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Der Abendtisch war gedeckt, und als die Köchin ohne vorherige förmliche Ankündigung die Koteletts auftrug, setzte man sich rasch zu Tisch und begann zuzulangen. Die Gesellschaft war nicht groß, sie bestand aus dem sogenannten engen Familienzirkel: Herr und Frau G., Großpapa und Großmama und Tante Cäsarine. Man wird schon bemerkt haben, dass es in diesem Hause Kinder oder wenigstens ein Kind gab. Denn dass ein Ehepaar seine eigenen Großeltern bei sich zu Tisch hat, das gehört denn doch nicht so zu den alltäglichen Begebenheiten, dass man es als etwas ganz Gewöhnliches erzählen könnte, ohne eine Bemerkung daran zu knüpfen. Ja, so ein Kind! Zu allen gewaltigen Veränderungen, die es sofort bei seinem Erscheinen in einem Hause hervorruft, kommen auch komplizierte genealogische Umwälzungen. Die Frau ruft den Mann nur noch Papa, obschon er doch nicht ihr Vater ist, dafür muss sie sich gefallen lassen, dass sie, obschon sie viel jünger ist als er, nun plötzlich seine Mama wird. Die Schwiegereltern verduften spurlos, und es wird ein Großelternpaar geboren; aus der schönen Schwägerin aber ist mit einem Male eine würdige Tante geworden. Es gab also, wie man richtig erraten hat, auch hier ein Kind im Hause. ...
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2018
Der Abendtisch war gedeckt, und als die Köchin ohne vorherige förmliche Ankündigung die Koteletts auftrug, setzte man sich rasch zu Tisch und begann zuzulangen. Die Gesellschaft war nicht groß, sie bestand aus dem sogenannten engen Familienzirkel: Herr und Frau G., Großpapa und Großmama und Tante Cäsarine. Man wird schon bemerkt haben, dass es in diesem Hause Kinder oder wenigstens ein Kind gab. Denn dass ein Ehepaar seine eigenen Großeltern bei sich zu Tisch hat, das gehört denn doch nicht so zu den alltäglichen Begebenheiten, dass man es als etwas ganz Gewöhnliches erzählen könnte, ohne eine Bemerkung daran zu knüpfen. Ja, so ein Kind! Zu allen gewaltigen Veränderungen, die es sofort bei seinem Erscheinen in einem Hause hervorruft, kommen auch komplizierte genealogische Umwälzungen. Die Frau ruft den Mann nur noch Papa, obschon er doch nicht ihr Vater ist, dafür muss sie sich gefallen lassen, dass sie, obschon sie viel jünger ist als er, nun plötzlich seine Mama wird. Die Schwiegereltern verduften spurlos, und es wird ein Großelternpaar geboren; aus der schönen Schwägerin aber ist mit einem Male eine würdige Tante geworden.
Es gab also, wie man richtig erraten hat, auch hier ein Kind im Hause. Wir lernen es auch sofort kennen. Die Gesellschaft hatte kaum zu essen begonnen, als das Kindsmädchen den kleinen Rudi hereinbrachte, dass er schön »gute Nacht« sage, das heißt, dass er von allen Anwesenden der Reihe nach abgeküsst werde und dass er dann schön »Heija« gehe. Bei so einem kleinen Kinde muss allesschönvor sich gehen. Rudi war noch keine zwei Jahre alt, er musste es sich also gefallen lassen, im Hemde herumgereicht zu werden. Er war schon ganz ausgezogen und reisefertig für das Land der Träume, nur das winzige Hemdchen hatte er an, sonst nichts. Wer kennt eine liebenswürdigere Toilette für ein kleines Kind? Die Dichter singen von den Grübchen in den Wangen der Geliebten und wie da die Liebesgötter Verstecken spielen. Nun sehe man sich so ein kugelrundes, frisches Kind im Hemde an, wo hat das nicht überall seine Grübchen! Wäre ich ein Poet, mit welcher Begeisterung würde ich sie besingen! Alles war einig in dithyrambischen Lobsprüchen auf das Kind, allen zuvor taten es aber natürlich Großpapa und Großmama. Das war auch selbstverständlich. Sie waren die Ältesten in der Runde, sie hatten in ihrem Leben die meisten Kinder gesehen, und sie mussten es daher am besten wissen, dass es ein solches Kind, ein so gutes, so schönes, so phänomenal kluges Kind noch niemals gegeben habe und dass auch die Wahrscheinlichkeit, dass es je wieder ein solches in ferner Zukunft einmal geben werde, eine äußerst geringe sei.
