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"Durch eine kleine Gartentür und über eine hölzerne Veranda gingen wir zur Haustür, die zu meinem Erstaunen gar nicht verschlossen war. Caroline erklärte mir, man bräuchte die Türen in dieser Gegend nicht abzuschließen, es würde im Gegensatz zu anderen Regionen nicht geklaut werden. Ich wohnte also in einer halbwegs sicheren Gegend..." Genauer gesagt wohnte Malte Böckl als Austauschschüler in Hartburg, einem kleinem Dorf inmitten von Texas, USA – Für ein Jahr. Mit Witz und Humor nimmt der Jungautor den Leser mit zum Kochunterricht in die High-School, gewährt Einblicke in die Gewohnheiten einer texanischen Familie und reist mit uns in die Metropolen Washington D.C. und New York City. Dieses Buch ist ein Muss für jeden, der ähnliche Wege gehen will oder einmal gegangen ist.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Malte Böckl
Die Cowboys warten schon
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Reise nach Texas
Die theoretische Fahrprüfung
Ein früher Abschied
Building-Trades und eine weitere Fahrprüfung
Weihnachtsstimmung
Weihnachtsvorbereitungen
Frohe Weihnachten
Eine fröhliche Silvesterparty
Fourwheeler-Riding
Ein neuer Stundenplan
Der Unfall
Die Reise an die Ostküste
Eine Party und zwei Cops
Das Attentat
Auf zur Army?
Eine letzte Fahrschulprüfung
Graduation
Endzeitstimmung
Schwarzes Gras
Abschiedsessen
Der Abschied
Impressum neobooks
Der Wecker klingelte bereits zum fünften Mal. Ich wollte überhaupt nicht aufstehen, aber ich musste, denn dieser Tag war ein ganz besonderer für mich. An einem Septembermorgen sollte ich gegen 10 Uhr von Frankfurt über New York City und Dallas nach Beaumont/Texas fliegen. Ich nahm an einem »exchange student program« teil, welches ermöglichen sollte, ein Jahr in einem kleinen Dorf in Texas namens Deweyville bei einer Familie zu leben und die dortige High-School zu besuchen. Da mir die Gastfamilie erst sehr spät zugewiesen wurde, blieb mir nur wenig Zeit, mich mit dieser in Verbindung zu setzen. Die Telefonate, die ich mit meiner zukünftigen Gastmutter und den zwei jüngeren Gastgeschwistern geführt hatte, gaben mir das Gefühl, zu einer netten Familie zu kommen.
Nachdem ich aufgestanden war, mit meinen Eltern und Geschwistern gefrühstückt und noch einige Sachen in meinen Koffer gepackt hatte, ging ich noch einmal durch unser Haus und schaute ein letztes Mal in mein Zimmer. Es war ein komisches Gefühl, welches mich wie angewurzelt in meinem Zimmer stehen ließ und mich nachdenklich machte. >Würde ich jemals zurückkommen?< Filme über Flugzeugabstürze, die ich gesehen hatte, ließen mich daran zweifeln. Schnell schob ich diesen schrecklichen Gedanken von mir und stellte mich der Realität. >Es wird schon nichts passieren<, dachte ich mir. Ich hatte mich für dieses Austauschprogramm entschieden; es gab keinen Weg zurück.
Ich verabschiedete mich von meiner Mutter und unserem Hund und ging mit meinem Vater und meinen Geschwistern zum Auto, um zum Flughafen zu fahren.
