Beschreibung

»So, Katharina, das Spiel beginnt. Du erhältst ab sofort täglich eine Frage von mir, die das Leben deines Kollegen Benjamin Rehder betrifft. Für jede falsche Antwort werde ich Benjamin bestrafen. Wie, das überlasse ich deiner Fantasie. Es sind noch zwölf Tage bis zum Heiligen Abend …« Mitten im Weihnachtstrubel verschwindet Hauptkommissar Benjamin Rehder spurlos. Seine Kollegin Kommissarin Katharina von Hagemann ahnt, dass er sich in großer Gefahr befindet. Da bekommt sie plötzlich anonym eine Aufforderung zu einem makabren Spiel. Zwangsläufig beginnt sie in seinem Privatleben nachzuforschen und erfährt Dinge, die sie lieber nicht gewusst hätte. Wird sie es schaffen, Rehders Leben zu retten?

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Kathrin Hanke / Claudia Kröger

Eisheide

Der 3. Fall für Katharina von Hagemann

Zum Buch

Schlafraubend Nach einem gemeinsam verbrachten Abend verschwindet Hauptkommissar Benjamin Rehder, der Chef von Kommissarin Katharina von Hagemann, spurlos. Die Kommissarin spürt, dass der Hauptkommissar in Gefahr ist, und merkt dabei, dass sie ihm näher steht, als ihr lieb ist. Als Katharina die Hoffnung auf eine konkrete Spur schon fast aufgegeben hat, bekommt sie anonym eine Aufforderung zu einem makabren Spiel: Gleich dem Hochzeitsspiel »Wie gut kennst du deinen Zukünftigen?« soll die Kommissarin Fragen zu ihrem Chef beantworten. Mit jeder falschen Antwort sinken seine Überlebenschancen. Schockiert von der Erkenntnis, das Schicksal ihres Chefs in den Händen zu halten, stellt sie sein Privatleben auf den Kopf. Auch Bens Zwillingsbruder und Katharinas Affäre Bene ist betroffen und hilft mit. Ganz im Gegenteil zu Bens Ex-Frau Simone. Wird Katharina es schaffen, ihren Chef zu retten? Die Zeit läuft, denn ihr Gegner gibt ihr nur bis zum 24. Dezember Zeit …

Kathrin Hanke wurde in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg machte sie das Schreiben zu ihrem Beruf. Sie jobbte beim Radio, schrieb für Zeitungen, textete für die Werbung und arbeitete zudem als Ghostwriterin. Daneben schrieb sie 2013 gemeinsam mit Claudia Kröger den ersten Heidekrimi rund um die Ermittlerin Katharina von Hagemann. Weitere gemeinsame und auch solo geschriebene Bücher folgten. Kathrin Hanke ist Mitglied im Syndikat, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, sowie bei den Mörderischen Schwestern und lebt inzwischen als freie Autorin in ihrer Heimatstadt.

Claudia Kröger wurde in Hamburg geboren. Sie arbeitet als freie Autorin und Texterin für Webseiten, Marketing, Magazine und mehr. Claudia Kröger ist Mitglied im Syndikat, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, und lebt seit vielen Jahren mit ihrem Mann in der Nähe von Lüneburg. Die gemeinsame Leidenschaft zum Schreiben und die Liebe zur Stadt Lüneburg haben dazu geführt, dass sie zusammen mit Kathrin Hanke seit 2013 die erfolgreichen Lüneburg-Krimis rund um die Ermittlerin Katharina von Hagemann aufs Papier bringt.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Heidefluch (2019), Die Engelmacherin von St. Pauli (Kathrin Hanke, 2018), Mordheide (2018), In der Heide brodelt es – Lieblingsrezepte aus der Lüneburger Heide (2018), Die Giftmörderin Grete Beier (Kathrin Hanke, 2017), Mörderische Lüneburger Heide (2017), Heidezorn (2017), Wermutstropfen (2016), Heideglut (2016), Eisheide (2015), Heidegrab (2014), Blutheide (2013)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Roxana – Fotolia.com

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-4742-6

Widmung

Für Konrad

Kathrin Hanke

*

Für meinen Mann

Claudia Kröger

Gedicht

Es treibt der Wind im Winterwalde

Die Flockenherde wie ein Hirt,

Und manche Tanne ahnt, wie balde

Sie fromm und lichterheilig wird,

und lauscht hinaus. Den weißen Wegen

streckt sie die Zweige hin – bereit

und wehrt dem Wind und wächst entgegen

Der einen Nacht der Herrlichkeit.

