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„Ihr könnt mit Methoden alles Mögliche erreichen, aber nicht Gott.“ In acht Dialogen, aufgezeichnet aus verschiedenen Satsangs, führt Sumiran den Leser in ein immer tieferes Verstehen der Funktionsweises seines denkenden Geistes und zeigt seine Natur auf. Einen wesentlichen Raum nimmt die Untersuchung der Meditation, des Zazen ein: Was heißt eigentlich Meditation? Was passiert in der Meditation? Wer meditiert? Schritt für Schritt zur Wahrheit. „Es ist ein Paradoxon, denn: wir identifizieren uns zunächst mit dem was begrenzt ist, und anschließend beginnen wir die Freiheit zu suchen. Wo beginnt Advaita? Beeilt euch nicht zu sehr damit, die Freiheit zu suchen. Versucht zunächst zu verstehen, ob unsere Identifikation mit dem Körper und mit den Ideen Wirklichkeit ist oder ob das etwa nur ein Irrtum unserer Wahrnehmung ist? Wer sich auf einem inneren Weg befindet, wird diese Dialoge mit großen Gewinn für seine spirituelle Praxis lesen.
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2017
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DIALOGE IM SEIN
Swami Dharma Sumiran
Swami Dharma Sumiran DIALOGE IM SEIN
Unterweisungen eines russischen Advaita-Lehrers Deutsche Originalausgabe
1. Auflage
©2017 advaitaMedia GmbH
advaitaMedia – Weisheit aus der Stille Am Gutspark 1, D-23996 Saunstorf [email protected]
www.advaitamedia.com
Übersetzung: Bernhard Köll Lektorat: Dr. Rüdiger Porep, Verena Poppe Cover & Satz: Katja Dorow-Schwart, [email protected] Titelfoto: watercolor drawing © lovelava, fotolia.com; Portrait-Fotos: Manuel Jendry Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-936718-43-0
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige, auch elektronische Kommunikationsmitte, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.
Inhalt
Vorwort
Kapitel 1 Von der spirituellen Praxis
Kapitel 2 Analyse des Ego-Faktors
Kapitel 3 Die Praxis der Meditation
Kapitel 4 Wer sucht?
Kapitel 5 Traum, Illusion und Wirklichkeit
Kapitel 6 Zwei Wege ins Nichts
Kapitel 7 Der Weg ohne Weg
Kapitel 8 Die Natur des Geistes und der Wahrnehmung
Biografie Swami Dharma Sumiran
Vorwort
Wer die Gelegenheit hat – wie hiermit auch der Leser/die Leserin in dieser ausgewählten, verdichteten Form eines Buches –, an einem Satsang Swami Sumirans teilzunehmen, sollte sich dessen bewusst sein, dass er einen Raum betritt, in dem sich mit gewohnten Mitteln Ungewohntes ereignet.
Das Gewohnte ist das Gespräch, das Spiel von Frage und Antwort, die Erläuterung, die logische Abfolge von Rede, Gegenrede und Schlussfolgerung, die rationale Verwendung des Wortes.
Das Ungewohnte ist der Umstand, dass es dabei nicht um die Befriedigung des Geistes geht, nicht darum, Theorien und Konzepte über „die Wirklichkeit“ zu errichten, die dem Intellekt Genugtuung verschaffen. Im Gegenteil. Die Konzepte, auf die wir uns stützen, die Ideen, aus denen wir unsere Welt formen, die Vorstellungen, in denen wir unsere Existenz eingerichtet haben, bildlich gesprochen: die Häuser, in denen wir leben, werden auf den Prüfstand gestellt, hinterfragt, unentwegt auf ihre Tragfähigkeit hin abgeklopft. Tragfähigkeit wofür? – Für eine Wahrheit und eine Wirklichkeit, die auch jenseits unserer Körperlichkeit und unserer Zeitlichkeit bestehen und für uns gültig sind.
Im Grunde ereignet sich ein Paradoxon: mit den Mitteln des Geistes wird das Unternehmen begonnen, dem Geist darzulegen, dass das, wonach er rastlos auf der Suche ist, nur ein Zustand jenseits seiner selbst sein kann. Oder, um es sinngemäß mit den Worten Swami Sumirans zu sagen: Es ist nicht seine (Sumirans) Intention, von Geist zu Geist zu sprechen, von Ratio zu Ratio, sondern von Bewusstsein zu Bewusstsein.
Die Aufzeichnungen der folgenden, von Bernhard A. Köll so treffsicher ins Deutsche übersetzten, acht Satsang-Gespräche Swami Sumirans vermitteln sehr deutlich etwas von diesem Paradoxon, von dieser Intention, von der Notwendigkeit dieser Arbeit oder „Praxis“, wie es im Text heißt, die mit und an unserer Geistigkeit beginnt, und die unabdingbar ist, um Schritt für Schritt nicht nur näher an ein Verstehen unserer Existenz, sondern auch an den Punkt zu gelangen, an dem diese Existenz in ihrer grundlegenden, zeit- und raumlosen Wahrheit erfahren wird.
