Die Arbeiter des Meeres - Victor Hugo - E-Book

Die Arbeiter des Meeres E-Book

Victor Hugo

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Beschreibung

In "Die Arbeiter des Meeres" entführt Victor Hugo die Leser in die raue und zugleich poetische Welt der Bretagne. Die Erzählung um den Fischer Gilliatt, der gegen die Naturgewalten und die Vorurteile seiner Mitmenschen ankämpft, spiegelt die Dualität des menschlichen Daseins wider – zwischen Heldentum und Verzweiflung. Hugo's literarischer Stil zeichnet sich durch eine exquisite Bildsprache und tiefgreifende Symbolik aus, wodurch der Bezug zur romantischen Literatur und den sozialen Themen seiner Zeit deutlich wird. Die Natur wird zum lebendigen Charakter, der die menschliche Existenz sowohl bedroht als auch prägt. Victor Hugo, ein führender Vertreter der französischen Romantik, verknüpft in diesem Werk persönliche Erfahrungen mit der zeitgenössischen industriellen Revolution, die das Leben der Arbeiter maßgeblich beeinflusste. Als leidenschaftlicher Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte zeigt sich Hugo in "Die Arbeiter des Meeres" empathisch gegenüber dem Schicksal der Unterdrückten. Sein tiefes Verständnis für die Verzweiflung der Menschen und die Schönheit der Natur entfaltet sich in jeder Zeile und reflektiert seine Überzeugung, dass Kunst eine transformative Kraft besitzt. Dieses faszinierende Werk ist eine eindringliche Exploration der menschlichen Widerstandskraft und der Komplexität der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Leser, die sich für Themen wie Identität, sozialer Konflikt und die Schönheit der Bretagne interessieren, werden von Hugos meisterhaftem Erzählstil und der philosophischen Tiefe der Geschichte fasziniert sein. "Die Arbeiter des Meeres" ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch ein zeitloses Plädoyer für die Würde des Menschen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Victor Hugo

Die Arbeiter des Meeres

Bereicherte Ausgabe. Der Kampf eines einfachen Fischers gegen eine gefährliche Unterwasserbestie und sein Streben nach Überwindung in Victor Hugos Meisterwerk
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547796480

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Arbeiter des Meeres
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein einzelner Mensch steht der unermesslichen See gegenüber. In Victor Hugos Die Arbeiter des Meeres verdichtet sich dieser Gegensatz zu einem Drama aus Mut, Isolation und der unnachgiebigen Kraft der Natur. Das Meer ist nicht Kulisse, sondern Gegenfigur, Prüfstein und Spiegel des Inneren. Zwischen Klippen, Strömungen und Nebelbänken ringt der Mensch um Würde, Arbeit und Anerkennung. Das Werk führt in eine Welt, in der jede Entscheidung Gewicht hat und jedes Element eine Stimme. Zugleich entfaltet es eine Meditation über Fortschritt, Aberglaube und die Fähigkeit, im Angesicht des Übermächtigen standzuhalten.

Der Roman stammt von Victor Hugo, einem der bedeutendsten französischen Autoren des 19. Jahrhunderts, und erschien 1866. Entstanden ist er während Hugos politischem Exil auf der Kanalinsel Guernsey, der er das Werk widmete. Der Originaltitel lautet Les Travailleurs de la mer; die deutsche Fassung ist als Die Arbeiter des Meeres bekannt. Nach Les Misérables wendet sich Hugo hier vom Großstadtraum ab und den Elementen zu. Entstehung und Veröffentlichung stehen im Kontext einer Epoche, die industrielle Neuerungen, technologische Hoffnungen und gesellschaftliche Spannungen gleichermaßen kannte.

Die Handlung setzt auf den Kanalinseln an, einem gefährlichen Revier aus Felsenriffen, engen Fahrwassern und plötzlichen Wetterwechseln. Eine Küstengemeinschaft lebt im Rhythmus der Gezeiten, zwischen überlieferter Seemannskunst und den ersten Zeichen der Dampftechnik. Ein Schiffbruch, dessen Folgen die Insel erschüttern, markiert den Ausgangspunkt der Ereignisse. Aus dieser Situation entwickelt sich ein Vorhaben, das Mut, Geschick und Ausdauer verlangt. Hugo zeichnet die Region mit topographischer Genauigkeit und macht sie zugleich zur Bühne einer Erzählung, in der Naturbeobachtung, historische Stoffe und menschliche Konflikte ineinandergreifen.

Im Zentrum steht Gilliatt, eine einsame, von den Nachbarn argwöhnisch betrachtete Gestalt, die die Freiheit des Meeres dem Lärm der Gesellschaft vorzieht. Er beherrscht Handwerk und Improvisation, kennt Windzeichen und Felsbuchten und bewegt sich doch am Rand der Gemeinschaft. Sein Weg führt ihn zu einer Aufgabe, deren Gefahren nicht nur im Äußeren liegen: Kälte, Strudel, scharfkantige Riffe und Material versagen ebenso wie Furcht und Aberglaube. Hugo interessiert, wie Entschlossenheit und Erfindungsgeist in einer feindlichen Umgebung bestehen können, ohne den Menschen seiner Verletzlichkeit zu berauben.

Als klassischer Roman des 19. Jahrhunderts verbindet das Buch Abenteuer, psychologische Studie und philosophische Betrachtung. Es fragt, was Arbeit bedeutet, wenn sie an die Grenzen des Möglichen stößt, und inwiefern Tapferkeit mit Einsamkeit verwandt ist. Fortschritt erscheint als Versprechen und Bedrohung zugleich, denn die neue Technik fordert die alten Fertigkeiten heraus und verändert die Ordnung der Dinge. Glauben, Schicksal und Zufall durchdringen einander, während die Gemeinschaft auf den Inseln ihre Geschichten, Gerüchte und Ängste tradiert. So entsteht ein Panorama, das das Individuum im Netz der Kräfte zeigt, die es prägen.

Stilistisch entfaltet Hugo eine Sprache, die gleichermaßen präzis und überwältigend ist. Ausführliche Naturbeschreibungen, technische Details zur Seefahrt und poetische Bilder verleihen der See Kontur und Stimme. Der Autor katalogisiert Strömungen, beschreibt Windbrecher und Untiefen und macht spürbar, wie Zeit auf den Gezeiten ruht. Dabei wächst das Meer zur handelnden Macht, die verlockt, prüft und zerstört. Diese Verbindung aus Sachkunde und Bildkraft ist eine der Gründe, weshalb das Werk als Klassiker gilt: Es lehrt, sehen zu lernen, und verwandelt Beobachtung in Erkenntnis.

Die Arbeiter des Meeres hat die maritime Literatur nachhaltig geprägt. Spätere Erzählungen über Schiffbruch, Rettung und Inselleben greifen auf Hugos Wechselspiel von technischer Genauigkeit und mythischer Wucht zurück. Der Roman zeigt, wie sich das Epische in das Konkrete senkt: aus Tauwerk, Bolzen, Strickleitern und Felsnasen formt sich eine Bühne des Menschlichen. Er hat zudem die Naturdarstellung in der europäischen Prosa bereichert, indem er Landschaft und Wetter nicht dekorativ, sondern dramaturgisch versteht. Wer über Mensch und Element schreibt, kommt an der Maßgabe dieses Buches schwerlich vorbei.

Im Œuvre Victor Hugos bildet der Roman ein Gegengewicht zu seinen städtischen und historischen Panoramen. Statt gesellschaftlicher Systeme treten die Elemente auf; statt Institutionen der offene Horizont. Dennoch bleibt das Ethos verwandt: Mitgefühl für Außenseiter, Achtung vor Arbeit, Skepsis gegenüber blinder Macht. Die Inselwelt erlaubt Hugo, Verantwortung, Schuld und Solidarität im Mikrokosmos zu studieren. So setzt das Buch eine Linie fort, in der das Große im Kleinen sichtbar wird und in der das Individuum nicht isoliert, sondern im Widerhall seiner Umwelt verstanden wird.

Die kanonische Stellung des Werks gründet sich auf seine formale Meisterschaft und thematische Reichweite. Zeitgenössische wie spätere Leserinnen und Leser erkannten in ihm eine Erzählung, die Abenteuerlust mit moralischer Ernsthaftigkeit verbindet. Seine berühmtesten Episoden haben sich in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben, ohne die leisen Töne der Innenschau zu übertönen. Bis heute wird der Roman in neuen Übersetzungen und Ausgaben gepflegt, was seinen Rang innerhalb der Weltliteratur bekräftigt. Die Persistenz im Lese- und Lehrkanon erklärt sich aus der seltenen Einheit von Spannung, Geist und Stil.

Gleichzeitig ist das Buch ein Dokument seiner Zeit: Es registriert den Übergang von Segel zu Dampf, den Schlagabtausch zwischen Handwerk und Maschine, die Furcht vor dem Unbekannten in einer Welt des raschen Wandels. Hugo hält fest, wie technische Neuerungen Hoffnungen nähren und Bindungen lockern. Diese historische Schicht verleiht der Lektüre Tiefe, ohne sie zu musealisieren. Denn das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen lokalem Wissen und globaler Durchdringung bleibt ein Thema, das auch heutige Gesellschaften umtreibt.

Heute liest man Die Arbeiter des Meeres als Erzählung über Resilienz, ökologische Demut und die Würde praktischer Intelligenz. Angesichts einer Zeit, in der Naturkräfte wieder spürbar in den Alltag hineinwirken, gewinnt der Roman eine besondere Resonanz. Er mahnt zu Maß und Aufmerksamkeit, ohne zu belehren; er feiert findige Hände, ohne das Risiko zu verharmlosen. Der Außenseiter als moralischer Prüfstein, die Gemeinschaft als ambivalentes Gegenüber und die Technik als zweischneidiges Werkzeug bilden ein Trio, das unsere Gegenwart erhellt.

