Die Bedrohung - Gert Loschütz - E-Book

Die Bedrohung E-Book

Gert Loschütz

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Beschreibung

Loose widmet sich seit seinem Ausscheiden aus seiner Zeitung, wo er die Kulturseiten zu verantworten hatte, eigenen Schreibprojekten: leider ohne den erhofften Erfolg. Seine Frau Sabine hat inzwischen seinen Posten bei der Zeitung übernommen hat und verdient das Geld. Wie er es auch anstellt, die von ihm fest eingeplanten Bücher werden einfach nicht fertig. Eines Tages wird er völlig unerwartet zu einer Tagung einer Botanischen Gesellschaft, irgendwo in der Provinz, eingeladen. Die Einladung kommt von einem gewissen Professor Maurer, dessen Karriere er durch die Veröffentlichung einiger Artikel maßgeblich gefördert hatte. Loose will absagen, doch ein Zeitungsartikel unter der Rubrik der faits divers hält ihn zurück. Dort ist die Rede von einem geheimnisumwitterten Wald, in dem sich in letzter Zeit unerklärliche Dinge ereigneten, sich Selbstmorde häuften. Von dieser Meldung wird er magisch angezogen. Er beschließt, die Einladung anzunehmen und die Reise anzutreten, denn dieser Wald liegt direkt neben dem Hotel, in dem die Botanische Gesellschaft tagen wird. In der Tat findet Loose vor Ort Anhaltspunkte, die ihn darauf schließen lassen, daß die im Zeitungsartikel geäußerten Andeutungen stimmen müssen. Eine spürbare Bedrohung geht vom Tagungshotel, dem angrenzenden Dorf und vor allem von dem besagten Wald aus. Und Looses Nachforschungen führen ihn an die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn. Erst am Ende erfährt der Leser die ganze Wahrheit.

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Gert Loschütz

DIEBEDROHUNG

Roman

1. Auflage 2006

© Frankfurter Verlagsanstalt GmbH,

Frankfurt am Main 2006

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Laura J. Gerlach unter Verwendung

eines Ölgemäldes von Karin Kneffel (o.T., 2005, 200 x 120 cm)

Herstellung: Thomas Pradel, Frankfurt am Main

eISBN: 978-3-627-02135-1

1 2 3 4 5 – 10 09 08 07 06

Ein paar Tage vor meiner Abreise hatte ich einen Traum.

Ein Kind ruft: Loose? Herr Loose? Was tun Sie den ganzen Tag?

Ich arbeite.

Sie arbeiten? Woran arbeiten Sie denn?

Ich weiß nicht. Ich zerschneide Papier.

Sie zerschneiden Papier?

Ja, ich zerschneide es in Streifen, danach klebe ich die Streifen auf ein großes Blatt, aber sie wollen nicht halten. Sie lösen sich wieder und fallen auf den Tisch, den Boden, und da ich vergesse, daß sie heruntergefallen sind, trample ich auf ihnen herum. Und alle, die von der Straße hereinkommen, trampeln ebenfalls auf ihnen herum, bis die Worte nicht mehr zu lesen sind. Plötzlich ist das Zimmer voller Papierfetzen, und auf einmal sind es keine Papierfetzen mehr, sondern Schneeflocken, die in einer Spirale zur Decke hochwirbeln, wo sie sich weiter drehen, und nun ist die Schneespirale ein Ventilator, mit Flügeln so groß wie das Zimmer, das leer ist, kein einziger Stuhl steht darin, kein Schrank und kein Tisch, nur ich bin da und der Ventilator, der sich langsam herabsenkt. Ich höre seine Flügel durch die Luft sausen und lasse mich auf den Boden fallen, aber es nützt nichts, die rotierenden Messer, in die sich die Flügel verwandelt haben, kommen näher.

Nachdem ich aus der Redaktion ausgeschieden war, wechselten meine Pläne rasch. Hatte ich lange genug über ein Vorhaben nachgedacht, schien es mir so gut wie ausgeführt, und ich nahm ein neues in Angriff, das ebenfalls im Stadium der Planung steckenblieb. Das ist eine gute Art, seine Zeit totzuschlagen, doch kann man davon nicht leben.

