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Dies ist ein Buch voller Vorurteile. Nicht wenige Zeitgenossen besitzen stattliche Mengen davon – nicht zuletzt Ostpreußen gegenüber. Auch ich bin randgefüllt damit – aber das sogar für Ostpreußen. Da ich aber das eine nicht übergehen, das andere nicht vergessen kann, ist durchaus möglich, daß sich das irgendwie ausgleicht. Die Liebe jedoch, die ich für dieses Land und seine Menschen – für einen großen Teil davon zumindest – empfinde, werde ich in diesem Buch kaum verleugnen können. Durchaus denkbar jedoch, daß die Ostpreußen selbst das gar nicht merken. Denn jeder von ihnen hat sein ureigenes Verhältnis zu diesem Land. Das sei ihnen nicht nur gegönnt – sie haben es auch verdient.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2011
Hans HellmutKirst
Deutschland deineOstpreußen
Roman
AURIS
Kommunikations- und
Verlagsgesellschaft mbH
ISBN 978-3-942932-03-5
IMPRESSUM:
Copyright:
©2011 AURIS Kommunikations- und Verlagsgesellschaft mbH
Internet:
http://www.auris-verlag.de
E-Mail:
Verfasser:
Hans Helmut Kirst
Verlagsredaktion:
Marius Moneth
Layout:
Marius Moneth
Umschlaggestaltung:
Marius Moneth
Coverbild:
Brigitte Moneth
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
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ISBN 978-3-942932-03-5
Inhalt
Vorwort
1. Kapitel - Verloren – aber was?
2. Kapitel - Die freudigen Festteilnehmer
3. Kapitel - Die feineren Unterschiede
4. Kapitel - Erben und Erbfeinde
5. Kapitel - Erste heroische Zeiten
6. Kapitel - Die Stadt am Pregel
7. Kapitel - Könige aus Preußen
8. Kapitel - Der Sohn eines Sattlermeisters
9. Kapitel - Auch der Tod hat reine Freuden
10. Kapitel - Seen und Wälder, Fische und Vögel
11. Kapitel - Bauer aus Masuren
12. Kapitel - Burg, Kirche, Marktplatz
13. Kapitel -Die gute Stube des Landes
14. Kapitel - Poeten leben mühsam
15. Kapitel - Laß dir was von Hoffmann erzählen
16. Kapitel - Bäume wachsen in den Himmel
17. Kapitel - Weitere heroische Zeiten
18. Kapitel - Retter des Landes
19. Kapitel - Nur kein Streit
20. Kapitel - Ruhe ist das erste Bürgerrecht
21. Kapitel - Kleine Stadt, große Stadt – eine Welt
22. Kapitel - Sie lachten trotzdem!
23. Kapitel - Kleines Land, doch große Leute
24. Kapitel - Was Leib und Seele zusammenhält
25. Kapitel - Von den wahren geistigen Genüssen
26. Kapitel - Die Tiere des Hauses
27. Kapitel - Das holde Weibliche und die Folgen
28. Kapitel - Wölfe gehören mit dazu
29. Kapitel - Das Leben – ein Fest
30. Kapitel - Abschied ohne Wiedersehen
Dies ist ein Buch voller Vorurteile.
Nicht wenige Zeitgenossen besitzen stattliche Mengen davon – nicht zuletzt Ostpreußen gegenüber.
Auch ich bin randgefüllt damit – aber das sogar für Ostpreußen. Da ich aber das eine nicht übergehen, das andere nicht vergessen kann, ist durchaus möglich, daß sich das irgendwie ausgleicht.
Die Liebe jedoch, die ich für dieses Land und seine Menschen – für einen großen Teil davon zumindest – empfinde, werde ich in diesem Buch kaum verleugnen können.
Durchaus denkbar jedoch, daß die Ostpreußen selbst das gar nicht merken. Denn jeder von ihnen hat sein ureigenes Verhältnis zu diesem Land. Das sei ihnen nicht nur gegönnt – sie haben es auch verdient.