Seine zeitlosen Qualitäten liegen in der Tiefe des Mitgefühls, der Unerschrockenheit des Blicks und der kunstvollen Verbindung von Genauigkeit und Erhebung. Hugo lässt uns das Rauschen der Brandung hören und zugleich das Schweigen einer Seele. Er zeigt, dass Größe nicht im Triumph, sondern im Ausharren bestehen kann, und dass Naturbegegnung Erkenntnis stiftet. Darin liegt die fortdauernde Relevanz dieses Klassikers: Er lädt dazu ein, dem Unabwägbaren nicht mit Zynismus, sondern mit Klugheit und Mut zu begegnen – und in der Arbeit eine Form der Freiheit zu erkennen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Victor Hugo veröffentlichte Die Arbeiter des Meeres 1866 während seines Exils und widmete den Roman der Insel Guernsey. Das Werk verknüpft Abenteuererzählung, Naturbeobachtung und eine Studie über Ausgrenzung und Beharrlichkeit. Im Zentrum steht die gewaltige, unberechenbare See, die zu einer eigenen Figur wird. Im Spannungsfeld dieser Landschaft bewegt sich Gilliatt, ein wortkarger Außenseiter, der am Rand der Dorfgemeinschaft lebt. Die Handlung beginnt in einem Milieu, das von Aberglauben, Stolz und pragmatischer Seefahrerweisheit geprägt ist. Neben Gilliatt treten der Reeder Lethierry, dessen Nichte Déruchette und der scheinbar tadellose Steuermann Clubin auf.

Lethierrys Stolz ist die Durande, ein Dampfschiff, das die Inseln verbindet und den Geist des technischen Fortschritts verkörpert. Die Maschine steht für Hoffnung, Handel und den Versuch, der Natur Herr zu werden. Déruchette, Lethierrys junge Verwandte, ist zugleich Erbin seines Herzensprojekts und Objekt stiller Bewunderung. Um sie und die Durande herum verdichten sich die Erwartungen der Gemeinschaft. Gilliatt, der sie stumm verehrt, begegnet dem Dorf mit zurückhaltender Würde. Sein Ruf als Sonderling nährt sich aus Gerüchten und der Distanz, die er pflegt. Hugo zeichnet hier die sozialen Frontlinien zwischen Gemeinschaft, Technik und dem abseits stehenden Individuum.

Die scheinbar sichere Ordnung gerät ins Wanken, als die Durande havariert. In einem Geflecht aus Unwetter, Unachtsamkeit und menschlicher Berechnung kommt es zur Katastrophe. Die Maschine bleibt auf den berüchtigten Felsen der Douvres zurück, während das Schiff verloren ist. Der wirtschaftliche und moralische Schlag trifft Lethierry hart; sein Vermächtnis droht zu scheitern. Um das Unmögliche zu fordern und den Glauben an Fortschritt zu retten, stellt er ein kühnes Versprechen in Aussicht: Wer die Maschine zurückbringt, soll seine höchste Gunst – und die Zukunft Déruchettes – gewinnen. Diese Ankündigung setzt das Dorf in Bewegung und gibt der Erzählung ihr Ziel.

Gilliatt nimmt die Herausforderung an, weniger aus Ruhmsucht als aus stummer Entschlossenheit. Seine Motivation speist sich aus Zuneigung, Stolz und dem Drang, sich der See zu stellen. Mit handwerklichem Scharfsinn richtet er sein kleines Boot her, sammelt Werkzeuge, Proviant und improvisierte Vorrichtungen. Der Aufbruch ist unspektakulär, fast schweigsam; er verlässt das vertraute Ufer, ohne Gefolge und ohne Gewissheiten. Hugo schildert den Übergang vom menschlichen Maßstab des Hafens in die ungebändigte Weite. Zugleich wird Gilliatts innere Landschaft sichtbar: Geduld, Erfindungsgeist und ein Gerechtigkeitssinn, der weniger Worte als Taten braucht.

Die Douvres, zwei steile Felsnadeln im offenen Meer, bilden das Herz der Bewährungsprobe. Zwischen Gezeiten, Sog und Spritzwasser muss Gilliatt Schutz schaffen, Standflächen gewinnen und die Last der Maschine beherrschen. Die Aufgabe ist zugleich handwerklich und titanisch: Schrauben lösen, Metallteile sichern, Hebel und Flaschenzüge erfinden, alles unter Zeitdruck und in lebensfeindlicher Nässe. Die Felsen werden zum Werkplatz und zum Gefängnis. Hugo entfaltet hier ein Lehrstück über Technik als Verlängerung der Hände, über den Takt der Wellen als unerbittlichen Gegner und über eine Konzentration, die nur durch strenge Selbstdisziplin zu halten ist.

Das Unternehmen gerät zum Kampf gegen Elemente und Erschöpfung. Sturmfronten reißen Vorräte fort, der Wechsel von Ebbe und Flut diktiert jeden Handgriff. Kälte, Wunden und Schlafmangel nagen an Gilliatts Kräften. In einer der eindrücklichsten Passagen des Romans steht er einer unheimlichen Kreatur der Tiefe gegenüber, einem Bündel aus Saugnäpfen und stummem Druck, das wie ein Auswuchs des Meeres selbst wirkt. Diese Begegnung markiert einen Umschlagpunkt: rohe Naturgewalt trifft auf menschliche Zähigkeit. Gilliatts Beharren ist fortan nicht nur zweckgerichtet, sondern existenziell – ein Ringen um Selbstbehauptung im Angesicht der Leere.

Während Gilliatt auf den Felsen arbeitet, bewegen sich auf Guernsey Gefühle, Glaubensfragen und Interessen. Déruchette tritt ins Blickfeld der Gemeinde, und eine Begegnung mit einem jungen Geistlichen erhält Bedeutung, die über gesellschaftliche Höflichkeit hinausweist. Der öffentliche Schwur Lethierrys lastet auf allen Beteiligten, doch private Neigungen folgen eigenen Gesetzen. Zugleich beginnt das Bild des respektierten Clubin zu bröckeln, als Spuren von Berechnung und Täuschung auftauchen. Gerüchte, Aussagen und zufällige Funde stellen Charaktere und Motive in ein neues Licht. Die Insel wird zum Resonanzraum für Hoffnung, Pflicht und subtile Rivalitäten.

Je weiter die Arbeiten voranschreiten, desto schmaler wird das Zeitfenster. Wetterwechsel, Materialermüdung und die Logik der Mechanik erzwingen Entscheidungen. Gilliatt muss riskante Manöver wagen, in denen eine falsche Bewegung wochenlange Mühen zunichtemachen könnte. Die Spannung entsteht weniger aus plötzlichen Überraschungen als aus der unerbittlichen Konsequenz der Umstände. Das Vorhaben wird zum Prüfstein: Wie weit darf man für ein Ideal gehen? Welche Lasten sind dem Einzelnen zuzumuten? Was als persönliches Ziel begann, gewinnt einen symbolischen Umfang, der die Werte der Gemeinschaft und die Versprechen des Fortschritts berührt.

Hugo schließt die Erzählung, ohne die Ambivalenzen zu glätten: Liebe, Pflicht, Ruhm und Verlust bleiben in prekärer Balance. Die Figuren tragen die Spuren ihrer Entscheidungen, und die See behält ihre doppelte Rolle als Gegnerin und Ursprung von Leben. Der Roman fragt nach dem Sinn von Arbeit und der Würde des Einzelnen, der gegen Natur, Misstrauen und Zufall antritt. Zugleich reflektiert er die Grenzen technischen Triumphs und die Einsamkeit des Ausgegrenzten. Als Hommage an Guernsey und als zeitloses Bild des menschlichen Ringens wirkt Die Arbeiter des Meeres über seine Handlung hinaus – eindrücklich, rätselhaft und nachhaltig.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Handlung von Die Arbeiter des Meeres ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Kanalinseln verortet, vor allem auf Guernsey, einer britischen Kronbesitzung mit eigener Rechtsordnung und starkem Gemeindeleben. Die Inseln lagen im Einflussraum britischer Institutionen wie der Admiralität und Trinity House, zugleich wirkten die Pfarrgemeinden und örtlichen Douzaines als zentrale soziale Autoritäten. Der Nordatlantik- und Ärmelkanalhandel prägte Alltag und Gefahrenwahrnehmung. Unter Königin Victoria erlebte Großbritannien beschleunigte Industrialisierung; diese reichte bis an die exponierten Küstenzonen, wo Seefahrt, Handel, Fischerei und Bergbau die Lebensgrundlagen bildeten und die Küstengesellschaften eng an internationale Verkehrsströme banden.

Victor Hugo schrieb den Roman im Exil. Nach dem Staatsstreich Louis-Napoléon Bonapartes 1851 und der Errichtung des Zweiten Kaiserreichs 1852 floh der prominente Republikaner über Jersey nach Guernsey, wo er ab 1855 in Hauteville House lebte. Von dort aus beobachtete er britische und französische Verhältnisse aus Distanz. Die Widmung des 1866 erschienenen Romans an die Insel Guernsey würdigt deren Gastfreundschaft gegenüber politischen Flüchtlingen. Das Inselleben, die Spracheinflüsse und die maritime Arbeitswelt lernte Hugo unmittelbar kennen; sie lieferten ihm Anschauungsmaterial und sozialen Resonanzboden für eine Erzählung, die Härte und Würde körperlicher Arbeit ins Zentrum rückt.

Der politische Hintergrund in Frankreich war von autoritärer Modernisierung geprägt. Unter Napoleon III. verbanden sich wirtschaftlicher Ausbau, Infrastrukturprojekte und staatliche Kontrolle von Presse und Meinung. Obwohl sich das Regime in den 1860er Jahren punktuell liberalisierte, blieb Hugo als Symbolfigur republikanischer Opposition im Exil. Diese Spannung zwischen Fortschrittsversprechen und politischer Unfreiheit fließt in die Erzählhaltung ein: Sie konfrontiert individuelle Gewissensstärke und Zivilcourage mit institutioneller Macht, ohne in direkte Zeitpublizistik abzugleiten. Der Blick von der Peripherie aufs Zentrum – hier vom Kanal auf Paris – erzeugt eine kritische Perspektive, aus der Technik, Ordnung und Moral neu bewertet werden.

Maritimhistorisch sind die Kanalinseln ein Knotenpunkt zwischen Atlantik und Nordsee. Dichte Schiffsrouten, starke Gezeitenströme und tückische Riffe – darunter die Douvres-Felsen – machten die Region berüchtigt. Die Häufigkeit von Strandungen und Havarien war im 19. Jahrhundert hoch, lange bevor umfassende Sicherheitsstandards etabliert wurden. Gleichzeitig professionalisierten sich Rettungs- und Hilfsstrukturen: Die Royal National Lifeboat Institution bestand seit 1824; freiwillige Besatzungen, Lotsen und Küstenwächter prägten eine Kultur der Seenotrettung. Diese gefährliche maritime Umwelt bildet die reale Kulisse, in die Hugo seine Erkundung von Mut, Ausdauer und Solidarität einschreibt.

