Die dunklen Wasser von Arcachon - David Tanner - E-Book
Beschreibung

Warum treibt die Leiche des französischen Finanzministers vor dem Cap Ferret im Atlantik? War es ein Unfall oder Mord? Und was haben die Fischer von Arcachon damit zu tun? Der eigenwillige Journalist Antoine Kirchner wird von seinem Chefredakteur beauftragt, der Sache nachzugehen. In Arcachon macht er sich auf die Suche nach den Gründen für den ungewöhnlichen Todesfall und gerät in ein Netz aus Verschwörungen und Intrigen, das die höchsten Politikerkreise umspannt ...

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MOBI

Seitenzahl:218


Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Arcachon und Umgebung

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

Über den Autor

David Tanner, geboren 1965, wuchs als Kind deutsch-französischer Eltern in Bayern und Südfrankreich auf. Als Student schloss er sich verschiedenen Hilfsorganisationen an und bereiste mit ihnen die Welt. Tanner lebt als Kinderarzt mit seiner Familie in Paris.

David Tanner

DIEDUNKLENWASSER VONARCACHON

Kriminalroman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Daniela Jarzynka

Titelillustration: © getty images/Paulo Dias Photography

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau

Landkarte: Reinhard Borner

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-2453-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

I.

Antoine Kirchner schlief und träumte noch unruhig, als das Telefon klingelte, es war erst kurz nach sechs Uhr, auf dem Leuchtfeld des Telefons erschien der Name Pelleton, es musste dringend sein.

Kirchner brauchte einen Moment, die Zumutung der frühen Störung zu überwinden, sein großer, schwerer Körper lag dem Telefon abgewandt zwischen den Zargen seines alten Bettes. Es dauerte, bis ihn die seltsamen Träume, bevölkert von Fischen, endlich losließen. Nach sechsmaligem Läuten wälzte er sich herum und hob fahrig ab.

»Antoine«, hörte er seinen Chef im breiten Singsang seines südfranzösischen Akzents sagen, »ich glaube, es wäre gut, wenn du einen kleinen Ausflug nach Arcachon machst.«

Kirchner setzte sich auf und stellte die nackten Füße auf den Steinboden. Er klemmte sich den Hörer zwischen Kiefer und Schulter wie ein Geiger sein Instrument, mit den freien Händen rieb er sich über Augen und Stirn.

»Weißt du, wie spät es ist, Henri?«, brummte er.

»Es ist schon nach sechs Uhr, mein Guter, also reg dich nicht auf«, sagte Pelleton. »Du verdienst genug, um zu dieser Zeit schon ansprechbar zu sein.«

»Was ist denn so wichtig?«, fragte Kirchner.

Pelletons Antwort klang seltsam triumphierend: »Ein Fischer aus Arcachon hatte heute Nacht die Leiche des Finanzministers im Netz, sie trieb ziemlich weit draußen vor Cap Ferret im Golf. Wir sind die Ersten, die es wissen, und das wird auch noch für eine Weile so bleiben, also frag nicht weiter, und mach dich an die Arbeit.«

Kirchner legte auf und blieb noch eine Weile mit aufgestützten Armen auf dem Bett sitzen, dehnte seinen Hals langsam nach links und nach rechts, hob ein paarmal die Beine an, wie zu einer kleinen Morgengymnastik, dann sprang er dynamisch auf, zog die Vorhänge zur Seite und öffnete die beiden Fenster im Obergeschoss des Gehöfts, das er mit seinem Vater bewohnte.

Sein Schlafzimmer lag im Giebel des vierhundert Jahre alten Steinhauses, das normannische Bauern einst aufgeschichtet hatten: ein schiefergedeckter Eindachhof, auf einer Anhöhe am Meer gelegen, umgeben von Feldern, Apfelhainen und mittelalterlichen Brunnen und Wegen.

Ein neuer Tag zog auf über der Küste des Ärmelkanals. Die Flut war zurück seit dem frühen Morgen und brachte blauen Himmel mit, das Wasser deckte das Watt im engen Delta der Vire schon wieder zu bis auf einen breiten Streifen vorne am Strand. Kirchner sah die Möwen winzig und weit drunten über der Brandung segeln, der Wind kam kühl ins Zimmer, die See draußen funkelte in der aufgehenden Sonne wie Stanniol.

