Die Chroniken von Waldsee 5: Fyrgar - Volk des Feuers - Uschi Zietsch - E-Book
Beschreibung

"FYRGAR bietet phantasievolle Charaktere, emotionale Entwicklungen, bildgewaltige Schauplätze, dramatische Spannung und actionreiche Kämpfe im tiefgründigen Erzählstil. In vollendeter Magie nimmt die Geschichte um Liebe und Leid, Vertrauen und Verrat, sowie Imperfektion und Vollkommenheit den Leser für sich ein." LITERRA.info "Uschi Zietsch schreibt klar, eindeutig, schnörkellos, mit schönen, wohlgewählten Worten, die aber nicht gedrechselt sind, mit klaren, einfachen und schwer eindrucksvollen Bildern, mit einem Tempo, das immer der Handlung angemessen ist, sie findet genau die Worte, die ich brauche, um mir Figuren, Szenerien, Handlungen, Ereignisse, um mir alles vorstellen zu können, als wäre ich mitten drin." MAGIRA "So gehe denn durch das Feuer. Möge es dich ewig begleiten, dich leiten und schützen, und dir Heilung spenden. Mögest du Teil werden der Urkraft und ihr Hüter. Gib das Feuer weiter in Dankbarkeit und Demut, um zu leiten, zu wärmen und zu dienen. Bewahre, was dir gegeben wurde, und halte es in Ehren. Missbrauche niemals seine Macht und nimm sein Urteil an, sobald es gefällt ist. Das Feuer ist dein Baiku, und dein Baiku ist das Feuer. Und dies bist du: Fyrgar." Die Fyrgar sind Unsterbliche, die abgeschieden hoch in den Bergen leben. Sie bewahren das Wissen der Welt Waldsee und werden als große Weise verehrt. Man nennt sie das "Volk des Feuers", weil sie dieses Element auf einzigartige Weise beherrschen. Nicht nur, dass sie aus eigener Kraft Feuer entzünden können, sie können auch "durch das Feuer gehen", um eine Wandlung und Weiterentwicklung zu erfahren. Sie glauben, alles zu wissen. Doch dann scheitern sie an dem Rätsel der Schattenweber, die das Reich mit Tod und Schrecken überziehen und unter den Menschen "die graue Seuche" verbreiten. Um dieses Rätsel zu ergründen, will der geachtete Lehrmeister Aldavinur die hohen Gefilde verlassen. Dafür zahlt er einen hohen Preis: Er wird zum Menschen. Und damit sterblich ...

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Uschi Zietsch

Fyrgar

Volk des Feuers

Die Chroniken von Waldsee 5

fabEbooks

Über die Autorin

Uschi Zietsch wurde 1961 in München geboren. Sie ist verheiratet und lebt seit Jahren als Schriftstellerin und Verlegerin mit ihrem Mann und vielen Tieren auf einem  kleinen Hof im bayerischen Allgäu.

Ihre erste Veröffentlichung war 1986 der Fantasy-Roman »Sternwolke und Eiszauber« im Heyne-Verlag. Darauf folgten bis heute kontinuierlich über einhundert Veröffentlichungen in den Bereichen der Science Fiction, Fantasy, Kinderbücher, TV-Serien und vielen mehr. Unter dem Künstlernamen »Susan Schwartz« schrieb sie jahrelang als Teamautorin bei »Perry Rhodan«, »Maddrax« und anderen Heftserien mit. Für die exklusiv bei BS-Editionen (Bertelsmann) erschienenen sehr erfolgreichen und beliebten Urban-Fantasy-Serien »Elfenzeit« und »Schattenlord« zeichnet sie für das gesamte Konzept und die Exposés verantwortlich und schrieb die meisten Romane.

Darüber hinaus gibt Uschi Zietsch Schreibseminare und ist Mit-Verlegerin des Fabylon-Verlags.

2008 erhielt sie den Literaturpreis von amnesty international für ihre Kurzgeschichte »Aische« zum Thema Menschenrechte.

Als eBook erhältlich:

Die Chroniken von Waldsee

Die Chroniken von Waldsee Trilogie (Dämonenblut/Nachtfeuer/Perlmond) (Band 1-3)

Nauraka – Volk der Tiefe (Band 4)

Fyrgar – Volk des Feuers (Band 5)

Der Stern der Götter (Eine Legende aus Waldsee)

Der wahre Schatz (Eine kurze Geschichte aus der Welt Waldsee)

Ferner erhältlich:

Sternwolke und Eiszauber

Impressum:

Cover: Kira Sánta

© der eBook-Ausgabe 2013 by fabEbooks

ISBN: 978-3-943570-22-9

»FYRGAR bietet phantasievolle Charaktere, emotionale Entwicklungen, bildgewaltige Schauplätze, dramatische Spannung und actionreiche Kämpfe im tiefgründigen Erzählstil. In vollendeter Magie nimmt die Geschichte um Liebe und Leid, Vertrauen und Verrat, sowie Imperfektion und Vollkommenheit den Leser für sich ein.«

LITERRA.info

»Komponiert aus Abwechslung, Erzählung, Spannung und einem echten Grad an „High“ weiß Uschi Zietsch deshalb vor allem eines: farbenprächtig zu unterhalten auf erzählendem, dennoch hohem Niveau.«

Literatopia.de

»Uschi Zietsch schreibt klar, eindeutig, schnörkellos, mit schönen, wohlgewählten Worten, die aber nicht gedrechselt sind, mit klaren, einfachen und schwer eindrucksvollen Bildern, mit einem Tempo, das immer der Handlung angemessen ist, sie findet genau die Worte, die ich brauche, um mir Figuren, Szenerien, Handlungen, Ereignisse, um mir alles vorstellen zu können, als wäre ich mitten drin.«

MAGIRA

»Uschi Zietsch erzählt uns hier eine facettenreiche Geschichte voller Magie und Ideenreichtum, was ihre Welt Waldsee betrifft. Sie geht tief auf die unterschiedlichen Wesen und Charaktere ein, bietet aber gleichwohl rasante Momente.«

Lady’s Lit

Inhalt

Erstes LebenDas stolze Kind

1. Der halbe Mensch

2. Der ferne Mann

3. Güte und Ahnung

4. Dunkelhimmel

5. In Winternacht

6. Netzschwinger

7. Schandfeuer

Zweites LebenFlammenritter

8. Das Gewicht der Luft

9. Feuer und Wasser und ein Schwert

10. Ein anderer Weg und erstaunliche Lehren

11. Von Wirrköpfen und großen Talenten

12. Es stiegen Dämoninnen herab

13. Donnerschwingen

14. Die man die Wächterin nennt

15. Licht, wo es keines gibt

16. Das letzte Feuer

Drittes LebenDie Allumfassende

17. Und was dann geschah

18. Eisfeuer

Anhang: Die vier Königreiche

So gehe denn durch das Feuer.
Möge es dich ewig begleiten, dich leiten und schützen, und dir Heilung spenden. Mögest du Teil werden der Urkraft und ihr Hüter. Gib das Feuer weiter in Dankbarkeit und Demut, um zu leiten, zu wärmen und zu dienen. Bewahre, was dir gegeben wurde, und halte es in Ehren. Missbrauche niemals seine Macht und nimm sein Urteil an, sobald es gefällt ist.
Das Feuer ist dein Baiku, und dein Baiku ist das Feuer.

Erstes Leben

Das stolze Kind

1.

Der halbe Mensch

Aldavinur hätte auf den Rat hören sollen. 

Nur wie hätte er ahnen können, was daraus erwachsen würde. Wie hätte er vom Verborgenen wissen sollen, das schon so lange existierte und nun erst zutage trat, wenn es doch nicht einmal die Götter erkannt hatten!

Aber Aldavinur war es, der den Fehler beging, ans Ende seiner Weisheit zu gelangen.

Der Morgen tropfte kühl auf den Fyrgar herab. Spinnweb war angebrochen und färbte die Welt vor seinen Augen grau. Der schwere Sturm der vergangenen Nacht hatte endlich nachgelassen, doch es sah nicht so aus, als würde das Wetter bald besser werden. Schwarze Wolken zogen zwischen den Gipfeln hindurch, und  jedes Mal, wenn sie sich an schroffem Gestein stießen und sich verletzten, weinten sie bittere Tränen, die schwer auf Aldavinurs Fell platschten. Er schüttelte sich, und die Fontänen aus seinen Haaren vereinigten sich mit dem Wolkenblut und prallten auf Felskanten, fielen weiter hinab auf Klippen und Grate, sprangen in Rinnen und Gräben, flossen zusammen und schwollen weiter an. Breite Ströme ergossen sich in Schluchten und Senken wie Wasserfälle und rauschten in schäumenden Fluten immer steiler hinab in die ferne Welt dort unten, die darob zu bedauern war, fand Aldavinur, denn sie war schutzlos ausgeliefert. 

Die langen Grannenhaare legten sich wieder eng über das Unterfell, damit keine Feuchtigkeit hindurchdringen konnte. Doch Aldavinurs Kopf und seine Pfoten waren triefnass, und dementsprechend mürrisch war seine Miene. Einige Angehörige seines Volkes schätzten den Regen, aber er gehörte nicht dazu. Die dichte Winterwolle seines blauschwarzen Fells saugte sich bei zu lange andauernden Schauern voll, wurde prall und schwer, und nahm ihm jeglichen Schwung in der Bewegung. An Jagd war dann kaum zu denken.

»Meister!«

Eine Stimme, hell wie ein Glockenläuten, drang in seine trüben Gedanken, schob den grauen Schleier einfach fort und ließ für einen Augenblick sogar den Regen innehalten. Aldavinur brummte und richtete die langen, spitzen Ohren auf, bewegte sie leicht in die Richtung, aus der die Stimme erklungen war.

