Die Bestie von Dresden - Frank Goldammer - E-Book

Die Bestie von Dresden E-Book

Frank Goldammer

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Beschreibung

Eine Stadt im Ausnahmezustand Der sonnige Mai 1883 wird für die Dresdner zum Schreckensmonat: Aus dem Zoologischen Garten soll ein Tiger ausgebrochen sein und die Stadt unsicher machen. Zeitgleich treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der es offenbar auf die Söhne und Töchter reicher Bürger abgesehen hat. Ein äußerst heikler Fall für Kriminalrat Gustav Heller und seinen Assistenten Schrumm. Als ihr Verdacht auf einen Ex-Zuchthäusler fällt, werden sie sofort von dessen ehrgeizigem Anwalt unter Druck gesetzt. Zu Hellers großem Ärger mischt sich auch der vom Zoo wegen des Tigers um Hilfe gebetene Wildtierexperte namens Karl May immer mehr in die Polizeiarbeit ein. Während das Raubtier noch frei herumläuft, geschieht ein weiterer Mord an einer jungen Frau …

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Der sonnige Mai 1883 wird für die Dresdner zum Schreckensmonat: Aus dem Zoologischen Garten soll ein Tiger ausgebrochen sein und die Stadt unsicher machen. Zeitgleich treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der es offenbar auf die Söhne und Töchter aus reichen Großbürgerfamilien abgesehen hat.

Ein äußerst heikler Fall für Kriminalrat Gustav Heller und seinen Assistenten Schrumm. Als ihr Verdacht auf einen Ex-Zuchthäusler fällt, werden sie sofort von dessen ehrgeizigem Anwalt unter Druck gesetzt. Zu Hellers großem Ärger mischt sich auch der vom Zoo um Hilfe gebetene Wildtierexperte namens Karl May immer mehr in seine Polizeiarbeit ein und ist ihm stets einen Schritt voraus. Während das Raubtier noch frei herumläuft, geschieht ein weiterer Mord an einer jungen Frau …

Frank Goldammer

Die Bestie von Dresden

Kriminalrat Gustav Heller

Band 3

Dresden, Mai 1883

1

»Schrumm, Sie sind zu spät!«, empfing Kriminalrat Gustav Heller seinen Assistenten, als dieser mit gerötetem Gesicht ins Büro platzte.

Schrumm, groß, dünn und ungelenk, wollte sprechen, konnte aber nicht. Er schnappte nach Luft.

Heller erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Er wusste nicht, ob er amüsiert oder besorgt sein sollte. Offenbar war etwas Schreckliches geschehen. Auch Sekretär Klenkel stand alarmiert in der Zwischentür.

»Sind Sie etwa gerannt, Schrumm? Wollen Sie nicht den Hut abnehmen?«

Allein die Vorstellung, wie Schrumm mit ausladenden Schritten und wehenden Frackschößen durch die Gassen eilte, war so komisch, dass Heller ein Schmunzeln unterdrücken musste.

Sein Assistent riss sich den Zylinder vom Kopf. »Die Bestie ist los!«, stieß er hervor.

Heller hatte alles Mögliche erwartet, nur das nicht. Er war verblüfft. »Die Bestie?«

»Im Zoologischen Garten. Gerade erst angekommen und schon entflohen.«

»Schrumm!«, ermahnte Heller ihn. Jetzt war er fast enttäuscht, denn er hatte mehr erwartet als die Nachricht über ein entflohenes Tier. »Konkreter, bitte!«

»Ein Tiger! Ein männliches Tier, gerade in Dresden eingetroffen.«

»Warum betonen Sie das ständig? Wäre es weniger fatal, wenn er schon länger hier lebte?«

»Nein, ich meine nur …« Schrumm verstummte und suchte nach einer Erklärung, warum diese Information relevant sein könnte.

»Und der Tiger hat Sie bis hierher verfolgt? Oder warum sind Sie so abgehetzt?«

Hellers belustigte Gelassenheit kühlte Schrumm schneller ab als ein Guss kalten Wassers. »Nein, aber ich meine … eine wilde Bestie! Ein Bengalischer Tiger, männlich. Riesig. Er ist durch eine offene Tür entflohen. Nun läuft er vermutlich durch die Stadt.«

»Sollen sie ihn erschießen«, schlug Heller vor.

»Das ist nicht so leicht. Er ist ja weg, also verschwunden.«

»Nun, er wird sicher in Ihrer kleinen Dachwohnung auf Sie lauern. Wie vor einiger Zeit bereits ein Geist dort lauerte.«

Schrumm bekreuzigte sich beim Gedanken daran. Doch einfach zum Tagesgeschäft übergehen wollte er nicht. »Herr Kriminalrat, ich verstehe nicht, wieso Sie der Sache nicht den nötigen Ernst beimessen. Eine wilde Raubkatze, riesig noch dazu, ist eine Gefahr für jedermann.«

»Sie haben recht. Doch wenn der Tiger im Zoo entfleucht ist, dann wird er sich ja noch irgendwo auf dem Gelände befinden. Sie werden die Tore schließen und ihn wieder einfangen.«

»Das ist es ja eben. Im Zoologischen Garten ist er nicht mehr. Er muss über den Zaun gesprungen sein, man vermutet ihn im Großen Garten!«

»Ein Tier von derart riesigem Ausmaß konnte einfach verschwinden?«

»So scheint es!«

»Nun, dann ist es die Sache wert, ein wenig unserer Zeit dafür zu opfern. Fahren wir hin!«

»Fahren … was?«, keuchte Schrumm entsetzt.

»Sehen wir uns das an.«

»Sie wollen dahin?«

»Wir müssen sogar. Wenn eine Tür offen gelassen wurde, dann ist das mehr als nur eine Unaufmerksamkeit. Das ist nahezu fahrlässig und eine Gefahr für die Allgemeinheit. Und für den Unglücklichen, der von dem Tier angefallen wird, im Besonderen.«

»Aber wenn das Tier, die Bestie …«

»Keine Angst, Schrumm. Wir sind doch bewaffnet. Und so mager, wie Sie sind, wird er sich zum Fressen ganz sicher jemand anderen aussuchen. Wenn wir Glück haben, nimmt er sich Regierungsrat Posch zum Frühstück. Der hat wenigstens was auf den Rippen.«

2

Die Tore des Zoologischen Gartens waren verschlossen, und eine Menschenmenge hatte sich draußen angesammelt. Wo immer es möglich war, stierten die Leute durchs Gitter und versuchten, etwas zu erspähen. Heller ließ die Kutsche halten. Ringsum wurde viel geschwätzt, viel gelacht. So konnte man den angenehm warmen Frühlingstag aushalten.

»Wenn die wüssten, dass der Tiger entlaufen ist, stünden sie sicher nicht hier und hielten Maulaffen feil«, sagte Heller zu Schrumm.

Dieser musterte die Pferde, die ihre Köpfe hin und her warfen. »Finden Sie nicht auch, dass die besonders unruhig sind?«, fragte er besorgt.

»Das sind die vielen Leute, gnädiger Herr«, beruhigte der Kutscher.

Doch Hellers Assistent war mit dieser Aussage nicht zufrieden. Er sah sich hektisch um, legte den Kopf in den Nacken und schaute nach oben.

»Es ist ein dreihundert Pfund schweres Tier, Schrumm, kein Vogel«, belustigte sich Heller.

»Es ist eine Katze, und diese können klettern.«

»Der Tiger wird sich trotzdem nicht in einem Baumwipfel verstecken. Als Feldwebel in einer Schlacht gäben Sie mit Ihrer Besorgnis jedenfalls kein gutes Beispiel ab.«

»Ich bin aber kein Feldwebel, und mein Beamtenvertrag beinhaltet nicht, von einem Tiger gerissen zu werden«, erwiderte Schrumm ernsthaft.

»Nun, vermutlich gibt es irgendeine Klausel, die den Staat von Forderungen freispricht, sollte Ihnen im Dienst etwas zustoßen.«

»Eine solche Klausel existiert nicht!«, erwiderte Schrumm, mit dem man sich auf diesem Gebiet nicht messen sollte. Paragraphen, Klauseln, Zusätze waren für ihn das, was für andere die Gewürze im Essen waren.

