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Mark Twains "Die berühmtesten Werke von Mark Twain" versammelt die zeitlosen Geschichten eines der größten amerikanischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Der Band umfasst bedeutende Erzählungen wie "Die Abenteuer des Tom Sawyer" und "Die Abenteuer des Huckleberry Finn", die sich durch ihren scharfen Witz, ihre gesellschaftskritische Schärfe und ihren einprägsamen Stil auszeichnen. Twain kombiniert meisterhaft humorvolle Erzählkunst mit tiefgründigen sozialen Kommentaren, was seine Werke sowohl unterhaltsam als auch nachdenklich macht. Die Verwendung von Dialekten und scharfsinnige Charakterstudien reflektiert die damalige amerikanische Gesellschaft und ihre moralischen Dilemmata. Mark Twain, geboren als Samuel Langhorne Clemens, gilt als Vater der amerikanischen Literatur. Seine persönlichen Erfahrungen, sowohl als Autor als auch als Abenteurer am Mississippi, prägten seine einzigartigen Erzählungen. Twain war ein scharfer Kritiker der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten seiner Zeit, etwa der Sklaverei, was sich in seiner Literatur deutlich widerspiegelt. Leben und Werk sind untrennbar verbunden, da er stets die Menschen und die Kulturen, die er kannte, in seinen Geschichten einfing. Dieses Buch ist ein Muss für jeden Leser, der sich für amerikanische Literatur und die Entwicklung der erzählerischen Kunst interessiert. Es bietet nicht nur einen tiefen Einblick in Twains literarisches Erbe, sondern auch in die sozialen und kulturellen Herausforderungen seiner Zeit. Tauchen Sie ein in die faszinierenden Welten, die Twain geschaffen hat, und erleben Sie die unvergängliche Relevanz seiner Themen und Charaktere. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Sammlung, Die berühmtesten Werke von Mark Twain, versammelt zentrale Prosatexte eines der prägenden Autoren des 19. Jahrhunderts. Sie verfolgt das Ziel, in großer thematischer und formaler Breite die maßgeblichen Facetten seines Schreibens sichtbar zu machen. Nicht als Gesamtwerk, sondern als repräsentative Auswahl konzipiert, verbindet sie kanonische Romane mit Reiseerzählungen, Skizzen und autobiografischen Stücken. So entsteht ein Panorama, das sowohl Erstleserinnen und Erstlesern Orientierung bietet als auch Kennerinnen und Kennern neue Querbezüge eröffnet. Die Zusammenstellung legt den Schwerpunkt auf bleibend einflussreiche Titel und charakteristische Kleinformen. Jedes Werk steht für sich und gewinnt zugleich im Verbund an Profil.
Im Mittelpunkt steht die Absicht, Twains erzählerische Spannweite erfahrbar zu machen, ohne den Eindruck einer abschließenden Werkausgabe zu erwecken. Die Auswahl umfasst bekannte Mississippi-Romane, prägnante Western- und Flussschilderungen, Weltreisen in reportageartigem Ton, pointierte Kurzprosa und persönliche Erinnerungen. Damit werden die wichtigsten literarischen Rollen Twains – Humorist, Satiriker, Chronist und Beobachter – in ihrer gegenseitigen Durchdringung sichtbar. Die Sammlung lädt dazu ein, Entwicklungen seiner Themen und Stimmen quer zu den Gattungen nachzuvollziehen. Zugleich behält sie den Anspruch, die Lesbarkeit und den Genuss der einzelnen Texte zu wahren. Ein Ausgleich zwischen Breite, Prägnanz und Zugänglichkeit ist leitend.
Der geografische und historische Radius der enthaltenen Werke ist bemerkenswert. Er spannt sich von Fluss- und Kleinstadtmilieus des amerikanischen Mississippi über Erkundungen des Westens bis hin zu weiten Weltreisen durch den Stillen Ozean und nach Südasien sowie Afrika. Diese Spannweite ist kein Zufall: Sie spiegelt Twains Interesse am Übergang von Tradition zu Moderne, an Grenzräumen und an gesellschaftlichem Wandel. Die Sammlung vermeidet eine streng chronologische Anordnung zugunsten thematischer Resonanzen. So lassen sich Motive verfolgen, die zwischen Kindheitswelt, Grenzerfahrung und globaler Perspektive pendeln. Zugleich bleiben die jeweiligen Schauplätze prägnante Erfahrungsräume.
Das übergreifende Ziel besteht darin, Twains populäre Texte in einen Zusammenhang zu stellen, der ihre Vielstimmigkeit hörbar macht. Die Romane und Erzählungen können als eigenständige Lektüren genossen werden; gemeinsam beleuchten sie jedoch wiederkehrende Spannungsfelder zwischen Individuum und Gesellschaft. Reiseberichte und autobiografische Stücke umrahmen die Fiktionen und öffnen Realbezüge, ohne die literarische Eigenart zu nivellieren. Die Sammlung richtet sich damit gleichermaßen an literaturwissenschaftlich Interessierte wie an ein breites Publikum. Sie bietet einen Zugang, der sowohl Überblick als auch Vertiefung ermöglicht. Orientierung und Entdeckung gehen Hand in Hand.
Innerhalb der Genres bilden die Romane einen Kern. Die Abenteuer um Tom Sawyer und Huckleberry Finn führen in die Welt jugendlicher Freiheitssehnsucht, moralischer Bewährung und sozialer Beobachtung entlang des Mississippi. Querkopf Wilson entfaltet ein Spiel mit Identität, Recht und öffentlicher Meinung in einer Kleinstadtgesellschaft. In allen Fällen stehen pointierte Figurenzeichnungen, lebendige Dialoge und prägnante Schauplätze im Vordergrund. Die Romane verbinden Unterhaltung mit gesellschaftlicher Reflexion, ohne sich auf Thesenprosa zu reduzieren. Sie demonstrieren Twains Fähigkeit, aus Alltagsmilieus exemplarische Konstellationen zu gewinnen, die weit über ihren Entstehungskontext hinaus verständlich bleiben.
Die Reiseerzählungen und Reportagen bilden eine zweite starke Säule. Leben auf dem Mississippi verbindet Erinnerungen, Beobachtungen und Erkundungen des Flusses zu einem vielschichtigen Bild von Landschaft, Arbeit und Erzähltradition. Im Gold- und Silberland richtet den Blick auf Erfahrungen im Westen Nordamerikas und die Dynamik von Aufbruch, Gerücht und Geschäft. Meine Reise um die Welt führt über den Stillen Ozean nach Australien, weiter nach Indien und bis nach Südafrika und vereint dabei Notat, Anekdote und kulturkritische Beobachtung. Unterwegs und Daheim versammelt Reiseerzählungen, die den Ton zwischen Komik und Nachdenklichkeit nuancieren. Das Ergebnis ist bewegliche, seismografische Prosa.
Eine dritte Gruppe bilden Kurzgeschichten, Skizzen und Humoresken. Die 1,000,000 Pfundnote und andere humoristische Erzählungen und Skizzen demonstrieren Twains Kunst, aus zugespitzten Prämissen soziale Absurditäten freizulegen. Die Geschichte des Invaliden zeigt, wie Missverständnisse in komischen und zugleich menschlich berührenden Situationen eskalieren können. Ritters Geschichte arbeitet mit parodistischen Elementen des Ritter- und Abenteuerstoffs. Das Skizzenbuch bietet pointierte Miniaturen, die zwischen Aperçu, Satire und Beobachtung changieren. Charakteristisch ist die Ökonomie des Formats: Mit wenigen Strichen entstehen Figuren, Milieus und Situationen, deren Nachhall größer ist als ihr Umfang vermuten lässt.
Autobiografische Texte und Erinnerungen ergänzen das Bild. Aus meiner Knabenzeit und die unter Lebensgeschichte Mark Twain’s versammelten Stücke geben persönliche Einblicke, die die Fiktionen nicht erklären, aber kontextualisieren. Sie zeigen, wie Erinnerung, Erzählhandwerk und Selbstironie ineinandergreifen. Gerade im Neben- und Miteinander von Faktischem und Gestaltetem wird Twains Verfahren erkennbar: die Erhebung des Alltäglichen in erzählerische Form, ohne seine Widersprüche zu glätten. So entstehen Resonanzen zwischen gelebter Erfahrung und literarischer Gestaltung, die das Verständnis für Ton, Haltung und Beobachtungsweise vertiefen. Die autobiografischen Passagen fungieren als leise, aufschlussreiche Gegenstimmen zu den großen Erzählungen.
Als verbindende Themen treten Freiheitsdrang, moralische Selbstprüfung und die Reibung zwischen Individuum und sozialer Erwartung hervor. Der Fluss als Bewegungsraum, die Straße als Prüfungsweg und die Fremde als Spiegel der eigenen Vorurteile sind wiederkehrende Motive. Ebenso präsent sind Täuschung, Rollenwechsel und die Frage, wie gesellschaftliche Etiketten Identität überformen. In unterschiedlichen Milieus – Kleinstadt, Grenzland, Schiff, Großstadt – erprobt Twain Konstellationen, in denen Loyalität, Gewissen und Opportunismus aufeinandertreffen. Gerade diese Kontraste verleihen den Texten ihre Spannung. Sie öffnen Lektürräume, in denen Komik und Ernst einander bedingen, statt sich auszuschließen.
