Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn (Illustrierte Ausgabe) - Mark Twain - E-Book

Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn (Illustrierte Ausgabe) E-Book

Mark Twain

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Beschreibung

In "Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn" präsentiert Mark Twain ein Meisterwerk der amerikanischen Literatur, das die Lebensrealitäten des 19. Jahrhunderts in den südlichen Bundesstaaten der USA meisterhaft einfängt. In einem facettenreichen literarischen Stil, der sich durch einen lebhaften Dialog und ergreifende Beschreibungen auszeichnet, begleitet der Leser die beiden Protagonisten auf ihren spannenden und oft turbulenten Abenteuern entlang des Mississippi. Die Erzählung reflektiert nicht nur die Unschuld und den Spieltrieb der Kindheit, sondern verwebt auch tiefere gesellschaftliche Themen wie Rassismus und Moral, die in der Zeit der Entstehung prevalent waren. Twain gelingt es, durch seinen scharfsinnigen Humor und seine scharfen Beobachtungen, die Leser sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken zu bringen. Mark Twain, einer der bekanntesten amerikanischen Autoren, wurde 1835 geboren und wuchs in Missouri auf, wo er die Zutaten für seine späteren Werke sammelte. Seine eigene Kindheit und die Erlebnisse in einer sich wandelnden Gesellschaft flossen stark in die Charaktere und Geschichten ein. Twains Fähigkeit, lebendige Szenen aus dem Alltag der Menschen seiner Zeit darzustellen, zeugt von seinem tiefen Verständnis für die amerikanische Kultur und gesellschaftliche Dynamiken. Angereichert durch persönliche Erfahrungen und die Beobachtung seiner Umwelt, wurde er zu einer zentralen Figur in der Literatur des Realismus. Dieses Buch ist nicht nur eine Hommage an die unbeschwerte Kindheit, sondern auch eine kritische Betrachtung der menschlichen Natur und der gesellschaftlichen Normen. Leser, die sich für zeitlose Themen und brillante Charaktere interessieren, werden von Twains kunstvollem Erzählen gefesselt sein. Die illustrierte Ausgabe lädt zudem dazu ein, die bildliche Darstellung der Abenteuer noch intensiver zu erleben, wodurch das zeitlose Werk in neuem Licht erstrahlt. Ein unverzichtbares Leseerlebnis für Literaturfreunde und Geschichtsliebhaber. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Mark Twain

Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn (Illustrierte Ausgabe)

Bereicherte Ausgabe. Eine fesselnde Reise durch Abenteuer, Freundschaft und den amerikanischen Süden des 19. Jahrhunderts
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547669654

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn (Illustrierte Ausgabe)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese illustrierte Ausgabe versammelt Mark Twains Die Abenteuer Tom Sawyers (1876) und Die Abenteuer des Huckleberry Finn (1884/85) in einem Band. Ziel der Zusammenstellung ist es, zwei eigenständige, einander ergänzende Romane in ihrem thematischen Zusammenhang zugänglich zu machen. Als vollständige Erzählwerke zeigen sie die Entwicklung zweier ikonischer Figuren und eröffnen zugleich einen breiten Blick auf eine prägende Landschaft und Epoche der Vereinigten Staaten. Die beigefügten Abbildungen bieten eine visuelle Begleitung, die Atmosphäre, Milieu und Gestik der Figuren hervorhebt, ohne den Text zu überformen. So entsteht eine Lektüreerfahrung, die Sprache, Vorstellungskraft und Bild miteinander ins Gespräch bringt.

Mark Twain, Pseudonym des Autors Samuel Langhorne Clemens, veröffentlichte diese Romane in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Beide Bücher wurzeln in Beobachtungen des Alltagslebens am Mississippi und verbinden autobiografische Eindrücke mit erzählerischer Gestaltung. In der Literaturgeschichte gelten sie als bedeutende Beiträge zur amerikanischen Erzählkunst; Die Abenteuer des Huckleberry Finn wird vielfach als Meilenstein der nationalen Literatur rezipiert. Indem diese Ausgabe beide Romane nebeneinanderstellt, macht sie Kontinuitäten und Kontraste spürbar: vom spielerischen Erkunden der Welt bis zu Fragen des Gewissens, die über individuelle Abenteuer hinausweisen.

Die hier präsentierten Texte sind Romane, die Elemente des Abenteuer- und Entwicklungsromans aufgreifen. Sie bewegen sich zwischen humoristischem Realismus, Schelmenromantradition und Gesellschaftssatire. Andere Textsorten, für die Twain ebenfalls bekannt ist – etwa Reiseberichte, Essays oder Reden – sind in dieser Sammlung nicht vertreten. Gleichwohl lassen sich seine Stärken als Beobachter, Ironiker und Chronist sozialer Milieus auch in diesen fiktionalen Werken exemplarisch nachvollziehen. Die erzählerische Form erlaubt es, belebte Figuren, Alltagssprache und situative Komik zu entfalten, während die größere Bogenführung thematische Tiefenschichten Schritt für Schritt freilegt.

Beide Romane sind im Umfeld des Mississippi angesiedelt, mit dem fiktiven Städtchen St. Petersburg als wiederkehrendem Bezugspunkt, das an Twains Heimat Hannibal in Missouri erinnert. Der Fluss bildet mehr als eine Kulisse: Er ist Bewegungsraum, Lebensader und symbolisches Gegenüber. In ihm bündeln sich Vorstellungen von Weite, Wandel und Grenzüberschreitung. Die Kleinstadt wiederum konzentriert Sitten, Rituale und Zwänge einer Gemeinschaft, die Tradition und sozialer Kontrolle verpflichtet ist. Zwischen Fluss und Dorf entfaltet sich ein Panorama von Kindheit, Freundschaft und Bewährungsproben, das Leichtigkeit und Ernst miteinander verschränkt.

Die Abenteuer Tom Sawyers folgt einem Jungen, dessen Neugier, Einfallsreichtum und Spieltrieb die engen Horizonte einer Kleinstadt fortwährend erweitern. Schule, Familie, Feste, Mutproben und Streiche liefern Anlässe, die Welt zu erproben und sich in ihr zu behaupten. Tom sucht Bewunderung, Gemeinschaft und das Versprechen eines größeren Lebens. Die erzählerische Perspektive schmiegt sich an seine Wahrnehmung an und macht die Dynamik von Phantasie, Angst und Mut erfahrbar, ohne die Maßstäbe der Erwachsenen ganz zu übernehmen. So entsteht ein lebendiges Bild der Kindheit als Experimentierfeld für Moral, Erfindungslust und Empathie.

Die Abenteuer des Huckleberry Finn setzt bei einer vertrauten Figur an, verlegt die Erzählung aber in eine Ich-Perspektive und auf eine Reise den Mississippi hinab. Huck entzieht sich Erwartungen und Rollenzuschreibungen und verhandelt unterwegs Fragen der Zugehörigkeit, des Rechts und der persönlichen Verantwortung. Der Roman ist in eine Zeit gebettet, in der Sklaverei und ihre gesellschaftlichen Folgen das Leben in weiten Teilen der USA prägten. Aus Hucks Blick entsteht ein Prüfstein für Gewissen und Gemeinschaft, der äußere Bewegung mit innerer Orientierungssuche verbindet, ohne einfache Antworten vorwegzunehmen.

Stilistisch verbindet Twain Humor, Situationskomik und scharfe Beobachtungsgabe mit einem ausgeprägten Sinn für mündliche Redeweisen. Dialekte, Redewendungen und Rhythmus der gesprochenen Sprache verleihen beiden Texten Unmittelbarkeit und Eigenklang. Während Die Abenteuer Tom Sawyers stärker eine von außen geführte, spielerisch-ironische Inszenierung nutzt, lässt Die Abenteuer des Huckleberry Finn den Erzähler selbst das Maß der Darstellung setzen. Diese Spannung zwischen distanzierterer und unmittelbarer Stimme trägt dazu bei, dass ähnliche Schauplätze unterschiedliche Tönungen erhalten und die Figurenprofile sich plastisch unterscheiden.

Thematisch kreisen beide Romane um Freiheit, Freundschaft, Loyalität und die Reibung zwischen individueller Erfahrung und gesellschaftlicher Norm. Kindheit dient als Linse, durch die Autorität, Moral und Konvention befragt werden. Tapferkeit, List, Erfindungsreichtum und Mitgefühl treten als Tugenden zutage, die in Momenten der Bewährung Gewicht erhalten. Zugleich bleiben Ambivalenzen sichtbar: Das Begehren nach Anerkennung kann die Wahrheit verdunkeln; der Wunsch nach Sicherheit kann Mut ersticken. Twain arbeitet diese Spannungen ohne moralisches Dogma heraus und lädt dazu ein, Urteilskraft als lebendige, prüfende Tätigkeit zu verstehen.

Ein prägendes Merkmal ist Twains Gesellschaftssatire: Heuchelei, Aberglaube, engstirnige Ehre und modische Schwärmereien werden ebenso sichtbar wie Fürsorge und Solidarität. Der Alltag in Familien, Schulen, Kirchen und Vereinen bildet ein fein verästeltes Geflecht aus Ritualen und Erwartungen. Zwischen öffentlichem Schein und privatem Handeln tut sich ein Raum auf, in dem Figuren ihre Haltung suchen und behaupten. Diese Beobachtungen sind an Ort und Zeit gebunden und überschreiten sie zugleich, weil sie Grundfragen des Zusammenlebens berühren: Wie entstehen Normen? Wer setzt sie durch? Und wie verändert Erfahrung den Blick darauf?

Die Illustrationen dieser Ausgabe schaffen eine zusätzliche Ebene der Annäherung. Sie veranschaulichen Schauplätze, Gesten und Stimmungen und können als Lesehilfen dienen, die Szenen strukturieren und Details hervorheben. Dabei bleibt der Text maßgebend: Die Bilder kommentieren, öffnen Assoziationsräume und unterstützen die Vorstellungskraft, ohne Bedeutungen festzuschreiben. Für jüngere wie erfahrene Leserinnen und Leser erleichtern sie den Zugang zu Milieu und Zeitkolorit. Zugleich regen sie dazu an, über die Wechselwirkung von Wort und Bild nachzudenken und die eigene Imagination aktiv an der Erschließung des Stoffs zu beteiligen.

