Die besten Ärzte 8 - Sammelband - Liz Klessinger - E-Book

Die besten Ärzte 8 - Sammelband E-Book

Liz Klessinger

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Beschreibung

Willkommen zur privaten Sprechstunde in Sachen Liebe! Sie sind ständig in Bereitschaft, um Leben zu retten. Das macht sie für ihre Patienten zu Helden. Im Sammelband "Die besten Ärzte" erleben Sie hautnah die aufregende Welt in Weiß zwischen Krankenhausalltag und romantischen Liebesabenteuern. Da ist Herzklopfen garantiert! Der Sammelband "Die besten Ärzte" ist ein perfektes Angebot für alle, die Geschichten um Ärzte und Ärztinnen, Schwestern und Patienten lieben. Dr. Stefan Frank, Chefarzt Dr. Holl, Notärztin Andrea Bergen - hier bekommen Sie alle! Und das zum günstigen Angebotspreis! Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane: Chefarzt Dr. Holl 1773: Auf viel zu dünnem Eis Notärztin Andrea Bergen 1252: Zu Gast bei den Bergens Dr. Stefan Frank 2206: Ein Haus für unsere Träume Dr. Karsten Fabian 149: Verena, die verleugnete Tochter Der Notarzt 255: Was soll jetzt noch schiefgehen? Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten. Jetzt herunterladen und sofort sparen und lesen.

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Impressum

BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Für die Originalausgaben: Copyright © 2013/2014/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotiv von © DjelicS/iStockphoto ISBN 978-3-7325-9116-9

Katrin Kastell, Liz Klessinger, Stefan Frank, Ina Ritter, Karin Graf

Die besten Ärzte 8 - Sammelband

Inhalt

Katrin KastellDr. Holl - Folge 1773Kurz vor Weihnachten zieht der junge Anwalt Dr. Benedikt Erler mit seiner achtjährigen Tochter Larissa in die unmittelbare Nachbarschaft der Arztfamilie Holl. Und von Anfang an kann Julia Holl sich des unguten Gefühls nicht erwehren, das sie bei dieser Neuigkeit überkommt: Jahrelang hat das "Unglückshaus", wie es im Viertel heißt, leer gestanden, denn hinter seinen Mauern hat sich Furchtbares abgespielt. Doch als Julia dem sympathischen Witwer und seiner kleinen Tochter begegnet, beschließt sie, alle dunklen Erinnerungen beiseitezuschieben und den beiden von Herzen Glück zu wünschen ... Aber ausgerechnet in den gemütlichen Tagen nach Weihnachten reißt ein gellender Schrei die Holls aus ihrer Ruhe. Er kommt aus dem Nachbargarten! Als Stefan und Julia nach nebenan eilen, bietet sich ihnen ein Horrorszenario! Das Unglück von einst scheint sich auf dramatische Weise zu wiederholen - und wieder ringt ein Kind mit dem Tod ...Jetzt lesen
Liz KlessingerNotärztin Andrea Bergen - Folge 1252Fröhliches Lachen erklingt im Garten des Arztehepaars Bergen; Andrea und Werner haben gute Freunde und Nachbarn zu einem zwanglosen Grillabend eingeladen. Dass diese Einladung einen ganz bestimmten Grund hat, weiß nur Andrea: Seit Langem schon ist ihre Freundin Katja in Frank Imhoff, einen jungen Anwalt, verliebt. Und heute soll der Funke zwischen den beiden endlich überspringen ... Als sich Katja für einen Moment ins Badezimmer im ersten Stock der Villa zurückzieht, ahnt niemand etwas von dem nahenden Unglück. Doch da zerstören lautes Poltern und ein gellender Schrei die ausgelassene Stimmung! Und als Andrea ihre Freundin leblos am Fuß der Treppe findet, ahnt sie, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es einmal war ...Jetzt lesen
Stefan FrankDr. Stefan Frank - Folge 2206Wie lange haben sich Jan und Lara auf diesen Tag gefreut! Endlich ziehen sie in ihr eigenes Haus. Den Bildern nach zu urteilen, muss die alte Villa in der Grünwalder Gartenstraße ein wahres Schmuckstück sein. Doch als sie dann vor dem verfallenen alten Gebäude stehen, müssen sie erkennen, dass sie das Opfer eines skrupellosen Immobilienhais geworden sind. Wie sollen sie diese Ruine je wieder in Ordnung bringen? Zum Glück sind die beiden jung, verliebt und voller Tatendrang, und so können staunende Passanten Tag für Tag bewundern, wie hinter der hässlichen Fassade ein wunderschönes Bauwerk zum Vorschein kommt ... Auch Stefan Franks Haushälterin Frau Quandt begutachtet eines Morgens das völlig veränderte Gebäude. Aber was ist das? Wieso kommen da dicke Rauschschwaden unter der Tür hervor? Es wird doch nicht brennen? Die netten jungen Leute sind doch noch darin! Lautstark schreit sie um Hilfe. Doch wird die noch rechtzeitig kommen? Und was wird aus Jans und Laras Traum?Jetzt lesen
Ina RitterDr. Karsten Fabian - Folge 149Norbert Arbergens Leben verläuft in geregelten Bahnen. Im Heidedorf Altenhagen fühlt er sich wohl, seine Arbeit macht ihm Spaß, und mit seiner Frau führt er eine gute Ehe. Er ist Heidi immer treu gewesen - bis auf ein Mal. Das war vor siebzehn Jahren. In einer Bierlaune hat Norbert sich verführen lassen. Heidi hat nie davon erfahren, und für Norbert ist diese Episode längst vorbei und vergessen. Bis eines Tages eine junge Frau anruft und ihm mit schüchtern klingender Stimme gesteht, dass sie ihn nun endlich kennenlernen will - ihn, ihren Vater ...Jetzt lesen
Karin GrafDer Notarzt - Folge 255Die schüchterne Laborassistentin Selina kann ihr Glück gar nicht fassen, als der gut aussehende und charmante Stationsarzt Gabriel Ritter sie darum bittet, mit ihm auszugehen. Schließlich ist er dafür bekannt, dass er Frauen aus dem Weg geht, seit er vor drei Jahren eine große Enttäuschung erlebt hat. Doch was für die glückliche Frau wie eine traumhafte Liebe beginnt, entwickelt sich jäh zum Albtraum. Von einem Moment auf den anderen ist der vorher so verliebte Gabriel wie ausgewechselt. Er beachtet Selina nicht mehr, lässt sie einfach stehen und hält stattdessen plötzlich eine andere Frau in den Armen - die neue Physiotherapeutin Marie. Der junge Mediziner scheint von der wunderschönen Frau wie verzaubert zu sein und flirtet heftig mit ihr. Gabriel ahnt ja nicht, dass Marie einen ausgeklügelten Plan hat, in dem er die Hauptrolle spielt. Derweil werden die Mitarbeiter und Patienten der Sauerbruch-Klinik von ganz anderen Problemen geplagt: Seit einigen Tagen wird dort alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist. Die Polizei wird eingeschaltet, und was die schließlich herausfindet, macht alle Beteiligten sprachlos ...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Auf viel zu dünnem Eis

Vorschau

Auf viel zu dünnem Eis

Dr. Holl und eine dramatische Rettungsaktion

Von Katrin Kastell

Kurz vor Weihnachten zieht der junge Anwalt Dr. Benedikt Erler mit seiner achtjährigen Tochter Larissa in die unmittelbare Nachbarschaft der Arztfamilie Holl. Und von Anfang an kann Julia Holl sich des unguten Gefühls nicht erwehren, das sie bei dieser Neuigkeit überkommt: Jahrelang hat das „Unglückshaus“, wie es im Viertel heißt, leer gestanden, denn hinter seinen Mauern hat sich Furchtbares abgespielt. Doch als Julia dem sympathischen Witwer und seiner kleinen Tochter begegnet, beschließt sie, alle dunklen Erinnerungen beiseitezuschieben und den beiden von Herzen Glück zu wünschen …

Aber ausgerechnet in den gemütlichen Tagen nach Weihnachten reißt ein gellender Schrei die Holls aus ihrer Ruhe. Er kommt aus dem Nachbargarten! Als Stefan und Julia nach nebenan eilen, bietet sich ihnen ein Horrorszenario! Das Unglück von einst scheint sich auf dramatische Weise zu wiederholen – wieder ringt ein Kind mit dem Tod …

Ganz außer Atem erreichte Schwester Verena die Innere Abteilung. Hoffentlich hatte niemand bemerkt, dass sie für eine halbe Stunde außer Haus gewesen war! Nun kam sie mit einer Tüte voller Kosmetik-Artikel zurück und brachte sie auf direktem Weg dem Patienten von Zimmer zwölf.

Bevor sie das Zimmer des attraktiven Mannes betrat, nahm sie ein paar tiefe Atemzüge, um sich zu sammeln, doch das Herzklopfen blieb. Sie warf noch einen prüfenden Blick in die edel wirkende Papiertüte mit der Aufschrift Drogerie Bertram. Darin befand sich ein Rasierwasser mit einem holzig-herben Duft, von dem sie glaubte, dass es hervorragend zu diesem Mann passte, der trotz seiner Herzprobleme einen überaus sportlichen Eindruck machte. Falls es ihm nicht gefiel, konnte sie es problemlos umtauschen.

Sie klopfte kurz und drückte die Klinke herunter.

Er telefonierte schon wieder. Das Telefon schien mit seiner Hand beziehungsweise seinem Ohr verwachsen zu sein. Zehn Sekunden später beendete er das Gespräch und seufzte erleichtert.

„Nun ist auch die Betreuung meiner Tochter geklärt“, sagte er. „Das war mein größtes Problem. Zwei, drei Tage kann ich bleiben, länger aber auf keinen Fall.“

„Dazu kann ich nichts sagen“, erwiderte Verena Bertram. „Das müssen Sie mit Dr. Holl besprechen.“ Sie verstand selbst nicht, warum dieser Mann sie so unwiderstehlich anzog. Sie war doch sonst eher verschlossen, wenn sie mit männlichen Patienten zu tun hatte. Mit Benedikt Erler war alles anders.