Stilistisch prägen Humor, Understatement und eine genaue Ohr für gesprochene Sprache Twains Werk. Pointierte Dialoge, überraschende Vergleiche und das Changieren zwischen trockener Beobachtung und überspitzter Zuspitzung erzeugen eine charakteristische Spannung. Auch in Übersetzung bleibt der Tonfall oft als Mischung aus Gelassenheit, Ironie und plötzlicher Schärfe spürbar. Die erzählerischen Perspektiven sind beweglich: Mal steht ein naiver Blick im Zentrum, mal eine reflektierte Beobachterposition. Diese Wechsel erlauben es, soziale Rituale und sprachliche Konventionen sichtbar zu machen. Das Ergebnis ist Prosa, die zugänglich wirkt und doch komplexe Wahrnehmungsfilter offenlegt.
Die Sammlung verdeutlicht Twains satirischen Zugriff auf gesellschaftliche Institutionen und Mentalitäten. Heuchelei, Aberglaube, Habgier und Rassismus werden nicht durch Thesen, sondern durch Konstellationen, Stimmen und Situationen erkennbar. Reiseberichte relativieren vermeintliche Selbstverständlichkeiten, indem sie den Blick auf kulturelle Perspektiven und Machtverhältnisse richten. In den Romanen dienen Recht, Öffentlichkeit und Medien als Bühnen, auf denen Wahrheit und Anschein, Zufall und Urteil miteinander ringen. Kurzprosa schärft diese Einsichten im Miniaturformat. So entsteht Kritik, die unterhält, weil sie genau beobachtet, und wirkt, weil sie sich nicht in belehrender Eindeutigkeit erschöpft.
Als Gesamtheit bleibt diese Auswahl bedeutsam, weil sie Twains Doppelbegabung bündelt: Welthaltigkeit und Formbewusstsein. Die Texte eröffnen ein Panorama US-amerikanischer Lebenswelten und verknüpfen es mit globaler Erfahrung, ohne die Eigenart der einzelnen Schauplätze zu nivellieren. Sie zeigen, wie literarische Komik ethische Fragen zugänglich macht und wie Satire Empathie nicht ausschließt. In ihrer Mischung aus Erzählfreude und intellektueller Wachheit wirken sie über Epochen- und Sprachgrenzen hinweg. Die Sammlung lädt dazu ein, Bekanntes neu zu lesen und weniger Bekanntes zu entdecken. Sie bietet Vergnügen, Nachdenken und ein langes Echo im Gedächtnis.
Mark Twain, geboren 1835 als Samuel Langhorne Clemens und gestorben 1910, zählt zu den prägenden Stimmen der US-amerikanischen Literatur. Seine Werke verbinden Humor, Sozialkritik und eine unverwechselbare, mündliche Erzählweise. Besonders bekannt sind The Adventures of Tom Sawyer und Adventures of Huckleberry Finn, die das Leben am Mississippi und Fragen von Freiheit, Moral und Identität in den Mittelpunkt rücken. Reisebücher wie The Innocents Abroad und Life on the Mississippi machten ihn bereits zu Lebzeiten international berühmt. Twain gilt als Pionier des literarischen Realismus in den Vereinigten Staaten, dessen satirische Schärfe und sprachliche Innovationen weit über seine Epoche hinauswirken.
Twains formale Schulbildung endete relativ früh, doch er eignete sich als Schriftsetzerlehrling und Setzer in Druckereien ein breites Wissen an. Die Nähe zu Zeitungen und Büchern, das Arbeiten an Setzkästen und das genaue Registrieren von Sprache prägten sein Gespür für Rhythmus und Pointen. Von großer Bedeutung waren zudem seine Erfahrungen als Lotse auf dem Mississippi, die ihm Landschaft, Menschen und Fachsprache eines einzigartigen Milieus erschlossen. Diese Jahre vermittelten ihm Beobachtungsschärfe und ein Ohr für regionale Idiome, die später seine Prosa kennzeichnen. Der Fluss wurde zu einem biografischen und symbolischen Leitmotiv, das er in erzählerische Formen übersetzte.
Als journalistisch geschulter Autor stand Twain in der Tradition des amerikanischen Frontier-Humors, der hyperbolische Anekdoten, Tote-Pan-Pointen und eine lakonische Mündlichkeit bevorzugt. Er kannte die Satire der Zeitungsfeuilletons ebenso wie die Vortragskultur des 19. Jahrhunderts, die seine Bühnenpräsenz formte. Sprachlich wirkten die Bibel in englischer Übersetzung und Shakespeare auf seine Satzmelodie und sein Bildreservoir. Europäische Literatur begegnete ihm auf Reisen und bei längeren Aufenthalten, ohne seine eigenständige Stimme zu übertönen. Statt philosophischer Systeme prägten ihn Skepsis, Empirie und Beobachtung, wodurch eine Haltung entstand, die moralische Fragen mit Witz und erzählerischer Versuchsanordnung verbindet, ohne Thesenroman oder Lehrrede zu werden.
Seinen literarischen Durchbruch erzielte Twain in den mittleren 1860er-Jahren mit einer humoristischen Erzählung über einen Wettfrosch, die ihn landesweit bekannt machte. In dieser Zeit etablierte er das Pseudonym Mark Twain, eine Anleihe aus der Flusssprache, die die sichere Tiefe für Schiffe bezeichnet. Journalistische Beiträge, Feuilletons und Vorträge verschafften ihm Bühnen- und Druckpräsenz. Er reiste in den Westen der Vereinigten Staaten, arbeitete als Reporter und entwickelte eine pointierte, dialognahe Prosa. Sein frühes Werk zeigt bereits den Wechsel zwischen Zeitungswitz, lebhaften Szenen und genau beobachteten Milieus, der später seine Romane, Reiseberichte und Essays prägen sollte.
In den späten 1860er- und frühen 1870er-Jahren veröffentlichte Twain Reisebücher, die ironische Beobachtung mit Reportage und Anekdote verbanden. The Innocents Abroad schildert Europa und das Heilige Land aus dem Blick eines neugierigen, skeptischen Amerikaners und wurde ein Bestseller. Roughing It vertiefte seine Erfahrungen im Westen, A Tramp Abroad parodierte Bildungsreisen und Autorposen. Parallel dazu entwickelte Twain seine Vortragskunst, die Lesungen zu eigenständigen Darbietungen machte und sein Publikum weit über den Literaturbetrieb hinaus erweiterte. Diese Doppelrolle aus Reiseschriftsteller und Performer festigte seinen Ruf als Chronist nationaler Eigenarten und als satirischer Kommentator transatlantischer Begegnungen.
Mit The Adventures of Tom Sawyer und Adventures of Huckleberry Finn schuf Twain in den 1870er- und 1880er-Jahren ikonische Erzählungen der Kindheit und Adoleszenz. Sie setzen auf genaue Milieuschilderung, die Dynamik von Freundschaft und die moralische Bewährungsprobe des Einzelnen. Der Mississippi ist dabei Schauplatz und moralische Landschaft zugleich. Life on the Mississippi bündelte Erinnerung, Reportage und Technikgeschichte zu einem Panorama der Flussschifffahrt. Huck Finns konsequente Orientierung am gesprochenen Wort, an Dialekten und wechselnden Perspektiven wurde wegweisend für den amerikanischen Realismus. Während manche zeitgenössische Kritiken zurückhaltend reagierten, wuchs das Ansehen dieser Bücher stetig und erreichte weltweite Verbreitung.
Twains historische und satirische Romane erweiterten sein Spektrum. The Prince and the Pauper kontrastiert Standesunterschiede und Kindheitserfahrungen, während A Connecticut Yankee in King Arthur's Court Technikbegeisterung, Fortschrittsglauben und Machtkritik in einem anachronistischen Experiment zusammenführt. Pudd'nhead Wilson beleuchtet Identität, Sklavereierbe und Recht mit dunkler Ironie. In Erzählungen wie The Man That Corrupted Hadleyburg untersuchte Twain die Verletzlichkeit bürgerlicher Tugenden unter dem Druck von Geld und Eitelkeit. Diese Werke zeigen eine zunehmende Schärfe seiner Satire, die die Grenzen zwischen Unterhaltung und moralischer Untersuchung bewusst überschreitet und die Ambivalenzen der amerikanischen Moderne sichtbar macht.
Twain gründete ein eigenes Verlagshaus und investierte in technische Innovationen, was beträchtliche Risiken mit sich brachte. Seine Beteiligung an einer komplexen Setzmaschine erwies sich als kostspielig, und unternehmerische Rückschläge führten zu finanziellen Belastungen. Zugleich blieben seine Bücher populär, wurden übersetzt und diskutiert. Gelegentliche Kontroversen, etwa um Huck Finn, betrafen Sprache, Rassenbilder und Unterrichtstauglichkeit; sie machten zugleich deutlich, wie sehr seine Texte normative Gewissheiten herausforderten. Trotz geschäftlicher Turbulenzen behauptete Twain seine literarische Stellung, variierte Gattungen und entwickelte einen Ton, der zwischen Komik und Pessimismus, Anekdote und Diagnose moderner Gesellschaft oszilliert.
Twain nutzte seine Prominenz, um politisch und moralisch Stellung zu beziehen. Er wandte sich gegen imperialistische Kriege und koloniale Gewalt und brachte diese Position in Essays und Reden zum Ausdruck. Texte wie To the Person Sitting in Darkness und King Leopold's Soliloquy verknüpfen Analyse, Ironie und moralische Anklage. In den Vereinigten Staaten kritisierte er Lynchjustiz und die Aushöhlung bürgerlicher Rechte. Seine Verteidigung freier Rede und sein Misstrauen gegenüber Machtmonopolen zeigen sich in pointierten, öffentlich geführten Debatten. Diese Eingriffe waren integraler Bestandteil seines Autorprofils und wirkten in seine literarische Gestaltung von Konflikt, Verantwortung und Gewissen hinein.