Technologisch fällt die Entstehungszeit des Romans in den Übergang von Segel- zu Dampfschifffahrt. Schraubenpropeller und Eisenrümpfe setzten sich seit den 1840er Jahren durch, doch gemischte Antriebe und frühe Maschinen blieben störanfällig. Der Dampfkessel symbolisierte zugleich Fortschritt und Risiko: Er versprach planbare Mobilität, erhöhte aber die Komplexität an Bord. In Hugos Erzählung rückt die Bergung einer Maschinenanlage ins Zentrum der Handlung – ein genau beobachtetes Stück Arbeit, das die Ambivalenz des technischen Zeitalters beleuchtet. So verbindet der Text romantische Naturerfahrung mit detailreicher Beschreibung zeitgenössischer Ingenieursleistungen und deren brüchiger Verlässlichkeit.

Ökonomisch lebte Guernsey im 19. Jahrhundert von Seefahrt, Kleinhandel, Fischerei und dem Abbau von Granit, der exportiert wurde. Der Inselraum war sprachlich und kulturell vielschichtig: Englisch, Französisch und das normannische Guernésiais begegneten einander in Alltag und Ortsnamen. Familienverbände, Nachbarschaftsnetze und Zünfte organisierten Arbeit und soziale Absicherung. Mobilität war hoch, doch Inselgemeinschaften waren kleinräumig, mit starker sozialer Kontrolle. Diese Mischung aus Offenheit durch Handel und Geschlossenheit durch Insellage erklärt die Spannungen, die Hugo zwischen individueller Eigenart und kollektiver Erwartung zeigt. Sie rahmt die moralischen und praktischen Konflikte, die das Leben in einer Hafen- und Küstengesellschaft prägten.

Religiöse und kulturelle Kräfte formten zusätzlich den Alltag. Protestantische Strömungen, darunter Methodismus, fanden auf den Kanalinseln im 19. Jahrhundert weite Verbreitung und prägten Gottesdienst, Gemeindeleben und eine strenge Arbeitsethik. Zugleich hielten sich traditionelle Küstenbräuche, Aberglaube und volkstümliche Erklärungen für Naturphänomene. Die Koexistenz von Bibeltreue, moralischer Überwachung und einer imaginationsreichen Seemannskultur liefert den Resonanzraum für Hugos Kritik an sozialer Engherzigkeit und Irrationalismus. Er zeigt, wie Glaube Halt geben kann, aber auch wie schnell Gemeinschaften in Misstrauen umschlagen, wenn Außenseiter gegen Konventionen verstoßen oder unverständlich erscheinen.

Rechts- und Institutionsgeschichte bildet einen weiteren Hintergrund. Als Kronbesitz verfügte Guernsey über normannisch geprägtes Gewohnheitsrecht, während maritime Belange von britischen und insularen Regelwerken überlagert wurden. Fragen von Strandgut, Bergelohn und Eigentum waren in der Region praktisch bedeutsam und rechtlich geregelt, etwa durch empfangene Admiraltätsgrundsätze und insulare Verordnungen. Öffentliche Bekanntmachungen, Auktionen und die Rolle eines Receivers of Wreck sorgten für Ordnung in einem Feld, das leicht soziale Spannungen erzeugte. Hugos Roman spiegelt dieses Gefüge, indem er die materielle, rechtliche und moralische Dimension von Bergung und Besitzanspruch nebeneinander sichtbar macht.

Zeitgleich erstarkte das wissenschaftliche Interesse an Meeren und Küsten. Seit den 1850er Jahren verbreiteten sich öffentliche Aquarien, naturkundliche Museen und populärwissenschaftliche Darstellungen mariner Lebewesen. Darwins Evolutionstheorie (1859) intensivierte Debatten über Naturbeobachtung und Artenwandel. Hugo greift diese Neugier literarisch auf, indem er die Fauna des Küstenraums – von Tangwäldern bis zu rätselhaften Meerestieren – mit poetischer und zugleich quasi-ethnografischer Genauigkeit schildert. Diese Wissenslust ist historisch situiert: Sie verknüpft romantische Faszination mit dem Drang, Natur zu klassifizieren, und macht die See zum Ort, an dem Erkenntnis und Furcht eng beieinanderliegen.

Auch die Infrastruktur zur Beherrschung maritimer Risiken wurde ausgebaut. Die britische Admiralität verbesserte im 19. Jahrhundert systematisch Seekarten; Triangulation, Lotungen und neue Kartografien reduzierten Ungewissheiten, ohne sie zu beseitigen. Leuchtturmtechnik erfuhr dank der Fresnel-Linse seit den 1820er Jahren einen Qualitätssprung. Ein lokales Beispiel ist der Hanois-Leuchtturm vor Guernsey, der 1862 in Betrieb ging und ein gefährliches Riff markiert. Trotzdem blieben Nebel, wechselnde Strömungen und Stürme unkalkulierbar. Diese Gleichzeitigkeit von technischer Rationalisierung und elementarer Unsicherheit prägt die ästhetische Ökonomie des Romans: Lichtzeichen ordnen – die See widerspricht.

Arbeitsvorstellungen wandelten sich europaweit. Industrialisierung, städtisches Proletariat und frühe Arbeiterorganisationen veränderten die Wahrnehmung körperlicher Arbeit. 1864 entstand in London die Internationale Arbeiterassoziation; Debatten über Lohn, Würde und Solidarität prägten den öffentlichen Raum. Hugo, der die moralische Größe unbeachteter Berufe oft betonte, erhebt im Titel die „Arbeiter“ zu Protagonisten der Modernität. Maritimes Können, Ausdauer, Improvisation und technische Fertigkeit gelten als gleichrangig mit gelehrter Bildung. So lässt sich der Roman auch als Beitrag zu einer breiteren kulturellen Aufwertung manueller Expertise lesen, die im 19. Jahrhundert politisch wie ästhetisch verhandelt wurde.

Literarisch steht das Werk an der Schnittstelle von Hochromantik und Realismus. Hugos Poetik des Erhabenen – Donner, Brandung, Klippen – trifft auf minutiöse Dingbeobachtung, nautische Terminologie und eine beinahe dokumentarische Erzählhaltung bei Arbeitsabläufen. Zeitgenössisch kursierten vielfältige Meeresnarrative; die Faszination für Technik und Tiefe fand Resonanz von Abenteuerroman bis Reiseliteratur. Ohne direkte Abhängigkeiten zu behaupten, zeigt sich ein europäischer Kontext, in dem die See als Prüfstein des Menschen dient. Hugos Beitrag ist eigenständig: Er verwebt metaphysische Dimensionen mit sachkundiger Beschreibung und siedelt die Frage nach Fortschritt und Gewissen im Alltag der Küste an.

Erscheinung und Verbreitung fielen in eine Phase hoher Leselust. Trotz politischer Spannungen erreichten Hugos Exilwerke ein breites Publikum in Frankreich, Großbritannien und weiteren Ländern. Übersetzungen setzten bald ein und trugen zur internationalen Präsenz des Autors bei. Der Roman profitierte von etablierten Vertriebsnetzen des 19. Jahrhunderts – Feuilleton, Buchhandel, Leihbibliotheken – und von Hugos Rang als öffentlicher Intellektueller. Die Rezeption hob häufig die eindringliche Meeresdarstellung hervor und diskutierte die Glaubwürdigkeit technischer Details, was zeigt, wie sehr sich die Leserinnen und Leser an zeitgenössischen Maßstäben empirischer Plausibilität orientierten.

Geopolitisch sind die Kanalinseln eine Grenzlandschaft zwischen Frankreich und Großbritannien, mit Erinnerungen an frühere Konflikte und militärische Sicherungen. Festungsanlagen wie Castle Cornet zeugen von ihrer strategischen Lage. Diese liminale Position schuf eine Mentalität, die auf Eigenständigkeit, Handel und Wachsamkeit beruhte. Der Roman nutzt diese Schwelle: Er zeigt, wie Grenzräume Normen schärfen, zugleich aber Austausch beschleunigen. Durchfahrende Schiffe, Lotsenfahrten und saisonale Arbeitsrhythmen verankern die Figuren in einem europäischen Verkehrsraum, der politisch zerschnitten sein konnte, ökonomisch jedoch kontinuierlich funktionierte und daher lokale Identitäten ständig neu ausbalancierte.

Soziale Erwartungen und Geschlechterrollen rahmen die Handlung zusätzlich. In kleinräumigen Gemeinschaften entschieden Reputation, Familienbündnisse und ökonomische Zweckmäßigkeit oft über Lebenswege. Heirat war nicht nur Gefühlssache, sondern auch Absicherung innerhalb prekären Küstenlebens, das durch Verlust und Abwesenheit geprägt war. Die See machte Männer und Frauen zu Beteiligten eines Risikosystems: Fahrten, Wartezeiten, Verwitwung und gemeinschaftliche Hilfe. Hugo beleuchtet diese kollektiven Zwänge, ohne individuelle Sehnsucht zu negieren. Die Spannung zwischen persönlicher Entscheidung und sozialer Urteilskraft kommentiert eine Gesellschaft, die Sicherheit sucht und doch auf den unberechenbaren Rhythmus des Meeres angewiesen bleibt.

Meteorologie und Kommunikation steckten noch in den Anfängen moderner Institutionalisierung. Das britische Meteorological Department führte ab 1861 Sturmwarnungen ein; Küstenstationen hissten Signale, Barometerbeobachtungen verbreiteten sich. Gleichzeitig expandierte die Unterseekabel-Telegraphie seit den 1850er Jahren und verkürzte Nachrichtenwege. Dennoch blieben Vorhersagen unsicher, und lokale Erfahrungsregeln behielten Gewicht. Im Roman ist Wetter keine Kulisse, sondern Handlungsmacht. Diese historische Realität erklärt, weshalb riskante Entscheidungen an See häufig unter radikaler Ungewissheit getroffen wurden, was wiederum den heroischen, aber auch tragischen Ton vieler Küstenerzählungen jener Zeit plausibel macht.