Trotzdem zögerte ich, als Maurer mich einlud, ihn zu einer internationalen Tagung nach B. zu begleiten, um ihm (beziehungsweise der Botanischen Gesellschaft, deren Präsident er ist) gegen ein beträchtliches Honorar Formulierungshilfe zu leisten – nicht weil mir, wie Sabine behauptet, jede zweckgerichtete Arbeit zuwider wäre, sondern weil ich argwöhnte, daß ich seine Einladung einzig dem Umstand verdankte, daß ich es war, der ihm vor Jahren zu jener über Fachkreise hinausreichenden Publizität verholfen hat, von der er noch heute zehrt.

Damals war ich für die Kulturseiten einer großen Zeitung verantwortlich, von denen eine, jeweils am Donnerstag, wissenschaftlichen Themen vorbehalten war. Sabine arbeitete in der Deutschlandredaktion. Eines Tages kam sie in mein Zimmer und brachte mir ein Manuskript, das durch Zufall auf ihrem Tisch gelandet war. Sie hatte es, aus welchen Gründen auch immer, gelesen und sagte: Nie wirst du aus diesem trockenen Zeug einen Artikel zaubern, einen brauchbaren, meine ich. Und möglicherweise war es dieser Satz, der meinen Ehrgeiz anstachelte.

So? sagte ich.

Ja.

Sie nickte, und als sie wieder hinausgegangen war, zog ich den Brief heran, der auf dem Manuskript lag. Er stammte von einem Herrn Maurer. Es war das erste Mal, daß ich von ihm hörte.

Maurer lehrte, wie man am Briefkopf sah, an einer dieser neugegründeten Hochschulen, an die man als Professor nur geht, wenn man woanders nicht angekommen ist, oder weil man hofft, von dort leichter einen Ruf an eine andere, bessere Universität zu erhalten. Meistens liegen diese Hochschulen in so langweiligen Städten, daß die Leute, die es dahin verschlagen hat, lieber lange Bahnfahrten in Kauf nehmen als dort zu wohnen. Und an einer solchen Uni – es war in P. – lehrte er damals.

In dem Manuskript, das er mir geschickt hatte, berichtete er über einen speziellen, von ihm entdeckten Vorgang, der mit der Photosynthese zusammenhing, also der Fähigkeit grüner Pflanzen, aus dem Kohlendioxyd der Luft und aus Wasser organische Kohlenstoffverbindungen aufzubauen, und er tat es so umständlich, daß ich kein Wort verstand.

Normalerweise hätte ich den Aufsatz zurückgeschickt, doch da Sabine gesagt hatte: Nie!, las ich ihn ein zweites und drittes Mal, und als ich ihn halbwegs begriffen hatte, begann ich ihn zu redigieren, das heißt, ich schrieb ihn um, indem ich den Vorgang, auf den es ankam, mit Hilfe eines Vergleichs aus dem Sauna- und Solarienbetrieb in die Alltagssprache übersetzte.

Danach schickte ich ihm meine Fassung, und es kam, wie erwartet. Er schrieb zurück, daß er sich diese ans Frivole grenzende Vereinfachung, die ihn seine Reputation kosten könne, verbitte, um schließlich, vor die Wahl gestellt, den Text so zu drucken oder gar nicht, doch zuzustimmen. Selbstverständlich, wie er betonte, schweren Herzens, um der Sache willen.

Na klar, dachte ich, das sagen sie alle, und gab den Artikel in den Satz. Es war der erste von drei oder vier Artikeln, die wir von ihm brachten.

Das war im Frühjahr vor drei Jahren. Ich erinnere mich deshalb daran, weil Sabine und ich in derselben Woche, in der der erste Artikel erschien, an den Stadtrand zogen, in ein villenartiges Haus mit zwei Stockwerken, das neben anderen villenartigen Häusern in einer ruhigen Straße lag.

Wir bewohnten das Erdgeschoß. Von der Veranda führte eine Steintreppe in den Garten, zu einem mit grünem Segeltuch eingefaßten Platz, der sogenannten Terrasse, auf der wir abends manchmal saßen; am Zaun wuchsen Rhododendron, Liguster und Ginster, an der Gartentür stand ein kleiner Essigbaum, auf den ich vom Schreibtisch aus schaute.

