Detektiv Dagobert - Balduin Groller - E-Book

Detektiv Dagobert E-Book

Balduin Groller

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Beschreibung

Überarbeitete Fassung aller 17 Kurzgeschichten England hat Sherlock Holmes, Frankreich – Pardon, Belgien – Hercule Poirot und Österreich? Österreich hat den charmanten Detektiv Dagobert. Lesen Sie hier erstmals in überarbeiteter Fassung alle ursprünglich in 6 Bänden herausgebrachten 17 Kurzgeschichten mit dem sympathischen Ermittler, der seinen bekannten Kollegen an Spitzfindigkeit und Schläue in nichts nachsteht. Dagobert Trostler ist ein Wiener Ruheständler. Sein Vermögen erlaubt ihm ein Leben nach seinen Interessen. Und seine Interessen sind die Verbrechen der feinen Wiener Gesellschaft. Dabei geht er stets charmant vor – immer Gentleman, aber auch immer erfolgreich. Der Leser weiß heute, dass die Donaumonarchie da schon dem Untergang geweiht war – umso unterhaltsamer sind die Geschichten, bieten sie doch einen Blick durchs Schlüsselloch auf eine vergangene Epoche. "Cozy Crime" wie man es heute nennt: Krimis zum Schmunzeln und Einkuscheln, ohne pathologische Serienkiller oder alptraumhafte Gewaltorgien. Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 657

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Balduin Groller

Detektiv Dagobert

Kriminalgeschichten

Balduin Groller

Detektiv Dagobert

Kriminalgeschichten

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected] EV: Philipp Reclam jun., Leipzig, 1910–12 2. Auflage, ISBN 978-3-962818-81-4

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Ers­ter Band

Die fei­nen Zi­gar­ren.

Der Falsch­spie­ler

Der große Un­ter­schleif.

An­ony­me Brie­fe.

Zwei­ter Band

Da­go­berts un­frei­wil­li­ge Rei­se.

Der große Ru­bin.

Der große Schmuck­dieb­stahl.

Drit­ter Band

Der Kas­sen­ein­bruch.

Der schreck­li­che Brief.

Eine teu­re De­pe­sche.

Vier­ter Band

Ein son­der­ba­rer Fall.

Da­go­berts Fe­ri­en­ar­beit.

Fünf­ter Band

Die selt­sa­me Fähr­te.

Eine Ver­haf­tung.

Das Hals­band der Ge­sand­tin.

Sechs­ter Band

Empfang beim Mi­nis­ter­prä­si­den­ten.

Das ge­heim­nis­vol­le Käst­chen.

Dan­ke

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Erster Band

Die feinen Zigarren.

1.

Nach dem Abendes­sen be­gab man sich in das Rauch­zim­mer. Das war ei­ser­nes Ge­setz und durf­te durch­aus nicht an­ders sein. Die bei­den Her­ren wä­ren viel­leicht lie­ber noch bei Ti­sche sit­zen­ge­blie­ben, um im Nach­ge­nus­se der ku­li­na­ri­schen Meis­ter­leis­tun­gen in al­ler Be­hag­lich­keit ihre Zi­gar­re zu rau­chen, aber das ging nicht, ging ab­so­lut nicht. Das wuss­ten sie so schon lan­ge, und nun schi­en ih­nen der Auf­bruch und die Aus­wan­de­rung nur das Selbst­ver­ständ­li­che. Die schö­ne Haus­frau hat­te das so ein­ge­führt. In ih­rem Hau­se durf­te nur im Rauch­zim­mer ge­raucht wer­den. Dort hielt sie so­gar ge­le­gent­lich mit und rauch­te selbst in Ge­sell­schaft eine Zi­ga­ret­te, aber für alle an­de­ren Ge­mä­cher be­stand – das setz­te sie durch – strengs­tes Rauch­ver­bot.

Frau Vio­let Grum­bach hielt wie auf sich selbst, so auch auf den Rah­men für ihre Per­sön­lich­keit, auf ihre Woh­nung. Wie ihre äu­ße­re Er­schei­nung mit al­ler nur er­denk­ba­ren Sorg­falt, mit Ge­schmack und gu­ter Be­rech­nung in Sze­ne ge­setzt war, so auch die Woh­nung. Die Ein­rich­tung war mo­dern, war kost­bar, al­les war blitz­blank und fun­kel­te förm­lich vor Sau­ber­keit. Und da sagt man noch manch­mal, dass ge­we­se­ne Künst­le­rin­nen im All­ge­mei­nen kei­ne gu­ten Haus­frau­en ab­gä­ben!

Frau Vio­let war Schau­spie­le­rin ge­we­sen. Nicht eine von den al­ler­ers­ten, aber si­cher­lich eine der al­ler­hüb­sche­s­ten. Auch jetzt noch – al­les, was wahr ist! – war sie eine un­ge­mein an­zie­hen­de Frau. Et­was un­ter Mit­tel­grö­ße, die For­men von an­ge­nehm ent­wi­ckel­ter rund­li­cher Fül­le, jetzt doch schon be­trächt­lich mehr ent­wi­ckelt als zu­zei­ten ih­rer ak­ti­ven Künst­ler­schaft; licht­blon­des, im­mer kunst­reich ge­ord­ne­tes Haar, leb­haft blit­zen­de graue Au­gen, fein­ge­zeich­ne­te zar­te, rote Lip­pen und ein pi­kan­tes, keckes Stumpf­näs­chen, das dem run­den Ge­sicht­chen auch jetzt noch eine Art kind­li­chen Aus­druckes lieh, – al­les in al­lem ein sehr an­ge­neh­mes En­sem­ble.

Zu den Mahl­zei­ten lieb­te sie es, im­mer in be­son­ders ge­wähl­ter Toi­let­te zu er­schei­nen. Kin­der wa­ren nicht im Hau­se, so hat­te sie Zeit dazu, über­haupt be­saß sie eine ganz gute Art, sich das Le­ben zu ver­schö­nen; sie schmück­te sich und ihre Um­ge­bung. Da be­greift es sich denn, dass sie ihre Vor­hän­ge, ihre Spit­zen und Deck­chen, ihre Pla­fonds und Sei­den­ta­pe­ten nicht der bö­sen Wir­kung des Ta­baks­qualms aus­set­zen woll­te.

Heu­te war nur ein Gast an­we­send, der alte Haus­freund Da­go­bert Trost­ler, und der war im Hau­se Grum­bach so zu Hau­se, dass man sei­net­we­gen kei­ner­lei Um­stän­de mehr mach­te; wenn Frau Vio­let doch wie­der große Toi­let­te an­ge­legt hat­te, so galt das nicht ein­mal ei­gent­lich ihm. Es war ein­mal Ge­pflo­gen­heit, die ein­ge­hal­ten ward, auch wenn sie mit ih­rem Mann al­lein zu Ti­sche ging. Höchs­tens dass ei­ni­ge Nuan­cen auf Rech­nung des Gas­tes ka­men, so der herz­för­mi­ge Aus­schnitt der wei­ßen Spit­zen­blu­se, der dem Beo­b­ach­ter ei­ni­ge Aus- und Ein­bli­cke ge­stal­te­te, und die halb­lan­gen Spit­zen­är­mel, die den rund­li­chen Un­ter­ar­men, die sich zu den sei­nen Hand­ge­len­ken und den hüb­schen klei­nen Hän­den zart ver­jüng­ten, den wün­schens­wer­ten Spiel­raum ge­währ­ten.

An­dre­as Grum­bach, Be­sit­zer ei­ner großen und sehr ein­träg­li­chen Ju­te­spin­ne­rei, Prä­si­dent der All­ge­mei­nen Bau­un­ter­neh­mungs­bank und au­ßer­dem Trä­ger zahl­rei­cher Ti­tel und Wür­den, war ganz er­heb­lich äl­ter als sei­ne Gat­tin; so an zwan­zig Jah­re, und wenn es ver­wehrt ist, das Al­ter der Da­men mit all­zu bru­ta­ler Ge­nau­ig­keit nach­zu­rech­nen, so darf es bei ihm schon ver­ra­ten wer­den. Er moch­te doch so sei­ne drei- oder vierund­fünf­zig Len­ze ge­se­hen ha­ben, aber er sah so­gar noch et­was äl­ter aus, als er war. Sein schö­nes dun­kel­brau­nes, glatt­ge­bürs­te­tes Haar be­wies nichts. Er hät­te auch au­ßer Haus fri­sie­ren las­sen kön­nen. Der Ba­cken­bart zu bei­den Sei­ten schim­mer­te schon sehr stark ins Sil­b­ri­ge, und da­bei trug er doch das Kinn aus­ra­siert in dem Be­stre­ben, doch et­was jün­ger aus­zu­se­hen und den Sil­ber­se­gen nicht all­zu sehr an­wach­sen zu las­sen.

Da­go­bert Trost­ler, sein al­ter Freund, war durch­aus nicht da­mit ein­ver­stan­den ge­we­sen, als Grum­bach, ei­nem hol­den Jo­han­nis­trie­be nach­ge­hend, vor etwa sechs Jah­ren die Schau­spie­le­rin Vio­let Moor­lank als sein ehe­lich Ge­mahl in sein Haus führ­te. Es war aber nichts da­ge­gen zu ma­chen, und schließ­lich hat­te Da­go­bert auf der gan­zen Li­nie un­recht be­hal­ten. Es ward eine ganz ak­zep­ta­ble und re­spek­ta­ble Me­na­ge dar­aus, die Ehe ge­stal­te­te sich zu ei­ner durch­aus glück­li­chen.

Da­go­bert selbst war Jung­ge­sel­le ge­blie­ben. Er war ein aus­ge­dien­ter Le­be­mann mit stark ge­lich­te­tem Schei­tel und ei­nem Pe­trus-Schöpf­chen. Sein so­kra­ti­sches Ge­sicht wur­de be­lebt durch zwei dunkle aus­drucks­vol­le Au­gen. Jetzt hat­te er nur noch zwei große Pas­sio­nen, die Mu­sik und die Kri­mi­na­lis­tik. Sein großes Ver­mö­gen ge­stat­te­te ihm, sich die­sen sei­nen bei­den so di­ver­gie­ren­den Lieb­ha­be­rei­en ohne jeg­li­che an­de­re Sor­ge zu wid­men. Zur Mu­sik hat­te er ein ge­nie­ßen­des und ein schaf­fen­des Ver­hält­nis. Sei­ne Freun­de be­haup­te­ten, dass er stär­ker war im ers­te­ren. Auch er hat­te Vio­let schon ge­kannt, als sie noch dem Thea­ter an­ge­hör­te, und wenn es da­mals ir­gend­ei­ne ih­rer Rol­len mit sich brach­te, dass sie ei­ni­ge Lie­der zu sin­gen hat­te, so war er es, der sie ihr ein­stu­dier­te. Na­tür­lich als Ama­teur. Auf al­len Tä­tig­keits­ge­bie­ten, aus de­nen er sich um­tat, blieb er Ama­teur, pas­sio­nier­ter Di­let­tant, gent­le­man-ri­der. Sei­nen Pro­fit hat­te er aber bei je­nen mu­si­ka­li­schen Ein­pau­kun­gen doch. Es ge­lang ihm näm­lich manch­mal, auf die­sem Wege die eine oder die an­de­re sei­ner ei­ge­nen Kom­po­si­tio­nen als Ein­la­gen in die Öf­fent­lich­keit zu schmug­geln.

Was sei­ne kri­mi­na­lis­ti­schen Nei­gun­gen be­traf, so äu­ßer­ten die sich zu­nächst dar­in, dass er am liebs­ten von be­deu­ten­den Raub­mor­den und halb­wegs an­stän­di­gen Un­ter­schla­gun­gen sprach. Er war über­zeugt, dass an ihm ein Kri­mi­nal­kom­mis­sär von Klas­se ver­lo­ren ge­gan­gen wäre, und be­haup­te­te steif und fest, dass, wenn alle Stri­cke ris­sen, er sehr wohl in der Lage sei, sich als De­tek­tiv sein Brot zu ver­die­nen. Sei­ne Freun­de mach­ten sich auch oft ge­nug lus­tig über ihn. Nicht etwa, dass sie an sei­nem ein­schlä­gi­gen Ta­lent ge­zwei­felt hät­ten. Von dem hat­te er ja oft ge­nug über­zeu­gen­de Pro­ben ge­lie­fert. Sie fan­den nur die Pas­si­on son­der­bar, sich selbst eine Rute auf den Rücken zu bin­den. Denn sei­ne Lieb­ha­be­rei brach­te ihm nicht nur man­cher­lei Unan­nehm­lich­kei­ten ein, son­dern sie ver­strick­te ihn ge­le­gent­lich wohl auch in recht ge­fähr­li­che Si­tua­tio­nen. Wenn es ir­gend­wo eine An­samm­lung von Men­schen gab, war er si­cher mit da­bei, aber nicht mit dem all­ge­mei­nen In­ter­es­se an dem ak­tu­el­len Vor­gan­ge, wel­cher Art er auch sein moch­te, – er pass­te auf Ta­schen­die­be und trach­te­te, sie bei der Ar­beit zu be­ob­ach­ten und auf fri­scher Tat zu er­tap­pen. Er ge­riet da nicht sel­ten in be­denk­li­che Ver­wick­lun­gen, aber es ge­lang ihm doch, man­chen Lang­fin­ger der Po­li­zei in die Hän­de zu lie­fern. So lieb­te er es auch, bei dunklen Kri­mi­nal­fäl­len auf ei­ge­ne Faust Nach­for­schun­gen an­zu­stel­len, und da­her kam es, dass er sich alle mög­li­chen Sche­re­rei­en auf den Hals lud, alle Au­gen­bli­cke bei Ge­richt zu tun hat­te oder auf die Po­li­zei zi­tiert wur­de, der sei­ne pri­va­ten Be­mü­hun­gen manch­mal schon un­be­quem ge­wor­den wa­ren, – aber das al­les mach­te ihm Ver­gnü­gen. Er war eben Ama­teur. –

Man be­gab sich also ins Rauch­zim­mer.

