehen sollen; es war zu reizend. Im ersten Moment Verblüffung, eisige Kälte, ja geradezu Entrüstung. Dann ein rascher Blick und darauf sofort hellster Sonnenschein. Rasch fuhr die ordnende Hand noch einmal über seinen Überrrock, dann ein freundliches Lächeln und eine devote Verbeugung. Das Mädel hat mir gefallen!«
»Wenn sie Ihnen nur gefallen hat, Dagobert! Und was hat es weiter auf sich mit Ihren interessanten Vorzimmerstudien?«
Frau Violet sagte das in nicht gerade sehr gnädigem Tone. Freund Dagobert hätte wissen können, dass man bei einer schönen Frau, vielleicht bei einer Frau überhaupt, sehr selten Glück damit hat, wenn man über ein anderes weibliches Wesen besonders entzückt ist. Und nun erst, wenn dieses andere Wesen ein Stubenmädchen ist! Ernste Forscher sind zwar längst darüber einig, dass unter Umständen auch Stubenmädchen ihre ästhetischen Vorzüge haben können, aber über gewisse Dinge ist mit Frauen einmal nicht zu reden.
»Ich meine«, fuhr Dagobert fort, »dass dieses wechselnde und ausdrucksvolle Mienenspiel einer Künstlerin auf der Bühne einen Spezialapplaus eingetragen haben würde. Während der Fahrt zu Ihnen, meine Gnädigste, habe ich mir die Sache dann zurechtgelegt. Die Zofe hat in ihrer Hand zuerst die kleine Münze gespürt. Darob die gerechte Entrüstung. Der rasche Blick belehrte sie, dass es keine kleine Münze, sondern ein Goldstück war. Daraufhin –«
»Erlauben Sie, lieber Dagobert«, unterbrach ihn Frau Violet ein wenig ungeduldig, »Ihre Trinkgeldphilosophie mag ja recht interessant sein, aber eigentlich ist es doch nicht das, was ich von Ihnen wissen wollte.«
»Ich bin ganz bei der Sache, meine Gnädigste, aber man muss einen Menschen doch ausreden lassen. Goldstücke als Trinkgelder sind bei uns nicht recht gebräuchlich. In älteren Opern und Tragödien wirft man der Dienerschaft noch einen Beutel Zechinen hin, aber das ist nicht mehr modern. Heutigestags sind nur noch die französischen Dramatiker besonders verschwenderisch. Die lassen ihre Helden gewöhnlich einen ungeheuern Aufwand treiben – aus eine Million mehr oder weniger kommt es ihnen gar nicht an –, und namentlich lassen sie sie gern riesige Trinkgelder verteilen. In unserem bürgerlichen Gesellschaftsleben ist das nicht Stil. Wir geben einen Silbergulden, und ich meine –«
»Aber – Dagobert!!!«
»Werden Sie mir nur nicht ungeduldig, meine Gnädigste!«
»Wie soll da aber ein Mensch auch nicht ungeduldig werden! Sie wollten von einem Herzensroman sprechen, bei dem ich eine Rolle spielen sollte, und nun halten Sie mir einen Vortrag – über Trinkgelder!«
»Ich sagte, dass ich mir die Sache im Wagen zurechtgelegt habe. Die Trinkgeldgeschichte hat mich erst auf die richtige Fährte gebracht. Der junge Mann ist nicht dumm –«
»Hat auch niemand behauptet!«
»Und geht sehr methodisch vor. Baronin Gretl ist die anmutigste und liebenswürdigste junge Dame, die ich kenne. Wer hat ihn denn eigentlich in die Gesellschaft eingeführt?«
»Gretls Vettern, Fredl, der Kavallerist, und Gustl, der Ministerialsekretär, mit denen er intim befreundet ist. Sie müssen ihn übrigens auch vom Klub her kennen, wo er, seitdem er hier ist, als Gast eingeschrieben ist.«