Zwei Stunden später waren wir am Frankfurter Flughafen angekommen. In der Abfertigungshalle liefen wir zum »Check-in«, ich gab meinen Koffer ab und erhielt meine Platzkarte. Anschließend verabschiedete ich mich von meinem Vater und meinen Geschwistern und ging zu einem der Austausch-Koordinatoren, der auf einem Blatt meinen Namen abhakte und mir mitteilte, dass ich zusammen mit einem Michael aus Werningerode nach Beaumont fliegen werde. Michael würde auf dem Flug nach New York City neben mir sitzen. Ich setzte mich zu den anderen Austauschschülern und blätterte meine Reiseunterlagen durch. Was
mir der Ausstausch-Koordinator gerade gesagt hatte, stand darin noch einmal schwarz auf weiß. Unter anderem las ich, dass Michael und ich zunächst in Dallas in einem Hotel übernachten müssten, bevor wir nach Beaumont fliegen konnten. Viel Zeit, mich darüber aufzuregen hatte ich nicht, denn es dauerte nicht lange bis der Flug aufgerufen wurde und das »Boarding« begann. Nach wenigen Minuten konnte ich im Flugzeug Platz nehmen, und wenig später setzte sich Michael neben mich. Wir unterhielten uns über unsere Gastfamilien. Es stellte sich heraus, dass auch Michael sich nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, eine Nacht in Dallas übernachten zu müssen. Doch ändern konnten wir es nicht.
Die Maschine löste sich vom Gate und rollte langsam zur Startbahn. Die Stewardessen machten uns mit den Sicherheitshinweisen vertraut, und kurz darauf heulten schon die Triebwerke auf. Wir hoben ab, ließen den Frankfurter Flughafen und das restliche Umland hinter uns und tauchten in die Wolken ein.
Nach sechs Stunden Flug waren wir kurz vor der Landung in New York City. Der Pilot fuhr die Landeklappen aus, ich schaute hinaus, um einen Blick auf die berühmte Skyline zu werfen. Doch unter uns befand sich das offene Meer. Einige Schiffe konnte ich erkennen, mehr nicht. Wir kamen dem Wasser immer näher, aber ich konnte immer noch keine Skyline erkennen. Und dann setzten wir auch schon auf der Landebahn auf. Die New Yorker Wolkenkratzer waren weit und breit nicht zu sehen. Wahrscheinlich hatte ich einen schlechten Sitzplatz erwischt.
Als wir ausstiegen, mussten wir zunächst durch die »Immigration«. Man kontrollierte unsere Ausweise und ein Formular, auf dem wir zum Beispiel angeben mussten, ob wir aus terroristischen Gründen in die USA einreisen wollten. Ich war nervös. Vor meiner Abreise hatte ich von einem Freund erfahren, dass es schon oft Probleme mit Einreisenden gegeben hatte, weil die entweder das falsche Visum vorgewiesen haben oder dummerweise angekreuzt hatten, dass sie aus terroristischen Gründen die USA besuchen wollten. Meine Unterlagen waren in Ordnung, das wusste ich, aber es machte mich nicht ruhiger. Der Beamte, der meinen
Ausweis kontrollierte, sah mir meine Nervosität an und fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Ich nickte ihm zu, und er ließ mich ohne Einwand passieren.
In New York City verteilten sich die Austauschschüler auf die verschiedenen Anschlussflüge. Auf der Weiterreise nach Dallas waren wir nur noch zehn Schüler. Wir verstanden uns recht gut und so machte uns die zwei Stunden lange Wartezeit auf den Anschlussflug nach Dallas nichts aus. Das anschließende Boarding dauerte nicht lange, so konnten wir schnell im Flugzeug Platz nehmen. Ich hoffte, beim Start unseres Flugzeuges endlich die Skyline sehen zu können, doch dieser Blick blieb mir erneut verwehrt. Ich hatte schon wieder einen schlechten Sitzplatz erwischt.