Die anhaltende Bedeutung dieser Romane zeigt sich in ihrer weiten Verbreitung, in pädagogischen Kontexten und in Debatten über Sprache, Darstellung und historische Sensibilität. Insbesondere die Auseinandersetzung mit rassistischer Vergangenheit und diskriminierenden Bezeichnungen erfordert eine bewusste, kontextualisierte Lektüre. Der literarische Rang der Werke ergibt sich nicht aus Harmonie, sondern aus Reibung: Humor und Ernst, Abenteuerlust und Moralkritik stehen produktiv nebeneinander. So bleiben die Bücher Anlass zur Diskussion darüber, wie Literatur Erinnerung gestaltet und ethische Fragen erfahrbar macht.

Diese Sammlung verfolgt den Zweck, zwei eigenständige Klassiker in ihrem Dialog sichtbar zu machen: die Leichtigkeit und Erfindungslust des einen, die Selbstprüfung und Reisebewegung des anderen. Wer die Romane zusammen liest, gewinnt ein Gefühl für Kontinuitäten und Brüche, für Tonwechsel und motivische Spiegelungen. Die illustrierte Gestaltung soll das Erkennen, Vergleichen und Verweilen fördern. Möge die Lektüre zu einer Betrachtung führen, die sowohl das Vergnügen an der Erzählkunst als auch die Aufmerksamkeit für historische und moralische Dimensionen schärft – und damit die bleibende Lebendigkeit von Mark Twains Werk erfahrbar macht.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Mark Twain, geboren als Samuel Langhorne Clemens am 30. November 1835 in Florida, Missouri, und gestorben am 21. April 1910 in Redding, Connecticut, gilt als eine der prägenden Stimmen der amerikanischen Literatur. Seine Erzählkunst verband Humor, gesellschaftliche Satire und präzise Beobachtung zu einer eigenständigen Form des Realismus. Zentral für sein Ansehen sind die Romane Die Abenteuer Tom Sawyers (1876) und Die Abenteuer des Huckleberry Finn (1884/85), die am Mississippi verortet sind. In ihnen verdichtete er Kindheitserfahrungen, regionale Sprache und moralische Konflikte zu Werken, die weit über die Jugendliteratur hinausreichen und internationale Wirkung entfaltet haben.

Diese beiden Bücher haben Twains Bild als Chronist des amerikanischen Lebens vor dem Bürgerkrieg geprägt. Tom Sawyer entwirft ein vielschichtiges Panorama von Dorfgesellschaft, Streichen und Ritualen des Aufwachsens, während Huckleberry Finn, erzählt aus der Ich-Perspektive, die Suche nach Freiheit und Gewissensprüfung radikalisiert. Gemeinsam bilden sie eine erzählerische Brücke zwischen volkstümlicher Komik und scharfer Gesellschaftskritik. Ihre Popularität führte zu anhaltender Schullektüre, aber auch zu Debatten über Sprache und Darstellung historischer Realitäten. So wirken sie bis heute als Prüfsteine dafür, wie Literatur Erinnerung, Moral und nationale Identität zugleich befragen und formen kann.

Bildung und literarische Einflüsse

Twain wuchs in Hannibal, Missouri, auf, einer Hafenstadt am Mississippi, deren Menschen, Geräusche und Geschichten sein Ohr schulten. Nach dem frühen Tod seines Vaters verließ er die Schule und arbeitete als Schriftsetzer und Setzergehilfe; die Druckerei und die Zeitung wurden zu seinem Lernort. Er verschlang Zeitungen, populäre Erzählungen und Sachbücher, und er trainierte seine Prosa am Rhythmus der gesprochenen Sprache. Als junger Mann wurde er Flusspilot, eine Tätigkeit, die ihm eine intime Kenntnis des Stroms vermittelte. Diese Erfahrungen prägten später die Schauplätze, Figurenrede und moralischen Spannungen in Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Literarisch knüpfte Twain an Traditionen des US-amerikanischen „Southwestern Humor“ und an mündliche Erzählformen des Grenz- und Flussraums an. Er griff die picareske Struktur auf, die episodisches Reisen, Begegnungen und soziale Maskenspiele erlaubt. Gleichzeitig setzte er sich mit der damals beliebten romantischen Erzählweise auseinander, die er häufig parodierte, um Wirklichkeitsnähe und Skepsis zu betonen. Sein Gespür für regionale Dialekte wurde zum Markenzeichen. In Huckleberry Finn trug gerade die sorgfältige Differenzierung von Stimmen wesentlich zur Glaubwürdigkeit der Figuren bei und bereitete den Boden für eine eigenständige amerikanische Prosatradition jenseits europäischer Vorbilder.

Twain lebte und schrieb in einer Zeit, in der die Auseinandersetzung mit Sklaverei, Rassismus und gesellschaftlicher Modernisierung die Vereinigten Staaten prägte. Als Kind hatte er Sklaverei in Missouri unmittelbar erlebt und beobachtete später, wie Mythen, Aberglauben und soziale Konventionen das Handeln bestimmten. Diese Beobachtungen flossen nicht als bloße Thesen, sondern als erzählerische Situationen in seine Romane ein. Auch seine journalistische Praxis schärfte die Mischung aus Faktennähe und Satire. Die Flussschifffahrt, die Mentalität kleiner Städte und die Spannungen des Grenzraums gaben ihm Motive und Schauplätze, die in beiden Büchern zu identitätsstiftenden Symbolen wurden.

Literarische Laufbahn

Bevor Twain die großen Mississippi-Romane veröffentlichte, machte er sich als Reporter und Humorist einen Namen. Sein literarischer Durchbruch gelang mit einer humoristischen Erzählung über einen Wettfrosch, die seine Begabung für Pointe, Timing und volkstümlichen Ton sichtbar machte. Diese öffentliche Aufmerksamkeit verschaffte ihm Resonanz und Selbstvertrauen, längere Prosaarbeiten zu planen. Zugleich verfeinerte er auf Lesereisen und in Artikeln die Kunst, Lebensbeobachtung mit satirischer Zuspitzung zu verbinden. Die Verbindung von Komik und Wahrheitssinn, die sein Markenzeichen wurde, bereitete den Boden dafür, die Geschichten aus Hannibal literarisch zu verdichten.

Die Abenteuer Tom Sawyers erschien 1876 und verdichtet Kindheitserinnerungen zu einer episodenreichen Dorfchronik am Mississippi. Stilistisch verbindet der Roman lebendige Szenen, situative Komik und genaue Milieuschilderung. Der Erzähler blickt mit zugleich liebevoller und ironischer Distanz auf Rituale des Aufwachsens, auf Schule, Kirche und Nachbarschaft. Das Buch traf einen Nerv: Es bot realistisches Kolorit, ohne die Leichtigkeit des Spiels zu verlieren. Damit schuf Twain eine Identifikationsfigur, deren Einfallsreichtum, Loyalität und Freiheitsdrang generationenübergreifend wirkten. Zugleich legte er damit die Grundlage für eine Fortführung, die hellere Abenteuertöne mit einer tieferen moralischen Prüfung verbinden sollte.

Die Abenteuer des Huckleberry Finn, 1884 in Europa und 1885 in den USA veröffentlicht, verlegte den Fokus auf den Außenseiter. Aus Hucks Ich-Perspektive entsteht eine Reise flussabwärts, die zur Prüfung der Gewissensfreiheit wird. Sprachlich wagte Twain eine konsequente, differenzierte Dialektverwendung, die literarisch Neuland in den USA betrat. Der heitere Abenteuerton wird immer wieder von ernsthaften Einsichten durchbrochen: Freundschaft, Gewalt, Vorurteil und die Willkür sozialer Normen rücken in den Vordergrund. Das Buch wurde früh bewundert und zugleich kritisiert, nicht zuletzt wegen seiner Sprache und der Darstellung historischer Unrechtssysteme, die unbequem und produktiv zugleich wirkt.

Im Zusammenspiel beider Bücher zeigt sich Twains erzählerische Spannweite. Tom Sawyer etabliert Figuren und Schauplätze und stellt das Vergnügen am Einfallsreichtum hervor, während Huckleberry Finn die moralische Schärfe erhöht und den Blick auf gesellschaftliche Mechanismen richtet. Diese Balance von Unterhaltungswert und Ethik trug zur enormen Verbreitung bei. Über Übersetzungen und Bühnen-, Hör- und Filmadaptionen wurden die Romane weltweit rezipiert. Sie beeinflussten spätere Autorinnen und Autoren, die den Mut zur Alltagssprache, den unsentimentalen Blick und die Kraft des jugendlichen Erzählens aufgriffen. Zugleich blieben sie Gegenstand pädagogischer Debatten, die ihren Klassikerstatus wachhalten.

Überzeugungen und Engagement

Twain nutzte die Mittel der Komik, um moralische Fragen zuzuspitzen. Seine Romane zeichnen sich durch Skepsis gegenüber Autoritätsansprüchen aus, wenn diese Ungerechtigkeit überdecken. In Huckleberry Finn wird das Ringen zwischen innerem Gewissen und sozialem Druck zum Kernmotiv; die Geschichte stellt die Menschlichkeit persönlicher Bindungen über gesetzliche oder kulturelle Normen einer Sklavenhaltergesellschaft. Auch Tom Sawyer verbleibt nicht bei harmlosen Streichen: Er zeigt, wie Konvention und Aberglauben Handlungsräume formen. Twains Haltung gegen Rassismus und Heuchelei ist erzählerisch vermittelt, ohne auf Thesenprosa zu verfallen. Gerade dadurch entfaltet sie dauerhafte Überzeugungskraft.