»Er war mir noch nicht ausgefallen. Also er geht methodisch vor. Er liebt Baronin Gretl, und das ist ihm sicher zu verdenken.«
»Woher wissen Sie das, Dagobert?«
»Zuerst bemerkte ich es daran – aber Sie dürfen nicht böse werden – wie er Ihnen den Hof machte, gnädigste Frau.«
»Mir?!«
»Ihnen. Allerdings. Das war ganz richtig kalkuliert. Sie vertreten dort die Hausfrau und, wie ich gleich hinzufügen will, mit bewunderungswürdiger Grazie und unvergleichlicher Umsicht. Er hat Ihren Einfuß nicht zu hoch eingeschätzt. Seine Chancen stünden schlecht, wenn er Sie gegen sich hätte. Er hatte sich also an Sie herangemacht und, wie ich mit Vergnügen bemerkt habe, nicht ohne Erfolg.«
»Was wollen Sie damit sagen, Dagobert?«
»Was ich gesagt habe. Sie haben ihn in Ihr Herz geschlossen.«
»Weil er ein reizender Mensch ist.«
»Das sage ich auch. Es lässt sich nichts Hübscheres und Liebenswürdigeres denken als die Art, wie Sie, gnädige Frau, trotz der vielseitigen Inanspruchnahme die beiden Leutchen wohlwollend zu bemuttern wussten.«
»Habe ich damit etwas Unrechtes getan?«
»Gewiss nicht. Mir war es eine spezielle Freude, zu sehen, wie sich auch bei Ihnen der echt weibliche Trieb, Ehen zu stiften, betätigte.«
»Und was hat bei alledem – das Trinkgeld zu tun?«
»Nicht viel mehr, als dass es mich auf einige Ideen gebracht hat. Ich hätte sonst kaum über die ganze Geschichte weiter nachgedacht. Methodisch – sagte ich. Sie waren gewonnen. Irgendein Lümmel von den Lakaien hätte ihm kaum etwas nützen können, dagegen kann die Zofe unter Umstünden eine ganz verwendbare Bundesgenossin werden.«
Nun war auch Frau Violet befriedigt. Es hatte ihr doch gefallen, wie Dagobert all das herausgebracht hatte, wovon sie geglaubt hätte, dass es noch kein Mensch bemerkt habe. –
Einige Tage später befand sich Dagobert wieder im Grumbachschen Hause. Sie waren nur zu dritt bei Tisch gewesen, dann begaben sie sich ins Rauchzimmer, wo Frau Violet sich’s auf ihrem Lieblingsplätzchen beim Kamin bequem machte, während die beiden Herren sich am Rauchtische einrichteten. Man saß erst eine Weile schweigend, und dann begann Dagobert mit ganz harmloser Miene, als spreche er von der natürlichsten und selbstverständlichsten Sache der Welt: »Weißt du übrigens, mein lieber Grumbach, dass in deinem Klub falsch gespielt wird?«
»Um Gottes willen!« rief Grumbach und fuhr wie von der Tarantel gestochen auf. Er war ganz blass geworden. »Das ist ja entsetzlich! Und das sagst du mir erst jetzt?!«
»Ich weiß es selber erst seit heute Vormittag, und ich wollte dir nicht vor Tisch den Appetit verderben.«
»Ich danke ab!«
»Das heißt, du willst dich um nichts kümmern. Dein Nachfolger soll dann sehen, wie er mit der Geschichte fertig wird.«
»Jedenfalls will ich mit solchen Geschichten nichts zu tun haben.«
»Von dir aus soll also dann ruhig weiter falsch gespielt werden?«
»Aber Dagobert, siehst du denn nicht, dass meine Lage furchtbar ist?«
»Angenehm ist sie allerdings nicht, Herr Präsident!«
»Da wird sich ein namenloser Skandal entwickeln!«