Rudi hatte endlich Gute Nacht gesagt, und er wurde wieder hinaus und in sein Kinderzimmer hinübergetragen, wo sein Gitterbett stand. Es musste aber doch etwas nicht ganz in der Ordnung sein, denn nach wenigen Minuten steckte das Kindsmädchen den Kopf zur Tür herein und berief durch eine ausdrucksvolle Miene die Hausfrau hinüber. Rudi war in der Tat schlimm, und das Mädchen hatte ihm gegenüber nicht mehr aufkommen können. Er hätte sich nämlich, wie sich das für einen zivilisierten Herrn Rudi schickt, vor dem Schlafengehen schön setzen sollen. – Man weiß schon. Der verstockte Wicht wollte sich aber heute um keinen Preis zivilisiert benehmen. Das Dienstmädchen hatte ihm zugeredet, ihn gebeten, ihm gedroht, ihn vielleicht auch schon gepufft und gezwickt – wer konnte das wissen? – Rudi war nicht zu bewegen, seine Pflicht zu tun, und bei jedem Versuch, ihn zu zwingen, schrie er mit der vollen respektablen Kraft seiner Lunge. Nun kam Mama und bat und drohte und puffte endlich sogar, sie darf das. Es half nichts. Rudi wurde immer gereizter und dem entsprechend wehrte er sich und schrie er mit verdoppelter Kraft. Es war rein nichts zu machen, und Mama sah sich endlich genötigt, an Sukkurs zu denken und Papa vom Tische weg zu Hilfe zu rufen.
»Papa, komm nur herüber«, rief sie zur Tür hinein, »der Rudi will nicht folgen.«
Papa erhob sich mit wohlwollendem, aber auch Überlegenheit ausdrückendem Lächeln. Es ist doch merkwürdig, dass die Frauen nicht einmal mit einem so kleinen Jungen fertig werden können! Er ist überzeugt, dass er nur ein Wort zu sprechen braucht, um den renitenten Thronerben zur Räson zu bringen. Dabei wurmt es ihn aber doch im Stillen, dass er dem Kinde immer als der fürchterliche Wauwau vorgestellt wird. Das ist vom höheren pädagogischen Standpunkt aus, philosophiert er, ganz verwerflich; ich imponiere dem Kinde zwar, und es gehorcht mir auf den Wink, aber es wird mich mit der Zeit mehr fürchten, als lieben.
Rudi steht inzwischen aufrecht in seinem Gitterbettchen da und erwartet auch den Papa, wie er mit ungebrochenem Mut eine ganze Armee von Feinden erwarten würde. Papa geht mit ernster Miene auf ihn zu und sagt begütigend: »Nun, Rudl, schön setzen!«
Ein ohrenzerreißendes, boshaftes Gekreisch ist Rudis Antwort. Darauf wird Papa wütend, und ehe es jemand hindern kann, bekommt Rudi auf seine Grübchen an gewissen Körperpartien einen solchen Pracker, dass es den gewissen Amoretten, falls sie auch dort Versteckens gespielt hätten, sehr schlimm ergangen wäre.
Nun aber ging das Geschrei erst recht los. Dadurch noch mehr gereizt, holt Papa zu einem zweiten Streich aus, und Rudi braucht das nur zu sehen, um seine Anstrengungen zu verdoppeln und nun in der Schreierei und Heulerei das Menschenmöglichste zu leisten. Nebenbei verdient aber bemerkt zu werden, dass Papa immer konsequent die Ansicht vertreten hatte, es sei ein Unsinn und in jedem Betracht ganz verwerflich, ein Kind zu schlagen, und man könne unter allen Umständen mit anderen Mitteln, durch vernünftige Überlegung und gütigen Zuspruch sein Auskommen finden. Jetzt war er aber wirklich selbst erbittert und der vernünftigen Überlegung nicht zugänglich, und die Mama musste ihm in den Arm fallen, denn das Mutterauge hatte bemerkt, dass der kleine Allerliebste und Allerwerteste schon in purpurner Röte flammte.