Die bei­den Her­ren setz­ten sich an das Rauch­tisch­chen, das in der Nähe des Fens­ters stand, Frau Vio­let nahm auf ei­ner klei­nen ge­pols­ter­ten Bank Platz, die – ein ganz rei­zen­des Mö­bel­stück – sich von dem ho­hen und fein­ge­glie­der­ten Ka­min bis zur Tür hin­zog und dort den Raum sehr schick­lich aus­füll­te. Der Ka­min stand in ei­ner Ecke, und so war dort ein sehr trau­li­ches Plätz­chen ge­schaf­fen.

Grum­bach nahm vom Rauch­ti­sche ein Zi­gar­ren­kist­chen; nicht auf gut Glück. Es wa­ren de­ren meh­re­re da, und er hat­te erst be­dacht­sam ge­wählt. Er öff­ne­te es und woll­te die Zi­gar­ren eben Da­go­bert rei­chen, als er stutz­te.

»Ich weiß nicht«, sag­te er nach­denk­lich, »es muss in mei­nem Hau­se doch noch einen Lieb­ha­ber ge­ben – ge­ra­de für die­se Sor­te. Es wäre kein schlech­ter Ge­schmack. Das Stück kos­tet einen Gul­den!«

»Be­merkst du Ab­gän­ge?« frag­te Da­go­bert.

»Ich glau­be sie zu be­mer­ken«, er­wi­der­te Grum­bach.

»In un­se­rem Hau­se wird nichts ge­stoh­len!« warf Frau Vio­let ein in Ver­tei­di­gung ih­rer Haus­frau­en­eh­re.

»Gott sei Dank – nicht!« gab Grum­bach zu­rück. »Und doch – ganz be­stimmt kann ich es na­tür­lich nicht be­haup­ten – aber mir ist, als hät­ten aus der obe­ren Lage ges­tern nur zwei Zi­gar­ren ge­fehlt, und heu­te feh­len da acht oder neun Stück.«

»Ei­ge­ne Schuld«, be­merk­te Da­go­bert. »Müss­test sie eben un­ter Ver­schluss hal­ten!«

»Man soll in sei­nem Hau­se auch et­was frei her­um­lie­gen las­sen kön­nen!«

»Vi­el­leicht irrst du dich doch?« gab Frau Vio­let zu be­den­ken.

»Es wäre nicht un­mög­lich, aber ich glaub’s nicht. Nun, ein Un­glück ist’s ge­ra­de nicht, aber es be­un­ru­higt.«

»Das müss­te doch nicht schwer sein, der Sa­che auf den Grund zu kom­men«, äu­ßer­te Da­go­bert, in dem sich die De­tek­tiv­lei­den­schaft zu re­gen be­gann.

»Das Ein­fachs­te wird sein, dei­nen Rat zu be­fol­gen, Da­go­bert. Ver­schlie­ßen – das ist der bes­te Schutz!«

»Das wäre mir nicht in­ter­essant ge­nug«, lau­te­te die Ant­wort. »Man muss den Mar­der er­wi­schen!«

»Soll ich mich viel­leicht auf die Lau­er le­gen und ta­ge­lang auf­pas­sen? Da kom­me ich noch bil­li­ger weg, wenn ich’s mich ein paar Zi­gar­ren kos­ten las­se.«

»Du musst doch wis­sen, wer Zu­tritt in das Zim­mer hat!«

»Für mei­nen Die­ner ste­he ich. Der nimmt nichts!«

»Und ich für mein Stu­ben­mäd­chen«, be­eil­te sich Frau Vio­let hin­zu­zu­fü­gen. »Sie ist seit mei­ner Kind­heit bei mir, und es ist noch nicht eine Steck­na­del weg­ge­kom­men!«

»De­sto bes­ser!« fuhr Da­go­bert fort. »Glaubst du, dass täg­lich Ab­gän­ge vor­kom­men?«

»I be­wah­re! Das fehl­te ge­ra­de noch! Vo­ri­ge Wo­che glaub­te ich’s ein­mal schon be­merkt zu ha­ben und dann ein­mal viel­leicht auch in der vor­vo­ri­gen Wo­che.«

Dann ließ man das The­ma fal­len. Man sprach noch eine Wei­le von den Ta­ge­s­er­eig­nis­sen, die ge­ra­de die öf­fent­li­che Mei­nung be­schäf­tig­ten: dar­auf er­ho­ben sich Haus­frau und Haus­herr, um sich noch ein we­nig her­zu­rich­ten für die Oper. Es war ge­ra­de ihr Lo­gen­tag, Mitt­woch, und Da­go­bert soll­te wie ge­wöhn­lich mit von der Par­tie sein. Ei­nen so al­ten Be­kann­ten und ver­trau­ten Haus­freund durf­te man schon ein Vier­tel­stünd­chen al­lein las­sen, ohne sich erst groß zu ent­schul­di­gen.

Frau Vio­let mein­te im spöt­ti­schen Scherz, es müs­se ihr so­gar sehr er­wünscht sein, eine Wei­le al­lein blei­ben zu dür­fen, da er nun umso un­ge­stör­ter dem düs­te­ren Pro­blem nach­sin­nen kön­ne, wo­hin die ver­schwun­de­nen Zi­gar­ren wohl ge­ra­ten sein mö­gen. Er als Meis­ter­de­tek­tiv wer­de das doch ge­wiss her­aus­brin­gen!

Es hät­te nicht erst die­ses spöt­ti­schen Ap­pells be­durft, um ihn an sei­ne Lieb­ha­be­rei zu er­in­nern. Er hat­te im Stil­len oh­ne­dies schon bei sich be­schlos­sen, den Tä­ter zu ent­de­cken, und so war es ihm nun ganz be­son­ders will­kom­men, sich un­ge­stört auf dem Schau­platz der Tat ge­nau um­se­hen zu kön­nen. Der Fall war ja herz­lich un­be­deu­tend und ge­ring­fü­gig, aber was tut ein Ama­teur nicht, um im Trai­ning zu blei­ben? Man nimmt ein­mal auch so et­was mit.

Er setz­te sich, als er al­lein war, in sei­nem Fau­teuil1 zu­recht und be­gann nach­zu­den­ken. Gar so ein­fach war die Ge­schich­te denn doch nicht. Die letz­te Un­tat war am Tage vor­her be­gan­gen wor­den. Er be­sah sich das Zi­gar­ren­kist­chen, den Rauch­tisch – da war nichts zu ent­de­cken. Es war ein­fach ekel­haft, was in dem Hau­se für Rein­lich­keit herrsch­te! Wie da täg­lich auf­ge­räumt und auf­ge­wischt wird! Da soll dann ein Mensch etwa noch einen Fin­ger­ab­druck auf dem Holz­rah­men des Rauch­ti­sches ent­de­cken, der die rote Tuch­fül­lung der Plat­te um­grenzt! Der Rah­men war wahr­schein­lich auch ges­tern nicht stau­big, und seit­her ist ja wie­der un­sin­nig ge­wischt und ge­bürs­tet wor­den, – und da soll ein Mensch dak­ty­lo­sko­pi­sche Stu­di­en ma­chen!

Da­mit war es also nichts.

Im Zim­mer leuch­te­ten jetzt vier elek­tri­sche Lam­pen. Er dreh­te mit ei­nem Griff auch noch die üb­ri­gen acht auf. Strah­len­de Hel­le er­füll­te nun den Raum, und jetzt un­ter­such­te er wei­ter. Er schritt das Ge­mach nach al­len Rich­tun­gen ab, und über­all hin sand­te er den for­schen­den Blick, ohne ir­gend­ei­nen An­halts­punkt fin­den zu kön­nen.

Dann setz­te er sich wie­der an den Rauch­tisch. Es war klar, dass die­ser das Zen­trum für die Nach­for­schun­gen bil­den müs­se. Wie er aber auch späh­te, hier ließ sich kei­ne Spur und kein cor­pus de­lic­ti ent­de­cken, – doch – eben als er wie­der sei­ne Wan­de­run­gen auf­neh­men woll­te, be­merk­te er et­was. Ein­ge­bet­tet in der schma­len Spal­te zwi­schen Tuch und Holz­rah­men des Rauch­ti­sches und über sie her­aus­ra­gend ein Haar, dun­kel und glän­zend, nicht lang – ge­ra­de ge­zo­gen viel­leicht fünf Zen­ti­me­ter, aber es hat­te die Ten­denz, sich zu ei­nem Krei­se zu schlie­ßen.

Da­go­bert fuhr mit der Hand über Tuch, Rah­men und Spal­te, wo das Haar steck­te. Die­ses bog sich und blieb ste­cken. Es hat also auch Bürs­te und Staub­tuch stand­hal­ten kön­nen. An­der­seits – bei der Art, wie hier rein ge­macht wur­de, wie be­reits er­wähnt – ge­ra­de­zu ekel­haft! – war es wohl an­zu­neh­men, dass der Wi­der­stand kaum von Dau­er sein wür­de. Mehr­fa­che An­grif­fe wür­den das Haar doch wohl weg­fe­gen. Es war also ganz gut mög­lich, ja wahr­schein­lich, dass es erst ges­tern hin­ge­langt ist.

Er dach­te einen Au­gen­blick dar­an, sich den Die­ner her­ein­zu­läu­ten, um sich zu ver­ge­wis­sern, ob nicht heu­te schon ir­gend­je­mand, der nicht zum Hau­se ge­hör­te, das Zim­mer be­tre­ten hät­te, viel­leicht ihn auch dar­über aus­zu­ho­len, wer ges­tern da­ge­we­sen sei, aber er ver­warf den Ge­dan­ken so­fort wie­der. Na­tür­lich woll­te er, muss­te er spio­nie­ren, aber nicht bei der Die­ner­schaft! Das konn­te zu al­ber­nem Ge­re­de füh­ren, und eine ge­wis­se Rück­sicht war er doch dem Hau­se sei­nes bes­ten Freun­des schul­dig.

Er hob also das Haar mit den Fin­ger­spit­zen her­aus und barg es mit al­ler Sorg­falt in sei­nem Ta­schen­bu­che. Dann setz­te er sei­ne Nach­for­schun­gen fort. Er sah sich in dem gan­zen Zim­mer noch ein­mal gut um; es war wohl kaum noch et­was zu ho­len. Die Be­leuch­tung war so hell, dass ihm nicht leicht et­was ent­ge­hen konn­te. Oben auf der glatt po­lier­ten Flä­che des schwarz­mar­mor­nen Ka­min­ge­sim­ses be­merk­te er ein dunkles Klümp­chen, das den schar­fen ge­ra­den Zug der Li­nie un­ter­brach. Ob es wohl ver­lohn­te? Für einen De­tek­tiv ver­lohnt sich al­les, kann sich al­les ver­loh­nen.

Er rück­te sich einen Le­der­ses­sel hin und stieg auf ihn. Ein Zi­gar­ren­stum­mel, etwa vier Zen­ti­me­ter lang. Eine ganz leich­te Staub­de­cke auf der po­lier­ten Plat­te. Wenn die Haus­frau das wüss­te! Da ist heu­te nicht ab­ge­wischt wor­den. Der Herr Be­dien­te hat sich’s be­quem ge­macht. Wahr­schein­lich wischt er da nur je­den zwei­ten oder drit­ten Tag ab. Äl­ter war die dün­ne Staub­schicht nicht. Auch der Stum­mel war nicht äl­ter. Das konn­te ein Rau­cher schon be­ur­tei­len. Und noch eins. Auf der Staub­flä­che zeig­te sich kei­ne Spur ei­ner Hand oder ei­nes Fin­gers. Die Plat­te war also nicht schon stau­big, als der Zi­gar­ren­rest da hin­ge­legt wur­de. Er dürf­te also – er ist also ges­tern hin­ge­legt wor­den.

Da­go­bert un­ter­such­te den Rest. Er stamm­te von der in­kri­mi­nier­ten Sor­te.