Über die Literatur hinaus beteiligte sich Twain an öffentlichen Debatten und zeigte ein wachsendes Misstrauen gegenüber imperialer Politik und gewaltsamer Machtausübung. Seine Vortragstätigkeit und Essays verbanden Humor mit moralischer Dringlichkeit. Für die beiden hier versammelten Romane ist entscheidend, dass sie individuelle Freiheit, Sprachvielfalt und Gewissensbildung über blinde Loyalität stellen. Twain vertraute darauf, dass erzählte Erfahrung Empathie stiften kann – ein Vertrauen, das in der anhaltenden Wirkung der Bücher bestätigt wird. Die Kontroversen um Sprache und Lehrpläne sind Teil dieser Wirkung, weil sie Lesende zwingen, historische Realität und ethische Maßstäbe bewusst zu verhandeln.

Letzte Jahre und Vermächtnis

Twains spätere Jahre waren von finanziellen Rückschlägen, intensiven Vortragsreisen und persönlichem Verlust geprägt, doch seine Produktivität und sein öffentlicher Rang blieben hoch. Er starb 1910 in Redding, Connecticut, in dem Jahr, in dem Halleys Komet wiederkehrte – eine biografische Klammer, die oft hervorgehoben wird. Die Abenteuer Tom Sawyers und Die Abenteuer des Huckleberry Finn sichern seinen Kanonplatz: Sie werden weltweit gelesen, in Schulen diskutiert und in vielfältige Medien übertragen. Ihr Bild vom Mississippi, ihre Kunst der gesprochenen Sprache und ihre Fragen nach Freiheit und Moral wirken fort und machen Twain zu einem dauerhaften Bezugspunkt der Weltliteratur.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Mark Twain, geboren 1835 als Samuel Langhorne Clemens in Missouri, schrieb Die Abenteuer Tom Sawyers (1876) und Die Abenteuer des Huckleberry Finn (1884/85) in einer Phase rasanter Umbrüche der Vereinigten Staaten. Die Geschichten spielen im Vorkriegsamerika der 1840er Jahre am Mississippi, einer Grenzregion zwischen Sklaverei, Handel und expandierenden Siedlungsräumen. Die Sammlungsbände verbinden autobiografisch gefärbte Erinnerung an Twains Kindheit in Hannibal, Missouri, mit einer nachträglichen Betrachtung des Alten Südens aus der Perspektive der Nachkriegszeit. Dadurch entsteht ein doppelter historischer Fokus: die Darstellung einer vergangenen Alltagswelt und deren Revision durch die Erfahrung von Bürgerkrieg, Reconstruction und industrieller Modernisierung.

Der Mississippi war im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts Hauptachse des Binnenhandels. Mit der Verbreitung der Dampfschifffahrt seit den 1810er Jahren erreichten Waren, Nachrichten und Menschen in bislang ungekannter Geschwindigkeit die Flussstädte. Baumwolle, Holz und landwirtschaftliche Produkte bestimmten die Ökonomie; der Fluss verband Sklavenstaaten und freie Territorien. Twain arbeitete vor dem Bürgerkrieg als Lotse, sammelte nautisches Wissen und Beobachtungen über Berufsethos, Unfälle und Hierarchien an Bord. Diese Erfahrungen prägten seine Topographie des Flusses, die sozialen Milieus in den Hafenorten und das Gefühl eines beweglichen, oft gesetzlosen Raums, in dem lokale Autoritäten und informelle Regeln mehr zählten als ferne Institutionen.

Die Handlungsepochen fallen in eine Zeit, in der die Sklaverei in Teilen des Westens gesetzlich verankert war. Missouri erlaubte Sklaverei; benachbarte Staaten und Territorien folgten unterschiedlichen Regimen. Bundesrecht zu flüchtigen Versklavten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schuf Anreize zur Rückführung, förderte Grenzkonflikte und formte soziale Praktiken der Überwachung. In Flussgemeinden lebten freie Schwarze, Versklavte, Migranten, Händler und Handwerker nebeneinander, häufig unter restriktiven lokalen Verordnungen. Die literarische Erinnerung an Kindheits- und Dorfkultur ist daher untrennbar mit einer Ordnung verbunden, in der Eigentums- und Personenkategorien rechtlich voneinander abhingen und die Mobilität am Strom ständig politisch verhandelt wurde.

Die westliche Grenzzone war von Expansion, Gewalt und Selbstjustiz ebenso geprägt wie von Improvisation und Nachbarschaftspflege. Volksfeste, religiöse Erweckungsbewegungen, Wanderzirkusse und Wanderhändler prägten das kulturelle Angebot. Lokale Zeitungen verbreiteten Gerüchte, Werbung und politisch polemische Kommentare. In dieser Umwelt entstanden Erzählformen, die später als Regionalismus oder „local color“ bezeichnet wurden: detailgenaue Beschreibungen von Dialekten, Sitten und Landschaften. Twain gehört zu den zentralen Stimmen dieser Strömung. Seine Figurenrede, das Wechselspiel zwischen mündlicher Erzählung und Druckkultur sowie die genaue Ortskenntnis geben einen Blick auf Kommunikationsstile und Weltsichten, die jenseits östlicher Metropolen literarische Geltung beanspruchten.

Twains biografischer Weg spiegelt viele Mobilitäten der Zeit. Er lernte das Druckhandwerk, schrieb als Reporter in Missouri, Nevada und Kalifornien und nahm den Flussbegriff „Mark Twain“ als Künstlernamen an. Der Beginn des Bürgerkriegs 1861 unterbrach sein Leben als Lotse; er hielt sich kurz in einer konföderierten Miliz auf, verließ diese und reiste in den Westen. Nach journalistischen Jahren ließ er sich in Hartford, Connecticut, nieder, in einem Haus, in dem er große Teile beider Romane verfasste. Der Wechsel zwischen Provinz und Ostküste schärfte seine Perspektive auf regionale Mythen, soziale Aufstiege und die Widersprüche nationaler Modernisierung.

Die Veröffentlichungen fallen in die sogenannte „Gilded Age“, ein von Twain und Charles Dudley Warner 1873 geprägter Begriff für eine Ära äußeren Glanzes und innerer Korruption. Rasche Industrialisierung, Eisenbahnbau, Spekulationsblasen und politische Patronage bestimmten den Alltag vieler Amerikaner. Twain beobachtete diese Gegenwart satirisch und historisierend zugleich. Die Rückkehr in die 1840er Jahre bot ihm eine Folie, um Tugenden und Torheiten, Volksglauben und Geschäftssinn, Selbsttäuschungen und moralische Doppelmoral offenzulegen. So werden Szenen scheinbar unbeschwerter Dorfkultur zugleich zu Kommentaren über Bildung, Eigentum, Autorität und das fragile Gefüge zwischen individueller Freiheit und kollektivem Zwang.

Die Buchmärkte veränderten sich im späten 19. Jahrhundert rasant. Billigere Papierproduktion, neue Druckverfahren und Vertriebsnetze ermöglichten große Auflagen. Da die Vereinigten Staaten bis 1891 kein internationales Urheberrecht anerkannten, sicherten amerikanische Autoren oft durch frühere britische Ausgaben ihre Rechte. Illustrierte Ausgaben waren nicht nur Zierrat, sondern verkaufsstrategisch bedeutsam: Holzstiche und später Zinkätzungen strukturierten das Lesen, akzentuierten Humor und Charakterisierung. Beide Romane erschienen mit umfangreichen Bildern, wodurch die visuelle Erinnerung ganzer Lesergenerationen geprägt wurde. Die Praxis der Haus-zu-Haus-Subskription, die Twains Verlage nutzten, öffnete zudem ländliche Märkte fern großer Buchhandlungen.

Die Abenteuer Tom Sawyers wurde in den 1870er Jahren als unterhaltsame Schilderung kindlicher Welten beworben, die dennoch Erwachsenenlektüre beanspruchte. Viele Motive gehen auf Twains Jugend in Hannibal zurück, die er in die fiktive Flussstadt verlegte. Der Illustrator True W. Williams gab der Erstausgabe ein ikonisches Erscheinungsbild, das mit volkstümlichen Posen und Ausstattungspartikeln arbeitete. In einer Zeit, in der die Pädagogik zwischen Disziplin und aufkommenden kindzentrierten Ansätzen schwankte, traf die Mischung aus Alltag, Mutproben und ironischer Beobachtung den Nerv eines Publikums, das nach nationalen Brüchen an verbindlicheren, gemeinschaftsstiftenden Erzählungen interessiert war.

Die Abenteuer des Huckleberry Finn entstand über mehrere Jahre und wurde 1884 zuerst im Vereinigten Königreich, 1885 in den Vereinigten Staaten publiziert. Die Ausgabe enthielt ein „Explanatory“, das die Verwendung verschiedener Dialekte rechtfertigte und philologischen Anspruch anmeldete. Der Zeichner E. W. Kemble prägte mit seinen Bildern die frühe Rezeption; zugleich kritisierten spätere Leser seine Nähe zu zeitgenössischen Karikaturstilen. Die US-Erstauflage war von einem Produktionsskandal überschattet, als ein Druckstock mutwillig verunstaltet wurde und Exemplare zurückgezogen werden mussten. Bereits 1885 erließ die Concord Public Library ein Verbot – ein frühes Beispiel öffentlich ausgetragener Geschmackspolitik.

Ästhetisch stehen die Bücher an einer Schwelle zwischen Romantik und Realismus. Während literarische Kreise um William Dean Howells eine „realistische“ Darstellung des Alltags forderten, behielt Twain ein Gespür für Groteske, Farce und die Parodie überhöhter Ritter- und Ehrbegriffe. Die konsequente Orientierung an gesprochener Sprache, an sozialen Registern und an situativer Komik wirkte innovativ. Dialekte fungieren als soziale Marker; sie ordnen Zugehörigkeiten, Hierarchien und Bildungshintergründe. Indem die Texte lustvoll tradierte Lektüren und Schulfibeln unterlaufen, liefern sie zugleich eine Reflexion darüber, wie Literatur Normen stiftet und wie Geschichten Alltagsmoral festigen oder infrage stellen.