Wie weit der Schüler ist, erkennt der Lehrer an dessen Fragen. Und im sich entspinnenden Dialog mag ein Prozess zu greifen beginnen, den ich, gespeist aus den persönlichen Begegnungen mit Swami Sumiran, in einem bekannten Bild so beschreiben kann: der findige, allesbegründende, in seiner Vorstellungskraft schier allmächtige Geist erkennt, dass ihm die Augen verbunden sind. Seiner Sicht beraubt wird er gleich auch noch herumgewirbelt und verliert gänzliche seine Orientierung, bis ihm die Binde abgenommen wird. An diesem Punkt ist nichts neu, weder der Geist, noch die wahrzunehmende Welt. Aber die Perspektive hat sich verändert. Eine neue Sichtweise ist möglich.
Bernhard Ragger
Salzburg, im Sommer 2017
Ich würde euch gern ein wenig davon erzählen, was beim Sitzen in Meditation passiert, welche Arten von Zazen (Sitzmeditation) es gibt und welche Eigenschaften das Sitzen haben kann. Ich möchte euch ein allgemeines Bild von dem vermitteln, was in euch vor sich geht. Es wird euch dadurch sicherlich leichter fallen, euch auf bestimmte Aspekte eurer Praxis zu konzentrieren.
Im Grunde genommen sind wir das all durchdringende, einheitliche Bewusstsein. Das Bewusstsein erlebt sein eigenes Sein, seine eigene Existenz, die kein beobachtbares oder beschreibbares Objekt sein kann. Wenn wir nun in uns hineinschauen, auf die Erfahrung dessen, dass wir existieren, kann man diese Erfahrung auf keine Art und Weise charakterisieren oder ihr irgendwelche Eigenschaften zuschreiben. Deshalb ist die Aussage: Ich bin das, was ich bin, sowohl im Christentum als auch im Osten das Einzige, was wir mit Gewissheit sagen können. Es ist unmöglich, einem anderen Menschen oder sich selbst Eigenschaften, Merkmale oder irgendwelche Besonderheiten dieser Erfahrung zu beschreiben. Das Einzige, was man über diese Erfahrung sagen kann, ist, dass sie EXISTIERT. ‚Ich existiere’ heißt, dass ich existiere. Diese Eigenschaft ist dem Bewusstsein eigen und ist allgemeingültig für alle Lebewesen. Wenn innerhalb dieses Bewusstseins energetische Aktivität entsteht, beginnen die Objekte zu erscheinen. Objekte sind bestimmte energetische Erscheinungen, einfach Phänomene.
Ein Teil der Objekte gruppiert sich zu einer fixen Gesamtheit – so entstehen komplizierte Objekte. Der Mensch als solches ist eine Summe einfacherer Objekte. Diese Summe ist ‚fest‘ im Verlaufe einer bestimmten Zeitspanne. Die Objekte stehen untereinander über eine Art energetischen Austausches in Wechselwirkung. Dieser energetische Austausch lässt das Gefühl der Wahrnehmung entstehen. Wenn ein energetischer Kontakt zwischen den Objekten stattfindet, entsteht das Gefühl, dass etwas wahrgenommen wird. Befinden wir uns in der Praxis des Zazen, nehmen wir verschiedene Objekte wahr. Das bedeutet, dass das, was wir als ‚uns selbst‘ bezeichnen – eine feste Gesamtheit von Objekten – andere Objekte in Beziehung zu ihm als außen wahrnimmt.
Die Überlappung der unbegrenzten Erfahrung ‚Ich existiere’, die dem Bewusstsein eigen ist, mit der Registrierung der Objekte und der an sich begrenzten Wechselwirkung mit den Objekten, lässt die Illusion einer individuellen Persönlichkeit entstehen, einer begrenzten, einer ‚falschen‘ Persönlichkeit, d.h. jener Persönlichkeit, mit der wir uns identifizieren. Das ist das Gefühl des ‚Ich bin’ des Subjektes oder anders ausgedrückt der Individualität.
Alle Objekte befinden sich in Verbindungen von Ursache und Wirkung. Wir nennen das Karma. Diese Verbindungen der Objekte sind Ausdruck des Gesetzes des Energieerhalts, der Handlung und Gegenhandlung und anderer Gesetzmäßigkeiten. Deshalb ist selbst das, was jeder von uns während seiner Praxis beobachtet, eine Folge seines karmischen Weges, eine Folge jener Verknüpfung von Ursache und Wirkung, welche sich über jenes Objekt ausdrücken, das wir jetzt als ich bezeichnen. Das Registrieren von bestimmten Emotionen, Gedanken, Empfindungen, aber auch das Registrieren äußerer Komponenten, einfach alles, was wir erfahren, ist eine Folge davon, dass jeder von uns eine eigene individuelle karmische Linie hat, d.h. das Gesetz von Ursache und Wirkung ist aktiv. Alles, was wir beobachten können ist eine Widerspiegelung unseres Karmas. Von diesem Gesichtspunkt aus ist es auch gleichgültig, ob wir unsere eigenen Gedanken, Emotionen oder Empfindungen beobachten oder etwas Äußeres. Folglich ist sowohl ein Gedanke, der in uns entsteht, als auch der Zug, der draußen während unserer Meditation vorbeifährt, die Folge unserer karmischen Situation. Wir durchleben diese karmische Situation. Diese drückt sich dadurch aus, dass vor uns bestimmte innere und äußere Objekte auftauchen, in jener karmisch vorgegebenen Abfolge und Eigenschaft, die wir dann kontemplieren oder beobachten können.