»Das ist wohl anzunehmen.«
»Und der Klub wird dabei zugrunde gehen! Was haben wir uns nicht alles auf unsere bürgerliche Ehrbarkeit zugute getan! Mit welcher Beruhigung haben nicht unsere alten Herren uns ihre Söhne zugeführt, – und nun das, das Allerschrecklichste. Ich geh’!«
»Ich denke, dass du gerade bleiben musst, um den Klub zu retten.«
»Ich danke dir! Wessen Name wird mit der schmutzigen Geschichte in Zusammenhang gebracht werden? Der meinige! Das Regime Grumbach! Unter seinem Vorgänger war derlei doch nicht möglich! Den Klub retten? Der ist so wie so verloren. Es braucht nur ein Wort davon in die Öffentlichkeit zu dringen, – und wie willst du das verhindern? – und jeder, der nur etwas auf seine Reputation hält, wird sich zurückziehen. Mit Recht. Polizei, Staatsanwalt, ein Skandal, wie er noch nicht da war, – und mitten drin throne ich als Präsident!«
»Es ist eine böse Geschichte, Grumbach, aber eben deshalb müssen wir trachten, den Kopf nicht zu verlieren.«
»Da lässt sich nichts mehr machen, wenn die Sache einmal ins Rollen gekommen ist. Soll ich’s vielleicht auf mich nehmen, solche Geschichten zu vertuschen?! Es ist meine Pflicht, die Anzeige zu machen, und damit reiße ich den Klub zusammen.«
»Hja – ehrlich gestanden, bin ich mir in diesem Falle selber nicht klug genug.«
»Was weißt du, Dagobert?«
»Ich weiß zunächst nur, dass falsch gespielt wird, mehr nicht.«
»Hast du Beweise?«
»Ich habe sie in der Tasche.«
Er griff in die Rocktasche und brachte ein Spiel Karten zum Vorschein, das er Grumbach überreichte. Frau Violet, die schon still vor sich hinzuweinen begonnen hatte, weil sie nicht ohne Grund ihre glücklich errungene gesellschaftliche Stellung ernstlich bedroht sah, wenn Grumbach wirklich abdankte, gesellte sich nun zu den beiden Herren und begann mit ihrem Gatten das verhängnisvolle Spiel zu prüfen. Beide waren aber außerstande, irgendetwas Verdächtiges zu entdecken.
»Die Sache ist ja nicht schlecht gemacht«, gab Dagobert zu, »aber es ist doch die einfachste Form der Maquillage.2 Es gibt noch bessere Methoden. Diese ist nur die bequemste und für ein Publikum, das nicht argwöhnisch ist, vollkommen ausreichend.«
»So zeigen Sie uns doch«, drängte Frau Violet, »wie und wo diese Karten gezeichnet sind!«
»Aber mit Vergnügen, meine Gnädigste. Zuerst will ich Ihnen aber beweisen, dass sie wirklich markiert sind. Wollen Sie so freundlich sein und das Spiel mischen. Nur noch mehr! So! Haben Sie gut gemischt?«
»Gewiss!«
»Gut, und nun, Grumbach, hebe du ab. Noch einmal! Man kann nicht vorsichtig genug sein. Und nun werde ich Blatt geben. Wie viele Karten soll ich Ihnen geben, Gnädigste?«
»Sagen wir vier.«
»Gut, da haben Sie vier Karten. Halten Sie sie nur recht vorsichtig, damit ich sie nur ja nicht sehe. Hier auch für dich vier Karten, Grumbach. Glauben Sie, dass ich sehen konnte, was ich Ihnen gab?«
»Unmöglich!«
»Natürlich ganz unmöglich, aber Sie, meine Gnädigste, haben Herz Dame, Carreau König, Herz acht und Pique Dame, und du, Grumbach: Pique König, Herz Buben, Treff Aß und Carreau Aß. Stimmt es?«
Es stimmte.