Zusammenfassend kommentiert Die Arbeiter des Meeres seine Zeit als Epoche zwischen Gehorsam und Eigensinn, Aberglauben und Wissenschaft, Segel und Maschine. Der Text ehrt die Disziplin und Kreativität körperlicher Arbeit, kritisiert soziale Engstirnigkeit und zeigt Technik als ambivalente Kraft, die rettet und gefährdet. Politisch schwingt die Erfahrung des Exils mit: Die Insel wird zum Gegenbild des imperialen Zentrums, ein Ort der Zuflucht und Prüfung. Indem Hugo die Elemente sprechen lässt und menschliche Würde im Angesicht des Unberechenbaren behauptet, formuliert er eine poetische Ethik der Moderne, deren Fragen nach Verantwortung und Solidarität bis heute fortwirken.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Victor Hugo, geboren am 26. Februar 1802 in Besançon und gestorben am 22. Mai 1885 in Paris, gilt als zentrale Stimme der französischen Romantik und als eine der prägenden Gestalten des 19. Jahrhunderts. Er war Dichter, Dramatiker, Romancier und politischer Publizist. Zu seinen meistgelesenen Werken zählen der Roman Notre-Dame de Paris (1831) und das monumentale Les Misérables (1862), daneben bedeutende Gedichtsammlungen wie Les Contemplations (1856). Seine Sprache verband Pathos mit Beobachtungsgabe, sein Werk umschloss Historie, Mythos und soziale Wirklichkeit. Hugo prägte die Literatur ebenso wie das öffentliche Bewusstsein Frankreichs.

Seine Bedeutung reicht über das Ästhetische hinaus. Hugo erneuerte die Bühne mit Stücken wie Hernani (1830) und formulierte im Umfeld von Cromwell (1827) das Programm einer romantischen Dramaturgie, die das Erhabene mit dem Grotesken verschränkt. Als öffentlicher Intellektueller bezog er in Debatten über Freiheit, Bildung und soziale Gerechtigkeit Stellung und nutzte Literatur als moralischen Resonanzraum. Während des Zweiten Kaiserreichs lebte er im Exil, ohne an Einfluss zu verlieren: Seine Bücher zirkulierten europaweit, und sein Name wurde zum Synonym einer Literatur, die Kunst und Gewissen miteinander verknüpft.

Bildung und literarische Einflüsse

Hugos Kindheit war von den Versetzungen seines Vaters, eines Offiziers der napoleonischen Armee, und den Überzeugungen seiner monarchistisch gesinnten Mutter geprägt. Er wuchs zeitweise außerhalb Frankreichs auf, kehrte als Jugendlicher nach Paris zurück und erhielt dort eine solide Schulbildung. Früh schrieb er Gedichte und gründete 1819 mit seinen Brüdern die Zeitschrift Le Conservateur littéraire. Ein begonnenes Jurastudium wich rasch der literarischen Berufung. Bereits in den frühen 1820er Jahren veröffentlichte er erste Gedichtbände und Romane und gewann Aufmerksamkeit als vielversprechender Vertreter einer neuen, emotional aufgeladenen und historisch sensibilisierten Literatur.

Zu seinen maßgeblichen Einflüssen zählten Chateaubriand als Leitfigur einer christlich geprägten Romantik, die Bibel als rhetorischer und moralischer Fundus sowie Shakespeare als Modell dramatischer Freiheit und Vielstimmigkeit. Auch Walter Scotts historische Romane regen Hugos Blick auf Vergangenheit und Volk an. Die mittelalterliche Bildwelt, Ruinen, Kathedralen und Legenden lieferten ihm Motive und Atmosphären, die er in poetische Sprache übersetzte. Aus dieser Mischung entstand eine Poetik, die Kontraste zuließ, gesellschaftliche Perspektive mit lyrischer Innigkeit verband und die Bühne wie den Roman als große, öffentliche Formen ernst nahm.

Literarische Laufbahn

Hugos frühe Karriere oszillierte zwischen Lyrik, Roman und Drama. Seine Odes und Balladen etablierten ihn als junge Stimme, während Han d’Islande (1823) und Bug-Jargal (1826) die Erzählkunst erprobten. Mit dem umfangreichen Dramaprojekt Cromwell (1827) und der berühmten, programmatischen Vorrede plädierte er für eine Öffnung der Formen. Der Gedichtband Les Orientales (1829) zeigte exotische Bildwelten. Den Durchbruch als Erzähler brachte Notre-Dame de Paris (1831): Der Roman verband architektonisches Gedächtnis, soziale Spannung und tragische Figuren und trug zur Wiederentdeckung der gotischen Kathedralen in Frankreichs Imagination bei.

Das Theater wurde in den 1830er Jahren zu Hugos größter Bühne. Hernani (1830) löste mit seiner Uraufführung einen stilistischen Generationenkonflikt aus, die sogenannte „Schlacht von Hernani“. Es folgten Stücke wie Le Roi s’amuse (1832), Lucrèce Borgia (1833), Marie Tudor (1833) und Ruy Blas (1838), in denen Intrige, Macht und Moral im Fokus stehen. 1843 scheiterte Les Burgraves an den Erwartungen des Publikums. Im selben Jahr traf ihn der Tod seiner Tochter Léopoldine tief; Trauer und Erinnerung führten ihn zu einer introspektiven Lyrik, die später in Les Contemplations kulminierte.

Politische Ereignisse prägten den nächsten Abschnitt. Nach seiner Opposition gegen den Staatsstreich von 1851 ging Hugo ins Exil, zunächst nach Jersey, dann nach Guernsey. Dort entstand eine Reihe von Hauptwerken: Les Châtiments (1853) als schneidende Satire auf das Regime, Les Contemplations (1856) als poetisches Trauerbuch, La Légende des siècles (ab 1859) als epochenumspannende Dichtung und Les Misérables (1862), ein weltweiter Erfolg, der soziale Not, Recht und Gnade dramatisch verschränkt. Später folgten Les Travailleurs de la mer (1866), der dem Leben auf den Inseln gewidmet ist, und L’Homme qui rit (1869).

Hugos Stil bleibt durch Spannweite und Kontraste kenntlich: eine Bildkraft, die das Groteske und das Erhabene koppelt; Figuren, die zugleich symbolisch und konkret sind; Schauplätze, die moralische Landschaften werden. Neben dem Schreiben fertigte er zahlreiche Zeichnungen von suggestiver Schattentechnik. Bereits 1841 in die Académie française gewählt, verkörperte er die Autorität des Schriftstellers als öffentlicher Stimme. Seine Bücher fanden eine breite Leserschaft über Sprachgrenzen hinweg und setzten Maßstäbe für den Gesellschaftsroman, für das lyrische Bekenntnis und für ein Theater, das das Politische nicht scheut.

Überzeugungen und Engagement

Hugo war nicht nur Schriftsteller, sondern Abgeordneter und Redner. 1848 zog er in die Nationalversammlung ein, diskutierte Fragen der Republik, des Wahlrechts und der sozialen Reformen. Seine anfänglich moderaten Positionen verschoben sich mit der Erfahrung staatlicher Repression. Nach dem Staatsstreich Louis-Napoléon Bonapartes (später Napoleon III.) bezog er unmissverständlich Stellung gegen das Regime und ging ins Exil. Pamphlete wie Napoléon le Petit zirkulierten in Europa und machten ihn zur Stimme einer oppositionellen Moral. Für Hugo war Literatur eine Handlung im Raum der Öffentlichkeit, und der Schriftsteller trug Verantwortung gegenüber den Entrechteten.

Seine humanitären Anliegen sind durchgängig belegt: Er kämpfte gegen die Todesstrafe und formulierte diese Position literarisch in Le Dernier jour d’un condamné (1829) und Claude Gueux (1834). Er warb für Pressefreiheit, Bildung als Bürgerrecht und soziale Solidarität. In Les Misérables bündelte er diese Überzeugungen erzählerisch, indem er Armut, Justiz und Barmherzigkeit verknüpfte, ohne die politische Dimension zu negieren. Hugo wandte sich gegen Sklaverei und propagierte eine Vision europäischer Verständigung. Die Verbindung von Ethos und Ästhetik machte seine Texte zu Ressourcen politischer Imagination, die weit über ihre Entstehungszeit hinauswirken.

Letzte Jahre und Vermächtnis

Mit dem Sturz des Zweiten Kaiserreichs 1870 kehrte Hugo nach Frankreich zurück und wurde von der Öffentlichkeit enthusiastisch empfangen. Die Wirren der folgenden Jahre führten zu Aufenthalten außerhalb des Landes, doch Paris blieb sein Bezugspunkt. Er setzte sein Spätwerk fort: Quatrevingt-treize (1874) reflektiert Revolution und Terror, L’Art d’être grand-père (1877) feiert Zuneigung und Alltag, Actes et Paroles bündelt Reden, Les Quatre Vents de l’esprit (1881) erweitert das lyrische Panorama, und Torquemada (1882) kehrt zur Bühne zurück. 1876 wurde er in den Senat der Dritten Republik gewählt. Ein Schlaganfall 1878 schwächte ihn, minderte aber nicht seine Symbolkraft.

Victor Hugo starb 1885 in Paris. Die Republik ehrte ihn mit einem monumentalen Trauerzug, und seine Beisetzung im Panthéon verankerte ihn im nationalen Gedächtnis. Sein Ansehen blieb nicht auf Frankreich beschränkt: Romane, Gedichte und Dramen wurden weltweit gelesen, adaptiert und diskutiert. Von der Bewahrung historischer Architektur bis zu Debatten über Recht, Bildung und Armut reicht die Wirkungslinie seines Werks. Zahlreiche Bühnen-, Film- und Musikadaptionen verbreiteten seine Stoffe weiter. Hugo hinterließ das Bild eines Autors, der die Freiheit der Kunst mit dem Gewissen der Gesellschaft nachhaltig zu verbinden wusste.

Die Arbeiter des Meeres

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Theil. Herr Clubin.
Zweiter Theil. Der hinterlistige Gilliatt.
Dritter Theil. Deruchette.

Ich widme dieses Buch dem Felsen der Gastfreundschaft und Freiheit, jenem Winkel altnormannischer Erde, wo das kleine edle Volk des Meeres lebt, der rauhen und lieben Insel Guernesey, gegenwärtig meine Zufluchtstätte und wahrscheinlich mein Grab.