Das bedeutet also, dass sowohl innere als auch äußere Faktoren, die wir durchleben, lediglich die Folge der Verbindung von Ursache und Wirkung unseres Karmas sind. Wenn wir nun also sitzen und diese Gesamtheit der inneren und äußeren Objekte erleben, können wir durchaus unterschiedliche Beziehungen zu diesen Objekten haben. Eine Möglichkeit wäre, auf diese Objekte in irgendeiner Form einzuwirken. Entsteht ein Objekt im Bewusstseinsfeld, so beginnen wir auf dieses Einfluss zu nehmen. Der Einfluss kann mannigfacher Art sein. Wir haben bereits versucht, unseren Atem anzuhalten, d.h., wir haben das Objekt, das wir „Atem“ nennen, beeinflusst. Angenommen, jemand sitzt da und ihm wird die Sitzposition unangenehm: Er kann diese natürlich verändern, indem er sich auf die Couch setzt oder ins andere Zimmer geht. Das ist eine Art, wie man die Wechselwirkungen zwischen den Objekten durchleben kann.
Die zweite Art – sie ist etwas sanfter – ist jene, bei der wir nicht versuchen auf das Objekt einzuwirken, sondern wir uns aus der Vielzahl an Objekten, die wir vor uns haben, eines aussuchen und unsere Konzentration darauf richten. Dieses eine Objekt wird zum Basisobjekt unserer Wahrnehmung. Beispielsweise wählen wir unsere Atmung aus, betrachten und beobachten diese eingehend. Wenn wir die übrigen Objekte bemerken, ist das in Ordnung, wenn nicht, auch gut.
Die dritte Situation in der Praxis: Wir beobachten Objekte, ohne diese in irgendeiner Weise hervorheben zu wollen. Wir beobachten jedes beliebige Objekt, welches in unserem Bewusstseinsfeld auftaucht und hegen keinerlei Vorzüge. Wir beobachten das, was entsteht und erleben es ohne irgendeine Zielsetzung und unternehmen keinen Versuch etwas zu verändern.
Es gibt noch eine Art des Erlebens und zwar jene, die wir für gewöhnlich als das ‚Verweilen im Sein‘ bezeichnen. Dieses Erleben des Seins, des ‚Istzustandes‘, ist die vierte Art der Praxis. Diesen Zustand könnt ihr erleben, sofern ihr euch tief in diesen Seins- oder Istzustandes versetzt: Selbst wenn innerhalb des Körpers, der Psyche oder des Intellektes Objekte in Form von Gedanken entstehen, Empfindungen und Emotionen da sind oder irgendwelche Klänge auftauchen, geschieht zwar ein Registrieren, aber der Großteil eurer Aufmerksamkeit bleibt auf das Sein konzentriert. Euer inneres Instrument wird auch weiterhin Klänge, Bilder und Gedanken registrieren. Subjektiv seid ihr tief in der Erfahrung eurer Existenz versunken und zwar so tief, dass für euch als Subjekt die Objekte praktisch nicht existieren oder aber nur bis zu einem ganz geringen Grad. Wenn wir so praktizieren, beginnen wir, sehr tiefgründig unser Sein zu erfahren. Wir erleben das innere Gefühl unserer Existenz. Gedanken werden hier nur peripher wahrgenommen.
Der Unterschied zwischen der dritten und vierten Art der Wahrnehmung besteht in Folgendem: Nehmen wir Objekte auf die dritte Art wahr, sind wir mit dem Objekt beschäftigt. Das Objekt bekommt die Aufmerksamkeit, es wird also betrachtet. Wenn wir hingegen Objekte nach der vierten Art wahrnehmen, sind wir mit uns beschäftigt. Die Wahrnehmung der Objekte ist dabei nicht ‚verschärft‘: Wir betrachten keine Details von Objekten, wir stellen unsere Wahrnehmung nicht schärfer ein.
Jetzt haben Sie zumindest eine grobe Vorstellung von den vier Qualitäten der Aufmerksamkeit, von vier Möglichkeiten Objekte zu betrachten, die an uns vorbeiziehen.
Wir können das noch einmal zusammenfassen: Das, was wir im Zazen erleben, ist eine Folge von karmischer Vorherbestimmtheit. Wir können es nicht nicht erleben! Weil nun jeder seine Geschichte hat, erlebt jeder seine Objekte der Wahrnehmung als innere und äußere Faktoren. Es ist wichtig zu verstehen, dass die äußeren Faktoren, in denen wir uns befinden, wenn wir praktizieren, ebenso wie innere Faktoren die Folge von karmischen Verknüpfungen sind. Hier gibt es keinen Unterschied.
Das Verständnis, dass das, was ich jetzt erlebe, eine Folge bestimmter Ursachen und Wirkungen in meinem Leben ist, hilft mir, es zu durchleben, es als Zeuge zu beobachten, ohne Reaktion zu zeigen. Was ist schlecht an einer Reaktion? Wenn wir reagieren, beginnen wir aggressiv zu werden, wir werden unzufrieden, haben besondere Ambitionen. All das ruft wieder Ursache und Folgereaktionen hervor.