Ein Jahr danach kündigte ich, um wieder als freier Autor zu arbeiten. Und keine zwei Wochen danach wechselte Sabine ins Feuilleton. Sie bekam die Stelle, die ich gehabt hatte, nicht auf eigenen Wunsch, sondern auf Vorschlag von Seiffert, der um die Zeit herum, als Maurer mir seinen Artikel über die Photosynthese schickte, die Chefredaktion übernommen hatte. Seiffert war ein kleiner, kaum einen Meter sechzig großer Mann mit rundem, kahlem Kopf. Wenn man ihn im Haus traf, stellte er sich vor einen hin und wippte, um größer zu erscheinen, mit den Füßen auf und ab, während er einen durch seine ebenfalls runden, von einem dünnen Drahtgestell gehaltenen Brillengläser anschaute.

Eines Abends war Sabine nach Hause gekommen, hatte ihre Tasche auf den Stuhl neben meinem Schreibtisch fallenlassen und gesagt: Matthis, ich muß mit dir reden. Matthis oder Mats, und wenn es ernst wurde, Matthias.

Wir setzten uns in den Garten, auf die Terrasse. Zuerst druckste sie herum, und schließlich sagte sie: Es geht um Seiffert. Dabei schaute sie zu Boden, so daß ich schon fürchtete, sie wolle mir beichten, daß sie ein Verhältnis mit ihm habe. Aber dann berichtete sie mir von seinem Angebot.

Das ist nicht recht, sagte sie. Schließlich bist du nicht in Frieden von ihm geschieden.

Sie war acht Jahre jünger als ich, äußerst gewandt, und wenn sie nach Abschluß ihres Studiums nicht sofort ins Feuilleton gegangen war, dann nur, weil ich mich dagegen gesträubt hatte. Nicht, daß ich an ihrer Qualifikation gezweifelt hätte, aber ich wollte nicht, daß wir Arbeit und Privates miteinander vermischten. Nun, dieser Grund war jetzt weggefallen.

Nimm an, sagte ich deshalb. Worauf sie die Treppe hochrannte und mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern zurückkam. Sie stellte die Gläser auf den Tisch, schenkte mir ein und reichte mir eines.

Auf uns, sagte sie. Auf uns. Und meinte es zweifellos so.

Ich trank einen Schluck und ging wieder in mein Zimmer. Es gab vier oder fünf Texte, an denen ich damals arbeitete. Der Schreibtisch stand vor dem Fenster. Ich hatte mir die Titel untereinander auf ein Blatt geschrieben und es an das Fensterkreuz geheftet. Zu jedem Thema hatte ich seit Jahren Material gesammelt. Im Grunde brauchte ich es nur zusammenzufassen und in eine Form zu bringen. Ich dachte an vier, wenn nicht fünf Essays, von denen jeder den Umfang eines kleines Buchs haben würde.

Aber dann zeigte sich, daß die Sache schwieriger war als angenommen.

Ungefähr ein halbes Jahr später (es muß Anfang November gewesen sein, der Essigbaum war fast kahl) kam Sabine abends aus dem Theater. Ich saß noch am Schreibtisch und hörte, wie sie in den Hof fuhr, das Klappen der Autotür, ihre Schritte auf dem Kiesweg. Gleich danach schloß sie die Tür auf und trat, den Mantel überm Arm, in mein Zimmer, strich mir mit der Hand durchs Haar und sagte: Rat mal, wen ich getroffen habe.

Wen? fragte ich, gereizt, denn im selben Moment war mir die Lösung des Problems eingefallen, nach der ich den ganzen Abend gesucht hatte.

Maurer, sagte sie, setzte sich, die Beine quer über die Lehne, in den Sessel, und erzählte, daß er sich nach mir erkundigt habe.

Und? fragte ich. Was hast du gesagt?

Nun, erwiderte sie, daß du schreibst.

Sie stand wieder auf, legte mir die Arme um den Hals, küßte mich zärtlich auf die Stirn und ging hinaus. In der Tür drehte sie sich noch mal um und sagte: Es ist spät. Meinst du nicht, daß du Schluß machen solltest?

Worauf ich abwinkte.

Noch eine halbe Stunde.

Ich wollte mir notieren, was mir gerade eingefallen war. Aber als sie die Tür schloß und ich mich wieder über die Seite beugte, hatte ich es vergessen. Das Wort, oder besser: die Kombination von Wörtern, die den komplizierten Sachverhalt in eine griffige Formel zu fassen versprach, war wie weggewischt. Ich öffnete das Fenster. Die Straßenbeleuchtung brannte, ein paar Blätter segelten durch die Luft.