»Efrynn, wieso bist du so früh schon auf?«

»Ich habe ein Geräusch gehört, Meister, und wollte nachsehen!«

»Geräusche gibt es hier viele, närrisches Kind, selbst die Steine stoßen Töne aus, wenn sie in der glühenden Hitze ihre Hülle sprengen oder mit dem Regen plaudern, so wie jetzt.«

Manche Flachländer dort unten suchten in einem Augenblick tiefer Lebensverzweiflung den Weg in die Berge, um Stille zu finden. Was für ein törichter Gedanke. Selbst die Kälte hatte hier oben vierunddreißig verschiedene Klänge, und erst der Ton des Schnees! Er war wechselvoll, je nach Tageszeit, oder wenn man ihn berührte. Aldavinur hatte einst an einem Wettstreit teilgenommen und als Sieger eintausendachthundert Schneetöne gezählt, doch das waren bei weitem nicht alle, die es gab. Und wie viel mehr Laute erklangen erst bei Regen und wenn der Morgentau trocknete … hier holten sich die Barden der Fyrgar ihre Inspiration, um ihre einzigartigen Melodien zu schaffen.

»Meister, du hörst mir nicht zu!«

»Sollte ich das?«

Das Kind sprang lachend über die Felsklippen heran. Der Regen konnte seiner glatten Schuppenhaut nichts anhaben, er perlte einfach in funkelnden Tropfen ab. Alles an Efrynn war Farbe, selbst in diesem Morgengrau. Je nachdem wie das Licht auftraf, schimmerten seine Schuppen hell oder dunkel, in allen Farben des Regenbogens, ineinandergegossen und vermischt. Purpur und Violett herrschten an Kopf und Rumpf vor, durchsetzt von zarten Blautönen; am Bauch und an den Gliedmaßen wechselte es zu Grün und Gelb. Seine Kopfhörner fingen gerade an, sich auszubilden, und auch die Schuppen an seinen Wangen wurden allmählich länger. Ebenso wuchs sein kurzer Schwanz und bildete an der Spitze Stacheln aus.

Die großen, stets fragend wirkenden Augen des Kindes schillerten ebenfalls vielfarbig wie edle Opale mit goldener Einfassung um die schlitzförmigen schwarzen Pupillen. Wie alle Kinder war Efrynn sehr lebhaft und kaum zu bändigen, ging jeden Tag auf Abenteuerreise und unternahm alle möglichen Versuche, sich den Hals zu brechen.

»Der Regen hört auf«, bemerkte Efrynn strahlend, als er bei seinem Meister angekommen war.

»Das ist mir nicht entgangen.« 

So war es doch meistens. Nicht einmal schlechtes Wetter konnte sich bei dieser Erscheinung halten. Das Kind war von einem ganz besonderen Glanz umgeben, der weithin strahlte. Efrynn ließ bei jeder Bewegung eine unverwechselbare Melodie erklingen, der sogar die Elemente verzückt lauschten.

»Was für ein Geräusch hast du gehört, Efrynn?«, fragte Aldavinur nun.

»Ein sehr fremdes«, antwortete der Junge. »Einen Klagelaut, der von keinem Tier kam, das wir jagen. Er passte zu nichts, was hierher gehört. Und vorher gab es das Geräusch eines Aufschlags, doch ich konnte nicht erkennen, wodurch es verursacht wurde.«

Aldavinur fragte sich, ob Efrynn jemals irgendetwas entging. Was die hellwachen Sinne betraf, war er seinem Lehrmeister sehr ähnlich. Kein anderer Fyrgar war hier draußen. Anscheinend waren sie beide die Einzigen, die eine Veränderung bemerkten. 

Oder die anderen achteten nicht darauf. Die Wahrnehmung eines Fyrgar war äußerst fein; Aldavinur konnte sich nicht vorstellen, dass niemand sonst den Schrei gehört hatte.

Sie beschränken sich wieder einmal aufs ferne Lauschen.

Das Hören war der wichtigste Sinn der Fyrgar, er konnte kaum getäuscht werden. Und hier oben, viele Tausend Schritte über dem Talgrund, war das Gebirge karg und reizlos, und es gab weniger Farben als Töne. 

»Sehen wir nach?«, schlug Efrynn aufgeregt vor. Alles, was die tägliche Gleichförmigkeit des Lernens und Rezitierens unterbrach, begeisterte ihn, und die Aussicht auf ein Abenteuer umso mehr.

Aldavinur überlegte kurz, dann stimmte er zu. »Warum nicht.« Eine Gefahr, mit der er nicht fertig wurde, würde wohl nicht drohen. Der unsterbliche Fyrgar war nicht nur Efrynns Lehrmeister, sondern auch verantwortlich für dessen Schutz, und er nahm diese Aufgabe sehr ernst. Efrynn war der kostbarste Schatz des Volkes. Dennoch konnte Aldavinur seinen Schützling nicht in Daunenfedern packen und für immer in seiner Höhle anketten. Er entwickelte sich beängstigend schnell und musste vorbereitet werden.

Außerdem würde Efrynn in seiner lebhaften Neugier nicht gehorchen, wenn er ihn jetzt zurückschickte; er würde ihm entweder heimlich folgen oder nach einem anderen, schnelleren Weg suchen, um herauszufinden, was geschehen war. Also war es besser, ihn unter seiner Aufsicht mitzunehmen und ihm gleichzeitig eine Lektion zu erteilen.

Auffordernd sah er seinen Schüler an. »Aus welcher Richtung kam das Geräusch?«

Efrynn deutete mit einer Kralle Richtung Sonnenuntergang, nach Westen, und nach unten, wo die messerscharfen Klingfelsen lagen. Das Gebiet war nicht ungefährlich. Aldavinur zögerte, ob er nicht vorschnell nachgegeben hatte, denn tatsächlich war das Geräusch von dort gekommen. Genau in jenem Augenblick, als der Sturm sich legte. Hatte der Wind sich etwa an den spitzen Felsenzähnen verfangen und war dazwischen zerrieben worden, bis er mit einem letzten Schrei erstarb?

Nein. Ein Lebewesen hatte in grellem Schmerz geschrien. Aldavinur kannte diese Art Schrei in Todesnot, die jeden, Fyrgar und Tier, gleichmachte.

»Habe ich recht, Meister?«

»Du hast recht.«

Efrynn stürmte los, und Aldavinur streckte blitzschnell seine Pranke aus, sodass der Junge stolperte und ächzend auf den nasskalten Felsboden plumpste. Aldavinur schüttelte die Pfote, es hatte ihm beinahe das Vorderbein ausgekugelt. Efrynn hatte ordentlich an Gewicht zugelegt. Das nächste Mal konnte er ihn vielleicht nicht mehr aufhalten. »Du gehst hinter mir, verstanden?«

»Ja, Meister«, murmelte Efrynn und neigte den Kopf mit griesgrämiger Miene.

Ja, der Junge wuchs heran. Er war nicht mehr weit entfernt von der zweiten Stufe seiner Entwicklung. Vom Schüler zum Meister.

Aldavinur maß kurz die Entfernung, schätzte mit den Augen den Weg ab, dann spannte er die Oberschenkelmuskeln an und sprang mit einem geschmeidigen Satz hinunter auf den nächsten Vorsprung. »Schlaf nicht, Junge!«, rief er zu Efrynn hinauf, der einen Jubelschrei ausstieß. Ein rasanter Abstieg stand bevor, der Efrynns Gleichgewichtssinn und Geschicklichkeit einiges abverlangte..

Aldavinur wollte so schnell wie möglich der Ursache des Schreis auf den Grund gehen. Jeder Moment zählte. Der Tod kam schnell in den Bergen, erst recht zu dieser Jahreszeit, wenn die Felsen nass und kalt waren. Und nicht alle waren so zäh wie Fyrgar.

Der Weg verlangte große Sprünge über klaftertiefe Abgründe, und Landungen auf schmalen Felsgraten oder lockeren Brocken, auf denen jemand von Größe und Gewicht der beiden Fyrgar nicht länger als einen Atemzug verweilen durfte. Der richtige Absprungwinkel zum nächsten Ziel musste mit traumwandlerischer Sicherheit gefunden werden, zum Innehalten und Nachdenken war keine Zeit.

Es hatte aufgehört zu regnen, und hier und da brach sogar ein Sonnenstrahl durch die grauschwarzen Wolkenballungen. Aldavinurs feuchtes Fell glänzte wie schwarzblauer Schwertstahl, wenn er lang gestreckt zwischen Himmel und Abgrund dahinflog, und Wassertropfen sprühten in einem feinen Nebel auf, sobald seine schweren Pfoten festen Untergrund erreichten und er die gelben Krallen ausfuhr, um im Gestein Halt zu finden .

Ab und zu musste Aldavinur auf einem Vorsprung innehalten. Trotz seiner Jugend und Stärke und trotz seines Draufgängertums schaffte Efrynn es noch nicht, mit ihm Schritt zu halten. An seiner Gestalt lag es nicht, diese war wie geschaffen für das Gebirge, schlank und geschmeidig, mit beweglichen, muskulösen Gliedern, und er war sehr geschickt durch das ausdauernde Üben. Aber er war immer noch ein Kind und beherrschte seinen Körper bei Weitem nicht so vollkommen wie sein Meister.

Wie ein Regenbogen flirrte er durch die Luft im nächsten Sprung und kam außer Atem bei seinem Lehrmeister an. Er schnappte kurz nach Luft, sein Kopf ruckte hoch, und seine Nüstern blähten sich. »Meister, ich wittere etwas …«

Aldavinur nickte und deutete mit ausgestreckter Kralle nach links, ungefähr fünfzig Höhenschritte unter ihnen. Spitz und steil ragten die Klingfelsen auf, voller Zacken und Sporne. Abweisend gegen jeden, der keine Flügel besaß oder nicht mehr als vier Beine.

»Meine Eltern haben mir verboten, dorthin zu gehen«, sagte Efrynn.

»Aus gutem Grund«, erklärte Aldavinur. Er hatte den Jungen in letzter Zeit einige Male dabei ertappt, wie der sich heimlich hinunterschleichen wollte. »Du musst sehr vorsichtig sein und darfst keinen falschen Schritt tun. Sprich nicht, stoße keinen Laut aus. Halte dich genau an meine Anweisungen!«

Vorsichtig kletterte er den steilen Felsgrat hinunter. Hier, zwischen den Bergen, trafen verschiedene Luftschichten aufeinander und erzeugten ihren eigenen Wind, der sich niemals über die Grate erhob, sondern durch die Schluchten und Täler donnerte, schneller und zerstörerischer als ein Wolkensturm.