»Und glauben Sie nun«, fuhr Dagobert fort, »dass mir diese Wissenschaft einen recht erheblichen Vorteil über meine Mitspieler sichert?«
»Ob ich das glaube!« rief Frau Violet. »Hören Sie, Dagobert, Sie sind mir unheimlich. Sie sind ja förmlich selber ein vollendeter Falschspieler!«
»Ich könnte es wenigstens sein, meine Gnädige. Denn alles, was dazu gehört, weiß und beherrsche ich vollkommen. Mein Gott, man macht seine Studien. Es gibt nämlich auch dafür eine Literatur. Ein sehr belehrendes Buch über das Falschspiel hat der hervorragende französische Polizist Mr. Cavaillé geschrieben. Unterhaltend ist auch das Buch des Prestidigitateurs3 Houdin4 über denselben Gegenstand. Das gründlichste Buch darüber schrieb aber natürlich ein Deutscher, der unter dem Pseudonym Signor Domino sich nur notdürftig verbarg. Sogar eine eigene Zeitschrift war dieser nobeln Disziplin gewidmet. Sie erschien knapp vor Ausbruch der großen Revolution und führte den Titel Diogène à Paris. Das Falschspiel dringt auch in weitere Kreise und höher hinauf, als man gemeiniglich annimmt. Von Kardinal Mazarin wird mit aller Bestimmtheit behauptet, dass er ein Falschspieler gewesen sei. Vielleicht ist das Mythe, sicher aber und beglaubigt ist es, dass im Jahre 1885 Graf Callado, der Gesandte des Kaisers von Brasilien, in Rom beim Falschspielen abgefasst worden ist.«
»Hören Sie, Dagobert, Sie wissen aber auch alles!«
»An mir ist, vielleicht nicht nur meiner Überzeugung nach, ein Detektiv verloren gegangen, und eine was für klägliche Rolle müsste ein solcher gegebenenfalls spielen, wenn er das alles nicht wüsste und könnte.«
»Jedenfalls mochte ich mit Ihnen nicht spielen«, sagte Frau Violet lachend.
»Ich danke für das ehrende Vertrauen, aber ich möchte es Ihnen selbst nicht anraten. Ich bin nämlich ein starker Spieler und in allen Sätteln gerecht. Ich habe das Spieltalent. Viel tue ich mir darauf nicht zugute, aber es ist einmal da. Ich wäre also auch ohne Mogelei für jeden, geschweige denn für Ihr kindliches Gemüt, meine Gnädige, ein sehr gefährlicher Gegner. Weil dem aber so ist, und weil ich alles weiß und kenne, spiele ich selbst niemals, grundsätzlich nicht. Ich bin nur ein sehr geachteter Kiebitz, der im Zuschauen keine Fehler macht, und gelte bei allen Streitfragen als oberste und inappellable Instanz.«
Grumbach war viel zu erregt und bekümmert, um jetzt den Plaudereien Dagoberts den richtigen Geschmack abgewinnen zu können. Er wollte wissen, wie Dagobert darauf gekommen sei, dass im Klub mit gezeichneten Karten gespielt werde.
»Das war sehr einfach«, entgegnete Dagobert. »Als Ausschussmitglied habe ich die Pflicht, mich um die Verwaltung zu kümmern. Was Küche und Keller betrifft, habe ich mich schon umgetan. Es ist alles in schönster Ordnung, und – tröste dich – das Defizit aus diesen Betrieben wird uns ungeschmälert erhalten bleiben. Dann wollte ich mich auch für das Kartendepartement interessieren. Von einem Amateurdetektiv wird dich das nicht wundernehmen. Auch da, was die Verrechnung betrifft, alles in Ordnung.«
»Ich danke für eine solche Ordnung!« rief Grumbach mit Bitterkeit dazwischen.
»Da kam mir die Idee«, fuhr Dagobert fort, »die einem anderen vielleicht nicht gekommen wäre. Ich wollte einmal die überspielten Karten überprüfen. Ich ließ mir also alle Kartenspiele, die während der abgelaufenen Woche zur Verwendung gelangt waren, ins Vorstandszimmer bringen, sperrte die Tür ab und nahm dann die Überprüfung vor.«
»Wie viele Spiele hat man Ihnen denn hingeschleppt?« fragte Frau Violet.