Inzwischen war auch die übrige Tischgesellschaft herübergekommen; und nun versuchte es die Großmama mit Güte. Sie kam aber schlecht an; denn mit ihr stand Rudi auf besonders vertrautem Fuße, und dieses vertraute Verhältnis drückte sich hier durch eine ganz kräftige Ohrfeige aus, die der Verbrecher ihr zu versetzen sich nicht scheute.
Nun war die gerechte Entrüstung eine allgemeine. Alles schreit den Übeltäter an: der Großpapa, Mama, Papa, Tante und das Kindermädchen, und der kleine Schuft steht da in seinem Hemdchen und schreit auch, jetzt schon voll Trotz und Todesverachtung; er hätte den Kampf mit einer Welt aufgenommen. Die Großen sind alle fassungslos, ja, sie sind sogar blass geworden von der Aufregung und der Zorn verschlägt ihnen den Atem. Der Vater ruft: »Er muss, der infame Bengel!«, und will sich auf ihn stürzen, aber die Mutter hält ihn zurück, darauf eilt er hinaus und schlägt wütend die Tür hinter sich zu. Nun sind nur noch die Besonneneren auf dem Schlachtfelde, und die beschließen, da man niemand zu seinem Glücke zwingen könne, dass das Kindsmädchen diese jugendliche Verbrechernatur auf alle Gefahr hin auch so einschlafen lassen solle. –
Dann zieht man sich zurück und setzt sich wieder zu Tisch, aber der Braten ist inzwischen kalt geworden und die gute Stimmung ist verflogen. Die Großeltern sind tief bekümmert, Tante Cäsarine ist über die Familienszene erschrocken und ganz konsterniert. Der Hausherr brummt, dass man ihn doch immer zu solchen Justifizierungen holen müsse; ob er denn nicht tagsüber genug zu sorgen, zu arbeiten und Ärger zu schlucken habe, dass man ihm die Abende zu Hause auch noch vergällen müsse. Die kleine Hausfrau endlich ist ganz einsilbig geworden und hat die Duldermiene herausgehängt. –
Und wieder tut sich die Tür auf und wieder steckt das Kindsmädchen den Kopf herein, aber dieses Mal leuchten ihre Augen und ihr Gesicht ist ganz feuerrot vor Vergnügen. Der Rudi hat »verlangt«, er ist freiwillig »gegangen«! Da sehe einer diesen Schurken an! Er wollte sich zu einer guten Tat nicht zwingen lassen, aus freiem Antrieb sollte sie getan werden.
Freudig springt die ganze Gesellschaft auf diese überraschende Nachricht hin auf und eilt noch einmal ins Kinderzimmer. Papa küsst den kleinen Kerl, der nun aus einem Teufel plötzlich ein Engel geworden ist, recht herzinnig ab und ist fast bis zu Tränen gerührt, weil er ihm vorhin so wehe getan, und alle übrigen küssen ihn auch, und Großpapa fragt stolz und mit strahlendem Blicke, ob er nicht recht gehabt habe, dass dieses Kind seinesgleichen nicht habe.
Die Stimmung war wieder da, der Abend gerettet. Man wolle mir nicht zürnen, dass ich das kleine Ungeheuerin puris naturalibusnach der Natur hergepinselt habe. Es ist ja klar:Naturalia non sunt turpia! Zumal wenn es sich um Kinder handelt. Die Naturalia gehören hier mit dazu, ich versichere, sie gehören dazu und sind enorm wichtig.
Was habe ich heute wieder von meinem kleinen Freunde hören müssen! Das muss ich Ihnen gleich erzählen. Denken Sie sich nur, der Junge, der noch nicht drei Jahre zählt – doch Geduld, hübsch eines nach dem anderen.