V. H.

Die Religion, die Gesellschaft, die Natur, sie bilden die drei Kämpfe des Menschen. Diese drei Kämpfe sind zugleich seine drei Bedürfnisse. Er muß glauben, daher der Tempel; er muß schaffen, daher die Gemeinde; er muß leben, daher der Pflug und das Schiff. Aber diese drei Lösungen schließen drei Kriege ein. Aus allen Dreien ergiebt sich die geheimnißvolle Schwierigkeit des Daseins. Der Mensch besteht den Kampf mit dem Hinderniß in der Gestalt des Aberglaubens, in der Gestalt des Vorurtheils, in der Gestalt des Elements. Ein dreifacher verhängnißvoller Zwang lastet auf uns, der Zwang der Dogmen, der Zwang der Gesetze, der Zwang der Verhältnisse. In Notre Dame de Paris wies der Verfasser auf den erstern hin, in den Miserables deutete er den zweiten an, im vorliegenden Buch bezeichnet er den dritten. Zu diesem dreifachen den Menschen einhüllenden Verhängniß gesellt sich das innere Verhängniß, die höchste aller Notwendigkeiten, das menschliche Herz.

Erster Theil. Herr Clubin.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Erstes Buch. Worauf ein schlechter Ruf sich gründet.
Erstes Capitel. Ein Wort, geschrieben auf ein weißes Blatt.
Zweites Capitel. Das Gespensterhaus.
Drittes Capitel. Für Deine Frau, wenn Du Dich vermählst.
Viertes Capitel. Unbeliebtheit.
Fünftes Capitel. Andere zweideutige Seiten Gilliatts.
Sechstes Capitel. Ein altmodisches Schiff.
Siebentes Capitel. Ein sonderbarer Mensch in einem sonderbaren Haus.
Achtes Capitel. Der Felsen-Stuhl.
Zweites Buch. Mess Lethierry.
Erstes Capitel. Unruhiges Leben, ruhiges Gewissen.
Zweites Capitel. Mess Lethierry's Liebhaberei.
Drittes Capitel. Man ist verwundbar in dem was man liebt.
Drittes Buch. Durande und Deruchette.
Erstes Capitel. Geplauder und Rauch.
Zweites Capitel. Die ewige Geschichte von Utopien.
Drittes Capitel. Rantaine.
Viertes Capitel. Das Teufelsschiff.
Fünftes Capitel. Mess Lethierry macht Carriere.
Sechstes Capitel. Die heilige Durande.
Siebentes Capitel. Das Lied Bonny Dundee.
Achtes Capitel. Der Mann, welcher Rantaine durchschaut hatte.
Neuntes Capitel. Ein Bericht über weite Reisen.
Zehntes Capitel. Ein Blick auf die in Aussicht stehenden Freier.
Eilftes Capitel. Mess Lethierry's Antipathie.
Zwölftes Capitel. Sorglosigkeit ist unzertrennlich von Anmuth.
Viertes Buch. Gilliatt's Flöte.
Erstes Capitel. Morgenröthe oder Feuersgluth?
Zweites Capitel. Der Eintritt in eine unbekannte Welt.
Drittes Capitel. Das Lied Bonny Dundee findet ein Echo auf dem Hügel.
Viertes Capitel. Ein Vormund und ein Oheim, ehrwürdige Orakel, Verdammen Serenaden als nächtlichen Spectakel.
Fünftes Capitel. Wie sich die öffentliche Meinung über das Unternehmen Lethierry's vernehmen ließ.
Sechstes Capitel. Wie Schiffbrüchige Einem begegnen können.
Siebentes Capitel. Der Schläfer im Felsenstuhl.
Fünftes Buch. Der Revolver.
Erstes Capitel. Das Wirthshaus am Hafen.
Zweites Capitel. Clubin bemerkt Jemanden.
Drittes Capitel. Clubin nimmt Etwas mit und bringt es nicht wieder.
Viertes Capitel. Plainmont.
Fünftes Capitel. Die kleinen Nest-Ausnehmer.
Sechstes Capitel. Die Herberge der Elenden.
Siebentes Capitel. Ein nächtlicher Besuch im Raritäten-Cabinet.
Achtes Capitel. Ein tragisches Ereigniß.
Neuntes Capitel. Der Briefkasten des Oceans.
Sechstes Buch. Der betrunkene Steuermann und der nüchterne Capitän.
Erstes Capitel. Die Douvresfelsen.
Zweites Capitel. Unverhoffter Fund einer Cognacflasche.
Drittes Capitel. Gestörte Unterhaltung.
Viertes Capitel. Worin der Capitän Clubin alle seine Eigenschaften entfaltet.
Fünftes Capitel. Clubin erwirbt sich durch sein ferneres Verhalten den höchsten Grad der Bewunderung.
Sechstes Capitel. Ein heller Blick in einen Seelen-Abgrund.
Siebentes Capitel. Ein unerwarteter Zwischenfall.
Siebentes Buch. Es ist unklug, Fragen an ein Buch zu richten.
Erstes Capitel. Die Perle in der Tiefe des Abgrundes.
Zweites Capitel. Großes Erstaunen auf der Westküste.
Drittes Capitel. Der Besuch.

Erstes Buch. Worauf ein schlechter Ruf sich gründet.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Capitel. Ein Wort, geschrieben auf ein weißes Blatt.

Inhaltsverzeichnis

Der Weihnachtstag des Jahres 182* zeichnete sich zu Guernesey durch ein ganz unerhörtes Factum aus: Es schneite an diesem Tage. Auf den Inseln des Canals ist Eis eine Merkwürdigkeit und Schnee ein Ereigniß.

An diesem Christmorgen war der Weg am Ufer des St. Patrikhafens ganz weiß. Es hatte von Mitternacht bis gegen Morgen geschneit. Bald nach Sonnenaufgang, etwa um die neunte Stunde, um welche Zeit die Anglikaner noch nicht in die Kirche von St. Sampson und die Wesleyaner noch nicht nach der Kapelle Eldad zu wandern pflegen, war der Weg am Ufer noch fast menschenleer. Auf der ganzen Strecke, welche die Thürme beider Kirchen von einander scheidet, befanden sich nur drei Wanderer, ein Kind, ein Mann und ein Weib. Jeder Einzelne dieser Fußgänger schritt, getrennt von den Uebrigen, einsam seines Weges dahin; kein sichtbares Band vereinigte sie. Das Kind, welches ungefähr acht Jahre zählen mochte, war stehen geblieben und beobachtete mit Neugier den Schnee. Der Mann ging in einer Entfernung von ungefähr hundert Schritten hinter der Frau her und verfolgte gleich ihr, den Weg nach Saint-Sampson. Er war noch jung; sein Aeußeres verrieth einen Arbeiter oder Matrosen. Er trug seinen Werktagsanzug, einen Kittel von grobem Tuch und ein nach unten betheertes Beinkleid, was anzudeuten schien, daß er ungeachtet des Festtages in keine Kirche zu gehen beabsichtigte. Seine schweren Schuhe waren von rohem Leder, mit dicken eisernen Nägeln beschlagen; sie hinterließen im Schnee Spuren, welche eher einem Gefängnißschlosse, als den Fußtapfen eines Menschen glichen. Die weibliche Fußgängerin hatte eine sorgfältigere Toilette gemacht; sie trug ersichtlich ihren Sonntagsstaat, welcher aus einem weiten wattirten schwarz seidenen Mantel bestand, der ein sehr kokettes Kleid von irischem Popelin mit rosa und weißen Falbelas in seine reichen Falten hüllte. Hätte sie nicht rothe Strümpfe getragen, so hätte man sie für eine Pariserin halten können. Sie schritt mit jenem leichten und elastischen Gang eines jungen Mädchens dahin, dem das Leben noch keine Bürde ist. Ihre Haltung besaß jene flüchtige Grazie, die der zartesten Uebergangsperiode eigen ist, welche zwei Dämmerungen, die der endenden Kindheit und der beginnenden Jungfräulichkeit mit einander verbindet. Der männliche Wanderer hatte für alles Dieses keine Augen.

Als sie jedoch, in der Nähe eines Eichengebüsches, den ein Hanffeld begrenzte, an einem Orte angekommen war, welchen man »die niedrigen Häuser« nannte, wandte sie sich um, und nun sah ihr der Mann in's Angesicht. Sie blieb stehen, schien ihn einen Augenblick zu beobachten, und er glaubte zu bemerken, daß sie mit dem Finger etwas in den Schnee schrieb. Dann erhob sie sich schnell, verdoppelte ihre Schritte, sah sich nochmals um, lächelte, und verschwand dann links hinter den Hecken, welche den Weg begrenzen, der nach dem Schlosse von Lierre führt. Als sie sich zum zweiten Male umgewendet hatte, erkannte sie der Mann: es war Deruchette, ein reizendes Landmädchen.

Er fühlte nicht das geringste Bedürfniß, seinen Schritt zu beschleunigen; einige Augenblicke später erreichte er den Eichenbusch am Winkel des Hanffeldes. Er dachte schon nicht mehr an Diejenige, welche soeben diese Stelle verlassen, und es ist sehr wahrscheinlich, daß, wenn in diesem Moment ein Delphin aus dem Meer hervorgetaucht, oder ein Rothkehlchen im Busch gesungen hätte, er das Auge auf den kleinen Vogel oder den Fisch gerichtet haben würde. Zufällig hatte er in diesem Augenblick die Wimper gesenkt, und so kam es, daß unwillkürlich sein Blick an jener Stelle haftete, auf welcher das junge Mädchen stehen geblieben war. Zwei kleine Fußspuren bezeichneten dieselbe, und daneben las der Wanderer das in den Schnee geschriebene Wort »Gilliatt.«

Es war sein Name.

Er hieß Gilliatt.

Lange blieb er regungslos auf dieser Stelle stehen, betrachtete die Schrift, sowie die in den Schnee eingedrückten kleinen Fußspuren, und ging dann gedankenvoll weiter.

Zweites Capitel. Das Gespensterhaus.

Inhaltsverzeichnis

Gilliatt wohnte in der Pfarrei von Saint-Sampson. Er war dort nicht beliebt. Das hatte seine Gründe.