Sie nutzte jede Möglichkeit, nach ihm zu schauen. Einen Vorwand dafür gab es immer. Und als er sie gestern Abend gebeten hatte, ihm Zahnpasta plus Zahnbürste, ein Rasierwasser und ein Shampoo zu besorgen, hatte sie natürlich sofort zugesagt.

„Sind das die Sachen, die Sie für mich einkaufen wollten? Schwester Vera, Sie sind ein Engel.“

„Verena“, korrigierte sie ihn. Offensichtlich hatte sie keinen großen Eindruck bei ihm hinterlassen, sonst hätte er sich ihren Namen gemerkt.

„Verena!“, wiederholte er. „Natürlich. Entschuldigen Sie. Aber ich weiß zurzeit nicht, wo mir der Kopf steht. Ich in einem Krankenhaus! Das ist Neuland für mich. Daran kann ich mich nur schlecht gewöhnen.“

Sie breitete die Kosmetik-Produkte auf seiner Bettdecke aus. Der Patient warf nur einen kurzen Blick darauf, schien aber zufrieden zu sein. „Ich danke Ihnen ganz herzlich, Schwester Verena. Was bin ich Ihnen schuldig?“

Sie hielt ihm den Kassenzettel hin. „Fünfundfünfzig Euro.“

Er holte seine Brieftasche aus der Schublade des Nachttisches und entnahm ihr zwei Scheine, fünfzig und zwanzig Euro.

„Das kann ich im Augenblick nicht wechseln …“

„Sie wechseln mir gar nichts“, ordnete er mit einer Stimme an, die keinen Widerspruch duldete. Er schien es gewohnt zu sein, dass sein Wort Gewicht hatte. „Der Rest ist für Sie. Betrachten Sie es als kleine Entschädigung für Ihre Bemühungen!“

„Aber …“

„Keine Widerrede.“

Verena spürte, wie sich die Hitze ganz rasch einen Weg zu ihrem Gesicht bahnte. Gleichzeitig empfand sie Ärger darüber. Du lieber Himmel, mit ihren siebenundzwanzig Jahren war sie eine erfahrene Pflegerin! Es gab also nicht den kleinsten Grund, wie ein Teenager beim ersten Rendezvous zu erröten, nur weil ein sympathischer Mann sie anlächelte.

„Ich danke Ihnen, Verena. Wissen Sie, bisher hielt ich Krankenschwestern immer für Mensch gewordene Drachen, die im Kasernenhofton Befehle erteilen.“ Er zwinkerte ihr zu. „In Ihrem Fall lag ich ziemlich daneben. Sie haben viel Herz. So was braucht ein Mensch in meiner misslichen Lage, wie ich sie gerade erlebe.“

Ihre Röte vertiefte sich noch. Sie presste die Lippen zusammen, aber das half auch nichts.

„Wenn Sie noch etwas brauchen …“ Verena war froh, dass sie wenigstens nicht ins Stottern kam.

Bevor sie noch etwas sagen konnte, ging die Tür ging auf und Stationsschwester Margot trat ein. Überrascht blieb sie stehen, schaute von einem zum anderen und musterte ausgiebig die Sachen, die auf der Bettdecke lagen.

„Das hat mir Ihre Kollegin freundlicherweise besorgt“, fühlte sich der Patient zu einer Erklärung bemüßigt, ohne allerdings zu ahnen, dass er Verena mit dieser Aussage keinen Gefallen tat. „Ich räume es sofort weg.“

„Ich muss Ihnen Blut abnehmen, Herr Dr. Erler.“

Der Anwalt stöhnte auf. „Schon wieder? Schauen Sie sich doch an, wie Sie mich schon zugerichtet haben!“ Anklagend präsentierte er die Blutergüsse in der Armbeuge.

„Das verschwindet alles wieder“, erwiderte Margot ungerührt und schlang ein Gummiband um den Oberarm.

„Wiedersehen“, sagte Verena und wandte sich zur Tür.

„Nochmals vielen Dank!“, rief er ihr nach.

Als sie draußen auf dem Gang stand, ahnte sie schon, dass die Besorgung, die sie für den Patienten erledigt hatte, noch unschöne Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Denn die kleine Drogerie, die nicht besonders gut lief, gehörte ausgerechnet ihrer Schwester Hanna. Und Margot wusste das.

***

Von Herzrhythmusstörungen geplagt, hatte sich Benedikt gestern direkt vom Gerichtssaal weg in die Berling-Klinik bringen lassen. Bei einer ersten Untersuchung stellte Dr. Holl Vorhofflimmern fest und legte dem Anwalt dringend nahe, die Gründe für diese Arhythmie abklären zu lassen.

Erst hatte Benedikt Erler einen Klinikaufenthalt mit dem Argument abgelehnt, dass er sich eine Auszeit gar nicht leisten könne. Schließlich müsse er seine Termine einhalten.

Dann aber hörte er doch auf den Ratschlag des erfahrenen Chefarztes und willigte in die stationäre Aufnahme ein, da ihm das anfallartig auftretende Herzrasen doch als mögliche Gefahrenquelle erschien.

Im anschließenden Gespräch gab der Patient an, bisher keine Einschränkungen seiner Leistungsfähigkeit bemerkt zu haben. Als Dr. Holl dennoch auf einen kompletten Gesundheitsscheck drängte, fügte sich Benedikt nach anfänglichem Sträuben schließlich doch in das Unvermeidliche.

Dr. Benedikt Erler, achtunddreißig Jahre alt, ein erfolgreicher Strafverteidiger, war nach eigenen Angaben bisher immer gesund gewesen, von ein paar Erkältungskrankheiten einmal abgesehen. Allerdings gab es für ihn in letzter Zeit sowohl beruflich als auch privat einige Probleme.

Kurz nach der Blutabnahme durch Schwester Margot traten die Herzrhythmusstörungen bei ihm erneut auf, diesmal sogar ziemlich heftig. Benedikt geriet in Panik. Sofort wurde Chefarzt Dr. Holl gerufen.

Der Klinikchef hatte Mühe, den Patienten zu beruhigen.

„Damit der Herzschlag sich wieder normalisiert, schlage ich Ihnen eine Elektrokardioversion vor. Davor brauchen Sie keine Angst zu haben. Mit dieser Methode werden elektrische Impulse über die Brustwand auf das Herz geleitet. Oftmals gelingt es dann, das Herz wieder in seinen regelmäßigen Rhythmus zu bringen.“

„Stromschläge? Und das ist wirklich nicht gefährlich?“ Benedikt konnte es kaum glauben.

„Da Sie erst seit Kurzem unter diesen Problemen leiden, könnte die Kardioversion durchaus erfolgreich sein. Wenn Sie einverstanden sind, versuchen wir es.“

Benedikt Erler zögerte immer noch.

„Sie sind noch jung. Bis jetzt haben wir noch keine ausgeprägte Herzschädigung festgestellt. Bei dieser Methode bewirkt die elektrische Stromabgabe, dass alle Herzmuskelzellen gleichzeitig erregt werden. Das ist vergleichbar mit einem Reset beim PC.“

„Und wenn das nichts bringt?“

„Dann führen wir eine Katheterablation durch. Dabei werden die Stellen im Herzen, die für das Vorhofflimmern verantwortlich sind, elektrisch isoliert. Sollte auch das erfolglos sein, wird die Herzfrequenz mit Medikamenten gebremst.“

Dr. Holl hielt inne und betrachtete seinen Patienten, dem man nicht ansah, dass er an Herzproblemen leiden könnte. Gesicht und Oberkörper des Mannes waren leicht gebräunt. Die muskulösen Arme verrieten eine regelmäßige sportliche Betätigung. Möglicherweise war auch zu viel Stress der Auslöser für die Herzprobleme.

„Spielen Sie Tennis?“

„Ja, schon seit meiner Jugend. Leider habe ich in den letzten Wochen etwas zu viel gearbeitet, sodass ich kaum zum Tennisplatz gekommen bin, aber das wird sich wieder ändern. Ich hatte ein paar Probleme zu meistern. Doch das ist jetzt geschafft. Nächste Woche ziehe ich um. Zum Glück muss ich nicht selbst die Kisten packen. Das wird von einer Firma erledigt.“

„Bleiben Sie in München?“

„Ja, natürlich. Aus München gehe ich nicht weg. Hier ist meine Kanzlei, die ziemlich gut läuft. Darum habe ich ein Haus in der Schubertallee gekauft.“

„Ach, wirklich? Wir wohnen in der Parallelstraße.“

„Welche Hausnummer haben Sie?“

Stefan nannte sie ihm.

Benedikt lachte. „Ich glaube, dann liegen unsere Grundstücke auf gleicher Höhe. Unsere Gärten grenzen aneinander.“

„Dann kann es nur das Haus mit dem großen Naturteich sein“, stellte Dr. Holl fest.

„Genau. Und bei Ihnen gibt es einen Swimmingpool, wie mir der Makler sagte. Zu sehen ist davon allerdings nichts. Die Begrenzungshecke ist ja ziemlich dicht.“ Benedikt grinste schelmisch. „Dann kann ich ja schnell vorbeikommen, wenn mich wieder mal ein Zipperlein plagt.“

„Dicht ist sie schon, aber es gibt eine Stelle in der Hecke, durch die sich die Kinder früher gezwängt haben. Unser Sohn Chris war mit dem Nachbarsjungen befreundet. Er hieß Jakob.“

Das Drama, das sich damals auf dem Nachbargrundstück ereignet und das dem Jungen das Leben gekostet hatte, erwähnte er nicht.