Kirchners Vater arbeitete hinter dem Haus schon seit einer Weile »in den Äpfeln«, wie er das nannte. Der Alte war ein Frühaufsteher, mit jedem Lebensjahr ein wenig mehr, ein kleiner grauer Mann in Gummistiefeln und gewachster Jacke. An seiner Seite sprang stets Filou, ein schneller schwarzer Retriever. Kirchner konnte den Alten hören, wie er nach Filou rief und dem Hund wie einem Kind erklärte, was er in den Äpfeln gerade machte.

Kirchner ging zu einem Waschtisch in einer Ecke seines quadratischen Zimmers, dehnte sich noch einmal, putzte sich fahrig die Zähne, rasierte sich nass und zog einen Kamm durch die vollen, glatten Haare, die er jeden Tag ein wenig grauer werden sah. Er stieg in eine dunkelkarierte Tweedhose, nahm sich ein schwarzes Hemd vom Bügel und begann, barfuß, den Tag.

Auf dem Treppenabsatz unten traf er seinen Vater, die beiden Männer nickten sich wortlos einen Gruß zu. Der Alte hob zum Spaß militärisch die flache Hand an den Schirm seiner Kappe, Kirchner winkte ab. Er hockte sich kurz hin, um Filou unter der Schnauze zu kraulen, dann betrat er eine Küche, die jeden Besucher allein wegen ihrer schieren Größe überrascht hätte. Der Raum maß zehn Mal sechs Meter und war eine alte Stallung. Vater und Sohn hatten, vor vielen Jahren schon, die alte Hängedecke des Dachbodens eingerissen, um die vielhundertjährigen Eichenbalken des Dachstuhls freizulegen. Jetzt wirkte der Raum wie ein bäuerlicher Festsaal oder ein kleines Kirchenschiff. Aus breiten Luken im Dach floss weiches Licht, zu ebener Erde ging der Blick aus den Fenstern hinunter aufs Meer. Nach hinten lagen die normannischen Wiesen, die die schön gestaffelten Hügel bis zum Horizont bedeckten, gegliedert von Hecken, Feldrainen und den Kronen alter Bäume, in denen bald, wenn der Herbst sich alles Laub geholt hätte, die Starennester hängen würden wie dicke dunkle Christbaumkugeln.

An der Stirnseite des Raums stand eine breite Küchenzeile, begrenzt nach rechts von einem Kühlschrankturm, ein paar Meter links daneben schimmerten die Klappen zweier hochgebauter Herde. Mittig dazwischen waren alte Spülbecken aus weißem Porzellan montiert, eingelassen in großzügige Arbeitsflächen aus hartem Holz, die über und über Spuren intensiven Kochens zeigten – kreisrunde Muster eingebrannter Topfböden, Messerschnitte, Schrammen. Gusseiserne Kasserollen in schwarz und orange baumelten die Wand entlang an schweren Fleischerhaken, Pfannen aus Kupfer, Bräter aus Eisen, Stieltöpfe jeder Größe, ellenbreite Fischpfannen, Dämpfgeschirr, Siebe.

Die eigentliche Feuerstelle, fünf gasgetriebene Flammen, deren mittlere selbst wannengroßes Kochgeschirr heizen konnte, war eingebaut in einen tafelgroßen Tisch, der parallel zur Küchenzeile im Raum stand, eine Insel, die sich fast hüfthoch aus dem Boden erhob, unterbaut mit Schubfächern und Schränken, mit langen Regalen voller Kochbücher. Darüber spannte sich eine Abzugshaube aus Inox-Stahl, deren Schlund glatt sechs Meter hoch zur alten Balkendecke reichte, mit Drähten raffiniert in ihrer Position gehalten, an denen wiederum Utensilien griffbereit und in Augenhöhe aufgereiht hingen wie Wäsche zum Trocknen: Schaumsiebe und Schöpflöffel, Fleischgabeln und Wetzstähle, Schneebesen, Reibeisen, Hobel, Pressen, Stopfnadeln, Schälwerkzeug.