Erstens bewohnte er ein Haus, in dem es nicht geheuer war. Dem, welcher die Gegend von Jersey und Guernesey besucht, begegnet es wohl leicht, daß ihm auf dem Lande, in der Stadt, in irgend einem einsamen Winkel, oder auch in einer belebten Straße, ein Haus auffällt, dessen Eingang verbarrikadirt ist. Stechpalmen und Dorngestrüpp versperren die Thür; mit Nägeln beschlagene Bretter bedecken wie häßliche Pflaster die Fenster des Erdgeschosses. Die des oberen Stockwerks sind zugleich geschlossen und geöffnet; die Rahmen der Fenster nämlich sind alle sorgfältig verriegelt, die Scheiben jedoch sämmtlich zerbrochen. Wenn solch ein Haus einen Hof hat, wächst fußhohes Gras darin; hat es zufällig auch einen Garten, so kann man sich darauf verlassen, daß in demselben eine Fülle von Unkraut, Brennnesseln, Dornen und Schierling wuchert, und man kann darin die Bekanntschaft vieler seltener Insecten machen. Im Innern aber ist das Haus zerfallen; die Schornsteine sind geborsten, die Dächer schadhaft, die Balken verfaulen, die Steine verschimmeln, die Tapeten der Zimmer hängen in Fetzen von den entblößten Mauern herab. Man kann auf diesen Fetzen die wechselnden Moden der verschiedenen Epochen studiren. Man findet auf ihnen die Greife des Kaiserreichs, die bogenartigen Draperien des Directoriums, wie die Geländer und Halbsäulen, welche den Geschmack des Zeitalters Ludwig XVI. kennzeichneten. Die dichten Spinnengewebe mit ihrer Menge von Fliegenleichen lassen auf den tiefsten Frieden, die ungestörteste Ruhe dieser fleißigen Arbeiterinnen schließen. Hie und da bemerkt man einen zerbrochenen Topf auf einem Brett. Von solchen Häusern sagt man, es spuke darin, und der Teufel treibe dort allnächtlich sein Wesen.

Ein Haus kann, wie der Mensch, eine Leiche werden. Der Aberglaube vermag es zu tödten. Dann ist es ein Gegenstand des Grauens. Diese todten Häuser sind nicht selten auf den Inseln des Canals.

Die Land- und Seeleute verstehen, was den Teufel betrifft, keinen Spaß. Die vom Canal, dem englischen Archipelagus und der französischen Küste haben ihre ganz bestimmten Vorstellungen von ihm. Der Teufel hat nach ihrer Meinung seine Abgesandten in allen Weltgegenden. Belphegor ist sein Gesandter in Frankreich, Hutgin in Italien, Belial in der Türkei, Thamutz in Spanien, Martinet in der Schweiz und Mammon in England. Satan ist so gut Kaiser wie ein Anderer. Satan-Cäsar! Er macht ein großes Haus. Dagon ist Groß-Bannerträger, Succor Benoth das Haupt der Eunuchen, Asmodeus der Chef der Spielbanken, Kobal Theater-Director und Verdelet Groß-Ceremonienmeister; Nybbas ist der Hofnarr; Wiérus, den ausgezeichneten Gelehrten, guten Vampyrkenner und wohlunterrichteten Dämonograph, nennt Nybbas »den großen Parodisten.«

Die Fischer der Normandie sind auf offner See sehr auf ihrer Hut vor den Blendwerken des Teufels. Man war lange Zeit der Meinung, daß der heilige Maclou den großen viereckigen Felsen Ortach bewohne, welcher sich zwischen Aurigny und den Klippen von Gers befindet, und viele alte Matrosen versichern, ihn oft auf diesem Felsen sitzend und in einem Buche lesend gesehen zu haben. Vorüberfahrende Schiffer versäumten es daher auch niemals, vor dieser Steinmasse andächtig ihr Kniee zu beugen, bis die Alles besiegende Wahrheit auch diese Sage verdrängte. Man hat seitdem die Entdeckung gemacht, daß der Bewohner des Felsens Ortach kein Heiliger, sondern ein Teufel sei. Dieser Teufel, mit Namen Jochmus, hatte sich arglistiger Weise mehrere Jahrhunderte hindurch für den heiligen Maclou ausgegeben. Solche Irrthümer kommen vor; ist doch die Kirche selber zuweilen darin befangen. Die Teufel Raguhel, Oribel, Tobiel waren Heilige bis zu dem Jahre 745, wo der Papst Zacharias[1] ihre Teufelei gewittert und sie ausgetrieben. Um solche Austreibungen vornehmen zu können, welche sicherlich sehr nützlich sind, muß man in der Teufelei sehr bewandert sein.

Die alten Landleute erzählen – jedoch gehören diese Thatsachen der Vergangenheit an – daß die katholische Bevölkerung des normännischen Archipelagus, obgleich gegen ihren Willen, mit dem Bösen in engerer Verbindung stand als die Hugenotten. Warum? wissen wir nicht. Sicher ist, daß diese Minorität ehemals vom Bösen sehr geplagt wurde. Der Teufel hatte die Katholiken in ganz besondere Affection genommen, und zog ihren Umgang dem der Hugenotten vor, was für die Wahrscheinlichkeit spricht, daß der Teufel eher Katholik als Protestant ist. Zu den unerträglichsten Vertraulichkeiten, welche er sich herausnahm, gehörten die nächtlichen Besuche, die er katholischen Eheleuten in dem Augenblick, wo der Mann schon ganz, die Frau jedoch erst halb eingeschlafen war, abstattete. Daher die vielfachen Mißgeburten. Patrouillet erklärte Voltaire's Entstehung auf diese Weise. Diese Meinung ist nicht ganz unwahrscheinlich. Ein solcher Fall ist übrigens ganz bekannt und in den Beschwörungsformeln unter der Rubrik: de erroribus nocturnis et de semine diabolorum beschrieben. Er wurde zu St. Helier mit ganz besonderer Strenge behandelt; wahrscheinlich zur Strafe für die Sünden der Revolution. Die Folgen der revolutionären Frevel sind unberechenbar. Wie dem aber auch sein mag, die Möglichkeit eines nächtlichen Besuchs vom Teufel machte vielen rechtgläubigen Frauen großen Kummer. Es ist freilich nicht angenehm, einen Voltaire zur Welt zu bringen. Eine dieser Frauen erkundigte sich in ihrer Herzensangst bei ihrem Beichtiger nach einem Mittel, noch bei Zeiten dem Unfug dieser Verwechselung zu steuern. Der Beichtvater antwortete: Wenn Ihr wissen wollt, ob Ihr es mit Eurem Manne oder mit dem Teufel zu thun habt, so dürft Ihr ihn nur an die Stirn fassen; fühlt Ihr dort Hörner, so könnt Ihr sicher sein, daß ... Was denn? fragte die Frau.

Das Haus, welches Gilliatt bewohnte, gehörte ehemals zu denen, in welchen es spukte. Jetzt zwar stand es nicht mehr in dem Ruf, allein gerade deshalb war es um so verdächtiger. Es herrschte kein Zweifel, daß. wenn in einem Haus, in welchem es spukte, ein Hexenmeister wohne, der Teufel dasselbe gut verwahrt glaube und dann so höflich sei, wie der Arzt zum Kranken, der nur, wenn er gerufen wird, kommt.

Dieses verrufene Haus also hieß das Gespensterhaus. Es befand sich an der Spitze einer Land- oder vielmehr Felsenzunge, welche einen eigenen kleinen Ankerplatz in der Bucht von Houmet-Paradis bildete. Das Wasser ist dort tief. Fast abgeschnitten von der übrigen Insel, stand das Haus ganz allein auf der Landzunge; das geringe Erdreich seiner Umgebung lieferte nur nothdürftig den Raum zu einem kleinen Gemüsegarten. Zur Zeit der Fluth stand derselbe völlig unter Wasser. Zwischen dem Hafen von St. Sampson und der Bucht von Houmet-Paradis befindet sich der große Hügel, welchen die mit Epheu umrankten Thürme des Schlosses du Valle krönen. Man konnte daher von St. Sampson aus das Gespensterhaus nicht sehen.

In Guernesey sind Hexenmeister noch etwas ganz Gewöhnliches. Diese Art Leute üben in gewissen Kirchspielen ihr Geschäft aus, ohne daß das neunzehnte Jahrhundert etwas dagegen einzuwenden hätte. Die Ausübung dieser Künste ist wahrhaft sträflich. Sie machen Gold, pflücken um Mitternacht Kräuter, und behexen das Vieh durch den bösen Blick. Man holt sich Rath bei ihnen, bringt ihnen das Wasser der Kranken und schüttelt kummervoll den Kopf, wenn sie sagen: »Das Wasser scheint höchst bedenklich.« Einer von ihnen hatte im März des Jahres 1857 in dem Wasser eines Kranken nicht weniger als sieben Teufel entdeckt. Solche Leute sind eben so gefürchtet als furchtbar. Ein Anderer von Ihnen hatte einmal einen Bäcker sammt seinem Backofen verhext. Wieder ein Anderer hatte die Bosheit, mit der größesten Sorgfalt Briefcouverts zu versiegeln, welche nichts enthielten. Noch ein Anderer hatte in seinem Hause drei Flaschen auf einem Brette stehen, welche mit einem Etiquette versehen waren, auf welchem der Buchstabe B zu lesen war. Diese Thatsachen sind erwiesen. Einige dieser Zauberer sind sehr mitleidiger Natur; sie übernehmen für drei Goldgulden die Krankheiten ihrer Nebenmenschen, wälzen sich auf ihren Betten umher und schreien. Währenddessen sind die Kranken gesund und von ihren Qualen erlöst. Anderen helfen sie durch ein Taschentuch, welches sie ihnen um den Leib binden. Es ist dabei nur zu verwundern, daß man nicht schon früher an dieses höchst einfache Heilmittel gedacht. Im vorigen Jahrhundert wurden diese Leute durch den Gerichtshof zu Guernesey zum Scheiterhaufen verurtheilt und verbrannt; in unserer Zeit sperrt man sie acht Wochen ein: vier Wochen bei Wasser und Brod, und vier Wochen in Einzelhaft. Beide Strafarten wechseln mit einander ab. Amant alterna catenae.