Land des Lichts ...
Über deinen Geheimnissen kreisen die Möwen. Aus dir gibt es
keine Rückkehr. Meine Seele ist dir verfallen. Ich gehöre dir.
Hansgeorg Buchholtz
Der Mann, der das geschrieben hat, ist kein Ostpreuße gewesen. Zu- mindest nicht das, was man einen »waschechten« Ostpreußen zu nennen pflegte. Er ist weder in jenem Land geboren worden, noch wird er dort sterben dürfen.
Aber – er hat in Ostpreußen gelebt!
Und wer einmal in Ostpreußen gelebt hat – und sei es auch nur kurze Zeit – der kann es nie wieder vergessen. Der muß es lieben. Er hat gar keine andere Wahl. Sagen die Ostpreußen.
In einem deutschen Menschenleben, so hieß es allerorten bei uns, kann es zwei denkbar dunkle Tage geben – jener, an dem so ein Geschöpf nach Ostpreußen verschlagen wird, und dann jener, an dem dieses arme Wesen unser Land wieder verlassen muß.
Das aber mußten eines Tages Hunderttausende.
Was jedoch haben sie nun wirklich verlassen und – so ist zu fürchten – für alle Zeiten verloren? Ein Haus, einen Hof, eine Welt?
»Weit mehr noch als das«, sagte meine Mutter. »Unsere Familie hat aufgehört zu existieren – und so haben wir kaum noch Veranlassung, fröhliche Feste zu feiern.«
»So ein Leben ohne ostpreußische Feste«, sagte ein ländlicher Onkel, »ist furchtbar traurig! Wer hätte das wohl gedacht, daß selbst ich jemals die dämlichen Gesichter meiner lieben Verwandten vermissen würde!«
Was immer auch geschehen mag – Feste müssen gefeiert werden.
Wie sie fallen.
Und wenn auch einer fällt, oder eben mehrere – jeder Anlaß, ein Fest zu feiern, ist uns willkommen.
Bekenntnis eines Ostpreußen
Da gab es in jedem Menschenleben Ereignisse, die ihm sicher waren. Etwa die Geburt und der Tod. Überall in der Welt ist das so – und zumeist wird das mehr oder weniger ergeben hingenommen. In Ostpreußen aber war das eine wie das andere in erster Linie zunächst nichts als ein Anlaß, wieder einmal ein Fest zu feiern.
Die Geburt eines Menschen muß nicht in jedem Fall ein reines freudiges Ereignis sein – doch in Ostpreußen war es das immer. Völlig gleichgültig dabei, ob nun dieses Kind ersehnt war oder nur unvermeidlich gewesen ist. Ob es ein Erbe sicherte oder keinen benennbaren Vater besaß. Ob es vor praller Gesundheit nur so strotzte oder kalkbleich, sich erbrechend, in den Windeln lag. Seine Ankunft wurde gefeiert.
Nicht anders, wenn der Tod nach einem Menschen gegriffen hatte. Unter welchen Umständen auch immer. Ein Mensch mochte ertrinken, unter die Räder geraten sein, sich ein Gewehr in den Rachen abgefeuert haben; er konnte von Wellen Alkohols ins Jenseits geschwemmt worden oder in einem fremden Bett verendet sein – um Details bekümmerte sich niemand sonderlich. Hauptsache: das Fest.
So was als eine spezielle ostpreußische Abart von Toleranz zu bezeichnen, fühle ich mich immer wieder versucht. Bei uns konnte geschehen, was auch immer – Gewaltanwendung und Verführung, Geistlichenlästerung und Totschlag sogar; selbst Mangel an Patriotismus war denkbar. Unsere Landsleute pflegten dann gewöhnlich zu sagen: »So was kann schließlich immer mal vorkommen – wo wir doch Menschen sind.«
Was war denn überhaupt in unserem Bereich vorstellbar, das schließlich nicht als »menschlich« bezeichnet worden wäre?