Nun stieg Da­go­bert vom Ses­sel, steck­te den be­dacht­sam ver­pack­ten Stumpf in die Ta­sche, lösch­te die über­zäh­li­gen Lam­pen wie­der aus und fuhr dann, als die Zeit ge­kom­men war, mit in die Oper.

Lehn­stuhl, Lehn­ses­sel oder Arm­ses­sel  <<<

2.

Grum­bach hat­te die gan­ze Zi­gar­ren­af­fä­re am nächs­ten Tage schon wie­der ver­ges­sen. Der viel­be­schäf­tig­te Fa­brik­herr und Groß­kauf­mann hat­te wahr­haf­tig an an­de­res zu den­ken. Er kam auch spä­ter nicht wie­der auf sie zu­rück, weil sich kein An­lass dazu er­gab. Ganz zu Ende war sie aber doch noch nicht.

Da­go­bert hat­te fast eine gan­ze Wo­che ver­strei­chen las­sen, be­vor er sich wie­der in dem Grum­bach­schen Hau­se se­hen ließ. Das letz­te Mal war er am Mitt­woch dort ge­we­sen, und erst am dar­auf­fol­gen­den Diens­tag­abend zeig­te er sich wie­der. Frau Vio­let emp­fing ihn im Rauch­zim­mer. Das Di­ner war vor­bei, und zum Kaf­fee, den er mit ihr neh­men soll­te, rauch­te sie sel­ber ganz gern eine Zi­ga­ret­te.

»Ich kom­me Ih­nen un­ge­le­gen, gnä­di­ge Frau?« be­gann er die Un­ter­hal­tung.

»Sie sind mir im­mer will­kom­men, Herr Da­go­bert«, er­wi­der­te sie lie­bens­wür­dig, aber et­was be­tre­ten schi­en sie doch, als sie sich auf der Ka­min­bank zu­recht­setz­te.

»Ich mein­te nur«, fuhr er harm­los fort, »weil ich ja an­neh­men konn­te, den Herrn Ge­mahl nicht zu Hau­se zu tref­fen.«

»Al­ler­dings – Diens­tag ist sein Klub­tag; da ist er nie zu Hau­se. De­sto an­ge­neh­mer für mich, Ge­sell­schaft zu ha­ben.«

»Es wäre aber doch auch mög­lich ge­we­sen, dass Gnä­di­ge sich be­reits mit an­der­wei­ti­ger Ge­sell­schaft ver­sorgt hät­ten, und ich viel­leicht nur stö­rend ge­we­sen sein wür­de.«

»Sie stö­ren nie­mals, Herr Da­go­bert«, ver­si­cher­te sie eif­rig und lenk­te dann ab, in­dem sie ihn, um dem Ge­sprä­che eine an­de­re Wen­dung zu ge­ben, bei sei­ner schwa­chen Sei­te pack­te und ihn mit sei­ner De­tek­tiv­lei­den­schaft zu ne­cken be­gann.

»Nun? Ha­ben Sie den ruch­lo­sen Zi­gar­ren­mar­der noch im­mer nicht ent­deckt?« frag­te sie mit fröh­li­chem Spott.

»Spot­ten Sie nicht zu früh, Gnä­di­ge!«

»Mein Gott, ein paar Zi­gar­ren kön­nen leicht weg­kom­men, ohne dass man er­fährt, wo­hin sie ge­ra­ten sind. Man soll­te gar nicht for­schen. Am nächs­ten liegt es, den Die­ner zu be­arg­wöh­nen. Er ist si­cher­lich un­schul­dig, aber wenn ein­mal der Ver­dacht ge­weckt ist, – mein Mann ist sehr ge­nau! – da kann der arme Teu­fel leicht um sein Brot kom­men.«

»Wir wer­den uns ja gleich über­zeu­gen«, ent­geg­ne­te Da­go­bert und drück­te auf den elek­tri­schen Tas­ter.

Frau Vio­let er­schrak über sei­ne Vo­rei­lig­keit und mach­te eine Be­we­gung, ihn zu­rück­zu­hal­ten, aber es war schon zu spät. Im nächs­ten Au­gen­blick stand der Die­ner im Zim­mer der Be­feh­le ge­wär­tig.

»Sie, lie­ber Franz«, be­gann Da­go­bert, »Sie wer­den so gut sein, mir einen Fia­ker zu ho­len, so etwa in ei­ner Stun­de.«

»Sehr wohl, gnä­di­ger Herr!«

»Hier, lie­ber Freund, für Ihre Mühe eine fei­ne Zi­gar­re!« Da­go­bert griff da­bei nach dem Kist­chen.

»Ich bit­te um Ver­zei­hung, gnä­di­ger Herr, ich rau­che nicht.«

»Ach, Un­sinn, Franz!« sag­te Da­go­bert. »Jetzt tun Sie nur Ihre Zi­gar­ren­ta­sche her­aus; wir wol­len sie ein­mal or­dent­lich an­fül­len.« Und er griff jetzt mit der gan­zen Hand in das Kist­chen.

Franz lach­te mit dem gan­zen Ge­sicht über den her­ab­las­sen­den Scherz und ver­si­cher­te noch ein­mal, dass er kein Rau­cher sei.

»Na, dann ist’s ja gut«, be­merk­te Da­go­bert leut­se­lig, »dann wer­den wir uns schon noch mit­ein­an­der ver­rech­nen. Sie sol­len des­halb nicht zu kurz kom­men.«

Der Die­ner ver­beug­te sich und ver­ließ ge­räusch­los das Zim­mer.

»Sie se­hen. Gnä­di­ge«, nahm dar­auf Da­go­bert wie­der das Wort. »Er ist es nicht ge­we­sen.«

Nun war es an Frau Vio­let, hell auf­zu­la­chen.

»Wenn das Ihre gan­ze Kunst ist, Da­go­bert, dann las­sen Sie sich nur ru­hig wie­der das Lehr­geld zu­rück­ge­ben! Ich sage ja nicht, dass er’s ge­we­sen ist – er ist es be­stimmt nicht ge­we­sen –, aber selbst, wenn er sich schul­dig ge­fühlt hät­te, glau­ben Sie wirk­lich, dass er Ih­nen in die­se plum­pe Fal­le ge­gan­gen wäre?«

»Wer sagt Ih­nen denn, Frau Vio­let, dass das mei­ne gan­ze Kunst ist? Ich woll­te Ih­nen nur vor­de­mons­trie­ren, dass er der Schul­di­ge nicht sein kann.«

»Weil Sie ihm so­fort al­les glau­ben! Sie sind naiv, Da­go­bert.«

»Für mich war es ganz zweck­los, ihn vor­zu­la­den. Ich woll­te nur vor Ih­nen sei­ne Ehren­ret­tung be­werk­stel­li­gen. Ei­gent­lich recht über­flüs­si­ger Wei­se. Denn auch Sie sind von sei­ner Un­schuld über­zeugt, und da­mit könn­ten wir ja die Sa­che als ab­ge­schlos­sen be­trach­ten.«

»Da­go­bert, Sie wis­sen mehr, als Sie sa­gen wol­len.«

»Ich will al­les sa­gen, wenn es Sie in­ter­es­siert, mei­ne Gnä­di­ge.«

»Es in­ter­es­siert mich sehr.«

»Wäre es nicht bes­ser, über­haupt nichts mehr da­von zu re­den?«

»Ja, warum soll­te das nun bes­ser sein, Da­go­bert?«

»Ich dach­te nur – ich weiß näm­lich al­les.«

»Umso bes­ser! Las­sen Sie hö­ren, was Sie her­aus­ge­bracht ha­ben.«

»Es ist ja mög­lich, dass ich im ein­zel­nen irre, dann wer­den Sie in der Lage sein, mich zu kor­ri­gie­ren.«

»Ich?!« Sie sah ihn groß an.

»Sie, mei­ne Gnä­di­ge. Es ist ja auch mög­lich, dass ich mich schwer bla­mie­re – ich glau­be es nicht, aber mög­lich wäre es im­mer­hin. Sie müs­sen be­rück­sich­ti­gen, dass ich aus­schließ­lich auf mei­ne Kom­bi­na­ti­on an­ge­wie­sen war und es ganz selbst­ver­ständ­lich ver­schmäht habe, Ihre Die­ner­schaft aus­zu­hor­chen.«

»Kei­ne so lan­ge Ein­lei­tung, Da­go­bert; zur Sa­che, wenn ich bit­ten darf.«

»Gut, ich de­cke mei­ne Kar­ten auf. Sie er­in­nern sich, mei­ne Gnä­digs­te, dass ich am letz­ten Mitt­woch zum ers­ten Mal von den Ab­gän­gen er­fuhr. Fünf Mi­nu­ten spä­ter hat­te ich die ge­naue Per­so­nen­be­schrei­bung –«

»Wie ha­ben Sie denn das an­ge­fan­gen?«

»Die ge­naue Per­so­nen­be­schrei­bung des – des Rau­chers. Ich den­ke, wir blei­ben bei die­ser Be­zeich­nung und ver­mei­den den odio­sen Aus­druck Dieb oder auch nur Zi­gar­ren­dieb. Die Zi­gar­ren sind ja tat­säch­lich nicht ge­stoh­len, son­dern nur ge­raucht wor­den, ohne dass der Haus­herr da­von wuss­te. Der Rau­cher ist also ein hoch­ge­wach­se­ner jun­ger Mann, einen gu­ten Kopf grö­ßer als ich, mit ei­nem wohl­ge­pfleg­ten schwar­zen Bart und pracht­vol­len Zäh­nen.«

»Wo­her wis­sen Sie das?«

»Ich wer­de Ih­nen al­les sa­gen, Gnä­digs­te. Üb­ri­gens hof­fe ich, die Rich­tig­keit der von mir ge­lie­fer­ten Per­so­nen­be­schrei­bung heu­te noch ekla­tant be­stä­tigt zu se­hen. Ich rech­ne näm­lich dar­auf, dass der vor­treff­li­che jun­ge Mann bin­nen kur­z­em uns die Ehre sei­ner Ge­sell­schaft ge­wäh­ren wird. Ich habe auch schon das Kist­chen mit sei­ner Lieb­lings­sor­te zu­recht­ge­rückt.«

Da tat sich die Tür auf, und der Die­ner trat mit der Mel­dung ein, dass der Wa­gen für den gnä­di­gen Herrn be­stellt sei und pünkt­lich zur fest­ge­setz­ten Zeit vor­fah­ren wer­de. Dann rich­te­te er an die Haus­frau die Fra­ge, ob es ihm nun er­laubt sei, zu »ge­hen«. Die Er­laub­nis wur­de er­teilt, und er zog sich dann mit ei­ner de­vo­ten Ver­beu­gung und ei­nem dan­ken­den »Küß d’ Hand!« wie­der zu­rück.

»Franz ist näm­lich ein Thea­ter­narr«, er­läu­ter­te Frau Vio­let. »Ein­mal in der Wo­che muss er ins Thea­ter ge­hen, und da gebe ich ihm am liebs­ten den Diens­tag­abend frei, wo mein Mann oh­ne­dies nicht zu Hau­se ist, er also am leich­tes­ten ent­behrt wer­den kann.«

»Ach sooo!« er­wi­der­te Da­go­bert nach­denk­lich. »Nun, das ist ja ganz in der Ord­nung.«

»Las­sen Sie sich aber da­durch nur nicht ab­len­ken, lie­ber Da­go­bert«, fuhr Frau Vio­let fort. »Sie sind mir die Auf­klä­rung schul­dig, wie Sie zu je­ner Per­so­nen­be­schrei­bung ge­langt sind.«

»Ich hat­te am Mitt­woch, als Sie und Ihr Herr Ge­mahl sich zu­rück­zo­gen, um sich fürs Thea­ter fer­tig zu ma­chen, ei­ni­ge Mi­nu­ten Zeit zur Un­ter­su­chung. Die Sa­che wäre viel­leicht schwie­rig ge­wor­den, wenn ich am Schau­platz der Tat kei­ne Spu­ren ge­fun­den hät­te.«

»Und Sie ha­ben wel­che ge­fun­den?«

»Ja. In der Spal­te des Rauch­ti­sches ein Haar und hier oben am Ka­min einen Zi­gar­ren­rest.«

»Die konn­ten aber schon lan­ge hier und dort lie­gen!«

»Ich hat­te mei­ne gu­ten Grün­de, an­zu­neh­men, dass es wirk­lich cor­po­ra de­lic­ti und erst am Tage vor­her dort­hin ge­langt sei­en. Ich habe dann bei mir zu Hau­se die bei­den Ge­gen­stän­de ge­nau, das Haar so­gar mi­kro­sko­pisch un­ter­sucht.«