Religiöse und metaphysische Fragen behandelte Twain mit skeptischer Nüchternheit. Posthum veröffentlichte Texte wie Letters from the Earth und Fassungen von The Mysterious Stranger erkunden Zweifel, Leid und die Widersprüche dogmatischer Systeme. Gleichwohl war seine Skepsis kein Zynismus, sondern suchte über Humor und Erfahrungsnähe nach Maßstäben menschlicher Anständigkeit. In Vorträgen und Essays äußerte er sich zugunsten von Frauenrechten und Bildung, wobei er Autorität stets an der Realität ihrer Folgen maß. So verband er Humanität mit Satire: Er entlarvte Sprachhülsen, achtete aber auf konkrete Folgen politischer Entscheidungen und die moralische Belastbarkeit des Einzelnen im gesellschaftlichen Gefüge.
Nach unternehmerischen Verlusten unternahm Twain in den mittleren 1890er-Jahren eine ausgedehnte Vortragsreise, um Schulden zurückzuzahlen, was ihm Eindruck und Sympathie einbrachte. Er veröffentlichte weitere Reiseberichte wie Following the Equator und wandte sich vereinzelt historischen Stoffen zu, darunter Personal Recollections of Joan of Arc. Die späten Texte zeigen häufig einen dunkleren Ton und eine strengere, aphoristische Zuspitzung moralischer Urteile. Persönliche Verluste überschatteten diese Jahre. Twain lebte zuletzt im Nordosten der Vereinigten Staaten und starb 1910. Zeitgenössische Nachrufe feierten ihn als nationalen Humoristen und als kritischen Geist, dessen Stimme weit über den literarischen Betrieb hinaus reichte.
Twains langfristiges Vermächtnis liegt in der Verbindung von lebendiger Alltagssprache, narrativer Experimentierfreude und gesellschaftlicher Reflexion. Seine Figuren und Schauplätze sind fest im kulturellen Gedächtnis verankert, seine Satiren bleiben Prüfsteine für Machtkritik und moralische Selbstbefragung. Spätere Autorinnen und Autoren, von realistischen Erzähltraditionen bis zur Moderne, knüpften an seine dialogische, perspektivenreiche Prosa an. Schulen, Bühnen und Film adaptierten seine Geschichten, während die Forschung neue Aspekte seines Werkes erschließt, darunter posthum edierte autobiografische Schriften. In der Gegenwart gilt Twain als Maßstab für literarische Sprachkraft und als Autor, der Humor in ernsthafte Erkenntnis zu verwandeln vermochte.
Samuel Langhorne Clemens (1835–1910), besser bekannt unter seinem Flussfahrtsnamen Mark Twain, schrieb in einer Epoche tiefgreifender Umbrüche in den Vereinigten Staaten. Zwischen Vorkriegszeit, Bürgerkrieg (1861–1865), Rekonstruktion und aufstrebender Industrialisierung formte er ein Werk, das Reisebericht, Satire, Gesellschaftsroman und autobiografische Skizze verband. Seine Texte kreisen um Mobilität, Grenzerfahrungen, Sprachnähe und moralische Ambivalenz. Die Figur des Humoristen war für ihn literarische Maske und Wirklichkeitsdiagnose zugleich. Der amerikanische Westen, der Mississippi und die globalen Verkehrswege des Britischen Empire bildeten die Bühnen, auf denen er nationale Mythen und Gegenwartsrituale prüfte. Diese Konstellationen durchziehen die in der Sammlung vereinten Werke.
Die Kindheits- und Jugendjahre in Hannibal, Missouri, einem Sklavenstaat am Oberlauf des Mississippi, prägten sein soziales Sensorium. Als Lotse-Lehrling ab 1857 lernte er die Flusstopografie, die Hierarchien der Dampfschifffahrt und die Rhythmen eines Verkehrsraums kennen, der von Dampf, Nebel und gefährlicher Sandbankpolitik bestimmt war. Steamboats verbanden New Orleans und St. Louis, transportierten Baumwolle, Menschen und Gerüchte. Dieser Stromraum stiftete Dialekte, Figuren und Konfliktlagen, die Twain später immer wieder modellierte: Freiheit versus Ordnung, Gesetz versus Gewohnheitsrecht, Status versus Würde. Er schrieb damit nicht nur Landschaft, sondern eine soziale Grammatik fort, die mehrere seiner Erzählkomplexe strukturiert.
Die Sklaverei war in Missouris Grenzgesellschaft allgegenwärtig; der Supreme-Court-Fall Dred Scott v. Sandford (1857) verneinte Schwarzen die Bürgerrechte und ließ die Spaltung eskalieren. Als 1861 der Bürgerkrieg ausbrach, zerbrach die Welt der Flussnavigation; Twain schloss sich kurzzeitig einer Konföderierten-Miliz an, verließ aber bald die Front und zog gen Westen. Die Erfahrung des auseinandergerissenen Landes, der Grauzonen moralischer Verantwortung und der Nachkriegszeit der Rekonstruktion (1865–1877) bildet einen Unterstrom seines Werkes. Seine Figuren prüfen Konventionen von Rasse, Eigentum, Recht und Gewissen in Grenzsituationen. Diese historischen Spannungen liefern den Hintergrund für seine markante Mischung aus Komik und Gewissensprüfung.
Die Flucht in den Westen fiel in die große Expansionsphase der 1860er Jahre. In Nevada und Kalifornien traf Twain auf Boomtowns, die vom Comstock Lode (ab 1859) und spekulativem Kapital elektrisiert waren. Virginia Citys Territorial Enterprise beschäftigte ihn als Reporter; San Franciscos Zeitungswelt schulte ihn in Feuilleton, Skizze und Fehde. Der Westen wurde zur Bühne für Hochstapler und Hasardeure, aber auch für Improvisationstalent, egalitäre Rhetorik und soziale Härte. Aus dieser Presse- und Minenwelt stammen Perspektiven auf Glücksversprechen, Betrug, Gewalt und Solidarität, die in späteren Skizzen, Reisebildern und Romanpassagen wiederkehren und sein Verständnis von amerikanischer Modernität grundieren.
Literarhistorisch gehört Twain zur Bewegung des amerikanischen Realismus und der sogenannten Local-Color-Schule der 1870er und 1880er Jahre. Die präzise Wiedergabe regionaler Redeweisen und Sitten verband sich mit satirischer Beobachtung politischer und ökonomischer Machtspiele. Zeitschriften wie The Atlantic Monthly, Harper’s und Century boten ihm Plattformen, bevor Stoffe in Buchformen mündeten. Netzwerke zu Charles Farrar Browne (Artemus Ward) und Bret Harte verankerten ihn in einer Tradition des westlichen Humors. Diese Medien- und Produktionsweise erklärt die Fragmentform vieler Texte sowie die späteren Sammelbände, deren Skizzen und Reisebriefe in Serien erschienen und in verschiedenen Kontexten aktualisiert wurden.
Die Nachkriegsjahrzehnte brachten beschleunigte Industrialisierung, Monopolbildung und politische Patronage. 1873 prägte Twain gemeinsam mit Charles Dudley Warner den Ausdruck Gilded Age für eine Epoche vergoldeten Scheins. Namen wie Cornelius Vanderbilt (1794–1877), John D. Rockefeller und Jay Gould standen für Konzentrationsprozesse, die öffentliche Moral und Privatinteressen neu verschränkten. Paniken 1873 und 1893 erschütterten die Finanzmärkte. Twain reagierte mit Satiren auf Spekulation, Aktienrausch, Rechtszynismus und sozialen Neid. Diese Konstellationen durchziehen seine humoristischen Erzählungen ebenso wie die Reise- und Gesellschaftsskizzen, in denen er amerikanische Selbstdarstellung im Spiegel transatlantischer Beobachtung ironisch bricht.
Die technische Moderne faszinierte und ruinierte ihn. In den 1880er Jahren investierte er in die Paige-Setzmaschine; die Unternehmung scheiterte. Seine Verlagsfirma Charles L. Webster & Co. (gegründet 1884) erzielte 1885 mit den Memoiren Ulysses S. Grants einen beispiellosen Erfolg, stürzte aber später in Schwierigkeiten. 1894 erklärte er faktisch den Bankrott. Aus der ökonomischen Zwangslage erwuchs die weltumspannende Vortrags- und Lesereise 1895–1896, deren Route ihn über den Pazifik nach Australien, Indien und Südafrika führte und die er literarisch verarbeitete. So wurden Finanzkrisen, Technikglauben und Autorenselbstvermarktung selbst zu Stoff und Struktur seiner Prosa.
Die Reise 1895–1896 verlief durch koloniale Knotenpunkte des Britischen Empire: Melbourne und Sydney, anschließend nach Colombo (heute Sri Lanka), Kalkutta (Kolkata) und Bombay (Mumbai), über Mauritius nach Kapstadt. Der Blick auf koloniale Verwaltung, Mission, Rassentaxonomien und Arbeitsverhältnisse schärfte sein späteres Engagement. Um 1901 schloss er sich der American Anti-Imperialist League an und attackierte die US-Politik auf den Philippinen sowie europäische Kolonialgewalt. Diese globalen Erfahrungen speisen die doppelbödige Mischung aus Reisebericht, Statistik, Anekdote und Moralsatire, die seine späten Texte prägt und die Sammlung durch ihren transozeanischen Resonanzraum historisch verankert.