Vermutlich nur eins: das fehlende Verlangen, dennoch ein Fest zu feiern.
Ein schon in meiner Jugend, in den Zwanziger Jahren gängiger »Völkerwitz« besagte etwa – gefällig abgewandelt und ergänzt:
Ein Ostpreuße: ein Philosoph.
Zwei Ostpreußen: zwei Rudel Patrioten.
Drei Ostpreußen: mindestens ein Fest, möglicherweise drei –
wenigstens doch eins von drei Tagen Dauer.
So wurden denn bei uns alle erdenklichen Feste denkbar freudig gefeiert. Bei einer Geburt hieß es: »Er kann von Glück sagen, daß er dieses Leben noch vor sich hat.« Bei einem Todesfall hieß es: »Er kann von Glück sagen, daß er dieses Leben hinter sich gebracht hat.« An soviel Glückseligkeit lebhaften Anteil zu nehmen, war jedermann jederzeit freudig bereit.
Doch was alles lag dann noch zwischen Wiege und Bahre? Da hatte jedes Menschenkind, Jahr für Jahr, einmal Geburtstag. Hinzu kamen, für die ganze Familie, die segensreichen Feiertage der Kirche, die bezeichnenderweise nur »Festtage« genannt wurden – zunächst Ostern, dann Pfingsten, und nicht zuletzt Weihnachten. Wer nicht spätestens am ersten Weihnachtstag drückende Magenbeschwerden verspürte, der durfte bei uns als nicht völlig normal gelten. Und das wollte niemand.
Bereits am späten Heiligen Abend pflegten wir Kinder nach übermäßigem Marzipangenuß wonnig vor uns hinzustöhnen. »Es hat ihnen gefallen«, registrierten dann die Eltern sachverständig und überaus zufrieden – ein, wie immer, gelungenes Familienfest hatte stattgefunden.
Sie dachten dabei bereits an den ersten Weihnachtstag – da trafen sich die nächsten Verwandten. Am zweiten Weihnachtstag wurden Freundschaften gepflegt – und auch die waren immer zahlreich. Am dritten Weihnachtstag pflegte die ferne Verwandtschaft nicht minder intensiv abgespeist zu werden.
Dann kamen die geruhsamen Tage der Verdauung – sie fanden zwischen Bratenschüsseln, Brotbergen und Gebirgen von Süßigkeiten statt. Zur Anregung weiterer Magentätigkeit diente scharfer, mindestens fünfzigprozentiger Schnaps; und der wurde, damit »es schneller ging«, nicht in Flaschen, sondern in Krügen serviert. Diese Zeit der Mäßigung dauerte bis zum Silvesterabend.
Dann begann das alles noch einmal; möglichst noch intensiver, mit Sicherheit ungetrübt genußbereit – sie feierten ihre Feste, bis sie fielen.
Und am Neujahrstag ging das so weiter.
Doch damit hatte unser ostpreußisches Jahr gerade erst richtig an- gefangen.
... du wirst niemals wiederkehren.
Vergessen aber wirst du nicht.
Marie-Luise Kaschnitz
Unser Ostpreußen war nach dem Ersten Weltkrieg eine Art Insel. Im Norden das Meer, im Osten die Polen, im Süden auch die Polen und im Westen der sogenannte Korridor. Bezeichnenderweise: der polnische Korridor genannt.
Die meisten Menschen, die bei uns wohnten, behaupteten »preußisch« zu sein. Andere bezeichneten sich als »mehr ostisch orientiert«. Auch damit war der Begriff »ost-preußisch« erklärbar. Vereinzelte Philosophen besaßen sogar die Kühnheit, diese mögliche doppelte Deutung als eine höchst fruchtbare, vielversprechende Mischung zu bezeichnen.