(Advent, Rainer Maria Rilke)

Prolog:

Montag, 1. Dezember 2014

12:37 Uhr

Hauptkommissar Benjamin Rehders Schädel brummte, und ihm war schlecht. Er wusste nicht, wovon er aufgewacht war – wahrscheinlich von beidem. Auf jeden Fall nicht vom Wecker, denn der machte keinen Mucks. Außerdem war es noch stockdunkel und demnach mitten in der Nacht. Kein bisschen Dämmerlicht drang durch die Jalousien in sein Schlafzimmer, wie Ben mit einem Blick in die Richtung, in der das Fenster lag, feststellte. Seufzend drehte er sich auf die andere Seite, schloss seine Augen erneut und versuchte wieder einzuschlafen. Es gelang ihm nicht, obwohl er das Gefühl hatte, todmüde zu sein. Darüber hinaus kam ihm sein Doppelbett, das er damals nach dem Auszug seiner Exfrau behalten hatte, sehr viel schmaler vor als sonst. Irgendwie fühlte er sich beengt, was er jedoch auf sein körperliches Unwohlsein zurückführte. Er wusste, er sollte kurz aufstehen und sich aus dem Bad wenigstens eine Kopfschmerztablette holen, aber allein die Vorstellung der dafür notwendigen Bewegung machte seine Beine schwer und verstärkte das Schädelbrummen. Er stieß leicht auf, aber besser wurde ihm davon auch nicht. Mein Gott, so viel hatte er doch gestern Abend gar nicht getrunken! Außerdem hatte er für den besonderen Anlass seinen besten Roten aus dem Weinkeller geholt – immerhin hatten er und Katharina etwas zu feiern gehabt – und der verursachte keinen Brummschädel. Und dem einen Glühwein zuvor auf dem Weihnachtsmarkt, den er sich zum 1. Advent gegönnt hatte, traute er solch üble Nachwirkung ebenfalls nicht zu.

Normalerweise hätte Tobi gestern Abend als Dritter im Bunde dazugehört, allerdings hatte der junge Kommissar sich bereits am Freitag mit einem üblen Magen-Darm-Virus krankgemeldet. Ob er selbst sich diesen blöden Virus jetzt vielleicht auch eingefangen hatte? War ihm etwa deshalb so flau? Ja, wahrscheinlich lag es daran, und wahrscheinlich war das die Rache des Schicksals dafür, dass er die unerwartete Zweisamkeit mit Katharina gestern so genossen hatte. Trotz seines Unwohlseins musste Ben bei diesem Gedanken in sich hineinschmunzeln. »Rache des Schicksals«, so ein Quatsch. Das hätte von seiner Exfrau Simone kommen können, aber doch nicht von ihm. Simone glaubte an so einen Stuss, zumindest dann, wenn er ihr gerade in den Kram passte. Katharina war da das genaue Gegenteil. Im Grunde wie er selbst, nur dass sie eben eine Frau war, was ihm gestern Abend in seinem Wohnzimmer, in dem er den Kamin angemacht und sich rege mit ihr unterhalten hatte, nur allzu bewusst gewesen war. Zu Beginn hatten sie noch einmal den gerade erfolgreich abgeschlossenen Fall, den Anlass ihrer kleinen Feier, Revue passieren lassen. Dann waren sie privat geworden, was in dieser Form bisher noch nie geschehen war. Katharina hatte von ihren Eltern in Hamburg erzählt – insbesondere von ihrem Vater, mit dem sie massive Probleme hatte. Im Gegenzug hatte Ben Katharina von Simone erzählt, was ihn selbst verwunderte, da er, wenn überhaupt, nur mit seinem besten Freund Alex über seine gescheiterte Ehe sprach. Irgendwann war Katharina vom Kaminfeuer warm geworden und sie hatte ihren in der kalten Jahreszeit obligatorischen Rollkragenpullover ausgezogen. Natürlich hatte Ben Katharina im Sommer schon öfter im Top gesehen, aber eben nie in seinem Wohnzimmer vor dem prasselnden Kamin mit einem Rotwein in der Hand. Gern rief Ben sich auch jetzt wieder das Bild und die knisternde Atmosphäre in Erinnerung. Ein wenig schämte er sich dafür. Immerhin war Katharina seine Mitarbeiterin und lose mit seinem Zwillingsbruder Bene verbandelt. Auf der anderen Seite waren die Gedanken frei und niemand außer ihm selbst kannte die seinen in diesem Augenblick …

