Die Engelmacherin von St. Pauli - Kathrin Hanke - E-Book

Die Engelmacherin von St. Pauli E-Book

Kathrin Hanke

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Beschreibung

2. Februar 1905, 8.00 Uhr: In Sekundenschnelle saust das Fallbeil hinab und trennt Elisabeth Wieses Kopf vom Rumpf. Die Engelmacherin von St. Pauli, wie sie die Öffentlichkeit bereits nennt, ist für den Mord an mindestens fünf Babys vom Hamburger Schwurgericht schuldig gesprochen worden. Doch hat die Frau, deren Aussehen an die Hexe im Märchen erinnert, die Kinder wirklich im Ofen verbrannt? Sie leugnet es bis zum Schluss. Kathrin Hanke ist tief in den wahren Fall eingestiegen und damit in die Abgründe der Geschichte Hamburgs Anfang des 20. Jahrhunderts.

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Kathrin Hanke

Die Engelmacherinvon St. Pauli

Kriminalgeschichte

Zum Buch

Skrupellos Hamburg Anfang des 20. Jahrhunderts. Bis zuletzt leugnet Elisabeth Wiese ihre Schuld, dennoch: Ihr Gnadengesuch wird abgelehnt und die Engelmacherin von St. Pauli an einem eisigen Februarmorgen 1905 durch das Fallbeil hingerichtet. Ihr Unwesen soll sie in der Wilhelminenstraße getrieben haben, der heutigen Hein-Hoyer-Straße in Hamburgs weltbekanntem Amüsierviertel.

Elisabeth Wiese verdient ihr Geld vorwiegend als Vermittlerin von Pflegekindern – ein lukratives Geschäft, gibt es doch viele unverheiratete Frauen im wilhelminischen Kaiserreich, die ihren Säugling abgeben müssen, da sie sonst ihre Arbeit verlieren. Als eine der Mütter ihr Kind zurückfordert, kommt das Grauen ans Licht: Von mindestens vier Babys fehlt jede Spur. Hat Wiese, deren Aussehen dem der bösen Hexe aus dem Märchen gleicht, sie tatsächlich in ihrem Küchenofen verbrannt oder in der Elbe wie junge Kätzchen ertränkt? Kathrin Hanke zeichnet auf Basis von damaligen Zeugenberichten ein Bild der Frau, deren Schuld nie eindeutig bewiesen werden konnte.

Kathrin Hanke wurde in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg machte sie das Schreiben zu ihrem Beruf. Sie jobbte beim Radio, schrieb für Zeitungen, entschied sich schließlich für die Werbetexterei und arbeitete zudem als Ghostwriterin. Ihre Leidenschaft ist jedoch das Geschichtenerzählen, wobei sie gern Fiktion mit wahren Begebenheiten verbindet. Daher arbeitet sie seit 2014 als freie Autorin in ihrer Heimatstadt. Kathrin Hanke ist Mitglied im Syndikat, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Die Giftmörderin Grete Beier (2017)

Zusammen mit Claudia Kröger:

So kocht Lüneburg (2018)

Mordheide (2018)

Heidezorn (2017)

Wermutstropfen (2016)

Heideglut (2016)

Mörderische Lüneburger Heide (2015)

Eisheide (2015)

Heidegrab (2014)

Blutheide (2013)

 

Impressum

Personen und Handlung sind teilweise fiktional.

 

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Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Polizeimuseum Hamburg

ISBN 978-3-8392-5774-6

Widmung

. ....... ..... .. . . . . . . .......

Für meine Kinder .... ...

........ . . . .. . . . . .. .......

Bericht

»Sie war eine mittelgroße, schlanke Frau. Sie hatte ein speckgelbes Gesicht, eingefallene Wangen, eine lange Habichtsnase und kleine stechende Augen. Sie machte ganz den Eindruck einer ›Hexe‹, mit der man Kinder graulich machen konnte.«  

(Hugo Friedländer über Elisabeth Wiese, 1910)

Prolog Irgendwann zwischen 1882 und 1886

Von dem Geruch wurde ihr übel und sie musste sich stark zusammennehmen, damit es ihr nicht hochkam. Es war ein Gemisch aus Blut, Kot, Fruchtwasser, Schweiß und Tränen, das sein schweres Aroma an die kleine Kammer abgab und wie eine wabernde Dunstwolke über den Köpfen hing.