Europa war nicht nur Schauplatz, sondern Resonanzraum seiner Karriere. Bereits 1867 reiste er mit einer Exkursion ins Mittelmeergebiet; 1878–1879 hielt er sich länger in Deutschland, der Schweiz und Italien auf. Seine deutschsprachige Rezeption setzte in den 1870er/1880er Jahren ein, gestützt durch Verlage in Leipzig (u. a. Tauchnitz-Ausgaben für den Kontinent) und spätere Reclam- und Insel-Editionen. Übersetzer passten Dialekte und Wortspiele an; Vortragsreisen und der Mythos des amerikanischen Humoristen stärkten seine Popularität. Die in der Sammlung vertretenen Genres – Skizze, Reisebild, autobiografische Erinnerung – sind daher auch Dokumente einer transatlantischen Medienzirkulation, die Erwartungen wechselseitig formte.
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verhandelte den Status von Wissen neu. Telegraphie, Eisenbahn, Fotografie und populäre Wissenschaft rückten Beweis und Messung in den Vordergrund, während Pseudowissenschaften wie Phrenologie oder Rassentheorien grassierten. Twain reagierte mit Skepsis, Parodie und experimenteller Erzähltechnik. Die Faszination für technische Details der Flussschifffahrt, die Beobachtung von Gerichtsverfahren, die Umwertung von Indizien – bis hin zu früh diskutierten Identifikationsmethoden – bilden einen Diskursrahmen für seine Geschichten über Irrtum, Täuschung und Evidenz. So wird moderne Rationalität zum komischen Gegenstand und zugleich zum Prüfstein gesellschaftlicher Machtverteilungen.
Religiöse Debatten prägten das 19. Jahrhundert: Erweckungsbewegungen, Bibelkritik und seit 1859 die Evolutionstheorie. Twain, in einem presbyterianischen Umfeld aufgewachsen, entwickelte einen eigensinnigen moralischen Skeptizismus. Seine Texte nutzen biblische Formen – Parabel, Spruch, Genealogie –, um Heuchelei und Gewalt bloßzustellen. Die Verbindung von Volksfrömmigkeit, kapitalistischer Erfolgsethik und nationaler Selbstgerechtigkeit wird ironisch gegeneinander ausgespielt. Diese religiöse Dimension betrifft nicht nur die großen Romane, sondern auch die kürzeren Skizzen und kulturkritischen Miniaturen, die Alltagsrituale und Sonntagsmoral gleichermaßen durchleuchten und damit eine historische Tiefenschicht der amerikanischen Werteordnung offenlegen.
Twains Werk entstand im Geflecht aus Druckmarkt und Bühne. Seine berühmten Lesungen machten aus Texten Ereignisse, die zwischen Manuskript, Zeitschrift und Buch zirkulierten. Die Chautauqua-Bewegung, Lyceum-Bühnennetze und städtische Auditorien boten seit den 1860er Jahren eine Infrastruktur der populären Bildung, die Humor, Reportage und Politik verschränkte. Illustratoren wie E. W. Kemble oder A. B. Frost prägten die ikonische Sichtbarkeit seiner Figuren. Viele Motive wurden zunächst als Zeitungsskizzen getestet, dann erweitert und umarrangiert. Diese Publikationslogik erklärt thematische Wiederkehr, serielle Variation und die Montageform, die mehrere Texte der Sammlung kennzeichnet.
Die Rezeption war stets umkämpft. Bereits 1885 verbannte die Concord Public Library (Massachusetts) eines seiner Bücher als „schmutzig“ und „nur für die Gosse geeignet“, womit die Auseinandersetzung um Sprache, Moral und soziale Hierarchien in die Bildungsinstitutionen eindrang. Später entzündeten sich Debatten an der Darstellung von Rasse, Gewalt und Autoritätskritik, ebenso an der Verwendung von Dialekten und Schimpfwörtern. Übersetzungen ins Deutsche glätteten manches, behielten aber den satirischen Stachel. Die in dieser Sammlung versammelten Genres belegen, wie populäre Literatur Kanonstatus erlangte und zugleich als Prüfstein gesellschaftlicher Normen fungierte.
Recht und Identität sind wiederkehrende Prüfsteine. Nach der Abschaffung der Sklaverei verfestigten sich in den 1890er Jahren mit Jim-Crow-Gesetzen Segregation und Entrechtung; 1896 sanktionierte der Supreme Court in Plessy v. Ferguson das Prinzip „separate but equal“. Twain beobachtete die Komik und Tragik lokaler Gerichtsbarkeiten, kleinstädtischer Politik und sozialer Etikette. Fragen der Namensgebung, Maskierung, Täuschung und Beweisführung strukturieren zahlreiche Handlungen. So wird das Rechtssystem als Bühne der Rollen und Zufälle inszeniert, auf der sich moderne Individualität, Rassifizierung und bürgerliche Reputation als prekäre, von Macht abhängige Konstruktionen erweisen.
Der Mississippi blieb sein mythischer Bezugspunkt, doch die Eisenbahn veränderte nach 1865 die Verkehrs- und Wirtschaftslandschaft. Der Niedergang der Dampfschifffahrt, die Regulierung des Flusses durch Dämme und die großen Überschwemmungen der 1870er und 1880er Jahre rahmen eine Erfahrung des Verlusts und der Beschleunigung. Nostalgie und Technikfaszination durchdringen sich: Navigationskunst wird zur Metapher für Urteilskraft, die gegen Nebel, Strömung und falsche Karten bestehen muss. Diese Topografie verleiht den Texten der Sammlung eine poetische Geografie, in der Wege, Übergänge und Strudel sittliche Prüfungen und soziale Schichtungen sichtbar machen.
Twain schrieb lebenslang autobiografisch, ohne sich an strenge Chronologie zu binden. Elmira (Quarry Farm) in New York diente ihm ab den 1870er Jahren als Sommerarbeitsort, Hartford (1874–1891) als repräsentatives Zuhause; dort entstanden viele zentrale Texte. Familiäre Schicksalsschläge – der Tod der Tochter Susy 1896, der seiner Frau Olivia 1904 – verdunkelten den Ton. Zugleich experimentierte er mit Diktat und freien Assoziationen, eine Praxis, die seine späten Erinnerungsstücke und Reden prägt. Die autobiografische Perspektive durchzieht auch Reisebilder und Skizzen, wodurch persönliche Erfahrung und Zeitdiagnose unauflöslich ineinandergreifen.
Als er 1910, begleitet vom wiederkehrenden Halley’schen Kometen, starb, war Twain bereits zu einem Symbol nationaler Literatur avanciert. Seine Verbindung aus Komik, Realismus und moralischer Satire formte Maßstäbe für das 20. Jahrhundert, von Sinclair Lewis bis zur Populärkultur. Übersetzungen machten ihn weltweit präsent; in der deutschsprachigen Welt konsolidierten Gesamtausgaben im frühen 20. Jahrhundert seine Stellung. Die in dieser Sammlung vereinten Texte zeigen ihn als Chronisten von Mobilität, Ungleichheit, Spekulation und Gewissensnot – Themen, die aus der Geschichte des 19. Jahrhunderts hervorgehen und bis heute ihre Wirkung entfalten.
Ein Lausbub im Städtchen St. Petersburg am Mississippi erlebt mit Freunden riskante Streiche, erste Liebe und moralische Bewährungsproben. Die Episoden verbinden humorvolle Alltagsbeobachtung mit einer zarten Coming-of-Age-Geschichte.
Huck flieht vor Enge und Gewalt und fährt mit dem entflohenen Sklaven Jim auf einem Floß den Mississippi hinab. In episodischen Begegnungen entlarvt Twain Heuchelei, Rassismus und Aberglauben der Gesellschaft.
Erinnerungs- und Reportageband über Twains Ausbildung zum Lotse und die Welt der Dampfschifffahrt, ergänzt um historische und geografische Porträts des Flusses. Zwischen Nostalgie und nüchterner Beobachtung entsteht ein Bild von Landschaft, Arbeit und Wandel im 19. Jahrhundert.
Halb autobiografische Reiseberichte aus den Jahren des Frontier-Booms: Stagecoachfahrten, Lagerfeuer, Zeitungsarbeit und der Rausch um Gold- und Silberfunde. Twain schildert Hoffnungen, Betrügereien und Härten der Boomtowns mit burleskem Witz und genauer Milieukenntnis.
Weltumspannende Reisereportage seiner Vortragsreise, die Stationen im Pazifik, in Australien, Indien und Südafrika verbindet. Beobachtungen zu Kolonialherrschaft, Religion, Rassismus und Alltagskultur werden mit Anekdoten und Selbstironie verknüpft.
Europa-Satire eines amerikanischen „Tramps“ auf Fußwegen und in Gasthäusern zwischen Deutschland, Schweiz und Italien. Parodiert Reisehandbücher und Touristenblick und lebt von Missverständnissen, Übertreibungen und komischen Selbstbekenntnissen.
Augenzwinkernde Pseudo-Autobiografie, die Fakten und Erfindung mischt, um Ruhm, Erinnerung und das Genre der Lebensbeschreibung zu parodieren. Der Text reflektiert zugleich Twains öffentliche Rolle und seine Lust an literarischen Mystifikationen.
Im Titelstück wird ein mittelloser Amerikaner in London zum Spielball der Oberschicht, als er eine Riesensumme als Schein erhält; die übrigen Erzählungen variieren Motive von Glück, Identität und sozialer Pose. Pointierte Satire und Wendungen stellen gesellschaftliche Konventionen bloß.