„Jetzt werden wir Sie erst einmal so kurieren, dass Sie gut durch die nächsten Jahre kommen“, fuhr der Klinikchef fort. „Das werden Sie auch schaffen, wenn Sie ein paar kleine Anordnungen befolgen, die ich Ihnen dann noch mit auf den Weg gebe.“

Zwischen den beiden Männern entstand eine spontane Sympathie. Es freute den Anwalt, an so einen verständnisvollen Arzt geraten zu sein, der ganz im Gegensatz zu ihm selbst nicht unter Zeitdruck stand.

„Bald liegen uns alle Befunde vor, dann werden wir noch heute die Elektrokardioversion durchführen. Es besteht kein Grund zur Sorge.“

Der Anwalt fühlte sich in der Berling-Klinik gut aufgehoben. Dennoch wollte er über die angebotenen Maßnahmen nachdenken und versprach, dem Cheafarzt noch heute seine Entscheidung mitzuteilen.

Kaum hatte Dr. Holl das Zimmer verlassen, bekam Benedikt Besuch von der Frau, die mit ihm in das neue Heim einziehen würde.

„Liebster, was machst du denn für Sachen?“, rief sie aus, warf sich halb über ihn und bedeckte sein Gesicht mit vielen kleinen Küssen. Dazwischen stellte sie ihm eine Frage nach der anderen, ohne ihm Zeit für eine Antwort zu lassen.

Einerseits war er froh, dass seine Lebensgefährtin vorzeitig von ihrer Reise zurückgekehrt war, andererseits fühlte er sich in diesem Augenblick etwas überfordert.

Ellen Kamps war eine ebenso schöne wie temperamentvolle Frau, gelegentlich auch etwas anstrengend. Dennoch fühlte er sich wohl mit ihr. Das einzige Problem, das sie beide nachhaltig beschäftigte, war seine Tochter. Larissa mochte Ellen nicht und zeigte ihr das, wann und wo sie nur konnte.

Immer noch hoffte Benedikt, dass Larissa im Laufe der Zeit zugänglicher werden würde, doch inzwischen glaubte er nicht mehr daran. Larissa wurde stattdessen immer widerspenstiger, obwohl sich Ellen viel Mühe mit dem achtjährigen Mädchen gab, jedenfalls dann, wenn sie da war.

Als Sportjournalistin musste Ellen viel reisen. Sie kam in der ganzen Welt herum, berichtete von allen großen Sportereignissen, besonders über Tennis-Turniere und Schwimm-Meisterschaften und natürlich auch von den Olympischen Spielen.

Benedikt stellte sich immer wieder vor, wie es wohl wäre, wenn er und Ellen heiraten würden. Seit dem Tod seiner Frau Karin lebte er allein mit Larissa. Immer wieder stellte er Erzieherinnen ein, die sich um das Kind kümmerten, doch Larissa machte jeden Tag neue Schwierigkeiten. Ihrer Meinung nach brauchten sie niemanden, weil sie zu zweit bestens zurechtkamen.

Da aber die Kanzlei, die er von seinem Onkel übernommen hatte, immer größer wurde, blieb ihm viel zu wenig Zeit für sein Kind. Ein Mädchen in diesem Alter konnte nun mal nicht allein zu Hause bleiben. Das sah Larissa zwar irgendwie ein, und sie versprach auch, sich gut zu benehmen, wenn er wieder jemanden einstellte, aber dann hielt sie sich nicht daran.

Er brauchte eine Weile, bis er die Erkenntnis gewann, dass es wohl bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag dauern würde, bis Ellen und Larissa ihr Kriegsbeil begraben würden.

Im Grunde hatte seine Verlobte auch gar nicht die Zeit, sich eingehend mit Kindererziehung auseinanderzusetzen. Ellen liebte ihren Beruf. Niemals würde sie wegen eines Kindes, das noch nicht einmal ihres war, darauf verzichten. Als er ihr einmal vorschlug, sich doch einen Job in München zu suchen, hatte sie sein Ansinnen strikt abgelehnt.

Auch sein Hinweis, dass sie noch ein gemeinsames Kind bekommen könnten, begeisterte sie nicht. „Ich bin nun mal kein Muttertyp“, hatte sie geantwortet.

Ellen beendete ihre Küsschen-Serie, hob den Kopf und schaute Benedikt aufmerksam an. „Jetzt erzähl mir endlich, warum du in der Klinik bist!“, verlangte sie.

„Das versuche ich ja schon die ganze Zeit, aber deine Zärtlichkeiten wollte ich mir auch nicht entgehen lassen. Vorneweg: Es ist nichts Schlimmes. Nur das Herz ist ein bisschen aus dem Takt geraten.“

„Entweder hast du dich in eine andere verliebt. Oder ich habe dir gefehlt“, analysierte sie kurz die Lage, wie sie sich aus ihrer Sicht darstellte.

„Keine andere“, erwiderte er kopfschüttelnd. „Du bist und bleibst die Einzige.“

„Jetzt bin ich wieder da und helfe dir beim Gesundwerden. Wer kümmert sich um Larissa?“

„Sie ist bei meiner Cousine im Pasing. Charlotte fährt aber nächste Woche in Urlaub. Bis dahin muss ich eine andere Lösung finden. Aber wenn du jetzt da bist, könntest du doch …“

„Tut mir leid, mein Schatz, das geht nicht. Leider. Du hast wohl vergessen, dass meine Schwester heiratet. Ich bin so was wie ihre Brautjungfer.“ Ellen lächelte breit. „Nun ja, vielleicht bin ich dafür ein bisschen zu alt, aber ich muss trotzdem dabei sein. Du und ich, wir fahren also nächste Woche nach Hamburg. Bis dahin bist du doch hoffentlich wieder auf den Beinen?“

„Das wird nicht möglich sein“, erwiderte Benedikt seufzend. „Erstens ist es fraglich, ob ich bis dahin wieder fit bin und reisen kann. Zweitens steht der Umzug an. Und drittens, wer soll Larissa betreuen?“

„Wir nehmen sie einfach mit.“

„Geht nicht, sie muss zur Schule. Außerdem fängt sie jetzt mit ihrem Eislauf-Kurs an. Sie freut sich schon sehr darauf.“

„Für ein paar Tage sollte es gehen …“

„Nein, die Schule ist jetzt enorm wichtig“, fiel er ihr ins Wort. „Larissa ist ohnehin zurzeit in einem Lerntief. Sie bringt nur schlechte Noten nach Hause. Ihr mangelt es an der nötigen Konzentration. Und irgendwie hat das natürlich mit unserer Situation zu tun. Ständig wechselnde Erzieherinnen, der Papa entweder in der Kanzlei oder vor Gericht. Und die Stiefmama kurvt in der Weltgeschichte herum.“

„Du willst mir wohl ein schlechtes Gewissen machen“, stellte Ellen mit einem feinen Lächeln fest. „Aber so ganz ist es dir noch nicht gelungen.“

„Vielleicht schaffen wir es mit der Zeit ja doch noch, so etwas wie ein Zusammenleben herzustellen. Wenn du öfter zu Hause wärst, würde Larissa dich doch noch mögen.“

Ellen schwieg. Was sollte sie auch dazu sagen? Benedikt musste wissen, dass es zwischen ihr und dem Kind nicht gut lief. Vielleicht änderte sich das ja irgendwann, wenn Larissa älter war. Aber im Augenblick war die Kleine auf Papas Freundin nur eifersüchtig.

Als Benedikt spürte, dass sich zwischen ihnen wieder ein Graben auftat, wechselte er schnell das Thema. „Hast du deine Wohnung schon gekündigt?“, wollte er wissen. Das neue Haus bot einer Großfamilie ausreichend Platz. Zu den sechs Zimmern kamen noch zwei Bäder, eine große Küche, zwei Abstell- und Vorratskammern und ein ausbaufähiges Dachgeschoss. Es war ausgemacht, dass Ellen zu ihnen zog.

„Ich werde sie noch eine Weile behalten“, erwiderte Ellen. „Nur so als Hintertürchen. Du weißt doch, meine Unabhängigkeit ist mir wichtig. Außerdem können wir sie in der Innenstadt nutzen, wenn es mal spät wird.“

Ob es sich bei seiner nächsten Frage um eine Kurzschlussreaktion handelte oder eher um ein Abchecken der Situation, hätte er später nicht mehr zu sagen gewusst. Jetzt überlegte er nicht lange und sagte einfach das, was ihm auf der Zunge lag: „Willst du mich heiraten?“

Für einen kurzen Moment wirkte sie überrascht, dann bog sie den Kopf zurück und lachte. „Na ja, warum nicht? Wann soll es denn sein?“

Ein bisschen gefühlvoller hätte sie schon reagieren können, dachte er.

„Wir werden schon einen Zeitpunkt finden, der uns beiden passt. Im Frühjahr vielleicht?“

„Keine schlechte Idee“, meinte Ellen und strich ihm über die Wange. „Nur jetzt im Winter wäre es mir nicht so recht gewesen.“ Sie legte den Kopf auf die Seite. „Und hast du schon bestimmte Vorstellungen, wie das ablaufen soll?“

„Uns bleibt noch genug Zeit, darüber nachzudenken“, meinte Benedikt. Irgendwie fühlte er sich enttäuscht. Vielleicht war eine Klinik doch nicht der richtige Ort, um seiner Herzensdame einen Antrag zu machen. Es fehlte der romantische Rahmen.

Aber gut, das ließe sich immer noch arrangieren, wenn er wieder zu Hause war. Bei einem mehrgängigen Dinner bei Kerzenlicht konnte er seine Frage noch einmal wiederholen. Und um den stilvollen Rahmen ganz perfekt zu gestalten, würde er auch nicht die roten Rosen vergessen.

***

„Verena, zum Verwaltungschef!“ Obwohl Margot schon ahnte, dass die Kollegin dort eine Abmahnung erwartete, gab sie sich unbeteiligt.