Den anderen beiden Frauen schien der Geruch nichts auszumachen und normalerweise war das bei ihr auch so. Sie war ganz anderes gewohnt, schließlich war sie ein Landkind. Hier in Bilshausen, der kleinen Ortschaft zwischen Göttingen und Osterode am Harz, lebten die meisten Menschen seit jeher von der Landwirtschaft. Es war ein hartes Leben und nicht immer hatten die Leute noch etwas von ihrer Ernte für den Verkauf auf den umliegenden Märkten übrig, sondern gerade eben nur genug, um ihre Familien zu ernähren. Dann gab es noch die Stroh- und Korbbinder. Das kleine Bilshausen, in dem jeder jeden kannte, war inzwischen über die Grenzen des Harzes hinaus bekannt für seine guten Flechtwaren. Genauso wie für seine Kanarienhähne – die kleinen gelben Singvögel wurden sogar hin und wieder bis nach Übersee verkauft. Dennoch reichte das eingenommene Geld oft nicht zum Leben und nicht wenige verließen notgedrungen ihren Heimatort. Sie zogen als Handelsleute oder wandernde Bauarbeiter herum, um ihren Unterhalt zu verdienen. Üppig war dieser allerdings nicht gerade und viele von denen, die extra in die Fremde hinausgegangen waren, lebten auch dort von der Hand in den Mund. Das bekam sie mit, wenn Ausgezogene im Winter zurück in den Ort kamen, um unter die warmen Decken ihrer verbliebenen Bilshausener Familien zu schlüpfen. In der Regel so lange, bis die ersten Schneeglöckchen hervorkamen und sie es wieder riskieren konnten, ihre Dienste in der Fremde anzubieten, ohne auf der Straße, deren Böschungen ihnen meist als Schlafplatz dienten, zu erfrieren.

Sie war für keines dieser Leben geschaffen. Weder wollte sie in Bilshausen versauern, wo irgendwie alle miteinander verwandt zu sein schienen, noch ihre Zeit auf Wanderschaft verbringen. Sie wollte mehr und sie wusste, dass der Kuchen groß genug war und man es nur richtig anstellen musste, um sein Stück davon abzubekommen. Sie hatte das schon immer gewusst, dennoch war sie bis jetzt hiergeblieben und Hebamme geworden. Als wäre dieser letzte Gedanke das Stichwort gewesen, entließ das junge Mädchen, das mit gespreizten aufgestellten Beinen vor ihr lag, einen lauten, langgezogenen Schrei. Er klang so klagend und schmerzerfüllt, dass es anderen das Blut in den Adern gefrieren lassen würde. Ihr jedoch nicht. Und das lag nicht allein daran, dass sie mit solchen Schreien und allem, was damit zusammenhing, ihr täglich Brot verdiente. Es berührte sie einfach nicht. Auch wenn sie bei Hausschlachtungen zusah und jeder sonst sich abwandte oder für einen Moment die Augen zukniff, wenn der Dorfmetzger mit einem gezielten Axtschlag zwischen die kleinen hässlichen Schweinsaugen das Tier von einer Sekunde auf die andere tötete oder zumindest betäubte, fühlte sie nichts. Keine Freude über das zukünftige Essen und kein Mitleid gegenüber dem Tier. Einfach nur nichts. Vielleicht war sie deswegen gut in ihrem Beruf. Sie scheute sich nicht vor Handgriffen aus Angst, sie könnten der Mutter oder dem Kind schaden, weil sie sie vielleicht falsch ausführte. Sie machte sie nicht falsch. Sie wandte einfach das an, was sie in dem Hebammenlehrbuch »Die Königl. Preuss. und Chur-Brandenb. Hoff-Wehe-Mutter«, wie dieser Schinken von Justine Siegemundin hieß, gesehen hatte. Das reich bebilderte Lehrbuch zu unnormalen Geburtslagen kam ihr sehr entgegen, da sie zwar lesen konnte, es ihr aber nicht unbedingt leichtfiel und sie es deswegen nicht gern mochte und möglichst nicht tat. So hatte sie sich während ihrer Lehrzeit ganz besonders die Bilder eingeprägt und führte sie im Falle eines Falles, wie zum Beispiel bei einer Steißlage, ohne lange darüber nachzudenken, aus. Und falls sie doch einmal etwas nicht richtig gemacht hatte, und das Kind oder gar die Mutter noch im Wochenbett starben, wer sollte ihr das nachweisen? Es gab genug andere Gründe, warum der Tod Neugeborene oder Wöchnerinnen ereilte und sie wusste, wie sie jeden aufkeimenden Verdacht von vorn herein von sich weisen konnte. Ihr Motto war einfach: Nie etwas zugeben, immer alles abstreiten und möglichst einen anderen Schuldigen nennen. Wenn alles nichts half auch ruhig Gott. Sie selbst war bereits Mitte zwanzig, also nicht mehr jung und schon einige Jahre im Beruf, sodass die Leute ihr das glaubten. Hier in Bilshausen und den umliegenden Ortschaften, wo wie sie die meisten katholisch waren, kam sowieso in jedem fünften Satz das Wort »Gottes Wille« vor, warum sollte sie es dann nicht sagen? Sie war gern Katholikin und würde mit den wenigen Evangelen, die sie kannte, nicht tauschen wollen. Ihr Leben war so, wie es war, viel praktischer. Schon von klein auf hatte sie gelernt, dass sie ihre Sünden einfach beichten konnte, und Gott und alle Welt ihr verzieh, wenn sie dann im Gegenzug ein paar Gebete sprach. Nichts leichter als das. Während sie darüber nachdachte und leicht schmunzeln musste, schob sie ihre Hand mit geübtem Griff in den Unterleib der werdenden Mutter hinein, unterdessen ihre andere Hand mit leichtem Druck auf dem gewölbten Bauch der jungen Frau lag, die leise vor sich hin wimmerte. Sie zog ihre Hand wieder heraus und musste wegschauen, denn wieder wurde ihr übel. Diesmal von dem Anblick. Schnell griff sie nach dem bereitgelegten Tuch, wischte sich sauber und wandte sich ihrer Tasche zu. Mit flauem Magen presste sie durch ihre Zähne hindurch: »Das Kind liegt quer. Ihr hättet mich eher rufen sollen. Es kann nicht von allein heraus, ich muss es holen.«

