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Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Ja, dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg und eine interessante Zeit, Herr Cassel«, sagte Dr. Eckart Sternberg zu dem hochgewachsenen schlanken Mann. »Der Blinddarm wird Ihnen ja nun ganz bestimmt nicht mehr zu schaffen machen.« »Wie gut, dass Sie mich noch zur rechten Zeit davon befreit haben«, lachte Christian Cassel. »So bin ich voll tauglich für eventuelle Strapazen. Ich melde mich nach meiner Rückkehr wieder bei Ihnen.« Dr. Laurin kam des Weges und bekam auch noch einen herzlichen Händedruck von Dr. Sternbergs Patienten. »Wohin soll denn die Reise eigentlich gehen?«, fragte Dr. Laurin seinen Freund und Kollegen Dr. Sternberg. »Cassel ist ja mächtig aufgekratzt.« »Ist ja auch eine Auszeichnung, dass er in das Forschungszentrum aufgenommen worden ist. Eine ganz geheime Angelegenheit scheint das zu sein, aber ich gönne ihm den Erfolg. Der Mann kann was.« »Und was macht seine Frau indessen?«
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2018
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»Ja, dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg und eine interessante Zeit, Herr Cassel«, sagte Dr. Eckart Sternberg zu dem hochgewachsenen schlanken Mann. »Der Blinddarm wird Ihnen ja nun ganz bestimmt nicht mehr zu schaffen machen.«
»Wie gut, dass Sie mich noch zur rechten Zeit davon befreit haben«, lachte Christian Cassel. »So bin ich voll tauglich für eventuelle Strapazen. Ich melde mich nach meiner Rückkehr wieder bei Ihnen.«
Dr. Laurin kam des Weges und bekam auch noch einen herzlichen Händedruck von Dr. Sternbergs Patienten.
»Wohin soll denn die Reise eigentlich gehen?«, fragte Dr. Laurin seinen Freund und Kollegen Dr. Sternberg. »Cassel ist ja mächtig aufgekratzt.«
»Ist ja auch eine Auszeichnung, dass er in das Forschungszentrum aufgenommen worden ist. Eine ganz geheime Angelegenheit scheint das zu sein, aber ich gönne ihm den Erfolg. Der Mann kann was.«
»Und was macht seine Frau indessen?«, fragte Dr. Laurin, der als Gynäkologe stets an die Ehefrauen dachte, wenn die Männer auswärtigen Verpflichtungen nachkamen.
»Danach habe ich nicht gefragt. Vielleicht nimmt er sie mit.«
»Wenn es eine Geheimsache ist? Doch kaum. Und welches Land ist das Ziel?«
»Die USA. Genaueres weiß ich auch nicht. Ewig wird er ja nicht wegbleiben. Er hat von drei Monaten gesprochen.«
»Drei Monate Trennung können viel für eine sensible Frau bedeuten«, meinte Dr. Laurin gedankenvoll. Er kannte Susanne Cassel. Sie war schon verschiedentlich bei ihm gewesen, aber ihr Wunsch nach einem Kind war bisher nicht in Erfüllung gegangen, obwohl nach seiner Diagnose alles in Ordnung war.
Die Ehe schien glücklich. Finanzielle Sorgen waren auszuschließen. Susanne liebte ihren Mann ohne Egoismus. Niemals hätte sie ihn an seinem beruflichen Fortkommen gehindert. Aber war ihm seine Karriere nicht noch wichtiger als die Ehe?
»Er weiß, was er will«, stellte Dr. Laurin fest, als Christian Cassel in seinem flotten Wagen davonfuhr.
»Das kann man wohl sagen«, gab Dr. Sternberg ihm lächelnd recht. »Übrigens wird seine Frau ja sozusagen unter ständiger ärztlicher Aufsicht stehen.«
»Was willst du damit sagen?«, fragte Leon überrascht.