Als ich ins Schlafzimmer kam, lag Sabine schon zusammengerollt unter der Decke. Ich zog mich, ohne das Licht einzuschalten, aus und legte mich neben sie. Sie atmete tief und gleichmäßig. Meistens gelang es mir, indem ich mich ihrem Atmen anpaßte, ebenfalls einzuschlafen. An diesem Abend aber blieb ich wach. Schließlich stand ich wieder auf, nahm im Dunkeln meine Kleider vom Stuhl und ging in mein Zimmer zurück.

Nun hörte ich öfter von Maurer, immer durch Sabine. Sie begegnete ihm bei Premieren, Vernissagen und Empfängen. Er ging freiwillig dorthin, während sie sich – wie ich früher – dazu verpflichtet fühlte. Auch wenn sie nicht darüber schrieb, wurde es doch von ihr erwartet, und jedes Mal, wenn sie zurückkam, erzählte sie, daß er nach mir gefragt habe. Er erkundigte sich nach meiner Arbeit, und Sabine berichtete ihm, was sie darüber wußte.

Bitte laß das, sagte ich zu ihr.

Bis mir eines Tages auffiel, daß sie ihn nicht mehr erwähnte.

Und Maurer? sagte ich.

Was soll mit ihm sein?

Hat er wieder nach mir gefragt?

Sabine nickte.

Nach deiner Arbeit.

Und was hast du gesagt?

Worauf sie mit den Schultern zuckte.

Was soll ich ihm schon gesagt haben.

Und schnell hinausging.

Und das zeigte mir, daß sie nicht mehr daran glaubte. Sie glaubte nicht mehr an meine Projekte. Daran, daß ich auch nur ein einziges abschließen würde. Und zweifelte ich inzwischen nicht selber daran?

Überall in meinem Zimmer, auf dem Schreibtisch, den Stühlen, dem Fußboden lagen Stöße von Papier, von denen kleine Staubwolken aufflogen, wenn ich sie berührte. Das Blatt am Fensterkreuz war vergilbt, und anstelle der vier oder fünf Titel, die früher darauf gestanden hatten, waren es jetzt acht oder neun. Ich hatte keinen einzigen durchstreichen können, statt dessen waren neue hinzugekommen, neue Titel zu Texten, die ich ebenfalls angefangen hatte.

Wie war das möglich? War es der Anruf aus der Setzerei, der mir fehlte? (Wo bleibt Ihr Artikel, Herr Loose!) War es das Thema, an dem ich plötzlich zweifelte? Jedenfalls verlor ich, nachdem es mich eine Weile in seinen Bann geschlagen hatte, jegliches Interesse daran. Es erschien mir zu gering, um mich damit abzugeben, bloß um sich mir, sobald ich mich dem nächsten zugewandt hatte, wieder als das einzig lohnende darzustellen, so daß ich wie ein Eichhörnchen zwischen den verschiedenen Arbeiten hin- und hersprang.

So verging wieder ein Jahr. In dieser Zeit hörte ich nichts mehr von Maurer. Irgendwann gab er es wohl auf, sich nach mir zu erkundigen. Oder Sabine war es leid, mir davon zu erzählen. Ja, ich glaube, sie erzählte mir nichts mehr davon. Und ich fragte sie auch nicht mehr danach. Und plötzlich sein Brief, in dem er mir vorschlug, ihn nach B. zu begleiten.

Ich möchte Sie bitten, schrieb er, der Botanischen Gesellschaft mit Ihrer Formulierungskunst zur Seite zu stehen, selbstredend gegen ein angemessenes Honorar.

Der Brief war in derselben gestelzten Sprache abgefaßt wie die Artikel, die ich redigiert hatte, seine Artikel. Ich legte ihn zu der anderen Post auf den Fußboden, nahm ihn wieder zur Hand und las ihn ein zweites Mal. Wir hatten Briefe gewechselt, telefoniert, waren uns aber nie persönlich begegnet, was nicht hieß, daß ich seine Entwicklung nicht verfolgt hätte. Nein, ich hatte durchaus mitbekommen, daß er inzwischen Karriere gemacht hatte. Wollte er sich jetzt etwa mir gegenüber als Gönner aufspielen?

Als Sabine am Abend nach Hause kam, zeigte ich ihr seinen Brief. Sie überflog ihn. Ist doch gut, sagte sie dann.