Sie blickte der Mutter des Mädchens in die Augen, um sich zu vergewissern, dass ihre Worte angekommen waren. Sie sah Vertrauen in ihnen und als ein leichtes Nicken folgte, holte sie eine Schlinge und einen Stock aus ihrer Tasche. In diesem Moment schwoll das Wimmern des Mädchens an und entlud sich ein weiteres Mal in einem langen Schrei.

Sie wollte warten, bis die Wehe wieder abgeebbt war, merkte jedoch, dass sie es nicht schaffen würde. Mit Schlinge und Stock in der Hand stürmte sie aus der stickigen Kammer direkt in die große Wohnküche, in der sich die Männer der Familie und einige Nachbarn eingefunden hatten. Sie hielt einen kurzen Augenblick inne, starrte in die fragenden Augen des Bauern und lief dann ohne ein Wort oder eine Geste an allen vorbei durch den angrenzenden Stall hinaus an die Luft, wo sie sich direkt neben der Tür erbrach. Sie kannte den wahren Grund und bald würden ihn auch alle anderen kennen, darum machte sie sich erst gar nicht die Mühe, ihr Erbrochenes zu beseitigen. Sie wischte sich den Mund mit ihrer Schürze ab, drückte den Rücken durch und ging hocherhobenen Hauptes am Vieh vorbei durch die Küche in die kleine Kammer zurück. Das Mädchen hatte aufgehört zu schreien. Es hatte die Augen geschlossen und seine Mutter fuhr ihm gerade mit einem feuchten Lappen über die Stirn. Ein Stich des Neids durchfuhr die Hebamme. Dieses junge Mädchen hatte alles, was sie nicht hatte. Es war selbst jetzt mit seinen Schmerzen und den verschwitzten, strähnigen Haaren hübsch, es war jung, hatte liebende und vor allem vermögende Eltern und einen noch vermögenderen Ehemann, der in diesem Moment in der Küche auf seinen Stammhalter wartete. Das junge Paar war noch nicht lange verheiratet. Sie selbst war auf der Hochzeit gewesen, so wie fast ganz Bilshausen und darüber hinaus. Es war ein rauschendes Fest gewesen, denn hier hatten zwei große Höfe endlich durch ihre Kinder zusammengefunden und das hatten sich die Brauteltern etwas kosten lassen. Und heute, knapp zehn Monate später, sollte die nächste Generation geboren werden. Bei ihr selbst würde es erst in fünf Monaten so weit sein. Allerdings würde dann kein verliebter Ehemann in der Küche nervös mit den Fußspitzen wippen und darauf warten, dass sie sein Kind gebären würde. Es würde überhaupt niemand darauf warten. Im Gegenteil. Alle würden sich wünschen, dass es niemals zu diesem Bastard, der da gerade in ihrem Leib heranwuchs, gekommen wäre. Allen voran sie selbst. Ja, sie hatte ihren Spaß gehabt und nun musste sie die Suppe selbst und allein auslöffeln. Über den Kindsvater machte sie sich möglichst keine Gedanken. Es lohnte nicht. Er würde nie mehr werden, als der bloße Erzeuger dieses Balgs in ihr. Für ihre Pläne, einmal ein besseres Leben zu führen, würde sie sich jemand anderen suchen müssen. Eine weitere Wehe ließ das Mädchen schreien.

»Hilf ihr und hole mir mein Enkel«, zog die Stimme der besorgten Mutter ihre Aufmerksamkeit auf sich, als es wieder still im Raum war.