»Sagen Sie, wie haben Sie denn eigentlich von der Tigerflucht erfahren?«, fragte Heller.

»Man rief es sich auf der Straße zu.«

»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, dass es nur ein Streich gewesen sein könnte?«

»Aber all die Leute hier?«

»Wären dann derselben Falschmeldung aufgesessen. Der Direktor hat sicher Besseres zu tun, als lauthals zu verkünden, dass ihm sein neues Schmuckstück davongelaufen ist.«

»Vielleicht, um die Bevölkerung zu warnen!«, konterte Schrumm.

Innerlich stimmte Heller seinem Assistenten zu, behielt das jedoch für sich. Er stieg aus und marschierte in Richtung des großen Eingangstors.

»Es ist geschlossen, gnädiger Herr!«, rief jemand eilfertig.

»Nicht für mich«, weissagte Heller, der sich durch die Menschenmenge zum Tor bewegte, gefolgt von Schrumm. »Kriminalrat Heller verlangt Einlass!«, sagte er zu dem Portier, der es von innen bewachte.

»Gnädiger Herr, Sie gestatten, dass ich erst Genehmigung einholen muss«, bat der junge Mann.

»Ich gestatte nicht! Ich bin Polizist der Königlich Sächsischen Polizei.«

Dem armen Mann stand augenblicklich ins Gesicht geschrieben, in welchem Dilemma er jetzt steckte.

»Nun gehen Sie schon fragen!«, rief Heller ihm ungehalten zu, woraufhin der Portier davoneilte. »Hier scheint wirklich etwas vor sich zu gehen«, schlussfolgerte Heller.

Kurz darauf kam der Portier zurück. »Nur die Herren von der Polizei dürfen hinein!«, rief er laut, nahm seinen Schlüssel und schloss das Tor auf. Er öffnete es einen kleinen Spalt weit, und Heller und Schrumm schlüpften hinein, wobei Schrumm sich jeden vorstehenden Knochen stieß. Schnell schloss der Portier hinter ihnen wieder ab. »Wenn Sie mir folgen möchten, Herr Direktor Schoepf wird Sie empfangen.«

Schrumm sah sich besorgt um, und Heller nahm ihn beim Ellenbogen. »Es reizt mich sehr, mich bei Gelegenheit an Sie heranzuschleichen, zu fauchen und Ihnen ins Bein zu zwicken. Aber ich fürchte, Ihr armes Herz würde das nicht überstehen.«

»Machen Sie sich nur lustig. In Indien sterben jedes Jahr Tausende durch Bestien wie diese«, erwiderte Schrumm, während sie am Elefantenhaus sowie weiteren Gehegen und Volieren vorbeigingen.

»Ich will ja nur, dass Sie Ihre Angst nicht so offenkundig zur Schau stellen.«

Am Raubtierhaus angelangt, deutete der Portier auf einen gut gekleideten Mann. »Herr Direktor, die Herren von der Polizei.« Der Portier verbeugte sich und ging wieder fort.

Adolf Schoepf, Sohn des unlängst verstorbenen Gründers des Zoologischen Gartens Albin Schoepf, war ein schnauzbärtiger Mann von Anfang fünfzig. Sein Gesicht drückte Besorgnis aus; noch dazu schien ihn ein körperliches Leiden zu plagen. Um ihn herum herrschte geschäftiges Treiben. Männer mit langen Stangen und Netzen, aber auch mit Schusswaffen, hatten sich versammelt.

»Wem bin ich denn auf die Füße getreten, dass man mir gleich die Polizei schickt?«, sagte Schoepf.

»Niemand schickt uns, wir sind von selbst tätig geworden. Ich bin Kriminalrat Heller, und das ist mein Assistent Schrumm«, stellte Heller sie vor. »Ich vernahm, Ihnen sei ein Tiger entflohen. Dem musste ich nachgehen. Es heißt, er sei durch eine offene Tür geschlüpft. Und ich wüsste gern, wer diese offen ließ.«

»Das versuche ich auch seit geraumer Zeit zu erfahren, doch es will sich partout niemand verantwortlich zeigen«, entgegnete Direktor Schoepf.

»Der Tiger ist ganz sicher weg?«

»Ganz sicher. Wir setzen aber alles daran, ihn noch heute wieder einzufangen. Ich habe nach einem Experten schicken lassen, der glücklicherweise gerade in der Stadt weilt. Er soll uns zur Seite stehen und kann jederzeit eintreffen.«

»Ein Experte? Das will ich mir ansehen.«

»Bleiben Sie gern.«

»Der Tiger ist ganz frisch eingetroffen?«

»Er wurde erst vor zwei Tagen von der Firma Hagenbeck aus Hamburg geliefert.«

»Aber Sie sind doch selbst überaus erfolgreich bei der Zucht von Großkatzen, oder? So heißt es jedenfalls.«

»Allerdings. Jedoch benötigt man dazu einen Kater, und zwar nicht immer nur denselben.«

Da hatte er recht, das wusste Heller von seiner eigenen Pferdezucht.

»Wollen Sie uns gestatten, dass wir uns das neue Vogelhaus ansehen, bis der Großwildexperte eintrifft?«

»Natürlich, die Herren. Bewegen Sie sich frei auf dem Gelände, wie es Ihnen gefällt. Natürlich unter Vorbehalt, dass der Tiger sich hier irgendwo versteckt und ich Ihnen darum keine Garantie für Ihre Sicherheit geben kann.«

»Hieß es nicht, der Tiger sei draußen, außerhalb des Zoos?«

Schoepf lachte leicht verbittert. »Er ist weg. Das bedeutet, er könnte draußen sein oder sich in der Anlage versteckt haben.«

»Mangelt es Ihnen vielleicht an gutem Personal, dass so etwas passieren konnte? Soweit ich weiß, ist der Zoologische Garten ja hoch verschuldet.«

»Ist Ihr Vorgesetzter immer so forsch, Herr Kriminalassistent?«, wandte Schoepf sich an Schrumm.

»Ich fürchte, das muss ich mit Ja beantworten«, erwiderte Schrumm. »Aber seine Frage ist nicht unberechtigt. Man müsste doch von einem Zoowärter so viel Verantwortungsbewusstsein verlangen können, dass er eine Käfigtür nicht offen lässt.«

Heller staunte über die Direktheit seines Assistenten. Offenbar war Schrumm regelrecht entzürnt über die ganze Angelegenheit.

»Fehler geschehen, und wir werden den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Zunächst sollte unser Augenmerk aber darauf liegen, das Tier zu fangen.«

»Oder zu schießen«, ergänzte Heller. »Wenn es sich nicht fangen lässt.«

»Ein so wertvolles Tier werde ich niemals einfach so erschießen.«

»Wertvoller als ein Menschenleben sollte es doch nicht sein!«

Schoepf sah auf und wollte etwas erwidern, drehte jedoch in diesem Moment den Kopf. »Da kommt ja der Spezialist!« Dann eilte er davon, dem Neuankömmling entgegen.

 

»Wenn das ein Spezialist ist …«, grollte Heller leise, nachdem sie minutenlang zugesehen hatten, wie der Mann den Käfig inspiziert, den Boden nach Spuren abgesucht, Anweisungen gegeben und dabei immer wieder in verschiedene Richtungen gezeigt hatte. »Ich hatte einen Mann von Statur erwartet.«

Der Großwildspezialist war ein recht kleiner, fast unscheinbarer Mann mit Schnauzbärtchen und Zwicker, den er immer aufsetzte, wenn es etwas aus der Nähe zu betrachten gab. Er trug einen schlichten Alltagsanzug. Nichts zeichnete ihn äußerlich als Experten aus.

»Nun, die Statur sollte nicht auf die Fähigkeiten eines Mannes schließen lassen«, merkte Schrumm vorsichtig an.

»Da haben Sie natürlich recht«, grollte Heller. Er hatte sich einen großen Mann in Tropenanzug und mit Gewehr ausgemalt und haderte nun eher mit seinen überzogenen Vorstellungen als mit der Realität. »Sollen die mal ihren Tiger fangen. Mich würde eher interessieren, ob hier gewisse Differenzen zwischen den Pflegern bestehen. Vielleicht führten die ja dazu, dass einer von ihnen absichtlich die Käfigtür öffnete, um dem anderen eins auszuwischen.«

Schrumm sah ihn fragend an.