Erinnerungsminiaturen aus Twains Kindheit in Hannibal, Missouri, die Dorfleben, Streiche und frühe Ängste festhalten. Viele Motive und Figuren kehren später in den Mississippi-Romanen wieder.
In einem Südstaatenstädtchen führt eine vertauschte Geburt zu einer Identitäts- und Rassenverwechslung, die in eine Kriminal- und Gerichtsgeschichte mündet. Der Außenseiteranwalt Pudd’nhead Wilson nutzt moderne Beweise, während Twain Heuchelei, Sklaverei und Statusdenken demaskiert.
Breit gefächerte Sammlung früher Feuilletons, Reden, Parodien und Anekdoten aus Journalismus und Vortragsreisen. Von Hoaxes bis Beobachtungsprosa demonstriert sie Twains Tonfall zwischen Volkshumor und scharfer Gesellschaftskritik.
Bündel prägnanter Kurztexte, die Genres vom Ritterroman über die Gesellschaftssatire bis zur Farce variieren. Sie kreisen um Ehre, Missverständnisse, Ruhmsucht und Angst – komisch zugespitzt und mit moralischer Pointe.
Inhaltsverzeichnis
Übersetzung: Margarete Jacobi
Die meisten der im Tom Sawyer erzählten Abenteuer sind wirklich vorgekommen. Eines oder zwei habe ich selbst erlebt, die anderen meine Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben gezeichnet, Tom Sawyer ebenfalls, jedoch mit dem Unterschied, daß in ihm die Charaktereigenschaften mehrerer Knaben vereinigt sind.
Hartford, 1876. Der Verfasser.
Inhaltsverzeichnis
»Tom!«
Keine Antwort.
»Tom!«
Tiefes Schweigen.
»Wo der Junge nun wieder steckt, möcht’ ich wissen, Du – Tom!«
Die alte Dame zog ihre Brille gegen die Nasenspitze herunter und starrte drüber weg im Zimmer herum, dann schob sie sie rasch wieder empor und spähte drunterher nach allen Seiten aus. Nun und nimmer würde sie dieselbe so entweiht haben, daß sie durch die geheiligten Gläser hindurch nach solchem geringfügigen Gegenstand geschaut hätte, wie ein kleiner Junge einer ist. War es doch ihre Staatsbrille, der Stolz ihres Herzens, welche sie sich nur der Zierde und Würde halber zugelegt, keineswegs zur Benutzung, – ebenso gut hätte sie durch ein paar Kochherdringe sehen können. Einen Moment lang schien sie verblüfft, da sie nichts entdecken konnte, dann ertönte wiederum ihre Stimme, nicht gerade ärgerlich, aber doch laut genug, um von der Umgebung, dem Zimmergerät nämlich, gehört zu werden: »Wart, wenn ich dich kriege, ich – –«
Sie beendete den Satz nicht, denn sie war inzwischen ans Bett herangetreten, unter welchem sie energisch mit dem Besen herumstöberte, was ihre ganze Kraft, all ihren Atem in Anspruch nahm. Trotz der Anstrengung förderte sie jedoch nichts zutage, als die alte Katze, die ob der Störung sehr entrüstet schien.
»So was wie den Jungen gibt’s nicht wieder!«
Sie trat unter die offene Haustüre und ließ den Blick über die Tomaten und Kartoffeln schweifen, welche den Garten vorstellten. Kein Tom zu sehen! Jetzt erhob sich ihre Stimme zu einem Schall, der für eine ziemlich beträchtliche Entfernung berechnet war:
»Holla – du – To – om!«
Ein schwaches Geräusch hinter ihr veranlaßte sie, sich umzudrehen und zwar eben noch zu rechter Zeit, um einen kleinen, schmächtigen Jungen mit raschem Griff am Zipfel seiner Jacke zu erwischen und eine offenbar geplante Flucht zu verhindern.
»Na, natürlich! An die Speisekammer hätte ich denken müssen! Was hast du drinnen wieder angestellt?«
»Nichts.«
»Nichts? Na, seh’ mal einer! Betracht’ mal deine Hände, he, und was klebt denn da um deinen Mund?«
»Das weiß ich doch nicht, Tante!«
»So, aber ich weiß es. Marmelade ist’s, du Schlingel, und gar nichts anderes. Hab’ ich dir nicht schon hundertmal gesagt, wenn du mir die nicht in Ruhe ließest, wollt’ ich dich ordentlich gerben? Was? Hast du’s vergessen? Reich’ mir mal das Stöckchen da!«
Schon schwebte die Gerte in der Luft, die Gefahr war dringend.
»Himmel, sieh doch mal hinter dich, Tante!«
Die alte Dame fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen und packte instinktiv ihre Röcke, um sie in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig war der Junge mit einem Satz aus ihrem Bereich, kletterte wie ein Eichkätzchen über den hohen Bretterzaun und war im nächsten Moment verschwunden. Tante Polly sah ihm einen Augenblick verdutzt, wortlos nach, dann brach sie in ein leises Lachen aus.
»Hol’ den Jungen der und jener! Kann ich denn nie gescheit werden? Hat er mir nicht schon Streiche genug gespielt, daß ich mich endlich einmal vor ihm in acht nehmen könnte! Aber, wahr ist’s, alte Narren sind die schlimmsten, die’s gebt, und ein alter Pudel lernt keine neuen Kunststückchen mehr, heißt’s schon im Sprichwort. Wie soll man aber auch wissen, was der Junge im Schild führt, wenn’s jeden Tag was andres ist! Weiß der Bengel doch genau, wie weit er bei mir gehen kann, bis ich wild werde, und ebenso gut weiß er, daß, wenn er mich durch irgendeinen Kniff dazu bringen kann, eine Minute zu zögern, ehe ich zuhaue, oder wenn ich gar lachen muß, es aus und vorbei ist mit den Prügeln. Weiß Gott, ich tu’ meine Pflicht nicht an dem Jungen. ›Wer sein Kind lieb hat, der züchtiget es‹, heißt’s in der Bibel. Ich aber, ich – Sünde und Schande wird über uns kommen, über meinen Tom und mich, ich seh’s voraus, Herr, du mein Gott, ich seh’s kommen! Er steckt voller Satanspossen, aber, lieber Gott, er ist meiner toten Schwester einziger Junge und ich hab’ nicht das Herz, ihn zu hauen. Jedesmal, wenn ich ihn durchlasse, zwickt mich mein Gewissen ganz grimmig, und hab’ ich ihn einmal tüchtig vorgenommen, dann – ja dann will mir das alte, dumme Herz beinahe brechen. Ja, ja, der vom Weibe geborene Mensch ist arm und schwach, kurz nur währen seine Tage und sind voll Müh und Trübsal, so sagt die hl. Schrift und wahrhaftig, es ist so! Heut wird sich der Bengel nun wohl nicht mehr blicken lassen, wird die Schule schwänzen, denk’ ich, und ich werd’ ihm wohl für morgen irgendeine Strafarbeit geben müssen. Ihn am Sonnabend, wenn alle Jungen frei haben, arbeiten zu lassen, ist fürchterlich hart, namentlich für Tom, der die Arbeit mehr scheut, als irgendwas sonst, aber ich muß meine Pflicht tun an dem Jungen, wenigstens einigermaßen, ichmuß, sonst bin ich sein Verderben!«
Tom, der, wie Tante Polly sehr richtig geraten, die Schule schwänzte, ließ sich am Nachmittag nicht mehr blicken, sondern trieb sich draußen herum und vergnügte sich königlich dabei. Gegen Abend erschien er dann wieder, kaum zur rechten Zeit vor dem Abendessen, um Jim, dem kleinen Niggerjungen, helfen zu können, das nötige Holz für den nächsten Tag klein zu machen. Dabei blieb ihm aber Zeit genug, Jim sein Abenteuer zu erzählen, während dieser neun Zehntel der Arbeit tat. Toms jüngerer Bruder, oder besser Halbbruder, Sid, hatte seinen Teil am Werke, das Zusammenlesen der Holzspäne, schon besorgt. Er war ein fleißiger, ruhiger Junge, nicht so unbändig und abenteuerlustig wie Tom. Während dieser sich das Abendessen schmecken ließ und dazwischen bei günstiger Gelegenheit Zuckerstückchen stibitzte, stellte Tante Polly ein, wie sie glaubte, äußerst schlaues und scharfes Kreuzverhör mit ihm an, um ihn zu verderbenbringenden Geständnissen zu verlocken. Wie so manche andere arglos-schlichte Seele glaubte sie an ihr Talent für die schwarze, geheimnisvolle Kunst der Diplomatie. Es war der stolzeste Traum ihres kindlichen Herzens, und die allerdurchsichtigsten kleinen Kniffe, deren sie sich bediente, schienen ihr wahre Wunder an Schlauheit und List. So fragte sie jetzt: »Tom, es war wohl ziemlich warm in der Schule?«
»Ja, Tante.«
»Sehr warm, nicht?«
»Ja, Tante.«
»Hast du nicht Lust gehabt, schwimmen zu gehen?«
Wie ein warnender Blitz durchzuckte es Tom, – hatte sie Verdacht? Er suchte in ihrem Gesichte zu lesen, das verriet nichts. So sagte er:
»N – nein. Tante – das heißt nicht viel.«
Die alte Dame streckte die Hand nach Toms Hemdkragen aus, befühlte den und meinte:
»Jetzt ist dir’s doch nicht mehr zu warm, oder?«
Und dabei bildete sie sich ein, bildete sich wirklich und wahrhaftig ein, sie habe den trockenen Zustand besagten Hemdes entdeckt, ohne daß eine menschliche Seele ahne, worauf sie ziele. Tom aber wußte genau, woher der Wind wehte, so kam er der mutmaßlich nächsten Wendung zuvor.
