Die Botschaft von Amoris laetitia - Prof. Walter Kasper - E-Book

Die Botschaft von Amoris laetitia E-Book

Prof. Walter Kasper

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Beschreibung

Das Apostolische Schreiben "Amoris laetitia" hat eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Kardinal Kasper zeigt auf, dass es auf dem Boden des Evangeliums und unter Aufnahme des II. Vaticanums eine schöpferische Erneuerung der Tradition darstellt, die die Positionen der letzten Pontifikate aufgreift und weiterführt. Er verdeutlicht seine vielfältigen Aspekte und verteidigt es gegen einseitige Interpretationen.

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Seitenzahl: 68

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Walter Kardinal Kasper

Die Botschaft von Amoris laetitia

Ein freundlicher Disput

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © ddp images/Eric Vandeville

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN Print 978-3-451-38101-0

ISBN E-Book (ePUB) 978-3451-83101-0

ISBN E-Book (PDF) 978-3-451-84101-9

Inhalt

Vorwort

Einführung

I. Weggemeinschaft einer Kirche auf dem Weg

Eine Umfrage, die es in sich hatte

Der Weg der synodalen Konsensfindung

Lebendiges Traditionsverständnis

II. Ehe und Familie als Weg, Ehepastoral als Wegbegleitung

Ehe und Familie als Weg

Ehe -und Familienpastoral als Wegbegleitung

Ein Ehekatechumenat?

III. Ehe und Familie im Zeichen des Bundes Gottes mit den Menschen

Die Schöpfungswirklichkeit von Ehe und Familie

Positive Sicht von Sexualität und Eros

Sakramentalität der Ehe

Unauflöslichkeit als Treuebindung

Das Hohe Lied der Liebe

Die Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe

Familie als Hauskirche

IV. Sogenannte irreguläre Situationen

Ehen und Familien in Krise

Drei Kriterien der Unterscheidung

Was gilt nun?

Ein Paradigmenwechsel?

V. Spiritualität des »Je mehr« in Ehe und Familie

Vorwort

Mein Vortrag vor dem Konsistorium am 20./21. Februar 2014 »Das Evangelium von der Familie«, das unter dem gleichen Titel veröffentlicht wurde (Freiburg i. Br. 2014), hat eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Sie hat sich leider ausschließlich auf das letzte Kapitel über die Frage einer möglichen Zulassung der wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten bezogen.

Das Apostolischen Schreiben Amoris laetitia (2016) hat die Frage von Ehe und Familie auf der Grundlage des Evangeliums und der Diskussion der beiden Bischofssynoden von 2014 und 2015 wieder den umfassenderen Horizont der vielen drängenden gegenwärtigen Fragen zu Ehe und Familie gerückt. Die große Mehrheit des Volkes Gottes hat dieses Schreiben als eine befreiende gute Botschaft von der Freude in der Liebe lebhaft begrüßt. Bei einigen ist das Schreiben, leider wieder verengt auf einen einzigen Punkt, Gegenstand harter Auseinandersetzung geworden.

Unter Vermeidung jeder Polemik möchte ich zu zeigen versuchen, dass Amoris laetitia keine neue Lehre vertritt, sondern auf dem Boden des Evangeliums eine schöpferische Erneuerung der Tradition darstellt und der erneuerten Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzil von Ehe und Familie wie den beiden vorangehenden Pontifikaten voll entspricht und sie zugleich vorsichtig weiterführt.

Unterschiedliche Schulmeinungen kann und muss es in einer Kirche, die sich katholisch nennt, selbstverständlich geben. Wir brauchen darum vor Diskussionen keine Angst haben. Wir sollten sie so austragen, dass sie der Einheit dienen und sich als Dienst an der Freude in der Liebe erweisen. Allein darum soll es in diesem Bändchen in freundschaftlicher Verbundenheit mit allen, die anderer Meinung sind, gehen.

Im Advent 2017

Kardinal Walter Kasper

Einführung

Kaum ein anderes Apostolisches Schreiben ist so sehr erwartet worden und kaum ein anderes in der jüngeren Kirchengeschichte hat nach seinem Erscheinen eine so kontroverse Diskussion hervorgerufen wie Amoris laetitia, »Freude der Liebe« (2016). Das Schreiben wurde erwartet, weil die Fragen um Ehe und Familie zu den drängendsten Fragen der Gegenwart gehören. Mit der Familie ist, vor allem in der westlichen Welt, die Urinstitution der Menschheit in eine Krise geraten. Ehe und Familie sind die Wiege der Menschheit; mit Ehe und Familie geht es darum um nicht weniger als um die Zukunft der Menschheit und besonders um die Zukunft Europas.

Die Erneuerung muss von der Wiege der Menschheit und jedes einzelnen Menschen herkommen. Das gilt auch für die Kirche. Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. haben darum erklärt: »Die Familie ist der Weg der Kirche.«1Papst Franziskus bewegt sich auf der Linie seiner beiden Vorgänger: »Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist darum auch die Freude der Kirche.«2 Die Kirche wächst, lebt, leidet und freut sich mit den Familien; in den Familien und durch sie ist sie mitten im Leben und mitten in der Welt präsent.