»Und das Re­sul­tat?«

»Ein voll­kom­men be­frie­di­gen­des. Das Haar wies auf einen Tä­ter mit schö­nem schwar­zen Bart. Na­tu­rech­tes Schwarz, kei­ne Spur von künst­li­chem Farb­stoff – also ein al­ter Mann ist un­ser Rau­cher nicht. Ich kann so­gar sa­gen, dass es ein jun­ger Mann ist. Denn das Haar war weich, bieg- und schmieg­sam. Nicht ge­ra­de ers­ter Flaum, aber doch noch im­mer zart. Es hät­te der­ber, bors­ti­ger sein müs­sen, wenn da vor­her schon jah­re­lang ein Ra­sier­mes­ser ge­wal­tet hät­te. Der jun­ge Mann hält auch et­was auf sei­nen Bart, denn un­ter dem Mi­kro­skop wies das Haar eine Spur von Bril­lan­ti­ne auf. Das ist ein ganz harm­lo­ses, kos­me­ti­sches Mit­tel, aber ein we­nig ei­tel muss man doch sein, um es an­zu­wen­den. Da Sie den Tä­ter ken­nen, Gnä­digs­te, wer­den Sie ja be­ur­tei­len kön­nen, ob mei­ne An­nah­me eine rich­ti­ge oder ir­ri­ge ist.«

»Ich glau­be, dass Sie sich da in eine fixe Idee ver­rannt ha­ben.«

»Mög­lich; aber das ist ja nicht von Be­lang. Ge­hen wir wei­ter. Hier oben am Ka­min­sims lag der Zi­gar­ren­rest.«

»Zu wel­chen Schlüs­sen führ­te Sie der?«

»Es war mir zu­nächst an­ge­nehm, fest­stel­len zu kön­nen, dass die Sor­te stimm­te. Die wei­te­ren Schlüs­se er­ga­ben sich von selbst. Er­lau­ben Sie jetzt, dass ich noch ein­mal auf Ihren Die­ner zu­rück­kom­me. Ich er­wäh­ne da et­was bei­na­he zum Schluss, wo­von ich aus­ge­gan­gen bin und wo­mit ich ei­gent­lich an­ge­fan­gen habe. Nicht ohne Grund hat­te ich ihn jetzt her­ein­zi­tiert. Sie soll­ten sich ihn noch ein­mal an­se­hen. Also der Mensch ist blond, und sein Ge­sicht ist, wie sich das für einen or­dent­li­chen Die­ner ge­hört, der auch bei Tisch ser­viert, glatt ra­siert. Er hat fer­ner, wie es sich ei­gent­lich für einen or­dent­li­chen Die­ner nicht ge­hört und wie Sie sich über­zeu­gen konn­ten, als er uns so freund­lich an­grins­te, recht schad­haf­te Zäh­ne. End­lich konn­ten Sie se­hen, dass sei­ne Sta­tur eine ziem­lich klei­ne ist. Er ist noch et­was klei­ner als ich, und wir ha­ben doch fest­ge­stellt, dass der un­be­kann­te Tä­ter einen schwar­zen Bart trägt, sehr gute Zäh­ne hat und einen Kopf grö­ßer ist als ich.«

»Das ha­ben wir durch­aus noch nicht fest­ge­stellt!«

»Dann wol­len wir es gleich be­sor­gen. Die Spit­ze der Zi­gar­re war nicht mit ei­nem Mes­ser ab­ge­schnit­ten, son­dern prompt und glatt ab­ge­bis­sen wor­den. Dazu ge­hö­ren gute Zäh­ne. Dar­über wä­ren wir also im Kla­ren. Nun muss noch sei­ne un­ge­wöhn­li­che Kör­per­län­ge be­wie­sen wer­den. Nichts ein­fa­cher als das. Re­pro­du­zie­ren wir ein­mal die Si­tua­ti­on, mei­ne Gnä­di­ge –, ei­gent­lich gar nicht nö­tig. Denn sie ist schon her­ge­stellt. Sie auf Ihrem be­vor­zug­ten Plat­ze –, ich in re­spekt­vol­ler Ent­fer­nung, aber doch ge­ra­de noch nahe ge­nug für un­se­re Kon­ver­sa­ti­on, Ih­nen ge­gen­über­ste­hend, an den Ka­min ge­lehnt. Die Aus­sicht, die ich da bei­na­he aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve ge­nie­ße, ist eine ent­zücken­de. Sie brau­chen nicht zu dro­hen, Frau Vio­let –, eine ent­zücken­de. Auch ich wür­de ohne be­son­de­ren Grund mei­nen glück­li­chen Beo­b­ach­ter­pos­ten nicht ver­las­sen. Wenn ich aber eine Zi­gar­re weg­zu­le­gen hät­te, so müss­te ich mich zum Rauch­ti­sche be­ge­ben, auf dem die Aschen­be­cher ste­hen. Denn ich könn­te nicht auf den Sims hin­auf­lan­gen, mir wäre er zu hoch! Da hät­te ich nun die Per­so­nen­be­schrei­bung be­grün­det. Stimmt sie, mei­ne Gnä­digs­te?«

»Sie stimmt«, gab Frau Vio­let la­chend zu. »Ich ma­che Ih­nen mein Kom­pli­ment, Herr Da­go­bert. Sie sind ein fürch­ter­li­cher Mensch, und ich sehe schon, es wird doch am bes­ten sein, wenn ich sel­ber gleich ein um­fas­sen­des Ge­ständ­nis ab­le­ge, sonst glau­ben Sie am Ende noch Gott weiß was!«

»Kei­ne Ge­ständ­nis­se! Ich leh­ne sie ab. Ge­ständ­nis­se kön­nen – ich spre­che na­tür­lich ganz aka­de­misch – kön­nen auch falsch sein. Es sind auf Grund von falschen Ge­ständ­nis­sen schon Jus­tiz­mor­de ver­übt wor­den, und nichts ver­mag mich mehr auf­zu­re­gen, als der Ge­dan­ke an einen Jus­tiz­mord. Zu­dem – ich brau­che das Ge­ständ­nis nicht; es kann mir nichts mehr nüt­zen. Ich bin hier nur Un­ter­su­chungs­rich­ter und habe kein Ur­teil zu schöp­fen. Mei­ne Auf­ga­be war, den Tat­be­stand auf­zu­klä­ren und die Tä­ter­schaft zu er­wei­sen. Ob dann bei der Schluss­ver­hand­lung ge­stan­den oder ge­leug­net wird, das geht mich nichts an.«

»Gut, also hö­ren wir wei­ter!«

»Ich muss­te also wei­ter kom­bi­nie­ren. Der hoch­ge­wach­se­ne jun­ge Mann mit dem schö­nen Bart und den gu­ten Zäh­nen hat sei­ne Zi­gar­re hier in Ih­rer Ge­gen­wart ge­raucht und Ih­nen da­bei Ge­sell­schaft ge­leis­tet. Er hat mit Ih­nen ge­plau­dert, wie ich jetzt mit Ih­nen plau­de­re. Ein be­son­de­res Ge­heim­nis konn­te nicht da­hin­ter ste­cken.«

»Gott sei Dank, dass Sie mir das we­nigs­tens nicht zu­trau­en, Da­go­bert!«

»Konn­te nicht da­hin­ter ste­cken. Wir ken­nen uns nun schon lan­ge ge­nug – Sie sind eine klu­ge Frau. Sie wis­sen, was auf dem Spie­le steht, und Sie ma­chen kei­ne Dumm­hei­ten.«

»Ich dan­ke für das eh­ren­de Ver­trau­en!«

»Mein Ver­trau­en ist auch fel­sen­fest, nicht min­der mein Re­spekt. Aber es ist nicht nur das. Ich habe of­fe­ne Au­gen und gute Ohren. Ich selbst hät­te ir­gend­ein­mal et­was be­mer­ken, oder ir­gend­ein Ge­re­de hät­te auch zu mir drin­gen müs­sen. Nichts von al­le­dem. Sie ha­ben da einen Be­such emp­fan­gen, der wei­ter nicht auf­fal­len konn­te, sonst wäre er schon auf­ge­fal­len. Wa­rum fiel er nicht auf? Weil Sie ihn oft emp­fan­gen. Es muss­te also ein ganz harm­lo­ser Be­such sein. Ein Um­stand konn­te al­ler­dings stut­zig ma­chen. Aus den hin­ge­wor­fe­nen Äu­ße­run­gen Ihres Man­nes konn­te ich mir so un­ge­fähr her­aus­neh­men, dass die Zi­gar­ren ge­wöhn­lich am Diens­tag­abend ver­schwan­den, zu der Zeit also, wo er im Klub war. Was ich nicht wuss­te, was Sie aber an­ga­ben, ist, dass am Diens­tag Ihr Die­ner das Thea­ter zu be­su­chen pflegt.«

»Hof­fent­lich zie­hen Sie aus die­sem Um­stand nicht auch Ihre Schlüs­se!«

»Ich den­ke nicht dran. Tat­sa­che scheint mir, dass der jun­ge Mann ziem­lich häu­fig im Hau­se vor­spricht, dass er aber ge­ra­de am Diens­tag et­was län­ger ver­weilt und die Haus­frau un­ter­hält.«

»Das ist rich­tig, aber ich kann ver­si­chern, dass die Un­ter­hal­tun­gen ganz harm­lo­ser Na­tur sind.«

»Da­ran habe ich nie­mals ge­zwei­felt, zu­mal der jun­ge Mann – wie soll ich sa­gen? – ein we­nig un­ter Ihrem Stan­de ist.«

»Wie ha­ben Sie das nun wie­der her­aus­ge­bracht, Da­go­bert?«

»Es er­klärt sich von selbst, gnä­di­ge Frau. Freund Grum­bach hat nicht eine oder zwei Zi­gar­ren ver­misst, son­dern gleich sechs oder sie­ben. Sie er­in­nern sich; nach sei­ner An­ga­be hat­ten aus der obers­ten Schicht am Tage vor­her zwei Zi­gar­ren ge­fehlt. Die hat Grum­bach je­den­falls sel­ber her­aus­ge­nom­men und sich da­bei halb un­will­kür­lich das Bild ein­ge­prägt, das das In­ne­re des Kist­chens dar­bot. Ei­nen Tag spä­ter schi­en es ihm, als fehl­ten acht oder neun Stück. Also Ab­gang von sechs oder sie­ben Stück. Man raucht aber nicht sechs oder sie­ben schwe­re Zi­gar­ren wäh­rend ei­nes Plau­der­stünd­chens mit der Haus­frau, man raucht eine, wenn’s hoch kommt zwei. Der Vor­gang war nun der, dass die Haus­frau den jun­gen Mann beim Ab­schied er­mu­tigt hat, sich noch ei­ni­ge Zi­gar­ren ein­zu­ste­cken.«

»Auch das ist rich­tig. Aber dar­aus folgt doch noch nicht, dass ich mich, wie Sie sich aus­zu­drücken be­lie­ben, un­ter mei­nem Stan­de un­ter­hal­ten hät­te.«

»Ich bit­te um Ver­zei­hung, mei­ne Gnä­digs­te. Ei­nem ge­sell­schaft­lich voll­wer­ti­gen Be­such emp­fiehlt die Haus­frau viel­leicht, sich auf den Weg eine Zi­gar­re mit­zu­neh­men –, eine! Na­tür­lich ohne Be­to­nung. Eine Hand­voll zu ge­ben oder – zu neh­men, das deu­tet schon auf einen ge­wis­sen ge­sell­schaft­li­chen Ab­stand.«

»Sie sind wirk­lich der rei­ne Kri­mi­nal­kom­mis­sär, Da­go­bert!«

»Auf einen Ab­stand und doch auch auf eine ge­wis­se Sym­pa­thie.«

»Es ist auch ein ganz net­ter, lie­bens­wür­di­ger jun­ger Mann. Ha­ben Sie sonst noch et­was her­aus­ge­bracht?«

»O, noch eine gan­ze Mas­se! Ich leg­te mir die Fra­ge vor: Was kann das für ein jun­ger Mann sein, der so oft, viel­leicht täg­lich, ins Haus kommt, ohne dass es ir­gend­wie auf­fie­le? Die Ant­wort dar­auf war nicht schwer. Es konn­te nur ein Be­am­ter aus dem Büro Ihres Man­nes sein, wohl ei­ner, der die Auf­ga­be hat, je­den Tag am Abend dem Chef die Kas­sasch­lüs­sel oder den Ta­ges­rap­port zu über­brin­gen.«

»Er bringt al­ler­dings nach Ge­schäfts­schluss die täg­li­che Abrech­nung nach Haus. Mein Mann hat sich das so ein­ge­rich­tet.«

»Woran er sehr recht ge­tan hat. Das weiß ich üb­ri­gens nun auch. Denn ich war in­zwi­schen bei Ihrem Di­rek­tor.«

»Nein, was Sie nicht al­les trei­ben, wenn Sie eine Spur ver­fol­gen!«

»Man fängt ent­we­der nicht an, mei­ne Gnä­digs­te, oder man fängt an, dann aber muss man auch bis ans Ende ge­hen, sonst hät­te es kei­nen Sinn.«

»Und was ha­ben Sie bei dem Di­rek­tor aus­ge­rich­tet?«

»Al­les, was ich wün­schen konn­te.«

»Las­sen Sie hö­ren, Da­go­bert!«

»Ich sag­te ihm, dass ich ge­kom­men sei, einen jun­gen Mann zu pro­te­gie­ren –, er sol­le mich nur dem Chef nicht ver­ra­ten. Der Di­rek­tor lä­chel­te. Er wis­se ganz gut, dass, wenn ich vom Chef et­was wol­le, es von vorn­her­ein be­wil­ligt sei. Wohl mög­lich, gab ich zu, es wäre mir aber lie­ber, ihn nicht di­rekt um den Freund­schafts­dienst zu bit­ten. Der Di­rek­tor be­griff oder tat, als be­grif­fe er, und stell­te sich mir zur Ver­fü­gung.«

Um was han­delt es sich? frag­te er.