Ein weiteres Mal versuchte Hauptkommissar Benjamin Rehder in den Schlaf zu finden, doch dummerweise hatten auch die wohligen Gedanken an Katharina seine Übelkeit und den Kopfschmerz nicht vertreiben können. Dann hilft es wohl nichts und ich muss mir eine Tablette holen, wenn ich nachher einigermaßen fit im Dienst sein möchte, dachte Ben. Falls er sich tatsächlich bei Tobi angesteckt hatte, würde sie zwar auch nicht helfen, doch das musste er abwarten. Er tastete mit der Hand nach dem Nachtschrank, um die darauf stehende Leselampe anzuknipsen. Zu seiner Verwunderung griff er ins Leere. Hatte er es vorhin nicht mehr in sein Bett geschafft und war stattdessen auf seiner Wohnzimmercouch eingeschlafen? Fühlte er sich deshalb so eingeengt? Andererseits spürte er das gewohnte Gefühl einer Daunendecke auf seinem Körper. Hatte er sich die vielleicht aus seinem Schlafzimmer ins Wohnzimmer geholt? Wahrscheinlich war es so, er wusste es einfach nicht mehr. Das Letzte, woran er sich glasklar erinnerte, war, dass Katharina gegangen war. Das lag an dem kleinen Kuss, den sie ihm auf die Wange gehaucht hatte, als sie sich von ihm verabschiedete. In dieser Form waren sie beide sich bisher noch nie nahe gewesen. Und als Ben ihr von seiner Haustür aus hinterhergesehen hatte, wie sie auf ihrem Fahrrad durch die dunkle Nacht davonfuhr, hatte er sich nicht entscheiden können, ob der Schauer, der ihn dabei überlief, von der eisigen Kälte kam oder die Nachwirkung der schmetterlingshaften Berührung seiner Mitarbeiterin war. Danach, auch das wusste er noch, war er zurück ins Wohnzimmer gegangen, hatte sich in seinen Sessel gesetzt und noch einen Schluck aus dem Rotweinglas genommen. Weitere Erinnerungen hatte er nicht.

Mühsam wühlte Ben sich unter der Bettdecke hervor. Er würde den Weg ins Bad auch ohne Licht finden, schließlich war er hier zu Hause! Vorsichtig setzte er erst ein und danach sein zweites Bein auf den Boden, damit er nicht aus Versehen gegen den Couchtisch trat oder etwas von dort hinunterstieß. Er hatte Glück und traf nichts. Erst, als er komplett aufgestanden war, bemerkte er an der Kühle, die seinen Körper sofort umschlang, dass er nackt war, was ihn für einen Moment innehalten ließ – er schlief niemals nackt, zumindest nicht, wenn er keine Frau neben sich im Bett hatte, und das war, seit Simone ihn vor über fünf Jahren verlassen hatte, nicht der Fall gewesen. Hatte er möglicherweise einen Filmriss? War Katharina zurückgekehrt und hatten sie …? Nein, das konnte nicht sein. Trotz Knisterstimmung und Rotwein vor dem Kamin traute er ihnen beiden das nicht zu. Abgesehen von ihrem Techtelmechtel mit seinem Zwillingsbruder war er darüber hinaus Katharinas Vorgesetzter. Und wenn nicht sie, dann hätte er auf jeden Fall ab irgendeinem Moment die Reißleine gezogen, dessen war er sich sicher, da hätte er noch so betrunken sein können!

Behutsam setzte Benjamin Rehder einen Fuß vor den anderen. Nicht allein, weil er im Dunklen nichts sah und etwas anrempeln könnte, sondern in erster Linie, da ihn jetzt zusätzlich zu Kopfweh und Übelkeit ein heftiger Schwindel erfasst hatte. Gerade wollte er sich kurzerhand auf den Boden setzen, als er frontal gegen etwas Raues und zugleich Weiches stieß, aber er hatte nichts Rau-Weiches in seinem Wohnzimmer, geschweige denn in seinem Schlafzimmer! Benjamin wusste jedoch, wo er in seinem Haus so etwas hatte: Unten im Keller war ein komplett mit schalldämmendem Verbundschaumstoff ausgestatteter kleiner Raum. Ganz früher hatte darin der riesige Öltank gestanden, doch dann hatten sie auf Gas umgestellt. Simone hatte sich seinerzeit nahezu auf den nun nutzlosen Raum gestürzt, ihn renovieren lassen und für sich als Musikzimmer eingerichtet. Sogar eine Heizung hatte sie einbauen lassen. Seit ihrem Auszug hatte er den Raum nur ein einziges Mal betreten, um aus einer Kommodenlampe die Birne herauszudrehen, weil er sie in seiner Nachttischlampe brauchte. Dumm gelaufen, dachte Ben jetzt bei sich, da der kleine Raum keine Deckenlampe oder eine andere Lichtquelle besaß.