Auf diese Weise halten wir ständig eine Kettenreaktion am Leben. Wir reagieren auf eine Situation, diese Reaktion ruft in uns eine gewisse Spannung hervor, neue ‚Blocks‘, und diese Blocks müssen wir dann wohl oder übel durchleben. Ein gewöhnlicher Mensch sammelt beständig Karma an, weil er auf Situationen reagiert. Unsere Reaktionen sind die Keime neuer Ereignisse in unserem Leben. Anders ausgedrückt, unsere Wünsche sind die Samen von neuen Ereignissen. Wenn wir uns nun in die Praxis des Zazen vertiefen, erleben wir jenes Karma, das sich bei uns bereits zuvor angesammelt hat. Wir sind gezwungen, es zu erleben. Wir arbeiten quasi das vorangegangene Karma ab.
Alle vier Arten des Sitzens können bewusst oder unbewusst sein. Wir können bewusst oder unbewusst auf die Situation Einfluss nehmen (z.B. indem wir die Luft anhalten). Ebenso steht es mit dem Hervorheben bestimmter Aspekte. Wir können denken, dass wir nach der Art Zazen Nr. 3 sitzen, also nichts wählend, sich auf nichts konzentrierend. In Wirklichkeit jedoch entsteht eine Anhaftung an bestimmte positive Gedanken oder positive Erlebnisse. Und obwohl wir zu Beginn dachten, wir würden an nichts hängen, entdecken wir plötzlich, dass wir uns unbewusst an bestimmte Aspekte hängen. Oft sind wir uns dieses Prozesses nicht bewusst. Möglich wäre auch die Variante, bewusst das eine oder andere Objekt hervorzuheben.
Ein Lügendetektor arbeitet bekanntlich folgendermaßen: Es geschieht eine Reaktion jenseits der Bewusstheitsgrenze. Wenn wir diese nicht kontrollieren können, führen der Körper und das Unterbewusstsein diese Reaktion aus.
Völlig leidenschaftslos Objekte zu beobachten, ist sicherlich nicht einfach. Sehr subtile Momente beginnen an die Oberfläche zu treten; es zeigen sich Keime karmischer Veranlagungen. Zuerst denken wir, wir seien neutral, dann jedoch tauchen Gefühle und Emotionen auf, die man nicht so einfach loswird. Wir heben sie automatisch hervor und sie werden unwillentlich zu einem zentralen Moment, zu einer ‚Figur‘ in unserem Bewusstsein.
Wenn ihr im Zazen Nr. 2 sitzt und ein bestimmtes Objekt hervorhebt, wird dieses Objekt zu einer Figur, alle anderen Objekte stellen den Hintergrund dar. Sitzen wir im Zazen Nr. 3, gibt es keine Figuren unter den Objekten. Die ganze phänomenale Welt wird zu einer einzigen Figur. Unser Erleben des Seins wird zum Hintergrund. Im Zazen Nr. 4 ist das Erleben des Seins, das Gefühl ‚Ich existiere’, die Figur. Als Hintergrund treten die Objekte in Erscheinung. Dabei kann die Subjektivität so stark werden, dass der Hintergrund fast nicht mehr bemerkt wird. Im Zazen Nr. 1 wählen wir nicht nur eine bestimmte Figur, sondern versuchen zudem, diese zu beeinflussen.
Das sind die vier Möglichkeiten, Zazen zu erleben. In verschiedenen Schulen und verschiedenen Traditionen existieren alle vier Formen des Erlebens. Setzen wir uns zum Praktizieren hin, treten wir in eine dieser vier Formen ein. Wenn ihr praktiziert, könnt ihr das bewusst oder unbewusst tun. Für sich selbst allerdings sollte man versuchen zu erkennen, welche Form der Praxis man bewusst anzuwenden versucht, und welches Zazen einem tatsächlich gelingt.
Die Reaktion und das, was uns liegt, also unsere Veranlagungen, sind auch das Resultat unseres Karmas. Das, was wir sehen, ist unser Karma, und die Art, wie wir reagieren, ist ebenfalls unser Karma, die Verbindungen von Ursache und Folge in uns. Wagen wir uns einen Schritt tiefer, stellen wir jedoch fest, dass es die Person, die auf alles reagiert, in Wirklichkeit gar nicht gibt: Vor dem Hintergrund des Seins entsteht ein Wechselspiel verschiedener Objekte, welches unser Bewusstsein wegen eines Fehlers in der Identifikation als seine eigene isolierte Form des Lebens wahrnimmt.
Das war nun eine Kurzversion, ein allgemeiner Kontext dessen, was beim Sitzen geschehen könnte.
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Heißt das etwa, dass es das individuelle Leben überhaupt nicht gibt?
Ja, das SEIN ist allgemein. Es ist eines für alle. Der individuelle Faktor ist lediglich eine Form des Registrierens dessen, was wir sehen; dessen, was wir wahrnehmen. Das Darüberstülpen der individuellen Form des Registrierens über das allgemeine Sein, erzeugt die Illusion des individuellen Seins. Unendliches Bewusstsein, nicht begrenzt durch Zeit und Raum, gerät in die Falle einer begrenzten Form der Wahrnehmung. So entsteht die Tragik des isolierten, individuellen Lebens. Die individuelle Form des Lebens wird immer um ihr Überleben kämpfen. Das Bewusstsein denkt, dass es zerstört wird, wenn die Form zerstört wird. Das BEWUSSTSEIN bindet sich an die Form und weil die Form endlich ist, entsteht das Gefühl der Endlichkeit des Lebens und des Erlebens des Daseins. Das ist die Basis unserer Versuche zu überleben, uns zu erhalten, uns nahestehende Menschen zu schützen. In der Praxis geschieht ein sukzessives Verschieben der Auf-merksamkeit auf das Erleben des Seins als etwas Unbegrenztes, unbegrenzt durch Zeit und Raum. Wenn der Mensch beginnt, den inneren Raum des Lebens als das, was nicht durch die Form der Wahrnehmung begrenzt ist, wahrzunehmen, und beginnt, sich darin zu festigen, geht auch die Angst vor einem Verschwinden, vor einem Zerstörtwerden verloren, weil nämlich das Erfahren des Seins unabhängig davon ist, ob es nun eine Form gibt oder nicht. Wenn der Mensch das vollends begreift, hört er auf, beunruhigt darüber zu sein, ob er oder jemand anderer zerstört werden könnte. Er sieht ganz klar, dass nur die Form zerstört wird, ohne dass die eigentliche Essenz des Lebens berührt werden könnte. Erkennt dieses Objekt das, so sind die innere Tragik dieser Situation und das Überlebensproblem an sich nicht mehr von Bedeutung.
