Die Dimension der Fantasien - Laura Schmitz - E-Book

Die Dimension der Fantasien E-Book

Laura Schmitz

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Beschreibung

Viele Leute geben Alicia den Anschein, ihr Leben sei nutzlos, denn sie wird gemobbt. Doch dies ändert sich mit einem Schulwechsel. Plötzlich macht ihr Leben Sinn, denn Alicia erfährt, dass sie als einziger Mensch in der Lage ist, in eine wundervolle Welt - in die Dimension der Fantasien - zu reisen. In dieser geheimnisvollen Welt laufen alle je geschriebenen Geschichten in Dauerschleife ab. Doch irgendjemand bringt die Geschichten durcheinander und die Welt droht zusammenzubrechen. Aber was noch viel schlimmer ist: Wenn diese Welt nicht mehr existiert, dann ist die auch Fantasie in uns Menschen verloren. Das Abenteuer beginnt, denn wenn die Fantasie verschwindet, dann musst du kämpfen!

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2019

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für meine Freundinnen: Ange, Emma, Jenni und Paula sowie für meine Cousine Fiona

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel: Wie alles begann

Kapitel: Die erste Veränderung

Kapitel: Die zweite Veränderung

Kapitel: Die schreckliche Party

Kapitel: Pias geniale Idee

Kapitel: Der Kampf ist noch lange nicht beendet

Kapitel: Das Happyend

Vorwort

Jede Person ist gleich, wenn wir uns jedenfalls als Betrachter weit entfernt befinden und nur grob von außen auf alle diese Menschen blicken. Dann können wir ganz allgemein behaupten, dass wir Menschen uns alle ähneln. So wie für uns alle Grashalme gleich erscheinen. Doch wenn man näher in die Menschen schaut, dann wird man schnell merken, dass wir doch alle sehr verschieden sind. So gibt es Menschen, die sind hübsch, während andere einfach nur intelligent sind. Aber auch diese intelligenten Menschen unterscheiden sich wiederum untereinander. Doch muss es nicht irgendwie möglich sein, alle verschiedenen Charaktereigenschaften, welche dich ausmachen, irgendwo zu speichern? So wie man Baupläne von Häusern zeichnet? Aber genau so etwas gibt es. Tief in unserem Körper existiert eine unvorstellbar stark verzweigte Höhle, welche genau nach unserem Charakter geformt ist. Jeder Mensch besitzt eine andere. Höhlen mit Tunneln, welche je nach Charakter unterschiedlich tief sind. Es gibt aber nicht nur Tunnel, sondern auch lange, dünne Hervorhebungen. Man muss es sich so vorstellen, wie als würde jemand in den Boden ein Loch graben. Der Hohlraum, der dabei entsteht, verkörpert dabei zum Beispiel die Charaktereigenschaft Schüchternheit, während die aufgeschichtete Erde, die daneben entsteht, eine andere Eigenschaft darstellt. Bei einem anderen Menschen könnte an der Stelle, wo sich dieses Loch befindet, dagegen die aufgeschüttete Erde liegen, wenn dieser Mensch nicht schüchtern, sondern sehr selbstbewusst wäre. Doch natürlich gibt es ja noch deutlich mehr Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen und so ist die Höhle mit viele Gängen und Tunneln ein sehr komplexes Gebilde. Doch was ist eigentlich der Unterschied zur DNA? Sie beinhaltet unsere genetischen Informationen, die bei jedem anders sind. Die DNA hat vielleicht einen Einfluss auf unseren Charakter, jedoch ist auch unser Umfeld sehr entscheidend. Kurz gesagt, dieses Tunnelgewölbe lässt sich verformen. Und das ist gar nicht so schwer, wie man vielleicht annehmen könnte. Es lässt sich sogar sehr leicht verformen. Doch es gibt da noch etwas Wichtiges zu erwähnen. Und zwar auch, wenn dieser Bauplan in uns steckt, ist er für uns nicht sichtbar oder irgendwie messbar. Denn er existiert in einer anderen Dimension.