Es war bereits dunkel geworden, als wir in Dallas landeten. Michael und ich holten an der Gepäckausgabe unsere Koffer und suchten uns dann ein Taxi, während die anderen von ihren Gasteltern abgeholt wurden oder in die nächste Maschine umstiegen. Ich war verdammt müde und wollte mich nur noch ins Bett legen. Als wir es endlich geschafft hatten, das Flughafengebäude zu verlassen, sahen wir, etwa einhundert Meter von uns entfernt, ein Taxi. Es war das letzte weit und breit. Wir liefen zu dem Taxifahrer und ich sagte den Spruch, den mir mein Bruder eingebläut hatte. »Excuse me, can you give us a ride?«, was soviel heißt wie: »Entschuldigung, können Sie uns fahren?« Der Taxifahrer war eine finstere Gestalt. Er sah uns an, nahm unsere Koffer und schmiss sie in den Kofferraum. Er war wahrscheinlich sauer, weil wir sein Gespräch mit einem anderen Mann unterbrochen hatten, aber wir wollten ins Hotel und nicht gerade auf dem Flughafen übernachten. Ich war allerdings so müde, dass ich wahrscheinlich auch das getan hätte. Am Hotel angekommen, bezahlte ich ihn und wir bekamen endlich, was wir wollten: eine Klimaanlage und für jeden ein Zimmer mit einem bequemen Bett.
Am nächsten Morgen klingelte um 8 Uhr der Wecker. Michael und ich mussten uns nicht beeilen, denn unser Flugzeug startete erst um 12 Uhr. Nach dem Frühstück gingen wir erst einmal nach draußen, vor den Haupteingang des Hotels. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze wirkten wie ein warmer Waschlappen, der einem ins Gesicht geschlagen wird. Das Hotel lag in der Nähe einer Autobahn. Es war ein flaches Gebäude und nicht wirklich schön.
Nun waren wir zwar schon in Texas, aber noch nicht an unserem endgültigen Ziel.
Pünktlich holte uns der hoteleigene Airport-Bus ab und brachte uns in nur wenigen Minuten zum Flughafen zurück. Wir checkten ein und liefen dann noch einige Meter zu unserem Gate. Ich vermutete, dass wir mit einer größeren Maschine nach Beaumont fliegen würden, und somit war ich verwundert, als an unserem Gate nur kleine Propellermaschinen standen, welche mich Schlimmes befürchten ließen.
Der Flug wurde aufgerufen und wir gingen mit den anderen Passagieren zu unserem Flugzeug, das auf dem Vorfeld stand. Der Einstieg war zwar umständlich, aber sobald man saß, fand sich ausreichend Platz.
Der Pilot startete die Propeller und nun konnte die letzte Etappe unserer Reise beginnen.
Bereits beim Start wackelte die Maschine sehr, was auch nicht aufhörte, als wir unsere Reiseflughöhe erreichten. Sie bewegte sich ruckartig nach allen Seiten. Ein Ende dieser Odyssee war nicht in Sicht, und mir wurde übel. Als nun die Inneneinrichtung des Flugzeuges auch noch anfing zu wackeln, war es dann soweit. Ich hatte so einen Flug noch nie erlebt und erinnerte mich schlagartig an die Filme über Flugzeugabstürze. Mir schien, als hätte mich nun auch so ein Schicksal ereilt. Doch zu meiner Erleichterung meldete sich irgendwann der Kapitän und teilte uns mit, dass wir in wenigen Minuten landen würden. Während dessen landete mein Mageninhalt in einer dafür vorgesehenen Tüte.
Beim Aussteigen aus der Maschine überreichte ich der Stewardeß die Tüte mit dem besagten Inhalt, worauf sie mich entsetzt anschaute und meinte, ich könnte meine Jacke nun ausziehen, es wäre nicht so kalt draußen. Wie in Dallas herrschte auch in Beaumont eine unerträgliche Hitze mit einer hohen Luftfeuchtigkeit. Da ich von dem Flug sehr mitgenommen war, und mein Magen sich noch nicht erholt hatte, ließ ich die Jacke einfach an. Es war mir in dem Moment egal, ob ich einen Hitzschlag bekommen würde oder nicht. Ich
war nun gespannt darauf, wo meine Familie war und wie sie aussehen würde, denn ich hatte ja lediglich mit ihnen telefoniert. Michael hatte schon mehrere Monate vor seinem Abflug mit seiner Gastfamilie Kontakt aufgenommen. Sie hatten sich geschrieben und Fotos untereinander ausgetauscht.