Der Istzustand, das Sein, ist eine subjektive Eigenschaft. Die Empfindung ‚Ich existiere’ ist eine Empfindung des Subjektes. Wenn wir vom Subjekt sprechen, verstehen wir darunter jenes ‚Etwas’, welches sich seiner selbst bewusst ist und ‚erlebt‘. Alles andere ist Objekt. Das bedeutet also: Der Zustand des Seins ist reine Subjektivität, Subjektivität jenseits irgendeiner Objektivität. Der Mensch erlebt zwei Aspekte: Subjektivität und Objektivität in Form von Registrierung. Bewegen wir uns in Richtung Istzustand bzw. Sein, gehen wir in die reine Subjektivität. Bleibt nur noch diese reine Subjektivität, nennt man das ‚Nirvikalpa Samadhi‘. Wenn nur das Sein existiert und nicht ein einziges Objekt der Wahrnehmung, heißt das: Das Bewusstsein erfährt sich selbst. Die objektive Wahrnehmung der Wirklichkeit bezieht sich auf die drei vorhergehenden Varianten des Meditierens. Dort haben wir es mit den Objekten des Beobachtens und des Erlebens zu tun. Sprechen wir von der vierten Variante, handelt es sich um einen Zustand der reinen Subjektivität. Wir erleben mehr und mehr das Subjekt. Subjekt gibt es nur eines, Objekte hingegen unzählige. Sobald wir beginnen, auf Objekte zu schauen, sehen wir viele davon: Emotionen, Gedanken, Empfindungen. Wir leben in einer Vielzahl von Objekten, aber in einer einzigen Subjektivität. Es gibt nur eine Subjektivität. Wir begegnen uns in dieser Subjektivität. Menschen, die sehr tief in diese Subjektivität eingedrungen sind, erleben das Gefühl, dass es keinen Unterschied zwischen ihnen und anderen Menschen gibt. Wir befinden uns in dieser Subjektivität, die keinen Unterschied zwischen den Menschen zulässt. Die Subjektivität ist allgemeingültig für alle und hängt nicht von Zeit und Form ab. Die Objektivität, die wir erleben, ist charakterisiert durch Vielfalt und Unterschiede.
All das hilft uns, uns zu orientieren. Verändern sich unsere Erfahrungen in der Praxis, auch wenn die Veränderung nur minimal ist (heute das eine, morgen etwas anderes), ist das ein Zeichen dafür, dass wir noch nicht unsere innerste Natur sind. All das ist noch mit bestimmten Formen von Gefühlen, von Wahrnehmung, verbunden. Auch wenn sie sehr subtil sind, handelt es sich trotzdem um Formen. Unsere wahre Natur ändert sich zum einen nicht und kann zum zweiten nicht erreicht werden; sie wird entdeckt bzw. offenbart sich. Praxis schafft nichts. Sie gibt nur unserem Bewusstsein die Fähigkeit zurück, seine wahre Natur wieder zu erkennen. Wir verwenden unsere ganze Zeit, um den Kontakt mit den Objekten aufrecht zu erhalten. Wenn wir die Objekte beiseitelassen, gelangen wir nach Hause.
Normalerweise lebt der Durchschnittsmensch in einer Welt der Objekte, ohne dass er die Unendlichkeit seiner Subjektivität erkennen könnte. Er lebt in der Welt der Objekte, in der Welt der Begrenzungen, was sogar so weit geht, dass ihm seine eigene Subjektivität begrenzt erscheint. Ein Yogi, der in den Zustand des Nirvikalpa Samadhi eintritt, lebt in einer Welt ohne Begrenzungen, in einer Welt, die sich nicht an Phänomenen und Erscheinungen orientiert. Sahaja Samadhi heißt, dass der Mensch in dieser Welt lebt, jedoch ohne Begrenzungen, d.h., dass er auf der Ebene der Subjektivität, den zeit- und raumlosen Aspekt des eigenen subjektiven Empfindens erfährt. Man könnte sagen, dass seine Persönlichkeit unendlich ist und alles in sich einschließt. Innerhalb dieses Zustandes sieht er Bilder und Formen, aber das Sehen und Wahrnehmen dieser Formen führt nicht zu einer Einschränkung des subjektiven Erlebens.