Sie ha­ben da einen jun­gen Mann im Kon­tor, er­wi­der­te ich, – na, wie heißt er doch nur? Ich habe so ein scheuß­li­ches Na­mens­ge­dächt­nis! Tut üb­ri­gens nichts; wer­de schon drauf­kom­men. Also ein auf­fal­lend großer jun­ger Mann mit lie­bens­wür­di­gen Ma­nie­ren – sonst hät­te er Ih­nen nicht ge­fal­len, mei­ne Gnä­digs­te –, mit ei­nem schö­nen schwar­zen Bart und gu­ten Zäh­nen. Abends bringt er ge­wöhn­lich dem Chef –

Ach, das ist ja un­ser Se­kre­tär Som­mer! un­ter­brach mich der Di­rek­tor.

Som­mer, na­tür­lich Som­mer! Dass mir der Name ent­fal­len konn­te! Se­hen Sie, lie­ber Di­rek­tor, Som­mer ist ja ein ganz be­gab­ter Mensch, aber er ist in der Kanz­lei, bei der Kor­re­spon­denz nicht am rich­ti­gen Plat­ze. Es fehlt die letz­te Ge­nau­ig­keit und Ex­akt­heit bei der Ar­beit. Da­ge­gen müss­te er sich vor­treff­lich ver­wen­den las­sen für den Ver­kehr mit den Par­tei­en. Ich weiß, dass Sie schon ge­rau­me Zeit nach ei­ner ge­eig­ne­ten Per­sön­lich­keit su­chen zur Lei­tung der Ver­kaufs­fi­lia­le in Graz. Wäre das nichts für Som­mer?

Der Di­rek­tor schlug sich mit der Hand auf die Stir­ne.

Don­ner­wet­ter, das ist eine Idee! Da su­chen wir uns die Au­gen aus dem Kop­fe und ha­ben den Mann in nächs­ter Nähe! Na­tür­lich ist Som­mer wie ge­schaf­fen da­für! Sie üben da nicht Pro­tek­ti­on an ihm, son­dern er­wei­sen uns einen Dienst mit Ihrem Vor­schlag. Er geht nach Graz. Die Sa­che ist ab­ge­macht.

»Sie se­hen, mei­ne Gnä­digs­te, ich war glück­lich ge­nug, ein we­nig Vor­se­hung spie­len zu kön­nen.«

»Aber Da­go­bert, wie konn­ten Sie die Be­haup­tung ris­kie­ren, dass der jun­ge Mensch nicht fürs Büro tau­ge?«

»Da war nichts ris­kiert da­bei. Ich ver­ließ mich auf mein biss­chen Psy­cho­lo­gie. Der rich­ti­ge Bü­ro­mensch ist im­mer mehr oder min­der – bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de – Pe­dant. Er wird es durch sei­ne Be­schäf­ti­gung, die un­aus­ge­setz­te mi­nu­zi­öse Ge­nau­ig­keit er­for­dert. Ein Pe­dant ist un­ser Freund nicht. Der rich­ti­ge Bü­ro­mensch beißt die Spit­zen der Zi­gar­ren nicht mit den Zäh­nen her­un­ter, son­dern er schnei­det sie säu­ber­lich ab mit dem Fe­der­mes­ser oder mit ei­ner be­son­de­ren Ma­schi­ne­rie, die er si­cher bei sich trägt, wenn er Zi­gar­ren­rau­cher ist. Und noch et­was tut der rich­ti­ge Bü­ro­mensch nicht. Er legt Zi­gar­ren­stum­mel nicht auf Mar­mor­ka­mi­ne. Er be­müht sich viel­mehr zum Aschen­be­cher und de­po­niert den Rest dort, im­mer be­strebt, dar­auf zu ach­ten, dass nicht et­was von der Asche da­ne­ben gehe. Un­ser sorg­lo­ser jun­ger Freund, der es mit ei­nem Zi­gar­ren­stum­mel nicht so ge­nau nimmt, wird es wahr­schein­lich auch mit der Bü­ro­ar­beit nicht gar zu ge­nau neh­men. Er hat’s nicht in sich!«

»Und dar­aus ha­ben Sie dann gleich ge­schlos­sen, dass er der rich­ti­ge Mann für den Par­tei­en­ver­kehr ist?«

»Nicht nur dar­aus, son­dern auch aus der Be­vor­zu­gung, die Sie ihm ha­ben zu­teil wer­den las­sen, mei­ne Gnä­digs­te. Er muss ein sehr an­ge­neh­mes Mund­werk ha­ben, wird wohl auch ein klei­ner Schwe­re­nö­ter sein. Das al­les ist ganz vor­treff­lich, wenn man mit der Kund­schaft in per­sön­li­che Berüh­rung zu tre­ten hat.«

»Ei­nes müs­sen Sie mir noch auf­klä­ren, Da­go­bert. Sie ha­ben sich be­müht, den jun­gen Mann weg­zu­brin­gen, weil Sie um mei­ne Tu­gend be­sorgt wa­ren?«

»Aber, Frau Vio­let! Sie wis­sen doch, wel­ches Ver­trau­en ich in Sie set­ze! Da ich aber wuss­te, dass die ab­gän­gi­gen Zi­gar­ren durch Ihre Hän­de ge­gan­gen wa­ren, und Sie dar­aus Ihrem Man­ne ge­gen­über ein Ge­heim­nis mach­ten, muss­te der Rau­cher not­wen­di­ger­wei­se ver­schwin­den. Das muss­te sein!«

»Ein Ge­heim­nis! Da steckt ja die Un­ge­schick­lich­keit von mir. Ich hat­te es mei­nem Man­ne nicht gleich ge­sagt; hat­te nicht dar­an ge­dacht, und als er dann eine Af­fä­re dar­aus mach­te, da wäre es so merk­wür­dig her­aus­ge­kom­men. Es wäre mir pein­lich ge­we­sen.«

»Gera­de­so habe ich es auf­ge­fasst, gnä­di­ge Frau … Für mich dürf­te üb­ri­gens der Wa­gen vor­ge­fah­ren sein. Soll­te der jun­ge Mann noch kom­men, sich zu ver­ab­schie­den, dann bie­ten Sie ihm zur Ab­wechs­lung eine Zi­gar­re von ei­ner an­de­ren Sor­te an, und dann wird die­se wich­ti­ge Af­fä­re für alle Zeit er­le­digt sein.«

Der Falschspieler

An­dre­as Grum­bach hat­te ei­gent­lich im­mer ein recht zu­rück­ge­zo­ge­nes Le­ben ge­führt. Sei­ne Ehe mit der Schau­spie­le­rin Moor­lank hat­te sich, ent­ge­gen der ur­sprüng­li­chen An­nah­me der ab­ra­ten­den Freun­de, zu ei­ner durch­aus un­ge­trüb­ten und glück­li­chen ge­stal­tet. Die blon­de Frau Vio­let führ­te das Haus­we­sen mit ta­del­lo­ser Sorg­falt und Ge­schick­lich­keit, und Grum­bach fühl­te sich zu Hau­se so wohl, dass er an be­son­de­re ge­sell­schaft­li­che Zer­streu­un­gen gar nicht dach­te, ob­schon viel­leicht Frau Vio­let nicht ab­ge­neigt ge­we­sen wäre. Sie war aber zu klug, da auf Än­de­run­gen zu drin­gen, wo oh­ne­dies al­les zu all­sei­ti­ger Be­frie­di­gung sich ab­wi­ckel­te.

Tags­über hat­te Grum­bach ge­nug zu ar­bei­ten, und da war es ihm doch am liebs­ten, wenn er die Aben­de in sei­nem Heim ver­brin­gen konn­te, das ihm Frau Vio­let mit al­ler Um­sicht, mit Takt und Ge­schmack ganz in sei­nem Sin­ne ein­ge­rich­tet hat­te. Ein­mal in der Wo­che be­such­te er sei­nen Klub, das war er sich schul­dig; und für einen Abend in der Wo­che hat­te er eine Loge in der Oper, das war er Frau Vio­let schul­dig. Sonst aber blie­ben sie fein zu Hau­se, wo es nach sei­ner Auf­fas­sung doch am schöns­ten war.

Gäs­te sa­hen sie sel­ten bei sich. Da­go­bert Trost­ler, der ge­dien­te Le­be­mann, der im ru­hi­gen Ge­nus­se sei­ner Ren­ten jetzt nur noch sei­nen Lieb­ha­be­rei­en leb­te, der zähl­te kaum mit. Er konn­te kom­men und ge­hen, wann er woll­te. Man war auf den al­ten Freund des Hau­ses im­mer vor­be­rei­tet, und er ge­hör­te so­zu­sa­gen zum Hau­se. Sei­ne großen Pas­sio­nen wur­den ja viel­fach be­lä­chelt, aber er war zu sehr Phi­lo­soph, um sich das son­der­lich an­fech­ten zu las­sen.

Für Grum­bachs war er ge­ra­de­zu un­ent­behr­lich ge­wor­den, schon durch die Macht der Ge­wohn­heit; aber auch sonst. Er war ein treu­er und sorg­li­cher Freund, auf den man sich in al­len Le­bens­la­gen un­be­dingt ver­las­sen kann­te. Er war aber auch der Mitt­ler für die Au­ßen­welt; er brach­te die Neu­ig­kei­ten des Ta­ges ins Haus, sorg­te da­für, dass man in Sa­chen der Kunst aus dem lau­fen­den blieb und wuss­te in ei­nem­fort al­ler­lei Räu­ber­ro­ma­ne und Kri­mi­nal­ge­schich­ten zu er­zäh­len, bei de­nen man sich auch ganz gut un­ter­hal­ten konn­te.

Die­ses Idyll hat­te aber nun ein Ende ge­fun­den, und Grum­bachs wur­den mit ei­nem Male hin­ein­ge­ris­sen in den Wir­bel des ge­sell­schaft­li­chen Le­bens der Reichs­haupt- und Re­si­denz­stadt, sehr ge­gen die Nei­gung des Man­nes, nicht so auch ge­gen die von Frau Vio­let, die da fand, dass sie nun erst die Rol­le spie­le, die ihr ei­gent­lich und von Rechts we­gen schon lan­ge ge­bührt hät­te.

Das war so ge­kom­men: Frei­herr Fried­rich von Eichs­tedt, der Chef der alt­be­rühm­ten Fir­ma Eichs­tedt & Rausch, war der ei­gent­li­che Be­grün­der des Klubs der In­dus­tri­el­len ge­we­sen und des­sen all­jähr­lich neu­ge­wähl­ter Prä­si­dent durch vol­le zehn Jah­re. Als die zehn Jah­re um wa­ren, wur­de das Ju­bi­lä­um un­ter groß­ar­ti­gen Ova­tio­nen ge­fei­ert. Es gab ein denk­wür­di­ges Ban­kett, zu dem auch die Da­men der Mit­glie­der ein­ge­la­den wa­ren, – die Toi­let­te von Frau Vio­let war se­hens­wert. Die große Über­ra­schung für den Prä­si­den­ten war die fei­er­li­che Ent­hül­lung sei­nes von Leo­pold Ho­ro­witz für den Sit­zungs­saal ge­mal­ten Por­träts. Er hat­te dem Künst­ler na­tür­lich dazu ge­ses­sen. Es wur­den pracht­vol­le Re­den ge­hal­ten, und al­les war sehr schön. Nur ei­nes schi­en be­dau­er­lich. Der Prä­si­dent woll­te nicht mehr. Er hat­te ge­nug; er woll­te durch­aus und durch­aus nicht mehr. Er habe sei­nen Dienst zehn Jah­re ge­macht, nun sol­le ein an­de­rer ’ran.