„Was will er denn von mir?“, wunderte sich Verena. Alle Unterlagen für ihre Personalakte hatte sie längst abgeliefert, aber vielleicht fehlte doch noch etwas. Allerdings wunderte sie sich, dass sich der Verwaltungschef persönlich um solche Dinge kümmerte.

„Jetzt gleich!“, sagte Margot, ohne auf die Frage einzugehen. „Beeil dich!“

Mit gemischten Gefühlen begab sich Verena ins Erdgeschoss, wo sich die Administration befand. Von hier aus wurde die Klinik organisiert. Dazu gehörten der Sozialdienst, die Informationstechnik, das Finanz- und Rechnungswesen sowie die medizinische Qualitätssicherung. Und natürlich alle Personalangelegenheiten.

Die Sekretärin im Vorzimmer schaute nur kurz auf. „Frau Bertram?“

Verena nickte beklommen.

„Gehen Sie rein. Herr Huber wartet schon auf Sie.“

Du lieber Himmel, was ging hier vor? Am liebsten wäre Verena auf der Stelle wieder umgekehrt, zurück auf die Station. Aber den Kopf in den Sand zu stecken half jetzt auch nicht weiter. Sie trat ein.

„Guten Tag, Herr Huber.“ Ihre Stimme klang kratzig.

„Frau Bertram?“, fragte er genau wie die Frau nebenan. Er wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Kurt Huber war ein Koloss von einem Mann. Sein Haar gab viel von der Stirn frei, die leicht glänzte. Vor ihm lag eine Akte, durch die er jetzt interessiert blätterte.

„Sie sind noch in der Probezeit“, stellte er fest. „Das heißt, wir können Ihnen jederzeit kündigen.“

„Kündigen?“ Verena riss die Augen auf. Ihr Herz spurtete los. „Aber …“

„Ich will ganz offen zu Ihnen sein, Frau Bertram. Sie haben ein Fehlverhalten an den Tag gelegt, das wir auf keinen Fall dulden können.“

„Was soll ich denn getan haben? Meine Patienten …“

„Es geht hier nicht um medizinische Belange“, unterbrach sie Herr Huber. „Sie sollen an einen Patienten Kosmetikprodukte verkauft haben. Was sagen Sie dazu?“

„Aber das stimmt doch nicht.“ Wie immer, wenn sie sich aufregte, wurde ihre Stimme hoch und dünn. „Sie meinen Herrn Dr. Erler, nicht wahr? Es stimmt, er liegt auf meiner Station. Und da er notfallmäßig eingeliefert wurde, bat er mich, ihm ein paar Sachen zu besorgen.“

Eine Weile war nur das Blättern des Mannes in ihrer Akte zu hören. Schließlich schaute er wieder auf.

„Nun gut, das wäre ja nicht zu beanstanden, wenn sie solche privaten Dienste außerhalb der Arbeitszeit erledigen würden. Allerdings geht es in diesem Fall um etwas anderes. Die Firma, bei der sie einkauften, gehört Ihrer Schwester. Der Verdacht liegt nahe, dass Sie die Patienten der Berling-Klinik aus Ihrem Familienbetrieb beliefern.“

Jetzt schnaufte er vernehmlich.

„Das kann von uns nicht geduldet werden. Sie sind als Krankenpflegerin eingestellt worden. Und nicht als Kosmetikberaterin. Tut mir leid, Frau Bertram, Sie müssen unser Haus verlassen. Natürlich können Sie dagegen Einspruch erheben, aber wenn Sie einen Blick in unseren Vertrag werfen, werden Sie feststellen, dass der Gang zum Arbeitsgericht überflüssig ist. Packen Sie Ihre Sachen! Einer meiner Mitarbeiter wird Sie begleiten, wenn Sie Ihre Sachen holen.“

Verena konnte es nicht glauben. Ihr Gesicht glühte. Sie empfand Angst, aber auch Wut. Niemand anderes als die Kollegin Margot musste sie verpetzt haben. Diese Denunziantin!

„Aber ist das wirklich so schlimm?“, wagte sie noch einen letzten Versuch. „Bitte reden Sie mit Oberschwester Bettina. Sie ist sehr zufrieden mit meiner Arbeit und …“

„Ich sagte Ihnen doch schon, dass es hier nicht um Ihre fachlichen Qualitäten geht, sondern darum, dass Sie einem Patienten Produkte aus Ihrer Firma verkauft haben. Dem müssen wir einen Riegel vorschieben. Stellen Sie sich vor, Ihre Schwester wäre Versicherungs- oder Finanzmaklerin. Dann würden Sie den Patienten solche Produkte anbieten.“

„Aber das ist doch etwas ganz anderes!“, rief Verena aus. „Ich bin mir wirklich keiner Schuld bewusst. Der Patient hat diese Dinge gebraucht, und ich habe sie ihm besorgt.“

Kurt Huber klappte die Akte zu.

„Natürlich bekommen Sie ein ordentliches Zeugnis von uns. Wir wollen Ihnen ja nicht Ihren weiteren Berufsweg verbauen. Aber lassen Sie sich das eine Lehre sein.“

Mit diesen Worten griff er zum Telefon und gab ein paar Anweisungen.

Als sie aufstand, glaubte sie, ein Schwanken im Boden zu spüren. Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden!, befahl sie sich. Okay, ich bin entlassen. Aber das ist kein Weltuntergang. Ich bin eine tüchtige Krankenpflegerin. Jedes andere Krankenhaus wird mich mit Kusshand nehmen.

Sie durchquerte das Vorzimmer. Draußen wartete ein junger Mann auf sie.

„Frau Bertram?“, fragte auch er.

Bevor sie etwas sagen konnte, wurde ihr schwarz vor Augen, und sie sackte in sich zusammen.

***

Als sie die Lider wieder hob, schwebte ein mitfühlendes Männergesicht über ihr.

„Da sind Sie ja wieder!“, sagte er.

Etwas mühsam rappelte sie sich auf. Verena schaute sich um. Sie lag in einem Ruheraum auf einer Liege.

„Was ist passiert?“ Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, kehrte die Erinnerung zurück, und in roter Leuchtschrift blitzte ein böses Wort vor ihren Augen auf.

Gefeuert!!! Mit drei Ausrufezeichen.

Verena blinzelte mehrmals, doch das Wort verschwand nicht, sondern breitete sich im ganzen Kopf aus. Überall nur: Gefeuert, gefeuert, gefeuert, dazu unzählige Ausrufezeichen, die wild herumtanzten.

„Ich bin meinen Job los“, sagte sie zu dem Mann, den sie nur vom Sehen kannte. „Das hätte ich mir heute Morgen beim Aufstehen noch nicht träumen lassen.“

„Machen Sie sich nichts daraus!“, erwiderte er freundlich. „Hier in München gibt es genug Arbeitsmöglichkeiten für Sie.“

„Aber ich habe mich in dieser Klinik wohlgefühlt. Ich verstehe es nicht. Habe ich wirklich so etwas Schlimmes getan?“ Und weil sie nicht anders konnte, erzählte sie dem Mitarbeiter aus der Verwaltung, warum sie entlassen worden war. „Was sagen Sie dazu?“

„Hören Sie, Frau Bertram, ich darf mich dazu nicht äußern. Herr Huber ist mein Vorgesetzter. Man kann von ihm halten, was man will, aber eins weiß ich ganz sicher: Er hält sich an Vorschriften und Gesetze. Ich glaube, in Ihrem Fall blieb ihm wirklich keine andere Wahl.“

„Nur weil eine missgünstige Kollegin mich verpfiffen hat? Mein Gott, was ist denn so schlimm daran, dass ich die Kosmetiksachen im Laden meiner Schwester besorgt habe? Er ist der am nächsten liegende!“ In ihrer Aufregung warf sie die Hände in die Luft.

Ihr Begleiter ließ sich davon nicht beirren. „Übrigens, mein Name ist Lukas Haller“, sagte er. „Wenn Sie sich erholt haben, sollten wir jetzt zu Ihrem Schrank gehen und …“

„Sie sind also mein Aufpasser“, fuhr sie ihn an. „Fühlen Sie sich eigentlich wohl in dieser Rolle? Glauben Sie wirklich, ich könnte mir unrechtmäßig noch was aneignen?“

„Nein, das glaube ich nicht, aber ich habe das nicht zu beurteilen.“ Er hielt kurz inne. Für zwei Sekunden lag die Spur eines Lächelns um seinen Mund. „Aber wenn Sie jemanden zum Reden brauchen, könnten wir uns ja auf einen Kaffee treffen.“

Erst jetzt glitt ihr Blick prüfend über sein Gesicht. Es machte einen weichen, aber durchaus freundlichen Eindruck. Vielleicht bekam sie ein paar Tipps von diesem Mann, wie sie die Kündigung vielleicht doch noch rückgängig machen konnte.

„Hm.“ Sie stand auf und strich sich den Kittel glatt. „Warum nicht? Wann?“

„Heute Abend, zum Beispiel. Wenn Sie nichts vorhaben, könnten wir irgendwo ein Glas Wein trinken und eine Kleinigkeit essen.“

Verena stimmte zu. Die Vorstellung, den Abend allein daheim zu sitzen und die Wände anzustarren, machte ihr Angst. Also vereinbarten sie, sich in einem bekannten Bistro in Schwabing zu treffen.

Lukas Haller begleitete die gekündigte Krankenpflegerin zu ihrem Schrank. Die darin befindlichen Sachen fanden alle Platz in ihrer großen Tasche.

„Bitte sehr!“ Sie reichte ihm den Schlüssel, den er in seiner Sakkotasche verschwinden ließ. „Eine Bitte hätte ich aber noch. Ich möchte mich von einem Patienten verabschieden.“

„Ist es der, dem Sie die Sachen verkauft haben?“

„Ja“, hauchte sie.