Antoine Kirchner, groß und schwer, aber dabei ein eleganter Mann, dem man ansah, dass er einige Energie darauf verwendete, sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, machte sich Kaffee. Bei seiner Rückkehr aus dem Libanon zwei Wochen zuvor hatte er sich aus Paris chinesische Bohnen mitgebracht, gekauft bei einem Röster in der Rue Rambuteau, die einen sehr eigenen Duft verströmten. Nun saß Kirchner mit der Mühle zwischen den Beinen auf einem Holzstuhl und ließ das Mahlwerk mit kreisenden Armbewegungen knirschen.

Morgens setzte er sich nie an den großen Esstisch, der der Küchenzeile gegenüber Richtung Kamin und Geschirrschrank den Raum füllte und von einem guten Dutzend hell gerahmter Thonet-Stühle umringt wurde. Wenn seine Tage begannen, nahm er stets Platz an einem kleinen Tisch, der an der Meerseite des Hauses an einem der Fenster stand. Darauf lag linker Hand ein kleiner silberner Laptop, rechter Hand der Stapel Zeitungen, den sein Vater jeden Morgen zuverlässig dort ablegte.

Libération und Aujourd’hui en France, Le Figaro und Ouest France, L’Equipe und Le Monde vom Vorabend, die Herald Tribune, die Süddeutsche und die Neue Zürcher Zeitung, die Magazine der Woche, Match, Nouvel Observateur, Marianne, Time und Der Spiegel, aber auch die Frauen-Magazine aus Paris stapelten sich, genau wie die Lokalzeitungen aus der Gegend, aus Caen und Cherbourg. Kirchner war ein Suchtleser, er liebte die gedruckte Presse, er war abhängig von ihr. Je nach Stimmung und Tageslage las er in seiner Küche intensiv ganze Vormittage lang, aber es konnte auch vorkommen, dass er nur kurz blätterte, auf der Suche nach dem schnellen, kleinen Reiz.

An diesem Morgen wusste er, dass all die Zeitungen und Zeitschriften keine Nachrichten enthalten würden, die mit Pelletons frühem Anruf zu tun haben konnten, deshalb blätterte er nur achtlos und unkonzentriert in L’ Equipe und amüsierte sich über die Niederlage der französischen Fußballer gegen China.

Er wartete darauf, dass die Kaffeemaschine, ein schweres deutsches Fabrikat, ihr Werk endlich fauchend getan hatte, und schenkte sich das dunkle Gebräu in eine Tasse mit verblichenem Silberrand ein.

Der Finanzminister, tot im Meer vor Cap Ferret. Kirchner überlegte, wie er die Geschichte angehen könnte.

Er nippte am Kaffee. Er ist gut, dieser chinesische Kaffee, sogar sehr gut. Kirchner trank ihn schwarz mit einem Löffel Zucker, spürte dem exotischen Aroma nach, kaute auf dem Kaffee herum. Schokolade, dachte er, der Röster hat recht, schmeckt nach Schokolade.

Sein Vater kam in die Küche, Erde an den Stiefeln, Filou auf seinen Fersen, sie brachten eine schöne Brise des frischen Morgens mit herein. Der alte Kirchner nahm sich einen Henkeltopf bedruckt mit einer Girlande aus Rosen, die den Schriftzug George umrankte, und schenkte sich ein.

»Vorsicht«, sagte Kirchner, »nicht einfach so. Das ist ein sehr vornehmer Kaffee aus China. Schmeckt nach Schokolade.«

Der Vater hob den Topf zur Nase, machte ein neugieriges Gesicht und trank. »Schmeckt gut. Aus China? Gar nicht schlecht.«

»Wen kennst du in Arcachon?«, fragte Kirchner.

Der Vater schwieg und überlegte, nippte am Kaffee, dann sagte er, langsam, nach einer Weile, in der sich die beiden angeschwiegen hatten: »Der Sohn vom alten Bouchot arbeitet doch da unten, weißt du, der Biologe, Pierre. Der ist bei irgendeinem Meeresforschungsinstitut, ja, ja, das ist so, der ist in Arcachon.«

»Großartig, besorg mir bitte die Nummer, George. Das ist genau, was ich brauche.«

»Was ist denn los?«

»Ich hatte einen Anruf von Pelleton. Der Finanzminister ist tot aus dem Meer gefischt worden. Da kommt mir ein Meeresforscher gerade recht.«

II.