Die Rezeption der Bücher ist untrennbar mit der politischen Lage nach 1877 verbunden, als die föderale Reconstruction praktisch endete und in vielen Südstaaten Segregationsordnungen entstanden. Gerichtsentscheidungen der 1880er Jahre schwächten den bundesstaatlichen Schutz bürgerlicher Rechte. In diesem Klima wurden Darstellungen von Sklaverei, Freiheit und Zugehörigkeit anders gelesen als zur Handlungszeit. Viele Leser suchten sentimentale Entlastung; andere erkannten die Ironie. Spätere Generationen analysierten, wie stereotype Bildtraditionen, rassistische Sprachformen und ambivalente Figurenbeziehungen das Erbe der Sklaverei spiegeln und zugleich die Möglichkeiten realistischer Literatur erweitern oder begrenzen.

Zugleich wuchs im späten 19. Jahrhundert die Reichweite öffentlicher Schulen, und Lesestoff für junge Menschen wurde institutionalisiert. Sonntagschulen, Bibliotheksvereine und Jugendzeitschriften begannen Standards für „geeignete“ Bücher zu formulieren. Twains Mischung aus moralischer Beobachtung, Spott über autoritäre Erziehung und lebendiger Alltagsrede forderte diese Gatekeeper heraus. Debatten an Bibliotheken und Lehranstalten entzündeten sich weniger an Handlungspunkten als an Sprache, Rollenbildern und dem Ton gegenüber Autoritäten. Dass die Romane gleichzeitig kindliche Perspektiven ernst nehmen und erwachsene Heuchelei komisch entlarven, erklärte ihre Beliebtheit im Familienkreis ebenso wie den Wunsch mancher Institutionen, Lektüre zu kanonisieren oder zu begrenzen.

Technologische Veränderungen verschoben die Wahrnehmung des Mississippi. Während die Romane eine Welt der Dampfer und Anlegestellen festhalten, eroberten Eisenbahnen und Telegrafie das Land. Twains Sachbuch Life on the Mississippi (1883) situierte die Fiktionswelt in einem dokumentarischen Rahmen und bewahrte Begriffe, Bräuche und Berufsbilder, die bereits veralten. So wurden die Geschichten früh als Erinnerungsarchiv gelesen: als Bewahrung einer Erfahrungsweise, in der Orientierung, Wetterkunde und Routineregeln des Flussverkehrs soziale Identität stifteten. Der Fluss erscheint als Verkehrsweg und Grenze, als wirtschaftliche Lebensader und moralisches Prüfgebiet – ein Raum, der Handlungsmöglichkeiten eröffnet und kontrolliert.

Im 20. Jahrhundert verschoben sich Maßstäbe literarischer Wertung. Kritikerinnen und Kritiker der Moderne priesen die sprachliche Direktheit und die dramatische Ökonomie insbesondere des zweiten Romans. Ernest Hemingway formulierte 1935 die berühmte Überhöhung, moderne amerikanische Literatur stamme aus einem einzigen Buch von Twain. Gelehrte wie Lionel Trilling oder T. S. Eliot verfassten einflussreiche Essays und Vorworte, die Struktur und Tonfall diskutierten. Diese kanonisierende Aufmerksamkeit trug dazu bei, die Werke als Prüfsteine nationaler Selbstbeschreibung zu etablieren, ohne die Konflikte um Sprache, Rasse und historische Erinnerung damit zu lösen.

Mit der Bürgerrechtsbewegung rückten Fragen nach Repräsentation, Stereotypen und pädagogischer Verantwortung in den Vordergrund. Afroamerikanische Autorinnen und Autoren sowie Literaturwissenschaftler kritisierten Karikaturen und die Reproduktion abwertender Bezeichnungen; andere hoben die subversiven Elemente der Darstellung sozialer Bindungen hervor. Schulcurricula, Elternräte und Bibliotheken stritten über Kontextualisierung, Lektürebegleitung und Altersempfehlungen. Immer wieder kam es zu zeitweiligen Verbots- oder Absetzungsentscheidungen und zu Gegenreaktionen, die auf historische Einordnung setzten. Auch Ausgaben, die problematische Wörter ersetzen, lösten Kontroversen aus, weil sie zwischen Zugänglichkeit, Zeugnischarakter und Textintegrität vermitteln wollten.

Die internationale Verbreitung begann bereits im späten 19. Jahrhundert; Übersetzungen erreichten Leserschaften in Europa und darüber hinaus. Illustrierte Ausgaben prägten Bildgedächtnisse und verstärkten die Tendenz, die Figuren als Typen nationaler Kultur zu lesen. Bühnenfassungen, Hörspiele und Filmadaptionen trugen zur Popularisierung bei und spiegelten jeweils zeitgenössische Vorstellungen von Jugend, Abenteuer und Moral. In deutschsprachigen Ländern schwankte die Einordnung zwischen Jugendliteratur und Gesellschaftssatire. Philologische Ausgaben des 20. und 21. Jahrhunderts bemühen sich, Textvarianten, Druckfehler, Zensurspuren und Bildtraditionen zu dokumentieren, um die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte transparent zu machen.

Als Sammlung kommentieren die Bücher ihre Entstehungszeit, indem sie die Vorkriegswelt des Westens im Licht der Nachkriegsdebatten zeigen: Heimatgefühl und Humor neben sozialer Kontrolle, Freiheitsversprechen neben rechtlich gesicherter Unfreiheit. Sie dokumentieren die Durchsetzung des Realismus, die Demokratisierung sprachlicher Register und die Bedeutung von Illustration und Massenmarkt für literarische Reichweite. Spätere Deutungen lesen sie als Archiv amerikanischer Selbstbefragung – über Kindheit, Zugehörigkeit, Arbeit, Eigentum und Recht. Damit bleiben die Romane zugleich Zeugnisse einer historischen Ordnung und Prüfsteine dafür, wie Literatur Erinnerung bewahrt, korrigiert und neu verhandelt.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Die Abenteuer Tom Sawyers

In der Kleinstadt St. Petersburg am Mississippi testet Tom Sawyer frech die Grenzen von Schule, Autorität und Freundschaft und gerät von harmlosen Streichen in ernste Situationen. Zwischen kindlicher Fantasie, Mutproben und einer bedrohlichen Entdeckung reift er in Episoden, die Komik und Spannung verbinden. Der Ton ist heiter-verschmitzt und abenteuerlich, mit wachem Blick auf das Spiel der Kindheit und die Regeln der Erwachsenenwelt.

Die Abenteuer des Huckleberry Finn

Huck erzählt seine eigene Geschichte und entkommt einer gewalttätigen Umgebung den Mississippi hinab, zusammen mit einem versklavten Mann auf der Suche nach Freiheit. Unterwegs prallen Gaunerei, Aberglaube und soziale Normen aufeinander, während Huck mit Gewissen und Loyalität ringt. Der Roman verbindet flussabwärtses Abenteuer mit scharfer Satire auf Rassismus und Scheinmoral in einer prägnanten, mündlichen Erzählstimme.

Gemeinsame Themen und Stil

Beide Romane verschränken Abenteuerlust mit Gesellschaftskritik und erkunden das Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und kollektiven Erwartungen. Humor, situative Komik und markante Sprechweisen dienen dazu, soziale Hierarchien, Heuchelei und Gewalt sichtbar zu machen, ohne die Perspektive der jungen Erzähler zu verlieren. Der Mississippi bildet den bewegten Schauplatz und ein Leitmotiv für Reifung, Flucht und moralische Entscheidung.

Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn (Illustrierte Ausgabe)

Hauptinhaltsverzeichnis
Die Abenteuer Tom Sawyers
Die Abenteuer des Huckleberry Finn

Die Abenteuer Tom Sawyers

Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Vorwort des Autors.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Schluß.

Vorwort des Autors.

Inhaltsverzeichnis

Die meisten der hier erzählten Abenteuer haben sich tatsächlich zugetragen. Das eine oder das andere habe ich selbst erlebt, die anderen meine Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben gezeichnet, nicht weniger Tom Sawyer, doch entspricht dieser nicht einer bestimmten Persönlichkeit, sondern wurde mit charakteristischen Zügen mehrerer meiner Altersgenossen ausgestattet und darf daher jenem gegenüber als einigermaßen kompliziertes psychologisches Problem gelten.

Ich muß hier bemerken, daß zur Zeit meiner Erzählung — vor dreißig bis vierzig Jahren — unter den Unmündigen und Unwissenden des Westens noch die seltsamsten, unwahrscheinlichsten Vorurteile und Aberglauben herrschten.

Obwohl dies Buch vor allem zur Unterhaltung der kleinen Welt geschrieben wurde, so darf ich doch wohl hoffen, daß es auch von Erwachsenen nicht ganz unbeachtet gelassen werde, habe ich doch darin versucht, ihnen auf angenehme Weise zu zeigen, was sie einst selbst waren, wie sie fühlten, dachten, sprachen, und welcher Art ihr Ehrgeiz und ihre Unternehmungen waren.

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Tom!“

Keine Antwort.

„Tom!“

Alles still.

„Soll mich doch wundern, wo der Bengel wieder steckt! Tom!“

Die alte Dame schob ihre Brille hinunter und schaute darüber hinweg; dann schob sie sie auf die Stirn und schaute darunter weg. Selten oder nie schaute sie nach einem so kleinen Ding, wie ein Knabe ist, durch die Gläser dieser ihrer Staatsbrille, die der Stolz ihres Herzens war und mehr stilvoll als brauchbar; sie würde durch ein paar Herdringe ebensoviel gesehen haben. Unruhig hielt sie einen Augenblick Umschau und sagte, nicht gerade erzürnt, aber doch immer laut genug, um im ganzen Zimmer gehört zu werden: „Ich werde strenges Gericht halten müssen, wenn ich dich erwische, ich werde —“

Hier brach sie ab, denn sie hatte sich inzwischen niedergebeugt und stocherte mit dem Besen unter dem Bett herum, und dann mußte sie wieder Atem holen, um ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen. Sie hatte nichts als die Katze aufgestöbert.