Es war nichts zu ma­chen, und in der nächs­ten Ge­ne­ral­ver­samm­lung wur­de ein­stim­mig zum Prä­si­den­ten – An­dre­as Grum­bach ge­wählt. Nun war sie da, die Be­sche­rung! Ab­leh­nen ging nicht. Zu Hau­se re­de­te Frau Vio­let zu, und sie hat­te sich so­gar hin­ter Da­go­bert ge­steckt, dass er ih­rem Mann die et­wai­gen Be­den­ken aus­trei­ben möch­te. Aber auch ohne das – es ging wirk­lich nicht, ab­zu­leh­nen. Die Wahl be­deu­te­te eine Aus­zeich­nung, die reich­lich auch einen ho­hen Or­den auf­wog. Der ers­te Klub der Stadt, der Klub der Mil­lio­näre, wie er im Volks­mund hieß! Der Mann, der da an die Spit­ze be­ru­fen wur­de, der stand da­mit ei­gent­lich an der Spit­ze der In­dus­tri­el­len über­haupt. Dazu muss­te ei­ner doch schon, fi­gür­lich ge­spro­chen, von gu­ten El­tern sein, das will be­sa­gen, dass sein per­sön­li­cher und ge­schäft­li­cher Ruf über al­len Zwei­fel er­ha­ben, sein Kre­dit ein un­be­schränk­ter und dement­spre­chend auch sein Reich­tum ein sehr wohl­fun­dier­ter sein muss­te. Für einen Ge­schäfts­mann war also eine sol­che Be­ru­fung nicht mehr und nicht min­der als ein Adels­brief.

Der­lei lehnt man nicht ab, zu­mal die Wür­de auch ihre Bür­de hat­te, wel­che die Über­nah­me in dop­pel­ter Hin­sicht als Ehren­pflicht er­schei­nen ließ. Es war be­kannt und durch die Amts­füh­rung des ers­ten Prä­si­den­ten förm­lich zur Tra­di­ti­on ge­wor­den, dass mit der Lei­tung des Klubs ganz er­heb­li­che ma­te­ri­el­le Op­fer ver­bun­den wa­ren. In Wien ha­ben die Klubs von je­her einen sehr schwe­ren Stand ge­habt. Die un­zäh­li­gen ele­gan­ten Kaf­fee­häu­ser, die Lon­don, der klas­si­sche Bo­den des Klub­we­sens, nicht hat, bie­ten da mit ih­ren An­nehm­lich­kei­ten und Be­quem­lich­kei­ten eine schier un­be­sieg­li­che Kon­kur­renz. Da­rum ve­ge­tie­ren denn auch alle Klubs nur not­dürf­tig und ar­bei­ten mit De­fi­zit, so­lan­ge es eben geht. Trotz­dem woll­ten die In­dus­tri­el­len ih­ren Klub ha­ben, und bei dem muss­te na­tür­lich von vorn­her­ein jeg­li­cher Zwei­fel an sei­nem Be­stan­de aus­ge­schlos­sen blei­ben. Da nun aber auch die In­dus­tri­el­len nicht zau­bern kön­nen, so ver­ließ man sich ru­hig dar­auf, dass der je­wei­li­ge Prä­si­dent schon für die Ehre des Hau­ses, also auch da­für sor­gen wer­de, dass da kein De­fi­zit zum Vor­schein kam.

Die Mit­glieds­bei­trä­ge wa­ren recht an­sehn­lich, zwei­hun­dert Gul­den jähr­lich, und dazu ka­men noch Ein­nah­men aus den Kar­ten­gel­dern, die im Jah­re doch an die zwan­zig­tau­send Gul­den aus­mach­ten. Aber auch an Aus­ga­ben fehl­te es nicht. Zehn­tau­send Gul­den Mie­te, zehn­tau­send Gul­den das Per­so­nal, zehn­tau­send Gul­den für Hei­zung, Be­leuch­tung, Zei­tun­gen und sons­ti­ge An­schaf­fun­gen, zehn­tau­send Gul­den Ver­lust bei Kü­che und Kel­ler; denn es muss­te al­les erst­klas­sig und da­bei bil­lig sein, um die Mit­glie­der her­an­zu­lo­cken und zu­sam­men­zu­hal­ten. Und so ging das fort. Da läp­pern sich die Aus­ga­ben doch schon zu­sam­men.

Mit all die­sen Sor­gen war nun An­dre­as Grum­bach be­la­den, und das war noch nicht ein­mal al­les. Die neue Wür­de leg­te auch Re­prä­sen­ta­ti­ons­pflich­ten auf, vor de­nen er frü­her so schön Ruhe ge­habt hat­te. Frü­her hat­te er so be­quem ab­seits ge­ses­sen, und nun riss ihn der ge­sell­schaft­li­che Strom mit. Gab der Mi­nis­ter des Kai­ser­li­chen Hau­ses und des Äu­ße­ren einen Rout oder der Mi­nis­ter­prä­si­dent eine Soi­ree, wur­de ein Denk­mal ent­hüllt oder ein Ge­ne­ral be­gra­ben, eine Schu­le ein­ge­weiht oder eine Aus­s­tel­lung er­öff­net, – der Prä­si­dent des Klubs der In­dus­tri­el­len wur­de ein­ge­la­den und muss­te da­bei sein, was dann na­tür­lich auch im­mer zum ewi­gen Ge­dächt­nis ins Pro­to­koll­buch der Vor­stands­sit­zun­gen ein­ge­tra­gen wur­de. Dann ka­men auch noch die pri­va­ten Ein­la­dun­gen, für die man sich re­van­chie­ren muss­te. Kurz, es ging recht bunt zu, und Frau Vio­let war’s sehr zu­frie­den.

Die Haupt­schuld an al­lem trug ei­gent­lich Baron Eichs­tedt. Erst­lich ein­mal, weil er über­haupt das Prä­si­di­um nie­der­ge­legt hat­te, und zwei­tens, weil er sich in Frau Vio­let ganz ver­liebt hat­te – na­tür­lich und selbst­ver­ständ­lich in al­len Ehren. Das war die Dame, wie er sich sie schon lan­ge ge­wünscht und lan­ge ge­sucht hat­te. Sei­ne ei­ge­ne Frau war ihm schon vor zwölf Jah­ren ge­stor­ben, und seit der Zeit hat­te al­les ge­sell­schaft­li­che Le­ben in sei­nem Hau­se ge­ruht. Er hat­te sich ganz sei­nem Klub ge­wid­met, der ihm das Heim er­setz­te. Nun reg­te sich aber doch das Ge­wis­sen in ihm; das muss­te an­ders wer­den. Als sei­ne Frau ge­stor­ben war, hat­te sie ihm ein ein­zi­ges Kind hin­ter­las­sen, eine klei­ne Toch­ter, Gretl. Das war jetzt eine jun­ge Dame von acht­zehn Jah­ren, an de­ren Zu­kunft man doch den­ken muss­te. Er muss­te Leu­te bei sich se­hen, und er muss­te das Mäd­chen in die Welt ein­füh­ren. Dazu brauch­te er eine be­freun­de­te Dame, die lie­bens­wür­dig ge­nug war, an sei­ner Sei­te in sei­nem Hau­se bei fest­li­chen An­läs­sen mit die Hon­neurs zu ma­chen und au­ßer Hau­se sei­ne Toch­ter mit der nö­ti­gen An­mut und Wür­de zu cha­pe­ro­nie­ren.1 Weit und breit hät­te er da kei­ne ge­eig­ne­te­re Per­sön­lich­keit fin­den kön­nen als Frau Vio­let. Das war eine Dame von Welt, die sich an­zu­zie­hen, sich zu be­neh­men und zu re­prä­sen­tie­ren wuss­te, und da­bei war sie nie­mals steif und lang­wei­lig, son­dern im­mer gut auf­ge­legt und mun­ter. Gretl konn­te von ihr schon et­was ler­nen. Dass sie Schau­spie­le­rin ge­we­sen, tat ihr ge­sell­schaft­lich kei­nen Ab­bruch. Wenn es an­fäng­lich viel­leicht hier und da Be­den­ken ge­ge­ben ha­ben moch­te, so hat­te die­se das Schwer­ge­wicht des ge­sell­schaft­li­chen An­se­hens ih­res Man­nes doch sehr bald bei­sei­te ge­drückt.

Da­go­bert Trost­ler tat bei al­le­dem im­mer mit. Grum­bach hät­te ihn um kei­nen Preis auf­ge­ge­ben, und auch Frau Vio­let war so an ihn ge­wöhnt, dass er ihr sehr ge­fehlt hät­te. Er hat­te also, als Grum­bach Prä­si­dent wur­de, nicht nur in den Klub ein­zu­tre­ten, er muss­te es sich auch ge­fal­len las­sen, auf Vor­schlag des Prä­si­den­ten in den Aus­schuss ko­op­tiert zu wer­den. Die Freund­schaft war eine no­to­ri­sche, und man rich­te­te sich da­nach. Man wuss­te, dass man dem Herrn Prä­si­den­ten ge­fäl­lig sei, wenn man mit ihm auch sei­nen Freund ein­lud.

Wie je­dem großen Ma­nö­ver die Kri­tik folgt, so folg­te je­der mit­ge­mach­ten Un­ter­hal­tung, und wenn man noch so spät heim­kehr­te, im Hau­se Grum­bach die kri­ti­sche Be­spre­chung der­sel­ben. Da­go­bert muss­te im­mer noch »auf einen klei­nen Schwar­zen und eine Zi­gar­re« mit­fah­ren. Frau Vio­let woll­te es so. Man kön­ne doch nicht gleich schla­fen ge­hen. Ein klei­ner Plausch, ein klei­ner Tratsch, ein bis­serl Leut­aus­rich­ten – das be­ru­higt die Ner­ven wun­der­bar.

So sa­ßen die drei wie­der ein­mal zu nächt­li­cher Stun­de bei­sam­men und üb­ten Ma­nö­ver­kri­tik an der eben ab­sol­vier­ten Soi­ree bei Eichs­tedts.

»Es war doch sehr hübsch«, be­merk­te Frau Vio­let, die da al­ler­dings in­ter­es­sier­te Par­tei war.

»Es war ta­del­los«, be­kräf­tig­te Da­go­bert, sei­nen Schwar­zen schlür­fend. »Sie wa­ren ein­fach be­wun­de­rungs­wür­dig, Frau Vio­let, wie Sie die Hon­neurs mach­ten.«

»Mein Gott, es ist so schwer, wenn so vie­le Leu­te da sind!«

»Ja, ein we­nig zu voll war es doch wohl.«

»Sie ha­ben sich dar­über nicht zu be­kla­gen, Da­go­bert. Sie lie­gen ja im­mer auf der Lau­er mit Ihren Beo­b­ach­tun­gen. Je mehr Leu­te, de­sto bes­ser für Sie.«

»Das ist nicht rich­tig, Frau Vio­let. Es be­ob­ach­tet sich bes­ser, wenn das Ge­wühl nicht so groß ist.«

»Also gar kei­ne Aus­beu­te heu­te?«

»O doch, eine Klei­nig­keit schon! Ich möch­te wis­sen, ob sie ihn auch liebt.«

»Sie ha­ben so eine merk­wür­di­ge Art, Da­go­bert, die Leu­te mit un­ver­mit­tel­ten Fra­gen und Be­haup­tun­gen zu über­rum­peln. Wer soll wen lie­ben? Und wie soll ich das wis­sen?«

»Nicht so un­ver­mit­telt, wie es scheint, Gnä­digs­te. Ich lie­be es nur, ge­le­gent­lich das Be­kann­te als be­kannt vor­aus­zu­set­zen und mich da­mit nicht wei­ter auf­zu­hal­ten. Ich mei­ne wirk­lich, dass, wenn je­mand es wis­sen könn­te, Sie es sein müs­sen.«

»Et­was deut­li­cher, wenn ich bit­ten darf!«

»Ich habe im Vor­zim­mer, als wir weg­gin­gen, eine hüb­sche klei­ne Sze­ne be­ob­ach­tet. Eine Schau­spie­le­rin hät­te da­von ler­nen kön­nen.«

»Sie ma­chen mich neu­gie­rig, Da­go­bert.«

»Die Die­ner­schaft half den Herr­schaf­ten in die Über­klei­der. Ein jun­ger Mann, un­zwei­fel­haft der hüb­sche­s­te in der gan­zen Ge­sell­schaft – er hat so schö­ne me­lan­cho­lisch-träu­me­ri­sche Au­gen –«

»Ich weiß schon – Baron An­dré, der klei­ne At­taché.«

»Bei wel­cher Ge­sandt­schaft?«

»Bei kei­ner vor­läu­fig. Er ist Di­plo­mat von Be­ruf und war­tet nun hier dar­auf, dass ihn sei­ne Re­gie­rung nach Pe­ters­burg oder Ma­drid di­ri­gie­re.«

»Gut. Ich be­merk­te also, dass die­ser jun­ge Mann nicht ohne Ge­schick­lich­keit so ma­nö­vrier­te, dass nicht ei­ner der sechs La­kai­en dazu kam, ihm beim An­zie­hen be­hilf­lich zu sein, son­dern das ein­zi­ge im Vor­zim­mer an­we­sen­de Stu­ben­mäd­chen.«

»Die war ei­gent­lich da, um den Da­men zu hel­fen.«

»Ver­ste­he voll­kom­men. Kein schlech­ter Ge­schmack; hät­te mir auch lie­ber von ihr hel­fen las­sen. Ich be­ob­ach­te­te wei­ter. Und nun kommt die klei­ne Sze­ne; sie war al­ler­liebst. Er drückt ihr et­was in die Hand, das Trink­geld. Da hät­ten Sie das Ge­sicht des Kam­mer­kätz­chens se­hen sol­len; es war zu rei­zend. Im ers­ten Mo­ment Ver­blüf­fung, ei­si­ge Käl­te, ja ge­ra­de­zu Ent­rüs­tung. Dann ein ra­scher Blick und dar­auf so­fort hells­ter Son­nen­schein. Rasch fuhr die ord­nen­de Hand noch ein­mal über sei­nen Überr­rock, dann ein freund­li­ches Lä­cheln und eine de­vo­te Ver­beu­gung. Das Mä­del hat mir ge­fal­len!«

»Wenn sie Ih­nen nur ge­fal­len hat, Da­go­bert! Und was hat es wei­ter auf sich mit Ihren in­ter­essan­ten Vor­zim­mer­stu­di­en?«

Frau Vio­let sag­te das in nicht ge­ra­de sehr gnä­di­gem Tone. Freund Da­go­bert hät­te wis­sen kön­nen, dass man bei ei­ner schö­nen Frau, viel­leicht bei ei­ner Frau über­haupt, sehr sel­ten Glück da­mit hat, wenn man über ein an­de­res weib­li­ches We­sen be­son­ders ent­zückt ist. Und nun erst, wenn die­ses an­de­re We­sen ein Stu­ben­mäd­chen ist! Erns­te For­scher sind zwar längst dar­über ei­nig, dass un­ter Um­stän­den auch Stu­ben­mäd­chen ihre äs­the­ti­schen Vor­zü­ge ha­ben kön­nen, aber über ge­wis­se Din­ge ist mit Frau­en ein­mal nicht zu re­den.