»Vierhundertundfünfzehn Spiele, meine Gnädige.«
»Herrgott, da haben Sie ja eine furchtbare Arbeit gehabt!«
»Es war nicht so arg. Sie müssen nicht glauben, dass ich jede einzelne Karte unter die Lupe genommen habe, sonst säße ich ja noch dort. Ich nahm aus jedem Spiele nur eine Karte, allerdings ein Honneur. Wenn nämlich die wichtigen Karten nicht gezeichnet waren, dann waren es die übrigen sicher auch nicht. War aber ein Spiel markiert, dann mussten es in erster Linie jene Blätter sein, auf die es in der Partie hauptsächlich ankommt. So konnte ich doch in drei Stunden fertig werden.«
»Und was hast du gefunden?« fragte Grumbach.
»Wie ich bereits bemerkt, – dass im Klub falsch gespielt wird. Ich habe sechs gezeichnete Spiele beseitigt und unter Verschluss genommen. Eines davon ist das hier.«
»Sie haben uns noch immer nicht gezeigt, wie sie markiert sind.«
»Ich glaube es doch schon gesagt zu haben, – Maquillage, einfache Maquillage!«
»Wir sind nicht vom Fach, lieber Dagobert. Mit uns müssen Sie schon etwas deutlicher reden.«
»Wohlan, hören Sie mir zu, gnädige Frau. Sie werden enttäuscht sein, wie einfach die Geschichte ist. Sehen Sie sich diese Rückseite der Karten an. Sie ist bedruckt und weist ein einfaches, mit Absicht so gewähltes Muster auf, dass es dem Auge keine besonderen Anhaltspunkte biete. Wir haben hier zahllose Punkte und kleine, nicht ganz geschlossene Kreislinien. Der Falschspieler hat nun folgende Methode gewählt: er nahm eine seine Nähnadel, tauchte ihre Spitze in reines, farbloses und durch Erhitzung flüssig gemachtes Wachs. Dann stach er leicht an bestimmter Stelle in die Rückseite, natürlich nicht so stark, dass die Spitze durch das Blatt durchgedrungen wäre. So leicht er auch stach, die Spitze hat doch eine kleine Vertiefung verursacht, und in dieser setzte sich ein Atom von Wachs fest.«
»Das kann man aber doch unmöglich mit den Fingerspitzen spüren!« bemerkte Frau Violet, indem sie gleich die Probe zu machen versuchte.
»Wenn er sich auf seinen Tastsinn hätte verlassen wollen, hätte er eine andere Methode versucht. Es gibt solche, sie sind aber gefährlicher und darum weniger empfehlenswert.«
»Aber sehen kann er diese Pünktchen doch auch nicht!« fuhr Frau Violet fort, wieder bemüht, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen.
»Man kann sie sehr gut sehen. Lassen Sie nur das Licht auf der Rückseite spielen!«
»Ja, wahrhaftig!« rief Frau Violet erfreut. »Hier sieht man es ganz deutlich, – ein matter Punkt!«
»Das ist der ganze Witz. Das Kartenpapier glänzt, und in den Lichtreflexen macht sich ein toter Punkt leicht bemerkbar, allerdings nur für den Wissenden. Alles übrige ergibt sich von selbst. Sie sehen, da stehen acht kleine Kreislinien in einer Reihe, und es gibt zwölf Reihen. Ein Spiel könnte also aus sechsundneunzig Blatt bestehen, und der Künstler käme noch immer nicht in Verlegenheit, wo er für jedes Blatt seinen Punkt hinsetzen soll, wenn er sein System einmal festgestellt hat. Seinem Gedächtnis ist dabei gar nicht viel zugemutet. Die erste Reihe gilt für Coeur, die zweite für Carreau und so weiter. Angefangen wird mit dem König, dann kommt die Dame, – die ganze Sache, so frech sie ist, ist beinahe kindisch.«
Grumbach hatte bei Weitem nicht das Interesse für die Details wie seine Frau. Ihn peinigte die kritische Lage, in die nun er und mit ihm der ganze Klub geraten war. Seine Gedanken bewegten sich nach ganz anderer Richtung.