Kirchner stieg wieder hinauf in sein Schlafzimmer, um zu packen. Es war immer schwer zu sagen, wie lange er unterwegs sein würde. Diesmal rechnete er fürs Erste mit einer Woche und sammelte routiniert Wäsche und Hemden, Hosen und Jacken zusammen.

Er war ein Reisender, seitdem er denken konnte, unterwegs in allen Ecken der Welt. Seine Reporterkarriere hatte begonnen, als er Ende der 1970er-Jahre den russischen Krieg in Afghanistan für Paris Match beschrieben hatte, in preisgekrönten Reportagen, die vom Leben und Sterben der Mudschaheddin im Pandschir-Tal erzählten und später vom furchtbaren Rückzug der sowjetischen Truppen über den Salang-Pass.

Damals wurde er, ein junger Mann noch und keine zwanzig Jahre alt, schon zum Grand Reporter, er wurde gefeiert und galt eine Zeit lang als der bestbezahlte Schreiber der Branche. Als Chefreporter wechselte er bald von Paris Match zu Le Monde und fand sich in den Jahrzehnten seither regelmäßig an den Schauplätzen der Weltgeschichte wieder, in Berlin und Moskau, in Jerusalem und Bagdad, in Peking und New York. Er war ein journalistischer Sondergesandter, dessen Erfolg darin bestand, den gebrechlichen Zustand der Welt in ruhige Worte zu fassen.

Immer hatte er es als Glück empfunden, so hart am Wind der Zeit zu segeln. Er sagte von sich selbst, er sei letztlich nur ein »bezahlter Zeitzeuge«, und diese Bescheidenheit war nicht gespielt. Er meinte es so, und seine Leser bewunderten ihn für seinen Mut, die Beharrlichkeit und eine Sprachmacht, in der sich seine Bescheidenheit durchaus spiegelte. Kirchner genoss die Anerkennung, zu Kopf gestiegen war sie ihm nicht. Er wusste, wie flüchtig aller Ruhm auf Erden war, und vor allem hatte er in all den Jahren draußen in der Welt nie vergessen, wo er hingehörte. In den Kriegsgebieten, in den Krisenregionen träumte Kirchner manchmal von der Normandie, von seiner Region Calvados, von den Wiesen, vom Meer, und danach erwachte er, wo auch immer er war, mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Sein Leben war reich an Prüfungen. Er hatte den Tod und seine Gesichter auf seinen Fahrten kennengelernt, ihm war der Teufel in Menschengestalt begegnet. Manchmal war er selbst nur um Haaresbreite davongekommen. Aber die Gefahren schreckten ihn nicht, er fühlte sich, konfrontiert mit ihnen, immer nur wie ein Rad im Weltgeschehen und hatte das Talent, kein Ereignis persönlich zu nehmen.

Nie aber würde er den Tag vergessen, als er während des Falklandkrieges der Briten mit den Argentiniern gerade über den Untergang der Belgrano berichtete und ein englischer Funker ihn mit seinem Vater verband, der ihm vom Tod der Mutter daheim erzählte, von dem Milchlaster, der sie und ihren blauen Renault 5 am Kreisel zwischen Osmanville und Isigny zermalmt hatte.

»Jeanne ist tot.« Dieser erste Satz des Vaters hatte sich ins lärmende Chaos des Funkverkehrs gemischt wie ein verirrtes Telegramm, und in den Kriegswirren um die Falkland-Inseln dauerte es vier quälende Tage, ehe Kirchner die Heimreise endlich antreten konnte.

Der entsetzliche Widerspruch zwischen den welthistorisch bedeutsamen Toten auf dem sinkenden Kriegsschiff und dem banalen Verkehrsunfall, der ihm die Mutter genommen hatte, und auch das Gefühl der Schuld, im falschen Augenblick am falschen Ort zu sein, großspurig durch die Welt zu hetzen, statt sich um die kleineren, aber wesentlichen Dinge zuhause zu kümmern, ließen ihn damals an vielem zweifeln. Er hatte alles hinwerfen wollen, der Journalismus kam ihm sinnlos und zynisch vor, seine eigene Rolle darin beliebig und austauschbar.