Als wir das kleine Flughafengebäude betraten, standen zwei Familien vor uns, von denen jede ein Begrüßungsschild mit dem Namen ihres Gastschülers in den Händen hielt. Ich schaute zunächst nach rechts, dort stand ein älteres Ehepaar. Es waren Michaels Gasteltern. Links von ihnen stand meine Gastfamilie. Sie waren alle sehr kräftig gebaut. Ich dachte, ich würde träumen, denn ich hatte sie mir viel schlanker vorgestellt. Ich war der festen Überzeugung, dass in wenigen Sekunden der Wecker im Hotel in Dallas klingen würde, und ich zu dem Schluss käme, dass ich schlecht geträumt hätte. Das Problem war nur, dass dieser Wecker nie klingelte.
Caroline, meine Gastmutter, und Laura, meine 15-jährige Gastschwester, nahmen mich herzlich in die Arme. Ihre Freude über meine Ankunft war so groß, dass ich kaum noch Luft bekam. Jeremie, mein Gastbruder, der 12 Jahre alt war, gab mir einen kräftigen Händedruck. Im Hintergrund stand noch ein größerer Mann, der ein Basecap trug. Caroline erklärte mir, dass er ein guter Freund von ihr sei. Er kam auf mich zu, gab mir die Hand und sagte: »My name is Sam.«
Als meine ganze Familie nun um mich herum versammelt war, erzählte ich ihnen, was mir während des Fluges widerfahren war. Sie schienen ziemlich besorgt um mich und meinten, ich könnte mich zu Hause erst einmal ausschlafen.
Nachdem ich meinen Koffer vom Fließband geholt hatte, stieg ich mit Caroline und meinen Gastgeschwistern in Sarns Van ein. Sam fuhr Carolines Wagen, um zu testen, ob das Automatikgetriebe in Ordnung war.
Die Fahrt vom Flughafen Beaumont nach Deweyville führte nur durch Wald, selten fuhren wir mal durch ein Dorf.
Meine Gastfamilie wohnte gar nicht direkt in Deweyville, wie sie mir sagten, sondern in Hartburg, etwa einen Kilometer westlich von Deweyville.
Nach einigen Meilen bogen wir hinter einer Brücke rechts ab und befuhren eine kleine Straße, die zum größten Teil aus Schlaglöchern bestand und parallel zu einer Eisenbahnlinie verlief. Dann ging es erneut rechts ab, und eine halbkreisförmige Einfahrt führte uns direkt zu Carolines Haus. Wir fuhren aber nicht über eine asphaltierte Einfahrt, nein, wir fuhren über glatt gefahrenen Waldboden.
Vor uns lagen zwei Häuser. Das rechte Haus war etwas größer, es sah wie ein Bungalow mit einem kleinen Giebeldach aus. Es war aus Holz gebaut, die Wände waren grün und die Seiten des Daches in weiß gehalten. Es gehörte den Urgroßeltern von Laura und Jeremie. Links daneben stand Carolines Haus. Es sah aus wie ein kleines Hexenhaus. Die Wände waren blau, während die Fensterrahmen und die Seiten des Daches feuerrot gestrichen waren. Das Grundstück des Hauses war durch einen Maschendrahtzaun von der übrigen Gegend abgegrenzt.
Durch eine kleine Gartentür und über eine hölzerne Veranda gingen wir zur Haustür, die zu meinem Erstaunen gar nicht verschlossen war. Caroline erklärte mir, man bräuchte die Türen in dieser Gegend nicht abzuschließen, es würde im Gegensatz zu anderen Regionen nicht geklaut werden. Ich wohnte also in einer halbwegs sicheren Gegend.