„Das geht nicht.“

„Ich flehe Sie an, es wäre sehr wichtig.“

„Aber nur, wenn Sie ihm keine langen Erklärungen geben.“

Verena atmete erleichtert auf. „Das werde ich ganz bestimmt nicht tun. Ich könnte gar nicht über meine Entlassung reden, ohne zu heulen. Aber ich will auch nicht so sang- und klanglos verschwinden.“

„Also gut“, sagte Lukas. „Zwei Minuten. Nicht länger. Ich warte vor der Tür.“

Auf dem Weg zu Benedikt Erler kam ihnen Schwester Margot entgegen.

Verena blieb stehen und widerstand dem Wunsch, ihr die Augen auszukratzen. Stattdessen nahm sie einen tiefen Atemzug und sagte: „Hoffentlich kannst du dir im Spiegel noch ins Gesicht schauen.“

***

Dr. Holl vereinbarte mit seinem Freund und Kollegen Daniel Falk, noch heute das Herzflimmern des Anwalts mit einem schwachen Stromstoß zu behandeln.

„Er ist einverstanden?“

Stefan nickte. „Wir haben die Niedrig-Energie-Defibrillation schon mehrfach mit Erfolg durchgeführt. Ich möchte dich dabeihaben. Wann hast du morgen Zeit?“

Daniel zückte sein Handy und blätterte den Terminkalender auf. „Gleich in der Früh“, sagte er. „Die Behandlung dauert ja nicht lange. Acht Uhr?“

„Einverstanden“, sagte Dr. Holl.

„Welches Verfahren wählen wir? Fünf schwache elektrische Pulse ins Herz oder nur einen starken Schlag?“

Stefan schob die Lippen nach vorn. „Ich ziehe in diesem Fall das Stufenverfahren vor. Die Energiemenge ist wesentlich geringer und damit schonender. Wenn es gut läuft, schlägt das Herz wenige Sekunden später wieder ganz normal.“

„Gut, versuchen wir es! Wo?“

„Der OP zwei ist frei, ich habe ihn schon reservieren lassen.“

Daniel gab eine Notiz in sein Handy ein. „Glaub bloß nicht, dass ich schon vergesslich bin.“ Er klopfte seinem Freund kumpelhaft auf die Schulter. „Aber morgen ist mein Tageskalender so komplett voll, dass die Termine durchaus durcheinandergeraten könnten.“

Stefan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Wir sehen uns dann morgen fünf vor acht.“

„Grüße an die Deinen!“, sagte Dr. Falk. „Ich muss jetzt los. Zwei Gallenblasen müssen noch raus.“

Stefan machte sich auf dem Weg zu Anwalt Erler, um ihn von dem bevorstehenden Eingriff in Kenntnis zu setzen. Der Patient musste nüchtern sein. Außerdem brauchte er noch die unterschriebene Aufklärung von ihm. Kaliumwert und Gerinnung mussten erneut überprüft werden.

Im OP mussten Beatmungs-Beutel, Guedel-Tubus sowie ein Laryngoskop für einen möglichen Notfall bereitstehen. Von seinem Büro aus rief er die Anästhesistin Dr. Kellberg an und bat sie, den Patienten für die morgige Kardioversion vorzubereiten.

Er selbst würde am Abend noch einmal bei Dr. Erler vorbeischauen und versuchen, ihm alle Ängste zu nehmen, falls er welche äußerte.

***

„Hallo, Schwester Vera, nett, dass Sie nach mir schauen.“

Diesmal korrigierte sie ihn nicht. Wenn er sich ihren Namen nicht merken konnte, dann sollte er es lassen. Sie würden sich ohnehin nicht wiedersehen.

„Ich wollte mich nur von Ihnen verabschieden, Herr Erler. Ich … ich höre hier auf.“

„Sie hören hier auf? Was soll das heißen?“

„Dass ich ab morgen nicht mehr hier arbeite.“

„Sehr schade“, sagte er. Sein Bedauern war sogar echt. „Kaum habe ich mich an Sie gewöhnt, gehen Sie von hier weg. Aber das kann ja nur bedeuten, dass Sie etwas Besseres gefunden haben.“

Gern hätte sie ein paar Andeutungen über den wahren Grund ihres Weggangs von der Berling-Klinik gemacht, doch sie wollte nicht, dass er sie bemitleidete.

„Ich wünsche Ihnen, dass Sie bald wieder ganz gesund sind“, sagte sie stattdessen. „Und hören Sie auf das, was Dr. Holl Ihnen sagt.“

„Das werde ich ganz bestimmt tun. Danke, dass Sie alle so besorgt um mich sind. Ich werde Sie vermissen, Schwester Vera. Alles Gute für die Zukunft.“ Er streckte ihr die Hand entgegen.

Verena versank in seinen Augen, in denen sie kleine verheißungsvolle Lichter zu sehen glaubte, aber wahrscheinlich spielte ihr die Fantasie nur einen Streich. Der Mann wollte nichts von ihr. Es kam ihm nicht einmal in den Sinn, dass sie sich von ihm angezogen fühlte.

Ein einziges Wort von ihm und sie wäre auf der Stelle …

„Was tust du denn noch hier?“ Margots Stimme war scharf und stechend.

Verena wandte sich um. „Ich wollte mich nur …“

Die Stationsschwester wollte keine Erklärung hören.

„Dort ist die Tür“, sagte sie.

Verena versuchte, Haltung zu bewahren, dennoch kam sie sich vor wie ein geprügelter Hund.

Lukas Haller trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, als sich die Tür hinter ihr schloss.

„Tut mir leid“, sagte er bedauernd. „Ich konnte sie nicht aufhalten.“

„Ist jetzt auch schon egal.“

Er drückte ihr die Tasche in die Hand.

„Dann bis heute Abend. Und bringen Sie gute Laune mit, wenigstens ein bisschen!“

Verena nickte nur und schickte sich an, die Berling-Klinik für immer zu verlassen. Sie hatte sich hier wohlgefühlt, trotz der Giftspritze namens Margot. Dass ausgerechnet sie ins Zimmer platzen musste, als sie Benedikt Erler die gewünschten Sachen gebracht hatte!

Noch immer konnte sie nicht glauben, ein so großes Vergehen begangen zu haben. Sie hatte dem Patienten doch nur einen kleinen Gefallen getan. Und dass die Sachen aus der Drogerie ihrer Schwester stammten, erschien ihr immer noch bedeutungslos.

Draußen empfing sie ein dunkler, kalter Tag. Schon bereute sie, sich mit Lukas Haller verabredet zu haben. Viel lieber würde sie sich jetzt zu Hause einigeln.

Verena lebte mit ihrer sechs Jahre älteren Schwester Hanna zusammen. Auch wenn sie vom Temperament her völlig verschieden waren, verstanden sie sich gut. Hanna ging viel aus. Oft verbrachte sie auch die Nächte bei ihrem Freund, mit dem sie schon seit einigen Jahren liiert war. Mit ihm auf Dauer zusammenleben wollte sie angeblich nicht. Verena glaubte aber, dass es mit ihr zusammenhing. Hanna wollte ihre „kleine“ Schwester nicht sich selbst überlassen.

Verena zog den Wollschal etwas fester um den Hals und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Normalerweise begann morgens um sieben ihr Dienst. Was sollte sie nun tun? Den Tag zu Hause verbringen, Trübsal blasen oder sich gleich nach einem neuen Job umschauen?

Während sie auf den Bus wartete, rief sie ihre Schwester an. „Wann kommst du heute?“, wollte sie wissen.

„Gleich nach Ladenschluss“, erwiderte Hanna. „Ist irgendwas?“

„Warum fragst du?“

„Du klingst so komisch.“

„Erzähle ich dir nachher“, sagte Verena. „Bis später.“ Um keine Erklärung mehr abgeben zu müssen, beendete sie das Gespräch.

***

Als er von Schwester Margot erfuhr, was wirklich geschehen war, empfand Benedikt tiefe Betroffenheit.

„Daran ist Vera überhaupt nicht schuld“, erklärte er aufgebracht. „Diese Maßnahme ist völlig überzogen. Ich werde ihr raten, sich dagegen juristisch zur Wehr zu setzen.“

„Verena“, sagte Margot mit schmalen Lippen. „Sie heißt Verena.“

„Danke für Ihre Belehrung. Ich werde es mir merken. Im Übrigen möchte ich mit Dr. Holl sprechen. Er kann doch nicht zulassen, dass eine junge Frau ihren Job verliert, weil sie mir einen Gefallen getan hat.“

„Sie macht das ständig“, behauptete Margot. „Aber wir können hier nicht dulden, dass unsere Mitarbeiter die Patienten als Kundschaft betrachten, denen sie was andrehen können. Daran kann auch Dr. Holl nichts ändern. Im Übrigen werden die Angelegenheit des Pflegepersonals von der Verwaltung geregelt.“

„Mag schon sein. Ich werde trotzdem bei nächster Gelegenheit mit ihm reden. Außerdem geben Sie mir bitte die Adresse von Schwester Verena! Ich möchte ihr meine Hilfe anbieten.“

„Tut mir leid, die weiß ich leider nicht.“ Margot ging zur Tür.

„Warum sind Sie so unfreundlich?“ Benedikt sprach in einem scharfen Tonfall, der sonst nur schwierigen Fällen vor Gericht vorbehalten war. „Macht nichts, ich werde es schon herausfinden.“

Margot wandte sich noch einmal um.

„Nur zu Ihrer Information“, begann sie sichtlich ungehalten. „Die Kollegin befand sich noch in der Probezeit. Da darf man keine Fehler machen, sonst fliegt man raus. So ist das.“

„Mit anderen Worten, es geschieht ihr ganz recht. Das wollten Sie doch sagen, oder? Warum sind Sie so gehässig? Schon gut, antworten Sie mir nicht! Lassen Sie mich allein!“ Er scheuchte sie mit der Hand in Richtung Tür.

Margot verkniff sich jeglichen Protest und verschwand. Der Mann musste sich erst einmal beruhigen. Morgen würde er die Angelegenheit schon wieder vergessen haben.