Dieser Wind war es auch, der die Klingfelsen umwarb und umschmeichelte, der mit ihnen spielte wie auf einer Harfe und ihnen Lieder entlockte, die von Krallen handelten, von Blut und Tod, von Schneidschlingen und Würgenetzen, von Giftzähnen und Stacheln. Es waren schaurige Lieder, die dem, der ihre Sprache nicht verstand, allein schon wegen ihres Klangs die Haare zu Berge stehen ließen.

Die Fyrgar ertrugen diese schrillen Misstöne nicht, und für Aldavinurs besonders empfindliche Ohren waren sie eine Qual. Es fiel ihm schwer, Gleichmut zu bewahren und die Klingfelsen als Teil des großen Ganzen zu sehen. Hohn und Spott verbreiteten sie über die Täler. Nicht einmal Flechten konnten dort wachsen, wo deren Schall hindrang.

Nur eine einzige, zumeist sehr verborgene Lebensform gedieh in harmonischer Eintracht mit den spitzen, schmalen, messerscharfen Felskanten, die aufragten wie gebogene Zähne und Stacheln. Es gab nur wenige Stellen dort unten, an denen Pranken oder Hände Halt fanden, kaum Überhänge und Hochflächen, nur Löcher, Spalten und Höhlen, in die kein Licht eindringen konnte, aus denen nur Finsternis herausdrang. Viele der kleinen Löcher waren rund und so angeordnet, dass der Wind hindurchstrich wie bei einer Flöte und das schaurige Konzert nur noch verstärkte.

Efrynn schob sich neben Aldavinur, und er konnte sehen, dass dem Jungen nun doch etwas von seinem Forscherdrang und Mut abhandengekommen war. Mit dem Kopf nach unten zu verharren behagte ihm nicht sonderlich, und der Blick hinüber war wenig erbaulich. »Meister, es klingt furchtbar«, flüsterte er seinem Beschützer zu. Seine Wangenschuppen sträubten sich. »So schlimm hat es sich noch nie an angehört …« 

»Sie rufen zur Jagd«, murmelte Aldavinur. Efrynn war manchmal recht ungeschickt. Er hatte gerade zugegeben, dass er sich schon mehrmals heimlich hierhergeschlichen hatte. Doch der Lehrmeister verzichtete auf eine Ermahnung. »Das sind nicht nur die Felsen, die da singen.«

»Aber ich sehe nichts …«

Auch Aldavinur konnte nichts erkennen, und das beunruhigte ihn. Kein hauchfeines Gespinst, kein abgesetztes Schwarz vor den silbergrauen Felsen. Und das zu Spinnweb! Erstaunlich, denn gerade jetzt kamen sie häufiger hervor. Oft verirrten sich Zugvögel oder Klippspringer auf der Reise in tiefere, wärmere Gefilde hierher. Sie waren willkommene Beute vor dem Schlaf bis zum Frühjahr. Den Winter hier oben hielten nur wenige Tiere ohne Winterschlaf aus, und auch Aldavinur musste daran denken, bald Vorräte anzulegen.

»Du solltest besser hierbleiben und mir Rückendeckung geben«, ordnete er an.

Efrynn schüttelte heftig den Kopf. »Du wirst mich hier nicht auf halber Höhe im Zwischennichts zurücklassen, Meister! Ich gehe mit dir dorthin.«

»Du hast zu gehorchen.«

»Aber in diesem Fall gehorche ich nicht!«

Aldavinur richtete seine Turmalinaugen auf den aufsässigen Jungen, und der wich rasch dem Blick aus, doch seine trotzige Miene blieb.

»Da braucht jemand unsere Hilfe, und du wirst auf meine Unterstützung nicht verzichten können, Meister!«

Aus diesem Grund trug er den Namen: das stolze Kind.

Erneut unterließ Aldavinur den Tadel. »Wem auch immer hier etwas zugestoßen ist, der ist nicht mehr am Leben, Efrynn. Ich gehe nur nachsehen, welche Ursache das hatte, um nötigenfalls Vorsorge zu treffen, dass es kein zweites Mal passiert.«

»Und wenn du dich irrst? Außerdem können die da drin mir nichts anhaben. Ich bin sehr schuppig, anders als du.« Er spannte die Rückenmuskeln an, und kleine Stacheln richteten sich auf. »Siehst du?«

»Seit wann …«, entfuhr es Aldavinur verblüfft. Er unterbrach sich und winkte mit einer Pranke ab. »Wir sprechen nachher darüber. Also gut. Du darfst mitkommen – aber von jetzt an wirst du mir widerspruchslos gehorchen.«

»Verstanden, Meister!«, versicherte Efrynn eifrig. Seine Wangen glühten rot auf.

Aldavinur stieß sich ab und überwand den Abgrund zwischen den beiden Bergen, durch die verwirbelten Luftströme hindurch. Das war die unsichtbare Grenze zwischen dem östlichen und dem südlichen Gebirgszug, hier endete das Gebiet der Fyrgar. Wenn man von den Klingfelsen aus immer weiter südlich wanderte, gelangte man zur Unendlichen Wüste, die sich von Osten nach Westen, von Meer zu Meerbusen zog, von Luvgar bis Nerovia. Auf der anderen Seite des Meerbusens lag Ishgalad, von dem man heute nicht mehr viel wusste. Die Seefahrer bereisten nur die Inseln dazwischen, bis zu einer gewissen, nie verbürgt festgelegten Grenze, aber keinesfalls bis in das große Reich des Westens. Umgekehrt schien auch Ishgalad diese geheimnisvolle Grenze zu achten, denn nie kam es zu einer Begegnung auf See.

Diese Trennung des Reiches geschah vor langer Zeit während des Titanenkrieges, als Götter und Mächtige um die Herrschaft über Waldsee kämpften. Die letzte Schlacht fand auf dem Titanenfeld in Valia statt und endete in einem solch schrecklichen Gemetzel, dass dies das Ende des Krieges bedeutete, ohne dass es einen Sieger gegeben hätte. Die ursprünglichen Vier Königreiche waren für immer zerstört, und Ishgalad wurde zudem durch eine gewaltige Katastrophe von den anderen Reichen getrennt, ein riesiges Loch tat sich durch einen Einschlag plötzlich auf im Kontinent und füllte sich in einer gewaltigen Springflut mit Meerwasser. Ein Dämon sollte dies ausgelöst haben, hieß es, der in der Schlacht verwundet wurde und dessen austretende Lebensessenz das Gefüge der Welt aus dem Lot gebracht hatte. Es war natürlich eine Legende, aber nicht unmöglich, wenn man bedachte, dass an jenem Tag auch Götter fielen, dunkle ebenso wie helle.

Nur ein schmaler Streifen Land blieb erhalten, eine tödlich heiße Wüste im äußersten Süden, doch dieses Gebiet war noch niemals durchquert worden. Seit der Titanenschlacht war Ishgalad von den anderen Ländern getrennt, und es kam nie wieder zu einer Verbindung, nicht einmal mittels den Luftschiffen der Daranil. Es war, als läge dazwischen nicht nur das Meer, sondern auch eine Schutzmauer.

Seltsam, dass Aldavinur sich genau in dem Moment daran erinnerte, als sein Körper durch die Luft flog, bevor er geschmeidig auf der anderen Seite aufkam und sich mit steil hochgerecktem Schwanz auf einem schmalen Grat im Gleichgewicht hielt. Als hätte der Gesang der Lüfte diese Bilder in ihm hervorgerufen, irgendwelche Überbleibsel des nächtlichen Sturms aus Westen. Eine Botschaft, die er durch Zufall empfing? Hatte er je daran gedacht, mehr über Ishgalad herauszufinden? Schließlich rühmten sich die Fyrgar, dass sie alles wüssten über Waldsee.

»Das Wissen kommt zu uns, wenn es an der Zeit ist«, lautete ein Spruch des Volkes. »Was wir nicht wissen, hat keine Bedeutung.« Die Fyrgar warteten seit je her ab. Früher oder später erfuhren sie alles. Und sie würden ebenso alles bewahren.

Efrynn hatte ab und zu davon gesprochen, wenigstens einmal das ganze Gebirge zu durchwandern, um mit eigenen Augen zu sehen, was er nur vom Hörensagen wusste. Seine Eltern waren über dieses Ansinnen entsetzt gewesen. Fyrgar wanderten nicht, sie blieben und bewahrten, beobachteten und lauschten, ließen das Wissen zu sich kommen. Sie versuchten, den Göttern so nah zu sein wie möglich, vor allem Lúvenor, dem Schöpfergott und Beschützer der Alten Völker, zu denen auch die Fyrgar gehörten.

Aldavinur hatte den Jungen streng ermahnt, doch wie konnte er einen solchen Forscherdrang ausmerzen? Das war unmöglich. Deshalb nahm er Efrynn jetzt mit, das heutige Abenteuer würde ihn wieder für einige Zeit zufriedenstellen, bevor er von neuer Ruhelosigkeit erfüllt würde. Und Efrynn, das stolze Kind, musste Erfahrungen sammeln, um zu erkennen, wie falsch sein Streben war.

Es gab Fyrgar, die ebenso ruhelos waren wie der Junge. In früheren Zeiten war es immer wieder vorgekommen, dass der eine oder andere nach dem Gang durch das Feuer auf die Dritte Stufe die Berge verließ, um im Tiefland seine Dienste anzubieten. Dort unten nannte man diese sterblich gewordenen Fyrgar ehrfürchtig »die Flammenritter«, weil sie den Umgang mit dem Schwert in Vollendung beherrschten, doch bei ihrem eigenen Volk galten sie als Narren und vor allem als blutgierige Söldner. Man sprach nicht über sie. Die letzten Fyrgar waren wohl erst vor tausend Jahren gegangen, aber Aldavinur hatte keinen von ihnen gekannt. Sie hatten ziemlich weit entfernt in den westlichen Ausläufern des Gebirges gelebt. Er hatte sich nicht darum gekümmert; wenn jemand gehen wollte, dann war es dessen freie Entscheidung. Er urteilte auch nicht über diese sogenannten »Abtrünnigen«, über die der Rat sich empörte.