»Beobachten Sie die beiden da, Schrumm. Mir scheint, die können sich auf den Tod nicht leiden. Vielleicht ist auch Eifersucht im Spiel. Man müsste erfahren, wer hier wessen Vorgesetzter ist.«

Heller deutete auf zwei Wärter, die zwar beieinanderstanden, aber sichtbar Abneigung gegeneinander hegten. Als der eine etwas sagte, wandte sich der andere mit offenkundiger Abscheu ab.

»Kommen Sie, lassen Sie uns nähertreten und hören, was der Experte zu sagen hat.«

 

Das hätte ich auch gekonnt, dachte Heller mürrisch. Alles absperren, den ganzen Großen Garten. Futter auslegen, auf Zeit spielen, in die Falle locken. Keine lauten Geräusche, keine wilde Jagd. Da wäre selbst Schrumm draufgekommen oder das alte Muttchen, das vor dem Polizeipräsidium Zwiebeln verkaufte.

Zoodirektor Schoepf schien damit zufrieden zu sein. Er gab die Anweisungen des Experten laut weiter, dirigierte seine Männer in diese und jene Richtung und kam dann zu Heller und Schrumm.

»Herr Kriminalrat, Ihre Anwesenheit erleichtert mir das Leben ein wenig. Darf ich Sie höflichst bitten, sich als mein Fürsprecher bei Polizeipräsident Schwauß vorzustellen und ihn nach Unterstützung zu fragen? Wir benötigen Absperrungen und einige Männer, um den Großen Garten zu umstellen. Außerdem wäre es erforderlich, uns eine größere Menge Netze zur Verfügung zu stellen.«

»Als Fürsprecher bei Schwauß haben Sie sich den denkbar schlechtesten Mann im Polizeipräsidium ausgesucht«, entgegnete Heller. »Aber ich will sehen, was sich ausrichten lässt.« Aus dem Augenwinkel sah Heller den Großwildexperten langsam näher kommen, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

»Darf ich die Herren bekannt machen«, nutzte Schoepf die Gelegenheit. »Herr Kriminalrat Heller, Kriminalassistent Schrumm und Herr May, Schriftsteller und Weltreisender.«

Heller grüßte mit einem Kopfnicken. »Karl May? Ich meine, von Ihnen gehört zu haben. Meine Tochter ist durch ihre Krankheit oft ans Bett gefesselt und verschlingt Bücher, wie andere Tortenstücke verschlingen.«

»Dann richten Sie Ihrem Kind meine besten Grüße und Genesungswünsche aus!«, erwiderte May freundlich.

»Das werde ich, ergebensten Dank«, sagte Heller und unterschlug, dass Johanna leider keine Genesung mehr erwartete. Bestenfalls noch einige Jahre ohne großes Leiden.

»Wenn die Herren mich entschuldigen wollen«, verabschiedete sich Schoepf.

»Sie sind also Kriminalpolizist?«, fragte Karl May. »Ist das ein interessanter Beruf?«

»Nun, bisher dachte ich das. Doch vermutlich ist er nicht annähernd so interessant wie der eines weltreisenden Schriftstellers. Wie kommt es, dass Sie in Dresden sind?«

»Ich wohne neuerdings hier. Nach einigen Besuchen bei meinem Verleger in der Stadt habe ich beschlossen, hier mein Domizil zu finden. Bis vor Kurzem war ich in Blasewitz wohnhaft, bin jetzt aber weiter in die Innenstadt gezogen.«

»Und nebenbei verdingen Sie sich als Großwildjäger?«

May verzog das Gesicht. »Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, bei einem Diner den Herrn Zoodirektor Schoepf kennenzulernen. Allein deshalb ließ er mich heute rufen. Es ist mir ehrlich gesagt etwas peinlich, so in diese Angelegenheit involviert zu werden. Immerhin sind wir in der Stadt, da bewegt sich ein Tier ganz anders als in freier Wildbahn. Man kann kaum Spuren lesen, geschweige denn sie verfolgen. Die Anweisungen, die ich gab, hätte jeder andere Mann mit ein wenig gesundem Menschenverstand auch geben können.«

Heller entspannte sich ein wenig. Er hatte den Mann zuerst für einen Hochstapler gehalten, doch er schien äußerst abgeklärt zu sein.

»Sagen Sie, verfolgen Sie oft Verbrecher? Schießen Sie auch gelegentlich?«, fragte May neugierig.

»Nicht so oft, wie ich wünschte. Aber öfter, als es meinem Assistenten recht ist.« Heller sah Schrumm an, und erst jetzt fiel ihm auf, dass dieser noch gar nichts gesagt hatte. Er war so in Ehrfurcht erstarrt, dass er Hellers Frotzelei überhaupt nicht bemerkt hatte.

»Haben Sie überall Zugang? Angenommen, im Schloss geschähe ein Mordfall – dürften Sie die Gemächer des Königs betreten?«

Heller lachte. »Gott behüte, vermutlich müsste der König das tatsächlich zulassen. Sie haben wirklich eine blühende Fantasie.«

»Lauert Ihnen manchmal ein Verbrecher auf, den Sie einst ins Zuchthaus brachten?«, fragte May weiter.

»Bisher noch nicht. Warum wollen Sie denn das alles wissen?«

Der Schriftsteller hob leicht verlegen die Schultern. »Nun, ich schreibe nicht nur über meine Reisen. Gelegentlich versuche ich mich auch an kriminalistischen Romanen.«

»Ich berate Sie gern, aber Sie würden enttäuscht sein. So aufregend ist unser Beruf nicht. Die meiste Zeit schlägt man sich mit undankbarem Kleinkram herum und muss darüber auch noch glücklich sein. Denn Kapitalverbrechen sind ja grundsätzlich nicht wünschenswert. Darüber hinaus stellt man Tausende Fragen, auf die man meist unbefriedigende Antworten bekommt. Aber sicher hat man als Schriftsteller die Freiheit, sich nicht unbedingt an der Realität orientieren zu müssen.«

»Allerdings, die Freiheit besitzt man. Es geht ja vor allem darum, das Lesepublikum zu unterhalten.«

»Sehen Sie. Vielleicht finden Sie ja in Ihrem nächsten Buch eine Rolle für mich oder meinen Assistenten«, schlug Heller vor. »Bis dahin lassen Sie sich aber nicht vom Tiger fressen!«

3

»Sie leben ja immer noch!«, begrüßte Heller seinen Assistenten im Büro, zwei Tage nach der Flucht des Tigers.

Schrumm erhob sich von seinem Stuhl. »Guten Morgen, Herr Kriminalrat. In der letzten Nacht hat er wohl ein Pferd gerissen. Es ist aber nicht ganz gesichert.«

»Also ein Gerücht. Und wo soll das geschehen sein?«

Schrumm kniff die Lippen zusammen. »Es gab gestern einige Sichtungen in der Nähe des Großen Gartens.«

»In der Nähe, aber nicht im Großen Garten? Hieß es nicht, der Tiger verstecke sich auf dem Gelände? Und ist der nicht umstellt? Soweit ich weiß, hat Schwauß ganze zwanzig Mann von der Schutzpolizei und an die fünfzig Freiwillige abgestellt, die sich auf seinen Aufruf hin meldeten, um den Großen Garten lückenlos zu bewachen.«

»Sie wollen nun wohl hineingehen und nach dem Tier suchen.«

»Und es womöglich noch anschießen und verletzen, damit es richtig wild wird. Sie sollten auf diesen Schriftsteller hören und eine Falle auslegen. Irgendwann bekommt der Tiger Hunger, und dann kann er sicherlich einer angebundenen Ziege nicht widerstehen. Oder am besten sogar dem Zoowärter, der die Tür offen gelassen hat.«

»Es ist noch immer nicht gesichert, wer dafür verantwortlich war. Und ich verstehe nicht, warum Sie ständig einen ironischen Tonfall anschlagen müssen. Diese Bestie wäre durchaus in der Lage, Sie auf der Heimfahrt vom Kutschbock zu reißen und zu zerfleischen.«

»Soll sie es versuchen. Ich glaube eher, Sie haben Angst, angegriffen zu werden.«

»Nun, ich wohne ja in der Stadt. Und ich gestehe, wenn ich am Abend unterwegs bin, wird jedes Rascheln zu einem Tiger, der im Gebüsch lauert. Also spotten Sie ruhig!«, rief Schrumm aufgebracht.