Wenig später betrat eine Ärztin sein Zimmer. Sie stellte sich als Dr. Kellberg vor und erklärte ihm die Vorbereitungen für den Eingriff.

„Wir machen ein Transösophageales Echokardiogramm. Ein langes Wort, nicht wahr? Zu gut Deutsch heißt es nichts anderes als Schluckecho. Ein Ultraschall des Herzens durch die Speiseröhre. Das ist schnell erledigt und gibt uns wichtige Informationen über Ihr Herz.“

„Also wird es doch eine richtige Operation?“ Benedikt zog die Brauen zusammen. „Ich dachte, es wäre nur eine ganz einfache Maßnahme von außen.“

„Keine Sorge, Dr. Erler, das ist schnell erledigt. Damit können wir eventuelle Blutgerinnsel im Herzvorhof ausschließen. Sie bekommen eine örtliche Betäubung und werden davon gar nichts merken. Wenn das Ergebnis dieser Untersuchung unauffällig ist, bringen wir Sie in die Abteilung für klinische Elektrophysiologie. Dort wird dann die Kardioversion in Narkose durchgeführt, für Sie also vollkommen schmerzlos.“

„Und das war’s dann?“

„Genau. Wir überwachen Sie noch ein paar Stunden. Danach können Sie nach Hause gehen. Allerdings sollten Sie an dem Tag nicht selbst Auto fahren, sondern sich abholen lassen.“ Die junge Ärztin zeigte dem Patienten ihr schönstes Lächeln. „Es wird alles gut. Sie sind bei uns in den besten Händen.“

„Das weiß ich sehr zu schätzen“, erwiderte Benedikt. „Danke für die ausführlichen Informationen.“

Nachdem sich Dr. Kellberg verabschiedet hatte, griff Benedikt nach seinem Handy, um von seiner Cousine Charlotte zu hören, wie sie mit Larissa zurechtkam. „Es klappt alles gut, Ben“, erwiderte Charlotte. „Aber wie gesagt, wir fahren bald weg.“

„Bis dahin bin ich wieder zu Hause“, erwiderte er. „Gib sie mir mal!“

„Papa!“, rief seine Tochter aufgeregt. „Bist du immer noch krank? Wann kommst du endlich nach Hause?“

„Es dauert nicht mehr lang“, sagte er. „Aber jetzt erzähl mir mal, was du heute so getrieben hast! Wie war’s in der Schule?“

„Doof“, erwiderte Larissa unbekümmert. „Frau Schanze hat gesagt, ich soll nicht so viel dazwischenreden, sondern mich melden.“

„Na ja, das wäre vielleicht ganz gut. Versuch es doch einfach mal!“

„Wenn ich was weiß, will ich es gleich loswerden und nicht warten, bis ich dran bin.“

Benedikt hörte sich amüsiert an, was seine Tochter noch zu berichten hatte. Dann nahm er ihr das Versprechen ab, Charlottes Anordnungen zu befolgen. „Sei brav, mein Schatz! Übermorgen bin ich ganz bestimmt wieder daheim. Ellen ist dann auch da, dann machen wir drei uns ein paar schöne Tage.“

Mit einigem Unbehagen dachte er an all die Termine, die er jetzt nicht wahrnehmen konnte. Aber er würde alle Versäumnisse nachholen.

„Ich will dich für mich allein“, sagte sein Kind mit deutlichem Vorwurf in der Stimme. „Ganz ohne Ellen, nur dich.“

„Darüber reden wir noch. Ich schick dir einen Kuss, meine Kleine. Du bist und bleibst Papas Liebling.“

Er ließ ein paar deutliche Schmatzlaute hören. Larissa lachte. Das freute ihn. Und nährte die Hoffnung, dass sich Larissa und Ellen eines Tages vertragen würden. Auch Larissa wurde älter und vernünftiger.

Doch wie sie auf die Eröffnung der Hochzeit mit Ellen reagieren würde, wusste er nicht. Bei Larissa war alles möglich. Manchmal konnte sie sogar richtig lieb zu Ellen sein. Leider kam das zu selten vor, was aber auch an Ellen lag, die Larissa oft überging. Kinder merkten so was und versuchten dann natürlich, wieder in den Mittelpunkt zu gelangen.

Aber jetzt musste er erst mal an sich selbst und seine eigene Gesundheit denken. Er stand auf, drehte ein paar Runden durch das Zimmer.

Sein Blick fiel auf die Plastiktüte auf dem Beistelltisch. Er nahm sie zur Hand, griff nach seinem Handy und gab Drogerie Bertram ein. Wenig später hatte er die Kontaktdaten und rief dort an. Die sympathische Frau am Telefon erklärte ihm bereitwillig, wie er ihre Schwester erreichen konnte.

***

Dr. Holl berichtete seiner Frau vom neuen Nachbarn, der sich noch in der Klinik befand, aber bald in die große Villa einziehen würde, die sich hinter der Hecke befand.

„Das Unglückshaus wird also wieder bewohnt“, stellte Julia seufzend fest. „Es ist ja rekordverdächtig, wie lange es leer stand, nur weil die Erbengemeinschaft sich nicht einigen konnte. Hoffentlich hat die neue Familie mehr Glück als die damaligen Besitzer! Ich weiß es übrigens schon von deiner Schwester. Der neue Besitzer ist ein Anwalt, der vor etlichen Jahren mal Referendar in Axels Kanzlei war. Inzwischen hat er laut Beatrix einen ausgezeichneten Ruf als Strafverteidiger.“

„Na ja, womit wieder einmal bewiesen wäre, dass die Welt ziemlich klein ist.“

Stefans Schwager Dr. Axel Lassow beriet die Berling-Klinik in rechtlichen Fragen. Immer wieder tauchten im Klinikalltag Rechtsprobleme auf, was Stefan mit der scherzhaften Äußerung umschrieb, dass er und seine Kollegen ohnehin ständig mit einem Bein im Gefängnis stünden. Da war seiner Meinung nach ein Anwalt in der Familie geradezu Gold wert.

Julia verschwand kurz in der Küche.

„Trinken wir ein Glas Wein?“, fragte sie, als sie zurückkam. Die Flasche und den Korkenzieher hatte sie schon mitgebracht. Beides drückte sie ihrem Mann in die Hand.

Während Stefan die Flasche entkorkte, holte Julia die Gläser aus dem Schrank.

„Haben wir was zu feiern?“, erkundigte sich Stefan.

„Ich möchte dir nur was erzählen“, sagte Julia Holl, die wie ihr Mann Ärztin war, den Beruf wegen der Kinder aber nicht ausübte. Die Zwillinge Marc und Dani befanden sich schon im Studium. Der zwanzigjährige Marc wollte in die Fußstapfen seines Vaters treten, während sich seine Schwester für Biologie entschieden hatte.

Der fünfzehnjährige Chris ging seinen sportlichen Neigungen nach und brauchte seine Mutter auch nicht mehr jede Minute. Und die elfjährige Juju war längst aus dem Gröbsten heraus und entwickelte sich zunehmend zu einem erstaunlich selbstständigen Mädchen.

Ihre Fähigkeiten als Mutter und Familienmanagerin hatte Dr. Julia Holl nun über viele Jahre unter Beweis gestellt. Immer öfter spielte sie mit dem Gedanken, ihre beruflichen Neigungen zu reaktivieren, um dann irgendwann wieder in der Klinik eizusteigen, die von ihrem Vater Walter Berling gegründet worden war. Inzwischen hatte er sich zurückgezogen und genoss einen ziemlich aktiven Ruhestand mit seiner Frau Nessy.

Stefans Frau war klar, dass sie Neues dazulernen musste, um mit der Realität Schritt zu halten. Darum kam ihr das Weiterbildungsangebot für Kinderärzte im kommenden Januar gerade recht.

„Auf uns!“, sagte Stefan und hob sein Glas.

„Und auf unsere tolle Familie, auch wenn’s manchmal ziemlich chaotisch zugeht.“ Julia lächelte ihren Mann an, nahm einen Schluck und legte den Kopf auf die Seite.

„Du willst mir was sagen“, stellte Stefan fest.

„Keine Sorge, es ist nicht Schlimmes. Bald gibt es einige interessante Vorträge der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Die würde ich mir gern anhören.“

Stefan wusste, dass Julia mit dem Wiedereinstieg in den Beruf liebäugelte. Darin wollte er sie unterstützen. Lange genug hatte sie das Unternehmen „Familie“ geleitet. Nun suchte sie nach neuen Wegen.

„Die Tagung findet in Salzburg statt. Das heißt, ich wäre eine knappe Woche von zu Hause weg, aber ihr schafft es doch auch mal ohne mich.“

„Keine Frage“, erwiderte Stefan.

„Mit Cäcilie ist schon alles abgesprochen. Und falls nötig, wird Nessy herkommen und euch betreuen.“

„Ich glaube, wir kommen auch ohne sie zurecht“, wehrte Stefan lachend ab. „Ich bin ja auch noch da und werde in der Klinik etwas kürzertreten … jedenfalls für die Zeit deiner Abwesenheit.“

„Danke!“

„Du kannst dich also anmelden.“

Julia legte den Kopf auf die andere Seite.

„Das habe ich schon getan“, teilte sie ganz offen mit. „Um mir den Platz zu sichern. Absagen kann ich gegebenenfalls immer noch, wenn was dazwischenkommt. Aber wenn ich mich zu spät anmelde, komme ich nur noch auf die Warteliste.“

„Eins möchte ich jetzt mal klarstellen“, begann Stefan nach einer kurzen Bedenkzeit mit ernster Miene. „Ich unterstütze deine Bemühungen voll und ganz.“ Dann lachte er.

Julia stand auf und nahm auf seinem Schoß Platz. Sie legte die Arme um seinen Hals und küsste ihn. „Ich fühle mich privilegiert, einen so verständnisvollen Mann zu haben. Danke, mein Schatz.“

Für diese Bemerkung gab es noch einen Kuss von seiner Seite. Für weitere Zärtlichkeiten blieb keine Zeit mehr, denn Chris kam herein.