Andererseits konnte er die Besorgnis durchaus verstehen, dass solches Verhalten eines Tages zu Verwicklungen führen konnte, wenn dadurch etwa die Lebensweise der Fyrgar bekannt würde oder wenn sich mehrere Tiefländer auf den Weg zu ihnen herauf machen würden. Ab und zu kam das zwar vor, aber es waren immer nur Einzelne, die den Pfad der Erleuchtung betreten wollten oder nach Erlösung suchten, und keiner von ihnen kehrte wieder zurück.

Aldavinurs erste Vermutung, nachdem er den Schrei gehört hatte, war deshalb, dass es sich um einen solchen ungeladenen Besucher handelte, dem etwas zugestoßen war. Vielleicht hing dies auch mit den Stürmen der letzten Zeit zusammen, die immer aus Westen kamen …

Er drehte den Kopf und wies neben sich auf einen schmalen Vorsprung, eine halbe Sprunglänge entfernt. »Hier.«

Efrynn zögerte;  einen solchen Sprung hatte er noch nie gewagt – kopfunter an einer Steilwand hängend, und aus dieser Lage über eine tiefe, stürmische Kluft hinweg. Er presste die Beine zusammen, Aldavinur sah die Anspannung der Muskeln, die sich durch das Schuppenkleid abzeichneten.

Ich nehme meine Verantwortung also ernst, dachte er. Und was mache ich, wenn er jetzt abstürzt?

Doch Efrynn war gut ausgebildet. Seine Augen funkelten, seine Miene drückte Stolz aus über die Herausforderung. Es spornte ihn an, dass sein Lehrmeister so viel Vertrauen in ihn setzte. Er stieß sich ab, flog gestreckt durch die Aufwinde hindurch und landete mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Sims. Doch bevor er strahlend seinen Triumph verkünden konnte, glitten seine Hinterbeine ab, und er verlor den Halt. Sofort schlug er die Krallen ins Gestein, schnappte mit den kräftigen Reißzähnen nach einem Zacken und hielt sich fest, während sein Körper frei in der Luft pendelte. Dann fanden seine rudernden und strampelnden Hinterbeine wieder Halt, er krallte sich fest und kletterte langsam hoch, bis er wieder einen sicheren Stand hatte.

»Huuu«, machte er und blickte verwirrt drein. Verlegen sah er zu seinem Meister herüber, der ihn unverwandt beobachtete und missbilligend den Kopf schüttelte. Nicht zum ersten Mal, dass er so unaufmerksam war, doch vielleicht war es ihm jetzt, wo er beinahe in viele Klafter Tiefe zu Tode gestürzt wäre, endlich eine Lehre.

Bevor Efrynn etwas sagen konnte, setzte Aldavinur den Weg fort. Es gab scharfe Kanten und Hohlräume zu überwinden, bevor sie festeres Gestein und ebeneren Grund erreichten, und es war nicht gut, hier zu lange zu verweilen. Der Wind raste heulend durch die Felspfeifen, das Harfenspiel der dünnen Kanten und Zacken wurde schärfer und noch schauriger. Die Luft fuhr scharf durch Aldavinurs Fell, und er legte die Ohren an. Fyrgar hatten hier nichts zu suchen, das konnte er ganz deutlich spüren.

Da! Nur eine schnelle Bewegung, gerade noch im Augenwinkel aufgefangen, doch er reagierte sofort. »Los!« Er gab den Weg vor, und Efrynn folgte ihm genau auf dem Pfad. Der Schrecken saß ihm wohl in den Gliedern, dass er sich nun so folgsam zeigte.

Die silbriggrauen Felsen schrien empört auf, wenn scharfe Krallen oder der Druck des Gewichts ein Stück Gestein herausbrachen, das knisternd in die Kluft hinunterstürzte. Aldavinur erreichte in Zickzacksprüngen den Berg und galoppierte auf einem schmalen Ziegenpfad abwärts; Efrynn hielt sich dicht hinter ihm. Noch immer bewegte der Lehrmeister sich in Richtung des Schreis, seine Ohren täuschten sich nie. Es war nicht mehr weit.

Dann verlangsamte er den Lauf. Stäubte da nicht gerade etwas Schwarzes aus einer Ritze? Sah er dort nicht ein schwarzes Bein aus einem Spalt tasten?

Jäh schlug er einen Haken und änderte die Richtung, sprang auf einen einzeln aufragenden Felsen, an dem er sich mit aller Kraft festkrallen musste. Sein langer Schwanz peitschte, doch da war Efrynn schon neben ihm und presste sich ans Gestein. Einen Augenblick lang verharrten sie regungslos und beobachteten den Berg gegenüber.

Efrynns Schuppenhaut verlor ihren Schimmer, als er sie kommen sah – Felsspinnen, die Herrscher der Klingfelsen, die einzigen Wesen, die hier dauerhaft siedelten. Sie wuchsen ihr ganzes Leben lang, und ihr Körper konnte fast so groß wie der von Aldavinur werden, doch die überlangen, mit giftigen Borsten besetzten schwarzen Beine waren viel länger als seine. Ihre sechs Augenpaare schillerten in einem giftgrünen Licht, und mit ihren gewaltigen Mundwerkzeugen brachten sie unangenehm schnarrende, klickende Geräusche hervor, die ein vielfaches Echo in den Klingfelsen fanden.

Zwischen den großen wimmelten kleinere Artgenossen umher, manche nur eine halbe Spanne groß, aber nicht weniger giftig und gefährlich. Die ersten woben bereits glitzernde schwarze Wurfnetze, andere spannen Fallen über den Weg, zwischen Spalten und Durchgängen. Bei jeder Bewegung stießen sie pulvrige schwarze Schwaden aus, die auch ohne Sonnenlicht Schatten warfen, wo sie herniederrieselten.

Efrynn sprach kein Wort. Aber die Frage, wie es jetzt weitergehen sollte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Von hier aus schien es keinen sicheren Weg zu geben. Und auch der Platz selbst war nicht sicher; die ersten Spinnen tasteten schon mit den Beinen durch die Luft, um sich auf den Sprung vorzubereiten, die anderen schwangen die Wurfnetze, um sie dann im richtigen Moment herüberzuschleudern.

Aldavinur dachte nach. Fyrgar waren friedliche Geschöpfe. Das bedeutete aber nicht, dass sie sich notfalls nicht verteidigen konnten. Er beobachtete, wie die Felsspinnen näher kamen, lauschte auf die Laute, mit denen sie sich untereinander verständigten. Er achtete auf die Tonlage, die Schwingungen, auf jede Kleinigkeit.

»Wenn ich es dir sage«, flüsterte er dem Jungen zu, »dann springst du zurück!«

»Verstanden«, gab Efrynn fast unhörbar zurück. Seine Wangenschuppen zuckten, er hatte Angst. Verständlich. Im Allgemeinen woben die Felsspinnen ihre Opfer in Netze ein wie andere Spinnen auch, bohrten sie an und spritzten Gift und Säure in das Fleisch, lösten sie langsam auf bei lebendigem Leibe und saugten sie dann aus. Solange das Herz noch schlug, bekam das Opfer alles mit.

»Pass gut auf«, fügte Aldavinur hinzu.

Efrynns Lehrmeister öffnete den Rachen, zeigte seine gewaltigen Zähne, und dann stieß er ein Brüllen aus, begleitet von einem tiefen Brummen, das markerschütternd war. Es brach sich an den Felswänden und brachte das Gestein zum schrillen Klingen, einige der Zacken zitterten so heftig, als würden sie jeden Augenblick bersten. Die Spinnen zirpten und duckten sich, ihre dicken schwarzen Borstenhaare sträubten sich. Die Netzschleuderer warfen die Netze über sich selbst, andere schlugen abwehrend mit den Vorderbeinen. Schließlich drehte die erste Spinne sich um und kletterte eilig über die Felswände nach oben, um in einer Spalte zu verschwinden. Die anderen taten es ihr rasch gleich; die Kleinen wimmelten verwirrt durcheinander und schlüpften in die schmalen Löcher, durch die der Wind pfiff.

»Spring!«, rief Aldavinur, und Efrynn stieß sich ab und flog zurück auf den schmalen Vorsprung des Berges. Aldavinur setzte dem Jungen nach, kam ein Stück vor ihm auf und folgte dem Ziegenpfad weiter, immer dicht an der Felswand entlang. Ab und zu drangen schwarze Staubwolken aus Höhlen und Spalten, doch sie blieben unbehelligt.

»Was war das, Meister?«, wollte Efrynn unterwegs wissen.

»Du musst dich auf ihre Tonlage einstellen und genau auf den Klangrhythmus achten«, antwortete Aldavinur. »Und dann gibst du Laute von dir, die genau einen halben Ton daneben liegen und einen halben Takt neben dem Rhythmus. Dieser Missklang bringt ihren Herzschlag zum Stolpern und macht sie halb wahnsinnig vor Schmerz.«

»Und sogar die Klingfelsen«, bemerkte Efrynn. »Ich dachte wirklich, dein Gebrüll würde sie sprengen, Meister. Ziemlich unheimlich. Ich weiß nicht, ob ich das so gut könnte wie du, aber ich habe aufgepasst und mir alles gemerkt. Dann haben wir jetzt Ruhe vor ihnen?«

»Ich will es hoffen.«

»Und der Rückweg?«

»Sie werden uns aus dem Weg gehen. Es gibt lohnendere und leichtere Beute. Dennoch müssen wir vorsichtig sein.«

Vor der Biegung um den Berg verhielt Aldavinur und deutete nach unten. »Da.«

Efrynn schob sich neben ihn, achtete darauf, nicht den Halt zu verlieren, und blickte neugierig nach unten. Ein Stückweit ging es über loses Geröll hinab, das einen zweiten Berg mit diesem hier verband. Auf der anderen Seite ragte eine Art Plateau aus der schroffen Felswand.