Ben begann die Wand abzutasten. Tatsächlich hatte er sich nicht geirrt: Er befand sich in Simones schallisolierter Kellerkammer. Die rau-weiche Wandvertäfelung ließ auf nichts anderes schließen – hierfür musste man kein Hauptkommissar sein. Mann, Mann, Mann, welcher Teufel hatte ihn da geritten? Warum war er zum Schlafen hier hinuntergegangen? Vor allem: Was für einen Aufwand hatte er in der Nacht bloß betrieben, ohne dass er sich erinnern konnte? Um in diesen Raum zu gelangen, der am Ende seines langen Kellers lag, hatte er erst einmal einen Bauernschrank wegrücken müssen. Den hatte er vor etwa einem Jahr gemeinsam mit seinem besten Freund Alex vor dem Raum aufgestellt, da er keinen anderen Platz wusste, an dem er nicht störte. Der Bauernschrank stammte von seinen Eltern, die ihn bei ihm »zwischenparkten«, wie seine Mutter es gern betonte. Seine Mutter wiederum hatte den Schrank von ihrer um zehn Jahre älteren Schwester bekommen, als diese aus Altersgründen aus ihrem großen Haus in Bardowick in eine kleine Wohnung in der Nähe des Lüneburger Bahnhofs gezogen war. Ben hatte von Anfang an gewusst, dass »zwischenparken« nur ein Synonym für den Satz war: »Ich bring es einfach nicht übers Herz, mich von dem guten Stück zu trennen, aber haben möchte ich es auch nicht!« So bewahrte Ben seit einigen Monaten alte Jacken und Mäntel sowie allerlei in Kartons verpackten Krimskrams, den er noch nicht wegschmeißen wollte, im Schrank auf. Wenn er schon in seinem Haus herumstand, sollte er wenigstens nützlich sein.

Ben schüttelte in der Dunkelheit den Kopf über sich, was ihm sofort Schmerzen wie Blitze bescherte. Jetzt wollte er wirklich dringend in sein Bad an den Apothekerschrank mit den Kopfschmerztabletten. Außerdem fiel ihm plötzlich ein, dass es eventuell gar nicht mehr Nacht war und er vielleicht sogar verschlafen hatte, schließlich gab der fensterlose stockdunkle Raum keinerlei Hinweis auf die Uhrzeit. Er hob die Hände etwa auf Hüfthöhe und begann sich jetzt, auf der Suche nach der Türklinke, konzentriert an der Wand entlangzutasten.

Ben war schon nach wenigen kleinen Schritten erfolgreich, und sein Herz vollbrachte einen Hüpfer, als er die Klinke fühlen konnte, denn inzwischen machte sich auch seine Blase bemerkbar. Er drückte die Klinke herunter, doch die für Keller typische Stahltür ließ sich nicht öffnen. Vielleicht war sie nur verklemmt? Dennoch fühlte Ben nach dem Türschloss, doch es war leer. Hatte hier nicht immer ein Schlüssel gesteckt? Ben begann mit heruntergedrückter Klinke an der Tür zu rütteln. Mit dem einzigen Erfolg, dass sein Schwindelgefühl zunahm. Mehr nicht. Zu allem Übel musste er seine Blase nun wirklich dringend erleichtern. Ben ließ sich frustriert an der Tür hinuntergleiten und setzte sich. Anders als die anderen Kellerräume war dieser hier nicht mit Fliesen, sondern mit dickem Flokatiteppich ausgelegt, den Simone auch im Wohn- und Schlafzimmer durchgesetzt hatte. Damals hatte er die Nase gerümpft, sie aber gewähren lassen. Jetzt, in diesem Augenblick, war er froh darüber, denn ihm wurde zunehmend frösteliger. Außerdem kroch die Übelkeit erneut in ihm hoch und seine Blase drohte gleich zu platzen.

Nützt ja nichts, dachte Ben, und kroch auf allen vieren in die Richtung, in der er die Schlafcouch vermutete. Der Raum war nicht allzu groß und nach einer Weile ertastete er sein Nachtlager. Er zog sich die Decke herunter, mummelte sich ein und kroch weiter. Irgendwo musste hier ein alter Plastikpapierkorb herumstehen. Da, da war er. Er umschloss ihn mit seiner linken Hand wie einen Schatz, dann stand er blind wie ein Maulwurf und mit wackeligen Beinen auf, ließ die Decke von seinen Schultern gleiten und erleichterte sich in den Korb. Die Scham vor sich selbst hätte nicht größer sein können, aber was hätte er in seiner Not machen sollen?

Nachdem er den Korb weit von sich geschoben hatte, ging er in die Knie, griff nach der Decke zu seinen Füßen und arbeitete sich erneut zum Schlafsofa vor, auf das er sich erschöpft fallen ließ. Wie war er hier bloß gelandet? Was war heute Nacht passiert, nachdem Katharina mit dem Fahrrad davongefahren war? Wieso war die Tür abgeschlossen? Beim Gedanken an die Tür entfuhr ihm ein erleichterter Seufzer. Wenigstens würde er in diesem abgeschotteten Raum nicht ersticken! Als sie damals für Simone den Raum hergerichtet hatten, hatte er darauf bestanden, dass die Tür nicht ganz mit dem Boden abschloss, sondern einen Zentimeter zu kurz war, damit im Fall der Fälle Sauerstoff in den Raum gelangen konnte. Jetzt war so ein Fall.