»Nur ein Land wie dieses konnte zwei so denkbar extreme Menschen hervorbringen wie Immanuel Kant und E. T. A. Hoffmann – wohl nirgendwo in der Welt sonst sind auf engerem Raum größere Gegensätze denkbar.« Das sagte einer meiner Lehrer, der überaus belesen war und der wohl nicht zuletzt deshalb in dem Verdacht stand, »ein Spinner« zu sein.
Doch es gab auch in den Dörfern meiner Kindheit einen Bauern, der nicht nur wußte, wer Kant gewesen war – er hatte sogar etliches von ihm gelesen und einiges davon auswendig gelernt. Ein anderer Bauer, in der gleichen Gegend, las nachweisbar E. T. A. Hoffmann. Beide waren erklärte Feinde; und das angeblich, weil sie mehrfach versucht haben sollen, sich gegenseitig minderwertiges Vieh zu verkaufen.
Bemerkenswerterweise behauptete zunächst keiner von ihnen »ein Ostpreuße« zu sein. »Denn das«, versicherten sie übereinstimmend, »ist im Grunde niemand in diesem Land – weil niemand wirklich weiß, was das eigentlich ist.« Sie legten Wert auf feinere Unterschiede – und das taten im Lande fast alle.
So gab es denn bei uns Masuren und Oberländer, Königsberger und Samländer. Und weitere zehntausend versicherten überzeugt: »Elbinger sind wir – nichts weiter sonst!« Sie sagten, wenn sie es richtig aussprachen: Albinger.
Diese »Albinger« brauten immerhin ein ganz vorzügliches Bier; es wurde sogar mit dem englischen Bier verglichen, was durchaus ehrenwert gemeint war. Außerdem besaß Elbing einen Hafen sowie beachtliche Schiffswerften – und für einen Sohn dieser strebsamen Stadt wurde auch Lovis Corinth, übereinstimmend in mehreren Nachschlagwerken, gehalten. Der war Maler, zwar einer von beachtlichen Graden, doch galt er in seiner angeblichen Heimatstadt nicht viel.
Wie denn auch Elbing in Ostpreußen nicht sonderlich viel galt – gleichfalls sehr zu Unrecht. »Irgend so eine Stadt ganz am Rande«, hieß es gelegentlich. »Ähnlich wie Danzig oder Zoppot – jedenfalls nicht unbedingt typisch für Ostpreußen.«
Betrachtungsweisen in verschwenderischer Fülle ergeben sich dar- aus. Die einen hielten die ruhige, gelassene Schönheit des Memelgebietes für besonders bemerkenswert, viele verschworen sich allein auf Masuren, andere wieder ließen sich von den flirrenden Farben der Wanderdünen auf der Kurischen Nehrung beeindrucken, und nicht wenige schwärmten, gleichfalls berechtigt, von der Rominter Heide, dem »schönsten Rotwildgebiet Europas«. So bieten sich immer wieder vielschichtige Ausdeutungsmöglichkeiten nahezu verschwenderisch an – nicht alle von ihnen lassen sich zugleich gebührend würdigen.
Es war ein Land auf engem Raum – wie es schien. Nur wenige hunderttausend Menschen lebten darin, wie allgemein geglaubt wurde. Es sind jedoch, erstaunlicherweise, weit über zwei Millionen gewesen. Jedoch: mit ebensoviel Gesichtern! Doch welches davon war richtig, halbwegs wahr, zumindest einigermaßen typisch?
»Dies ist kein Land«, versicherten einige, die sich als Sachverständige fühlten, »in dem bestimmte Stämme dominieren – eher schon bestimmende Stammtische. Diese aber setzen sich zumeist aus selbstbewußten Familiengruppen zusammen. Und die werden beherrscht von dickköpfigen Leithirschen, die sich auf den Gehorsam ihres Rudels voll verlassen können.«
»Dies ist ein Land«, behaupteten andere, »das im Grunde über keine ausreichende Tradition verfügt – dafür ist seine Geschichte zu gering und wohl auch zu unbedeutend.«
Das ist ein Kompliment – und zudem eins, das sogar einigermaßen stimmt. Die fünf- oder sechshundert Jahre, in denen dieses Ostpreußen existierte, vermochten nur einige wenige historische Helden- und Heiligenscheine zu produzieren.