»Ich mei­ne«, fuhr Da­go­bert fort, »dass die­ses wech­seln­de und aus­drucks­vol­le Mie­nen­spiel ei­ner Künst­le­rin auf der Büh­ne einen Spe­zi­al­applaus ein­ge­tra­gen ha­ben wür­de. Wäh­rend der Fahrt zu Ih­nen, mei­ne Gnä­digs­te, habe ich mir die Sa­che dann zu­recht­ge­legt. Die Zofe hat in ih­rer Hand zu­erst die klei­ne Mün­ze ge­spürt. Darob die ge­rech­te Ent­rüs­tung. Der ra­sche Blick be­lehr­te sie, dass es kei­ne klei­ne Mün­ze, son­dern ein Gold­stück war. Da­rauf­hin –«

»Er­lau­ben Sie, lie­ber Da­go­bert«, un­ter­brach ihn Frau Vio­let ein we­nig un­ge­dul­dig, »Ihre Trink­geld­phi­lo­so­phie mag ja recht in­ter­essant sein, aber ei­gent­lich ist es doch nicht das, was ich von Ih­nen wis­sen woll­te.«

»Ich bin ganz bei der Sa­che, mei­ne Gnä­digs­te, aber man muss einen Men­schen doch aus­re­den las­sen. Gold­stücke als Trink­gel­der sind bei uns nicht recht ge­bräuch­lich. In äl­te­ren Opern und Tra­gö­di­en wirft man der Die­ner­schaft noch einen Beu­tel Ze­chi­nen hin, aber das ist nicht mehr mo­dern. Heu­ti­ges­tags sind nur noch die fran­zö­si­schen Dra­ma­ti­ker be­son­ders ver­schwen­de­risch. Die las­sen ihre Hel­den ge­wöhn­lich einen un­ge­heu­ern Auf­wand trei­ben – aus eine Mil­li­on mehr oder we­ni­ger kommt es ih­nen gar nicht an –, und na­ment­lich las­sen sie sie gern rie­si­ge Trink­gel­der ver­tei­len. In un­se­rem bür­ger­li­chen Ge­sell­schafts­le­ben ist das nicht Stil. Wir ge­ben einen Sil­ber­gul­den, und ich mei­ne –«

»Aber – Da­go­bert!!!«

»Wer­den Sie mir nur nicht un­ge­dul­dig, mei­ne Gnä­digs­te!«

»Wie soll da aber ein Mensch auch nicht un­ge­dul­dig wer­den! Sie woll­ten von ei­nem Her­zens­ro­man spre­chen, bei dem ich eine Rol­le spie­len soll­te, und nun hal­ten Sie mir einen Vor­trag – über Trink­gel­der!«

»Ich sag­te, dass ich mir die Sa­che im Wa­gen zu­recht­ge­legt habe. Die Trink­geld­ge­schich­te hat mich erst auf die rich­ti­ge Fähr­te ge­bracht. Der jun­ge Mann ist nicht dumm –«

»Hat auch nie­mand be­haup­tet!«

»Und geht sehr me­tho­disch vor. Baro­nin Gretl ist die an­mu­tigs­te und lie­bens­wür­digs­te jun­ge Dame, die ich ken­ne. Wer hat ihn denn ei­gent­lich in die Ge­sell­schaft ein­ge­führt?«

»Gretls Vet­tern, Fredl, der Ka­val­le­rist, und Gustl, der Mi­nis­te­ri­al­se­kre­tär, mit de­nen er in­tim be­freun­det ist. Sie müs­sen ihn üb­ri­gens auch vom Klub her ken­nen, wo er, seit­dem er hier ist, als Gast ein­ge­schrie­ben ist.«

»Er war mir noch nicht aus­ge­fal­len. Also er geht me­tho­disch vor. Er liebt Baro­nin Gretl, und das ist ihm si­cher zu ver­den­ken.«

»Wo­her wis­sen Sie das, Da­go­bert?«

»Zu­erst be­merk­te ich es dar­an – aber Sie dür­fen nicht böse wer­den – wie er Ih­nen den Hof mach­te, gnä­digs­te Frau.«

»Mir?!«

»Ih­nen. Al­ler­dings. Das war ganz rich­tig kal­ku­liert. Sie ver­tre­ten dort die Haus­frau und, wie ich gleich hin­zu­fü­gen will, mit be­wun­de­rungs­wür­di­ger Gra­zie und un­ver­gleich­li­cher Um­sicht. Er hat Ihren Ein­fuß nicht zu hoch ein­ge­schätzt. Sei­ne Chan­cen stün­den schlecht, wenn er Sie ge­gen sich hät­te. Er hat­te sich also an Sie her­an­ge­macht und, wie ich mit Ver­gnü­gen be­merkt habe, nicht ohne Er­folg.«

»Was wol­len Sie da­mit sa­gen, Da­go­bert?«

»Was ich ge­sagt habe. Sie ha­ben ihn in Ihr Herz ge­schlos­sen.«

»Weil er ein rei­zen­der Mensch ist.«

»Das sage ich auch. Es lässt sich nichts Hüb­sche­res und Lie­bens­wür­di­ge­res den­ken als die Art, wie Sie, gnä­di­ge Frau, trotz der viel­sei­ti­gen In­an­spruch­nah­me die bei­den Leut­chen wohl­wol­lend zu be­mut­tern wuss­ten.«

»Habe ich da­mit et­was Un­rech­tes ge­tan?«

»Ge­wiss nicht. Mir war es eine spe­zi­el­le Freu­de, zu se­hen, wie sich auch bei Ih­nen der echt weib­li­che Trieb, Ehen zu stif­ten, be­tä­tig­te.«

»Und was hat bei al­le­dem – das Trink­geld zu tun?«

»Nicht viel mehr, als dass es mich auf ei­ni­ge Ide­en ge­bracht hat. Ich hät­te sonst kaum über die gan­ze Ge­schich­te wei­ter nach­ge­dacht. Metho­disch – sag­te ich. Sie wa­ren ge­won­nen. Ir­gend­ein Lüm­mel von den La­kai­en hät­te ihm kaum et­was nüt­zen kön­nen, da­ge­gen kann die Zofe un­ter Um­stün­den eine ganz ver­wend­ba­re Bun­des­ge­nos­sin wer­den.«

Nun war auch Frau Vio­let be­frie­digt. Es hat­te ihr doch ge­fal­len, wie Da­go­bert all das her­aus­ge­bracht hat­te, wo­von sie ge­glaubt hät­te, dass es noch kein Mensch be­merkt habe. –

Ei­ni­ge Tage spä­ter be­fand sich Da­go­bert wie­der im Grum­bach­schen Hau­se. Sie wa­ren nur zu dritt bei Tisch ge­we­sen, dann be­ga­ben sie sich ins Rauch­zim­mer, wo Frau Vio­let sich’s auf ih­rem Lieb­lings­plätz­chen beim Ka­min be­quem mach­te, wäh­rend die bei­den Her­ren sich am Rauch­ti­sche ein­rich­te­ten. Man saß erst eine Wei­le schwei­gend, und dann be­gann Da­go­bert mit ganz harm­lo­ser Mie­ne, als spre­che er von der na­tür­lichs­ten und selbst­ver­ständ­lichs­ten Sa­che der Welt: »Weißt du üb­ri­gens, mein lie­ber Grum­bach, dass in dei­nem Klub falsch ge­spielt wird?«

»Um Got­tes wil­len!« rief Grum­bach und fuhr wie von der Ta­ran­tel ge­sto­chen auf. Er war ganz blass ge­wor­den. »Das ist ja ent­setz­lich! Und das sagst du mir erst jetzt?!«

»Ich weiß es sel­ber erst seit heu­te Vor­mit­tag, und ich woll­te dir nicht vor Tisch den Ap­pe­tit ver­der­ben.«

»Ich dan­ke ab!«

»Das heißt, du willst dich um nichts küm­mern. Dein Nach­fol­ger soll dann se­hen, wie er mit der Ge­schich­te fer­tig wird.«

»Je­den­falls will ich mit sol­chen Ge­schich­ten nichts zu tun ha­ben.«

»Von dir aus soll also dann ru­hig wei­ter falsch ge­spielt wer­den?«

»Aber Da­go­bert, siehst du denn nicht, dass mei­ne Lage furcht­bar ist?«

»An­ge­nehm ist sie al­ler­dings nicht, Herr Prä­si­dent!«

»Da wird sich ein na­men­lo­ser Skan­dal ent­wi­ckeln!«

»Das ist wohl an­zu­neh­men.«

»Und der Klub wird da­bei zu­grun­de ge­hen! Was ha­ben wir uns nicht al­les auf un­se­re bür­ger­li­che Ehr­bar­keit zu­gu­te ge­tan! Mit wel­cher Be­ru­hi­gung ha­ben nicht un­se­re al­ten Her­ren uns ihre Söh­ne zu­ge­führt, – und nun das, das Al­ler­schreck­lichs­te. Ich geh’!«

»Ich den­ke, dass du ge­ra­de blei­ben musst, um den Klub zu ret­ten.«

»Ich dan­ke dir! Wes­sen Name wird mit der schmut­zi­gen Ge­schich­te in Zu­sam­men­hang ge­bracht wer­den? Der mei­ni­ge! Das Re­gime Grum­bach! Un­ter sei­nem Vor­gän­ger war der­lei doch nicht mög­lich! Den Klub ret­ten? Der ist so wie so ver­lo­ren. Es braucht nur ein Wort da­von in die Öf­fent­lich­keit zu drin­gen, – und wie willst du das ver­hin­dern? – und je­der, der nur et­was auf sei­ne Re­pu­ta­ti­on hält, wird sich zu­rück­zie­hen. Mit Recht. Po­li­zei, Staats­an­walt, ein Skan­dal, wie er noch nicht da war, – und mit­ten drin thro­ne ich als Prä­si­dent!«

»Es ist eine böse Ge­schich­te, Grum­bach, aber eben des­halb müs­sen wir trach­ten, den Kopf nicht zu ver­lie­ren.«

»Da lässt sich nichts mehr ma­chen, wenn die Sa­che ein­mal ins Rol­len ge­kom­men ist. Soll ich’s viel­leicht auf mich neh­men, sol­che Ge­schich­ten zu ver­tu­schen?! Es ist mei­ne Pf­licht, die An­zei­ge zu ma­chen, und da­mit rei­ße ich den Klub zu­sam­men.«

»Hja – ehr­lich ge­stan­den, bin ich mir in die­sem Fal­le sel­ber nicht klug ge­nug.«

»Was weißt du, Da­go­bert?«

»Ich weiß zu­nächst nur, dass falsch ge­spielt wird, mehr nicht.«

»Hast du Be­wei­se?«

»Ich habe sie in der Ta­sche.«

Er griff in die Rock­ta­sche und brach­te ein Spiel Kar­ten zum Vor­schein, das er Grum­bach über­reich­te. Frau Vio­let, die schon still vor sich hin­zu­wei­nen be­gon­nen hat­te, weil sie nicht ohne Grund ihre glück­lich er­run­ge­ne ge­sell­schaft­li­che Stel­lung ernst­lich be­droht sah, wenn Grum­bach wirk­lich ab­dank­te, ge­sell­te sich nun zu den bei­den Her­ren und be­gann mit ih­rem Gat­ten das ver­häng­nis­vol­le Spiel zu prü­fen. Bei­de wa­ren aber au­ßer­stan­de, ir­gen­det­was Ver­däch­ti­ges zu ent­de­cken.