„So ein Junge ist mir noch gar nicht vorgekommen!“

Sie ging zur offenen Tür, blieb stehen und spähte zwischen den Weinranken und dem blühenden Unkraut, welche zusammen den „Garten“ ausmachten, hindurch. Kein Tom. So erhob sie denn ihre Stimme und rief in alle Ecken hinein: „Tom, Tom!“ Hinter ihr wurde ein schwaches Geräusch hörbar und sie wandte sich noch eben rechtzeitig um, um einen kleinen Burschen zu erwischen und an der Flucht zu hindern. „Also, da steckst du? An die Speisekammer habe ich freilich nicht gedacht! Was hast du denn da wieder gemacht, he?“

„Nichts.“

„Nichts! Schau deine Hände an und deinen Mund. Was ist das?“

„Bei Gott, ich weiß es nicht, Tante!“

„Aber ich weiß es, ‘s ist Marmelade. Wie oft habe ich dir gesagt, wenn du über die Marmelade gingest, würde ich dich bläuen. Gib mir den Stock her!“

Der Stock zitterte in ihren Händen. Die Gefahr war dringend.

„Holla, Tante, sieh dich mal schnell um!“

Die alte Dame fuhr herum und brachte ihre Röcke in Sicherheit, während der Bursche, den Augenblick wahrnehmend, auf den hohen Bretterzaun kletterte und jenseits verschwand.

Tante Polly stand sprachlos, dann begann sie gutmütig zu lächeln. „Der Kuckuck hole den Jungen! Werde ich denn das niemals lernen? Hat er mir denn nicht schon Streiche genug gespielt, daß ich immer wieder auf den Leim krieche? Aber alte Torheit ist die größte Torheit, und ein alter Hund lernt keine neuen Kunststücke mehr. Aber, du lieber Gott, er macht jeden Tag neue, und wie kann jemand bei ihm wissen, was kommt! Es scheint, er weiß ganz genau, wie lange er mich quälen kann, bis ich dahinter komme, und ist gar zu gerissen, wenn es gilt, etwas ausfindig zu machen, um mich für einen Augenblick zu verblüffen oder mich wider Willen lachen zu machen, es ist immer dieselbe Geschichte, und ich bringe es nicht fertig, ihn zu prügeln. Ich tue meine Pflicht nicht an dem Knaben, wie ich sollte, Gott weiß es. ‚Spare die Rute, und du verdirbst dein Kind‘, heißt es. Ich begehe vielleicht unrecht und kann es vor mir und ihm nicht verantworten, fürcht‘ ich. Er steckt voller Narrenspossen und allerhand Unsinn — aber einerlei! Er ist meiner toten Schwester Kind, ein armes Kind, und ich habe nicht das Herz, ihn irgendwie am Gängelband zu führen. Wenn ich ihn sich selbst überlasse, drückt mich mein Gewissen, und so oft ich ihn schlagen muß, möchte mit das alte Herz brechen. Nun, mag‘s drum sein, der weibgeborene Mensch bleibt halt sein ganzes Leben durch in Zweifel und Irrtum, wie die heilige Schrift sagt, und ich denke, es ist so. Er wird wieder den ganzen Abend Blindekuh spielen, und ich sollte ihn von Rechts wegen, um ihn zu strafen, morgen arbeiten lassen. Es ist wohl hart für ihn, am Samstag stillzusitzen, wenn alle anderen Knaben Feiertag haben, aber er haßt Arbeit mehr als irgend sonst was, und ich will meine Pflicht an ihm tun, oder ich würde das Kind zu Grunde richten.“

Tom spielte Blindekuh und fühlte sich sehr wohl dabei. Zur rechten Zeit kehrte er ganz frech nach Hause zurück, um Jim, dem kleinen, farbigen Bengel, zu helfen, noch vor Tisch das Holz für den nächsten Tag zu sägen und zu spalten — und schließlich hatte er Jim die Abenteuer des Tages erzählt, während Jim drei Viertel der Arbeit getan hatte. Toms jüngerer Bruder (oder vielmehr Halbbruder) Sid war bereits fertig mit seinem Anteil an der Arbeit, dem Zusammenlesen des Holzes, denn er war ein phlegmatischer Junge und hatte keinerlei Abenteuer und kühne Unternehmungen. 

Während Tom nun seine Suppe aß und nach Möglichkeit Zuckerstückchen stahl, stellte Tante Polly allerhand Fragen an ihn, arglistige und verfängliche Fragen, denn sie brannte darauf, ihn in eine Falle zu locken. Wie so viele gutherzige Geschöpfe, bildete sie sich auf ihr Talent in der höheren Diplomatie nicht wenig ein und betrachtete ihre sehr durchsichtigen Anschläge als wahre Wunder inquisitorischer Verschlagenheit.

„Tom,“ sagte sie, „es war wohl ziemlich heiß in der Schule?“

„M — ja“

„Sehr heiß, he?“

„M — ja.“

„Hattest du nicht Lust, zum Schwimmen zu gehen?“

Tom stutzte — ein ungemütlicher Verdacht stieg in ihm auf. Er schaute forschend in Tante Pollys Gesicht, aber es war nichts darin zu lesen. So sagte er: „Nein — das heißt — nicht so sehr.“

Die alte Dame streckte ihre Hand nach ihm aus, befühlte seinen Kragen und sagte: „Jetzt, scheint mir, kann dir jedenfalls nicht mehr zu warm sein, nicht?“ Auf diese Art, dachte sie, habe sie sich von der vollkommenen Trockenheit seines Kragens überzeugt, ohne ihre wahre Absicht von fern merken zu lassen. Aber Tom hatte trotzdem begriffen, woher der Wind wehte. So beeilte er sich wohlweislich, allen etwaigen Fragen zuvorzukommen.

„Einige von uns haben sich den Kopf unter die Pumpe gehalten — meiner ist noch feucht — fühl nur.“ Tante Polly ärgerte sich, eine so wichtige Indizie übersehen zu haben; so hatte sie von vornherein ihre Waffen aus der Hand gegeben. Dann kam ihr aber ein neuer Gedanke.

„Tom, du hast doch wohl nicht den Kragen, den ich dir an die Jacke genäht hatte, beim Unter-die-Pumpe-halten des Kopfes abgenommen? Mach doch mal die Jacke auf!“

Toms Mienen hellten sich auf. Er öffnete seine Jacke. Sein Kragen saß ganz fest.

„Wirklich. Na ‘s ist gut, du kannst gehen. Ich hätte darauf geschworen, daß du im Wasser gewesen seiest. Nun, dir geht es diesmal wie der gebrannten Katze, ich habe dich zu Unrecht in Verdacht gehabt — diesmal, Tom.“

Sie war halb verdrießlich, so aus dem Felde geschlagen zu sein, und doch freute sie sich, daß Tom doch wirklich mal gehorsam gewesen war. Plötzlich sagte Sidney: „Ich hab‘ aber doch gesehen, daß du seinen Kragen mit weißem Zwirn genäht hast — und jetzt ist er auf einmal schwarz!“

„Freilich hab‘ ich weißen genommen — Tom!“

Aber Tom hatte sich schon aus dem Staube gemacht. „Na, warte, Sidney, das sollst du mir büßen,“ damit war er aus der Tür.

An einem sicheren Plätzchen beschaute Tom dann zwei lange Nadeln, welche unter dem Kragen seines Rockes steckten, die eine mit schwarzem, die andere mit weißem Zwirn.

„Sie allein hätte es nie gemerkt,“ dachte er, „ohne diesen Sid. Einmal schwarzen, das andere Mal weißen — zum Teufel, ich wollte, sie entschiede sich für einen, damit ich wüßte, woran ich wäre. Und Sid — na, seine Prügel sind ihm sicher; wenn ich‘s nicht tue, soll man mir die Ohren abschneiden.“

Tom war kein Musterknabe, aber er kannte einen und haßte ihn von Herzen.

Ein Augenblick — und Tom hatte alle seine Kümmernisse vergessen. Nicht, daß sie auf einmal geringer geworden wären oder weniger auf dem Herzen des kleinen Mannes gelastet hätten, — aber Tom hatte eine neue, wundervolle Beschäftigung, und die richtete ihn auf und half ihm über alles hinweg — für den Augenblick; wie eben ein Mann alles Mißgeschick beim Gedanken an neue Taten verschmerzt. Diese neue Beschäftigung war eine ganz neue Art, zu pfeifen, die ihm irgend ein Negerbengel vor kurzem beigebracht hatte, und die jetzt ungestört geübt werden mußte. Die wichtige Erfindung beruhte auf einem vogelartigen, schmetternden Triller, mit gleichzeitigem, durch Zungenschlag hervorgebrachten Geschwindmarsch von Tönen. Der Leser weiß, wie man diese delikate Musik ausübt — oder er ist niemals jung gewesen. Tom hatte mit Fleiß und Aufmerksamkeit bald den Trick heraus und schlenderte, den Mund voll Harmonie und Stolz im Herzen, die Dorfstraße hinunter. Er fühlte sich wie ein Sterngucker, der ein neues Gestirn entdeckt hat. Nur daß keines Sternguckers Freude und Genugtuung so tief und ungetrübt hatte sein können wie die Toms.