 

Gedicht

Wer sollte fragen: wie’s geschah?

Es geht auch andern eben so.

Ich freute mich, als ich dich sah,

Du warst, als du mich sahst, auch froh.

Der erste Gruß, den ich dir bot,

Macht’ uns auf einmal beide reich;

Du wurdest, als ich kam, so rot,

Du wurdest, als ich ging, so bleich.

Nun kam ich auch tagaus, tagein,

Es ging uns beiden durch den Sinn;

Bei Regen und bei Sonnenschein

Schwand bald der Sommer uns dahin.

Wir haben uns die Hand gedrückt,

Um nichts gelacht, um nichts geweint,

Gequält einander und beglückt,

Und haben’s redlich auch gemeint.

Da kam der Herbst, der Winter gar,

Die Schwalbe zog, nach altem Brauch,

Und: lieben? – lieben immerdar? –

Es wurde kalt, es fror uns auch.

Ich werde gehn ins fremde Land,

Du sagst mir höflich: Lebe wohl!

Ich küsse höflich dir die Hand,

Und nun ist alles, wie es soll

(Lebewohl, Adelbert von Chamisso)

1. Kapitel:

Dienstag, 2. Dezember 2014

07:51 Uhr

Dick in ihren Schal eingemummelt, schlenderte Katharina von Hagemann entspannt durch die Lüneburger Altstadt. Obwohl oder vielleicht gerade, weil es so früh am Morgen war, hatte die Kommissarin das Gefühl, als sei es das erste Mal, dass sie die weihnachtliche Atmosphäre in der Stadt bewusst wahrnahm. Dabei war sie nun schon den vierten Winter in der Hansestadt. Bisher hatte sie sich aber nie die Zeit genommen, die beleuchteten Zinnen der Giebelhäuser oder die kleinen Märchenbuden in Ruhe zu betrachten, die während des vierwöchigen Weihnachtsmarktes die Straßen schmückten. Das mochte daran liegen, dass ihr Feiertage im Allgemeinen und Weihnachten im Besonderen nicht sonderlich lagen. In diesem Jahr hatte sie sich jedoch vorgenommen, das zu ändern. Und wenn das irgendwo klappen konnte, dann hier, in der idyllischen Stadt, die sie inzwischen so ins Herz geschlossen hatte. Noch war der Weihnachtsmarkt geschlossen, doch ab 10 Uhr würden die Buden öffnen und nicht nur Touristen in ihren Bann ziehen.