1.Kapitel: Wie alles begann

„Das alltägliche Schulleben ist so stinklangweilig. Gerade habe ich Pause. Doch danach beginnt das nächste langweilige Fach, in dem ich versuchen muss, nicht einzuschlafen. Was mir vor allem in Geschichte sehr schwer fällt. Zum Glück regnet es, denn sonst müssten wir alle nach draußen raus in die Kälte. Stattdessen sitzen alle Schüler eng beisammen in den Sitzgruppen, die jedoch nicht für alle Schüler ausreichen. Aber ich war vorhin schnell gewesen und bekam einen von den begehrten Sitzplätzen ab. Der Vorteil an der ganzen Sache ist, dass ich so den Gesprächen von all den anderen Schülern zuhören kann. Neben mir sitzen welche aus der Oberstufe, welche sich gerade nur über das Thema Fahrschule unterhalten. Uninteressant. Vor allem weil ich mir über das Thema erst in einem halben Jahr Gedanken machen werde. Also lenke ich meine Aufmerksamkeit lieber auf die nächste Sitzgruppe, in der ein paar andere Jungs aus der Oberstufe sitzen, welche deutlich interessanter sind, denn es sind die Gangster an unserer Schule. Okay, das war jetzt etwas zu krass ausgedrückt. Aber diese Jungs kennt jeder, der in meiner Stadt wohnt. Denn es sind diese Art von Typen, die schon mit zwölf mit Kiffen anfangen und zudem auch schon echt viele Freundinnen hatten. Am schlimmsten von denen ist Kilian. Er hatte schon so viele Freundinnen gehabt. Und das schlimmste an der Sache ist, dass es auch noch viele mit ihm ernst meinten, so dass er bereits echt vielen Mädchen das Herz gebrochen hat. Ich finde an diesen Jungs allerdings bemerkenswert, dass sie immer noch auf der Schule sind. Ich meine, so oft wie die feiern gehen, bleibt doch gar keine Zeit zum Lernen. Und ich bezweifle, dass es für das Gymnasium ausreicht, nicht zu lernen. Außerdem gehen diese Jungs nicht nur ganz normal feiern, sondern haben schon oft Ärger mit der Polizei bekommen. Doch noch verwunderlicher finde ich es, dass sie gerade hier sitzen und nicht draußen sind. Ja, ich weiß, es regnet, aber trotzdem ist das doch kein Grund für solche Kettenraucher, wie die, drinnen zu bleiben. Also muss es irgendeinen Anlass dafür geben. Und ich sehe es als Möglichkeit, meine Langweile durch Belauschen zu bekämpfen. Ich habe keinen Plan, was mit mir falsch gelaufen ist, aber ich glaube, mir wäre ein Amokläufer gerade lieber, als dieser Schulalltag. Ich liebe nämlich Abenteuer und seitdem ich mit 7 Jahren einen Actionfilm geschaut habe (der eigentlich erst ab 12 war), weiß ich, was mein Traumberuf ist. Ich will nämlich einmal Detektivin werden und zwar auch mit richtig krassen Abenteuern, so wie in Filmen. Meine Eltern können meinen Wunsch überhaupt nicht nachvollziehen. Sie verstehen es nicht, dass ich mich für meinen Beruf in Lebensgefahr bringen will. Ich weiß zwar, dass sie sich Sorgen machen, aber ich würde wirklich liebend gerne gefährliche Verbrecher finden. Und diese Verbrecher sollen ruhig so böse und gefährlich wie möglich sein. Die einzige Person, die mich bisher nicht versucht hat, von meinen Traum abzuhalten, ist mein Bruder. Er war es ja auch schließlich gewesen, der mir heimlich den Actionfilm gezeigt hat.