»Da liegt jemand!«, rief der Junge aufgeregt.

»Unser Ziel«, bestätigte Aldavinur. »Aber vorsichtig jetzt, wir wissen nicht, was uns erwartet.«

Sie kletterten hintereinander langsam über das Geröll hinunter, wobei Aldavinur die Umgegend genau im Auge behielt. Hoch über ihnen kreiste ein Grauhaak, ein großer Geier, und stieß einen einsam klingenden Pfiff aus.

»Er hat seine Beute wohl schon erspäht«, meinte Efrynn nach einem Blick nach oben.

»Ich glaube, er hofft vergebens«, erwiderte Aldavinur. »Das Wesen hat sich gerade bewegt. Schau!«

Tatsächlich, die schmale Gestalt regte sich, und Aldavinurs feines Gehör empfing leise Schmerzlaute. Das Wesen sah aus wie ein Mensch, der aus großer Höhe abgestürzt war. Seine Kleidung war in Fetzen, er blutete an vielen Stellen, und sein linkes Bein war seltsam verdreht.

»Warum haben ihn die Felsspinnen noch nicht geholt?«, flüsterte Efrynn.

»Sie überqueren das Geröll normalerweise nicht«, antwortete Aldavinur. »Wegen der Kupferwürmer, die hier leben. Die sind nicht groß, aber sehr gefährlich für die Spinnen, selbst für die riesigen. Die Würmer springen sie an, beißen sich blitzschnell fest und stoßen durch einen Stechrüssel ihre Eier in die Wunde, aus denen bald Larven schlüpfen. Die fressen sich durch die Spinnen, bis sie aus den Augen als fertige Würmer schlüpfen.«

»Uh!« Efrynn sprang mit allen Vieren hoch und verzog das Gesicht vor Ekel und Entsetzen. »Grässlich! Haben ... sie das auch mit uns vor?«

Aldavinur schmunzelte. »Nein«, beruhigte er den Jungen. »An unserem Blut sind sie nicht interessiert.«

Efrynn ging dennoch auf Zehenspitzen weiter und zuckte bei jedem Stein zusammen, der ins Rutschen kam. »Kupfer? Die müssten leicht zu erkennen sein in dem eintönigen Grau hier …«

»Mhm. Nicht für die Spinnen, die sind farbenblind. Schweig jetzt, wir sind fast da.«

Geduckt schlichen sie sich näher an die Hochfläche heran, die immer noch ein Stückweit unter ihnen lag. Das Stöhnen des verletzten Wesens war nun deutlich zu hören, und es war auch zu erkennen, dass es sich um einen Mann handelte, aber ob Sentrii oder Mensch, das war schwer zu sagen.

»Er hat Glück, dass er noch am Leben ist«, brummte Aldavinur leise. »Und dass ihn bisher kein Greif oder sonst ein Jäger entdeckt hat. Sein Blut lockt jeden an, dessen Geruchssinn nicht völlig untauglich ist.«

Efrynn rümpfte die Nase. »Das also war es, was ich gewittert habe. Ekelhaft! Blut riecht normalerweise viel besser.«

»Er kommt von weit her und ist von fremder Art, das ist alles. Dieser Geruch ist dir nicht vertraut, aber er ist zweifelsohne von Blut durchtränkt, wie es auch durch deine und meine Adern fließt.« Aldavinur betrachtete prüfend den Himmel und den Berg. Sie  waren kaum voneinander zu unterscheiden, nur grau in grau. Die Sonne hatte sich hinter dicke Wolken verzogen, und von einem Tal herauf zog Nebel. Und dabei war es noch nicht einmal Mittag. »Vielleicht sind die Jäger schon weiter nach Süden gezogen, wo es wärmer ist.«

Aldavinur machte diese Witterung nichts aus, und Efrynn erst recht nicht. Unter dessen geschmeidigen, aber äußerst widerstandsfähigen Schuppen hatte er eine dicke Speckschicht, die keine Wetterunbilden oder scharfe Zähne und Krallen durchließ. 

»Ich gehe jetzt hinunter«, sagte er zu dem Jungen. »Komm erst nach, wenn ich dir das Zeichen gebe.«

»Ja, Meister.«

Der Verletzte stieß einen schrillen Schrei aus, als plötzlich wie aus dem Nichts jemand auf weichen Sohlen landete und sich ihm lautlos näherte. Er versuchte zurückzuweichen, doch als er dabei das linke Bein bewegte, schrie er nochmals laut auf, diesmal vor Qual, und sackte zusammen.

»Tu mir nichts, bitte, bitte, verschone mich«, wimmerte er und hielt den Arm schützend vor das Gesicht.

»Warum sollte ich dir etwas tun?«, fragte Aldavinur mit tiefer, ruhiger Stimme.

Alle Völker auf Waldsee beherrschten neben ihren eigenen Dialekten die Hochsprache und konnten sich miteinander verständigen, auch wenn die Aussprache häufig sehr unterschiedlich ausfiel. Aldavinur sprach sehr klar und deutlich, aber er wusste, dass die Wortwahl und die Betonung altertümlich wirken mussten. Er kam dem Fremden wahrscheinlich vor wie ein Wesen aus uralter Zeit, vielleicht hielt er ihn auch für das Trugbild eines Sterbenden.

Der Verletzte erstarrte und hielt den Atem an, als würde ihm erst jetzt bewusst, dass er die Laute aus dem Tierrachen verstehen konnte. Langsam ließ er den Arm sinken und starrte Aldavinur verstört an.

»D-d-du bist eine Raubkatze«, stotterte der Mann.

»I-i-ich bin ein Fyrgar«, ahmte Aldavinur ihn spöttisch nach. »Wie kommst du zu der merkwürdigen Annahme, dass jemand, der sprechen kann, so aussehen muss wie du?« Er hob den Schwanz und peitschte damit zweimal hin und her, das Zeichen für Efrynn.

»O-offen gestanden habe ich keine Ahnung, wie ein Fyrgar aussieht oder was ein Fyrgar überhaupt ist. Ich dachte immer, der Name bezieht sich nur auf das Gebirge hier.« Der Mann stieß wieder einen panischen Schrei aus, als Efrynn unter Getöse und Staub aufwirbelnd landete. »Und was ist das? Ein Drachenjunges?«

»Er ist auch ein Fyrgar«, knurrte Aldavinur ungeduldig. »Was willst du hier, Mensch-und-Nicht-Mensch?«

»W-was meinst du damit?«

»Was ich hier sehe, ist nur halb menschlich.«

»Sein Sp-sp-sprachfehler ist ziemlich menschlich, finde ich«, bemerkte Efrynn kichernd und schnupperte neugierig am Körper des Mannes, der schlotternd vor ihm lag. Schweiß rann in Strömen an ihm herab und vermischte sich mit dem heraussickernden Blut. »Ist das ein Gestaltwandler?«

»Nicht so richtig«, antwortete sein Meister. »Sag mir, was du witterst.«

»Angst.« Der Junge blähte angewidert die Nüstern. »Aber nicht süß, sondern säuerlich, abgestanden, wie faulige Pilze. Ekelhaft!«

»Efrynn«, mahnte Aldavinur.

»Verzeihung, Meister, es ist nur, weil ich keine Pilze mag, weder frisch noch faulig.«

»Das ist gut. Dann kommst du auch nicht auf die Idee, vergorenen Pilztee mit Weißschimmel zu probieren.«

»Scheußlich! Niemals!« Efrynn schüttelte sich.

Der Mann ließ alles stumm über sich ergehen, während Efrynn ihn noch einmal gründlich beschnupperte.

»Das Menschliche überlagert momentan alles, es ist nicht einfach. Aber mir kommt es so vor, als wäre da noch der staubig-fedrige Geruch eines Vogels.«

Aldavinur nickte. »Einer Krähe«, sagte er.

Efrynn sprang zurück. »Ein Krahim?«, rief er und versteckte sich hinter seinem Meister. »Er will mich fressen!«

»Du bist größer als ich«, wies der Mann vorsichtig hin.

»Was macht ein Krahim in Luvgar, weitab von seiner eigentlichen Heimat Nerovia?«, fragte Aldavinur und runzelte düster die Brauen mit den langen weißen Tasthaaren über seinen kristallklar leuchtenden turmalinfarbenen Katzenaugen, rot und grün zugleich.

Der Mann seufzte ergeben und richtete sich leicht auf. »Ich bin kein richtiger Krahim«, antwortete er. »Sie haben mich zwar aufgezogen, weil es die Sippe meines Vaters ist, doch meine Mutter war ein Mensch, und ich glaube, ich bin ziemlich nach ihr geraten.« Er deutete auf seine Beine. »Keine Krähenfüße, keine …«, er zupfte an seinen Haaren, »keine Federn, geschweige denn ein Federkleid am Körper.«

Aber seine metallblauen Augen waren ganz und gar die eines Krahim.

»Dann kannst du dich gar nicht verwandeln?«, fragte Efrynn.

»Doch, irgendwie schon.«

»Und wie machst du das mit der Kleidung?«

»Geht in Fetzen, wie du siehst, wenn ich nicht aufpasse. Abgesehen von den Verletzungen durch den Sturz. Ich konnte mich gerade noch in die Krähengestalt retten, als der Sturm mich fortriss.«

Aldavinur sagte unbewegt: »Du hast meine Frage nicht beantwortet, Krahim.«

»Deine feindselige Haltung ist unbegründet, Herr Fyrgar. Es gibt nicht mehr viele von uns«, erklärte der Verletzte. »Seit langer Zeit schon sind wir Verfolgte.«

»Das liegt an eurem gewalttätigen Verhalten, und weil ihr einfach alles tötet und zerreißt, was aus Fleisch besteht«, sagte Aldavinur streng. »Dafür haben wir hier keinen Sinn. Und nun mach dich fort aus unseren Bergen.«

»Das würde ich gern, aber ich kann nicht.« Der Krahim verzog das Gesicht vor Schmerz. »Wie ich bereits sagte: Ein furchtbarer Sturm hat mich meiner Heimat entrissen und bis hierher gewirbelt, und dann bin ich gegen die Felsen dieses hohen Berges hier geprallt, habe die Kontrolle über meine Gestalt verloren und bin verletzt abgestürzt. Ich habe sicher mehrere Brüche, auch in meinem linken Bein. Dass ich nicht unablässig schreie vor Qual, liegt daran, dass ich keine Kraft mehr dazu habe.«

»Und ich dachte, weil Krahim sich von klein auf darin üben müssen, klaglos zu leiden«, versetzte Efrynn erstaunt.