»Die Sa­che ist ja nicht schlecht ge­macht«, gab Da­go­bert zu, »aber es ist doch die ein­fachs­te Form der Ma­quil­la­ge.2 Es gibt noch bes­se­re Metho­den. Die­se ist nur die be­quems­te und für ein Pub­li­kum, das nicht arg­wöh­nisch ist, voll­kom­men aus­rei­chend.«

»So zei­gen Sie uns doch«, dräng­te Frau Vio­let, »wie und wo die­se Kar­ten ge­zeich­net sind!«

»Aber mit Ver­gnü­gen, mei­ne Gnä­digs­te. Zu­erst will ich Ih­nen aber be­wei­sen, dass sie wirk­lich mar­kiert sind. Wol­len Sie so freund­lich sein und das Spiel mi­schen. Nur noch mehr! So! Ha­ben Sie gut ge­mischt?«

»Ge­wiss!«

»Gut, und nun, Grum­bach, hebe du ab. Noch ein­mal! Man kann nicht vor­sich­tig ge­nug sein. Und nun wer­de ich Blatt ge­ben. Wie vie­le Kar­ten soll ich Ih­nen ge­ben, Gnä­digs­te?«

»Sa­gen wir vier.«

»Gut, da ha­ben Sie vier Kar­ten. Hal­ten Sie sie nur recht vor­sich­tig, da­mit ich sie nur ja nicht sehe. Hier auch für dich vier Kar­ten, Grum­bach. Glau­ben Sie, dass ich se­hen konn­te, was ich Ih­nen gab?«

»Un­mög­lich!«

»Na­tür­lich ganz un­mög­lich, aber Sie, mei­ne Gnä­digs­te, ha­ben Herz Dame, Car­reau Kö­nig, Herz acht und Pi­que Dame, und du, Grum­bach: Pi­que Kö­nig, Herz Bu­ben, Treff Aß und Car­reau Aß. Stimmt es?«

Es stimm­te.

»Und glau­ben Sie nun«, fuhr Da­go­bert fort, »dass mir die­se Wis­sen­schaft einen recht er­heb­li­chen Vor­teil über mei­ne Mit­spie­ler si­chert?«

»Ob ich das glau­be!« rief Frau Vio­let. »Hö­ren Sie, Da­go­bert, Sie sind mir un­heim­lich. Sie sind ja förm­lich sel­ber ein vollen­de­ter Falsch­spie­ler!«

»Ich könn­te es we­nigs­tens sein, mei­ne Gnä­di­ge. Denn al­les, was dazu ge­hört, weiß und be­herr­sche ich voll­kom­men. Mein Gott, man macht sei­ne Stu­di­en. Es gibt näm­lich auch da­für eine Li­te­ra­tur. Ein sehr be­leh­ren­des Buch über das Falsch­spiel hat der her­vor­ra­gen­de fran­zö­si­sche Po­li­zist Mr. Ca­vaillé ge­schrie­ben. Un­ter­hal­tend ist auch das Buch des Pres­ti­di­gi­ta­teurs3 Hou­din4 über den­sel­ben Ge­gen­stand. Das gründ­lichs­te Buch dar­über schrieb aber na­tür­lich ein Deut­scher, der un­ter dem Pseud­onym Si­gnor Do­mi­no sich nur not­dürf­tig ver­barg. So­gar eine ei­ge­ne Zeit­schrift war die­ser no­beln Dis­zi­plin ge­wid­met. Sie er­schi­en knapp vor Aus­bruch der großen Re­vo­lu­ti­on und führ­te den Ti­tel Dio­gè­ne à Pa­ris. Das Falsch­spiel dringt auch in wei­te­re Krei­se und hö­her hin­auf, als man ge­mei­nig­lich an­nimmt. Von Kar­di­nal Ma­za­rin wird mit al­ler Be­stimmt­heit be­haup­tet, dass er ein Falsch­spie­ler ge­we­sen sei. Vi­el­leicht ist das My­the, si­cher aber und be­glau­bigt ist es, dass im Jah­re 1885 Graf Cal­la­do, der Ge­sand­te des Kai­sers von Bra­si­li­en, in Rom beim Falsch­spie­len ab­ge­fasst wor­den ist.«

»Hö­ren Sie, Da­go­bert, Sie wis­sen aber auch al­les!«

»An mir ist, viel­leicht nicht nur mei­ner Über­zeu­gung nach, ein De­tek­tiv ver­lo­ren ge­gan­gen, und eine was für kläg­li­che Rol­le müss­te ein sol­cher ge­ge­be­nen­falls spie­len, wenn er das al­les nicht wüss­te und könn­te.«

»Je­den­falls moch­te ich mit Ih­nen nicht spie­len«, sag­te Frau Vio­let la­chend.

»Ich dan­ke für das eh­ren­de Ver­trau­en, aber ich möch­te es Ih­nen selbst nicht an­ra­ten. Ich bin näm­lich ein star­ker Spie­ler und in al­len Sät­teln ge­recht. Ich habe das Spiel­ta­lent. Viel tue ich mir dar­auf nicht zu­gu­te, aber es ist ein­mal da. Ich wäre also auch ohne Mo­ge­lei für je­den, ge­schwei­ge denn für Ihr kind­li­ches Ge­müt, mei­ne Gnä­di­ge, ein sehr ge­fähr­li­cher Geg­ner. Weil dem aber so ist, und weil ich al­les weiß und ken­ne, spie­le ich selbst nie­mals, grund­sätz­lich nicht. Ich bin nur ein sehr ge­ach­te­ter Kie­bitz, der im Zuschau­en kei­ne Feh­ler macht, und gel­te bei al­len Streit­fra­gen als obers­te und in­ap­pel­la­ble In­stanz.«

Grum­bach war viel zu er­regt und be­küm­mert, um jetzt den Plau­de­rei­en Da­go­berts den rich­ti­gen Ge­schmack ab­ge­win­nen zu kön­nen. Er woll­te wis­sen, wie Da­go­bert dar­auf ge­kom­men sei, dass im Klub mit ge­zeich­ne­ten Kar­ten ge­spielt wer­de.

»Das war sehr ein­fach«, ent­geg­ne­te Da­go­bert. »Als Aus­schuss­mit­glied habe ich die Pf­licht, mich um die Ver­wal­tung zu küm­mern. Was Kü­che und Kel­ler be­trifft, habe ich mich schon um­ge­tan. Es ist al­les in schöns­ter Ord­nung, und – trös­te dich – das De­fi­zit aus die­sen Be­trie­ben wird uns un­ge­schmä­lert er­hal­ten blei­ben. Dann woll­te ich mich auch für das Kar­ten­de­par­te­ment in­ter­es­sie­ren. Von ei­nem Ama­teur­de­tek­tiv wird dich das nicht wun­der­neh­men. Auch da, was die Ver­rech­nung be­trifft, al­les in Ord­nung.«

»Ich dan­ke für eine sol­che Ord­nung!« rief Grum­bach mit Bit­ter­keit da­zwi­schen.

»Da kam mir die Idee«, fuhr Da­go­bert fort, »die ei­nem an­de­ren viel­leicht nicht ge­kom­men wäre. Ich woll­te ein­mal die über­spiel­ten Kar­ten über­prü­fen. Ich ließ mir also alle Kar­ten­spie­le, die wäh­rend der ab­ge­lau­fe­nen Wo­che zur Ver­wen­dung ge­langt wa­ren, ins Vor­stands­zim­mer brin­gen, sperr­te die Tür ab und nahm dann die Über­prü­fung vor.«

»Wie vie­le Spie­le hat man Ih­nen denn hin­ge­schleppt?« frag­te Frau Vio­let.

»Vier­hun­dert­und­fünf­zehn Spie­le, mei­ne Gnä­di­ge.«

»Herr­gott, da ha­ben Sie ja eine furcht­ba­re Ar­beit ge­habt!«

»Es war nicht so arg. Sie müs­sen nicht glau­ben, dass ich jede ein­zel­ne Kar­te un­ter die Lupe ge­nom­men habe, sonst säße ich ja noch dort. Ich nahm aus je­dem Spie­le nur eine Kar­te, al­ler­dings ein Hon­neur. Wenn näm­lich die wich­ti­gen Kar­ten nicht ge­zeich­net wa­ren, dann wa­ren es die üb­ri­gen si­cher auch nicht. War aber ein Spiel mar­kiert, dann muss­ten es in ers­ter Li­nie jene Blät­ter sein, auf die es in der Par­tie haupt­säch­lich an­kommt. So konn­te ich doch in drei Stun­den fer­tig wer­den.«

»Und was hast du ge­fun­den?« frag­te Grum­bach.

»Wie ich be­reits be­merkt, – dass im Klub falsch ge­spielt wird. Ich habe sechs ge­zeich­ne­te Spie­le be­sei­tigt und un­ter Ver­schluss ge­nom­men. Ei­nes da­von ist das hier.«

»Sie ha­ben uns noch im­mer nicht ge­zeigt, wie sie mar­kiert sind.«

»Ich glau­be es doch schon ge­sagt zu ha­ben, – Ma­quil­la­ge, ein­fa­che Ma­quil­la­ge!«

»Wir sind nicht vom Fach, lie­ber Da­go­bert. Mit uns müs­sen Sie schon et­was deut­li­cher re­den.«

»Wohl­an, hö­ren Sie mir zu, gnä­di­ge Frau. Sie wer­den ent­täuscht sein, wie ein­fach die Ge­schich­te ist. Se­hen Sie sich die­se Rück­sei­te der Kar­ten an. Sie ist be­druckt und weist ein ein­fa­ches, mit Ab­sicht so ge­wähl­tes Mus­ter auf, dass es dem Auge kei­ne be­son­de­ren An­halts­punk­te bie­te. Wir ha­ben hier zahl­lo­se Punk­te und klei­ne, nicht ganz ge­schlos­se­ne Kreis­li­ni­en. Der Falsch­spie­ler hat nun fol­gen­de Metho­de ge­wählt: er nahm eine sei­ne Nähna­del, tauch­te ihre Spit­ze in rei­nes, farb­lo­ses und durch Er­hit­zung flüs­sig ge­mach­tes Wachs. Dann stach er leicht an be­stimm­ter Stel­le in die Rück­sei­te, na­tür­lich nicht so stark, dass die Spit­ze durch das Blatt durch­ge­drun­gen wäre. So leicht er auch stach, die Spit­ze hat doch eine klei­ne Ver­tie­fung ver­ur­sacht, und in die­ser setz­te sich ein Atom von Wachs fest.«

»Das kann man aber doch un­mög­lich mit den Fin­ger­spit­zen spü­ren!« be­merk­te Frau Vio­let, in­dem sie gleich die Pro­be zu ma­chen ver­such­te.

»Wenn er sich auf sei­nen Tast­sinn hät­te ver­las­sen wol­len, hät­te er eine an­de­re Metho­de ver­sucht. Es gibt sol­che, sie sind aber ge­fähr­li­cher und dar­um we­ni­ger emp­feh­lens­wert.«

»Aber se­hen kann er die­se Pünkt­chen doch auch nicht!« fuhr Frau Vio­let fort, wie­der be­müht, dem Ge­heim­nis auf den Grund zu kom­men.

»Man kann sie sehr gut se­hen. Las­sen Sie nur das Licht auf der Rück­sei­te spie­len!«

»Ja, wahr­haf­tig!« rief Frau Vio­let er­freut. »Hier sieht man es ganz deut­lich, – ein mat­ter Punkt!«

»Das ist der gan­ze Witz. Das Kar­ten­pa­pier glänzt, und in den Licht­re­fle­xen macht sich ein to­ter Punkt leicht be­merk­bar, al­ler­dings nur für den Wis­sen­den. Al­les üb­ri­ge er­gibt sich von selbst. Sie se­hen, da ste­hen acht klei­ne Kreis­li­ni­en in ei­ner Rei­he, und es gibt zwölf Rei­hen. Ein Spiel könn­te also aus sechs­und­neun­zig Blatt be­ste­hen, und der Künst­ler käme noch im­mer nicht in Ver­le­gen­heit, wo er für je­des Blatt sei­nen Punkt hin­set­zen soll, wenn er sein Sys­tem ein­mal fest­ge­stellt hat. Sei­nem Ge­dächt­nis ist da­bei gar nicht viel zu­ge­mu­tet. Die ers­te Rei­he gilt für Coeur, die zwei­te für Car­reau und so wei­ter. An­ge­fan­gen wird mit dem Kö­nig, dann kommt die Dame, – die gan­ze Sa­che, so frech sie ist, ist bei­na­he kin­disch.«

Grum­bach hat­te bei Wei­tem nicht das In­ter­es­se für die De­tails wie sei­ne Frau. Ihn pei­nig­te die kri­ti­sche Lage, in die nun er und mit ihm der gan­ze Klub ge­ra­ten war. Sei­ne Ge­dan­ken be­weg­ten sich nach ganz an­de­rer Rich­tung.