Katharina musste über sich selbst schmunzeln: Von wegen idyllische Stadt … So manch grausamen Fall hatte sie bereits in dieser vermeintlichen Idylle lösen müssen. Die gab es in Lüneburg ebenso wie in München, der Stadt, in der sie zuvor gearbeitet und gelebt hatte und aus der sie schließlich geflohen war. Nur vielleicht nicht ganz so gehäuft. Aber dafür war ihr Team hier in Lüneburg auch kleiner. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Ihr Team. Tobias Schneider, Tobi, war ein wirklich toller Kollege und mit seiner witzigen, jungenhaften Art zu einem echten Kumpel geworden. Und natürlich ihr Chef – Benjamin Rehder … Er hatte ihr versprochen, ihr in diesem Jahr mal die wunderschönen Seiten des vorweihnachtlichen Lüneburgs zu zeigen, denn er hatte überhaupt kein Verständnis für ihre Abneigung gegen Feiertage. Wenn jemand ihre Meinung ändern konnte, dann vermutlich er. Heute Abend nach Dienstschluss würden sie sich zu einem gemeinsamen Bummel über den Weihnachtsmarkt treffen, mit Glühkirsch, gebrannten Mandeln und allem, was dazugehört. Das hatte Benjamin ihr noch vorgestern Abend, als sie beide den Abschluss eines Falles gefeiert hatten, fest versprochen. Katharina musste sich selbst eingestehen, dass sie sich ein bisschen zu sehr darauf freute und inständig hoffte, dass es überhaupt klappte, denn gestern Morgen hatte Ben sich per SMS bei ihr krankgemeldet. Zunächst hatte sie sich darüber gewundert – Ben war, seit sie ihn kannte, noch nie ernsthaft krank gewesen – dann hatte sie aber in sich hineingegrinst: Er hatte bei ihrer kleinen gemeinsamen Feier bei ihm zu Hause deutlich mehr dem Rotwein zugesprochen als sie. Bestimmt hatte er einfach einen Kater. Darüber hinaus wusste er, dass aktuell im Dienst nichts anlag und er einfach mal Fünfe gerade sein lassen konnte. Gestern war ihr das mehr als recht gewesen. Da auch Tobi sich schon vor dem Wochenende mit einer Magen-Darm-Grippe ins Bett gelegt hatte, war sie allein im Büro gewesen. Sie hatte die unerwartete Ruhe genutzt, um auf ihrem Schreibtisch Klarschiff zu machen und dabei über den vergangenen Kaminabend sinniert. Ben hatte eine enorme Anziehungskraft auf sie ausgeübt, und sie hatte immer wieder auf die widerspenstige Locke schauen müssen, die ihm andauernd ins Gesicht gefallen war. Mannomann, hatte sie sich zusammenreißen müssen, sie ihm nicht einfach zurückzustreifen. Da sie tatsächlich nicht viel getrunken hatte, konnte sie diese Regung nicht auf den Alkohol schieben, wie sie es gern getan hätte. Sie hatte auch nichts mit Bene zu tun, da war sie sich sicher. Natürlich glich ihr Chef Bene optisch extrem, schließlich waren die beiden eineiige Zwillinge. Dennoch waren sie grundverschieden. Während Benjamin Rehder eher ruhig und oft etwas übertrieben ernst war, wie Katharina fand, war sein Bruder Benedict der ewig jung gebliebene Gute-Laune-Mensch, den alle nur Bene nannten. Er liebte das Leben mit all seinen Vorzügen und hielt sich mit Dingen, die nicht in seinen Plan passten, nicht länger auf als unbedingt nötig. Gerade diese Leichtigkeit, die Benjamin so fehlte, hatte Katharina an Bene von Anfang an gemocht. Sie schien sich auf sie selbst zu übertragen, wenn sie mit Bene zusammen war, und ließ sie auch ihre eigenen Sorgen oft vergessen. Trotzdem gab es in letzter Zeit immer wieder Momente, in denen sie sich wünschte, dass Bene etwas mehr wie sein Bruder wäre. Und zuletzt waren diese Momente gehäuft vorgekommen. Vielleicht hatte sie gerade deshalb den Abend bei Ben so genossen? Katharina ermahnte sich selbst. Sie musste diese komischen Gedanken über Ben schleunigst aus dem Kopf bekommen. An erster Stelle war Benjamin Rehder nämlich vor allem eines: ihr Chef! Und sie arbeiteten täglich eng zusammen, da waren solche Gedanken oder Gefühle komplett fehl am Platz. Dass sie mit seinem Bruder seit Jahren eine … ja, was eigentlich, eine Affäre? … hatte, war schon unprofessionell genug, auch wenn sie fand, dass Ben damit die meiste Zeit sehr souverän umging. Plötzlich kam ihr ungewollt München in den Sinn. Auch mit Maximilian hatte sie eng zusammen gearbeitet. Als zuständiger Staatsanwalt war er in zahlreichen Fällen, die sie in München aufzuklären hatte, ihr Ansprechpartner gewesen. Und außerhalb des Jobs hatten sie dann auch noch Tisch und Bett miteinander geteilt. Bis heute konnte Katharina nicht verstehen, warum sie nie gemerkt hatte, dass sie ihr Leben mit einem kaltblütigen Mörder teilte. Hätte sie nicht wenigstens einmal einen Zweifel spüren müssen? War er ein so begnadeter Schauspieler gewesen oder hatte sie es einfach nicht sehen wollen? In jedem Fall hatte Katharina sich damals geschworen, in Zukunft Privates und Berufliches sehr strikt zu trennen. Allerdings musste sie zugeben, dass ihr das in Lüneburg von Anfang an nicht in der gewünschten Konsequenz gelungen war. Katharina erschauderte und zog den üppigen Wollschal etwas weiter ins Gesicht. Noch heute ließ ihr allein der Gedanke an Maximilians Taten das Blut in den Adern gefrieren. Zum Glück war sie inzwischen schon am Kommissariat angelangt. Höchste Zeit, sich vom Job ablenken zu lassen. Allein mit Ben in dem großen Büro und ohne einen akuten Fall würde das allerdings gar nicht so einfach werden, fürchtete die Kommissarin. Als sie wenig später die Tür zum Gemeinschaftsbüro öffnete, freute sie sich daher sehr, als das noch etwas blasse, aber gewohnt fröhliche Gesicht von Tobi ihr entgegen grinste: »Guten Morgen, liebste Kollegin, da bin ich wieder!«