»Ein paar von uns haben die Köpfe unter die Pumpe gehalten – meiner ist noch naß, sieh!«
Tante Polly empfand es sehr unangenehm, daß sie diesen belastenden Beweis übersehen und sich so im voraus aus dem Felde hatte schlagen lassen. Ihr kam eine neue Eingebung.
»Tom, du hast doch wohl nicht deinen Hemdkragen abnehmen müssen, den ich dir angenäht habe, um dir auf den Kopf pumpen zu lassen, oder? Knöpf doch mal deine Jacke auf!«
Aus Toms Antlitz war jede Spur von Sorge verschwunden. Er öffnete die Jacke, der Kragen war fest und sicher angenäht.
»Daß dich! Na, mach’ dich fort. Ich hätte Gift drauf genommen, daß du heut mittag schwimmen gegangen bist. Wollens gut sein lassen. Dir geht’s diesmal wie der verbrühten Katze, du bist besser, als du aussiehst – aber nur diesmal, Tom, nur diesmal!«
Halb war’s ihr leid, daß alle ihre angewandte Schlauheit so ganz umsonst gewesen, und halb freute sie sich, daß Tom doch einmal wenigstens, gleichsam unversehens, in den Gehorsam hineingestolpert war.
Da sagte Sidney:
»Ja aber, Tante, hast du denn den Kragen mit schwarzem Zwirn aufgenäht?«
»Schwarz? Nein, er war weiß, soviel ich mich erinnere, Tom!«
Tom aber wartete das Ende der Unterredung nicht ab. Wie der Wind war er an der Türe, rief beim Abgehen Sid noch ein freundschaftliches »wart’, das sollst du mir büßen« zu und war verschwunden.
An sicherem Orte untersuchte er drauf zwei eingefädelte Nähnadeln, die er in das Futter seiner Jacke gesteckt trug, die eine mit weißem, die andre mit schwarzem Zwirn, und brummte vor sich hin:
»Sie hätt’s nie gemerkt, wenn’s der dumme Kerl, der Sid, nicht verraten hätte. Zum Kuckuck! Einmal nimmt sie weißen und einmal schwarzen Zwirn, wer kann das behalten. Aber Sid soll seine Keile schon kriegen; der soll mir nur kommen!«
Tom war mit nichten der Musterjunge seines Heimatortes, – es gab aber einen solchen und Tom kannte und verabscheute ihn rechtschaffen.
Zwei Minuten später, oder in noch kürzerer Zeit, hatte er alle seine Sorgen vergessen. Nicht, daß sie weniger schwer waren oder weniger auf ihm lasteten, wie eines Mannes Sorgen auf eines Mannes Schultern, nein durchaus nicht, aber ein neues mächtiges Interesse zog seine Gedanken ab, gerade wie ein Mann die alte Last und Not in der Erregung eines neuen Unternehmens vergessen kann. Dieses starke und mächtige Interesse war eine eben errungene, neue Methode im Pfeifen, die ihm ein befreundeter Nigger kürzlich beigebracht hatte, und die er nun ungestört üben wollte. Die Kunst bestand darin, daß man einen hellen, schmetternden Vogeltriller hervorzubringen sucht, indem man in kurzen Zwischenpausen während des Pfeifens mit der Zunge den Gaumen berührt. Wer von den Lesern jemals ein Junge gewesen ist, wird genau wissen, was ich meine, Tom hatte sich mit Fleiß und Aufmerksamkeit das Ding baldigst zu eigen gemacht und schritt nun die Hauptstraße hinunter, den Mund voll tönenden Wohllauts, die Seele voll stolzer Genugtuung. Ihm war ungefähr zumute, wie einem Astronomen, der einen neuen Stern entdeckt hat, doch glaube ich kaum, daß die Freude des glücklichen Entdeckers der seinen an Größe, Tiefe und ungetrübter Reinheit gleichkommt.
Die Sommerabende waren lang. Noch war’s nicht dunkel geworden. Toms Pfeifen verstummte plötzlich. Ein Fremder stand vor ihm, ein Junge, nur vielleicht einen Zoll größer als er selbst. Die Erscheinung eines Fremden irgendwelchen Alters oder Geschlechtes war ein Ereignis in dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg. Und dieser Junge war noch dazu sauber gekleidet, – sauber gekleidet an einem Wochentage! Das war einfach geradezu unfaßlich, überwältigend! Seine Mütze war ein niedliches, zierliches Ding, seine dunkelblaue, dicht zugeknöpfte Tuchjacke nett und tadellos: auch die Hosen waren ohne Flecken. Schuhe hatte er an, Schuhe, und es war doch heute erst Freitag, noch zwei ganze Tage bis zum Sonntag! Um den Hals trug er ein seidenes Tuch geschlungen. Er hatte so etwas Zivilisiertes, so etwas Städtisches an sich, das Tom in die innerste Seele schnitt. Je mehr er dieses Wunder von Eleganz anstarrte, je mehr er die Nase rümpfte über den »erbärmlichen Schwindel«, wie er sich innerlich ausdrückte, desto schäbiger und ruppiger dünkte ihn seine eigene Ausstattung. Keiner der Jungen sprach. Wenn der eine sich bewegte, bewegte sich auch der andere, aber immer nur seitwärts im Kreise herum. So standen sie einander gegenüber, Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge. Schließlich sagt Tom:
»Ich kann dich unterkriegen!«
»Probier’s einmal!«
»N – ja, ich kann.«
»Nein, du kannst nicht.«
»Und doch!«
»Und doch nicht!«
»Ich kann’s.«
»Du kannst’s nicht.«
»Kann’s.«
»Kannst’s nicht.«
Ungemütliche Pause. Dann fängt Tom wieder an:
»Wie heißt du?«
»Geht dich nichts an.«
»Will dir schon zeigen, daß mich’s angeht.«
»Nun, so zeig’s doch.«
»Wenn du noch viel sagst, tu’ ich’s.«
»Viel – viel –viel! Da! Nun komm ‘ran!«
»Ach, du hältst dich wohl für furchtbar gescheit, gelt du? Du Putzaff’! Ich könnt’ dich ja unterkriegen mit einer Hand, auf den Rücken gebunden, – wenn ich nur wollt’!«
»Na, warumtustdu’s denn nicht? Dusagst‘s doch immer nur!« »Wart, ich tu’s, wenn du dich mausig machst!«
»Ja, ja, sagen kann das jeder, aber tun – tun ist was andres.«
»Aff’ du! Gelt du meinst, du seist was Rechtes? – Puh, was für ein Hut!«
»Guck’ wo anders hin, wenn er dir nicht gefällt. Schlag’ ihn doch runter! Der aber, der ‘s tut, wird den Himmel für ‘ne Baßgeig’ ansehen!«
»Lügner, Prahlhans!«
»Selber!«
»Maulheld! Gelt, du willst dir die Hände schonen?«
»Oh – geh heim!«
»Wart, wenn du noch mehr von deinem Blödsinn verzapfst, so nehm’ ich einen Stein und schmeiß ihn dir an deinem Kopf entzwei.«
»Ei, natürlich, – schmeiß nur!«
»Ja, ich tu’s!«
»Na, warum denn nicht gleich? Warum wartst du denn noch? Warumtustdu ‘s nicht? Ätsch, du hast Angst!«
»Ich Hab’ keine Angst.«
»Doch, doch!«
»Nein, ich hab’ keine.«
»Du hast welche!«
Erneute Pause, verstärktes Anstarren und langsames Umkreisen. Plötzlich stehen sie Schulter an Schulter. Tom sagt:
»Mach’ dich weg von hier!«
»Mach’ dich selber weg!«
»Ich nicht!«
»Ich gewiß nicht!«
So stehen sie nun fest gegeneinander gepreßt, jeder als Stütze ein Bein im Winkel vor sich gegen den Boden stemmend, und schieben, stoßen und drängen sich gegenseitig mit aller Gewalt, einander mit wutschnaubenden, haßerfüllten Augen anstarrend. Keiner aber vermag dem andern einen Vorteil abzugewinnen. Nachdem sie so schweigend gerungen, bis beide ganz heiß und glühendrot geworden, lassen sie wie auf Verabredung langsam und vorsichtig nach und Tom sagt:
»Du bist ein Feigling und ein Aff’ dazu. Ich sag’s meinem großen Bruder, der haut dich mit seinem kleinen Finger krumm und lahm, wart nur!«
»Was liegt mir an deinem großen Bruder! Meiner ist noch viel größer, wenn der ihn nur anbläst, fliegt er über den Zaun, ohne daß er weiß wie!« (Beide Brüder existierten nur in der Einbildung,)
»Das ist gelogen!«
»Was weißt denn du?«
Tom zieht nun mit seiner großen Zehe eine Linie in den Staub und sagt:
»Da spring’ rüber und ich hau dich, daß du deinen Vater nicht von einem Kirchturm unterscheiden kannst!«
Der neue Junge springt sofort, ohne sich zu besinnen, hinüber und ruft:
»Jetzt komm endlich ‘ran und tu’s und hau’, aber prahl’ nicht länger!«
»Reiz’ mich nicht, nimm dich in acht!«
»Na, nun mach aber, jetzt bin ich’s müde! Warum kommst du nicht!«
»Weiß Gott, jetzt tu’ ich’s für zwei Pfennig!«
Flink zieht der fremde Junge zwei Pfennige aus der Tasche und hält sie Tom herausfordernd unter die Nase.