„Störe ich?“, erkundigte er sich mit leichter Anzüglichkeit.

„Was können wir denn für dich tun, Bub?“, erkundigte sich Stefan.

„Ich muss zum Training. Und jetzt hat mein Fahrrad einen Platten …“

„Bei dem Wetter solltest du ohnehin nicht mit dem Rad fahren“, meinte Julia. „Es soll heute noch schneien.“

„Ich fahr dich!“, erbot sich Stefan und warf einen bedauernden Blick auf sein Weinglas, aus dem er gerade mal einen Schluck getrunken hatte.

„Das wär super, Papa. Zurück nimmt mich unser Trainer mit.“

„Ich bin gleich wieder zurück“, sagte Stefan augenzwinkernd zu seiner Frau und folgte Chris in die Diele, wo sich Vater und Sohn in warme Jacken hüllten.

***

Eigentlich hatte sie im Laufe des Tages immer weniger Lust verspürt, sich mit Lukas Staller zu treffen, aber schließlich machte sich Verena doch auf den Weg. Ein bisschen Zerstreuung tat ihr nur gut. Immer wieder ging ihr die Szene durch den Kopf. Sie vor Kurt Huber, der ihr nach den geballten Vorhaltungen die fristlose Kündigung aussprach.

Noch immer war sie sich keiner Schuld bewusst. Ob sie die Sachen für den Patienten in Hannas Drogerie oder woanders gekauft hätte, die Kosten dafür hätten sich jedenfalls nur unwesentlich unterschieden.

Aber im Grunde lag die Schuld ja bei Margot, dieser Petze, die schon seit geraumer Zeit nach Gründen suchte, ihr eins auszuwischen. Aber gleich die fristlose Kündigung? Dahinter musste sehr viel Niedertracht stecken. Doch so sehr sie auch darüber nachgrübelte, die Motive für Margots Verhalten blieben für Verena im Dunkeln.

Lukas wartete bereits in dem Lokal auf sie. Er lächelte ihr erfreut entgegen.

„Wie geht es Ihnen?“, wollte er wissen.

„Nun ja, ich habe heute meinen guten Job verloren und bin ziemlich fertig. So fühlt sich wohl ein Absturz an.“

„Es tut mir wirklich leid …“ Er brach ab, als ein Kellner ihnen die Speisekarten vorlegte und sich nach ihren Getränkewünschen erkundigte.

„Für mich eine Apfelschorle“, sagte Verena.

Lukas bestellte ein Bier. Verena schlug die Karte auf. Eigentlich verspürte sie überhaupt keinen Hunger und beschloss, einfach das zu nehmen, was er bestellte.

„Ich habe noch mal mit meinem Chef gesprochen“, berichtete Lukas. „Ich dachte, ich könnte ihn dazu bringen, deine Kündigung zurückzunehmen, aber das war leider nicht möglich.“ Er dämpfte die Stimme. „Ganz unter uns, er klebt geradezu an den Vorschriften.“

Aha, er duzt mich schon, dachte Verena. Na ja, warum nicht? Dann ließ sie eben auch das Sie fallen. Hoffentlich verstand er es nicht als Annäherung! Verena bereute jetzt schon, sich auf dieses Treffen eingelassen zu haben. Ihre Gedanken waren ganz woanders.

„Schon gut, mach dir deswegen keine Gedanken, ich werde schon irgendwie klarkommen! Als voll ausgebildete Krankenpflegerin bekomme ich sicher bald wieder Arbeit.“

„Das glaube ich auch“, erwiderte er, eifrig bemüht, gute Stimmung zu verbreiten. „Gutes Krankenhauspersonal wird immer gesucht.“

Der Kellner brachte die Getränke. Lukas bestellte Lasagne, Verena ebenfalls.

„Die ist hier sehr gut“, sagte ihr Begleiter.

In diesem Moment klingelte ihr Handy. Die Nummer war ihr unbekannt. Sie meldete sich.

„Hallo, Schwester Verena, hier Benedikt Erler.“

Fontänenartig schoss ihr das Blut in den Kopf.

„Erst nach ihrem Weggang habe ich erfahren, was passiert ist“, fuhr er fort. „Wegen eines dummen Rasierwassers bekommen Sie die fristlose Kündigung. Das tut mir entsetzlich leid.“

„Woher haben Sie meine Telefonnummer?“ Weil sie nicht wollte, dass Lukas mithörte, stand Verena auf und ging nach draußen.

„In der Drogerie hat man mir weitergeholfen.“ Er lachte leise. „Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie am Abend noch störe, aber die Sache hat mir einfach keine Ruhe gelassen.“

Auch nach einem Räuspern klang Verenas Stimme noch belegt. „Sehr nett von Ihnen, Herr Erler, doch ich komme schon irgendwie klar. Sie müssen sich meinetwegen keine Vorwürfe machen. Ich habe Ihnen die Sachen gern besorgt. Und da meiner Schwester nun mal eine Drogerie gehört, warum sollte ich sie nicht dort kaufen?“

„Ich möchte das wiedergutmachen, Verena … heißen Sie auch Bertram wie Ihre Schwester?“

„Ja, so ist es.“

„Kaufen Sie öfter dort für Ihre Patienten ein?“

„Aber nein!“, rief Verena aus. „Das war das erste und auch das letzte Mal. Natürlich werde ich so einen Fehler nicht wiederholen.“

„Wenn es überhaupt ein Fehler war. Ich empfinde Ihre fristlose Kündigung als große Ungerechtigkeit. Und ich weiß, wovon ich rede, schließlich bin ich Anwalt. Hören Sie, Frau Bertram …“

„Sagen Sie Verena zu mir.“

„Nur zu gern. Also, ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu machen. Das möchte ich aber nicht am Telefon besprechen. Könnten Sie morgen in die Klinik kommen? Am besten nachmittags. Vormittags werde ich behandelt.“

Gern hätte sie noch einen Anhaltspunkt gehabt, um was es ging, doch sie spürte, dass er dazu jetzt nichts sagen wollte.

„So gegen vierzehn Uhr? Ginge das?“

„Ich werde da sein, Herr Erler. Danke für Ihren Anruf.“

Obwohl es draußen ziemlich kühl war, fühlte sie eine angenehme Wärme in ihrem Inneren. Leichten Schrittes kehrte sie ins Lokal zurück. Gerade wurden die gefüllten Teller gebracht. Sie lachte und plauderte mit Lukas, der sich über die plötzliche Wesensänderung seiner Begleiterin wunderte.

Aber er stellte keine Fragen, weil er keine Ahnung hatte, wie er das, was er fragen wollte, formulieren könnte. Gegen zehn brachte er sie nach Hause.

Vor der Tür reichte Verena ihm die Hand. „Vielen Dank für die Einladung, Lukas.“

„Sehen wir uns wieder?“ Sein Gesicht kam ihrem gefährlich nahe.

Verena wandte sich schnell ab und kramte in ihrer Tasche nach dem Schlüssel, den sie wieder mal nicht fand. Also klingelte sie in der Hoffnung, dass ihre Schwester noch nicht schlief. Wenige Sekunden später ertönte der Türsummer.

„Die nächsten Tage werde ich damit beschäftigt sein, mich an anderen Kliniken zu bewerben“, wich sie aus. „Wir können telefonieren.“

„Dann musst du mir deine Telefonnummer geben.“ Sie nannte ihm nacheinander die Ziffern. Er gab sie ins Handy ein und rief sie gleich mal an. „Jetzt hast du auch meine“, stellte er befriedigt fest. „Gute Nacht, Verena, wir bleiben in Verbindung.“

Sie ahnte, dass er diesen Abend gern mit einem zärtlichen Kuss beendet hätte, aber dazu bestand für sie kein Anlass. Ihre Gedanken drehten sich nur noch um Benedikt Erlers Anruf.

***

Die Kardioversion wurde genau so durchgeführt, wie es Dr. Holl und Dr. Kellberg beschrieben hatten. Über eine Venenverweilkanüle bekam Benedikt ein Medikament, das eine Kurznarkose bewirkte, bei der die spontane Atmung beibehalten wurde. Mit schwachen schmerzlosen Stromstößen unter EKG-Kontrolle wurde der Sinusrhythmus des Herzens wiederhergestellt.

Nach wenigen Minuten wachte der Patient von allein wieder auf – und schaute in Dr. Holls zufriedene Miene.

„Alles ist gut verlaufen“, sagte Stefan. „Sie bekommen jetzt ein ordentliches Frühstück. Zur Sicherheit behalten wir Sie noch ein paar Stunden hier. Und wenn das letzte EKG grünes Licht zeigt, können Sie nach Hause gehen. Allerdings dürfen Sie heute nicht mit dem Auto fahren. Morgen erst wieder.“

„Ich tue alles, was Sie mir sagen“, erwiderte Benedikt. Auch wenn er nichts gespürt hatte, so war er doch froh, dass diese Prozedur hinter ihm lag. „Werde ich Medikamente nehmen müssen?“

„Darüber reden wir noch, bevor wir Sie entlassen.“

Als Benedikt allein war, checkte er gleich seine Termine für die kommenden Tage. Wenn er sie ein wenig hin- und herschob, konnte er fast alle wahrnehmen.

Nächste Woche zum Umzug musste er sich allerdings für eine Weile freimachen. Die ersten Tage wollte er mit seiner Tochter zusammen sein, damit das Kind sich schnell an die neue Umgebung gewöhnte. Wenn auch Ellen wie versprochen dabei war, konnten sie gleich ein wenig Familienleben üben. So schwer durfte das doch nicht sein.