Und dann klingelt es auch schon zur nächsten Stunde und mein langweiliges Leben geht weiter. Kann nicht endlich einmal etwas Aufregendes passieren?“.

Das waren die Gedanken von Pia gewesen. Ja, von einem Mädchen und nicht von einem Jungen. Pia war 16 Jahre alt, ging in die zehnte Klasse und interessierte sich für spannende Abenteuer. Sie sehnte sich nach einer Veränderung in ihrem Leben. Doch bis Pia endlich mit der Ausbildung für eine Geheimagentin begonnen hätte, würden noch Jahre vergehen. Außerdem müsste sie dafür erst noch ihre Eltern überreden. Aber vielleicht war diese erhoffte Veränderung doch nicht viele Jahre entfernt, sondern es würde bald geschehen. Und zwar genauer gesagt, an diesem Tag. Aber noch nicht gleich, nicht in diesem Moment. Es wird wohl noch ein paar Seiten dauern bis du erfährst, was sich in Pias Leben so plötzlich verändert hat. Bis dahin musst du wohl oder übel noch etwas mehr über die Vorgeschichte mitbekommen. Also folgen wir Pia zur nächsten Unterrichtsstunde, welche für diese Geschichte wichtig ist, denn hier treffen wir auf zwei weitere Personen, die eine entscheidende Rolle spielen werden.

Pia saß schon gelangweilt an ihrem Platz, als 5 Minuten des Englischunterrichts vorbei waren. Doch dann ging zum Glück die Tür auf und ihre Schulleiterin kam herein. Sie war erst Ende 30 und zudem groß, schlank und hübsch. Und Pia fragte sich wieder einmal, wie es nur möglich sein konnte, dass sie immer noch keinen Freund hatte. Diese geheimen Informationen über die Schulleiterin kannte natürlich nur sie allein und es war schwer gewesen, an solche Informationen zu gelangen. Aber Pia meinte es schließlich ernst mit ihrem Traumberuf und wäre als Detektivin wirklich gut aufgehoben.

Aber die Schulleiterin kam nicht alleine. Hinter ihr folgte der Grund für ihr Erscheinen: ein schüchternes Mädchen. Das konnte man sofort an ihrer Haltung erkennen. Doch wieso sollte ausgerechnet jetzt eine neue Schülerin kommen? Das Schuljahr hatte schon seit ein paar Monaten angefangen und sie erschien mitten in der Woche, mitten in der Unterrichtszeit. Doch hören wir einfach der Schulleiterin zu: „Bitte seid nett zu eurer neuen Mitschülerin. Ihr Schulwechsel kam sehr plötzlich, aber nicht ohne Grund. Ihr Name ist Alicia. Bisher hatte sie eher schlechte Erfahrungen mit ihren Mitschülern, denn sie wurde von ihnen gemobbt. Aber mit diesem Schulwechsel wird sich dies hoffentlich ändern.“