Also Rudi hat noch einen etwas älteren Bruder. Dieser heißt Béla, wird aber gemeiniglich der Kürze halber nur »Beludschistan« oder »Piffpaff Poltrie« genannt; 's ist auch ein nettes Bürschchen und stellt seinen ganz kleinen Mann. Neulich hat er folgendes Stückchen geleistet: Seine kleine Mama rüstet sich eben wie alltäglich zu ihrem Mittagsschläfchen und befiehlt wie alltäglich dem ganzen Hause bei Todesstrafe oder wenigstens bei lebenslänglicher Deportation nach Sibirien unbedingte Stille an. Unser Musterknabe sagt darauf: »Wenn du jetzt schlafen gehst, Mama, wer soll denn dann auf mich achtgeben, dass ich nicht aufs Klavier steige?«
Nun traf es sich vor einigen Tagen, dass der arme Béla, der Kürze halber auch wie oben angegeben genannt, krank wurde. Ja, dass er sogar in ein hitziges Fieber verfiel. Denken Sie sich, ein fieberndes Kind, es gibt keinen traurigeren Anblick. Der Doktor kommt und verschreibt die Medizin, und mit der Medizin fängt der Rummel an. Der Kranke will sie nicht nehmen und der Rudl schreit, weil man sie ihm nicht geben will. Er ist aber pumperlg'sund, und wenn die Arznei an ihm die purgierende Wirkung in noch so hohem Maße übt, so hat doch der Kranke noch immer nichts davon. Es hilft aber alles nichts, wenn man ihm schon nicht, wie er es sehr kategorisch fordert, die ganze Flasche geben will, so muss man ihn doch wenigstens stündlich mittrinken lassen.
Ein Kind, das krank ist, das Arznei nehmen muss, muss auch neue Spielereien haben, das ist so selbstverständlich, als wäre es ein Naturgesetz. Herr G., der bekümmerte Papa, macht sich auch sofort auf den Weg und kommt nach einer Weile mit einem großen Pack zurück. Ebenso selbstverständlich wie ein Naturgesetz ist es, dass, wenn von zwei kleinen Kindern eines Spielereien bekommt, das andere auch welche haben muss, und so fiel denn auch für Rudi eine wunderbare Menagerie voll der reißendsten Tiere ab. Auch das war ein Unglück, sie gefiel ihm zu gut. Schon beim Mittagessen kam es zu stürmischen Szenen, er wollte sich nur mit dem Löwen und dem Panther unterhalten. Die Suppe ließ er mit Verachtung stehen, alle Hinweise auf das traurige Los des unglücklichen »Suppenkaspers« fruchteten nichts; den Braten stieß er geringschätzig von sich, und nur aus besonderer Gnade ließ er sich herbei, der süßen Mehlspeise einige Ehre anzutun.
Der Nachmittag verlief noch verhältnismäßig gut, aber als es für ihn Schlafenszeit wurde, da gab es ein rechtes Kreuz. Er war müde, dass ihm die Augen zufielen, er wehrte sich aber gegen den Schlaf und wollte nicht in sein kleines Gitterbett. Es nützte nicht einmal etwas, als man ihm all die reißenden Tiere ins Bettchen legte, er wollte sie vor sich auf seinem Tische haben. Das ganze Haus war empört über seine Halsstarrigkeit, und es gab deshalb überaus geräuschvolle Verhandlungen. Zum Glück ist die Natur stärker als selbst unser Rudel und endlich war er doch im Angesicht der wilden Bestien eingeschlafen.
Und es ward stille im Hause.
Es mochte gegen drei Uhr morgens sein, als Herr G. durch ein eigentümliches Krabbeln an seiner Decke aufgeweckt wurde.
»Was wimmelt denn da in meinem Bette herum?«, fragt er erstaunt zu seiner getreuen Ehehälfte hinüber.
»Das ist der Rudl!«
»Wie kommt denn der daher?«
»Ich habe ihn weinen gehört und da habe ich ihn zu mir genommen, dass er sich beruhige; nun ist er eigenmächtig zu dir hinübergekrochen.«
Herr G. packt den Wurm zusammen und legt ihn der Mama ins Bett, er soll sich nur dort beruhigen. Eine Weile ist's still, dann sagt der Rudi: »Den Löwen will er!«
Rudi spricht von sich immer in der dritten Person.
Das fehlte gerade noch! denkt sich Herr G. und lässt einen barschen Ruf nach Ruhe vernehmen. Da wird's wieder still, aber nicht für lange, und Rudi beginnt wieder zu wimmern: »Das Nashorn will er auch!«