Der letzte Scheiterhaufen, auf welchem man einen Hexenmeister verbrannte, wurde zu Guernesey im Jahre 1747 errichtet. Die Stadt hatte zu dieser außerordentlichen Gelegenheit einen ihrer Plätze, den Kreuzweg der Doggs, hergegeben. Von 1565 bis 1700 wurden auf diesem Platze elf Zauberer verbrannt. In den meisten Fällen legten die Schuldigen ein Geständniß ab. Man erleichterte es ihnen durch die Folter. Dieser Kreuzweg leistete der Gesellschaft und der Religion auch noch andere Dienste. Man verbrannte dort die Ketzer unter Maria Tudor, unter anderen Hugenotten auch eine Mutter, Perrotine Massy mit ihren zwei Töchtern. Eine dieser Töchter war in gesegneten Umständen und genas auf dem Scheiterhaufen eines Knäbleins. Die Chronik bewahrt dieses merkwürdige Ereigniß der Nachwelt durch folgende Notiz auf: Ihr Leib spaltete sich, und es entglitt ihm ein Kindlein, welches vom Scheiterhaufen herab auf die Erde rollte. Ein Mann, Namens House, hob das Kindlein auf, aber der Herr Landvogt Hélier Gosselin, ein guter Katholik, ließ dasselbe wieder in die Flammen werfen.

Drittes Capitel. Für Deine Frau, wenn Du Dich vermählst.

Inhaltsverzeichnis

Kehren wir zu Gilliatt zurück.

Man erzählte sich dort zu Lande, daß gegen das Ende der Revolution eine Frau mit einem kleinen Kinde nach Guernesey gekommen wäre, vermuthlich eine Engländerin; war sie dies nicht, so war sie wahrscheinlich eine Französin. Sie hatte einen Namen, aus welchem die Sprache und die Orthographie der Einwohner von Guernesey den Namen Gilliatt machte. Diese Frau lebte allein mit ihrem Kinde, das Einige für ihren Neffen, Andere für ihren Sohn, und wieder Andere für keins von Beiden hielten. Sie hatte nur gerade so viel Geld, um knapp davon leben zu können. Sie kaufte eine Wiese nahe bei dem Polizeigericht und ein Grundstück in Crespel bei Roquaine. In dem Gespensterhause spukte es zu dieser Zeit. Es war seit dreißig Jahren nicht bewohnt worden, und fiel in Trümmer. Der Garten, durch gar zu häufige Ueberschwemmungen verwüstet, brachte Nichts hervor.

Außer dem allnächtlichen Lärmen und den Lichtern, welche man in diesem Hause flackern sah, erzählten sich die Leute auch noch eine höchst merkwürdige und in der That sehr grauenhafte Geschichte, welche dort passirte. Man sagte, daß wenn man am Abend vor dem Schlafengehen einen Knäuel Strickwolle nebst Stricknadeln auf das Kamin lege und einen Teller voll Suppe daneben stelle, so fände man am nächsten Morgen den Teller leer und daneben ein Paar gestrickte Fausthandschuhe. Man bot das Haus sammt dem darin sein Wesen treibenden Kobold für einige Pfund Sterling zum Kaufe an. Diese Frau, entweder vom Teufel oder von der Billigkeit verführt, wagte den Kauf. Ja, sie that mehr als das: sie bewohnte auch das Gespensterhaus mit ihrem Knaben, und von diesem Augenblick an wurde es dort ganz ruhig. Die Leute meinten, das Haus hätte nun, was es wollte. Die Gespenster hörten auf, ihr Wesen zu treiben. Man hörte des Morgens nicht mehr schreien und toben, und sah kein anderes Licht darin, als das Talglicht, welches die gute Frau jeden Abend anzündete. Das Licht eines Zauberers, sagten die Leute, ist so gut wie die Fackel des Teufels. Diese Erklärung genügte dem Publicum.

Die Frau lebte von dem Ertrag ihrer wenigen Morgen Landes und von einer guten Kuh, die vortreffliche Milch und gelbe Butter lieferte. Sie verkaufte, wie jede andere Frau vom Lande, ihre Pastinakwurzeln in kleinen Tonnen, ihre Zwiebeln in Bündeln, sowie Bohnen und Kartoffeln metzenweise. Doch brachte sie ihre Waaren nicht selber zu Markte, sondern ließ sie durch einen Bekannten, einen Landmann aus der Umgegend, Namens Guilbert Falliot, feil bieten.

Die Schäden des baufälligen Hauses wurden mühsam ausgebessert, und es wurde wieder in einen etwas wohnlichen Zustand gesetzt. Es mußte schon arges Unwetter sein, wenn das Wasser durch die Dachritzen und Oeffnungen in die Stuben lief. Die Wohnung bestand aus einem Erdgeschoß und einem Speicher. Das Erdgeschoß hatte drei Säle, welche durch eine Leiter mit dem Speicher in Verbindung standen. Die Frau besorgte nicht nur Haus und Küche, sondern lehrte auch ihr Kind lesen. In die Kirche ging sie nicht. Aus diesem Umstande schloß man, daß sie eine Französin sei. Das »Nirgend-Hingehen« erregte große Bedenklichkeiten.

Im Ganzen genommen wußte man nicht recht, was man aus diesen Leuten machen sollte.

Eine Französin konnte diese Frau wohl sein. Vulkane werfen Steine, Revolutionen Menschen aus. Ganze Familien werden aus ihrem natürlichen Boden gerissen und in fremdes Erdreich verpflanzt; die verschiedenen Glieder zerstreuen und verlieren sich. Menschen fallen aus den Wolken: Diese weht der Wind nach Deutschland, Jene nach England, Andere nach Amerika. Die Eingeborenen dieser Länder wundern sich: »Wo kommen diese Fremden her?« Der Vesuv[2] hat sie ausgespieen. Man giebt diesen ausgestoßenen, verlorenen, aus der Luft gefallenen, diesen vom Schicksal bei Seite geschafften Wesen Namen. Man nennt sie Emigrirte, Flüchtlinge, man nennt sie Abenteurer. Wenn sie bleiben, werden sie geduldet; wenn sie gehen, hat man nichts dagegen. Es sind dies oft – und besonders die Frauen unter ihnen – harmlose Geschöpfe, den Ereignissen, die sie aus ihrer Heimath vertrieben, völlig fremd, und verwundert, ohne ihr Verschulden, ohne Haß noch Zorn zu hegen; sich als von vulkanischen Auswürfen in die Luft geschleuderte Körper betrachten zu müssen. Arme, aus ihrem heimathlichen Boden gerissene Pflanzen, suchen sie im fremden Land, so gut sie können, Wurzel zu fassen. Sie, die Niemandem etwas zu Leid gethan. verstehen das ihnen auferlegte Schicksal nicht. Ich sah, wie einst ein armseliges Büschel Gras von einer Pulvermine in die Luft gesprengt wurde, wie sich die Halme von einander trennten, wie sie sich in der Luft zerstreuten und verloren gingen. Die französische Revolution hatte mehr solcher Ausgeworfener als irgend ein anderer Ausbruch. – Die Frau, welche man in Guernesey Gilliatt nannte, war vielleicht der Halm eines solchen Grasbüschels.

Sie wurde alt, ihr Knabe wuchs heran. Sie lebten allein; von Jedermann gemieden, genügten Mutter und Sohn einander. »Wölfin und Wölflein liebkosen sich,« sagten die wohlwollenden Nachbarn. Der Knabe wurde ein Jüngling, der Jüngling ein Mann. Der Baum des Lebens schält sich, die alten Rinden fallen ab und machen den jungen Platz. Die Mutter starb. Sie hinterließ ihrem Sohne ihre Wiese, ihr Grundstück und das alte, baufällige Haus. Im Inventarium waren ferner hundert Goldgulden aufgeführt, welche sich in einem Strumpfe befinden sollten. Das Haus war anständig ausgestattet; es befanden sich in demselben zwei eichene Koffer, zwei Betten, sechs Stühle und andere Utensilien. Auf einem Brett waren einige Bücher aufgestellt, und in der Ecke eines Zimmers stand ein Koffer von durchaus gewöhnlichem Aussehen, welcher wegen des aufzunehmenden Inventariums geöffnet werden mußte. Dieser Koffer war von falbem Leder; es waren Arabesken darin eingepreßt, und der Deckel war mit kupfernen Nägelköpfen und zinnernen Sternchen geziert. Derselbe enthielt eine vollständige weibliche Aussteuer, Hemden und Unterröcke von holländischer Leinwand, und seidene Kleider im Stück. Es lag ein Zettel dabei, worauf die Worte zu lesen waren: » Für deine Frau, wenn du dich vermählst.«

Dieser Tod verursachte dem Ueberlebenden großen Kummer. War er bisher ungesellig, so wurde er nun förmlich menschenscheu. Die Welt ward ihm zur Einöde. Es war nicht mehr Einsamkeit; es war völlig Leere um ihn. Zweien ist stets das Leben leicht; dem Einsamen, Verlassenen wird es zur Last, zur Bürde, die er kaum zu tragen vermag. Er versucht es auch gar nicht. Das ist der Anfang der Verzweiflung. Später lernt man es begreifen, daß uns das Leben die Pflicht auferlegt, es zu ertragen. Man betrachtet den Tod, man betrachtet das Leben und willigt darein, diese Pflicht auf sich zu nehmen; doch wird der Entschluß mit blutendem Herzen gefaßt.

Gilliatt war noch jung, seine Wunde vernarbte. In seinem Alter heilen noch die Herzenswunden. Seine persönliche Schwermuth milderte sich in dem Anblick der Natur. Dieses Gefühl, das eine Art von Reiz hat, zog ihn von den Menschen ab zu den Dingen, und söhnte seine Seele mehr und mehr mit der Einsamkeit aus.

Viertes Capitel. Unbeliebtheit.

Inhaltsverzeichnis

Gilliatt war, wie schon gesagt, in seinem Kirchspiel nicht beliebt[1q]. Dieser Unbeliebtheit fehlte es nicht an Ursachen. In erster Reihe stand das Haus, welches er bewohnte. Sodann wußte man so gut wie gar nichts über seinen Ursprung. Wer war jene Frau? Und was hatte es mit dem Kinde für eine Bewandtniß? Die Leute in dortiger Gegend zerbrechen sich nicht gern den Kopf über die Fremden, welche sich in ihrer Gegend ansiedeln. Ferner gab ihnen der Arbeiter-Anzug des Sohnes zu denken. Warum kleidet er sich wie ein Arbeiter, wenn er zu leben hat und nicht zu arbeiten braucht? Alsdann war es höchst auffallend, daß der Garten dieser Leute trotz der Aequinoctialstürme und der häufigen Ueberschwemmungen so gedieh, daß er prächtige Kartoffeln und ausgezeichnetes Gemüse lieferte. Und was mochte es wohl mit den großen dicken Büchern sein, die auf dem Brette standen, und in welchen Gilliatt so häufig las?