Dieses Mädchen besaß also eine schlimme Vergangenheit und sie wollte sich einfach nur wieder wohl in ihrem Leben fühlen. Auch sie hoffte auf eine Veränderung. Alicia hatte nicht nur die Schule gewechselt, sondern auch die Stadt. Noch vor einer Woche hätte sie mit dieser Entscheidung nicht gerechnet. Es kam alles sehr plötzlich. Schon immer war sie nicht beliebt und wurde gemobbt. Sie hörte viele böse Kommentare über ihre Kleidung, über ihr Aussehen und über alles mögliche. Doch Alicia hatte noch nie den Mut gehabt, etwas zu erwidern. Stattdessen nahm sie die Kommentare auch noch ernst und weinte Stunden, wenn sie nach der Schule nach Hause kam. Ja, manchmal sogar den ganzen Tag. Ihre Eltern waren natürlich sehr besorgt um sie. Und dachten auch schon an den nächsten Schulwechsel, doch dafür müssten sie in eine andere Umgebung ziehen, denn alle Schulen aus Alicia's Heimatstadt waren schon einmal von ihr besucht worden. Mittlerweile war sie in ihrer ganzen alten Heimatstadt bekannt gewesen und nur ein völliger Neustart würde etwas für sie bringen. Doch ihre Eltern zwang der Beruf in der Stadt zu bleiben. Jedenfalls bis vor zwei Tagen. Dann fanden beide endlich zwei Plätze in derselben Firma in dieser neuen Stadt. Das war auch höchste Zeit gewesen, denn vor drei Tagen hatte Alicia einen Nervenzusammenbruch. Auch wenn sie viel weinte, reichte es nicht aus, um ihre Wunden zu heilen. Und sie besaß viele tiefe Wunden. So fing sie mitten in der Pause nach einer Beleidigung, welche für sie eigentlich schon ganz normaler Alltag war, mit Weinen an. Aber es waren einfach zu viele Tränen. Sie konnte sich selber nicht mehr unter Kontrolle halten. Eigentlich war sie abgehärtet und konnte ihre Gefühle verdrängen. Doch an diesem Tag gelang es ihr überhaupt nicht. Sie hatte ihren Körper einfach nicht mehr unter Kontrolle. Und weil sie unter diesen Umständen keinen Unterricht weiter mitmachen konnte, blieb sie die nächsten Tage zu Hause. Bis sie die Schule wechselte. Ihre Mutter machte sich viele Sorgen. Was wäre, wenn Alicia irgendwann sich selber umbringen würde? Doch davor brauchte ihre Mutter eigentlich keine Angst zu haben. Denn egal was passieren würde, sie würde niemals aufgeben. Alicia war besonders und auch wenn sie schüchtern war und viele über sie lästerten, wusste sie, dass sie selber nicht der Grund war, warum sie über sie schlecht redeten. Sondern sie selber waren der Grund. Nur sie störte Alicias Look (welcher sich eigentlich gar nicht so stark von den anderen unterschied, außer dass sie keine Markenklamotten besaß). Alicia konnte ja selber nichts für ihren Geschmack. Zu dieser Erkenntnis war dieses schüchterne Mädchen wirklich selber gelangt. Doch diese Sachen den gemeinen Leuten ins Gesicht zu sagen, den Mut besaß sie dann auch wieder nicht. Aber diese Gedanken machten Alicia stark. Es hatte zwar viele Jahre gedauert, bis sie begriffen hatte, dass es nicht ihre Schuld war. Sie war mit ihren Eigenschaften so geboren, wie sie nun einmal war. Und niemand sollte daran etwas ändern. Sie hatte nur Pech gehabt, dass sie unter solche Leute geraten war. Um zu dieser Meinung zu kommen, brauchte Alicia auch keinen Psychologen oder die Hilfe von ihrer Familie. Nein! Sie ganz alleine hatte begriffen, worum es im Leben ging. Denn Alicia besaß viel Fantasie. So stellte sie sich seit vier Jahren vor, dass in ihrem Kopf ihre beste Freundin leben würde. Immer wenn irgendjemand sie beleidigte, sagte diese zu Alicia: „Jemanden beleidigen kann jeder. Aber sich selber beleidigen lassen und es nicht ernst nehmen, das kann nicht jeder.“ Dadurch musste Alicia immer schmunzeln. Und diese Freundin half ihr ungemein. Deswegen stand auf ihrem Zeigefinger mit Edding geschrieben: „Es gibt da eine Person, die dich ganz extrem mag.“ Es war gerade groß genug, um es zu lesen. Doch nur, wenn man genau hinschaute. Und das war bei Alicia immer der Fall, wenn sie ihren Stift in die Hand nahm. Eigentlich wollte sie noch schreiben, wer diese Person war, doch dafür reichte dann doch nicht der Zeigefinger aus. Aber sie wusste ja, wer damit gemeint war und zwar war sie es selber.