»Ich spotte nicht. Vielmehr frage ich mich, warum Sie trotz der lauernden Gefahr am Abend unterwegs sind.«

Schrumm wurde rot.

»Ein Frauenzimmer, habe ich recht? Wofür sonst sollte es sich lohnen, sein Leben zu riskieren? Bahnt sich da etwas an? Los, Schrumm, erzählen Sie!«

»Es gibt nichts zu erzählen.«

»Sie wissen, ich rücke Ihnen so lange auf die Pelle, bis ich es weiß.«

Schrumm setzte sich. »Sie kennen die Dame«, sagte er dann leise.

»Ich kenne sie?«

»Erinnern Sie sich an die Vorfälle im Geisterhaus vorletztes Jahr? An Fräulein Blink?«

»Auguste Sophia Blink?«

»Sie kennen sogar noch ihre Vornamen?«

Heller tippte sich an den Kopf. »Wenn etwas erst einmal hier drin ist, bleibt es dort. Unverheiratet, wohlhabend, passables Aussehen, keine schlechte Partie im Allgemeinen.«

»Und erst recht für mich, meinen Sie?«

»Dass Sie immer gleich beleidigt sein müssen!«, schimpfte Heller. Doch dann erkannte er, dass seine Worte tatsächlich verletzend wirken konnten. Auch seine Frau Helene beschwerte sich häufig darüber, dass er mit seiner Art die Leute immer wieder vor den Kopf stieß. So auch seinen Sohn, der dem Hof inzwischen den Rücken gekehrt hatte, um bei seiner Verlobten in Pieschen unter fast ärmlichen Verhältnissen zu leben. »Aber ganz im Ernst, Schrumm: Gratulation!«

»Noch gibt es nichts zu gratulieren. Sie lief mir in der Stadt über den Weg, erinnerte sich an mich, und wir kamen ins Gespräch. Sie lud mich in ihre Villa ein. Wir tranken Kaffee und rauchten ein paar Zigaretten, woran ich mich erst gewöhnen muss, gestehe ich.«

»Ja, ich kann diesem Laster auch nichts abgewinnen«, stimmte Heller zu. Spätestens seit 1862, als man in Dresden die Yenidze erbaut hatte – eine Zigarettenfabrik in Gestalt einer Moschee –, war diese Form des Tabakrauchens keine reine Modeerscheinung mehr, sondern weit verbreitet. »Nun, dann will ich Ihnen die Daumen drücken.«

Es klopfte, und Sekretär Klenkel erschien in der Tür.

»Herr Kriminalrat, Polizeipräsident Schwauß hat nach Ihnen geschickt. Sie mögen ihn in seinem Büro aufsuchen.«

 

Schwauß empfing Heller formlos. Inzwischen war er es gewohnt, dass der Kriminalrat sich nicht lang mit Höflichkeiten aufhielt. Schwauß deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. Offenbar erwartete er heute hohen Besuch, denn zahlreiche Orden schmückten seine Brust. Heller hatte noch keinen einzigen bekommen, deshalb hielt er von Orden nicht viel.

»Heller«, begann Schwauß ohne Umschweife, »können wir es verantworten, unsere Männer vom Großen Garten abzuziehen? Genügen nicht die fünfzig Freiwilligen? Es mehren sich schon Stimmen, die mir vorwerfen, ich würde meine Kompetenzen überschreiten, indem ich den Großen Garten abriegeln lasse, um das Volk vor dem Tiger zu schützen.«

»Man bräuchte eigentlich sogar noch viel mehr Männer, um alles wirklich abzuriegeln. Immerhin haben wir es mit einem Umfang von sechs Kilometern zu tun. Stellen wir alle hundert Meter einen Posten auf, wären das sechzig Mann. Mit Ablösung hundertzwanzig, plus Bewaffnung und Verpflegung. Und eine Lücke von hundert Metern ist immer noch groß genug für einen Tiger, um zu entwischen.«

»Sie sind nicht gerade hilfreich, Heller.«

»Soll doch der Zoo die Kosten tragen. Zur Sicherheit der Bevölkerung müssten wir alle erdenklichen Maßnahmen ergreifen.«

»Der Zoo hat Schulden, und einige seiner Aktionäre sitzen auf wichtigen Posten in dieser Stadt.«

Es ist doch immer dasselbe, grollte Heller innerlich.

»Ich sehe Ihnen buchstäblich an, was Sie denken, Heller. Und im Grunde wollte ich Sie auch gar nicht um Rat fragen. Da Sie aber nun schon mal auf eigene Faust in den Zoo gefahren sind, übergebe ich Ihnen jetzt sozusagen das Kommando bei der Tigerjagd. Zumindest was den Teil der Polizeiarbeit betrifft. Absichern, das Volk fernhalten. Vielleicht wäre eine Treibjagd doch das probate Mittel, um dem Ganzen ein Ende zu setzen.«

»Sofern sich das Tier überhaupt noch im Großen Garten befindet! Vielleicht ist es längst auf und davon, in Böhmen oder Preußen.«

»Unken Sie nicht, Heller. Wir haben bereits Meldungen aus der ganzen Stadt und dem Umland. Sogar in anderen Städten soll der Tiger schon gesehen worden sein. Neuerdings hält jeder seine Hauskatze für die Bestie.«

»Ganz im Ernst, Herr Polizeipräsident – anstatt zu spekulieren, legen wir lieber eine Falle aus. Ist das Tier noch da, wird es kommen, und dann wird es abgeschossen. Wie lang soll sich die Angelegenheit noch hinziehen? Man kann es den Leuten ja nicht übel nehmen, dass sie Angst haben, ihren Tagesgeschäften nachzugehen. Und wir können nicht zulassen, dass die Stadt lahmgelegt wird. Ganz nebenbei würde sich so ein Tigerfell doch ganz hervorragend als Präsent für den König machen.«

»Heller, Sie dürfen das Tier nicht schießen lassen. Es ist eine teure Anschaffung und sollte die neue Attraktion werden. Um den Zoo ist es finanziell schlecht gestellt, die Aktionäre wären sicherlich sehr erbost. Andererseits …« Schwauß senkte die Stimme. »Sollte der Tiger Sie angreifen, dann muss getan werden, was getan werden muss. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Und damit wäre das Problem aus der Welt geschafft.«

Heller verstand seinen Vorgesetzten genau. »Kein Tiger – keine Probleme. Und die Kirsche auf dem Sahnekuchen wäre für Sie, dass ich dann derjenige wäre, der den Tiger abschießen ließ.«

Schwauß schmunzelte und sagte nichts dazu.

 

»Wissen Sie, was ich jetzt mache?«, fragte Heller seinen Assistenten. Es war inzwischen zwei Uhr am Nachmittag. Die Sonne stand hoch über dem Großen Garten. Vögel zwitscherten, die Blätter in den Bäumen rauschten im Wind. Die Kastanien standen in voller Blüte. In den letzten fünf oder sechs Stunden hatte er nichts anderes getan, als sich mit seiner Kutsche um den Großen Garten fahren zu lassen, die Polizisten und Freiwilligen zu kontrollieren und zur Aufmerksamkeit zu ermahnen. Er hatte Waffen ausgeben lassen. Richtige Gewehre. Dazu Proviant und Fackeln verteilt. Laternen für die Nacht wurden aufgestellt. Zwei Berufsjäger hatte er ebenfalls kommen lassen.