09:15 Uhr

Alina lag noch im Bett. Sie hatte einfach keine Lust, aufzustehen, und in die Uni musste sie erst später. Sie genoss es, endlich alleine zu wohnen und der Fuchtel ihrer Mutter entkommen zu sein. Bereits seit gut drei Wochen wohnte sie nun schon hier in ihrer Einzimmerwohnung im Gartenweg in Oedeme. Die Wohnung war nicht besonders hell, da sie im Souterrain lag, doch Alina hätte sich kein besseres Zuhause vorstellen können. Es war ihr eigenes kleines Reich, in dem sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Vorher war sie von Garlstorf aus zu der nur etwa 30 Kilometer entfernt liegenden Leuphana Universität in Lüneburg gependelt, und wenn es nach ihrer Mutter gegangen wäre, würde sie das nach wie vor tun. Alina war stolz auf sich, dass sie sich durchgesetzt hatte, denn es war kein einfacher Kampf gewesen. Natürlich hatte ihre Mutter einige Argumente vorgebracht, die gegen eine eigene Wohnung in der Universitätsstadt sprachen. An vorderster Stelle das »herausgeschmissene« Geld für die Miete. Im Grunde war es ihr jedoch einzig und allein darum gegangen, ihre Tochter bei sich zu Hause zu behalten, sie weiter versorgen und im wahrsten Sinne des Wortes bemuttern zu können. Erst als Alina betont hatte, dass sie mit ihren 22 Jahren ganz gut selbst auf sich aufpassen könne, zudem sie versprochen hatte, jeden Tag mindestens einmal anzurufen und einmal die Woche vorbeizukommen, war die Diskussion beendet gewesen.

Heute wollte Alina nach der Uni – sie hatte nur eine einzige Vorlesung – nach Garlstorf zu ihrer Mutter fahren. Sie würden zusammen zu Abend essen und dann würde ihre Mutter fragen, ob Alina nicht »zu Hause« schlafen wolle. So war es zumindest die letzten beiden Male gewesen. Alina war hart geblieben und mit ihrem klapprigen Golf II zurück nach Lüneburg gefahren. Für heute nahm sie sich das ebenfalls vor.

Irgendwo in einer der Nachbarwohnungen über sich hörte sie ein Baby schreien, und sie musste daran denken, dass ihre Mutter sie alleine großgezogen hatte, worin sie den Hauptgrund für die extreme Bemutterung sah. Dann war es wieder still um Alina herum. Entspannt kuschelte sie sich in ihr Kissen, schloss die Augen und lauschte den verschiedenen Geräuschen ihres neuen Zuhauses. Die meisten kannte sie schon ziemlich gut und konnte sie einordnen. Sie hörte nebenan die Scharniere ihres Badezimmerfensters quietschen. Wahrscheinlich hatte der Wind das Fenster bewegt, aber wieso war es offen? Sie hatte das letzte Mal gestern Abend geduscht und das Fenster danach zum Lüften weit geöffnet. Hatte sie vergessen, es wieder zu schließen? Das war nachlässig gewesen. Nicht nur, weil es im Badezimmer bei diesen Außentemperaturen jetzt sicher eiskalt war. Alina konnte sich außerdem erinnern, dass vor einigen Jahren in Lüneburg ein Triebtäter umgegangen war, der bei jungen, allein lebenden Frauen eingedrungen war, um sie zu vergewaltigen. Die Presse hatte ihn den »Schwarzen Mann« getauft, da er bei seinen Überfällen stets eine schwarze Neoprenmaske getragen hatte. Ein kleiner Schauer überlief die junge Frau bei dem Gedanken, dass die ganze Nacht jemand bei ihr hätte einsteigen können. Gut, der »Schwarze Mann« saß längst hinter Gittern, aber dennoch: So ein offen stehendes Fenster in einer Souterrainwohnung kam einer Einladung gleich. Es musste ja nicht gleich ein »Schwarzer Mann« sein, sondern bloß ein Kleinkrimineller, der seine Chance wahrnahm, irgendetwas zu ergattern, was er zu Geld machen konnte. Auch das wäre schlimm genug und würde ihrer Mutter in die Hand spielen, dass sie doch noch nicht erwachsen genug war, um allein zu leben.