Aber das war noch nicht Alles!

Woher kam es, daß Gilliatt so allein das düstere Gespensterhaus bewohnte? Es war eine Art Lazareth; man hielt ihn in Quarantaine; so war es ganz natürlich, daß man sich über seine Einsamkeit wunderte und ihn dafür verantwortlich machte.

Er ging niemals in die Kirche. Oft ging er in der Nacht aus seinem Hause; er mußte mit Zauberern verkehren. Ein Mal überraschte man ihn in einem höchst auffälligen Zustande von Geistesabwesenheit im Grase sitzend, wo er mit Kräutern, Blumen und Steinen Zwiegespräche hielt. Man schwor darauf, es gesehen zu haben, wie er vor dem singenden Felsen eine Verbeugung machte. Es war ferner ebenso auffallend als unbegreiflich, daß er alle Vögel, welche ihm zum Kaufe angeboten wurden, fliegen ließ. Er war zwar artig und zuvorkommend gegen die Bürger von St. Sampson; man bemerkte indessen, daß er Umwege machte, um ihnen auszuweichen. Er fischte häufig und kam nie ohne Beute nach Hause. Man sah ihn Sonntags in seinem Garten arbeiten. Er hatte bei Gelegenheit eines Durchmarsches von einem schottischen Soldaten eine Flöte gekauft, auf welcher er bei einbrechender Nacht am Meeresstrand und in den Felsenriffen blies. Seine Bewegungen waren wie die eines Säemannes. War es ein Wunder, wenn er unter solchen Umständen nicht beliebt war? Was sollte wohl ein Land mit einem solchen Menschen anfangen?

Die Bücher, welche ihm die Verstorbene hinterlassen, und in denen er zuweilen las, waren nicht minder beunruhigend. Der hochwürdige Herr Pastor Jaquemin Hérode bemerkte bei Gelegenheit des Begräbnisses der verstorbenen Frau auf dem Rücken der Bücher folgende äußerst verdächtige Titel: Dictionnaire von Rosier, Candide, von Voltaire, Gesundheitslehre für das Volk, von Tissot. Ein französischer Emigrant, welcher sich nach St. Sampson zurückgezogen hatte, hielt es für sehr möglich, daß dieser Tissot derselbe sei, welcher den Kopf der Prinzessin von Lamballe[3] auf einem Spieß getragen habe.

Der hochwürdige Herr Pastor hatte übrigens auch noch auf einem anderen Buche den ebenso sonderbaren als bedrohlichen Titel: » De Rhabarbero « gelesen.

Es muß jedoch hinzugefügt werden, daß das Buch, wie schon der Titel besagt, in lateinischer Sprache abgefaßt war; es war daher anzunehmen, daß Gilliatt, welcher diese Sprache nicht verstand, besagtes Buch auch nicht gelesen hatte.

Aber gerade die Bücher, welche ein Mensch nicht lies't, zeugen gegen ihn. Die spanische Inquisition[4] hat dieses außer allen Zweifel gestellt.

Das Buch war übrigens nur eine Abhandlung des Doctor Tilingius über den Rhabarber, welche im Jahre 1679 in Deutschland erschienen war.

Man wußte es nicht ganz genau, aber man hatte Gilliatt sehr stark im Verdacht, daß er allerhand Zaubertränke bereitete, denn er war im Besitz von Phiolen.

Und warum ging er des Abends aus dem Hause und trieb sich bis Mitternacht auf den steilen Küstenabhängen umher? Ohne allen Zweifel, um mit den bösen Geistern Umgang zu pflegen, welche des Nachts an den Ufern des Meeres, auf den Felsenriffen und im Nebel hausen.

Man wußte, daß er einmal einer alten Hexe, mit Namen Montonne Gahy, einen Karren aus dem Schlamme ziehen half.

Bei Gelegenheit einer Einwohner-Zählung, welche auf den Inseln vorgenommen wurde, gab er auf die Frage nach seinem Stand und seiner Beschäftigung den Beamten folgende, ebenso merkwürdige als verdachterregende Antwort: » Ich fische, wenn es etwas zu fischen giebt.«

Stellen wir uns auf den Standpunkt der Leute, so werden wir leicht begreifen, welchen Anstoß derartige Antworten geben mußten.

Armuth und Reichthum sind relative Begriffe. Gilliatt hatte eine Wiese, Felder und Haus. Im Vergleich zu Denen, welche gar Nichts hatten, war er nicht arm zu nennen. Eines Tages fragte ihn ein Mädchen, entweder um seine Meinung zu prüfen, oder einer Werbung entgegen zu kommen – denn Weiber heirathen ja den Teufel, wenn er reich ist – ob, und wann er sich zu verheirathen gedächte. Gilliatt antwortete ihr: » An dem Tag, an welchem sich der singende Berg verheirathet.«

Dieser singende Berg ist ein großer Felsblock, welcher das Hanffeld des Herrn Lemezurier de Fry durchschneidet. Dieser Steinmasse ist nicht zu trauen, sie muß sorgfältig überwacht werden. Es ist eine unerklärliche, aber deshalb nicht minder auffällige Thatsache, daß auf besagtem Felsen ein Hahn kräht, den man wohl hören, allein nicht sehen kann. Dieses eben so unwiderlegte als unwiderlegliche Factum ist höchst unheimlicher Art. Man ist ferner darüber einig, daß der singende Berg von Kobolden in das Hanffeld des Herrn Lemezurier de Fry geschoben wurde.

Wenn in der Nacht unter Blitz und Donner schwarze Gestalten in den rothen Wolken des Himmels und in der zitternden Luft erscheinen, so kann man sich darauf verlassen, daß es Kobolde sind. Eine Frau in Grand Mellier kennt sie ganz genau. Als eines Abends ein Fuhrmann unschlüssig an einem Kreuzweg stand und nicht recht wußte, welche Richtung er einschlagen sollte, rief sie ihm zu: Fragt nur die Kobolde; es sind gute, sehr umgängliche Geister, höflich und leutselig gegen Jedermann, die gern den Leuten Rath ertheilen. Es ist Hundert gegen Eins zu wetten, daß diese Frau eine Hexe war.

Der eben so scharfsinnige als gelehrte König Jacob I. ließ alle Weiber dieser Art lebendig brühen, kostete die Brühe und entschied nach dem Geschmack der Brühe, ob es eine Hexe war oder nicht. Schade, daß die Könige der Jetztzeit nicht auch solche Talente besitzen, welche die Nützlichkeit von dergleichen Einrichtungen begreiflich machen.

Gilliatt stand nicht ohne triftige Gründe in dem Geruch der Hexerei. Man sah ihn einmal in der Nacht während eines Sturmes ganz allein in einem Kahn der Gegend der Sommeilleuse zuschiffen. Man hörte ihn fragen: Ist hier wohl durchzukommen?

Eine Stimme antwortete vom Felsen herab: Sieh zu, Verwegner! Mit wem sprach er, wenn nicht mit Einem, der ihm Antwort gab? Die Sache scheint uns ein neuer Beweis für unsere Behauptung.

In einer anderen Sturmnacht, so schwarz, daß man nichts sah, hörte man ganz in der Nähe des Catiau-Roque, der eine Doppelreihe von Felsen bildet, auf welchen Hexen, Ziegenböcke und Gestalten aller Art in der Freitag-Nacht tanzen, die Stimme Gilliatts ganz deutlich. Man belauschte folgendes Gespräch, das er mit den Gespenstern führte.

– Wie befindet sich Meister Brovat? (Das war ein Maurer, welcher vom Dach herab gefallen.)

– 's geht besser.

–Was Ihr sagt! Er ist höher als von diesem Pfosten heruntergefallen. Es ist wunderbar, daß er sich nichts gebrochen hat! –

– Die Leute hatten vorige Woche gutes Wetter am Strand.

– Besseres als heute.

– Laßt's gut sein, sie werden ihren Fang schon machen.

– Es ist zu windig.

– Man wird die Netze nicht tief genug legen können.

– Und was macht die Cathrin?

– Ach, die ist wie behext.

Die »Cathrin« war offenbar eine Hexe, und Gilliatt ohne Frage ein Hexenmeister; wenigstens zweifelte Niemand daran.

Er goß auch zuweilen Wasser aus einem Krug auf die Erde. Aber Wasser, welches man auf die Erde gießt, zeichnet die Gestalt von Teufeln.

Es giebt auch auf dem Wege von St. Sampson, nicht weit von dem ersten Felsen drei Steine, welche treppenförmig übereinander liegen. Ehemals stand ein Kreuz, wenn nicht gar ein Galgen darauf; jetzt sind sie leer. Diese Steine sind sehr verrufen.

Ganz erstaunlich kluge und glaubwürdige Leute versichern gesehen zu haben, wie Gilliatt ganz in der Nähe dieser Steine mit einer Kröte sprach. Nun weiß Jeder, der die Gegend von Guernesey kennt, daß es dort keine Kröten giebt; es sind nur Nattern in Guernesey, in Jersey aber giebt es Kröten. Die Kröte, mit welcher Gilliatt sprach, mußte daher von Jersey aus zu ihm geschwommen sein, das lag auf der Hand. Sie plauderten übrigens sehr freundschaftlich mit einander.

Daß dies Alles erwiesene Thatsachen sind, bezeugen die drei Steine, welche noch immer auf derselben Stelle liegen. Wer daran zweifelt, kann sich selber davon überzeugen. Die Steine liegen nahe bei einem Hause, welches an folgendem Schild zu erkennen ist: Hier kauft man todtes und lebendes Vieh, alte Stricke, Eisen, Knochen und Lumpen. Für höfliche Behandlung und prompte Bezahlung wird garantirt.

Es gehört schon böser Wille dazu, die Existenz dieser Steine und dieses Hauses zu leugnen. Alles das schadete Gilliatt.