Tom schlägt sie zu Boden.
Im nächsten Moment wälzen sich die Jungen fest umschlungen im Staube, krallen einander wie Katzen, reißen und zerren sich an den Haaren und Kleidern, bläuen und zerkratzen sich die Gesichter und Nasen und bedecken sich mit Schmutz und Ruhm. Nach ein paar Minuten etwa nimmt der sich wälzende Klumpen Gestalt an und in dem Staub des Kampfes wird Tom sichtbar, der rittlings auf dem neuen Jungen sitzt und denselben mit den Fäusten bearbeitet.
»Schrei ›genug‹«, mahnte er.
Der Junge ringt nur stumm, sich zu befreien, er weint vor Zorn und Wut.
»Schrei ›genug‹«, mahnt Tom noch einmal und drischt lustig weiter.
Endlich stößt der Fremde ein halb ersticktes »genug« hervor, Tom läßt ihn alsbald los und sagt: »Jetzt hast du’s, das nächstemal paß auf, mit wem du anbindst!«
Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub von den Kleidern klopfend. Gelegentlich sah er sich um, ballte wütend die Faust und drohte, was er Tom alles tun wolle, »wenn er ihn wieder erwische«. Tom antwortete darauf nur mit Hohngelächter und machte sich, wonnetrunken ob der vollbrachten Heldentat, in entgegengesetzter Richtung auf. Sobald er aber den Rücken gewandt hatte, hob der besiegte Junge einen Stein, schleuderte ihn Tom nach und traf ihn gerade zwischen den Schultern, dann gab er schleunigst Fersengeld und lief davon wie ein Hase. Tom wandte sich und setzte hinter dem Verräter her, bis zu dessen Hause, wodurch er herausfand, wo dieser wohnte. Er pflanzte sich vor das Gitter hin und forderte den Feind auf, herauszukommen und den Streit aufzunehmen, der aber weigerte sich und schnitt ihm nur Grimassen durch das Fenster. Endlich kam die Mutter des Feindes zum Vorschein, schalt Tom einen bösen, ungezogenen, gemeinen Buben und hieß ihn sich fortmachen. Tom trollte sich also, brummte aber, er wollte es dem Affen schon noch zeigen.
Erst sehr spät kam er nach Hause, und als er vorsichtig zum Fenster hineinklettern wollte, stieß er auf einen Hinterhalt in Gestalt der Tante. Als diese dann den Zustand seiner Kleider gewahrte, gedieh ihr Entschluß, seinen freien Sonnabend in einen Sträflingstag bei harter Arbeit zu verwandeln, zu eiserner Festigkeit.
Inhaltsverzeichnis
Der Sonnabend Morgen tagte, die ganze sommerliche Welt draußen war sonnig und klar, sprudelnd von Leben und Bewegung. In jedem Herzen schien’s zu klingen und zu singen, und wenn das Herz jung war, trat der Klang unversehens auf die Lippen. Freude und Lust malte sich in jedem Antlitz, jeder Schritt war beflügelt. Die Akazien blühten und erfüllten mit ihrem köstlichen Duft rings alle Lüfte.
Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Tünche und einem langstieligen Pinsel. Er stand vor dem Zaun, besah sich das zukünftige Feld seiner Tätigkeit und es war ihm, als schwände mit einem Schlage alle Freude aus der Natur. Eine tiefe Schwermut bemächtigte sich seines ahnungsvollen Geistes. Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der unglückliche Zaun! Das Leben schien ihm öde, das Dasein eine Last. Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die oberste Planke, wiederholte das Manöver einmal und noch einmal. Dann verglich er die unbedeutende übertünchte Strecke mit der Riesenausdehnung des noch ungetünchten Zaunes und ließ sich entmutigt auf ein paar knorrigen Baumwurzeln nieder. Jim, der kleine Nigger, trat singend und springend aus dem Hoftor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser an der Dorfpumpe holen zu müssen, war Tom bis jetzt immer gründlich verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihn die höchste Wonne. Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft traf; Weiße, Mulatten und Niggerjungen und Mädchen waren da stets zu finden, die warteten, bis die Reihe an sie kam und sich inzwischen ausruhten, mit allerlei handelten oder tauschten, sich zankten, rauften, prügelten und dergleichen Kurzweil trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer Wasser nie vor Ablauf einer Stunde zurückerwarten, obgleich die Pumpe kaum einige hundert Schritte vom Haus entfernt war und selbst dann mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom:
»Hör’, Jim, ich will das Wasser holen, streich’ du hier ein bißchen an.«
Jim schüttelte den Dickkopf und sagte:
»Nix das können, junge Herr Tom, Alte Tante sagen, Jim sollen nix tun andres als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. Sie sagen, junge Herr Tom wohl werden fragen Jim, ob er wollen anstreichen, aber er nix sollen es tun – ja nix sollen es tun.«
»Ach was, Jim, laß dir nichts weismachen, so redet sie immer. Her mit dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie merkt’s noch gar nicht.«
»Jim sein so bange, er’s nix wollen tun. Alte Tante sagen, sie ihm reißen Kopf ab, wenn er’s tun.«
»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich durchhauen, – die fährt einem ja nur mit der Hand über den Kopf, als ob sie streicheln wollte, und ich möcht’ wissen, wer sich daraus was macht. Ja, schwatzen tut sie von durchhauen und allem, aber schwatzen tut nicht weh, – das heißt, solang sie nicht weint dazu. Jim, da, ich schenk dir auch ‘ne große Murmel, – da und noch ‘nen Gummi dazu!«
Jim schwankte.
»‘nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!«
»O, du meine alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. Aber, junge Herr Tom, Jim sein so ganz furchtbar bange vor alte Tante!«
Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, – diese Versuchung erwies sich als zu stark für ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte die Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im nächsten Moment flog er jedoch, laut aufheulend, samt seinem Eimer die Straße hinunter, Tom tünchte mit Todesverachtung drauflos und Tante Polly zog sich stolz vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel in der Hand, Triumph im Auge.
Toms Eifer hielt nicht lange an. Ihm fiel all das Schöne ein, das er für diesen Tag geplant, und sein Kummer wuchs immer mehr. Bald würden sie vorüber schwärmen, die glücklichen Jungen, die heute frei waren, auf die Berge, in den Wald, zum Fluß, überall hin, wo’s schön und herrlich war. Und wie würden sie ihn höhnen und auslachen und verspotten, daß er dableiben und arbeiten mußte, – schon der Gedanke allein brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte seine weltlichen Güter, – alte Federn, Glas-und Steinkugeln, Marken und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um sich dafür einen Arbeitstausch zu verschaffen, aber keineswegs genug, um sich auch nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit zu erkaufen. Seufzend wanderten die beschränkten Mittel wieder in die Tasche zurück und Tom mußte wohl oder übel die Idee fahren lassen, einen oder den andern der Jungen zur Beihilfe zu bestechen. In diesem dunkeln, hoffnungslosen Moment kam ihm eine Eingebung! Eine große, eine herrliche Eingebung! Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung auf, Ben Rogers, dessen Spott er von allen gerade am meisten gefürchtet hatte. Ben’s Gang, als er so daherkam, war ein springender, hüpfender kurzer Trab, Beweis genug, daß sein Herz leicht und seine Erwartungen hochgespannt waren. Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen ein langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein tiefes gezogenes ding–dong–dang, ding–dong–dang folgte. Er stellte nämlich einen Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, gab er Halbdampf, hielt sich in der Mitte der Straße, wandte sich stark nach Steuerbord und glitt drauf in stolzem Bogen dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und Umständlichkeit, denn er stellte nichts Geringeres vor als den »Großen Missouri« mit neun Fuß Tiefgang. Er war Schiff, Kapitän, Mannschaft, Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also auf seiner eigenen Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus.
»Halt, stoppen! Klinge–linge–ling.« Der Hauptweg war zu Ende und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg zu. »Wenden! Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme an den Seiten niederfallen. »Wenden, Steuerbord! Klingelingeling! Tschu! tsch – tschu – u – tschu!«
Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte ein vierzig Fuß großes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling! Tschu–tsch–tschu–u–sch!« Der linke Arm begann nun Kreise zu beschreiben. »Steuerbord stoppen! Lustig, Jungens! Anker auf – nieder! Klingeling! Tsch–tschuu–tschtu! Los! Maschine stoppen! He, Sie da! Scht–sch–tscht!« (Ausströmen des Dampfes.)
Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer sein, Ben starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann:
»Hi–hi! Festgenagelt – äh?«
Keine Antwort, Tom schien seinen letzten Strich mit dem Auge eines Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem Pinsel noch einmal drüber und übersah das Resultat in derselben kritischen Weise wie zuvor. Ben marschierte nun neben ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem Apfel, er hielt sich aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben:
»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?«
»Ach, du bist’s, Ben, ich hab’ gar nicht aufgepaßt!«
»Hör du, ich geh schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber gelt, du arbeitst lieber, natürlich, du bleibst viel lieber da, gelt?«
Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten.
»Was nennst du eigentlich arbeiten?«
»W–was? Ist das keine Arbeit?«
Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig:
»Vielleicht – vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, daß das dem Tom Sawyer paßt.«
»Na, du willst mir doch nicht weismachen, daß du’s zum Vergnügen tust?«
Der Pinsel strich und strich.