Aber spricht das gegen dieses Land?
Als Grenzsteine ihres Machtbereiches schoben Kaiser und Papst ihre Burgen ins Ostland vor und tilgten die Kultur eines edlen Volkes,
das seine Zeit erfüllt hatte.
Dies schrieb eine wohl ältere und gewiß sehr würdig wirkende Dame – und zwar schrieb sie es, zumindest veröffentlichte sie es, etliche Jahre nach dem Zweiten, dem vorläufig letzten Weltkrieg. Ihren Namen zu nennen, verbietet pure Höflichkeit.
Aber Damen wie diese hat es gar nicht wenige in unserem Ostpreußen gegeben – sie waren stolz und starr, edel und hart, tapfer und stur. Ihre sicherlich hohen Gefühle galoppierten meist mit ihrem prächtigen Pferdeverstand davon. Eine leidenschaftliche Reiterin mithin! Vermutlich eine von denen, die im Verlaufe der Zeit ihren Lieblingstieren immer ähnlicher zu werden scheinen; mit Ausnahme der Pferdeaugen. Denn deren tiefe, wie wissende Trauer nahmen sie nie an. Aber auch das gehörte wohl zu den vielen Vorurteilen.
Solche »edlen« oder auch »hohen« Frauen, zumeist von sogenanntem Geblüt, waren in unserem Lande immer wieder anzutreffen. Sie kamen von den zahlreichen Gütern, auch oft Rittergüter genannt, und blickten zumeist von ihrem hohen Roß – und zwar unverkennbar herab. Uns Knaben vermochten sie denn auch durchaus zu imponieren – da sie uns damals ja nicht mitzuteilen geruhten, was sie wirklich dachten. Dafür haben sie erst jetzt ausreichend Zeit – doch sonderlich viel zugelernt scheinen sie immer noch nicht zu haben.
Diese Dame also sprach von einem »edlen Volk«. Dabei jedoch hat es sich nicht etwa, wie man nun leichtfertig vermuten könnte, um die Polen gehandelt. Diese speziell für uns bestimmten Erbfeinde lauerten damals, in der Urzeit Ostpreußens, noch sozusagen im Hintergrund herum. Unsere Dame wird mit ihrem so schönen und wohl auch zutreffenden Ausspruch vermutlich die »Ureinwohner« unseres Landes gemeint haben – die Sudauer.
Diese Sudauer, auch Jatwinger genannt – »der volkreichste Heimatstamm« aus Ostpreußens Vorzeit –, machten bereits im 7. Jahrhundert von sich reden. Damals wehrten sich diese wohl tapferen Sumpfwölfe gegen die späteren Russen. Die noch späteren Ostpreußen gedachten ihrer stets mit Anerkennung.
Diese Sudauer gehörten, so sagte man, zur Baltischen Völkergruppe. Sie wehrten sich dann auch kräftig gegen die eindringenden kaiserlich-päpstlichen Burgenerbauer, die so eindeutig um Neuland bemüht und um Seelen besorgt waren – Ostpreußen verdrängte Sudauen von der Landkarte. UndSkomand, der »Gaufürst« dieser armen Heiden, nahm dann sogar das Christentum an. Das half ihm möglicherweise, seinen Seelenfrieden zu gewinnen, brachte jedoch seinen Untertanen dennoch nicht den gewünschten Segen – sie wurden ausgeschaltet, dezimiert und sogar »umgesiedelt«. Das jedoch nicht allzu weit, knappe einhundert Kilometer nach Norden zu – in das spätere Samland. Dieses Samland wurde dann, noch später, auch »Sudauischer Winkel« genannt. Doch kaum jemand wußte dann noch, warum.