Der Sommerabend war lang und noch hell. Plötzlich hörte Tom auf zu pfeifen. Ein Fremder stand vor ihm, ein Bursche, kaum größer als er selbst. Eine neue Bekanntschaft, einerlei, welchen Alters und Geschlechts, war in dem armseligen, kleinen St. Petersburg schon ein Ereignis. Dieser Bursche war gut gekleidet — zu gut für einen Werktag. Sonderbar. Seine Mütze war zierlich, seine enganliegende blaue Jacke neu und sauber, ebenso seine Hose. Er hatte Schuhe an, und es war erst Freitag! Er hatte sogar ein Halstuch um, ein wahres Monstrum von einem Tuch. Überhaupt hatte er etwas an sich, was den Naturmenschen in Tom herausforderte. Je mehr Tom das neue Weltwunder anstarrte, um so mehr rümpfte er die Nase über solche Geziertheit, und sein eigenes Äußere erschien ihm immer schäbiger. Beide schwiegen. Wollte einer ausweichen, so wollte auch der andere ausweichen, natürlich nach derselben Seite. So schauten sie lange einander herausfordernd in die Augen. Endlich sagte Tom: „Soll ich dich prügeln?“

„Das möchte ich doch erst einmal sehen!“

„Das wirst du allerdings sehen!“

„Du kannst es ja gar nicht!“

„Wohl kann ich‘s!“

„Pah!“

„Wohl kann ich‘s!“

„Nicht wahr!“

„Doch wahr!“

Eine ungemütliche Pause. Darauf wieder Tom: „Wie heißt du denn?“

„Das geht dich nichts an, Straßenjunge!“

„Ich will dir schon zeigen, daß mich‘s was angeht!“

„Na, warum tust du‘s denn nicht?“

„Wenn du noch viel sagst, tu ich‘s!“

„Viel — viel — viel, — so, nun tu‘s!“

„Ach, du hältst dich wohl für mehr als mich? Wenn ich nur wollte, könnte ich dich mit einer Hand unterkriegen!“

„Na, warum tust du‘s denn nicht? Du sagst nur immer, daß du‘s kannst!“

„Wenn du frech wirst, tu ich‘s!“

„Pah — das kann jeder sagen!“

„Du bist wohl was Rechts, du Windhund!“

„Was du für einen dummen Hut aufhast!“

„Wenn er dir nicht gefällt, kannst du ihn ja herunterschlagen! Schlag ihn doch runter, wenn du ein paar Ohrfeigen haben willst!“

„Lügner!“

„Selbst Lügner!“

„Prahlhans, du bist ja zu feig!“

„Ach, mach, daß du weiter kommst!“

„Du, wenn du noch lange Blödsinn schwatzt, schmeiß ich dir ‘nen Stein an den Kopf!“

„Na, so wag‘s doch!“

„Ich tu‘s auch!“

„Warum tust du‘s denn nicht? Du sagst es ja immer nur. Tu‘s doch mal! Du bist ja zu bange!“

„Ich bin nicht bange!“

„Natürlich bist du bange!“

„Nicht wahr!“

„Doch wahr!“

Wieder eine Pause. Beide starren sich an, gehen umeinander herum und beschnüffeln sich wie junge Hunde. Plötzlich liegen sie in schönster Kampfstellung Schulter an Schulter. Tom schrie: „Scher dich fort!“

„Fällt mir gar nicht ein!“

„Fällt mir auch nicht ein!“

So standen sie, jeder einen Fuß als Stütze zurückgestellt, aus aller Kraft aneinander herumschiebend und sich wütend anstarrend. Aber keiner konnte dem Gegner einen Vorteil abgewinnen. Von diesem stillen Kampf heiß und atemlos, hielten beide gleichzeitig inne, und Tom sagte: „Du bist doch ein Feigling und ein Aff obendrein! Ich werd‘s meinem großen Bruder sagen, der kann dich mit dem kleinen Finger verhauen, und ich werd‘s ihm sagen, daß er‘s tut!“

„Was schert mich dein Bruder! Ich hab‘ einen Bruder, der noch viel stärker ist als deiner. Der wirft deinen Bruder über den Zaun da!“

Beide Brüder waren natürlich durchaus imaginär.

„Das lügst du!“

„Das weißt du!“

Tom zog mit dem Fuß einen Strich durch den Sand und sagte: „Komm herüber und ich hau dich, daß du liegen bleibst!“

Sofort sprang der andere hinüber und sagte herausfordernd: „So, nun tu‘s!“

„Mach mich nicht wütend, rat ich dir!“

„Beim Deuker, für zwei Penny würd‘ ich‘s wirklich tun!“

Im nächsten Augenblick hatte der feine Junge ein Zweipennystück aus der Tasche geholt und hielt es Tom herausfordernd vor die Nase. Tom schlug es ihm aus der Hand. Im nächsten Augenblick rollten beide Jungen im Schmutz, ineinander verbissen wie zwei Katzen, und während ein paar Minuten rissen und zerrten sie sich an den Haaren und Kleidern, schlugen und zerkratzten sich die Nasen und bedeckten sich mit Staub und Ruhm. Plötzlich klärte sich die Situation, und aus dem Kampfgewühl tauchte Tom empor, auf dem andern reitend und ihn mit den Fäusten traktierend.

„Sag: Genug!“

Der Bengel setzte seine krampfhaften Bemühungen, sich zu befreien, fort, vor Wut schreiend.

„Sag: Genug!“ Und Tom prügelte lustig weiter.

Schließlich stieß der andere ein halb ersticktes „Genug“ hervor. Tom ließ ihn aufstehen und sagte: „So, nun weißt du‘s! Das nächste Mal sieh dich besser vor, mit wem du anbindest!“

Der Fremde trollte sich, sich den Staub von den Kleidern schlagend, schluchzend, sich die Nase reibend, von Zeit zu Zeit sich umsehend, um Tom zu drohen, daß er ihn das nächste Mal verhauen werde, worauf Tom höhnisch lachte und seelenvergnügt nach Hause schlenderte. Und sobald er den Rücken gewandt hatte, hob der andere einen Stein auf, zielte, traf Tom zwischen die Schultern und rannte davon mit der Geschwindigkeit einer Antilope. Tom verfolgte den Verräter bis zu dessen Wohnung und fand so heraus, wo er wohne. Als tapferer Held blieb er dann herausfordernd eine Zeitlang an einem Zaun stehen, um zu warten, ob der Feind es wagen werde, wieder herauszukommen; aber der Feind begnügte sich, ihm durch die Fenster Gesichter zu schneiden und hütete sich, den neutralen Boden zu verlassen. Schließlich erschien des Feindes Mutter und nannte Tom ein schlechtes, lasterhaftes, gemeines Kind und jagte ihn davon. So ging Tom also fort, aber er sagte, „er hoffe, den Feind doch noch einmal zu erwischen.“

Er kam ein bißchen spät nach Haus, und indem er behutsam in das Fenster kletterte, entdeckte er einen Hinterhalt in Gestalt seiner Tante; und als sie den Zustand seiner Kleider sah, war ihr Entschluß unumstößlich gefaßt, ihn am Samstag in strenge Haft zu nehmen und ordentlich schwitzen zu lassen.

Zweites Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Samstag morgen war gekommen, und es war ein heller, frischer Sommermorgen und sprühend von Leben. Jedes Herz war voll Gesang, und wessen Herz jung war, der hatte ein Lied auf den Lippen. Freude glänzte auf allen Gesichtern, und die Lust, zu springen, zuckte in aller Füßen. Die Akazien blühten, und ihr süßer Duft erfüllte die Luft.

Cardiff Hill, in der Nähe des Hauses und dasselbe überragend, war von Grün bedeckt und war gerade entfernt genug, um wie das gelobte Land, träumerisch, ruhevoll und unberührt zu erscheinen.

Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Farbe und einem großen Pinsel. Er überblickte die Umzäunung — und aller Glanz schwand aus der Natur, und tiefe Schwermut bemächtigte sich seines Geistes. Dreißig Yards lang und neun Fuß hoch war der unglückliche Zaun! Das Leben erschien ihm traurig. Er empfand sein kleines Dasein als Last. Seufzend tauchte er den Pinsel in den Topf und strich einmal über die oberste Planke, wiederholte die Operation, und nochmals, und verglich das kleine gestrichene Stückchen mit der unendlichen noch zu erledigenden Strecke — und hockte sich entmutigt auf einen Baumstumpf. Jim kam mit einem Zinneimer aus der Tür, „Buffalo Gals“ singend. Wasser von der Pumpe zu holen, war Tom bisher immer als eine der unwürdigsten Verrichtungen erschienen, jetzt schien es ihm anders. Er sagte sich, daß er dort Gesellschaft finden werde; Weiße, Mulatten und Neger, Knaben und Mädchen traf man immer dort, die, bis an sie die Reihe, zu pumpen kam, herumlungerten, irgend ein Spiel trieben, sich zankten, prügelten und Wetten anstellten. Und dann überlegte er, daß die Pumpe zwar nur einhundertundfünfzig Yards entfernt sei, Jim trotzdem aber nie unter einer Stunde brauchte, um einen Eimer Wasser zu holen, und dann auch noch gewöhnlich geholt werden mußte. Er sagte also: „Du, Jim, ich will Wasser holen, wenn du inzwischen anstreichen willst.“

Jim schüttelte den Kopf und antwortete: „Es geht nicht, Master Tom. Alte Dame sagen mir zu gehen und holen Wasser und nix aufhalten mit irgendwem. Sie sagen, sie wissen, daß Master Tom werden versuchen zu gewinnen mich zu streichen, und so sie sagen, Jim zu gehen nach sein eigenes Geschäft und nix zu streichen.“

„Ach was, Jim, laß sie nur reden! So macht sie‘s immer. Gib mir nur den Eimer — du sollst sehen, ich bin gleich wieder da! Sie braucht‘s ja nicht zu wissen.“

„Nein, Master Tom, ich nix tun! Alte Dame wollen ihm Kopf abreißen, wenn er tut so. Sicher, Master Tom!“

„Sie? Sie kann ja gar nicht schlagen — sie fährt einem mit dem Fingerhut über den Kopf, und wer macht sich daraus was? Ihre Worte sind gefährlich, hm, — ja, aber sagen, ist doch nicht tun, wenn sie nur nicht so viel dabei weinen wollte. — Du, Jim, ich geb dir auch ‘ne Murmel! Oder ‘ne Glaskugel!“

Jim begann zu schwanken.

„Eine weiße Glaskugel, Jim — und horch mal, was für ‘nen schönen Klang hat sie!“

„Ach, sein das schöne, wunderschöne Glaskugel! Aber Master Tom, ich haben so furchtbar Angst vor alte Dame!“

Aber Jim war auch nur ein Mensch — diese Verführungskünste waren zu stark für ihn. Er setzte seinen Eimer hin und griff nach der Kugel. Im nächsten Augenblick sauste er die Straße hinunter mit seinem Eimer und einem Schreckensschrei, — Tom arbeitete mit Vehemenz, und Tante Polly, einen Pantoffel in der Hand und Triumph im Auge, kehrte vom Felde zurück.