Fast ein ganzes Jahr hatte er gebraucht, um wieder Tritt zu fassen, und am Ende war es sein Vater, der ihn zum Weitermachen ermunterte. Mit dem größten Kompliment, das ihm je ein Leser gemacht hatte. Der Vater sagte damals, mit seiner schlichten Überzeugungskraft, nach einem Jahr dunkler Trauer in der Normandie, dass das Leben und das Sterben nun einmal so sei, wie es sei, dass aber niemand besser darüber schreiben könne als er. »Dein Talent«, sagte der Vater, »ist dein Auftrag.«

In Kirchners Erinnerung war seine Mutter eine schöne, stattliche Frau, die stets das Beste aus dem Leben zu machen versuchte, die aber auch von inneren Widersprüchen geplagt war.

Sie war das Kind eines deutschen Soldaten, der sich in den Kriegswirren am Beginn der 1940er-Jahre in Caen in eine junge französische Lehrerin verliebt hatte. Und sie hatte seine Gefühle erwidert.

Ohne je genau sagen zu können, warum, hatte die Mutter unter dieser Herkunft gelitten. Sie hatte sich immer gewünscht, einfach ein normales Mädchen zu sein; die unmögliche Liebe aus fernen Kriegszeiten lastete dunkel auf ihr.

Wenn in der Region, den ganzen Ärmelkanal entlang, jedes Jahr die Feierlichkeiten zur Erinnerung an den D-Day stattgefunden hatten, hatte sie sich im Haus verkrochen und war kaum je vor die Tür gegangen.

Kirchner selbst hatte diese Herkunft eher als Bereicherung empfunden. Schon als Kind hatte er sich in seiner Fantasie abenteuerlich den Moment ausgemalt, in dem der Großvater im Kampf mit den über den Atlantik anrückenden alliierten Brigaden gefallen war, getroffen, nach allem, was bekannt war, von der Kugel eines Fallschirmjägers der amerikanischen 101. Airborne Division. Irgendwo hinter der Steilküste landeinwärts an der Pointe du Hoc war das geschehen, und immer, wenn Kirchner dort spazieren ging, war ihm der fremde Großvater präsent.

Die Frau, die der Soldat aus Oberbayern geliebt hatte, die ihn geliebt hatte, Kirchners Großmutter Josephine, hatte bis zu ihrem Tod ein mehr als zwiespältiges Verhältnis zur Befreiung Frankreichs von den Nazis gehabt. Sie erzählte oft Geschichten darüber, wie die Franzosen gemeinsam mit den Deutschen vor den anrückenden Amerikanern, Kanadiern und Briten geflohen waren, und nur, weil ein vernünftiger Bürgermeister eingeschritten war, war sie selbst dem Schicksal entgangen, mit kahl geschorenem Kopf und einem Hurenschild um den Hals durch ihr Dorf getrieben zu werden.

Sie, die Großmutter, hatte jedenfalls dafür gesorgt, dass ihr einziger Enkel Antoine solide Deutsch lernte und dass er die Schwarz-Weiß-Bilder, die sich alle Welt für lange Zeit von Deutschland und den Deutschen gemacht hatte, nicht einfach für bare Münze nahm.

Die besondere Familiengeschichte vertiefte Kirchners Bindung zur Normandie, an das alte Steinhaus an der Küste und das Land drum herum, mit seinem Vater mittendrin. Sie waren seine Heimat, gewoben aus Liebe und Schmerz, und wann immer er aus fernen Ländern nach Frankreich zurückkehrte, wenn er wieder landete in Paris, in Orly oder draußen in Roissy, drängte es ihn so schnell wie möglich auf die Autobahn A 13 Richtung Kanalküste, wo ihm Filou aufgeregt entgegensprang, wo seine Küche auf ihn wartete und wo ihn der Vater mit Tränen in den Augen bei jeder Rückkehr in die Arme schloss.