»Ich gehe da jetzt rein.« Heller zeigte auf den Großen Garten. »Sie können mitkommen oder hier warten. Ich werde sehen, ob sich Freiwillige finden, die mich begleiten. Es soll niemand gegen seinen Willen handeln.«

Schrumm sah seinen Vorgesetzten an. »Sie müssen doch wissen, dass ich mich dadurch erst recht genötigt fühle mitzukommen. Freiwillig hin oder her – weigere ich mich, verliere ich in Ihren Augen an Wert. Also sehe ich mich gezwungen, mich freiwillig zu melden. Nur damit Sie später sagen können, ich hätte ja nicht mitkommen müssen.«

Heller konnte Schrumm nur verblüfft anstarren. »So wirke ich auf Sie?«

Assistent Schrumm schwieg verlegen.

Heller konnte ihm nicht böse sein, denn so etwas hörte er nicht zum ersten Mal. Seine Frau Helene hatte damit nie hinter dem Berg gehalten. Doch das hatte er sich bisher immer damit erklärt, dass eine Ehefrau stets etwas an ihrem Mann auszusetzen haben musste. Doch nun aus Schrumms Mund die gleiche Klage zu hören, ließ auch den Auszug seines Sohnes vom Hof in anderem Licht erscheinen. Wie eine Flucht sogar.

Es musste ja einen Grund geben, dass sein Sohn lieber in einem schmutzigen Arbeiterviertel in der Stadt wohnte, um dort in einem kleinen Krämerladen zu schuften, als eines Tages den gut gehenden Hof mit florierender Pferdezucht zu übernehmen. Allein der Liebe wegen, das schien Heller ein zu schwacher Beweggrund zu sein. Außerdem hätte Albert die Frau ja mit auf den Hof bringen können. War er wirklich ein solcher Tyrann?

»Nun, wie dem auch sei: Sie müssen nicht mitkommen. Das meine ich so, wie ich es sage. Und ich nähme es Ihnen auch nicht übel. Sollte der Tiger Sie fressen, dann verlöre ich schließlich einen guten Mann.«

Nun wurde Schrumm verlegen, denn mit einem Kompliment hatte er nicht gerechnet.

»Ich möchte zu gern wissen, wer den Tiger bisher wirklich gesehen hat. Ich vermute, noch niemand«, meinte Heller. »Und da drin scheint es mir auch gar nicht so gefährlich zu sein. Schließlich ist es ja kein Dschungel. Im Großen Garten gibt es breite Wege, große Rasenflächen und kaum dichtes Gestrüpp.«

 

Fünf Männer begleiteten ihn schließlich. Er wies sie an, in einem Abstand von etwa zwanzig Metern in einer Linie zu laufen, wie bei einer Treibjagd.

Es täte ihm natürlich leid um den Tiger, der einfach nicht hierhergehörte. Und schon gar nicht in einen Käfig von wenigen Metern im Quadrat. In der freien Wildbahn durchstreifte ein Tiger sein Revier in Tageswanderungen von Dutzenden Kilometern. Ihn einzusperren, damit er angestarrt werden konnte, hielt Heller für eine Schande. Seiner Tochter Johanna trieb schon der Gedanke daran Tränen in die Augen. Am Ende täte man dem Tier vielleicht sogar einen Gefallen, wenn man es erschoss und ihm damit jahrelanges Leid ersparte.

Nun schritten sie aus, vom zentrumsnahen Eingang an der Hauptachse stadtauswärts. Sie bewegten sich gemächlich, machten keine hektischen Bewegungen, gaben keine lauten Rufe von sich. Hielten großen Abstand zu dichten Hecken. Bei Sichtung des Tigers wollten sie leise pfeifen.

Nach wenigen Minuten waren sie beim Lustschloss im Zentrum des Großen Gartens angelangt. Von einem Tiger war bisher nichts zu sehen.

»Es hat keinen Zweck, die Hauptwege entlangzulaufen«, merkte Heller an. »Besser wäre es, das begrünte Gelände zu durchstreifen.«

Die Männer stimmten ihm zu. Dass sie bisher noch nicht angegriffen worden waren, stimmte sie mutiger.

»Wollen wir uns aufteilen und je zu dritt eine Seite abschreiten?«, schlug einer von ihnen vor.

Heller begrüßte den Vorschlag. »Wenn wir am anderen Ende angelangt sind, machen wir kehrt und laufen wieder ganz zurück.«

Als sie schließlich den stadtauswärtigen Rand des Großen Gartens erreicht hatten und wieder umkehrten, dachte er bei sich: Hier gab es keinen Tiger. Ein so großes Tier hatte nur wenige Möglichkeiten, sich im Großen Garten zu verstecken. Heller war sich dessen so sicher, dass er sein Gewehr über die Schulter hängte.

»Herr Kriminalrat, fühlen Sie sich so sicher?«, fragte einer der Freiwilligen gerade, als aus der Ferne ein Knall ertönte.

Der Mann legte sogleich das Gewehr an und sah sich nach allen Richtungen um.

»Nur ein einzelner Schuss«, meinte Heller. »Ich glaube, das gilt mir. Ich soll hinüberkommen.« Sie hatten kein Signal ausgemacht, das war sein Versäumnis.

Nach einem Eilmarsch von wenigen Minuten hatten sie die drei anderen Männer erreicht. Schweigend und regungslos standen sie da, zeigten weder Freude noch irgendeine Art von Aufregung. Sie standen hinter einem Baum und starrten betroffen etwas an. Er ahnte Schlimmes. Drei Seile waren um den Baum gebunden. Heller ging um den Stamm herum und sah nun auch das, was die Männer anstarrten.

»Einer von euch soll meinen Assistenten Schrumm holen. Jetzt muss er kommen, freiwillig oder nicht!«

 

Aus der Richtung, aus der er kam, musste Schrumm den Leichnam schon länger gesehen haben. Also hatte er sich mittlerweile an den Anblick gewöhnt und war nun recht beherrscht, als er neben Heller trat.

Das Gesicht des jungen Mannes, der da mit dem Rücken an den Baum gefesselt war, richtete sich fast flehend nach oben. Ein Seil war um seinen Hals geschlungen, ein weiteres in Höhe seines Bauchnabels um seinen Leib gebunden. Seine Knie waren leicht eingeknickt. Die Fessel um seine Fußgelenke hielt diese am Baum, sodass es aussah, als sei er wie ein Balletttänzer in einem Grand Plié erstarrt. Entsetzen bereitete vor allem der klaffende Riss quer über seiner Kehle. Der Hals war fast zur Hälfte durchtrennt. Der gesamte Oberkörper war rot von seinem Blut.

»War das der Tiger?«, fragte Schrumm leise.

»Ich bezweifle, dass er ihn an den Baum gebunden hätte.«

Heller trat ein wenig näher. Ein weiteres Seil war um den Oberleib des Toten geschlungen und band ihm die Arme längs an die Seiten.

»Eine Mutprobe vielleicht?«, überlegte Schrumm weiter. »Möglicherweise ließ er sich freiwillig an den Baum fesseln. Wie alt mag er sein, achtzehn? Kaum älter. Das ist das Alter, in dem man sich zu solchen Dummheiten verleiten lässt.«

»Sie meinen, Schrumm, er wollte beweisen, dass er Manns genug war, sich dem Tiger zu stellen? Doch hätte es dann nicht auch genügt, den Park zu durchqueren? Wer lässt sich freiwillig so fesseln, dass er wehrlos ist? Und warum sollte der Tiger ihn töten und dann nicht fressen?«

»Er ist scheu, vielleicht wurde er von den Freunden des jungen Mannes vertrieben und beobachtet uns nun?« Schrumm sah sich besorgt um.

Heller berührte den Leichnam, dessen Totenstarre sich noch nicht aufgelöst hatte. »Und warum haben diese Freunde seinen Tod nicht gemeldet? Ich denke, er hängt nun schon die ganze Nacht und den halben Tag so.«

»Sie werden alle nach Hause geflohen sein und sich hüten zuzugeben, dass sie davon wussten«, sagte Schrumm leise.

»Lassen wir Medizinalrat Löbbers heran.« Heller wendete sich an die anderen fünf Männer. »Der Park bleibt weiterhin geschlossen! Was Sie hier gesehen haben, bleibt vorerst streng geheim, um keine zusätzlichen Gerüchte zu forcieren. Haben das alle verstanden?«

Die Männer nickten. Doch ob sie wirklich schweigen würden, war fraglich. Nur einer von ihnen müsste seiner Frau, seinen Freunden oder Verwandten von diesem Erlebnis erzählen, und schon wäre die Katze aus dem Sack.