»Jedenfalls hattest du vorher noch eine Menge Luft in dir, die du zum Klingen brachtest«, meinte Aldavinur.

»Das waren die letzten Reste, Herr Fyrgar. Und jetzt bin ich auf deine Gnade angewiesen.«

Aldavinur blickte besorgt zum Himmel. »Stürme gibt es oft …«, murmelte er. »Und in letzter Zeit häufen sie sich.« Und sie brachten Seltsames mit sich, den Geruch nach Magie und Finsternis. Obwohl Waldsee neutral war und von einem Schutzwall umgeben, damit der Ewige Krieg nicht hereinbrechen konnte, stimmte etwas nicht mehr, die Verhältnisse waren unausgewogen. Die unselige Ankunft dieses Wesens trug nicht gerade dazu bei, Aldavinur zu beruhigen. »So einer wie du hat mir gerade noch gefehlt. Deine Art ist hier mehr als unerwünscht.«

Efrynn zog die Lippen spitz und gab ein schnalzendes Geräusch von sich. »So schlimm finde ich diesen Krahim gar nicht, Meister, eher … faszinierend.«

»Das heißt … ihr werdet mich nicht töten?«, fragte der Verwundete hoffnungsvoll.

Aldavinur und Efrynn wechselten einen Blick. »Weshalb sollten wir das tun?«, fragte der Lehrmeister.

»Nun … weil …«

»Ich sagte es schon: Wir sind Fyrgar«, unterbrach Aldavinur ihn ungehalten. »Wir töten nicht, außer es dient unserer Ernährung. Wir sammeln Wissen und bewahren es. Wir versuchen, Weisheit zu erlangen und Erleuchtung. Wir streben danach, den Göttern nah zu sein. Wir würden unser Baiku besudeln, wenn wir einfach so töten.«

»Verzeihung«, murmelte der Krahim. »Ich dachte, bei Gefahr …«

»Bist du denn eine Gefahr?« Aldavinur fletschte die Zähne und zeigte dem Verletzten seinen aufgerissenen Rachen. Seine Reißzähne waren so lang wie die Hand des Krahim, und die Backenzähne so dick wie dessen Daumen. Aldavinur hätte den Kopf des Mannes mit einem einzigen Zuschnappen von den Schultern trennen können.

Der Krahim schüttelte heftig den Kopf, sodass seine dünnfedrigen schwarzen Haare flogen. Sein Körper schlotterte erneut. »Bewahre! Sieh her, ich habe nicht einmal eine Waffe bei mir. Meine Kleidung ist in Fetzen, ich kann nichts verbergen. Außerdem bin ich in einem jämmerlichen Zustand.«

»Dann gibt es auch keinen Grund, dich zu töten. Das wäre ineffizient.«

Efrynn fing an, sich zu langweilen. Er hob den Hinterfuß und kratzte sich ausgiebig hinter dem gezackten Ohr. »Meister, was machen wir jetzt mit ihm?«

Das war allerdings das Problem. Fyrgar mischten sich nicht ein, sie mieden alles, was das Gleichgewicht in Gefahr bringen könnte. Und die Anwesenheit dieses Krahim brachte das Pendel eindeutig ins Schwanken. Der Rat würde nicht begeistert darauf reagieren. Fremde brachten Unruhe mit sich und waren eine Störung.

»Ich werde ihn zu meiner Höhle bringen, dann spreche ich mit dem Rat«, antwortete Aldavinur. 

Der Krahim atmete erleichtert auf. »Welch eine wundersame Rettung an diesem von allen Göttern verlassenen Platz …«

Efrynns Augen glühten auf. »Das ist kein von allen Göttern verlassener Platz!«, fauchte er den Verwundeten wütend an, und der hob erschrocken die Hand vor das Gesicht, als es ihm die Haare nach hinten blies. Efrynns Atem war heiß, er konnte jeden Moment in Brand geraten. »Mein Meister hat schon mit ihnen gesprochen!«

Ein Muskel zuckte daraufhin im Gesicht des Krahim, doch er sagte nichts.

2.

Der ferne Mann

Sansiri zog das Schultertuch vor der Brust zusammen und rieb sich fröstelnd die Arme. Der Herbst war fast vorüber, und der Winter nahte; der Wind brachte schon den Geruch des ersten Schnees mit sich. Seit Tagen hatte es ununterbrochen geregnet, und viele Flüsse und Bäche waren über die Ufer getreten. Das große Fyrgar-Gebirge lag hinter dickem Dunst und einer Wolkendecke verborgen.

Gelächter und Stimmengeschwirr drang aus der Schänke heraus, als die Tür geöffnet wurde und im herausfallenden Lichtschein jemand ins Freie trat.

Mukel, der große, schweigsame Knecht, setzte seinen breitkrempigen Hut auf, um den nur von schütterem Haar bedeckten Kopf zu schützen. Misstrauisch schaute er in den Abend, der gleich hinter dem Dachvorsprung begann, düster und verhangen, aber wenigstens ohne Regen. »Wann hat es aufgehört?«, fragte er Sansiri.

»Vor einer Stunde etwa.«

»Dann gehe ich lieber. Wenn schon nicht trockenen Fußes, komme ich wenigstens trockenen Hauptes nach Hause.«

Die Wege waren schlammig und von Rinnsalen durchzogen; kaum ein Fuhrwerk kam mehr durch, allenfalls noch Ochsenkarren mit besonders starken Zugtieren.

Mukel trug dick verkrustete Lederstiefel, doch die uralten, spröde gewordenen Nähte fingen an, sich zu lösen. Nach einem weiteren prüfenden Blick auf den Weg zog er die Stiefel kurzerhand aus und ging barfuß in den Morast. 

»Gute Nacht, Sansiri«, rief er über die Schulter, während er davoneilte.

»Gute Nacht, Mukel, bis morgen«, antwortete sie. Sie sollte wieder hineingehen, aber die Luft dort drin war stickig, und viele der Gäste waren betrunken. Manchmal machte es ihr nichts aus, aber an Abenden wie diesem wurde sie dessen überdrüssig. Ich verlasse Zem, jetzt tue ich es wirklich, dachte sie. Ich will ein fröhliches Heim und Kinder und nicht einen versoffenen, stinkenden Schankwirt als Mann, der jede Frau anschaut außer seiner eigenen. Und der statt des Mundes lieber die Fäuste sprechen lässt.

Mukel hatte ihr schon oft gesagt, dass sie mit ihm gehen könne. »Ich verdiene nicht viel, aber sicher gibt es für dich Arbeit auf dem Hof. Die Herrschaft ist anständig, sie würden uns bestimmt ein kleines Haus bauen lassen. Ich werd’ dich auch nie schlagen, Sansiri, so was tu ich nicht.«

»Das weiß ich doch, Mukel, aber Zem würde uns finden. Ich muss weit fort, wenn ich ihm entkommen will. Und ich will nicht ewig Magd bleiben, verstehst du das nicht?«

Nein, das tat er nicht. Sie konnte es ihm sagen, sooft sie wollte, er versuchte es immer wieder. Wenigstens legte er sich nicht mit Zem an.

Eines Tages …

Sansiri wollte soeben wieder hineingehen, als sie einen leisen Ruf hörte.

»Bist du einsam?«

Verunsichert blieb sie stehen und spähte in die Dunkelheit. »Wer ist da?«

»Bist du einsam?«

Die Stimme klang fremd, nicht-menschlich, aber keineswegs erschreckend. Sie rührte an eine Stelle in Sansiris Herz und brachte sie auf seltsame Weise zum Klingen.

Das war neu, aber dennoch fiel sie nicht darauf herein. Sie kannte solches Gerede zur Genüge. Von Männern, die Sansiris Augen traurig fanden und sie trösten wollten. Am liebsten überall mit ihren Händen.

»Bist du einsam?«

Sie hatte genug. Hier draußen musste sie sich das nicht auch noch gefallen lassen. »Hör zu, du Trunkenbold, sieh zu, dass du nach Hause kommst!«, rief sie warnend in die Dunkelheit. »Ich hole die Dorfwache.« Immerhin gab es auch weibliche Gäste in der Schänke, die unter Umständen allein nach Hause gehen mussten. Sansiri achtete stets darauf, dass sie dies ohne Sorge tun konnten, indem sie ihnen verlässliche Begleitung mitgab oder die Dorfwache alarmierte.

»Fürchte dich nicht.«

»Wovor sollte ich mich fürchten?«, sagte Sansiri, fast trotzig. Sie wollte wieder hineingehen. Doch immer wenn sie einen Schritt tun wollte, hinderte etwas sie daran. War es diese Stimme? Oder war es ihr Widerwille gegen die ungehobelten Gäste da drin und gegen Zem, der heute in der Stimmung war, sie zu schlagen? Sie kannte diesen Blick, wenn er zu viel getrunken hatte und streitsüchtig wurde.

»Ich tue dir nichts.«

»Verschwinde.« Doch sie verlieh ihren Worten nicht den nötigen Nachdruck. Was war das für ein seltsames Wesen, das sich hierher verirrt hatte? Selten kamen an diesen Ort andere Leute, die keine Menschen waren. Sansiri kannte die Geschichten über die Alten Völker, die vor allem im weit entfernten Valia lebten, in Nachbarschaft mit den Menschen. Dort gab es Pferdmenschen, Geflügelte, Menschenähnliche, sogar Dämonen, und sie verfügten über wundersame Kräfte.

