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Der kleine Beitrag „Die Aktualität der prophetischen Schriften“ verdankt seine Entstehung einem Rundfunkvortrag für eine Sendereihe über die Bibel. Dass Fromm am Ende seines Lebens mit solchem Engagement von den Propheten sprechen konnte, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Propheten ihn von seiner Kindheit an faszinierten und bis zuletzt – trotz seines Bruchs mit der jüdischen Orthodoxie und Religionsgemeinschaft – als Vertreter eines radikalen religiösen Humanismus ansprachen. Die Propheten sind für Fromm das genaue Gegenteil der Religionsdiener, der Priester. Denn diese verwalten die Religion, anstatt die religiöse Erfahrung zu leben.
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Seitenzahl: 17
Veröffentlichungsjahr: 2015
Erich Fromm(1975d)
Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer Funk
Der Beitrag wurde zunächst am 20. April 1975 als Vortrag im Süddeutschen Rundfunk gehalten. Erstveröffentlichung in gedruckter Form 1975 unter dem Titel Die Aktualität der prophetischen Schriften, in: H. J. Schultz (Hg.), Sie werden lachen – die Bibel. Überraschungen mit dem Buch, Stuttgart (Kreuz-Verlag), S. 67-72. Mit textlichen Verbesserungen durch Rainer Funk wiederabdruckt 1980 in Erich Fromm Gesamtausgabe in zehn Bänden, Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt, Band VI, S. 77-81. Übernahme 1983 in E. Fromm, Über die Liebe zum Leben. Rundfunksendungen, hg. von Hans Jürgen Schultz, Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt), S. 163-169.
Die E-Book-Ausgabe orientiert sich an der von Rainer Funk herausgegebenen und kommentierten Textfassung in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, Band VI, S. 77-81.
Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.
Copyright © 1975 by Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2015 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2015 by Rainer Funk.
Wenn man über die Aktualität der prophetischen Schriften[1] spricht, dann muss man zunächst einige Fragen stellen: Sind sie denn noch aktuell, die Propheten, außer für gläubige Christen und Juden? Oder ganz anders gefragt: Sollten sie nicht aktuell sein für jeden Zeitgenossen? Oder vielleicht noch etwas weitergehend: Sollten sie nicht wieder aktuell werden, gerade weil sie nicht aktuell sind? Weil wir in einer prophetenlosen Zeit leben, die der Propheten bedarf? Doch darüber können wir erst sprechen, wenn wir uns einig sind, was eigentlich ein Prophet im alttestamentlichen Sinne ist. Ist er ein Voraussager, der das längst Determinierte, die Zukunft, enthüllt? Ein Voraussager gar von schlimmer, nicht von guter oder von froher Botschaft? Ein Sohn der Kassandra? Oder ist er ein Orakel, das wie das delphische sagt, wie man handeln soll, wenngleich auch sehr zweideutig?