»Ich kann nichts versprechen, aber ich gebe mein Bestes«, erwiderte sie mit belegter Stimme. Sie hatte noch immer den Geschmack von Erbrochenem in ihrem Mund.

»Wenn alles gut geht, zahle ich dir das Doppelte«, versprach die Mutter und strich ihrer matt daliegenden Tochter ein weiteres Mal mit dem Lappen über die Stirn.

»Wir werden sehen«, sagte sie vage. Eigentlich hatte sie gerade beschlossen, einen von den beiden sterben zu lassen. Beim Baby würde es leichter sein, als bei dem Mädchen. Und unauffälliger. Aber jetzt lockte die Bäuerin sie mit Geld. Verdammt. Sie konnte jeden Pfennig mehr, gut gebrauchen und es würde ihre Stimmung bestimmt langfristiger aufhellen, als diesen Menschen hier ein Stück von ihrem Glück zu nehmen. Andererseits: Je länger sie hier war, desto mehr haderte sie mit ihrem eigenen Schicksal und missgönnte den Bauern ihr von Üppigkeit gesegnetes Leben. Deswegen hatte sie bereits darüber nachgedacht, einzugreifen und ein bisschen Göttlichkeit walten zu lassen. Gott selbst würde ihr verzeihen, sobald sie Buße tun würde. Sie wusste wie, ohne dass sie vorher dem Herrn Pfarrer beichten musste. Immerhin hatte sie schon häufiger Babys totgemacht. Nicht im Wochenbett, das heute wäre das erste Mal, sondern im Leib der Mutter während der Schwangerschaft. Auch an sich selbst hatte sie Hand angelegt – schließlich wusste sie, wie es ging und hatte niemanden um Hilfe bitten müssen, obgleich so eine Prozedur natürlich heikler war, wenn man sie allein durchführte. Vor zwei Wochen hatte sie es getan. Sie hatte nicht erst warten wollen, bis man es ihr ansah. Es hatte nicht geklappt. Wie sie es insgeheim bereits geahnt hatte, war es zu früh gewesen, und deswegen hatte sie mit dem Katheter, den sie sich eingeführt hatte, nicht die Fruchtblase erwischt. Dennoch hatte sie heftig geblutet und im ersten Moment angenommen, sie hätte einen Abgang. Schon am nächsten Tag hatte sie aber gewusst, dass sie sich getäuscht hatte. Und dann hatte sie sich gefügt, denn sosehr sie auch Gottes Namen für ihre Rechtfertigungen gegenüber anderen nannte, wenn es ihr nutzte, sosehr glaubte sie an ihn. Und er hatte offensichtlich nicht gewollt, dass dieses verdammte Kind in ihr starb. Sonst hätte er es geschehen lassen, ganz gleich ob der Katheter zu früh von ihr eingesetzt worden war oder nicht. Sie hatte es also kein weiteres Mal probiert. Sie würde den Bastard, der sich da in ihrem Leib nährte und breitmachte, gebären. Sie wusste, dass das nichts mit Vernunft zu tun hatte, aber sie glaubte, Gott damit gnädig zu stimmen – auch bereits im Voraus für das, was sie in Zukunft vielleicht noch alles tun würde. Wenn er ihr diese Last unbedingt auferlegen wollte, dann würde sie sie annehmen und eben das Beste daraus machen. Immerhin hätte sie mit dem Gör endlich einmal im Leben etwas nur für sich. Stets hatte sie teilen müssen. Als Kind mit ihren Geschwistern und jetzt, seitdem sie selbst Geld verdiente, sogar mit ihrer ganzen Familie. Ihr Vater war einer der Korbmacher, und von seinem Verdienst konnte man »weder leben noch sterben«, wie er es immer sagte. Sie würde den Bastard niemals lieben können, aber das störte sie nicht. Im Gegenteil würde es vieles leichter machen, zudem war sie sich sowieso nicht sicher, ob sie überhaupt zu einem Gefühl wie Liebe fähig war. Wenn die anderen Mädchen davon sprachen, hörte sie es sich an, konnte jedoch nichts damit anfangen. Es war genauso, wie mit dem Mitleid, das sie für nichts und niemanden empfinden konnte. Der einzige Mensch, der sie interessierte, war sie selbst.