Was ist gut?

Daß er dich einlädt. Fahr mit!

Aber ich dachte gar nicht daran. Mein Entschluß stand fest. Am Ende war es eine kleine Meldung der Rubrik Aus aller Welt, die mich meine Meinung ändern ließ. Bevor ich abfuhr, habe ich sie in den Koffer gelegt.

Sie lautet:

Die Einwohner der kleinen Ortschaft Niem, nahe B., sind beunruhigt. Seit sich ein vierzehnjähriges Mädchen und ein gleichaltriger Junge in dem ans Dorf grenzenden Wald das Leben genommen haben, reißt die Serie von Selbstmorden nicht mehr ab. Von überall her kommen die Leute, um hier zu sterben, sagte der Bürgermeister. Da es für Ortsunkundige schwer sei, sich in dem undurchdringlichen Gehölz zurechtzufinden, seien es immer wieder die Einwohner, die die Toten aus dem Wald holen müssten. Sie forderten deshalb, den Wald mit einem Zaun zu umgeben.

Mehr aus einer Laune heraus schaute ich auf der Karte nach, und als ich sah, daß das Dorf in unmittelbarer Nähe des Tagungsortes lag, rief ich Maurer an und sagte zu.

Wie schön, Herr Loose, rief er in den Hörer. Ich schicke Ihnen das Programm.

Nicht nötig.

Aber er hatte schon aufgelegt.

Am nächsten Morgen steckte ein dicker Umschlag im Briefkasten, auf der Rückseite prangte der grüne Stempel der Botanischen Gesellschaft. Ich riß den Umschlag auf, nahm einen Stapel zusammengehefteter Blätter heraus und rückte ihn, wie früher die unverlangt eingesandten Manuskripte, an den Rand des Schreibtischs.

Das war Mitte Oktober. Die Sonne schien schräg in den Hof, die Blätter des Essigbaums an der Gartentür leuchteten in strahlendem Gelb, ein schöner Herbsttag, noch beinahe sommerlich warm.

Maurer wartete, wie verabredet, eingangs des Bahnsteigs auf mich, neben dem Glaskasten mit dem Wagenstandsanzeiger. Unter dem offenen Gabardinemantel trug er einen dunkelblauen Blazer mit goldenen Knöpfen, dazu ein Hemd mit Button Down Kragen und eine gestreifte Krawatte.

Herr Maurer, sagte ich.

Herr Loose?

Wir reichten uns die Hand und gingen, uns gegenseitig musternd, am Zug entlang, ich mit meinem kleinen Lederkoffer, er mit einem großen metallisch glänzenden Kasten, unter dem vier Rollen angebracht waren und den er wie ein Hündchen hinter sich herzog.

Er ist, notierte ich mir später, ein hochgewachsener Mann von Mitte fünfzig, mit einer schnabelartigen Nase, engstehenden Augen und einer lauten, trompetenden Stimme, die klingt, als geriete beim Reden sein ganzer Körper ins Schwingen. Das Erstaunlichste aber sind seine Haare, die, ich weiß nicht, auf Grund welchen biologischen Wunders (und um ein solches muß es sich handeln, da schwer vorstellbar ist, daß er sie färbt oder daß er sich, wenn er es tut, diese Farbe aussucht), handeln, von einem leuchtenden Gelb sind. Seine Hände, die er unentwegt knetet, sind grob, die Handrücken mit Sommersprossen übersät; an der Linken trägt er einen Siegelring mit den ineinandergeschlungenen Initialen MM.

Als wir im Speisewagen saßen, beugte er sich vor und sagte, so leise, wie mit dieser Stimme möglich, aber vermutlich noch immer so laut, daß am Nebentisch jedes Wort deutlich zu hören war, wie froh er sei, daß ich die Einladung angenommen hätte.

Da ich nicht antwortete, schaute er zum Fenster hinaus, auf die abgeernteten Felder, hinter denen sich ein schmaler Waldsaum zeigte.

Was die ausländischen Kollegen angeht, fuhr er unvermittelt fort, die der Botanischen Gesellschaft als korrespondierende Mitglieder angehören, so handelt es sich ausnahmslos um Spezialisten, die sich in der Fachwelt eines ausgezeichneten Rufs erfreuen, und darüberhinaus sind sie gesellige Zeitgenossen.