Im Grunde genommen könntet ihr auch zuerst in die reine Subjektivität fallen. Wenn sich die Formen verlieren, hört ihr gleichzeitig auf, euch an diesen Formen zu orientieren, hört auf, sie zu bemerken. Ihr werdet quasi funktionell unfähig. Der nächste Schritt wäre, dass sich ein Yogi oder Meister aus der Subjektivität heraus, ohne diese Basis zu verlieren, in der Welt der Objekte zeigt, aber jetzt als jemand ganz anderer, nämlich als jemand, der durch innere Subjektivität nicht gebunden ist.
Sprechen wir von unserem inneren Meister, ist der erste Schritt, die Unendlichkeit und Ganzheitlichkeit unserer Subjektivität zu erkennen. Der nächste Schritt wäre, diese Erkenntnis beibehalten zu können und losgelöst mit der Welt in Beziehung zu treten. Der gewöhnliche Mensch glaubt die Welt zu lenken, zu strukturieren. Er geht völlig in der Welt auf. Es gibt Yogis, die, nachdem sie das Nirvikalpa Samadhi, die Erfahrung der reinen Subjektivität, erreicht haben, völlig das Interesse am Körper verlieren und von der Bühne abtreten. Ramakrishna oder Ramana Maharshi wären unbemerkt dahingeschieden, hätten sich nicht ihre Schüler um sie gekümmert.
Die dritte Variante ist, wenn ihr, nachdem ihr die reine Natur eurer Subjektivität erkannt habt, erneut beginnt, auf die Objekte zu schauen. Dann kann man wieder seinen Atem beobachten, sich für Ursache und Folge (Karma) interessieren, jetzt aber nicht mehr als Teilnehmer dieses Prozesses, sondern einfach als neutraler Beobachter, ohne innerlich beteiligt zu sein, ohne Attachment, wie man auf Englisch sagt. Damit haben sich Schulen des Taoismus beschäftigt. Der Zustand der Erleuchtung ist nur der dritte Zyklus in einer 33-stufigen Leiter. Das Erleben einer reinen, unendlichen Subjektivität und das ‚sich-außerhalb-der-Form-Befinden‘ ist erst die dritte Stufe von 33! Danach folgt eine beeindruckende Entwicklung der phänomenalen Körper und der Psyche.
Wenn der Mensch sich tatsächlich, nicht nur formal, auf die vierte Stufe, das reine innere Sein, einstimmen kann, werden die vorangehenden Praktiken (Beobachtung des Atems, das Beobachten innerer Prozesse) weniger attraktiv. Es entsteht eine starke Anziehungskraft, gerade auf diesem Wege den Prozess zu aktivieren. Da für den gewöhnlichen Menschen das Wort Subjektivität ein leerer Begriff ist, fühlt er die darin verborgene Realität nicht. Für ihn ist es also passender, mit Übungen zu beginnen, die ihn dorthin führen. Beginnt der Mensch, die Qualität der Subjektivität subtiler und tiefer zu erahnen, werden jene Praktiken, die in irgendeiner Form mit dem Beobachten von Objekten zu tun haben, für ihn überflüssig. In Tibet wird das folgendermaßen beschrieben: Zunächst zählt man den Atem, dann beobachtet man Empfindungen und immer subtilere Strukturen und schließlich wird alles auf das eine Sein, das außerhalb jedes Objektes liegt, übertragen.
Das Objekt wird immer subtiler, subtiler und noch subtiler und schlussendlich braucht das Bewusstsein, um nicht einzuschlafen, keinerlei Objekte mehr. Das Bewusstsein trainiert und, selbst wenn alle Wahrnehmungsobjekte weg sind, bleibt das klare Gefühl des SEINS. Bei einem gewöhnlichen Menschen kann das ‘sich seiner Selbst bewusst Sein‘ nicht außerhalb von Objekten geschehen. Wir trainieren sozusagen Schritt für Schritt das Erleben außerhalb von Objekten. Auf den hinführenden Etappen kann jeder die optimale Art der Praxis finden; jene Objekte, die ihm am besten für das Beobachten geeignet scheinen.
◆
Was bezeichnen wir überhaupt als ‚Energien‘?
Energien nennen wir jene Erfahrungen, die nicht zu jenem Weltbild gehören, das man uns von Kindheit an gegeben hat. Erleben wir eine Energie, die uns bekannt ist, sagen wir: Das ist so eine Persönlichkeit oder das ist diese Emotion und jene Empfindung. Das sind auch Energien, aber das sind Energien, auf die wir schon voreingenommen sind. Daraus folgt ein Prozess des Erkennens, der Interpretation, Beurteilung usw. Wenn wir mit einer Energie das erste Mal zu tun haben, hat unser Geist nicht die Möglichkeit diese zu erkennen, sie zu benennen, und wir sagen: Die Energie fließt. Dabei sind wir rein, unschuldig. Genauso erlebt ein Kind seine Emotionen, Gedanken und Gefühle, nämlich als reine Energie. Zumindest im ersten Abschnitt seines Lebens ist das so. Danach beginnt man, dem Kind alles zu erklären, und in einer fünfhundertstel Sekunde, wie Trungpa (buddhistischer Meister) schreibt, wird die ganze Kette des Erkennens ausgelöst. Es ist klar, dass es nicht die Persönlichkeit sein kann, die diesen Prozess in dieser Geschwindigkeit durchmachen kann.