Sie richtete ihren Blick auf das Mädchen vor ihr im Bett. Gleich würde es wieder unter dem Wehenschmerz schreien und klagen, und sie müsste dann endlich etwas tun. Sie hatte es eh schon zu lange hinausgezögert. Das Platzen der Fruchtblase war schon einige Zeit her und sie wollte nicht, dass ihr später doch noch etwas angehängt wurde. Unter Beobachtung der Mutter griff sie mit der einen Hand zur Bandschlinge und mit der anderen zu dem Stöckchen – beides hatte sie kurz beiseitegelegt, als sie wieder in die Kammer gekommen war. Dann führte sie das Stöckchen und die Hand, die die Bandschlinge hielt, in die Wöchnerin ein, übte gekonnt den gedoppelten Handgriff aus und drehte das Kind im Geburtskanal so, dass es keine 15 Sekunden später mit den Füßen zuerst geboren wurde. Es lebte. Genau wie die junge Mutter. Noch. Ob es so bleiben würde, lag nun tatsächlich bei Gott.

Als Elisabeth das Haus verließ, schaute sie nicht zu der Ecke hin, wo sie sich gerade vorhin noch erbrochen hatte, sondern war ganz damit beschäftigt, die Münzen in ihrer Tasche zu befühlen während sie in sich hineinfeixte und darüber nachdachte, wofür so ein Kind doch alles gut war. Wie es wohl erst mit dem eigenen sein würde?

Bericht

»Eine junge Dame bittet einen edeldenkenden Herrn um eine Unterstützung von 30 Mark gegen dankbare Rückzahlung.«

(regelmäßig in 1901/02 von E. Wiese geschaltete Anzeige im General-Anzeiger für Hamburg-Altona)

1. Zur Liebe gezwungen Winter 1901/02

Sie waren vor nicht ganz zehn Jahren von Hannover hierher nach Hamburg St. Pauli gezogen. Inzwischen war Paula Berkefeld eine junge Frau und sie erinnerte sich nur noch schemenhaft an die Zeit, als sie ein kleines Kind gewesen war. Vielleicht habe ich die Erinnerungen nur verdrängt, so wie ich hoffentlich auch die derzeitigen in zehn Jahren verdrängt haben werde, dachte sie, während sie aus dem Fenster in der Guten Stube schaute und ängstlich auf das Geräusch des Türklopfers wartete.

Schön war ihr Leben mit Sicherheit noch niemals gewesen, das wusste sie, dafür benötigte sie keine detaillierten Erinnerungen. Ihren Vater kannte sie nicht und ihre Mutter verlor nie ein Wort über ihn. Manches Mal mutmaßte die junge Frau, dass ihre Mutter selbst nicht wusste, wer der Mann gewesen war, der sie gemacht hatte.

Ihre ersten Jahre hatte sie in Bilshausen verbracht, dem Heimatort ihrer Mutter Elisabeth. Paula war von Beginn ihres Lebens an mit der Schuld aufgewachsen, ihre Mutter ins Unglück gestürzt zu haben, denn ihre Geburt bedeutete zugleich einen Makel für die Mutter, der diese seitdem als gefallenes Mädchen kennzeichnete und ihr gewisse Türen für immer verschlossen hielt. So hatte die Mutter kaum einen Tag verstreichen lassen, ohne ihrer Tochter zu sagen oder zu zeigen, wie unerwünscht und welch Klotz am Bein sie war. Paula Berkefeld grübelte oft darüber nach, warum ihre Mutter sie sich nicht weggemacht hatte, schließlich war diese gelernte Hebamme. Und dass ihre Mutter dahingehend keine Skrupel hatte, glaubte Paula zu wissen. Immerhin hatte Elisabeth Wiese bereits ein paar Mal als Engelmacherin vor Gericht gestanden und auch sonst hatte die Mutter keinen Respekt vor dem Gesetz und war darüber hinaus bereits wegen Urkundenfälschung, Betrug und Hehlerei verurteilt und für einige Zeit hinter Gitter gekommen. Das war noch in Hannover gewesen, wohin Paula mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach deren Heirat Ende der 1880er-Jahre gezogen war. Wie ihre Mutter Heinrich Wiese hatte überzeugen können, sie zur Frau zu nehmen, verstand Paula bis heute nicht. Und das nicht nur, weil ihre Mutter ein kleines Kind mit in die Ehe gebracht hatte und er mit seinem blonden Vollbart im Gegensatz zu seiner Frau recht gut aussah, sondern vor allem, weil die beiden sich scheinbar nicht ausstehen konnten. Gerade in der letzten Zeit war es noch schlimmer als üblich geworden, und wenn sich ein Streit zwischen den beiden auch nur andeutete, verließ Paula sicherheitshalber die Wohnung. Einmal hatte sie es nicht gemacht und war prompt dazwischengeraten. Das hatte ihr ein blaues Auge eingebracht, da Mutter wie Stiefvater generell an Handgreiflichkeiten nicht sparten. Meistens ging es bei den Streitereien um Geld, das ihrer Mutter so wichtig war. Heinrich Wiese warf seiner Frau ständig Verschwendungssucht vor, während sie ihn als alten Geizhals und zudem Parasiten beschimpfte. Neulich gerade wieder hatte ihre Mutter ihr gesagt, dass sie den Kesselflicker lieber vergiftete, als weiter durchzufüttern, da er sein Sparbuch nicht herausrücken wolle. Wie viel Geld auf dem Sparbuch war, wusste Paula nicht, aber sie nahm an, dass es eine recht ordentliche Summe sein müsste, denn früher hatte Heinrich Wiese durchaus viel zu tun gehabt und entsprechend verdient. Mittlerweile brachte er jedoch nicht mehr so viele reparaturbedürftige Töpfe, Pfannen oder andere Haushaltswaren nach Hause, was vermutlich daran lag, dass er eher in den Kneipen anzutreffen war, als auf der Straße in Hamburgs besseren Gegenden, um seine Handwerkerdienste anzubieten. Und wenn er doch einmal etwas zu tun hatte und Geld in die Finger bekam, versoff er es wiederum.