Kirchner ging jetzt auf die fünfzig zu. Der Zustand der Welt war so gebrechlich wie stets, aber er hatte sich beruflich eine Position erarbeitet, die ihm die Auswahl seiner Stoffe erlaubte. Selten wurde er, wie an diesem Morgen, von Henri Pelleton, dem allmächtigen Le-Monde-Chef, einfach losgeschickt. Sein Alltag sah jetzt in der Regel anders aus, ruhiger als früher, weniger gehetzt. Jüngere Kollegen eilten zu den Schauplätzen, an denen geschossen und gestorben wurde, Kirchner sprang selbst nur noch ein, wenn der Pulverdampf verzogen war und der größere Zusammenhang einer Geschichte sichtbar wurde. Zwischen seinen Einsätzen draußen in der Welt beschränkte er sich auf Europa und arbeitete seit einer Weile wieder häufiger in Frankreich selbst, und diese Entwicklung war ihm nur recht. Seit einiger Zeit verspürte er manchmal Anflüge großer Müdigkeit, nach langen Flügen oder während aufwändiger Recherchen. Das ist das Alter, sagte er sich.

Seit seinem vierzigsten Geburtstag wusste er, dass er nicht mehr fünfundzwanzig war. Aber sooft er sich auch selbst überprüfte, und das war ihm das Wichtigste, kam er doch immer wieder zu dem Schluss, dass er wach geblieben und vor allem neugierig auf die Welt und die Menschen war, was er als den wesentlichen Charakterzug eines guten Reporters ansah.

Darüber und über viele andere Dinge redete er neuerdings mit seinen jungen Kollegen, Pelleton hatte ihn darum gebeten. Deshalb lud er sich jetzt manchmal die Talente, seine Nachfolger, in die Normandie ein, um über die Arbeit zu diskutieren, über das Reporterleben und seine goldenen Regeln, und natürlich auch, um gemeinsam ausgiebig zu essen und zu trinken. Kirchner mochte diese Workshops, er hatte sich, beruflich wenigstens, nichts mehr zu beweisen.

Gummistiefel, dachte Kirchner, ich brauche unbedingt Gummistiefel.

Er musste auf einen Stuhl steigen, um das Paar grüner Aigle-Stiefel aus einem oberen Schrankfach zu holen; er trug sie selten, in der Normandie fast nie. Er ging barfuß ins Watt und auch in die Wiesen. Eigentlich mied er es, Schuhe zu tragen, sooft es ging, und noch heute, da er längst ein erwachsener Mann war, wiederholte sein Vater manchmal die tausendfach ausgesprochene Warnung der Mutter aus den fernen Kindertagen, er werde sich mit seinen nackten Füßen ganz gewiss eine Erkältung holen und sich die Nieren entzünden.

Der Alte hatte drunten inzwischen das Radio aufgedreht, Aznavour sang Emmène-moi au bout de la terre, nimm mich mit bis ans Ende der Welt. Der Vater sang mit, Kirchner summte.

Er trug seine Reisetasche nach unten und schenkte sich eine zweite Tasse des chinesischen Kaffees ein.

»Hast du die Nummer von Bouchot?«, fragte er.

Der Vater hielt sie ihm auf einem abgerissenen Stück Zeitungspapier hin.

»Und? Was sagt der alte Bouchot?«, fragte Kirchner.

»Er sagt, dass es dieses Jahr schlecht aussieht mit den Austern.«

»Na ja, und weiter?«

»Sein Sohn wird sich freuen, dich zu sehen, sagt er.«

»Sehr gut, auf dich ist Verlass, George, wie immer.« Und nach einem weiteren Schluck aus der Tasse schaute er den Vater angewidert an und sagte: »Also dieser Kaffee … wenn er frisch ist, schmeckt er wunderbar, und jetzt, keine zwanzig Minuten später, hat er was von Schweiß, oder?«

Der Vater schüttelte den Kopf. »Weißt du, Antoine«, sagte er bedächtig, »manchmal denke ich, du spinnst.«

Kirchner nickte grinsend und ging mit dem Zettel und dem schnurlosen Telefon vor die Tür, auf die Landseite des Bauernhofs.

Über den Feldern und Hügeln stieg eine blasse Sonne, auf den Wiesen standen nah und fern die Kühe in einem Schleier aus roséfarbenem Dunst. Ein paar Traktoren zogen schon durch die Felder, über den Kaminen der Bauernhöfe standen dünne Rauchsäulen.