Alicia setzte sich hinten alleine auf eine Bank. Doch das gefiel der Schulleiterin nicht: „Ich will nicht, dass Alicia schon am Anfang alleine sitzen muss. Würde irgendjemand von euch lieber alleine sitzen wollen?“ Und so kam es dazu, dass sich die Nachbarin von Pia wegsetzte. Sodass sich Alicia neben Pia setzen konnte. Pia hielt nicht so viel von der Neuen. Sie wirkte so schüchtern, was auf Pia eher negativ wirkte. Denn wer schüchtern ist, wird wohl auch nicht so auf Action stehen. Das war jedenfalls Pias Schlussfolgerung.

Du hast dich sicherlich auch schon gefragt, ob Pia Freundinnen hatte. Und ja, sie hatte welche. Doch diese waren keine besten Freundinnen, sondern einfach nur Klassenkameraden, mit denen sich Pia auch manchmal in der Pause unterhielt. Aber das war ihr oft auch schon wieder zu langweilig. Und niemand wollte ihre Geschichten über ihren Traumberuf so wirklich hören. Also war sie auch öfters in der Hofpause alleine unterwegs, so wie heute.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis Pia die Aufschrift auf Alicias Finger bemerkte. So etwas entging ihr nicht. Also nahm sie, mitten als ihre Englischlehrerin etwas erklärte, ihren Finger und las sich durch, was dort stand. Sie verstand allerdings nicht, welche Person damit gemeint war? Wer hat das dort draufgeschrieben? Also fragte Pia sie: „War das dein Freund gewesen?“.

Alicia antwortete nicht. Sie blickte Pia einfach nur traurig an. Es schien so, als könnte sie jeden Moment mit Weinen anfangen. Wegen dieser Reaktion schlussfolgerte Pia, dass es wohl nicht ihr Freund war. Sie hätte es nämlich auch gewundert, wenn sie einen Freund gehabt hätte. Alicia sah irgendwie nicht danach aus. Doch wer war diese Person? Alicia selber traute sich nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Was, wenn sie gleich am Anfang etwas falsch machen würde? Und so schwieg sie den Rest der Stunde, bis Pause war. Endlich. Jedenfalls freute sich Pia darauf. Alicia mochte noch nie die Pausen. Im Unterricht wurde sie wenigstens abgelenkt. Doch in den Pausen war sie immer alleine. So auch in dieser. Jedenfalls am Anfang. Dann kam plötzlich Pia um die Ecke und ging zu Alicia, welche sich nicht auf dem Hof befand, wo sich ihre neue Klasse aufhielt. Hören wir dem Gespräch der beiden zu, welches mit Pia begann:

„Hey, Alicia. Ich habe dich gesucht. Und bitte erzähle mir mehr über dich.“

Pia konnte sich zwar keine Freundschaft mit ihr vorstellen, aber sie interessierte sich trotzdem für Alicia. Sie wollte mehr über sie erfahren und außerdem tat sie ihr doch etwas leid. Also lächelte sie sie aufmunternd an. Alicia stand trotzdem hilflos da und wollte lieber erst einmal nichts sagen. Ihre Mutter hatte ihr zwar versucht einzureden, wie wichtig es war, gleich am ersten Tag neue Freunde zu finden, aber Alicia fiel es dann doch schwerer als gedacht. Die letzten Jahre hatten sie doch sehr stark mitgenommen und so traute sie sich einfach nicht, von ihrer Vergangenheit zu reden. Doch Pia war nicht dumm und erkannte schnell, dass sie erst ihr Vertrauen gewinnen musste. Also schlug sie Alicia vor, eine kleine Besichtigung auf dem Schulhof zu unternehmen. Sie zeigte die Turnhalle (natürlich nur von außen) und die verschiedenen Höfe, auf welchen Schüler unterschiedlicher Jahrgänge standen. Doch eigentlich können wir an dieser Stelle etwas vorspulen, denn in den restlichen Unterrichtsstunden passierte nichts Besonderes. Also kommen wir zu dem Punkt, als Alicia gerade zu Hause ankam und ihre Schulsachen auspackte. Jetzt bemerkte sie nämlich, dass dort nicht nur Schulsachen waren, sondern auch ein Zettel. Was stand nur dort drauf? Alicia ahnte nichts Gutes. Sollte ihr Leben wirklich so gemein sein und schon am ersten Tag Feinde mit sich bringen? Doch bevor sie genauere Vermutungen aufstellen konnte, öffnete sie einfach den Brief und las ihn: „Liebe Alicia! Komm bitte heute 17 Uhr zur Turnhalle. Ja, ich weiß, dass dir die letzten Jahre gelehrt haben, dass du nicht jedem vertrauen solltest. Aber mir musst du einfach vertrauen, denn ich will dir ein Geheimnis verraten. Und zwar ein sehr wichtiges. Wenn du mir vertraust und um 17 Uhr zur Turnhalle kommst, dann kann ich auch dir vertrauen und dir mein Geheimnis verraten. Und eins noch: Niemand darf von diesem Zettel erfahren.“

Alicia war sich sehr unsicher. Was, wenn es eine Falle war? Irgendwelche gemeinen Leute, die ihre Gutgläubigkeit ausnutzen würden? Wenn sie doch wenigstens ihrer Mutter davon erzählen könnte! Aber stattdessen erzählte sie ihr, dass sie um 17 Uhr nochmals in die Schule für ein Treffen mit den Lehrern müsste. Als sie zur Turnhalle lief, fühlte sie sich sehr unwohl. Pia dagegen hatte überhaupt keine Zweifel an diesen Zettel. Ja, auch sie hatte einen bekommen, sodass Pia vor der Turnhalle auf ihre zukünftige Freundin stieß. Als Alicia sie sah, dachte sie schon, dass Pia wahrscheinlich doch nicht nett war und irgendetwas mit ihr vorhatte. Doch da täuschte sie sich sehr. Aber das merkte sie schon, als Pia sie fragte: „Du hast auch diesen Zettel bekommen?“. Sie zeigte ihr ihren. Der genau derselbe war, nur dass die Anrede anders war. Und dann erschien zum Glück auch schon die Person, die für ihr Erscheinen verantwortlich war. Es war die Schulleiterin. Frau Roth. Sie schloss die Turnhalle auf und ließ die beiden hineingehen. Um zu verstehen, was hier vor sich ging, lauschen wir einfach der Schulleiterin. Denn wir sind gerade genauso ahnungslos, wie es Pia und Alicia in diesem Augenblick waren:

„Ja, ich weiß, dass das was jetzt kommen wird, euch den Atem rauben wird. Und ihr werdet es mir nur schwer abnehme, aber ich beginne einfach mal. Es gibt da nämlich eine weit entfernte Welt, in der alle unsere Geschichten und Fantasien gespeichert liegen. Diese Welt trägt den Namen 'Die Dimension der Fantasien'. Diese Welt wächst mit jeder neuen Geschichte. Jedoch zählen nur Geschichten mit einem guten Ende. Ihr müsst es euch also wie ein Märchenland vorstellen. Alle Figuren in den Geschichten erleben dort die Handlungen der Geschichte in Dauerschleifen; wenn eine Geschichte also endet, dann beginnt sie wieder von vorne. Mit jedem Durchlauf einer Geschichte wird sichergestellt, dass unsere Fantasie erhalten bleibt. Wenn jedoch die Geschichten plötzlich zerstört werden und nicht mehr zu einem guten Ende führen, wird unsere Fantasie langsam immer schwächer. Eigentlich ist es gar nicht möglich in die Dimension der Fantasien einzudringen, denn es existiert keine Verbindung in unsere Welt, aber irgendwie muss es dennoch möglich sein, denn seit Beginn der Woche merke ich, wie langsam die Fantasie schwindet. Mir ist es erst neulich aufgefallen, als ich in meiner fünften Klasse das Thema Kurzgeschichten anfing. Am Anfang hatten die Schüler viele Ideen, was sie für eine Geschichte schreiben könnten. Doch eine Woche später waren sie plötzlich nicht mehr so einfallsreich. Irgendetwas oder irgendjemand muss in diese Dimensionen eingedrungen sein und die Geschichten durcheinander gebracht haben. Ich will versuchen rauszubekommen, was passiert ist. Und zwar mit euer Hilfe. Ich weiß selber wie durchgeknallt das alles klingt, aber ihr könnt mir vertrauen. Also die erste Frage an euch: Glaubt ihr mir?“