»Sie sind doch direkte Nachbarn von Dr. Stella Born. Ich glaube, sie sind sogar befreundet. Jedenfalls hat sie Cassel zweimal besucht nach der Blinddarmoperation.«
»Gut betucht muss diese Stella Born sein, dass sie in jungen Jahren schon so ein Röntgeninstitut einrichten kann«, sagte Dr. Laurin. »Hoffentlich bringt sie auch die Qualifikation dafür mit.«
Er gehörte nicht zu jenen, die jungen Kollegen von vornherein misstrauisch gegenüberstanden. Von Dr. Stella Born hatte man noch nichts gehört, außer dass sie ein supermodernes Röntgeninstitut eröffnet hatte. Das war vor gerade acht Tagen geschehen.
Sie hatte den Kollegen aus dem Umkreis und selbstverständlich auch den Ärzten der Prof.-Kayser-Klinik davon Mitteilung gemacht. Hier in der Klinik hatte man jedoch eine eigene Röntgenabteilung. Also würde man kaum etwas mit Dr. Stella Born zu tun haben.
Dr. Laurin ging wieder an die Arbeit.
Dr. Sternberg konnte sich ein paar Mußestunden mit seiner Frau gönnen, da ausnahmsweise mal keine kritischen Fälle seine Anwesenheit erforderlich machten.
Dagegen hatte Dr. Laurin eine Patientin, die ihm große Sorgen bereitete. Ein sehr tragischer Fall von Brustkrebs, der mit sehr viel Einfühlungsvermögen behandelt werden musste, handelte es sich da doch um eine noch junge Frau, die Mutter von zwei kleinen Kindern war.
Er hatte ihr so taktvoll wie nur möglich gesagt, dass man um eine Operation nicht herumkommen würde. Aber sie war dann doch völlig zusammengebrochen.
Er hatte ein flaues Gefühl im Magen, als er jetzt Renate Michels Krankenzimmer betrat.
Auf die Beruhigungsspritze, die er ihr gegeben hatte, war sie eingeschlafen, doch jetzt lag sie mit offenen Augen im Bett. Fahl und eingefallen war ihr Gesicht. Nichts erinnerte mehr an die hübsche, lebensfrohe Frau, die vor anderthalb Jahren hier in der Prof.-Kayser-Klinik ihr zweites Kind zur Welt gebracht hatte.
Renate Michels, vierunddreißig Jahre, verheiratet mit einem Abteilungsleiter. Die Tochter Sabine war fünf Jahre, dem Sohn Jürgen hatte Dr. Laurin auf die Welt verholfen. Kurz nach dessen Geburt hatten sie ein Eigenheim in einem südlichen Vorort Münchens bezogen. Seither hatte Dr. Laurin sie nicht mehr gesehen, bis sie gestern zu ihm kam.
Nicht so fröhlich, wie er sie in Erinnerung hatte, aber auch nicht gerade deprimiert. Ihr Mann sei einige Tage verreist, hatte sie ihm erzählt, und ihre Mutter wäre jetzt zu Besuch bei ihr und könne die Kinder betreuen. Da wollte sie die Gelegenheit zu einer Vorsorgeuntersuchung nutzen.
Er hatte nicht lange gebraucht, um sie zu durchschauen. Es ging ihr nicht um eine Vorsorgeuntersuchung. Sie war schon vorher bei einem Arzt gewesen, der sie auf die Knoten in der Brust aufmerksam gemacht hatte und ihr zu einer Gewebeuntersuchung riet. Sie hatte darüber mit ihrem Mann gesprochen.
Davon sprach Renate Michels jetzt ausführlicher, und ihre Augen hatten den Ausdruck großer Hoffnungslosigkeit.