Durch die Haustür betraten wir direkt das Wohnzimmer, wo uns sogleich eine Horde kleiner Hunde entgegenrannte. Aber das waren nicht alle Tiere, die in diesem Haus lebten. Meine Gastfamilie besaß neben drei Hunden noch eine Katze, einen Wellensittich und einen Hamster. Ich wohnte also nicht nur in einer sicheren Gegend, sondern auch in einem kleinen Zoo.
Laura begleitete mich zu meinem Zimmer, dass auf der rechten Seite des Wohnzimmers lag. Sie sagte mir, dass es eigentlich ihres sei, sie hätte sich aber entschlossen, es mir zur Verfügung zu stellen und in Carolines Zimmer umzuziehen, welches gegenüber, auf der linken Seite des Wohnzimmers, lag. Ich fand das sehr nett von ihr zumal sie mir auch noch ihre Stereoanlage zur Verfügung stellte. Das Zimmer war nicht so groß, aber es hatte unter anderem ein Bett, welches mich wegen beginnender Müdigkeit besonders anzog.
Ich stellte aber zunächst meine Koffer im Zimmer ab, ging ins Wohnzimmer und setzte mich auf ein Sofa, wo ich mich mit Sam unterhielt, der inzwischen von seiner Testfahrt mit Carolines Auto eingetroffen war.
Caroline kam zu uns und teilte mir mit, dass uns Amanda, mein »Area Representative«, bald besuchen käme. Sie hatte die Aufgabe, sich um die Austauschschüler in der Region zu kümmern. Kaum hatte Caroline diese Worte ausgesprochen, da kam Amanda auch schon herein. Amanda war mit ihren Austauschschülern Florian aus Heidelberg und Jens aus Dresden gekommen, der wiederum seinen Gastbruder Rick mitgebracht hatte. Ich setzte mich in einen Schaukelstuhl, während die anderen auf dem Sofa und anderen Stühlen im Wohnzimmer Platz nahmen.
Durch meine Schaukelei wurde mir noch schlechter als es mir sowieso schon war. Im Grunde wollte ich aufstehen und direkt schlafen gehen, doch aus Höflichkeit blieb ich sitzen. Eigentlich hätte ich auch im Schaukelstuhl einschlafen können, weil ich erstens zum reden zu müde und zweitens die Konversation unter
den anderen doch lebhafter war, als ich es mir vorgestellt hatte.
Nach kurzer Zeit fand ich dann doch den richtigen Augenblick, um mich zu verabschieden und endlich ins Bett zu gehen. Alle Anwesenden hatten Verständnis für meine Müdigkeit und wünschten mir eine gute Nacht, die ich nach dem aufregenden Flug auch gebrauchen konnte.
Als ich am nächsten Morgen wach wurde, war es noch sehr ruhig im Haus. Ich wusste nicht so ganz, was ich tun sollte. Sollte ich aufstehen und mich am Kühlschrank bedienen oder sollte ich in meinem Zimmer abwarten bis sich etwas im Wohnzimmer tat und dann aufstehen? Nach kurzem Überlegen entschloss ich mich aufzustehen und mich ins Wohnzimmern zu setzen. Zu meiner Überraschung saßen dort bereits Laura und Jeremie und sahen leise fern, »Good morning, Malte!« Laura stand auf, zerrte mich in die Küche, die sich hinter dem Wohnzimmer befand, und zeigte mir, was ich mir zum Frühstück machen konnte. Ich nahm mir Cornflakes, goss aus einem großen Plastikkanister Milch darüber und setzte mich zu meinen Gastgeschwistern ins Wohnzimmer.
Caroline hatte das Haus schon am frühen Morgen verlassen. Sie war Hilfskrankenschwester und versorgte ältere Menschen in deren Häusern.