Es ist gut, wenn wir in unserer Praxis das Spektrum unserer Erfahrungen erweitern. Dadurch kommen wir in Bereiche, in denen wir noch nicht determiniert sind. Dort kann unser Geist mit nichts spekulieren. Deshalb können wir, wenn wir irgendein Phänomen betrachten, dieses eben als Phänomen betrachten. Wir sagen dann lediglich, dass das Energie ist oder dass uns die Worte fehlen. Das alles geschieht, weil wir in unserem bisherigen Leben, ein solches Phänomen nicht erlebt haben. Wir können versuchen es zu beschreiben, aber in dem Moment des Erlebens einer Erfahrung, können wir das Phänomen nicht beschreiben. Es wird uns als eine Art Empfindung, als reine Empfindung gegeben. Der Prozess des Erfahrens und jener des Erkennens sind fast gleichzeitig. Würde man den ‚Block‘ des Erkennens wegnehmen, würde der Mensch sein ganzes Leben als einen Fluss verschiedener energetischer Phänomene wahrnehmen.
Der Mensch verbindet in sich zwei Aspekte des Lebens: das Erleben des Seinszustandes und das mechanische Registrieren von energetischen Prozessen. Das Beobachten oder Bezeugen von etwas ist ein Prozess, der geschieht, wenn wir uns während des Registrierens nicht unter den registrierten Erscheinungen befinden, sondern im Seinszustand. Während des Registrierens, erkenne ich mich, vor diesem Hintergrund, als bezeugendes, beobachtendes Subjekt. Auf Grundlage dieser Subjektivität, des Erlebens ‚Ich existiere’, geschieht das Registrieren verschiedener Arten von Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Objekten.
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Kann ein Individuum, eine Persönlichkeit, leben, ohne eine Wahl zu treffen?
Über das ‚Wählen‘ spricht Krishnamurti viel. Man kann die Wahl nicht vom Wählenden selbst trennen. Wir existieren als Person nur über die Wahl. Das Wählen kreiert die Person. Gibt es keine Wahl, so gibt es auch keine Person. Man kann nicht darüber sprechen, ob die Person wählen kann oder nicht. Es ist exakter zu sagen, dass die Person selbst die Wahl ist. Der Mensch manifestiert sich als ein bestimmtes Individuum mittels Reaktionen, also verschiedener Wahlmöglichkeiten auf allen Ebenen der Psychosomatik.
Deine Frage zeigt, dass du diese Situation noch nicht ganz begreifst. Ausgehend von der Frage kann man klar erkennen, wo der Mensch steht, der sie stellt. Wenn du fragst, ob eine Person nicht wählen kann, ist es egal, ob du das Konzept des Advaitas kennst oder nicht. Bestimmte Mechanismen deines Geistes trennen weiterhin jenen, der wählt, vom Prozess der Wahl selbst. Du siehst noch nicht, dass die Wahl selbst die Person kreiert. Außerhalb der Wahl gibt es keine Individualität.
Das ‚Sitzen‘ (Sitzmeditation des Zazen) ist eine wunderbare Sache, weil es niemals zu etwas Gewöhnlichem oder Alltäglichem verkommt. Bei vielen Aktivitäten kann man die Qualität, welche diese Aktivität vermittelt, durch andere Formen oder auch Quantität ersetzten. Im Zazen aber können die Leute nur Schönheit in diesen Prozess bringen durch eine Schönheit, die aus sich selbst hervorgeht. Im Tanz kann schöne Bewegung verborgen liegen, im Singen eine schöne Stimme. Dies bedeutet nicht, dass man das unbedingt zu etwas Besonderem machen muss, aber es wird zumindest einen Eindruck hinterlassen. Beim Sitzen in Meditation Eindruck zu machen, ist allerdings schwer und passiert nur, wenn eine außergewöhnliche Tiefe da ist. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es sich hier um eine der reinsten Formen handelt, wie Sakrales Ausdruck finden kann: Es gibt nichts Überflüssiges. Es gibt nur das Jetzt, das Dasein in seiner reinsten Form. Ist ein Mensch innerlich schön, so hat auch sein Sitzen etwas Magnetisches, Anziehendes an sich. Der gesamte Prozess gewinnt an Faszination. Heute haben wir zum ersten Mal gesessen und sofort fühlt man, wie dieser Raum entsteht, der für sich selbst spricht. Hier gibt es Leute, die durchaus fähig sind, diesen Raum mit Gehalt zu füllen. Wenn jemand Sensibilität besitzt, wird er das fühlen können.
Vor meinem Aufenthalt in St. Petersburg hatte ich ein Seminar in Udomlja. Einer der Teilnehmer hat erzählt, wie er während des Sitzens in einen sehr tiefen Zustand des Beobachtens gelangte. In diesem Zustand hatte er das Gefühl, dass jemand von diesem Zustand wüsste. Dabei tauchte folgende Frage auf: Wenn jemand von diesem Zustand weiß, ist dann nicht der, der davon weiß, ein Teil einer Struktur des Egos, die einfach einen tiefen Zustand kennt? Es taucht also unweigerlich die Frage nach dem Wissenden oder Erkennenden auf: Wer weiß? Wer erkennt? Dieser Teilnehmer hatte die Befürchtung, dass es sich um das Ego handele, das weiß, dass es sich in tiefer Kontemplation befände, tiefen Frieden fühle usw. Könnte es sich nicht um eine Falle handeln? Wer ist der Wissende, der vom Frieden weiß? Die Frage ist durchaus von Bedeutung und wir werden uns jetzt mit ihr befassen.