Keinen Tag nachdem Elisabeth Wiese davon gesprochen hatte, ihren Mann am liebsten vergiften zu wollen, hatte sie ihre Tochter aufgefordert, von den Goldregenbäumen, die vor allem im nahegelegenen Sternschanzenpark zu finden waren, die gelben und darüber hinaus giftigen Blüten abzupflücken. Diese wollte die Mutter kochen und ihrem Mann in den Kaffee geben. Paula stieß einen Seufzer aus. Sie hatte aus Angst vor der Mutter die Blüten gesammelt, doch entweder waren es zu wenige gewesen, oder ihre Mutter hatte es sich anders überlegt, auf jeden Fall lebte Heinrich noch. Die junge Frau mochte ihren Stiefvater, obwohl sie sich meist aus dem Weg gingen. Aber selbst wenn sie Heinrich nicht hätte leiden können, niemand hatte eine Frau wie ihre Mutter verdient. Paula nahm an, dass er wie üblich bei der Hochzeit betrunken gewesen war und deswegen überhaupt Ja zu einer Ehe mit der über 30-jährigen Elisabeth gesagt hatte. Und warum er bisher nicht Reißaus genommen hatte, konnte sich Paula, die grundsätzlich nicht viel von Männern und deren Begierden hielt, denken: Gewiss hatte ihre Mutter, zumindest in der ersten Zeit ihrer Ehe und sicherlich auch schon davor, besonders ausgefallene weibliche Kniffe im gemeinsamen Bett angewandt. Dass Elisabeth Wiese solche kannte, hatte Paula gerade heute Morgen noch erfahren, da diese ihr davon so einige für das, was gleich auf sie zukommen würde, mit auf den Weg gegeben hatte. Paula war schon beim Zuhören mulmig geworden, doch das hatte ihre Mutter nicht interessiert.

Die Gedanken der jungen Frau schweiften wieder in die Vergangenheit nach Hannover – es waren keine Erinnerungen, sondern vielmehr Sätze, die sie aufgeschnappt und sich zusammengereimt hatte. Wie es schien, durfte die Mutter aufgrund ihrer dortigen Verurteilungen keine Pflegekinder mehr aufnehmen, wodurch sie sich früher wohl häufiger ein paar Mark dazu verdient hatte. Als nicht nur durch diesen Beschluss das Geld immer knapper geworden, sondern Elisabeth Wiese auch immer mehr unter den Radar der Gesetzeshüter geraten war, war die Familie Mitte der 1890er-Jahre nach Hamburg-St. Pauli, in die Wilhelminenstraße, gezogen, wo es in diesem Moment laut an der Haustür klopfte. Unwillkürlich raffte Paula sich den Morgenmantel enger zusammen. Ihre Mutter hatte ihn ihr eben mit der Weisung hingehalten, ihn sich überzuziehen. Er hatte seine beste Zeit sichtbar hinter sich. Elisabeth Wiese hatte ihn gebraucht gekauft und am Kragen war er bereits zerschlissen. Auch war er nicht mehr blau, wie wahrscheinlich ehemals, sondern vom Waschen fast schon grau ausgefärbt. Paula hoffte, ihre Mutter hatte ihn ebenfalls gewaschen, bevor sie ihn ihr gegeben hatte. Bei der bloßen Vorstellung, in ein Kleidungsstück einer anderen Frau geschlüpft zu sein, ohne dass es zuvor gereinigt worden war, schüttelte es Paula, zumal sie nackt unter dem Morgenmantel war – das war ebenfalls eine Anordnung der Mutter gewesen. Sie hatte gemeint, Unterwäsche bräuchte Paula nicht, da es nur unnötig Zeit kosten würde, diese auszuziehen und ihre Tochter heute noch ein paar mehr Termine hätte. Außerdem besaß Paula Berkefeld bislang keine Wäsche, die das Blut eines Mannes in Wallung bringen würde, eher im Gegenteil.