»Etwas stört mich daran, Herr Kriminalrat«, sagte Schrumm zu Heller. »Der Park ist seit wenigstens vierzig Stunden umstellt und gesichert. Und niemand hat gesehen, wie dieser Mann sowie derjenige, der ihn gefesselt hat, hineingingen?«

Das war ein berechtigter Einwand.

»Vielleicht geschah es schon vorher«, meinte Heller. »Oder die Wachen waren nachlässig. Eine Nacht kann lang werden, wenn man wach bleiben muss. Man schläft vielleicht ein oder schlendert auf einen Plausch zu seinem Nebenmann, und schon entsteht eine Lücke.«

»Was den jungen Mann am Baum betrifft – glauben Sie wirklich, jemand wäre zu einer solchen Mutprobe bereit?«

Heller dachte ernsthaft darüber nach. Er überlegte, wie er selbst sich als Achtzehnjähriger benommen hatte, und kam zu dem Schluss, dass ihm damals durchaus Ähnliches zuzutrauen gewesen war. Vielleicht hätte er sich nicht gerade an einen Baum binden lassen; aber wenn der Einsatz hoch genug gewesen wäre, hätte er sich zu einem Spaziergang durch den Zoo überreden lassen.

»Vielleicht war er sicher, dass der Tiger nicht im Park ist. Oder ihm war sein Stolz wichtiger als die Gefahr, das kommt oft genug vor. Denken Sie nur daran, wie oft sich Leute immer noch duellieren. Aber all das ist Spekulation. Lassen Sie uns Fakten schaffen.«

4

Im Marcolinischen Palais, das schon seit Jahrzehnten zur Klinik umfunktioniert war, ließ Medizinalrat Löbbers den Leichnam von seinen Assistenten auf den Seziertisch legen. Während Heller und Schrumm ihm zusahen, inspizierte er den Toten zunächst nur mit Blicken. Man hatte die Leiche zwar vom Baum gelöst, die Fessel um den Leib, die dem Toten die Arme an den Körper schnürte, aber so belassen, wie sie war.

Der Medizinalrat verriet nicht, was ihm durch den Kopf ging. Er berührte ein Stück freie Haut am Unterarm des Toten, wandte sich dann dem Kopf zu, besah ihn sich von allen Seiten, blickte dem Toten sogar in den Mund.

»Sehr jung, achtzehn Jahre höchstens, besitzt sogar noch einige Dentes decidui«, erklärte er. Seine Worte galten nicht in erster Linie den Polizisten, sondern einem seiner Doktoranden, der mitschrieb.

»Bedeutet?«, fragte Heller.

»Milchzähne«, antwortete Löbbers und sah Heller durch die dicken Gläser seiner Brille an. »Sie müssen nicht hier sein«, mahnte der strenge Herr an. Sein Haar war kurz, genau wie sein Oberlippenbart. Seine Eitelkeit zeigte sich nicht in seinem Äußeren, sondern in dem, was er sagte und mit wem er sprach. Er hielt nicht viel von der Menschheit. Zumindest in ihrem jetzigen Zustand.

»Ich will aber hier sein.« Seit Heller durchgesetzt hatte, dass man Löbbers für seine Polizeidienste angemessen entlohnte, wagte er es auch, dem Mann auf diese Art Paroli zu bieten. Trotzdem empfand er großen Respekt für den Mediziner. Löbbers war immer ehrlich, sagte nur das Nötigste, gab nichts auf Pomp und gesellschaftliches Ansehen.

»Das war kein Tier, weder ein Tiger noch irgendein anderes. Eindeutig ein Kehlschnitt mit einer sehr scharfen, nicht zu kurzen Klinge. Ausziehen, waschen!«, befahl er seinen Assistenten. Diese schnitten die blutsteife Kleidung und die Fesseln des Toten auf, bis er nackt auf dem Tisch lag. Dann wuschen sie ihn und trockneten ihn schließlich mit weißen Tüchern ab. Nun erkannte man Verletzungen am Leib des jungen Mannes, die vorher nicht zu sehen gewesen waren.

Doch bevor sich Löbbers diesen zuwandte, fiel ihm etwas anderes ins Auge. Es war der Penis des Toten. »Balanitis«, sagte er und untersuchte ihn genauer, indem er ihn mit spitzen Fingern bewegte, was bei Schrumm ein leises Würgen hervorrief.

»Vielmehr Balanoposthitis.«

»Bedeutet?«, fragte Heller.

»Entzündung der Eichel und Vorhaut. Kann auf schlechte Hygiene hindeuten, auf eine Vorhautverengung, die aber hier nicht vorliegt, oder aber Diabetes mellitus.«

»Ist das relevant für uns?«

»Das müssen Sie später herausfinden. Kommt aber häufiger vor, als Sie glauben mögen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie wichtig Hygiene ist.«

Löbbers ließ vom Geschlechtsteil des Toten ab. »Kommen wir zu den Verletzungen. Wir haben hier … zwei … drei Einstiche. Schnitte vielmehr. Sie müssen ihm zugefügt worden sein, nachdem man ihm das Hemd aus dem Hosenbund gezogen hat. Sie haben die Epidermis, die Dermis und die Subcutis durchtrennt, also das Unterhautfettgewebe. An sich keine tödlichen Verletzungen, aber sicherlich sehr schmerzhaft.«

»Wollte man vielleicht, dass er schrie? Um den Tiger anzulocken?«, überlegte Heller laut.

»Von Schreien hat niemand berichtet«, merkte Schrumm an.

Löbbers hob die Hand. Er wollte sich von den Spekulationen nicht aus dem Konzept bringen lassen. »Die Schnitte wurden ihm mit einer scharfen Klinge zugefügt. Das lässt vermuten, dass es dieselbe war, mit der dem Opfer die Kehle durchtrennt wurde.« Er wandte sich dem Kopf zu, öffnete den Mund noch einmal. »Pinzette!«, verlangte er und bekam eine gereicht. »Das fiel mir vorhin schon auf.« Er hielt die Pinzette ins Licht, sodass Heller und Schrumm den Faden sehen konnten, den er gerade dem Mund des Toten entnommen hatte. »Klemmte zwischen zwei Zähnen. Könnte auf einen Knebel hindeuten.«

»Wie lang war er wohl an den Baum gefesselt?«, fragte Heller. »Lebend, meine ich.«

»Gute Frage. Die Stricke haben auf der Haut zwar Spuren hinterlassen, jedoch ist schlecht auszumachen, in welchem Zeitraum das geschehen ist. Denn nachdem der Tod eingetreten ist, bleiben diese Abdrücke, da die eingedrückten Stellen nicht wieder durchblutet werden. Ganz egal, ob er nur kurz oder lange angebunden war. Sie haben sicher bemerkt, dass er sich eingekotet hat. Das kann natürlich darauf hindeuten, dass er aus Angst die Kontrolle über seinen Schließmuskel verlor oder als der Tod eintrat. Vielleicht war er aber auch so lange an den Baum gefesselt, bis er es buchstäblich nicht mehr aushalten konnte.«

»Aber wozu das Ganze? Folter?«, stellte Heller in den Raum.