»Soll ich dir deinen Wunsch erfüllen?«

»Ich habe keinen Wunsch, den du mir erfüllen könntest.«

Sansiri glaubte eine Bewegung wahrzunehmen, an der Hausecke, und es kam ihr so vor, als würde ein Schatten heraustreten, der menschliche Umrisse hatte. Nicht so groß wie Zem oder Mukel, aber … etwas kam ihr vertraut vor.

»Wer bist du?«, flüsterte sie.

Arme streckten sich ihr entgegen. »Finde es heraus.«

Das Wispern hallte in ihrem Kopf nach, sanft und schmeichelnd. Sansiri fühlte Erregung in sich aufsteigen. Sollte sie es wagen? Einen kurzen Blick nur? Sie war immer noch dicht beim Haus, unter dem Dachvorsprung, beinahe in Sicherheit.

»Warum tust du das?«, fragte sie zaghaft. »Ich bin eine verheiratete Frau …«

Sansiri kannte die romantischen Geschichten von Verführung und Lust, die Frauen widerfuhren, wenn einer aus den Alten Völkern ein Auge auf sie warf. Manche ihrer weiblichen Gäste wollten sogar schon selbst das eine oder andere Erlebnis gehabt haben. Sansiri hatte ihnen stets voller Neid gelauscht, und ihre Sehnsucht war in Bitterkeit umgeschlagen.

»Ich tue nichts, was dir nicht gefällt«, sagte der Fremde. Lockte. Unwiderstehlich.

»Hast du mich verzaubert?« Sansiris Lider wurden schläfrig und schlossen sich halb. Sie spürte, wie ihr Wille aus ihr floss, zu dem Fremden hin, der sie zu sich winkte. Was auch immer geschehen würde, sie konnte nicht mehr zurück.

»Ich werde gut zu dir sein.«

Sansiri folgte dem Summen, das ihr den Weg wies, auf die Gestalt zu, die ihr so vertraut erschien. Männliche Konturen, genau wie im Traum. Hände, die sie streicheln würden und nicht schlagen. Und die sie mit sich nahmen …

Sansiri hatte das Haus gegenüber erreicht und schaute vorsichtig um die Ecke, sah dort im Dunst den Schatten winken, glaubte ein Lächeln aufblitzen zu sehen, obwohl es doch gar kein Mondlicht gab, und erst recht keine Straßenlaterne, nicht hier.

Ich bin dumm, dachte sie selig lächelnd und folgte dem Fremden, der immer gleich weit entfernt blieb, egal wie sehr sie ihren Schritt beschleunigte. Sie achtete nicht darauf, dass sie durch den Schlamm stapfte. Ihre leichten Schuhe waren bald von Nässe vollgesogen, und der Saum ihres Kleides schleifte durch den Matsch.

»Hier.«

Der Laut floss goldensämig aus der Dunkelheit wie Herbsthonig aus dem Topf. Sansiri konnte fast nichts mehr erkennen, der Fremde verschmolz beinahe mit der Holzwand des Gebäudes hinter ihm.

Sie blieb stehen, sah teilnahmslos zu, wie zwei Hände auf sie zukamen, ihre Taille umfassten und sie tiefer in die Schatten zogen. Kühle Lippen pressten sich auf ihren Mund. Als ob es nicht schon dunkel genug wäre, hatte sie das Gefühl, dass sich während des Kusses ein hauchfeines Gespinst über sie legte, und sie sah wie durch das schwarze Netz eines Schleiers. Sie schloss die Lider und ließ sich hingebungsvoll küssen.

Zem war außer sich vor Wut, als Sansiri endlich in den Gastraum zurückkehrte, doch er besann sich auf sein Ansehen als Wirt und bezähmte sich mühsam. Etliche Männer lagen betrunken unter den Tischen, ohnmächtig oder grölend, die anderen lärmten durcheinander, versuchten sich gegenseitig in misstönendem Gesang zu übertreffen oder stritten sich lallend. Immer wieder brachen Kämpfe aus um die wenigen Frauen, die noch da waren und kaum weniger betrunken, doch diese wurden von den Schankwachen schnell beigelegt. Kuddl und Fuddl, wie sie genannt wurden, waren unbestechlich. Sie tranken keinen Tropfen Alkohol und ahndeten streng jedes Fehlverhalten.

Sansiri schritt zwischen den schwitzenden, sabbernden und lallenden Menschen hindurch, die durch den Raum torkelten oder sich schwankend am Tisch festhielten. Immer wieder hielten Finger sie am Rockzipfel fest, wollten Hände nach ihr greifen, doch sie bahnte sich ungerührt ihren Weg. Ihr Blick blieb starr geradeaus gerichtet, ihre Miene war völlig glatt und leer. Es sah so aus, als würde sie einen dünnen schwarzen Schleier über dem Gesicht tragen und ein Netz über dem Haar. Als sie die Hand hob, war auch diese von einem hauchfeinen Gespinst bedeckt.

Zem beugte sich über seine Frau und zischte ihr ins Ohr: »Wo warst du wieder, Schlampe? Und was soll diese Ausstaffierung, hältst du dich etwa für eine feine Frau, dass du einen Schleier tragen musst?«

»Die Netze schützen, lehren, leiten mich«, murmelte sie. »Ich bin nicht mehr allein.«

Zem packte Sansiri am Arm und quetschte ihn so fest zusammen, dass man die Male noch tagelang sehen würde.

Sie zuckte nicht zusammen, noch verzog sie das Gesicht. Still verharrte sie. Schien ihren Mann gar nicht zu bemerken, ihre Miene blieb völlig gleichgültig. Das beunruhigte ihn und entfachte seinen Zorn nur noch mehr.

»Heda, Wirt!«, rief jemand ungeduldig und schlug mit dem Steinkrug krachend auf die hölzerne Tischplatte. »Wird’s bald mit meinem Bier, oder willst du, dass ich hier alles kurz und klein schlage?«

»Es ist gezapft und wird sofort gebracht!«, gab der Wirt ungehalten zurück.

»Aber nicht von dir, du hässliche Sumpfkröte, sondern von deiner Frau, sonst kriegst du keine Zeche!«

Brüllendes Gelächter folgte.

»Hast du gehört?«, knurrte Zem. »Du wirst jetzt deiner Pflicht nachkommen, wie es sich für eine anständige Wirtin gehört.«

»Ja«, sagte sie tonlos.

»Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!«, herrschte er sie an, nahm ihr Gesicht zwischen seine derben, schwieligen Hände und drehte es grob zu sich. Dann stutzte er. »Was ist mit deinen Augen?«

Als ob sich auch über ihre Augen ein Netz gelegt hätte.

»Nichts«, antwortete sie. Dann veränderte sich mit einem Mal ihr Blick. »Komm mit nach hinten«, fuhr sie fort.

»Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt, du blödes Weib?«, polterte er los, doch sie berührte nur leicht seinen Arm, und er ging zu seinem eigenen Erstaunen auf der Stelle mit ihr hinter den Tresen, hinaus zur Vorratskammer.

»Ich werde dich –«, setzte er an, doch weiter kam er nicht. Etwas von ihren Händen, die ihn festhielten, sprang auf ihn über, und ihm war, als wäre er in ein Zimmer voller Spinnweben gelaufen. Ein unangenehmes klebrig-kaltes Gefühl, und er versuchte, den Schleier vor seinen Augen wegzuwischen, versuchte hektisch, die Netze wegzureiben, versuchte … 

Verblüfft merkte Zem, dass er sich hinabbeugte, den Lippen seiner Frau entgegen, was ihn mit äußerstem Widerwillen erfüllte. In Gedanken stellte er sich vor, was er stattdessen lieber täte: Die Hand zur Faust zu ballen und sie mit Wucht in diesen Mund zu schlagen, sodass die vollen Lippen aufsprangen und Blut hervorquoll, das Splitter von Zähnen herausspülte …

Doch Zem tat, wie Sansiri es verlangte. Voller Ekel schloss er die Augen und zuckte zusammen, als er ihren Mund berührte. Diese Lippen waren kalt, eisig kalt …

Als Sansiri in die Gaststube zurückkam, herrschte dort Chaos. Der Gast, der immer noch auf sein Bier warten musste, randalierte wütend, und ein anderer schrie lallend, als er sie bemerkte: »Dada kommse ja, die t-tugendsame Schlampe! Die sich zu fein is, die Gäste selber zu bedien’n!«

Kuddl und Fuddl steuerten auf den Angetrunkenen zu, doch Sansiri gebot ihnen mit einer Geste Einhalt. Verwundert sahen die Schankwächter sie an, doch sie schüttelte nachdrücklich den Kopf. Dann packte sie mehrere Krüge, in denen das zuvor gezapfte Bier bereits schal geworden war, und trat in den Gastraum hinein.

»Wer hat ein Bier mit Kuss bestellt?«, fragte sie so laut, dass schlagartig verblüffte Stille eintrat.

»Ich!«, stieß der erste Trunkenbold schon nach zwei Herzschlägen sabbernd hervor und wurde umgehend von den anderen übertönt. »Nein, ich!« – »Nein, ich!«

Kuddl und Fuddl hielten die Gäste auf, die sich gegenseitig schubsend und drängelnd auf die Wirtin stürzen wollten.

»He, einer nach dem anderen!«, rief Kuddl.

»Ordentlich anstellen, los!«, verlangte Fuddl.

Ein Säufer kroch unter dem Tisch hervor und lallte etwas wie »iwillau«, konnte sich aber nicht aufrichten, während die anderen allmählich zur Ordnung fanden und sich aufgeregt flüsternd in einer Reihe aufstellten.

Plötzlich trat ein unheimlicher Ausdruck in Sansiris bisher so glatte, starre, wie von Spinnweben überzogene Miene, und ihr verschleierter Blick schweifte über die gierig hechelnden Männer.

Sie lächelte.

»Gut«, sagte sie. »Ihr kommt alle an die Reihe, einer nach dem anderen. Seid unbesorgt.«

3.