So ist es eben, wenn, wie nach Ansicht unserer Dame, ein noch so »edles Volk« seine »Zeit erfüllt hatte«. Daß damit auch zugleich die Existenz eines Ostpreußen nicht von zeitloser Dauer sein konnte, das vermochte kaum deutlicher, noch dazu von einem ostpreußischen Menschen, bestätigt zu werden.
Doch die Zeitspanne, in der es Ostpreußen gegeben hat, dauerte so an die sechs- bis siebenhundert Jahre – mit einigen kurzen Unterbrechungen, mit etlichen ebenso bedenklichen wie nicht unamüsanten Einzelheiten. Es begann Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhunderts.
Damals ritten sie – erstmals – ostwärts. Ritter! Kämpfer zu Pferd und auch Streiter für ihren Gott; Militärs und Geistliche zugleich, dem Papst ebenso wie dem Kaiser verpflichtet. Und wohin auch immer sie gelangten, sie gründeten zuerst einmal eine Burg. Kaum eine Stadt in Ostpreußen ohne eine solche.
Zu einer solchen Burg gehörte nahezu automatisch eine Kirche, ein Gotteshaus – und mehr als nur das: eine Schwurstätte des Glaubens, basierend auf nationalen Notwendigkeiten. So stand über einem Eingangstor zu einem derartigen Versammlungslokal: »Fürchtet Gott! Ehret den König! Habt die Brüder lieb!«
Hundertemal schritt ich darunter hinweg, ohne es zu lesen. Und als ich es dann las, sagte es mir nichts – nur wohl das: es klang recht schön. Aber Kirchen schienen lediglich Nebengebäude der jeweiligen Macht zu sein – überaus wohltuende, doch zumeist zweitrangige Einrichtungen. An der Tafel so manches Gutsbesitzers etwa saß der Pfarrer immer unten. An anderen aber obenauf.
Eine Burg aber bedeutete damals: Sicherung – Verteidigung – garantierten Erwerb. Die Kaufleute schoben sich in den freigekämpften Raum. Das schwarze Kreuz auf weißem Grund, das Heerbanner des Ritterordens, flatterte ihnen voran.
Dieser neugewonnene, systematisch leergemachte Raum besaß eine große Anziehungskraft. Deutschland galt damals als volkreich, wenn nicht gar als übervölkert – nun, hier war Neuland. Und so kamen sie denn: abenteuerlich veranlagte Söhne von Adligen, dazu sehr zähe Bauern, auch unternehmungsfreudige Handwerker. Und Pfeffersäcke, Kattunreißer und Heringsbändiger.
Sie kamen aus Lübeck, Rostock und Stettin; sie waren einstmals Bürger in Köln oder Nürnberg gewesen; sie verließen Schwaben, Franken und die Pfalz – das ganze Deutschland war in diesem Neuland Ostpreußen vertreten. Vielleicht nur mit Ausnahme der Bayern, was sich dann jedoch später ausglich. Dann kam die Zeit, in der sich nicht wenige Ostpreußen von Rang und Namen in München und Umgebung ansiedelten. Mit Vorliebe dort, wo es einen See gab; denn der bedeutete für sie ein Stück Heimat. Und die wollten sie niemals völlig aufgeben. Die hatte immer in ihrem Herzen einen festen Platz – behaupteten sie. Und sie behaupten es immer noch.
Damals jedenfalls wurden im fernen Ostpreußen, innerhalb weniger Jahrzehnte, tausend und mehr deutsche Städte und Dörfer gegründet. Aber nicht nur sogenannte »rein« deutsche Menschen sind an diesem höchst bemerkenswerten Verschmelzungsprozeß beteiligt gewesen.