Da wir einen Werktag hatten, erschien es mir merkwürdig, dass Laura und Jeremie nicht in der Schule waren. Hatten sie vielleicht aufgrund meiner Ankunft frei bekommen? Die Frage klärte sich schnell, als sie mir sagten, dass wir einen Feiertag hätten. Wir schauten noch eine Weile gemeinsam fern, dann ging ich in mein Zimmer, zog mich um und packte meine Koffer aus. Gegen Mittag kam Caroline nach Hause und machte etwas zu Essen.
Es gab Sandwiches, frisch aus einem Sandwichmaker. Caroline fragte mich, ob mein Magen wieder in Ordnung wäre. Ich bejahte ihre Frage und nahm mir einen Sandwich.
Nach dem Mittagessen fuhren wir nach Orange, welches etwa zehn Kilometer südlich von Hartburg liegt. Wir bogen von unserem Haus kommend links auf die kleine, mit Schlaglöchern übersähte Straße, die sogenannte »Farmroad«, ab und bogen an deren Ende links auf den Highway nach Orange. Die Straße nach Orange sah aus, als führe sie durch die endlose Ferne des Regenwaldes. Sie war schnurgerade, links und rechts standen hohe Bäume. Das Gefühl, im Regenwald zu sein, verflüchtigte sich aber, als man die ersten Häuser sah und sich der zweispurige Highway zu einem vierspurigen Koloss entwickelte.
In der Stadt angekommen, gingen wir in einen großen Supermarkt, der scheinbar das belebteste Gebäude in ganz Orange war.
Für mich war das Einkaufen einfach paradiesisch. Die Regale mit ihren preiswerten Produkten zogen mich an wie einen Magnet. Hier empfand ich das Leben preiswert, auch wenn Caroline das anders sah.
Nach unserer kleinen Shoppingtour nahmen wir wieder Kurs auf Hartburg. Der Wagen hatte alle Mühe, uns vier, plus Einkauf, dorthin zu bringen.
Zu Hause entluden wir den Wagen und kurze Zeit später kam Jens mit seinem Gastbruder Rick vorbei. Sie kamen mit dem Fahrrad, was für texanische Verhältnisse untypisch ist. Entweder man fährt selber mit dem Auto oder man lässt sich mitnehmen.
Jens verstand es nicht, dass ich mit ihm nicht Deutsch sprechen wollte. Ich meinte zu ihm, dass wir schließlich in Amerika wären, um Englisch zu lernen. Es wäre außerdem unfair meiner Gastfamilie gegenüber, die kein Wort Deutsch verstand.
Es dauerte einige Zeit bis er diese Art der Kommunikation akzeptierte. Er erzählte mir, dass es auf unserer Schule noch zwei andere Austauschschüler gäbe: Nils aus Dänemark und Jenny aus Finnland. Er hätte sich zwar schon mit ihnen unterhalten, aber sie träfen sich nicht so oft, weil ihre Kurswahl zu unterschiedlich war. Er bot mir an, dass er und seine Gastmutter mich morgens zur Schule fahren könnten, ich lehnte aber dankend ab, denn Caroline hatte mir schon vorher gesagt, dass sie diesen Job übernehmen würde.
Jens fuhr wenig später mit Rick nach Hause und ich setzte mich ins Wohnzimmer und sah fern. Caroline servierte uns dort das Abendessen. Das fand ich gut, denn so konnte ich essen, ohne im Fernsehen etwas zu verpassen. Nach dem Abendessen verteilte ich meine Gastgeschenke. T-Shirts für die Gastgeschwister,
einen Bildband über Deutschland für Caroline und für jeden noch mehrere Tafeln Schokolade, die besonders gut ankamen. Nachdem wir uns gemeinsam den Bildband angesehen und Schokolade dazu gegessen hatten, ging ich zu Bett. Ich war sehr müde, da ich mich noch nicht ganz an die Zeitumstellung gewöhnt hatte.