Als die Zimmertür aufging, erhob sich die junge Frau von ihrem Stuhl am Fenster und schaute dem Eintretenden entgegen. Hinter ihm stand ihre Mutter. Ihre Augen waren zu kleinen Schlitzen verzogen, was ihrem Blick einen drohenden Ausdruck gab. Es war das erste Mal, dass Paula einen solchen Besuch bekam. Ihre Mutter hatte den Einfall gehabt, wobei er sicher nicht spontan gewesen war, sondern über die Jahre gereift – schließlich gehörte hier in der Wilhelminenstraße der Kontakt zu Huren und Luden zum Alltag, waren diese Menschen doch gleichzeitig Nachbarn oder Bekannte, wenn nicht gar Freunde. Darüber hinaus war Paula jetzt im besten Alter für dieses Gewerbe und sah dazu noch hübsch aus, wie ihr nicht nur immer wieder andere Menschen bestätigten, sondern ebenso der tägliche Blick in den Spiegel. Sie war schlank, hatte blasse, ebenmäßige Haut, die sie trotz ihrer Herkunft edel aussehen ließ, und große Augen, die von langen geschwungenen Wimpern dicht gesäumt waren. Was sie jedoch am meisten an sich mochte, weil sie festgestellt hatte, dass sie durch diese kleine, äußerliche Gabe der Natur die Herzen der meisten Leute im Sturm eroberte und ihr dadurch das Leben erleichtert wurde, waren ihre Lachgrübchen. Diese verliehen ihr eine permanente Fröhlichkeit, obwohl es für sie kaum etwas zu lachen gab. Ob sie die von ihrem Vater geerbt hatte? Jetzt, in diesem Moment hätte sie gern auf ihre Grübchen verzichtet und sich lieber in eine fette Kröte verwandelt, damit der Mann im Türrahmen auf dem Absatz kehrtmachte und die Wohnung wieder verließ. Dabei hatte sie selbst die Anzeige bei den »Hamburger Nachrichten« sowie dem »General-Anzeiger« und dem »Fremdenblatt« aufgegeben. Sie kannte den Wortlaut auswendig: »Eine junge Dame bittet einen edeldenkenden Herrn um 30 Mark Unterstützung gegen dankbare Rückzahlung.« Danach folgte noch ihre Adresse und das war es. Ihre Mutter hatte sich den Text überlegt und sie damit losgeschickt. Vor den Leuten in den Anzeigenbüros, die den Text notiert und ihr in Rechnung gestellt hatten, hatte Paula sich geschämt, doch die hatten keine Miene verzogen. Vermutlich hatte das daran gelegen, dass es haufenweise solcher Anzeigen in diesen Blättern gab und die Anzeigenverkäufer sich längst daran gewöhnt hatten. Ob sie sich auch irgendwann daran gewöhnen würde? Nicht an das Aufgeben der Anzeige, sondern an ihre »Rückzahlung an die edeldenkenden Herren«.

Der Mann trat jetzt ganz in das Zimmer ein. Er sah nicht aus wie einer der Arbeiter aus dem Viertel und auch nicht wie ein Matrose, sondern bürgerlich. Er trug einen etwas altmodischen Tweedmantel und einen passenden Hut dazu. Jetzt musterte er sie unverhohlen und Paula schlug die Augen nieder. Sie kam sich vor wie eine dieser im Fenster ausgestellten und köstlich anzusehenden Torten aus der Conditorei Christiansen, die letztes Jahr eröffnet hatte und deren guter Ruf sogar bis hier nach St. Pauli vorgedrungen war. Aus purer Neugier hatte sie im Sommer den Weg in Richtung des Generalviertels eingeschlagen, um sich selbst zu überzeugen. Ab dem Rathausmarkt hatte sie die Tram bis zur Hoheluftchaussee genommen, der Straße, in der auch die Conditorei lag. Bereits von Weitem hatte sie gesehen, dass sie nicht als Einzige auf die Idee gekommen war, sich die Leckereien einmal aus der Nähe anzuschauen. Zwei Frauen, ein kleines Mädchen und ein Mann hatten sich damals am Schaufenster von Christiansen die Nasen plattgedrückt, genau so wie sie selbst zehn Sekunden später. Keiner von ihnen hatte etwas gesagt. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, ein Stück Gebäck zu kaufen und extra Geld dafür eingesteckt. Dann hatte sie es jedoch gelassen. Sie hatte gar nicht erst auf den Geschmack kommen wollen. Heute war sie froh, die Münzen gespart zu haben.