Aber Toms Energie hielt nicht lange an. Er begann, an all die Streiche zu denken, die er für heute geplant hatte, und sein Kummer wurde immer größer. Bald würden seine Spielgefährten, frei und sorglos, vorbeikommen, um auf alle möglichen Expeditionen auszugehen und die würden ihre Witze reißen über ihn, der dastand und arbeiten mußte — der bloße Gedanke daran brannte wie Feuer. Er kramte seine weltlichen Schätze aus und hielt Heerschau: allerhand selbsterfundenes Spielzeug, Murmel und Plunder — genug, um sich einen Arbeitstausch zu erkaufen, aber nicht genug, um dadurch auch nur für eine halbe Stunde die Freiheit zu bekommen. So steckte er seine armselige Habe wieder in die Tasche und gab den Gedanken auf, einen Bestechungsversuch bei den Jungen zu machen. Mitten in diese trüben und hoffnungslosen Betrachtungen kam plötzlich ein Einfall über ihn. Durchaus kein großer, glänzender Einfall. Er nahm seinen Pinsel wieder auf und setzte ruhig die Arbeit fort. Ben Rogers erschien in Sicht, der Junge aller Jungen, der sich über alle lustig machen durfte. Bens Gang war springend, tanzend, hüpfend — Beweis genug, daß sein Herz leicht und seine Gedanken und Pläne großartig waren. Er knupperte an einem Apfel und ließ ein langes, melodiöses ho! ho! hören, gefolgt von einem gegrunzten: ding, dong, ding! ding, dong, dong! — denn er war in diesem Augenblick ein Dampfboot. Als er näher kam, mäßigte er seine Geschwindigkeit, nahm die Mitte der Straße, bog nach Steuerbord über und legte elegant und mit vielem Geschrei und Umstand bei, denn er vertrat hier die Stelle des „Big Missouri“ und hatte neun Fuß Tiefgang. Er war Dampfboot, Kapitän, Bemannung zugleich und sah sich selbst auf der Kommandobrücke stehend, Befehle gebend und ihre Ausführung überwachend.

„Stopp!! Ling — a, ling, ling!!“ Die Hauptroute war zu Ende, und er wandte sich langsam einem Nebenarme des Flusses zu. „Stopp! Zurück!! Ling — a, ling, ling!“ Seine Arme sanken ermüdet herunter. „Steuerbord wenden! Ling — a, ling, ling! Tschschschuh! Tschuh! Tschuuuhhh!!!“ Sein Arm beschrieb jetzt große Kreise, denn er stellte ein Rad von 40 Fuß Durchmesser dar. „Backbord zurück! Ling — a, ling, ling! Tschschuh! Tschuh! Tschuuuhhh!!“ Wieder beschrieb der Arm — diesmal der linke — gewaltige Kreise. „Steuerbord stopp!! Ling — a, ling, ling! Backbord stopp! Halt! Langsam überholen! Ling — a, ling, ling! Tschschuh! Tschuh! Tschuuuhhh!! Heraus mit dem Tau dort! Lustig, hoho! Heraus damit! He — wird‘s bald?! Ein Tau dort um den Pfeiler — so, nun los, Jungens — los!! Maschine stopp!! Ling — a, ling, ling!!“

„Tschschuh! Schscht! Schscht!!“ (Läßt den Dampf ausströmen.)

Tom war ganz vertieft in seine Anstreicherei, er merkte nichts von der Ankunft des Dampfbootes! Ben blieb einen Moment stehen, dann sagte er: „Ho, ho, Strafarbeit, Tom, he?“

Keine Antwort. Tom überschaute seine Arbeit mit dem Auge eines Künstlers. Dann machte er mit dem Pinsel noch einen eleganten Strich und übte wieder Kritik. Ben rannte zu ihm hin, Tom wässerte der Mund nach dem Apfel, aber er stellte sich ganz vertieft in seine Arbeit. Ben sagte: „Hallo, alter Bursche, Strafarbeit, was?“

„Ach, bist du‘s, Ben. Ich hatte dich nicht bemerkt.“

„Weißt, ich geh‘ grad zum Schwimmen. Würdest du gern mitgehen können? Aber, natürlich, bleibst du lieber bei deiner Arbeit, nicht?“

Tom schaute den Burschen erstaunt an und sagte: „Was nennst du Arbeit?“

„Na, ist das denn keine Arbeit?“

Tom betrachtete seine Malerei und sagte nachlässig: „Na, vielleicht ist das Arbeit, oder es ist keine Arbeit, jedenfalls macht es Tom Sawyer Spaß.“

„Na, na, du willst doch nicht wirklich sagen, daß dir das da Spaß macht!?“

Der Pinsel strich und strich.

„Spaß? Warum soll‘s denn kein Spaß sein? Kannst du vielleicht jeden Tag einen Zaun anstreichen?“

Ben erschien die Sache plötzlich in anderem Lichte. Er hörte auf, an seinem Apfel zu knuppern. Tom fuhr mit seinem Pinsel bedächtig hin und her, hin und her, hielt an, um sich von der Wirkung zu überzeugen, half hier und da ein bißchen nach, prüfte wieder, während Ben immer aufmerksamer wurde, immer interessierter. Plötzlich sagte er: „Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!“

Tom überlegte, war nahe daran, einzuwilligen, aber er besann sich: „Ne, ne. Ich würde es herzlich gern tun, Ben. Aber — Tante Polly gibt so viel gerade auf diesen Zaun, gerade an der Straße — weißt du. Aber wenn es der schwarze Zaun wäre, wär‘s mir recht und ihr wär‘s auch recht. Ja, sie gibt schrecklich viel auf diesen Zaun, deshalb muß ich das da sehr sorgfältig machen! Ich glaube von tausend, was — zweitausend Jungen ist vielleicht nicht einer, der‘s ihr recht machen kann, wie sie‘s haben will.“

„Na — wirklich? — Du — gib her, nur mal versuchen, nur ein klein — bißchen versuchen. Ich würde dich lassen, wenn‘s meine Arbeit wäre, Tom.“

„Ben, ich würd‘s wahr — haf — tig gern tun; aber Tante Polly — weißt du, Jim wollt‘s auch schon tun, aber sie ließ ihn nicht. Sid wollte es tun, aber sie ließ es ihn auch nicht tun! Na, siehst du wohl, daß es nicht geht? Wenn du den Zaun anstrichest und es passierte was, Ben —“

„O, Unsinn! Ich will‘s so vorsichtig machen! Nur mal versuchen! Wenn ich dir den Rest von meinem Apfel geb‘?“

„Na, dann — ne, Ben, tu‘s nicht, ich hab‘ solche Angst —!“

„Ich geb‘ dir den ganzen Apfel!“

Tom gab mit betrübter Miene den Pinsel ab — innerlich frohlockend. Und während der Dampfer „Big Missouri“ in der Sonnenhitze arbeitete und schwitzte, saß der Künstler, ausruhend, auf einem Baumstumpf im Schatten des Zaunes, schlug die Beine übereinander, verzehrte seinen Apfel und grübelte, wie er noch mehr Unschuldige zu seinem Ersatz anlocken könne. Opfer genug waren vorhanden. Jeden Augenblick schlenderten Knaben vorbei. Sie kamen, um ihn zu verhöhnen und blieben, um zu streichen. Nach einiger Zeit war Ben müde geworden, Tom hatte als Nächsten Billy Fisher ins Auge gefaßt, der ihm eine tote Ratte und eine Schnur, um die Ratte daran durch die Luft fliegen zu lassen, anbot; und von Johnny Miller bekam er eine gut erhaltene Sackpfeife, und so immer weiter — stundenlang. Und als der Nachmittag halb vergangen war, war aus dem armen, verlassenen Tom vom Morgen ein buchstäblich in Reichtum schwimmender Tom geworden. Er besaß außer den angeführten Sachen zwölf Murmel, ein Stück eines Brummeisens, ein Stück blau gefärbtes Glas zum Durchschauen, eine Spielkanone, ein Messer, das gewiß nie jemand Schaden getan hatte oder jemals tun konnte, ein bißchen Kreide, einen Glasstöpsel, einen Zinnsoldaten, den Kopf eines Frosches, sechs Feuerschwärmer, ein Kaninchen mit einem Auge, einen messingnen Türgriff, ein Hundehalsband (aber keinen Hund), den Griff eines Messers, vier Orangeschalen und einen kaputten Fensterrahmen. Er hatte einen sorglosen, bequemen, lustigen Tag gehabt, eine Menge Gesellschafter — und der Zaun hatte eine dreifache Lage Farbe bekommen! Wäre nicht der Zaun jetzt fertig gewesen — Tom hätte noch alle Jungens des Dorfes bankerott gemacht.

Tom dachte bei sich, die Welt wäre schließlich doch wohl nicht so buckelig. Er war, ohne es selbst recht zu wissen, hinter ein wichtiges Gesetz menschlicher Tätigkeit gekommen, das nämlich, daß, um jemand, groß oder klein, nach etwas lüstern zu machen, es nur nötig ist, dieses Etwas schwer erreichbar zu machen. Wäre er ein großer und weiser Philosoph gewesen, gleich dem Verfasser dieses Buches, er würde jetzt begriffen haben, daß, was jemand tun muß, Arbeit, was man freiwillig tut, dagegen Vergnügen heißt. Er würde ferner verstanden haben, daß künstliche Blumen machen oder in der Tretmühle ziehen, „Arbeit“ ist, Kegelschieben aber oder den Mont Blanc besteigen, „Vergnügen“.

Es gibt reiche Engländer, die einen Viererzug zwanzig bis dreißig Meilen in einem Tage laufen lassen, weil dieser Spaß sie einen Haufen Geld kostet; würden sie aber dafür bezahlt werden, so würden sie es als „Arbeit“ ansehen und darauf verzichten.