»Georg hat mich so entsetzt angesehen, als wäre ich aussätzig«, flüsterte sie. »Ich solle den Teufel nicht an die Wand malen. Ob ich überhaupt wüsste, was das bedeuten könne. Da erst wurden mir die möglichen Folgen bewusst. Bestenfalls ein Überleben durch eine Brustamputation. Und nun weiß ich es genau, Herr Dr. Laurin. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich auch weiß, dass Sie nur dann dazu raten, wenn gar keine andere Möglichkeit mehr bleibt. Was aber bedeutet diese Chance für mich? Mein Mann wendet sich von mir ab. Er hat mir nicht mal einen Abschiedskuss gegeben, als er wegfuhr, so, als sei diese Krankheit ansteckend. Er war ja noch nie ernsthaft krank. Er hasst Krankenhäuser, Operationen, sogar Medikamente. Für ihn spielt die Sexualität eine zu große Rolle, als dass er bei einer kranken Frau bleiben würde, um auch das ganz offen zu sagen. Und wenn ich sterbe, werden meine Kinder sehr bald eine Stiefmutter bekommen.«
»Wer wird denn gleich vom Sterben reden«, sagte Dr. Laurin tröstend. »Ich kann Ihnen eine ganze Anzahl von Fällen anführen, in denen Frauen in der gleichen Situation viele Jahre ein völlig normales Leben führten.«
*
Susanne war dabei, die Koffer ihres Mannes zu packen, als er heimkam. Er ließ keine Abschiedsstimmung aufkommen. Er zeigte eine heitere Miene. Ihr stand nicht die erste Trennung in ihrer dreijährigen Ehe bevor, aber eine so lange hatte es noch nicht gegeben. Dennoch gab sie sich Mühe, ihn nicht merken zu lassen, wie deprimiert sie war.
»Ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe«, sagte sie lächelnd.
»Du vergisst nichts«, gab Christian vergnügt zurück. »Ich werde deine Fürsorge sehr vermissen, aber umso dankbarer werde ich dann sein, wenn ich als gemachter Mann zurückkehre. Es ist wahrhaftig an der Zeit, dass ich meinen Dank dafür beweise, was du alles für mich getan hast, Susanne.«
»Du sollst nicht immer davon sprechen«, widersprach sie. »In einer Ehe soll es kein ›Mein‹ oder ›Dein‹ geben. Und wir führen doch eine gute Ehe.«
»Die beste, die sich ein Mann wünschen kann, Liebstes. Ich kann halt nicht schmusen, aber du weißt doch, wie sehr ich dich liebe.«
Was er sagte, ließ eigentlich nie eine Frage oder gar einen Zweifel offen, aber manchmal war Susanne in Stimmungen, in denen sie doch gern ein bisschen geschmust hätte. Sie war ein sehr romantisches Mädchen gewesen, als sie Christian kennenlernte. Das war sieben Jahre her. Sie war noch zur Schule gegangen und hatte kurz vor dem Abitur gestanden. Mit Mathematik stand sie immer auf Kriegsfuß, und so hatte sie dann Nachhilfestunden bekommen. Von Christian Cassel, dem Studenten im letzten Semester.
Er sah ihrem Vater ein bisschen zu gut aus, aber als ein durchschlagender Erfolg zu verzeichnen war und Susannes Abiturarbeit sehr gut ausfiel, war er von der Zuverlässigkeit des jungen Mannes überzeugt, und als sie von Heirat sprachen, versagte Erwin Danner seine Zustimmung nicht.
Susanne bekam eine beträchtliche Mitgift, ein schönes Haus. Sie brachte alles mit, wofür Christian viele Jahre hätte arbeiten müssen. Sie ließ es ihn nie spüren, dass ihm durch die Heirat die besten gesellschaftlichen und beruflichen Verbindungen geöffnet wurden, dass man so bedeutend schneller auf ihn aufmerksam wurde, als es sonst der Fall gewesen wäre. Aber Christian wusste das sehr gut.
Auch er sprach nicht darüber, weil er Susannes Einstellung kannte. Doch an diesem Tag, so kurz vor dem Abschied, nahm er sie fest in seine Arme und küsste sie lange und innig.