»Da ist doch«, fragte ich meine Mutter, »ein reichlich seltsamer Urgroßvater in unsere Familie hineingerutscht. Was war mit dem?«
»Welchen meinst du?« wollte sie wissen. »Den aus Salzburg oder den, der aus Holland gekommen ist? Wir haben sogar einen in unserem Stammbaum, dessen Heimat Frankreich gewesen war.«
»Ziemlich viel – auf einmal«, meinte ich leicht verwirrt.
»Das«, sagte meine Mutter erheitert, »ist doch nichts Besonderes; nicht bei uns. Zu deinen Ahnen gehören überzeugte Religionsverächter ebenso wie politische Kettensträflinge – unbeirrbare Gottesstreiter gleichermaßen wie phantastische Einzelgänger, auch knochentrockene Beamte und rebellierende Soldaten. Gewöhne dich daran. Und suche dir die Besten davon aus!«
... die Polen schlugen alles tot ... ein fürchterliches Blutbad ..
was am Morgen nicht mehr zu mißbrauchen war,
wurde eingesperrt... verbrannt... die Hölle.
Bericht eines Augenzeugen
Diese Töne sind bekannt. Es sind dunkle Klagetöne – gewiß. Aber dennoch Alltagsgeschrei, wie es jeder Krieg mit seiner unvermeidlichen Brutalität erzeugt. So sind diese Ungeheuerlichkeiten nicht etwa, wie man zunächst vermuten könnte, im Hinblick auf das Jahr 1945 niedergeschrieben worden, sondern vielmehr fünfhundertundfünfund-dreißig Jahre zuvor. Genauer: am 15. Juli 1410; in der ostpreußischen Stadt Gilgenburg.
Damals hatte der Deutsche Ritterorden eine große Schlacht verloren – gegen die Polen. Deren Heerführer war König Jagiello gewesen. Und der Hochmeister des Ordens, ein gewisser Ulrich von Jungingen, war bei Tannenberg »auf dem Felde der Ehre« gefallen.
In diesem Tannenberg, einem Dorf von etwa dreihundert Einwohnern, habe ich jahrelang gelebt. Der Grabstein für den Hochmeister, nunmehr ein nationales Denkmal, stand etwa einen Kilometer davon entfernt inmitten flacher, fruchtbarer Felder.
Ein staubiger Weg führte dorthin. Schlanke, dicht benadelte Tannen umstanden den Stein. Der war etwa haushoch – drei bis vier Meter ungefähr, klobig, verwittert. Sein Gewicht soll an die dreihundert Zentner betragen haben – für bayrische Gebirgler ein Kiesel, für uns ein Gigant. Hier verweilten wir Knaben mit Vorliebe. Denn hier waren irgendwelche Störungen seitens nationalbewußter Erwachsener kaum jemals zu befürchten – mit Ausnahme des alljährlichen Gedenktages. Jeweils am 15. Juli. Dann versammelten sich um den Stein herum etliche Vereine und zahlreiche Neugierige.
Und immer wieder hieß es dann: »Heldenhaftes Beispiel... einer gigantischen Übermacht trotzend ... auch er nicht umsonst gefallen!«
An schönen, schaurigen Märchen war kein Mangel. Und unvergeßlich die Heldentodversion, die ein Heimathistoriker entdeckt zu haben glaubte. Danach konnte der Hochmeister gar nicht im Kampf besiegt und gefallen sein – schließlich war er gepanzert. Doch in einer Gefechtspause muß er wohl seine Rüstung abgelegt haben, wodurch ein Pole – der selbstverständlich im Hinterhalt lauerte – Gelegenheit erhielt, seinen Pfeil wirkungsvoll abzuschießen.
So was wurde hingenommen – besonders wohlgefällig dann, wenn es in der gebotenen Kürze vorgetragen wurde. Der für diese Feierstunden verantwortliche Kreisgewaltige aller Kriegervereine und des Stahlhelms – ein Major B., Rittergutspächter – legte auf militärische Knappheiten größten Wert. Drohte aber ein Festredner sich auszubreiten, pflegte der Herr Major ein kräftig knarrendes Geräusch als Warnung ertönen zu lassen – und das wurde respektiert.