Jeder normale Mensch hätte Frau Roth für durchgeknallt erklärt und hätte es als völlige Zeitverschwendung angesehen hier in der Turnhalle zu sitzen. Aber wir haben ja vor uns keine normalen Menschen. Es hatte einen Grund, wieso ausgerechnet diese beiden Mädchen ausgewählt wurden.

Pia war die erste, die antwortete: „Also, ich würde ihnen glauben. Aber können sie das irgendwie beweisen, was sie da reden?“

„Kann ich nicht.“

„Aber woher wissen sie dann überhaupt von dem ganzen Zeug, von dem sie uns gerade erzählt haben?“

„Durch meine eigene Fantasie kam ich auf diese Theorie. Ich selber habe keine Beweise dafür. Aber das braucht es auch nicht, denn der Glaube daran reicht alleine aus. So wie es in den ganzen Religionen auch keine Beweise für Gott gibt.“

Ja, Frau Roth wusste selber wie bescheuert es klang. Die beiden Mädchen waren auch die einzigen, die bisher davon gehört hatten. Ihr war bewusst, dass sie mit dieser Geschichte sofort in ein Heim eingeliefert werden würde. Also hatte sie geschwiegen… Aber trotzdem wurde sie in diesem Augenblick von Pia fassungslos angestarrt: „Das heißt, sie haben sich das einfach nur ausgedacht?! Irgendwo gibt es eine Dimension, in der unsere Fantasie existiert und gespeichert ist. Wie ist es nur möglich, dass sie so was glauben, wenn sie überhaupt keine Beweise dafür haben?“

Nachdem sie ihre Frage gestellt hatte, wurde Pia erst bewusst, dass sie gerade ihre Schulleiterin für dumm erklärt hatte. Aber diese verstand Pia nur zu gut. Die einzige, die Frau Roth ohne Zweifel vertraute, war Alicia. Sie war es auch gewesen, die nun auf Pias Frage antwortete. Mit einem Wort: „Fantasie.“

„Ja, da hat sie Recht. Ganz alleine Fantasie macht es möglich.“

Doch Pia hakte weiter nach: „Aber wie wollen sie denn überhaupt verhindern, dass unsere Fantasie weiter verschwindet? Falls so etwas möglich sein könnte.“

Eine Antwort darauf besaß Frau Roth selber nicht, aber dafür wenigstens einen Vorschlag. Es war eine Möglichkeit, welche doch nur gering war, aber einen Versuch war es dennoch wert. Frau Roth bedeutete dies sehr viel. Sie wollte nicht nur rausbekommen, wer plötzlich die Geschichten zerstörte, sondern auch etwas dagegen unternehmen. Denn Fantasie ist das, was den Menschen ausmacht.