»Denk immer daran, dass ich dich liebe und ohne dich längst noch nicht so weit wäre wie heute, mein Liebes.«
»Letzteres will ich nicht gehört haben, Chris. Ich weiß, was in dir steckt. Ich werde nie eifersüchtig auf deinen Beruf sein. Ein richtiger Mann braucht die Arbeit, die er liebt. Schließlich werden wir älter und wollen auch auf das zurückblicken, was wir geleistet haben. Ich hoffe nur, dass ich dann auch Kinder und Enkel um mich scharen kann.«
Er legte die Hände um ihr Gesicht. »Denk noch nicht so weit, Susanne. Wir sind jung. Eigentlich hat das Leben erst begonnen. Du darfst nicht denken, dass es mir leichtfällt, mich von dir zu trennen. Ich werde viel an dich denken. Wenn du dich einsam fühlst, fahr zu den Eltern oder lade dir all die Freundinnen ein, die du mir zuliebe vernachlässigt hast. Ich weiß ja genau, dass du dies nur mir zuliebe getan hast. Du hast mir niemals einen Vorwurf gemacht, dass ich so egoistisch jede freie Stunde beansprucht habe. Und Stella ist ja auch in der Nähe. Sie wird manches Mal Zuspruch brauchen.«
Dr. Stella Born, die Röntgenärztin, war mit seinem Freund Hartmut Andris verlobt gewesen, der bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen war. Die Hochzeit war schon geplant gewesen, als Christian und Susanne gerade diesen wunderschönen Doppelbungalow bezogen. Stella, die von Haus aus sehr vermögend war, hatte sich sehr schnell für das Nachbarhaus entschieden. Sie wollte es auch nicht aufgeben, als Hartmut ums Leben kam.
Ganz in der Nähe war nun auch ihr Röntgeninstitut errichtet worden. Ein Wagnis nannte Christian dies, aber Susanne meinte, dass Stella wohl alles erreichen würde, was sie sich vornahm.
Sie hatte nicht geahnt, welche schicksalhafte Bedeutung diese Bemerkung noch für sie haben sollte, und erst recht ahnte sie nicht, dass ihre Freundin Renate Michels, die sie auch vernachlässigt hatte, sich jetzt in der Prof.-Kayser-Klinik befand.
Die letzten Stunden, die sie mit ihrem Mann verbringen konnte, sollten ungetrübt und ungestört von jedweden Gedanken sein. Und nie zuvor hatte sie das Gefühl gehabt, wie sehr Christian sie liebte, wie in diesen Stunden.
Doch am nächsten Morgen kam der Abschied. Sie brachte ihn zum Flughafen. Als sie den Wagen aus der Garage geholt hatte, weil Christian sich noch einmal telefonisch von seinen Schwiegereltern verabschiedete, kam Stella aus dem Haus.
»Christian wird mir doch hoffentlich auch auf Wiedersehen sagen!«, rief sie aus.
Er kam aus dem Haus. »Der große Bahnhof kann zum Empfang aufgehoben werden«, sagte er lässig. »Nett wäre es, wenn du ein Auge auf meine Frau haben würdest, Stella.«
»Ich werde aufpassen, dass ihr kein Mann zu nahe kommt«, lächelte Stella.
»Na, das fürchte ich am wenigsten«, erwiderte er. »Schwiegerpapa hat mir außerdem eben versprochen, dass er einen scharfen Wachhund bringen wird. Mach’s gut, Stella.«
Sie fiel ihm um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Pass auf dich auf, Christian«, hauchte sie.
»Ein bisschen überschwänglich«, sagte Christian zu Susanne, als sie davonfuhren.
»Sie denkt sicher daran, was Hartmut passiert ist«, meinte Susanne leise.
»Du denkst an so was hoffentlich nicht.« Er drückte ihr sanft die Hand.
»Es wird manches anders werden, wenn ich zurück bin, Susanne«, versprach Christian. »Ich werde nicht mehr um jede Minute geizen, wenn ich mein Ziel erreicht habe. Wir werden geselliger sein. Vielleicht finden wir auch für Stella einen Partner.«
Auf dem Flughafen ging dann alles ziemlich schnell. Eine Umarmung, ein langer Kuss, ein Winken, dann entschwand Christian den Augen Susannes. Sie blieb noch, bis sich das Flugzeug in die Lüfte hob. Sie schaute ihm nach, bis es in den Wolken verschwand.
Dann fuhr sie nicht gleich nach Hause, sondern zu ihren Eltern, die im Isartal in der schönen alten Villa wohnten, in der sie eine so glückliche Kindheit verbracht hatte.
Annemarie Danner freute sich, als Susanne kam. »Recht so, Kleines, dass du zu uns kommst. Am besten wäre es ja, du würdest die ganze Zeit bei uns bleiben«, sagte sie.