»Ich lass Sie dann mal jetzt mit der jungen Dame allein und falls sie sich anstellt oder Ihnen nicht zu Willen ist – die jungen Dinger sind ja bisweilen recht launisch heutzutage – dann zögern Sie nicht und zeigen Sie ihr, wer der Stärkere von Ihnen beiden ist. Aber das sagte ich Ihnen ja bereits«, hörte sie nun die Stimme ihrer Mutter im Hintergrund. Daraufhin wurde die Tür geräuschvoll zugezogen und sie war mit dem Mann allein. Noch immer mit gesenktem Blick ging Paula zum Sofa hinüber, setzte sich und klopfte, wie sie zuvor von der Mutter instruiert worden war, auf den Platz neben sich. Dann erst blickte sie auf. Der Fremde hatte sich inzwischen seines Mantels und Huts entledigt und öffnete gerade seine Hose, während er siegessicher grinsend auf sie zutrat. Paula kam es vor, als würde er die Zähne fletschen.

*

Er drückte die schwere Haustür auf, betrat das Treppenhaus, zog sich die Handschuhe ab und knöpfte seinen Ulster auf, während er gemächlich die Stufen hinaufging. Er würde sich bald einen neuen Mantel zulegen müssen, seine Frau hatte vor ein paar Tagen die Nase über seinen jetzigen gerümpft und gemeint, der wäre nicht nur bereits abgetragen, sondern völlig aus der Mode und das würde seinem Ansehen schaden. Mal sehen, vielleicht schaffte er es nachher noch zu Ladage & Oelke, dem Herrenausstatter in den Alsterarkaden. Jetzt war er erst einmal hier.

Er wusste, dass er richtig war – er war schon öfter in diesem Mietshaus auf St. Pauli gewesen. Das erste Mal vor gut einem Monat. Das Mädchen hatte ihm von Anfang an gut gefallen und inzwischen suchte er sie regelmäßig auf. Trotzdem las er nach wie vor den Inseratenstrich und probierte gelegentlich andere aus, da er junges, unverbrauchtes Fleisch am liebsten hatte. So hatte er auch registriert, dass mittlerweile bei Paulas Anzeige die volle Adresse durch eine Chiffre ersetzt worden war. Ob der Andrang zu groß gewesen war? Normalerweise wäre das für ihn ein Kriterium gewesen, nicht mehr herzukommen, doch bei dieser Berkefeld war das anders. Trotzdem sie seit mindestens eineinhalb Monaten in diesem Gewerbe arbeitete, wirkte sie auf ihn nach wie vor unschuldig. Das lag daran, dass sie – obwohl sie ihn bereits kannte – stets große Augen machte, die in ihrem blassen Gesicht verschreckt wirkten, wenn sie ihn in der Guten Stube der Wohnung begrüßte. Sie zierte sich jedes Mal und wirkte verkrampft, wenn sie sich auf dem Sofa von ihrem Morgenmantel befreien und vor ihm entblößen sollte, damit er seinen Spaß mit ihr treiben konnte. Ihn stachelte dieses Getue an, zumal er gern grob wurde und sie ihm dadurch einen perfekten Grund lieferte, sodass er diesen nicht seiner Fantasie überlassen musste. Neulich war es für ihn ein noch schöneres Schauspiel gewesen und er hoffte darauf, dass er heute wieder in einen solchen Genuss kommen würde: Paula hatte sich rundweg geweigert, ihn zu empfangen. Sie war aus der Stube herausgelaufen und hatte sich in eines der anderen Zimmer eingeschlossen, die von dem langen, schlauchartigen Flur abgingen. Zuvor war Elisabeth Wiese mit einem Küchenmesser auf das Mädchen losgegangen und hatte geschrien, dass sie sie totmachen würde, wenn sie ihm nicht zu Willen wäre. Er hatte sich herrlich amüsiert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er angenommen, Paula sei eine Untermieterin in der Wilhelminenstraße, doch in jenem Moment hatte er mitbekommen, dass die Wiese ihre Mutter war. Die war nach Paulas Flucht in das Zimmer wie eine Furie hinter dem Mädchen hergerannt und hatte unter wüsten Beschimpfungen gegen die Tür gehämmert. Zuerst hatte Paula zurückgeschrien, doch dann hatte sie hinter der Tür zu weinen angefangen und gefleht: »Bitte Mutter, ich kann nicht. Bitte, schicke ihn wieder weg.«

Ihn hatte das enorm erregt und zu seinem Wohlgefallen war die Wiese unerbittlich ihrem eigenen Fleisch und Blut gegenüber gewesen. Mit tränenverschleiertem Blick hatte Paula nach etwa fünf Minuten die Zimmertür geöffnet, war mit hängenden Schultern in die Stube gegangen und hatte sich auf das Sofa gesetzt. Er war ihr wortlos gefolgt.