»Zum Vergnügen? Na, seh’ nicht ein, warum nicht. Kann unsereiner denn alle Tag ‘nen Zaun anstreichen?«
Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit seinem Pinsel hin und her, trat dann zurück, um die Wirkung zu prüfen, besserte hier und da noch etwas nach, prüfte wieder, alles ohne sich im geringsten um Ben zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung, eifriger und eifriger mit steigendem Interesse. Sagt er plötzlich:
»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!«
Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese Absicht wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, wahrhaftig nicht. Weißt du, Tante Polly nimmt’s besonders genau mit diesem Zaun, so dicht bei der Straße, siehst du. Ja, wenn’s irgendwo dahinten wär’, da lag nichts dran, – mir nicht und ihr nicht – so aber! Ja, sie nimmt’s ganz ungeheuer genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig gestrichen werden, – einer von hundert Jungen vielleicht, oder noch weniger, kann’s so machen, wie’s gemacht werden muß.«
»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich’s probieren, nur ein ganz klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, wenn ich’s zu tun hätte!«
»Ben, wahrhaftig, ich tät’s ja gern, aber Tante Polly – Jim hat’s tun wollen und Sid, aber die haben’s beide nicht gedurft. Siehst du nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn du nun anstreichst und ‘s passiert was und der Zaun ist verdorben, dann–«
»Ach, Unsinn, ich will’s schon rechtmachen. Na, gib her, – wart’, du kriegst auch den Rest von meinem Apfel; ‘s ist freilich nur noch der Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch noch drum.«
»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab’ Angst, du –«
»Da hast du noch ‘nen ganzen Apfel dazu!« Tom gab nun den Pinsel ab. Widerstreben im Antlitz, Freude im Herzen. Und während der frühere Dampfer »Großer Missouri« im Schweiße seines Angesichts drauflos strich, saß der zurückgetretene Künstler auf einem Fäßchen im Schatten dicht dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang seinen Apfel und brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer in sein Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen in Menge vorüber. Sie kamen, um zu spotten und blieben, um zu tünchen! Als Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt gemacht mit Billy Fischer, der ihm einen fast neuen, nur wenig geflickten Drachen bot. Dann trat Johnny Miller gegen eine tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin-und Herschwingen befestigt war und so weiter und so weiter, Stunde um Stunde. Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen, ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden. Er besaß außer den Dingen, die ich oben angeführt, noch zwölf Steinkugeln, eine freilich schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues Glas, um die Welt dadurch zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen alten Schlüssel und nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide, einen halb zerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen mit nur einem Auge, einen alten messingnen Türgriff, ein Hundehalsband ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes, wackeliges Stück Fensterrahmen, Dazu war er lustig und guter Dinge, brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die ganze Zeit über und hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm lieb war. Der Zaun wurde nicht weniger als dreimal vollständig überpinselt, und wenn die Tünche im Eimer nicht ausgegangen wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen Jungen des Dorfes bankrott gemacht.
Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und öde vor. Ohne es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um das Begehren eines Menschen, sei er nun erwachsen oder nicht, – das Alter macht in dem Fall keinen Unterschied – also, um eines Menschen Begehren nach irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das Erlangen dieses »etwas« schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der Schreiber dieses Buches, er hatte daraus gelernt, wie der Begriff vonArbeiteinfach darin besteht, daß man etwas tunmuß, daß dagegen Vergnügen das ist, was man freiwillig tut. Er würde verstanden haben, warum künstliche Blumen machen oder in einer Tretmühle gehen »Arbeit« heißt, während Kegelschieben im Schweiße des Angesichts oder den Montblanc erklettern lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese Widersprüche in der menschlichen Natur!
Inhaltsverzeichnis
Tom erschien vor Tante Polly, die am offenen Fenster eines Hinterzimmers saß, das Schlaf-, Wohn-, Eßzimmer, Bibliothek, alles in sich vereinigte. Die balsamische Sommerluft, die friedliche Ruhe, der Blumenduft, das einschläfernde Summen der Bienen, alles hatte seine Wirkung auf sie ausgeübt, – sie war über ihrem Strickstrumpf eingenickt in Gesellschaft der Katze, die auf ihrem Schoße friedlich schlummerte. Die Brille war zur Sicherheit ganz auf den alten, grauen Kopf geschoben. Sie war fest überzeugt gewesen, daß Tom längst durchgebrannt sei und wunderte sich nun nicht wenig, als er sich jetzt so furchtlos ihrer Macht überlieferte.
»Darf ich jetzt gehen und spielen, Tante?« fragte er.
»Was – schon? Ei, wie weit bist du denn?«
»Fertig, Tante.«
»Tom, schwindle nicht, du weißt, das kann ich nicht vertragen.«
»Gewiß und wahrhaftig, Tante, ich bin fertig.«
Tante Polly schien nur wenig Zutrauen zu der Angabe zu hegen, denn sie erhob sich, um selbst nachzusehen; sie wäre froh und dankbar gewesen, hätte sie nur zwanzig Prozent von Toms Aussage bestätigt gefunden. Als sie aber nun den ganzen Zaun getüncht fand und nicht nur so einmal leicht überstrichen, sondern sorgsam mit einer festen, tadellosen Lage Tünche versehen, da kannte ihr Erstaunen, ihre freudige Ver-und Bewunderung keine Grenzen.
»Na, so was!« stieß sie fast atemlos hervor. »Arbeitenkannstdu, wenn du willst, Tom, das muß dir dein Feind lassen. Selten genug freilich willst du einmal«, schwächte sie ihr Kompliment ab. »Aber nun geh und spiel, mach dich flink fort. Daß du mir aber vor Ablauf einer Woche wiederkommst, hörst du, sonst gerb ich dir das Fell doch noch durch!«
Sie war aber so gerührt von seiner Heldentat, daß sie ihn zuerst noch mit in die Speisekammer nahm und einen herrlichen, dicken, rotbackigen Apfel auslas, den sie ihm einhändigte, daran den salbungsvollen Hinweis knüpfend, wie Verdienst und ehrliche Anstrengung den Genuß einer Gabe erhöhe, die man als Lohn der Tugend erworben, nicht durch sündige Tücke. Und während sie die Predigt mit einer ebenso passend als glücklich gewählten Schriftstelle schloß, hatte Tom hinterrücks ein Stückchen Kuchen stibitzt, um sich den Lohn der Tugend wie der Errungenschaft sündiger Tücke ganz gleich gutschmecken zu lassen.
Dann schlüpfte er hinaus und sah gerade, wie Sid die Außentreppe, die zu dem Hinterzimmer des zweiten Stocks führte, hinaufhuschte, Erdklumpen waren zur Hand und im Moment war die Luft voll davon. Sie flogen um Sid wie ein Hagelwetter, und ehe noch Tante Polly ihre überraschten Lebensgeister sammelte oder zu Hilfe kommen konnte, hatten sechs oder sieben ihr Ziel getroffen, Sid brüllte und Tom war über den Zaun gesetzt und verschwunden. Es gab freilich auch ein Tor, aber für gewöhnlich konnte es Tom aus Mangel an Zeit nicht benutzen. Nun hatte seine Seele Ruhe, jetzt hatte er abgerechnet mit Sid und ihm die Verräterei mit dem schwarzen Zwirn heimgezahlt. Der würde ihn nicht so bald wieder in Ungelegenheiten zu bringen wagen!
Tom schlich auf Umwegen hinter dem Stalle, um Haus und Hof herum, bis er außer dem Bereich der Gefangennahme und Abstrafung war, dann setzte er sich eiligst nach dem Hauptplatz des Dorfes in Trab, wo der Verabredung gemäß zwei feindliche Heere sich eine Schlacht liefern sollten. Tom war General der einen Armee, Joe Harper, sein Busenfreund, General der zweiten. Die beiden ruhmgekrönten, großen Anführer ließen sich aber nicht zum Fechten in Person herbei; bewahre, ganz nach berühmten Mustern sahen sie nur von ferne zu, von irgendeiner Erhöhung herab und leiteten die Bewegungen der kämpfenden Heere durch Befehle, welche Adjutanten überbringen mußten. Nach langem, heißem Kampfe trug Toms Schar den Sieg davon. Nun wurden die Toten gezählt, Gefangene ausgetauscht, die Bedingungen zum nächsten Streit vereinbart und der Tag für die daraus notwendig sich ergebende Schlacht festgesetzt, die Armeen lösten sich auf und Tom marschierte allein heimwärts.
Als er am Hause des Bürgermeisters vorüberkam, sah er ein fremdes kleines Mädchen im Garten, ein liebliches, zartes, blauäugiges Geschöpf mit langen gelben, in zwei dicke Schwänze geflochtenen Haaren, weißem Sommerkleid und gestickten Höschen. Der ruhmgekrönte Held fiel ohne Schuß und Streich. Eine gewisse Anny Lorenz verschwand aus seinem Herzen, ohne auch nur einen Schatten ihrer selbst zurückzulassen. Tom hatte seine Liebe zu besagter Anny für verzehrende Feuersglut gehalten und nun war es nur noch ein leise flackerndes, verlöschendes Flämmchen, Monate lang hatte er um sie geworben, vor einer Woche erst hatte sie ihm ihre Gegenliebe gestanden, sieben Tage lang war er der stolzeste, glücklichste Junge des Städtchens gewesen und jetzt – im Umdrehen hatte sie sich empfohlen aus seinem Herzen, wie irgendein fremder Besuch, dessen Zeit um ist.