Angesichts der dramatischen Situation scheint es grotesk, dass sich die innerkirchliche Diskussion über Amoris laetitia am achten Kapitel, ja an einer einzigen Anmerkung im achten Kapitel und auch dort nur an einem einzigen Satz festgebissen hat (AL 305, Anm. 351). In diesem Satz geht es um die Frage, ob Menschen in sogenannten irregulären Situationen, unter anderem wiederverheiratet Geschiedene, in bestimmten Fällen zur Kommunion zugelassen werden können. Das ist ohne Zweifel eine drängende pastorale Frage, aber es ist nicht die Frage und auch nicht das Thema von Amoris laetitia.

Amoris laetitia geht es nicht in erster Linie darum, was die Kirche in sogenannten irregulären Situationen tun kann, sondern darum, wie die Kirche mithelfen kann, solche Situationen nach Möglichkeit zu vermeiden. Das Schreiben will zeigen, was und wie die Kirche positiv zum Gelingen der Freude der Liebe in Ehe und Familie beitragen kann (AL 307). Es will mithelfen, dass vor allem junge Menschen zum Glück ihres Lebens und zur Freude in der Liebe finden, die sie in ihrer großen Mehrheit auch heute in ehelicher Partnerschaft und in der Familie suchen.

Die Kardinalfehler vieler Diskussionsbeiträge ist, dass sie die innerkirchliche und innertheologische Frage, die zum Zankapfel geworden ist, isoliert von der Grundintention und vom Gesamtkontext des Apostolischen Schreibens behandeln und dabei die prophetische Vision des Schreibens, das – wie zu zeigen sein wird – ganz in der Tradition der Kirche steht und sie konsequent weiterführt, nicht zur Kenntnis nehmen.3 Durch diese Engführung wird die Diskussion zu einer Diskussion wie von Tauben, die nebeneinander, aber nicht wirklich miteinander reden. Stellt man das Streitthema dagegen in den Gesamtzusammenhang, dann wird es zu einem interessanten paradigmatischen Problem, dessen Lösung sich für viele andere drängende Fragen als zukunftsweisend erweisen kann. Die Voraussetzung, dass ein solcher Dialog gelingen und fruchtbar werden kann, ist freilich, dass man sich auf die Vision von Amoris laetitia überhaupt erst einmal einlässt und sich von ihr herausfordern lässt.

I. Weggemeinschaft einer Kirche auf dem Weg

Die große Bedeutung, welche die Kirche und der Papst der Familie zumessen, geht schon allein aus der Tatsache hervor, dass Amoris laetitia nicht nur während einer, sondern während zwei Weltbischofssynoden, der außerordentlicher Synode von 2014 und der ordentlichen Synode von 2015, vorbereitet wurde. Diesem allein schon ungewöhnlichen Vorbereitungsprozess ist nochmals ein anderer ungewöhnlicher Prozess vorausgegangen: Erstmals fand vor einer Synode weltweit eine Befragung der Gläubigen statt.

Eine Umfrage, die es in sich hatte

Hinter der langen Vorbereitung und Befragung der Gläubigen steckt die Überzeugung, dass das Lehramt der Bischöfe und des Papstes, bevor es ein Lehramt ist, ein »Höramt« sein muss. Es muss hören, zweifellos auf das Wort Gottes, das uns in der Heiligen Schrift und in deren Auslegung in der Tradition der Kirche bezeugt ist. Die Tradition besteht nicht nur aus lehramtlichen Dokumenten, die der großen Mehrheit der Gläubigen normalerweise nur schwer und kaum zugänglich sind. Sie besteht vor allem in der Liturgie, die zumindest praktizierende Christen jeden Sonntag und an den großen Festtagen mitfeiern, und sie wird im Glaubenssinn des Volkes Gottes (sensus fidelium) übermittelt. Am Glaubenssinn hat jeder Christ durch seine Taufe Anteil.

Das Zweite Vatikanische Konzil zögerte nicht zu sagen: »Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren.«4 Papst Franziskus fügt hinzu: »Der Heilige Geist, der die Evangelien inspiriert hat und der im Volk Gottes wirkt, inspiriert auch die rechte Art, wie man auf den Glauben des Volkes hören muss und wie man in jeder Eucharistie predigen muss.«5

Die Umfrage, wie sie vor der Synode veranstaltet wurde, ist selbstverständlich nicht das Zeugnis der Gesamtheit der Gläubigen; sie ist jedoch ein beachtenswerter Hinweis auf den Glaubenssinn der Gläubigen. Ein Bischof und Pfarrer muss – mit Martin Luther gesprochen – dem Volk aufs Maul schauen. Das gilt besonders dann, wenn es um Ehe und Familie geht. Denn da sind nicht zölibatär lebende Kleriker, sondern Familienväter und Familienmütter die ersten Experten, sie sind diejenigen, die experientia, Erfahrung haben und die es darum an erster Stelle zu hören gilt.