Die böse Farbe (eBook) - Friedrich Ani - E-Book

Die böse Farbe (eBook) E-Book

Friedrich Ani

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Beschreibung

Manchmal muss es nicht der dicke Schinken sein. Lieber was Kleines, das nicht so schwer im Magen liegt, als Lesefutter für Zwischendurch. Eine wohlschmeckende Delikatesse zum Genießen auf der Parkbank, am Strand, im Schwimmbad, im Zug oder als Betthupferl. Den Gaumen kitzeln soll es, den Heißhunger stillen, den Appetit befriedigen. Und spannend sein. Die Lösung: der ars vivendi KrimiSnack mit packenden Kriminalerzählungen renommierter Autoren: Literarische Glanzstücke von Friedrich Ani, Jan Beinßen, Lucie Flebbe und Jörg Steinleitner in der Länge einer dreistündigen Bahnfahrt eröffnen die Reihe handlicher Bändchen, die man gerne mitnimmt und die am besten sofort verschlungen werden wollen – vom ersten bis zum letzten Buchstaben. Der Luxushappen unter den Krimis. Mörderisch gut eben. In München wird die Passantin Anna Walther aus einem Haus heraus erschossen. Kommissar Gronsdorf kann den Schützen am Tatort stellen. Es handelt sich um den Südtiroler Anton Frey, der als Sonderling gilt und sich gegenüber der Polizei stumm stellt – abgesehen davon, dass er bei der Verhaftung immer wieder "vendetta" ruft. So bleiben die Hintergründe der Tat zunächst völlig unklar. Dann wird der Arzt Dr. Baumann umgebracht. Gronsdorf stößt in dessen Umfeld auf eine Verbindung zu Anna Walther. Wie hängen die beiden Fälle zusammen? Die Spuren führen zu einem ungeklärten Todesfall aus dem Jahr 1967.

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Seitenzahl: 47

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Friedrich Ani

 

Die böse Farbe

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (1. Auflage 2013)

© 2013 by ars vivendi verlag

GmbH & Co. KG, Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Andrea Kunstmann

Umschlaggestaltung: ars vivendi verlag

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-322-5

 

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

 

1

Manchmal freute sich Kriminalhauptkommissar Max Gronsdorf die ganze Woche auf eine Semmel. Nicht auf irgendeine Semmel von irgendeinem Bäcker oder aus einem dieser Backshops, die heute überall aus dem Boden quollen wie Hefeteig im Ofen – er freute sich auf eine frische, saftige Leberkässemmel vom Metzger Prielmeyer am Weißenburger Platz im Münchner Stadtteil Haidhausen. Kommissar Gronsdorf wohnte in der Metzstraße, drei Minuten vom Weißenburger Platz entfernt.

Fast jeden Samstag verließ er gegen elf Uhr seine Wohnung im ersten Stock, begrüßte auf der Straße ein paar Leute, denn er lebte seit fast zwanzig Jahren im selben Viertel, und machte sich auf den Weg zu dem bepflanzten und von Lindenbäumen gesäumten Platz mit den Sitzbänken und dem turmartigen Steinbrunnen in der Mitte. Im Winter wehte aus den Holzbuden des Weihnachtsmarktes der Duft von Glühwein und Bratwürsten über das Rondell, aus den Lautsprechern erklang Musik, und an den Stehtischen drängten sich die Besucher.

Heute aber, am 22. Oktober, roch es nur nach nasser Erde und feuchtem Laub. Die Bänke waren leer bis auf eine, auf der ein einsamer alter Mann saß, eingehüllt in einen grauen Mantel, mit grauen, zerzausten Haaren und einem grauen, müden Gesicht. Das war der Bartl. Mit richtigem Namen hieß er Bartolomäus Weber, was kaum jemand wusste. Angeblich war er früher ein fast berühmter Geiger gewesen. Irgendwann – so erzählten die älteren Haidhauser – hatte ihn das Glück verlassen und er landete auf der Straße. Sein letzter Freund war ein ebenfalls alter, magerer Rauhaardackel mit grauem Fell, der am liebsten auf Bartls Schoß schlief und auf den Namen Mozart hörte. An diesem Samstagvormittag hatten Bartl und Mozart mehr Glück als je zuvor in ihrem Leben.