Drittes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Tom präsentierte sich Tante Polly, welche in einem gemütlichen, zugleich als Schlaf-, Frühstücks- und Speisezimmer dienenden Raum am offenen Fenster saß und fleißig mit Handarbeit beschäftigt gewesen war. Die balsamische Sommerluft, die vollkommene Ruhe, Blumenduft und Summen der Bienen, alles hatte seine Wirkung geübt — sie war über ihrer Beschäftigung eingenickt. Sie hatte nur die Katze zur Gesellschaft gehabt, und die schlief in ihrem Korbe. Die Brille hatte sie (Tante Polly) zur Vorsicht auf ihren grauen Kopf weiter hinaufgeschoben. Sie mochte geglaubt haben, Tom sei längst wieder flüchtig geworden und wunderte sich nun, ihn ungeniert neben sich sitzen zu sehen.

„Darf ich jetzt spielen gehen, Tante?“ fragte Tom unschuldig.

„Was, schon wieder? Was hast du denn heut getan?“

„Alles fertig, Tante!“

„Tom, lüg‘ nicht! Ich glaub‘s nicht!“

„Ich lüge aber nicht, Tante. Es ist alles fertig.“

Tante Polly setzte kein besonderes Vertrauen in seine Beteuerungen. Sie ging hinaus, um selbst zu sehen, und sie wäre zufrieden gewesen, hätte sie zwanzig Prozent von Toms Worten wahr gefunden; als sie sah, daß wirklich der ganze Zaun gestrichen und nicht nur leicht gestrichen, sondern gründlich und mehrfach mit Farbe bedeckt, und noch ein Stück Boden obendrein eine Farbschicht abbekommen hatte, war ihr Erstaunen unaussprechlich. Sie sagte: „Na, das hätt‘ ich nicht für möglich gehalten! Ich sehe, Tom, du kannst arbeiten, wenn du willst.“ Und dann dämpfte sie das Kompliment, indem sie hinzufügte: „Aber es ist mächtig selten, daß du willst — leider. ‘s ist gut, geh‘ jetzt und spiel. Schau aber, daß du in einer Woche spätestens wieder hier bist, oder ich hau‘ dich — —“

Sie war so überrascht durch den Glanz seiner Heldentat, daß sie ihn in die Speisekammer zog und einen auserwählten Apfel hervorsuchte und ihn ihm gab — mit dem salbungsvollen Hinweis darauf, wie getane Arbeit jeden Genuß erhöhe und veredele — wenn sie fleißig, ehrlich und ohne Kniffe und Betrügerei getan werde. Und während sie mit einer passenden Bibelstelle schloß, hatte er ein Stück Kuchen stibitzt. Dann hüpfte er davon und sah Sid gerade die Außentreppe hinaufklettern, die auf einen Hinterraum im zweiten Boden führte. Erdklumpen waren genug vorhanden, und im nächsten Moment sausten eine ganze Menge durch die Luft. Sie fielen wie ein Hagelwetter um Sid herum nieder. Und bevor Tante Polly ihre überraschten Lebensgeister sammeln konnte und zu Hilfe eilen, hatten sechs oder sieben Geschosse ihr Ziel erreicht, und Tom war über den Zaun und davon. Es war zwar eine Tür in demselben, aber wie man sich denken kann, hatte Tom es viel zu eilig, um da durchzugehen. Er fühlte sich erleichtert, nun er sich mit Sid wegen dessen Verrates auseinandergesetzt und ihm eine tüchtige Lektion gegeben hatte.

Tom umging einen Häuserblock und gelangte in eine schlammige Allee, die zu Tante Pollys Kuhstall führte. Tom machte sich schleunigst aus dem Gebiet, wo Gefangenschaft und Strafe drohten und strebte dem öffentlichen Spielplatz des Dorfes zu, wo sich zwei feindliche Truppen von Knaben Rendezvous geben sollten — nach vorhergegangener Verabredung. Tom war der Anführer der einen, sein Busenfreund Joe Harper kommandierte die andere. Diese beiden großen Generale ließen sich nicht herab, selbst zu kämpfen — das schickt sich für den großen Haufen — sondern saßen zusammen auf einem Hügel und leiteten die Operationen durch Befehle an die Unterführer. Toms Armee gewann einen großen Sieg — nach einer langen, hartnäckigen Schlacht. Dann wurden die Toten beerdigt, die Gefangenen ausgetauscht, die Bestimmungen für das nächste Zusammentreffen getroffen und der Tag dafür festgesetzt, worauf sich die Armeen in Kolonnen formierten und zurückmarschierten — Tom marschierte allein nach Haus.

Als er an dem Hause des Jeff Thatcher vorbeikam, sah er im Garten ein unbekanntes Mädchen, ein liebliches, kleines, blauäugiges Geschöpf mit hellem, in zwei Zöpfen gebundenem Haar, weißem Sommerkleid und gestickten Höschen. Der ruhmreiche Held fiel, ohne einen Schuß getan zu haben. Eine gewisse Amy Lawrence war mit einem Schlage aus seinem Herzen verstoßen und ließ nicht einmal eine Erinnerung darin zurück. Er hatte sie bis zum Wahnsinn zu lieben geglaubt; seine Liebe war ihm als Anbetung erschienen; und nun zeigte es sich, daß es nur eine schwache, unbeständige Neigung gewesen sei. Er hatte durch Monate um sie geseufzt, sie hatte seine Liebe vor kaum einer Woche erst mit ihrer Gegenliebe belohnt; er war vor kurzen sieben Tagen noch der glücklichste und stolzeste Bursche der Welt gewesen, und jetzt, in einem Augenblick war sie gleich irgend einer beliebigen Fremden, der man flüchtig begegnet ist, aus seinem Herzen verschwunden.

Er betrachtete diesen neuen Engel mit glänzenden Augen, bis er merkte, daß sie ihn entdeckt habe. Dann stellte er sich, als wisse er gar nichts von ihrer Anwesenheit, und begann dann, nach rechter Jungensmanier, sich zu spreizen, um ihre Bewunderung zu erregen. Diese Torheiten trieb er eine Weile, schielte dann hinüber und sah, daß das kleine Mädchen sich dem Hause zugewandt hatte. Tom kletterte auf den Zaun und balancierte oben herum, machte ein trübseliges Gesicht und hoffte, sie werde sich dadurch zu längerem Verweilen bewegen lassen. Sie blieb auch einen Augenblick stehen, dann ging sie weiter der Tür zu. Tom stieß einen tiefen Seufzer aus, als sie die Türschwelle betrat, aber seine Mienen hellten sich auf, leuchteten vor Vergnügen, denn sie hatte in dem Moment, ehe sie verschwand, ein Stiefmütterchcn über den Zaun geworfen.

Tom rannte herzu und blieb dicht vor der Blume stehen, beschattete seine Augen und schaute die Straße hinunter, als hätte er dort etwas von größtem Interesse entdeckt. Dann nahm er einen Strohhalm auf und begann ihn auf der Nase zu balancieren, indem er den Kopf zurückwarf. So sich rechts und links drehend, kam er der Blume immer näher. Schließlich ruhte sein bloßer Fuß darauf, seine Zehen nahmen sie auf, und er hüpfte mit seinem Schatz davon und verschwand um die nächste Ecke. Aber nur für eine Minute — bis er die Blume unter seiner Jacke versteckt hatte, auf seinem Herzen oder auch auf dem Bauche, denn er war in der Anatomie nicht sehr bewandert und durchaus nicht kritisch. Dann kehrte er zurück, lungerte auf seinem Zaun herum und ließ seine Augen nach ihr herumspazieren, bis die Nacht anbrach; aber die Kleine ließ sich nicht wieder sehen. Tom tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie hinter irgend einem Fenster gestanden und von seinen Aufmerksamkeiten Notiz genommen habe. Endlich ging er nach Hause, den Kopf voll angenehmer Vorstellungen.

Während des ganzen Abendessens war er so geistesabwesend, daß sich seine Tante wunderte, was in ihn gefahren sein könne. Er bekam wegen seiner Beschießung Sids Schelte und schien sich weiter gar nichts daraus zu machen.

Er versuchte, seiner Tante vor der Nase Zucker zu stehlen und bekam was auf die Finger. Er sagte: „Tante, du schlägst Sid nie, wenn er so was macht!“

„Na, Sid treibt‘s auch nicht so arg wie du. Du würdest den ganzen Tag im Zucker sein, wenn ich nicht aufpaßte.“

Gleich darauf ging sie in die Küche, und Sid, auf seine Unverletzlichkeit pochend, griff nach der Zuckerdose, mit einer Selbstüberhebung gegen Tom, die diesem unerträglich dünkte. Aber Sids Finger glitten aus, und die Zuckerdose fiel auf den Boden und zerbrach. Tom war außer sich vor Vergnügen, so außer sich, daß er sogar seine Zunge im Zaume hielt und verstummte. Er nahm sich vor, kein Wort zu sagen, auch nicht, wenn seine Tante wieder hereinkomme — solange, bis sie frage, wer dieses Verbrechen begangen habe. Dann wollte er es sagen, und niemand auf der Welt würde so glücklich sein wie er, wenn dieser Musterknabe auch einmal was auf die Pfoten bekam. Er war so voll Erwartung, daß er sich kaum zurückhalten konnte, als die alte Dame dann kam und vor den Scherben stand und Zornesblitze über den Rand ihrer Brille schleuderte. Er sagte zu sich: Jetzt kommt‘s! Und im nächsten Augenblick zappelte er auf dem Fußboden! Eine drohende Hand schwebte über ihm, um ihn nochmals zu treffen; Tom brüllte: „Halt, halt, warum prügelst du mich? Sid hat sie zerbrochen!“

Tante Polly hielt erschrocken inne, und Tom sah sofort, daß sich das Mitleid bei ihr zu regen begann. Aber sie sagte nur: „Auf! Ich denke, bei dir schadet kein Schlag. Du hast manches auf dem Kerbholz, wofür du keine Prügel bekommen hast.“