Gut, sagte ich. Aber ich weiß noch immer nicht, was meine Aufgabe dabei ist.

Ihre Aufgabe? sagte er und drehte an seinem Ring. Nichts. Leisten Sie uns Gesellschaft. Oder gehen Sie, wenn Ihnen das zu langweilig ist, spazieren.

Da erinnerte ich mich an seinen Brief. Sie sprachen von Formulierungshilfe, sagte ich, worauf er nickte.

Formulierungshilfe wobei?

Nun, erwiderte er, es gibt da eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt, über die ich aber erst mit Ihnen reden kann, wenn ich mich mit meinen Vorstandskollegen abgestimmt habe. Denn, wer weiß, vielleicht stoße ich auf Widerstand und muß meinen Plan aufgeben.

Aber, sagte ich, es muß doch ein Thema geben, ein Tagungsthema.

Natürlich. Warum fragen Sie? Haben Sie das Programm nicht gelesen, das ich Ihnen geschickt habe?

Er seufzte und drehte wieder an seinem Ring.

Nun, ich kann es in einem Wort zusammenfassen. Unser Generalthema in diesem Jahr lautet: Der Waldlehrpfad.

Ja, wiederholte er, als er merkte, wie ich ihn anstarrte, der Waldlehrpfad. Das Problem des Anlegens von Waldwegen, das Aufstellen von Schrifttafeln, auf denen die Spaziergänger mit der im Wald vorherrschenden Flora vertraut gemacht werden, die Vereinheitlichung der Texte, das Ausmerzen stilistischer Fehler, die Aufbereitung des Inhalts zum Zwecke besserer Verständlichkeit.

Und dabei soll ich Ihnen zur Hand gehen? Ist das Ihr Ernst?

Er lachte.

Aber das ist doch nicht alles. Lassen Sie sich überraschen. Trinken Sie einen Cognac mit?

Und schon winkte er nach dem Kellner, was, da der jedes Wort mitgehört hatte, nicht nötig gewesen wäre.

Zwei? fragte er, trat heran, zog eine Bürste aus der Brusttasche und fegte die Krümel vom Tisch.

Draußen tauchte ein kleiner Flugplatz auf, der Windsack neben der Landebahn hing schlaff am Masten. Abseits standen ein paar kleine Maschinen, eine mit rotierendem Propeller.

Das Hotel liegt am Ende eines die Stadt B. nach Westen hin abschließenden Höhenzugs im Wald und wird von einem Ehepaar betrieben, dem Ehepaar Fleiß, das Maurer, nachdem wir aus dem Taxi gestiegen waren, wie alte Bekannte begrüßte. Sie, eine Frau von ungefähr sechzig Jahren, erwartete uns im hochgeschlossenen Kleid auf der Treppe vorm Haus und reichte Maurer auf eine Weise, die man wohl huldvoll nennen muß, die Hand. Maurer beugte sich vor und führte sie, einen Handkuß andeutend, an den Mund, während Fleiß, ein korpulenter Mann, ebenfalls um die sechzig, in einem dunklen Anzug (zu dem er eine silbern schimmernde Weste trug) lächelnd dabeistand, bevor er Maurers Koffer nahm.

Ich ging hinter ihnen her in die Halle, wo Fleiß, indem er mit den Fingern schnippte, einen jungen Mann heranrief, der eben in der Tür zur Gaststube aufgetaucht war, den Hausdiener. Er trug eine Art Uniform, einen grauen Anzug mit einem kleinen Stehkragen und zwei Reihen silberner Knöpfe. Als ich hinter ihm her die Treppe hochstieg, bemerkte ich einen leichten Pfefferminzgeruch.

Der Hausdiener bog in einen von einer trüben Lampe erhellten Gang ein, schloß eine Tür auf, langte, ohne hineinzugehen, ins Zimmer und knipste das Licht an. Danach händigte er mir den Schlüssel aus, an dem ein Holzklunker mit der auf einem Metallplättchen eingravierten Zahl 17 hing. Er hielt den Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger, ließ ihn mit dem Klunker voran in meine Hand plumpsen.

Ich trat ein, warf den Koffer aufs Bett, und als ich ihn öffnete, sah ich auf der roten Mappe, die obenauf lag, das Wort Wunschsehen; es war ausradiert, aber der Abdruck, den der Bleistift auf dem dicken Papier hinterlassen hatte, war noch zu erkennen.