In dem Moment, als Kommissar Gronsdorf mit seiner in eine Papierserviette eingewickelten Leberkässemmel die Metzgerei Prielmeyer verließ, ­krachte der erste Schuss. Ein Schaufenster zersplitterte in tausend Teile. Passanten schrien auf. Eine junge Mutter warf sich mit ihrem Kind auf den Boden, hielt es schützend vor ihren Körper und robbte, so schnell sie konnte, hinter einen Müllcontainer. Kurz darauf fielen zwei weitere Schüsse. Niemand begriff, was passierte.

Kommissar Gronsdorf hatte seine Semmel nicht etwa fallen lassen, sondern sie mit einer schnellen Bewegung in die Tasche seiner Wildlederjacke gesteckt und sich hinter ein parkendes Auto gekauert. Als er vorsichtig den Kopf hob und einen Blick über den Platz warf, traute er seinen Augen nicht: Im Gegensatz zu allen anderen Menschen, die in dieser Minute unterwegs waren, saß der alte Bartl anscheinend ungerührt auf seiner Bank. Der Kommissar sah ihn nur von hinten, aber der Alte wirkte wie jemand, der entspannt seine Mittagspause genoss, das Chaos und der Krach ringsum brachten ihn offenbar nicht im Geringsten aus der Ruhe.

»Bartl«, rief der Kommissar. Er kannte den ehemaligen Geiger flüchtig und wechselte gelegentlich ein Wort mit ihm. »Duck dich, Bartl. Hörst du mich nicht?«

Sekundenlang herrschte totale Stille.

Dann – und der Kommissar kniff die Augen zusammen, weil er nicht glauben konnte, was er sah – hob Bartl den rechten Arm, bewegte die Hand einmal nach rechts und einmal nach links und ließ den Arm wieder sinken, ohne seine sonstige Körperhaltung auch nur einen Zentimeter verändert zu haben. »Du sollst mir nicht winken, du sollst dich hinlegen«, schrie der Kommissar. Gleichzeitig wusste er, dass der Alte seine Aufforderung aus welchen Gründen auch immer ignorieren würde.

Ich muss endlich die Kollegen informieren, dachte der Kommissar und fingerte nach seinem Handy. Dabei rutschte ihm die eingewickelte Leberkässemmel aus der Tasche und landete im Rinnstein. Weil er zu beschäftigt war, vergaß er sie dort. Zuerst rief er seinen Kollegen Hanno Moosfeld im Morddezernat an, dann den Leiter des Spezialeinsatzkommandos. Als Moosfeld eine Frage zum genauen Tathergang stellte, fiel erneut ein Schuss.

Von seinem Platz hinter dem Auto sah Kommissar Gronsdorf eine rote Ledertasche durch die Luft fliegen und hörte den kurzen Aufschrei einer Frau. Sie war aus der zur Rosenheimer Straße führenden Fußgängerzone gekommen. Die Kugel hatte sie am Kopf getroffen. Die Frau riss die Arme in die Höhe, wirbelte zweimal um die eigene Achse – eine Sekunde lang sah es aus, als würde sie tanzen – und brach tot zusammen.

Wieso hat sie nichts mitgekriegt, dachte der Kommissar, wieso hat niemand sie aufgehalten?

Er durfte nicht länger tatenlos zusehen. Irgendwo musste das offene Fenster zu sehen sein, an dem der Heckenschütze stand. Dem Kommissar war klar, dass der Täter von oben auf den Platz schoss, aus dem dritten oder vierten Stock. Ohne den Kopf höher als nötig zu heben, ließ Gronsdorf seinen Blick schweifen, von einem Gebäude zum nächsten, von der Apotheke zum Optiker, weiter zum Nagelstudio, zu einem Lokal, einem Friseur, einem Schuhgeschäft für Kinder … Und da sah er ihn, links von den Marmorsäulen des Brunnens. Für den Bruchteil einer Sekunde tauchte hinter einem braunen Vorhang im fünften Stock das Gesicht eines bärtigen Mannes auf. In der Hand hielt er eine Pistole, deren Lauf kurz aufblinkte. Dann verschwand der Mann, und das Fenster wurde geschlossen.

Gronsdorfs Handy klingelte.

»Wir sind gleich da«, sagte Kriminalhauptkommissar Moosfeld. »Rühr dich nicht vom Fleck.«

Zu spät.