Löbbers deutete seinen Assistenten an, den Leichnam auf die Seite zu drehen. »Gelegentlich fesselten Räuber früher ihre Opfer und quälten sie, um aus ihnen herauszubekommen, wo bei ihnen daheim etwas zu finden wäre. Oft töteten sie anschließend das Opfer. Doch das kommt nicht mehr so oft vor und war auch eher in ländlichen Gegenden üblich«, führte er aus. Er besah sich nun die Rückseite des Toten, die aber keine Auffälligkeiten zeigte, außer einigen leichten Abschürfungen von der rauen Borke des Baumes, an den er gefesselt gewesen war. Er befahl, den Toten wieder auf den Rücken zu legen. »Es gibt keine Kampfspuren. Er hat sich gegen das Fesseln offenbar nicht gewehrt. Von den Verletzungen abgesehen, hat er keine Blessuren, keine Hämatome, keine Kratzer.«

»Der Kleidung nach war er wohlhabend«, sagte Heller. »Er hatte jedoch keinerlei Wertgegenstände bei sich. Keine Taschenuhr, keine Ringe, keine Brieftasche. Das könnte auf einen Raub hindeuten. Die Frage ist jedoch, wie er in den Park gelangte und wie es dazu kam, dass er sich fesseln ließ. Außerdem kommt mir die Fessel um den Leib so dilettantisch vor. Wenn mir jemand auf diese Art einen Strick umlegen würde, dann würde ich mich herauswinden.«

»Vielleicht war es ja tatsächlich eine Mutprobe«, sagte Schrumm. »Er lässt sich festbinden und wird erst danach das Opfer von Räubern.«

»Nun, vielleicht geschah das Fesseln unter vorgehaltener Waffe«, schlug Löbbers vor. »Aber ich will mich jetzt an die genaueren Untersuchungen machen. Sie wissen, was das bedeutet. Ich schlage vor, Sie gehen Ihrer Arbeit nach, damit ich hier in Ruhe der meinen nachgehen kann.«

 

Noch ehe sie das Polizeipräsidium erreichten, trafen sie auf einen Melder, den man nach ihnen geschickt hatte. Es waren keine vier Stunden seit der Entdeckung der Leiche vergangen, trotzdem hatte sich der Tod des jungen Mannes offenbar schon herumgesprochen. Beim Polizeipräsidium im Coselpalais hatte sich ein Bediensteter der Familie Zimmerling gemeldet und ausrichten lassen, dass man den ältesten Sohn Carl Eduard Zimmerling, achtzehn Jahre alt, vermisste.

Heribert Alexander Zimmerling, der Vater des jungen Mannes, war ein bekannter Maschinenfabrikant. Mit Frau und Kindern wohnte er in einer großen Villa im Stadtviertel Johannstadt, nahe dem Stadtzentrum.

Als Hellers Kutsche vorfuhr, eilte sogleich ein Diener aus dem Haus, der Heller und Schrumm in Empfang nahm. »Wenn die gnädigen Herren mir ins Haus folgen möchten«, bat er untertänig.

Im Haus warteten bereits Zimmerling und seine Frau in einem recht großen Vorsaal. An der Decke hing ein Kronleuchter, der jedoch mit elektrischen Glühlampen bestückt war. An den Wänden befanden sich Gemälde von Vorfahren der Zimmerlings, und dekorative Stühle und Vasen schmückten die Ecken und Nischen. Etwas abseits stand ein junger Mann – eigentlich noch ein Junge, keine sechzehn Jahre alt. Beide erwachsenen Zimmerlings waren etwas übergewichtig und modern gekleidet. Die Einrichtung des Hauses sprach dafür, dass sie aufgeklärte Menschen waren, der Moderne zugewandt.

Heller stellte sich und Schrumm vor und kam dann gleich zur Sache. Er wollte sich nicht mit langen Vorreden aufhalten, denn er merkte, wie es den Eltern unter den Nägeln brannte.

»Seit wann vermissen Sie Ihren Sohn?«, wollte er wissen.

»Wir vermissen ihn nicht im eigentlichen Sinne«, entgegnete Herr Zimmerling. »Wir gewähren ihm viele Freiheiten, und er bleibt durchaus auch mal über Nacht weg. Jedoch hörten wir von einem schrecklichen Leichenfund. Ein junger Mann soll tot sein. Und wir fürchten, es könnte sich um Carl Eduard handeln.«

»Warum? Woher diese konkrete Besorgnis?«

»Weil wir nicht wissen, mit wem er seine Zeit verbringt, und er uns nie etwas sagen will. Nicht nur einmal haben wir unsere allzu lockere Erziehung bereits bereut.«

Heller hob wissend das Kinn und warf einen Blick auf den Jungen. Er sah dem Toten sehr ähnlich. Fast wie ein Bruder. Er wirkte unfreundlich, regelrecht verstockt, und konnte seinen Unmut darüber, dass er der Unterhaltung beiwohnen sollte, nicht verbergen.

»Nun sagen Sie schon«, platzte die Mutter heraus. »Was wissen Sie? Ist es unser Sohn? Dürfen wir den Toten sehen?«

»Vorerst wird er noch untersucht. An seinem Leib trug er nichts, was ihn irgendwie hätte ausweisen können. Keine Uhr, keinen Ring, nichts mit einer Gravur. Haben Sie ein Bild von ihm, ein kürzlich angefertigtes Gemälde oder gar eine Fotografie?«

Die Frau nickte heftig. »Wir haben Fotografien anfertigen lassen. Ich lasse sie holen!« Sie winkte dem Diener, der schon verstanden hatte. Er eilte in einen Nebenraum, kam sogleich zurück und überreichte das Bild der Dame des Hauses, damit diese es Heller geben konnte.

Die Fotografie zeigte die ganze Familie, Vater, Mutter und zwei Söhne, von denen der etwas größere eindeutig der Tote aus dem Großen Garten war.

»Einen Stuhl«, raunte Heller dem Diener zu. Dieser schaltete schnell, nahm geistesgegenwärtig einen der Stühle und trat damit hinter seine Herrin.

Das Ganze dauerte keine fünf Sekunden. Die Frau verstand Hellers Blick sofort und sackte auf dem Stuhl zusammen. Auch ihrem Mann ging ein Licht auf. Er griff sich an die Stirn, sah sich suchend um und stützte sich dann auf die Schulter des Dieners.

»Ich fürchte, es handelt sich bei dem Toten tatsächlich um Ihren Sohn. Die Ähnlichkeit mit dem Jungen auf dem Bild ist frappierend. Ich muss Sie später bitten, es vor Ort zu bestätigen. Doch es besteht kaum ein Zweifel«, sagte Heller.

»Wie starb er denn?«, fragte Zimmerling, und Schrumm erkannte, dass er ebenfalls einen Stuhl benötigte. Schnell holte er einen und half dem Mann, sich zu setzen.

»Ich will nicht lügen – er hat einige Zeit leiden müssen. Wir fanden ihn im Großen Garten an einen Baum gefesselt. Man hatte ihm …« Heller suchte nach beschönigenden Worten, doch er fand keine. »Eindeutig ist, es war kein Unfall. Er wurde umgebracht. Deshalb gilt es, schnell zu handeln. Wir benötigen Ihre Hilfe, um aufzuklären, mit wem Ihr Junge unterwegs war. Welche Freunde er hatte, ob er mit zwielichtigen Gestalten in Kontakt stand, ob er sich verfolgt fühlte. In welchen Lokalen er verkehrte.«

»Unser Carl ist tot«, keuchte Frau Zimmerling und griff nach den Händen ihres Mannes. Dieser war so erschüttert, dass er immer wieder zu atmen vergaß und nach Luft schnappen musste. Selbst dem Diener standen Tränen in den Augen. Doch so rührend die Szene auch für Heller war, ihm fiel der andere Junge ins Auge. Er stand noch immer abseits und zeigte kaum Emotionen. Lediglich etwas, das Heller leider ab und an auch im Blick seines eigenen Sohnes hatte sehen müssen und ohne Umschweife als Abscheu bezeichnet werden konnte. Ein Junge in der Adoleszenz, dem alles zuwider war, was die Eltern sagten oder taten, der alles mit Widerwillen betrachtete und jedes an ihn gerichtete Wort falsch verstehen wollte. Zwar war sein Sohn Albert inzwischen zwanzig, doch daran hatte sich bisher nichts geändert.

»Und Sie sind?«, sprach Heller den Jungen direkt an.

Der regte sich nun und straffte sich. »Moritz Justus Zimmerling«, antwortete er.

»Ich nehme an, der jüngere Bruder?«

»Sehr wohl.«

Heller wandte sich an die Eltern. »Ist es möglich, Ihren Sohn allein zu sprechen? Sie sollten währenddessen versuchen, sich zu sammeln, um mir später Antworten auf meine Fragen zu geben.«

Die Zimmerlings waren gar nicht in der Lage, irgendetwas zu erwidern. Sie waren zusammengesunken, hielten die Köpfe beieinander und weinten. Der Diener hatte sich über sie gebeugt und seine Arme ausgebreitet. Auch er weinte.