War das alles überstanden, pflegten sich prompt die feierlichen Heldentatenfeierer in fröhliche Festteilnehmer zu verwandeln – sie zogen ins Gasthaus, wo sie bereits erwartet wurden. Und wir Knaben hatten dann wieder diesen beliebten Spielplatz ganz für uns – bis zum nächsten zweistündigen Jahresgedenken.
Dabei ist das nur ein Gedenkstein, keinesfalls ein Grabstein gewesen – das ist mir erst etliche Jahrzehnte später bewußt geworden. Denn der Jungingen mag wohl in unserem Tannenberg gefallen sein, bestattet jedoch ist er in der Marienburg worden – in der dortigen St. Anna-Gruft. Auch so kann man sich irren.
Ob nun aber unser Ulrich, der von Jungingen, ein großer, bedeutender Mann gewesen ist, oder auch, wie andere sagen, »ein Hitzkopf, der kein Politiker war« – das bekümmerte uns nicht. Fest stand: er hatte einen großartigen Kampf geführt! Und dafür dankbar zu sein, waren wir auch willig bereit. Denn schließlich hatten uns Kinder die einstigen Ritter ihre Burgen und Denkmale als bevorzugte Treffpunkte und Spielplätze überlassen. Auch so was verpflichtet.
Der erste dieser unserer großen Ordensritter, wie es uns in der Schule frühzeitig beigebracht wurde, hieß Winrich von Kniprode. 1310-1382. Er schuf, wie wir lernten, in der Feste Marienburg das geistig-politische, in der Feste Königsberg das militärisch-verwaltungstechnische Zentrum des Ordens. Er hieß Kniprode, weil er aus Kniprath kam – das aber lag, und liegt heute noch, unweit von Köln. Aus dem Vogtland kam der Nachfolger des unglücklichen, doch stets hochgeehrten Tannenberg-Jungingen – ein gewisser Heinrich von Plauen. Er raffte den nur vorübergehend geschlagenen Ritterorden wieder zusammen und bremste den Vormarsch der Polen bei der Marienburg.
Das muß eine überaus erlösende Tat gewesen sein – zumindest für alle, die bereits in Ostpreußen investiert hatten. Sie wurde jedoch diesem wackeren Heinrich schlecht gelohnt. Denn sein Ordensmarschall, ein Mensch namens Küchenmeister, zettelte nur vier Jahre später eine Verschwörung gegen diesen ersten »Retter Ostpreußens« an, setzte ihn ab, ließ ihn in ein Gefängnis bringen – wo dann der von Plauen kläglich verendete.
Doch immerhin hatte der – »mit Trompeten und Posaunen«, wie es in Berichten hieß – von der Zinne der Feste Marienburg aus seinen großen Sieg verkünden können. Und das mit den Worten: »Und also geschah es nach dem Willen unseres Herrn!«
Wie denn auch wohl alles andere sonst, was danach kam.
... daß du, Königsberg, nicht sterblich bist.
Agnes Miegel
Diese Agnes Miegel hat geliebt und wurde geliebt. Sie ist eine Frau gewesen, und eine sehr ostpreußische dazu; womit an sich ja schon vieles erklärt zu sein scheint. Und was sie auch immer geleistet oder eben sich geleistet haben mag – sie hat es mit heißem Herzen getan; dafür muß man Verständnis haben.
Diese Frau hat, wie erstaunlich viele andere bei uns, einen gewissen Hitler mit ihrem Deutschland verwechselt – und sogar Hymnen darauf geschrieben. Sie glaubte, unbezweifelbar aufrichtig, in diesem Menschen einen ehrlichen, verantwortungsbewußten Beschützer ihrer geliebten Heimat zu erblicken.