»Ich kann das Haus doch nicht ganz allein lassen, Mutti. Nur heute wollte ich nicht gleich heimfahren. Es wird mir sehr leer vorkommen.«
»Nur keinen Trübsinn aufkommen lassen, Kindchen. Eine Trennung schadet keiner Ehe. Wenn ich daran denke, wie lange wir getrennt waren, bevor wir überhaupt heiraten konnten, du lieber Gott, was sind denn schon drei Monate, Kindchen. Es steht dir nicht zu Gesicht, den Kopf hängen zu lassen. Du bist doch unsere Tochter.«
»Aber als du so alt warst wie ich, war ich schon auf der Welt, Mutti«, sagte Susanne leise.
»Ach, das bedrückt dich. Lieber Himmel, heutzutage setzt man Kinder halt nicht gleich in die Welt. Da kann man doch mehr in die Zukunft planen.«
»Aber ich plane nicht. Ich wünsche mir Kinder«, flüsterte Susanne.
»Du wirst noch genug bekommen«, sagte Annemarie Danner optimistisch.
*
Susanne machte auf dem Heimweg im Ort noch einige Besorgungen, und dabei wollte es der Zufall, dass sie mit Renate Michels Mutter, Frau Petzold, zusammentraf. Sie wurde auf sie aufmerksam, weil das Weinen eines Kindes an ihr Ohr drang. Dann bemerkte sie Frau Petzold, die den Kleinen auf den Arm nahm und tröstete. Und sie sah auch das kleine Mädchen, das verschüchtert auf das blutende Knie des Kleinen blickte.
»Frau Petzold!«, rief Susanne überrascht.
Verwirrt blickte die Ältere sie an. »Frau Cassel«, sagte auch sie dann halb fragend.
»Ja, ich bin es. Sind das Renates Kinder?«
Frau Petzold nickte. »Ich musste sie ja mitnehmen. Ich konnte sie nicht allein zu Hause lassen. Ich will zu Renate in die Klinik.« Ihre Stimme zitterte.
»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Frau Petzold?«, fragte sie. »Was ist denn mit Renate? Entschuldigen Sie bitte meine Verwirrung, aber dieses Treffen kam so überraschend. Ist Renate in der Prof.-Kayser-Klinik?«
»Ja.«
»Bekommt sie wieder ein Baby?« Etwas anderes kam Susanne nicht in den Sinn in Zusammenhang mit der Prof.-Kayser-Klinik. Sie konnte sich noch gut erinnern, dass Renate Michels dort den kleinen Jürgen zur Welt gebracht hatte. Sie und Renate waren damals Nachbarn gewesen, und die beiden jungen Frauen hatten sich schnell angefreundet.
»Nein, sie bekommt kein Baby. Ich weiß noch nicht, was da los ist.«
Susanne spürte, wie besorgt Frau Petzold war.
»Will zu Mami«, jammerte die kleine Sabine. »Mami soll heimkommen. Jürgen ist hingefallen.«
»Dann werde ich erst mal schnell ein Pflaster besorgen«, sagte Susanne. »Ich habe eins in meinem Verbandskasten. Mein Wagen steht gleich da drüben.«
»Ich habe auch einen im Wagen«, wehrte Frau Petzold ab.
»Ich habe Zeit«, erwiderte Susanne. »Ich helfe Ihnen gern. Schau, Sabine, ich habe dich doch schon gekannt, als du noch so klein warst wie dein Brüderchen. Ich kaufe euch jetzt was zum Spielen, und dann kommt ihr mit zu mir. Einverstanden?«
»Hast du Kinder?«, fragte Sabine.
»Nein, ich habe noch keine, aber ich habe Kinder sehr gern. Ein Haus mit einem großen Garten habe ich auch. Da können wir spielen.«
»Und Pudding hast du auch?«, fragte Sabine.
»Ja, den habe ich auch.«
»Aber ich will zu Mami«, flüsterte Sabine.
Frau Petzold seufzte, aber sie sagte nichts. Susanne wollte jetzt keine Fragen stellen. Sie nahm Pflaster aus dem Verbandskasten, und der kleine Jürgen war jetzt ganz friedlich. Bereitwillig ließ er sich auch von Susanne auf den Arm nehmen.