»Sie sind zu harsch«, raunte Schrumm seinem Vorgesetzten zu.

»Ich verstehe ihre Trauer. Doch sie müssen reden, um uns irgendeinen Hinweis zu geben. Ehe die Täter über alle Berge sind.« Heller winkte den Jungen heran. »Gibt es einen Salon, in den wir uns zurückziehen können?«

Der Junge zuckte mit den Achseln und deutete auf eine doppelflügelige Tür. Heller unterdrückte seinen Zorn über diese fast abfällige Geste. Doch das unverschämte Verhalten des Jungen war nicht sein Problem, mahnte er sich. Er musste hier nur seiner Arbeit nachgehen.

 

»Hast du verstanden, was vor sich geht?«, fragte er den Bruder des Toten, nachdem sie sich an einen Kartenspieltisch gesetzt hatten.

»Carl ist tot«, erwiderte dieser.

»Trifft dich das denn nicht?«

Wieder zuckte der Junge mit den Achseln. Heller mahnte sich einmal mehr, gelassen zu bleiben. Er wollte es dem Jungen zugestehen, dass dieser sich vielleicht der Tragweite des Geschehens noch nicht richtig bewusst war. Bei manchen Menschen setzte die Erkenntnis spät ein, bei manchen sogar nie.

»Mochtest du deinen älteren Bruder?«

Wieder nur ein Achselzucken.

Mit einem leichten Räuspern bat Schrumm darum, sprechen zu dürfen. Heller nickte und lehnte sich zurück.

»Mussten Sie unter ihm leiden?«, fragte Schrumm den Jungen. »Spielte er Ihnen oft Streiche? Stellte Sie vor den Freunden bloß?«

Sofort weiteten sich die Augen des Knaben, und er betrachtete Schrumm mit einem ganz anderen Blick. Er zuckte wieder mit den Achseln, doch diesmal anders, weicher.

»Als jüngerer Bruder muss man oft einiges aushalten«, fuhr Schrumm fort. »Zwar hatte ich keinen älteren Bruder, aber ich weiß es von anderen. Ich selbst litt unter garstigen Verwandten.« Schrumm sah den Jungen mitfühlend an.

Heller gestand sich ein, dass Schrumm ein Talent dafür hatte, solche Stimmungen besser zu erkennen als er. Während ihm angesichts des trotzigen Verhaltens des Jungen einfach nur der Kamm schwoll, fand Schrumm Verständnis. Heller stellte außerdem fest, dass er nie wirklich darüber nachgedacht hatte, wie man sich in dieser Position fühlen mochte – ausgelacht, gegängelt, schikaniert. Denn er hatte sich nie in dieser Lage befunden. Alles, was ihm in seinem Alltag geschah – der Widerstand, auf den er im Präsidium und bei der Arbeit immer wieder traf –, war ihm bestenfalls Motivation und Ermunterung. In dem Maße, wie die hohen Beamten, die Adligen oder Neureichen ihm Hochmut entgegenbrachten, empfand er ihnen gegenüber das Gleiche.

»Sicher ist es auch so, dass Ihre Eltern Ihrem älteren Bruder ein wenig zugeneigter waren als Ihnen, nicht wahr?«, setzte Schrumm seine Verständnisoffensive fort und fand schließlich Zugang zu dem Jungen.

»Die haben ihn geliebt und vergöttert, und mich hassen sie«, sagte er mit rauer Stimme.

»Wann haben Sie Ihren Bruder zuletzt gesehen?«

Moritz Justus dachte darüber nach. »Vorgestern«, antwortete er dann. Heller fragte sich, was es da so lang zu überlegen gab.

»Sagte er Ihnen, wohin er ging und mit wem er sich traf?«

»Er sagte mir nie etwas.«

»Sie kannten seine Freunde und seine Gepflogenheiten nicht?«

»Ich weiß, wer sie sind, aber mehr nicht. Wohin er ging, weiß ich nicht. Er verbot mir, ihm zu folgen. Wenn er mich in ihrem Beisein traf, dann verspottete er mich.«

»War das schon immer so?«

Der Junge wurde wirklich weicher unter Schrumms Fragen, seine Haltung entspannte sich. Offenbar fühlte er sich nicht mehr nur angegriffen. »Vater und Mutter mochten ihn mehr, weil er der Erstgeborene war und weil ihm alles leichtfiel. Er sollte bald Ingenieurswesen studieren und später Vaters Unternehmen weiterführen. Mir fällt die Schule schwer, vor allem die Sprachen und auch das Rechnen. Carl lief schon immer schneller, sprang höher, ritt besser, gewann im Schach, war schlauer. Ich war eifersüchtig, und er verspottete mich. Schon immer. Vielleicht tat er es früher nicht mit Absicht, doch in den letzten Jahren – vor allem, wenn seine Freunde dabei waren – spielte er mir manchmal übel mit. Aber wo er war und mit wem er sich traf, das weiß ich wirklich nicht. Ich fürchte nur, meine Eltern werden mich nun, da er tot ist, noch mehr hassen.«

Nun regte sich Heller. »Vielleicht entdecken sie ja auch ihre Liebe zu Ihnen«, merkte er an. Er siezte den Jungen wieder, weil er gesehen hatte, dass Schrumm damit gut angekommen war.

»Nein, dass er tot ist, macht mich nicht besser. Das wird nur dazu führen, dass sie jedes Mal, wenn ich in ihren Augen versage, noch mehr um ihn trauern.«

Der Junge war recht fatalistisch, stellte Heller fest, dabei aber auch sehr klar in seinen Gedanken.

»Wären Sie so freundlich, Ihre Eltern in den Salon zu bestellen?«, sagte Heller. »Ich hoffe, sie haben sich ein wenig beruhigt.«

Moritz Justus erhob sich und nickte, mit einer ganz leichten Verbeugung. Er ging hinaus in den Vorsaal. »Herr Kriminalrat bittet Sie in den Salon«, hörte Heller ihn sagen.

War es so, dass man ein Lieblingskind haben konnte? Das fragte sich Heller jetzt. Und konnte es sein, dass man dies den anderen Kindern so offensichtlich zeigte? Er selbst dachte viel öfter an seine Tochter Johanna, die an einer Form der Schwindsucht litt und schon älter geworden war, als jeder Arzt es prophezeit hatte. Schon der Gedanke an sie und ihre Gebrechlichkeit ließ ihm das Herz schwer werden. Und oft, sehr oft, war er im Zorn gegen Albert laut geworden. Er hatte die Sturheit des Jungen verflucht und seine Ansichten über das Leben und den Hof, dazu seine alberne Liebe für diese Krämerstochter in Pieschen. Und doch liebte er Albert nicht weniger. Es verletzte ihn sehr, dass der Junge ausgezogen war, das Aufgebot bestellt hatte und fest entschlossen war zu heiraten. Es ging nicht um diese junge Frau. Sollte er sie haben. Es ging darum, dass Albert seinen Vater so sehr ablehnte.

»Herr Kriminalrat«, holte Schrumm ihn dezent in die Gegenwart zurück.

Heller sah die beiden Eltern an, die ihm gegenüber an dem Tisch Platz genommen hatten. Der Diener brachte ein Tablett mit vier Gläsern und einer Kristallkaraffe voll bernsteinfarbener Flüssigkeit. Sowohl den Eltern als auch dem Diener fiel es sichtlich schwer, Contenance zu wahren.

»Für mich und meinen Assistenten nicht«, sagte Heller und deutete auf die Karaffe.

»All das Geld, all der Erfolg, der Ruhm, Hunderte Angestellte, riesige Fabrikhallen«, klagte Zimmerling, »all das ist nichts mehr wert in dieser Stunde.« Er wischte sich mit einem Taschentuch die Augen und schluchzte. »Was nützt einem all das Streben, wenn einem das Licht des Herzens genommen wird? Alle Hoffnung.«

Heller schaute über die Schulter des Mannes hinweg zur Tür, in der Moritz Justus stand und mit seinem Blick deutlich zum Ausdruck brachte: Seht ihr? Was habe ich euch gesagt?