Ausgerechnet diese Mappe war es, in die ich zu Hause den großen Block, das kleine Notizbuch und, für alle Fälle, ein paar leere Seiten Schreibmaschinenpapier gelegt hatte. Von all den Mappen, die in meinem Zimmer herumliegen, habe ich gerade diese gegriffen, in der einmal Maurers Postkarte gesteckt hatte.

Kurz nach Erscheinen seines ersten Aufsatzes hatte er einen zweiten geschickt, den ich, ohne einen Blick darauf zu werfen, an den Rand des Schreibtischs rückte. Mein Bedarf an Chlorophyll war gedeckt, und der der Leser, dachte ich, auch.

Aber als ich ihn mir anschaute, sah ich, daß Maurer sich von der Photosynthese verabschiedet hatte, um sich einem anderen Thema zuzuwenden, den Aalen, beziehungsweise, dem Ortungssystem, das es den Aalen erlaubte, nach jahrelangem Süßwasserleben ihre Tausende von Kilometern entfernten Laichplätze im Sargassomeer aufzusuchen, wo sie nach Erledigung ihres Fortpflanzungswerkes vor Erschöpfung starben.

Während ich mich durch die hölzernen Sätze quälte, erfuhr ich, daß die weidenblattähnlichen Aallarven mit dem Golfstrom nach Europa trieben, wobei sie zu drehrunden und farblosen Glasaalen heranwuchsen, und daß ihr Blut das schlangengiftähnliche Ichthyotoxin enthielt. Was mich aber verblüffte, war die Tatsache, daß sie ihr Leben in strikter Geschlechtertrennung verbrachten, die erst mit dem Laichzug, mithin kurz vor der Paarung und dem Erschöpfungstod, endete. Wenn ich Maurer richtig verstand, entwickelten sich die Aale, die im Salz- oder Brackwasser blieben, zu Männchen, die aber, die ins Süßwasser aufstiegen, in die Flüsse, zu Weibchen.

Nichts Neues wahrscheinlich, aber da mir die Sache gefiel, nahm ich den Aufsatz an, das heißt, ich schrieb ihn um und nahm ihn erst an, als Maurer meiner Fassung zugestimmt hatte.

Und so hielt ich es auch mit den Aufsätzen, die er danach schickte. Nun waren es wieder die Pflanzen, mit denen er sich beschäftigte, genauer, die Moose und Farne. Aus allen machte ich kleine, leicht lesbare Feuilletons, wobei die Vergleiche, zu denen ich griff, immer gewagter wurden. Jedes Mal rechnete ich mit seinem Protest, aber der blieb aus. Entweder hatte er sich an meine Eingriffe gewöhnt, oder er fürchtete, ich könnte, wie schon einmal, sagen: Dann eben nicht.

Stattdessen traf vor Weihnachten eine Karte aus P. ein, auf der stand: Mit vielem Dank für Ihre Bemühungen.

Ich drehte die Karte um. Das Bild zeigte einen Weg, der durch einen verschneiten Winterwald führte; die Bäume duckten sich unter der Schneelast, und auf dem Weg sah man die Abdrücke von Schuhen, Spuren, die ein Wanderer im Schnee hinterlassen hatte. Der übliche Winterkitsch, und doch lehnte ich sie gegen das Fenster. Wenn ich sie mir anschaute, dachte ich an den, der da gegangen war. Ich stellte mir vor, wie er durch den Wald stapfte, bis er in diesen vom Schnee zugeschütteten Weg einbog, auf den er als erster seinen Fuß setzte.

Diese Karte also. Sie stand so lange auf dem Fensterbrett, bis ich sie mit nach Hause nahm. An diesem Tag im Frühjahr (März? April?), an dem ich abends noch spät im Büro saß, kam die Putzfrau, einen blauen Plastiksack hinter sich herschleifend, herein. Sie leerte den Aschenbecher, und als sie ihn zurückstellte, stieß sie mit dem Ellbogen gegen die Karte. Sie fiel herab. Ich bückte mich, hob sie auf, lehnte sie wieder ans Fenster, und nun sah ich, daß es nicht Fußspuren waren, die darauf abgebildet waren, sondern die Abdrücke von Hufen, denen eines Rehs vielleicht, das den Weg gekreuzt hatte.