Kirchner setzte sich auf eine der Steinbänke, die unter schönen Bögen in die Fassade des Hauses eingelassen waren.

Von dort aus war rechter Hand der Obsthain des Vaters zu sehen, alte, gedrungene Bäume in vier geraden Reihen, die feste, kleine Boskopäpfel trugen, aus denen jedes Jahr Konfitüren, Kuchen, Chutneys, Cidre und Calvados wurden. Zur Linken des Eindachhofes streckte sich der lange Stall hin, in dem schon lange keine Tiere mehr standen, die Mauern und Eisenbeschläge der Stallung waren umrankt von Kletterrosen, davor scharrte das Dutzend Hühner im Boden. Hinten an der großen Kastanie, die den Gemüsegarten beschattete, unter dem die Gewölbe des Weinkellers lagen, rissen die beiden Ziegen, die der Vater nach den militärischen Codenamen der Landungsstrände getauft hatte, Utah und Omaha an ihrer Schnur. Geradeaus ging der Blick weit ins Land hinein, in die Bocage, auf deren Landstraßen noch immer Pferdefuhrwerke unterwegs waren und alte Bauern mit Säcken voller Nüsse auf dem Rücken ihrer Wege gingen.

Kirchner wählte die achtstellige Nummer, sie begann mit 06, ein Mobilanschluss. Nach dreimaligem Läuten war die Stimme von Bouchots Sohn zu hören.

»Hallo, Pierre? Hier ist Antoine Kirchner, dein Vater hat mir deine Nummer gegeben, wie geht’s?«

»Antoine?«, fragte der junge Bouchot. »Na, das ist eine Überraschung! Grade neulich bin ich bei euch vorbeigefahren und wäre fast hereingeschneit, aber ich hatte dann doch keine Zeit. Wie geht’s deinem Vater?«

»Gut, gut, geht alles seinen Gang bei uns, dein Vater ist auch wohlauf, der sorgt sich nur um seine Austern.«

»Es ist jedes Jahr das Gleiche«, sagte Pierre Bouchot amüsiert. »Aber deswegen rufst du doch bestimmt nicht an. Also, womit kann ich dir helfen?«

»Ich habe heute Morgen erfahren, dass man den Finanzminister irgendwo vor Cap Ferret tot aus dem Meer gefischt hat.«

»Ach du lieber Gott! Das ist … also … das ist ja gar nicht gut.«

»Ich mache mich grade auf den Weg, um der Sache nachzugehen. Wir könnten nachher zusammen ein spätes Mittagessen teilen, ich brauche ein paar Kontakte, einen Anfang, du weißt schon.«

»Sicher, aber natürlich, Antoine«, sagte Bouchot, »du könntest mich abholen im Institut, wir sitzen am Hafen, das ist in Arcachon Richtung Gujan-Mestras. Es gibt auch Schilder. Such nach Arcamer, so heißen wir.«

»Gut, Pierre«, sagte Kirchner, »ich werd dich schon finden. Bin nicht das erste Mal in der Gegend. Bis gleich also, na ja, bis in sechs Stunden oder so, so lange werd ich wohl brauchen. Sagen wir dreizehn Uhr, dreizehn Uhr dreißig.«

Zwanzig Minuten später saß Kirchner am Steuer seines weißen Landrover Discovery und fuhr auf der N174 Richtung Süden durchs wellige Land der Normandie. Er ließ den Cotentin rechts liegen, hielt auf den Mont Saint Michel zu und stellte sich auf eine ereignislose Fahrt ein.

III.

Kirchner erreichte Arcachon nach gut sechs Stunden Fahrt ohne Pause, nun durchquerte er La Teste-de-Buch auf der N251, die Fahrt ging Richtung Norden, direkt nach Arcachon hinein, in zehn Minuten würde er am Hafen sein.

Er rief Pierre Bouchot an, um sich anzumelden, und Bouchot wirkte aufgeregt wegen des Treffens.

Das ist gut, dachte Kirchner, aufgeregte Leute reden gern.