Tief in seinem Herzen wusste er jedoch, dass Ellen in ihrem Beruf niemals Abstriche akzeptieren, geschweige denn ihn ganz aufgeben würde. Das durfte er nicht von ihr verlangen. Er selbst würde ein solches Ansinnen ja auch zurückweisen.

Inzwischen schwebte ihm schon eine andere Lösung vor. Eine Idee hatte sich in seinem Kopf eingenistet. Und er hoffte, dass er die sympathische Pflegerin, die seinetwegen ihren Job verloren hatte, davon überzeugen konnte.

***

Verena hoffte, ungesehen ins Zimmer zwölf zu gelangen, doch bevor sie es erreichte, wurde sie schon von der Seite ziemlich dumm angesprochen.

„Was tust du denn noch hier? Du bist gekündigt, schon vergessen? Hier hast du nichts mehr verloren.“ Mit hämischer Miene vertrat Margot ihr den Weg. Die Arme hielt sie vor der Brust verschränkt.

Erst wollte Verena die andere ignorieren, überlegte es sich dann aber anders.

„Es geht dich zwar nichts an, doch ich mache als ganz gewöhnliche Besucherin einen privaten Krankenbesuch.“

„Das glaube ich dir nicht.“ Margots linkes Unterlid zuckte nervös. „Wen willst du denn mit deiner Anwesenheit beehren?“

„Herrn Dr. Erler. Er erwartet mich.“

„Ach du meine Güte! Geht’s nicht noch ein bisschen alberner? Na, dann wollen wir mal sehen, was er dazu sagt.“

Margot machte kehrt und ruderte energisch voraus. Verena betrachtete ausgiebig das ausladende Hinterteil der Frau, die gestern noch ihre Kollegin gewesen war. Und sie erinnerte sich an die vielen Diäten, die Margot schon ausprobiert hatte, um das Gold auf Hüften und Po zu reduzieren. Gelungen war ihr das bis heute nicht.

Vor dem Zimmer mit der Nummer zwölf blieb die leitende Stationsschwester stehen, klopfte kurz und betrat vor Verena den Raum.

„Meine Exkollegin behauptet, mit Ihnen verabredet zu sein, Herr Doktor.“

Benedikt würdigte sie keiner Antwort. Er stand aus seinem Sessel auf und kam mit ausgebreiteten Armen auf Verena zu.

„Schön, Sie zu sehen, kommen Sie doch bitte herein!“ Und zu Margot gewandt: „Würden Sie bitte die Tür hinter sich schließen? Vielen Dank.“

Verena sah aus den Augenwinkeln, dass Margot kurz davor war, vor Wut zu zerspringen. Krachend fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

„Ich mag Schwester Margot nicht“, erklärte Benedikt. „Aber das tut jetzt auch nichts mehr zur Sache, denn noch heute gehe ich nach Hause. Natürlich hoffe ich, dass ich nicht so bald wiederkommen muss. Setzen Sie sich doch!“

Er wies auf den zweiten Stuhl, auf dem Verena Platz nahm.

„Wie ich sehe, haben Sie alles gut überstanden“, stellte sie fest.

„Dr. Holl war mit dem Verlauf zufrieden. Wir werden noch ein abschließendes Gespräch haben. Aber zuvor möchte ich Ihnen einen Job anbieten.“

„Wie bitte? In rechtlichen Dingen kenne ich mich nicht aus. Wie Sie wissen, bin ich Krankenpflegerin.“

Er winkte ab. „Vollkommen klar. Es geht auch gar nicht um meine Kanzlei, sondern um meine familiäre Situation.“

Benedikt bot ihr ein Glas Saft an, doch obwohl ihre Kehle ganz trocken war, wollte sie nichts. Er selbst goss sich Wasser ein und begann, ihr seinen Vorschlag zu unterbreiten.

Er sprach kurz von seiner Verbindung zu Ellen Kamps, die als Sportjournalistin viel in der Welt herumgondelte. Und dann beschrieb er seine Tochter Larissa als ein etwas schwieriges Kind mit einem großen Herzen.

„Sie liebt alle Tiere, sogar die Insekten. Ellen hat mal eine Spinne tot geschlagen, da ist meine Kleine fast ausgerastet.“

Verena rutschte ungeduldig auf ihrem Sitz hin und her. Warum erzählte er ihr das alles? Er lächelte sie bittend an. Wie gebannt schaute sie in sein Gesicht und versuchte, sich alle Merkmale einzuprägen. Die braunen Augen, das leicht gelockte Haar. Zwischen der schmalen Nase und dem kräftigen Kinn ein volles Lippenpaar.

„Ich suche eine verantwortungsvolle Frau, die sich um meine Tochter kümmert. Ich glaube, Sie wären dafür genau die Richtige. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Nächste Woche ziehen wir um in ein Haus in der Schubertallee. Dort ist so viel Platz, dass eine Großfamilie darin wohnen könnte, aber so viele sind wir ja gar nicht. Meine Tochter Larissa, Sie und ich. Und natürlich meine Lebensgefährtin, die jedoch, wie gesagt, viel unterwegs ist. Wir werden demnächst heiraten. Vielleicht wird sie dann etwas häuslicher.“

Sein resignierter Seufzer zeigte, dass er selbst nicht so recht daran glaubte.

„Aber das ist völlig unmöglich“, erwiderte Verena, während ihr Herz aufgeregt pochte. „Ich bin keine Erzieherin.“

„Was macht das schon. Jeder Mutter, die ihr erstes Kind im Arm hält, geht es genauso. Sie sind eine Frau, Sie sind warmherzig, Sie können anpacken. Und ich glaube, Larissa wird Sie mögen.“

Die Vorstellung, mit ihm unter einem Dach zu leben, machte sie ganz kribbelig. „Allerdings habe ich schon als Krankenpflegerin in der Kinderabteilung gearbeitet.“

„Na, sehen Sie!“ Sein Lächeln wurde triumphierend. „Lassen wir es doch einfach auf einen Versuch ankommen!“, fuhr er fort. „Ich zahle Ihnen dreihundert Euro mehr, als Sie hier verdient haben. Und gegen eine geringe Unkostenbeteiligung bei den Nebenkosten können Sie in meinem Haus wohnen. Sie sparen sich dann auch noch die Miete.“

Verena konnte es nicht glauben. Meinte er das wirklich ernst? Er bot ihr eine gute Arbeit an, noch dazu eine komfortable Unterkunft – zu Bedingungen, die sich jede ausgebildete Erzieherin nur wünschen konnte.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Richtige dafür bin“, wandte sie dennoch ein.

„Bitte, Verena, es muss ja nicht für immer sein! Aber Sie würden mir jetzt aus der Patsche helfen. Sie müssen nichts weiter tun, als sich um Larissa kümmern, sie morgens zur Schule bringen, ihr ein Mittagessen kochen und ihre Hausaufgaben beaufsichtigen. Natürlich haben Sie auch Ihre Freizeit, das regeln wir noch ganz genau in einem Vertrag. Bitte sagen Sie Ja! Machen wir diesen Versuch … oder haben Sie etwa gar schon einen neuen Job?“

Verena schüttelte den Kopf. „Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mich irgendwo zu bewerben.“

Benedikt sah, dass sie kurz vor der Zusage stand. „Geben Sie sich einen Ruck! Wenn es für beide Seiten nicht passt, können Sie doch jederzeit wieder aufhören.“

Dieses Angebot anzunehmen kam ihr vor wie ein Sprung ins kalte Wasser. Aber warum nicht? Was hatte sie schon zu verlieren? Der Anwalt hatte recht, so groß war das Wagnis nun auch wieder nicht.

„Und wann, dachten Sie …“

„Wir treffen uns morgen vor dem Haus. Es ist von einem befreundeten Innenarchitekten eingerichtet worden, aber bis alle Möbel geliefert sind, wird es noch zwei, drei Tage dauern. Ich zeige Ihnen die beiden Gästezimmer, davon können Sie sich gleich eins aussuchen. Müssen Sie Ihre Wohnung noch kündigen?“

„Nein, ich lebe mit meiner Schwester zusammen. Es wird ihr nichts ausmachen, wenn ich ausziehe.“

In letzter Zeit war es ohnehin immer enger geworden, weil auch Hannas Freund Thomas jetzt öfter anwesend war und nach und nach seine Sachen mitbrachte. Das sah ganz danach aus, als würde er bei Hanna sesshaft werden.

„Na, das passt doch alles bestens!“, rief Benedikt aus und streckte ihr die Hand entgegen. „Auf gute Zusammenarbeit! Wir werden uns gut verstehen!“

Zwar teilte Verena seinen überschäumenden Enthusiasmus nicht, aber sie gab ihr Zögern auf und schlug ein. Sie war sich dessen bewusst, dass ihr Leben nun eine ganz andere Richtung nahm. Ganz sicher würde sie den Klinikbetrieb und den Umgang mit den Patienten vermissen. Andererseits konnte sie es sich in dieser Situation nicht leisten, ein so gutes Angebot abzulehnen.

Sie besaß keine großen Rücklagen und brauchte ein monatliches Gehalt, wenn sie nicht ihrer Schwester auf der Tasche liegen wollte. Und dass sie mit dem neuen Job auch noch eine Wohnmöglichkeit angeboten bekam, machte die Sache natürlich noch reizvoller.

Sie verabredeten sich für den nächsten Tag. „Neun Uhr?“, schlug er vor. „Wir schauen uns alles gemeinsam an, anschließend gehen wir irgendwo frühstücken. Nachmittags möchte ich Sie dann mit meiner Tochter bekannt machen.“

„Und was ist, wenn sie mich nicht mag?“

„Sie werden Larissas Herz erobern“, meinte der selbstbewusste Vater. „Ganz bestimmt.“

Verena ging wie auf Wolken, als sie wenig später die Berling-Klinik verließ. Sollte sie vielleicht am Ende noch froh sein, dass man ihr gekündigt hatte?

***

„Bin ich nun geheilt?“, erkundigte sich Benedikt bei Chefarzt Dr. Holl.