„Was ich euch gerade gesagt habe, war vielleicht doch nicht ganz wahr, denn es gibt nämlich doch eine Möglichkeit, wie man in diese Dimensionen gelangt, aber sie ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Es existiert da so ein Schlüssel. Auf der gesamten Welt gibt es nur eine einzige Person, die diesen Schlüssel benutzen kann. Und diese Person ist nur in der Lage, ihn zu benutzen, weil sie niemals versuchen würde, die Geschichten zu zerstören. Ihr müsst nur laut sagen: ‚Ich weiß, dass es dich Schlüssel gibt!‘ Und wenn ihr auch fest daran glaubt, was ihr sagt, dann ist es möglich, diesen Schlüssel zu finden, falls ihr die richtige Person seid.“

An dieser Stelle stoppen wir, um genauer zu erklären, was diese ganze Sache mit dem Schlüssel auf sich hat. Denn selbst Frau Roth wusste nicht mehr, als sie gerade versucht hatte, zu erklären. Ihre Fantasie war bemerkenswert und so wusste sie von dieser kleinen Möglichkeit, wie man in die Dimension der Fantasien gelangen konnte. Aber dennoch unterschied sich ihre Theorie erheblich von der Wirklichkeit, wenn auch das Grundprinzip von ihr richtig erfasst wurde. Also versuche nun zu verstehen, worum es geht. Dieser „Schlüssel“ ist eigentlich ein kleines Wesen. Ein Wesen, welches nur wartet, endlich sein Schloss zu finden. Erinnerst du dich noch an den Anfang? Als es um eine Dimension ging, in welcher unser Charakter abgespeichert ist? Genau um diese Form unseres Charakters geht es. Oder viel mehr, um die Charaktere unserer beiden Mädchen. Denn du musst dir die Höhle unseres Ich’s wie ein Schloss vorstellen, in den nur ein ganz bestimmter Schlüssel reinpasst. Und dieses Wesen hat eine ganze bestimmte Form, welche nur in den Charakter von einer Person passt. Bei einem andern Charakter würde das Wesen ja durch unpassende Charaktereigenschaften in dieser „Höhle“ zerquetscht werden. Die Wahrscheinlichkeit war jedoch ganz gering, dass eine von den beiden diese Person mit diesem Charakter war. Aber Frau Roth hatte bei ihrer Wahl der Mädchen auf ihr Herz gehört und so kam es, dass etwas Unerwartetes bei Alicia passierte, nachdem sie aus fester Überzeugung sagte, dass sie an den Schlüssel glauben würde. Am besten wir folgen ihren Gedanken:

„Wie schön wäre es, in die Dimension der Fantasien zu reisen. Meine neue Schulleiterin ist echt der Hammer. Sie ist mir so sympathisch mit ihren Theorien, die für alle so geisteskrank klingen würden. Ich habe gerade mitbekommen, dass du in die Dimension der Fantasien reisen willst. Wenn du willst können wir das sofort machen. Oh mein Gott! Was geht hier gerade ab?! Wieso habe ich plötzlich eine fremde Stimme in meinem Gehirn? Ich war auf einmal in einem Art Gefäß, in welches ich genau rein passte, und konnte deine Gedanken hören. Aber was bist du genau für ein Geschöpf?! Und wie ist das möglich? Frage bitte nicht wie und warum. Ich weiß es auch nicht genau. Aber ich bin jetzt auf jeden Fall immer bei dir. Keine Sorge, wenn ich dir auf den Keks gehe, und das werde ich mit Sicherheit, dann bin ich einfach still. Ist ja sonst unfair. Du kannst dich ja nicht einfach wegdrehen und mir nicht mehr zuhören. Ab jetzt bin ich immer bei dir in deinem Kopf. Ich glaube, es würde aber lange dauern, bis du mich überhaupt nervst, denn ich finde dich nicht schlimm und mag dich jetzt schon echt gern. Oh, ich merke schon. Es hat einen Grund, dass meine Form genau in deinen Charakter passt. Wir beide sind für einander gemacht. Wir sind sogar füreinander bestimmt. Aber erst einmal, wie heißt du eigentlich?

„Alicia, wieso starrst du uns die ganze Zeit so an? Ist irgendetwas passiert?“.