Er mochte Arcachon, die kleine Stadt aus bunten, maritimen Herrenhäuschen, mondän geteilt in eine Winter- und eine Sommerstadt, erbaut zu einer Zeit, als das Baden im Meer gerade erfunden wurde. Zur Hauptsaison war es unerträglich voll hier, an den Wochenenden pilgerte halb Bordeaux herüber, und neuerdings hatte die Politikerelite aus Paris die Düne von Pilat und Cap Ferret als sommerliches Urlaubsziel entdeckt. Jetzt im Herbst zeigte Arcachon wieder seinen wahren Charakter: ein behaglicher, gelassener, bürgerlicher Ort.

Umso überraschter war Kirchner, als er auf der zentralen Achse der Stadt, dem Boulevard Deganne, plötzlich im Stau stand und weit vorne ein Lärm zu hören war, den er nur zu gut kannte. Eine Demonstration zog offenkundig um die Häuser, Kirchner hörte die keuchenden Rufe aus Megafonen, er hörte Trillerpfeifen und sah von ferne auch ein paar rote Flaggen von Gewerkschaften und Männer in grellen Westen.

Nach ein paar weiteren Metern in quälendem Schritttempo und direkt hinter einem Bierlaster mit der Aufschrift Stella Artois bog er in die nächstbeste Seitenstraße ab und stellte den Wagen schräg in eine Ausfahrt. Er musste wissen, was sich dort vorne zutrug.

Schnell stieg er aus dem Auto und hastete den Boulevard entlang, je näher er der Demonstration kam, desto deutlicher hörte er die skandierten Rufe: »Ar-ca-mer – ab-ins-Meer!«

Die Demonstranten standen auf der Kreuzung von Boulevard Deganne und Rue Coste, hier ging es zum Hafen, zu Pierre Bouchots Institut Arcamer.

Kirchner hatte keine Ahnung, worum sich die Aufregung drehte. Hundert, vielleicht hundertzwanzig Leute blockierten den Verkehr. Es war eine Versammlung grober Gestalten, viele in Fischermontur, in Gummihosen, die bis zur Brust reichten, in abgewetzten Wollpullovern. Auf Traktoren mit Anhängern hatten einige zentnerweise Austern herangekarrt, die sie jetzt lärmend auf die Straße schütteten und gegen Häuser warfen, unter den johlenden Rufen der anderen Demonstranten.

Kirchner mischte sich unter die Leute und fragte einen Dicken im gelben Ölzeug, was denn los sei.

»Was hier los ist, Monsieur?«, fragte der im verschliffenen Akzent eines Mannes, der das Reden nicht gewohnt war, zurück. »Ich sag Ihnen, was los ist. Die Herren Meeresforscher wollen uns fertigmachen, das ist los.«

Kirchner nickte unbestimmt und fragte noch einmal: »Aber worum geht’s denn?«

Der Demonstrant schaute ihn von der Seite an. »Du bist wohl nicht von hier, wie?«

»Ich komme aus der Normandie«, antwortete Kirchner.

»Ach so, aus der Normandie? Da habt ihr ja auch Austern, wie?«

»Ja, da haben wir auch Austern.«

»Na ja, wir hier werden wahrscheinlich bald keine mehr haben, weil diese Professoren dauernd neues Gift in unseren Muscheln finden, verstehst du? Dabei sind sie astrein, sag ich dir, hier …«, und mit diesen Worten griff er in den großen Austernhaufen und knackte eine Schale mit dem Schraubenzieher eines Taschenmessers auf, »probier selber, und sag mir, was du denkst.«

Er hielt Kirchner die Auster hin, der keine Sekunde zögerte, sie an den Mund setzte und mitsamt ihrem Wasser in einem Zug ausschlürfte.

»Schmeckt gut«, sagte er zur Zufriedenheit des Dicken, »sehr gut sogar. Fehlt vielleicht ein bisschen Zitrone.«

Nachdem er sich ein paar Flugblätter kleingefaltet in eine König & Ebhardt-Kladde, sein bevorzugtes Notizbuch seit vielen Jahren, gepackt hatte, ging er zurück zum Auto und telefonierte wieder mit Bouchot.

»Du bist mir ja einer, Pierre! Sagst kein Wort darüber, dass die Leute hier gegen euch auf die Straße gehen.«

Bouchot lachte und fragte, wo Kirchner gerade sei.

»Am Boulevard Deganne.«