Güte und Ahnung

Der Krahim war so entkräftet und schmerzgepeinigt, dass er sich nicht selbst auf den Rücken des Jungen ziehen konnte. Efrynn bückte sich so tief wie möglich, und Aldavinur schloss sein furchterregendes Gebiss um den Nacken des Mannes, der daraufhin voller Schrecken ohnmächtig wurde.

»Der ist wirklich kein Krahim«, stellte Efrynn naserümpfend fest. »Die sollen doch viel furchtloser sein, den Tod verachtend.«

»Ng. Katschen und Vögel, Junge, dasch ischt Inschtinkt, dagegen kommt keiner an«, nuschelte Aldavinur mit vollem Maul. Behutsam hob er den Bewusstlosen, der völlig schlaff in seinem Fang hing, auf den Rücken seines Schützlings.

Das gebrochene Bein schlug dabei gegen die Flanke des jungen Fyrgar, was den Verwundeten mit einem Aufschrei wieder zu sich brachte.

»Gut«, sagte Aldavinur, der ihn mit einer Samtpfote stützte. »Nun bleib ganz ruhig liegen und halte dich an Efrynns Halskragen fest. Er wird dich zu meiner Höhle tragen. Dein Bein wird dabei leider frei schwingen, aber du musst bei Bewusstsein bleiben, sonst stürzt du.«

»Ich glaube, ich will lieber sterben«, flüsterte der Gepeinigte. Er presste die Augen zusammen und bewegte leicht den Kopf. »Ist das dein Speichel, der mir da den Nacken runterrinnt?«

»Da es nicht regnet, wird es wohl so sein.«

»Er brennt wie Feuer. Hast du mich etwa angeknabbert?«

»Deine Art mag ich nicht verspeisen, Krahim.«

»Ich habe einen Namen. Gondwin. Bitte vergiss ihn nicht, damit ich nicht namenlos sterbe.«

»Du wirst nicht sterben, Gondwin.« Aldavinur war keineswegs so überzeugt, wie er klang. Der Mann war unterkühlt, seine Haut hatte eine ungesunde graublaue Färbung, und er war sehr schwach. Aber Krahim waren zäh, und Menschen hielten auch eine Menge aus.

»Ich bin Efrynn«, stellte der Junge sich vor. »Und das ist mein Lehrmeister Aldavinur. Er ist hochgeachtet, also lass es nicht am nötigen Respekt ihm gegenüber mangeln!«

»Ich bitte um Vergebung«, sagte Gondwin demütig. »Das ist alles nicht leicht für mich.«

Er befand sich Auge in Auge mit Aldavinur, der neben Efrynn stand, und blinzelte schüchtern. »Wir müssen los«, mahnte der Lehrmeister und hob den Kopf zum Himmel. »Dort oben braut sich etwas zusammen, der nächste Regen ist nicht weit.« Als er wieder zu Gondwin sah, stellte er fest, dass der Mann erneut ohnmächtig geworden war. Besser für ihn, denn der Rückweg würde nicht leicht.

Sie kletterten wieder nach oben, überquerten das Geröllfeld und machten sich zum Sprung auf die andere Seite bereit. Unterwegs hatte Aldavinur einige Steine umgedreht und Kupferwürmer eingesammelt, deren schimmernde Körper er hochhielt, als sie die Klingfelsen erreichten und Netzfallen über den Weg gespannt sahen. Er ging voraus, zerriss die Netze mit scharfen Krallen und setzte dann die Kupferwürmer bei einigen Löchern ab, aus denen Finsternis herausquoll. Zufrieden hörte er empörtes, auch panisches Zischen und Schnarren.

»Das wird ihnen eine Lehre sein«, murmelte er vor sich hin und drehte den Kopf nach hinten. »Nun pass auf, Junge, folge genau meinen Tritten.«

»Ich werde keinen Fehler machen, Meister, und dir keine Schande bereiten«, versicherte Efrynn. »Ich bin schließlich ein guter Schüler.«

Der Rückweg dauerte viele Stunden, und der Nachmittag ging bereits dem Ende zu, als sie schließlich bei Aldavinurs Winterhöhle ankamen. Außer einem weichen Lager aus Fellen und Federdecken befand sich nichts darin. Die Federn schimmerten rot und gelb – Geschenke von Beserdem, und die Felle waren von Sarundi und Resimbar, Efrynns Eltern, und anderen Fyrgar, die Aldavinur ihre Ehre erweisen wollten. Aldavinur, sonst jeglicher Verehrung abgeneigt, hatte in dem Fall nichts dagegen; auch ein mit dichtem, weichem Fell bedeckter Katzenkörper wollte wohl gebettet sein.

»Du hältst Wache bei ihm, während ich mit dem Rat spreche«, befahl er Efrynn. »Ich bin bald mit einem Heiler zurück.«

»Jawohl, Meister.« Efrynn sah müde aus, das Abenteuer hatte ihn sehr angestrengt. »Das war ein außergewöhnlicher Tag, Meister. Ich habe so viel gelernt wie sonst in einer Woche.«

»Ungewöhnliche Ereignisse erfordern erhöhte Aufmerksamkeit«, sagte Aldavinur und kratzte sich hinter dem Ohr; seine Zunge fuhr kurz über das vom Regen klebende Fell, und er schüttelte sich. Später würde eine gründliche Reinigungsprozedur notwendig sein. »Manchmal werden auch wir aus unserer beschaulichen Ruhe gerissen, und du musst darauf vorbereitet sein.«

»Vor allem ich, willst du sagen?«

»Ja.«

Efrynn verzog das Gesicht und sah seinen Lehrmeister ernst an. »Empfindest du mich als etwas so Besonderes?«

Aldavinur nickte. »Du bist außergewöhnlich, Efrynn. Denn du bist mit Wissen geboren worden. Niemand von uns weiß, was dir zuteil wird, wenn du die Zweite Stufe beschreitest. Vielleicht trittst du in eine ganz neue Daseinsform ein.«

»Eine, die das Volk der Fyrgar schon lange erstrebt? Mit … der Fünften Stufe?«

»Es gibt keine Fünfte Stufe.«

»Aber ist sie nicht das Ideal? Das höchste Ziel?« Efrynns schillernde Augen waren groß und tief wie ein Bergsee, in dem ein Regenbogen versank.

»Das ist wohl wahr«, gab Aldavinur zu. »Aber vielleicht gipfelt alles in dir, Junge. Dann stehst du, und nur du allein auf der Fünften Stufe, die keiner sonst von uns erreichen kann.«

»Und was wird dann geschehen?«, flüsterte Efrynn. »Werde ich zu einem Gott?«

»Wenn es Vollkommenheit bedeutet – mindestens.«

»Götter sind nicht vollkommen?«

»Nein. Vollkommenheit richtet sich nicht nach Macht. Sie … ist etwas ganz anderes.« Er näherte sein Gesicht dem des jungen Fyrgar, und seine feinen Tasthaare berührten die Schuppen, strichen wie ein lauer Frühlingswind darüber. »Das herauszufinden, wird dein Weg sein.« Er wich zurück und richtete sich auf. »Ich werde dich begleiten, so weit es möglich ist, und dich beschützen, damit niemand dich davon abbringen kann.«

Tiefer Ernst lag auf dem jungen Gesicht. »Du bist besorgt, nicht wahr? Schon seit einiger Zeit, das blieb mir nicht verborgen.«

»Die Zusammenhänge erschließen sich mir noch nicht, Efrynn. Aber irgendetwas geht vor sich, das ist unabweisbar.« Aldavinurs Miene verdüsterte sich. »Eine große Veränderung.«

Aldavinur hoffte, dass der Regen sich zurückhalten würde, bis er wieder bei der Höhle angekommen war. Ein Guss am Tag reichte ihm völlig aus, und er schüttelte unwillkürlich eine Pranke, als wäre er in eine Pfütze getreten. Der späte Nachmittag umhüllte ihn mit trübem Licht und kühlem Wind, der träge über sein seidiges Fell glitt.

Der Weg führte von der Höhle aus nordostwärts, über weite Hänge hinauf und durch einen Passdurchgang zu den Lieblichen Höhen. Aldavinur lief im gestreckten Galopp, seine Ohren bewegten sich lebhaft, doch seine Augen blieben nach vorn gerichtet. Er hatte jetzt kein Ohr für die Schönlippenhirsche, deren trillernde Rufe verlockend von den Westhängen her erklangen, und kein Auge für die Blauseidenziegen, die am linken Berghang munter auf und ab sprangen und krachend die großen gebogenen Hörner zusammenstießen. Kein Zweifel, dass sie ihn alle bemerkten, auch die kreisenden Greifvögel dort oben, die nur in Gruppen jagenden Stachelfalken, deren grünweißes Gefieder vor dem grauen Himmel leuchtete. Sie pfiffen laut eine abwehrende Melodie, ihnen nicht die Beute wegzuschnappen.

Nichts gab es in diesem Teil der Berge, keine Tiere, ja nicht einmal Pflanzen, die den blauschwarzen Glanz des geschmeidigen Katzenkörpers nicht kannten und die nicht erzitterten, sobald sein donnernder Jagdruf erscholl.

Wohin er auch ging, sie beobachteten ihn. Selbst jetzt, da sie von der Brunft erhitzt waren, schweiften ihre Blicke immer wieder zu ihm, während er den Blàdr hinauflief, den bläulich kühlen Hang, der niemals ein Geräusch von sich gab, so verschlossen war er. Und auch jetzt glitten Aldavinurs Samtpfoten geräuschlos über das eisige Gestein hinweg.

Nordwärts, über den Hang einer schmalen Bergkette hinausragend, lag der Adfall, der zu ewigem Eis erstarrte riesige Wasserfall, der direkt aus dem Wolkenhimmelreich Adlangur herabgesandt zu sein schien, der letzten Barriere zwischen dem höchsten Gipfel der Welt, dem Wolkenreiter, und der Weltensphäre kurz vor den Außenlanden, in der die Götter und Dämoninnen wohnten.