In uns gibt es den Wissenden, und dieser Wissende weiß nicht nur, dass wir uns friedlich fühlen oder in Ekstase sind. Dieser Wissende weiß auch von unserem Schmerz, von unseren Leiden. Jemand oder etwas in uns weiß davon. Wer ist dieser Wissende, ist er vielleicht das Ego? Wer in uns weiß von allem, was mit uns in unserem Leben passiert? Beginnend von den einfachsten Dingen bis zu irgendwelchen außergewöhnlichen Erfahrungen. Wer weiß das alles? Ist es das Ego? Was meint ihr?
Vielleicht gibt es Erklärungen oder irgendwelche Erläuterungen aus alten Schriften?
Und wenn es diese nicht gibt?
Wenn Liebe präsent ist und keine Anhaftung, ist es nicht das Ego.
Wer dann?
Das Bewusstsein.
Bewusstsein. Ja, das ist der Wissende, der über alles Bescheid weiß, nicht nur über innere Prozesse, sondern auch über äußere. Wenn etwa die Sonne aufgeht und wir wissen, dass die Sonne aufgeht, also jemand weiß, dass die Sonne aufgegangen ist, so ist das eine Art Wissen. Wenn ich weiß, wie hoch meine Körpertemperatur ist, ist auch das eine Art von Wissen. Und es gibt natürlich den Wissenden, der davon weiß. Man sagt, dass es die Natur des Bewusstseins ist – zu ‚wissen‘. Das Bewusstsein spiegelt – ähnlich einem Spiegel – wider. In China spricht man von einem alten Spiegel, dessen Natur es ist zu ‚wissen‘. Wenn ihr vor einem Spiegel steht, spiegelt dieser euch wider. Er weiß davon, dass ihr vor ihm aufgetaucht seid. Die Widerspiegelung ist seine Art des Wissens. Indem er euch widerspiegelt weiß er, dass ihr vor ihm steht. Eine andere Eigenschaft des Spiegels ist, dass er euer Bild nicht speichert und sich nicht daran erinnert. Wenn ihr also entsteht, wenn ihr seid, weiß er von euch. Wenn ihr nicht vor ihm steht, weiß er von euch gar nichts, weil ihr einfach nicht da seid. Diese zwei Eigenschaften – die Fähigkeit widerzuspiegeln mittels Wissen und die Fähigkeit sich nicht zu erinnern, nicht zu ‚verstauben‘, keinen Staub in sich anzusammeln, dies sind Besonderheiten, die dieser Wissende besitzt.
Wenn ein Mensch geboren wird oder irgendeine andere Form, weiß man davon. Es entsteht ein Wissen darüber, dass etwas geboren wurde. Irgendein Objekt ist erschienen und jemand weiß davon. Es entsteht das Wissen oder das ‚sich-bewusst-Machen‘ des Körpers. Was ist das ‚sich-bewusst-Machen‘ des Körpers? Das ist Wissen. Es beginnt jemand davon zu wissen, dass es einen Körper gibt, und mittels dieses Körpers machen wir bestimmte Erfahrungen. In Wirklichkeit existieren dieser Wissende und die Welt, mit einem Wort das, was man im Osten Prakriti nennt. Der Wissende weiß von der Welt, er erfährt sie. Folglich entsteht die Welt für ihn.
Das Gleiche gilt für uns. Durch uns weiß ‚jemand‘ von dieser Welt. Jemand weiß von unserem Körper und weiß von anderen Menschen, weiß über die Sonne und über die Sterne. Es gibt also den Wissenden, den man als Nirguna (das was jenseits der Gunas ist) bezeichnet. Man nennt ihn auch Shiva. Und es gibt die Welt, Prakriti oder Shakti, wovon der Wissende weiß.
Es gibt folglich zwei Erscheinungen oder Phänomene: Prakriti, die Natur und Shiva, der, der von dieser Natur weiß. Es ist noch nicht die Rede vom individuellen Wissenden. Die Natur spiegelt sich im Spiegel des Absoluten wider. Dieser Spiegel existiert auch, weil jemand von dieser Natur, von dieser Welt weiß. Diese zwei Erscheinungen, die Natur und der, der von der Natur weiß, sind offensichtlich. Wir können sie unmöglich leugnen. Der nächste Schritt ist es zu verstehen, was das Ego ist; wo und wie es zwischen diesen beiden Phänomenen plötzlich auftaucht: nämlich zwischen der Natur und dem Sehenden der Natur, zwischen Shiva und Shakti. Einfach davon zu wissen, dass Ekstase, Schmerz, Vergnügen und Freude erlebt werden, ist noch nicht das Ego, sondern eure ureigene Fähigkeit. Was immer auch in der Welt passieren möge, der Wissende wird davon wissen. Seine Natur ist es widerzuspiegeln. Jede beliebige Erscheinung, die in dieser Welt in Form von Energie auftritt, spiegelt sich im Spiegel des Absoluten wider und wird zu Wissen. Es entsteht beispielsweise ein Kind. Was bedeutet es, dass ein Kind entsteht? Es bedeutet, dass jemand davon weiß.
Sobald eine Form entsteht, entsteht auch eine Widerspiegelung dieser Form in einer Art von Wissen. Folglich kann in der Welt nichts als Energie geboren werden, ohne dass es sich in diesem absoluten Spiegel widerspiegeln würde. Und die Natur produziert ständig