Alina schälte sich seufzend unter ihrer Bettdecke hervor, um aufzustehen. In diesem Moment nahm sie ein weiteres Geräusch wahr. Es kam ebenfalls aus dem Badezimmer und klang, als wäre ein Sack Mehl umgekippt. Oder aber als wäre ein Mensch mit Turnschuhen vom Fenstersims ins Bad hineingesprungen … Alina schluckte. Ihr Herz begann schneller zu pochen, und die feinen Härchen auf ihren Armen richteten sich auf. Auf Zehenspitzen schlich sie sich leise an die geschlossene Badezimmertür heran und legte ihre Hand sachte auf den Türgriff. Sie hielt den Atem an, öffnete mit einem Ruck die Tür und spähte in das kleine Duschbad. Bis auf die Tatsache, dass ihr eisige Kälte entgegenschlug, weil das Fenster tatsächlich sperrangelweit offen stand, sah der Raum aus wie immer. Vor allem war hier niemand außer Alina selbst, die erleichtert ausatmete. Dann fiel ihr Blick auf den vorgezogenen Duschvorhang, und augenblicklich begann ihr Herz das Blut wieder schneller durch ihre Adern zu pumpen. Hatte der Vorhang sich nicht eben gerade leicht bewegt? Versteckte sich jemand in ihrer Duschkabine? Hatte sie selbst den Vorhang gestern dermaßen ordentlich zugezogen? Es sah alles zu akkurat aus und irgendwie inszeniert … Da! Der Vorhang bewegte sich wieder. Es war eine kaum wahrnehmbare Bewegung gewesen, doch Alinas Sinne waren durch die Anspannung geschärft. Okay, das konnte ein Windzug gewesen sein, aber sie musste Gewissheit haben.

Der Blick der Studentin huschte im Badezimmer herum, bis er an der Haarspraydose hängen blieb, die auf dem Ablagetischchen zwischen Waschbecken und Duschkabine stand. Sie griff die Dose blitzschnell mit der rechten Hand und hielt sie hocherhoben in Richtung Vorhang, den Zeigefinger dabei auf den Sprühknopf gelegt, bereit, sofort loszusprühen, sobald sie angegriffen wurde. Dermaßen gewappnet, machte sie einen schnellen Schritt nach vorn, riss in einer fließenden Bewegung mit der linken Hand den Duschvorhang beiseite und starrte in eine leere Duschkabine. Über sich selbst lachend, entspannte sie sich wieder, stellte die Dose zurück an ihren Platz, ging zum Fenster und schloss es mit einem festen Ruck. Glücklich darüber, dass nichts anderes als der Wind der Übeltäter in ihrem Bad gewesen war, begann sie »Der Wind hat mir ein Lied erzählt« von Zarah Leander vor sich hinzusummen. Sie war, was viele ihrer Altersgenossen nicht nachvollziehen konnten, ein großer Fan dieser alten Schlager und kannte die meisten auswendig. Spontan entschloss sie sich, nicht wieder zurück ins Bett zu gehen, sondern eine heiße Dusche zu nehmen. Noch immer summend zog sie sich ihr Schlafshirt über den Kopf, als eine zweite Stimme hinter ihr ebenfalls zu summen begann.

Es war ein tieferes Summen als ihres. Alinas Nackenhaare stellten sich auf, sie verstummte augenblicklich, und instinktiv verdeckte sie ihre bloßen Brüste mit beiden Händen. Zögernd, obwohl die schiere Furcht sie antrieb, drehte sie sich um und sah sich in der Enge des Raumes ihrem schlimmsten Albtraum gegenüber: dem »Schwarzen Mann.« Das darf nicht sein, das kann auch gar nicht sein! Der sitzt doch im Gefängnis! Es stand doch damals in der Zeitung! Das muss ein dummer Scherz sein! In Sekundenschnelle ratterten all diese Gedanken durch Alinas Kopf, während sie die maskierte Gestalt mit schreckgeweiteten Augen anstarrte, die ruhig dastand und immer noch summte, während ihre eigene Stimme längst verstummt war.

Genau so hatte er sich das erste Mal nach der langen Abstinenz vorgestellt: Ungläubige Erkenntnis in den Augen einer jungfräulichen Schönheit. Schon allein für diesen Moment hatte es sich gelohnt, den Psychologen das zu erzählen, was sie hören wollten. Helmut Heinzen grinste unter seiner Maske, während er weitersummte und auf Alina zuging, die ihn anstarrte wie das Kaninchen die Schlange.

Helmut Heinzen war vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Anstelle von acht Jahren hatte er wegen guter Führung nur fünf in der JVA gesessen. Danach war er in den Maßregelvollzug im Moringer Fachkrankenhaus für Forensische Psychiatrie gekommen, seinem schnellen Weg in die Freiheit, denn hier waren diese Psychoheinis nach einem halben Jahr zu dem Ergebnis gelangt, dass von ihm »keine Gefährdung« mehr ausging, und so wurde ihm der Rest seiner Strafe erlassen. Er war wieder ein freier Mann. Seit mittlerweile zwei Wochen. Zwei Wochen, in denen er sich mächtig zusammengerissen hatte, sich nicht gleich die Erstbeste zu nehmen, um Druck abzulassen. Nein, er hatte seine erste Frau nach der Zeit hinter Gittern in Ruhe ausfindig machen wollen. Auch, um sie erst einmal ein paar Tage zu beobachten. Sie sollte etwas ganz Besonderes sein, und um das zu beurteilen, musste er auch über ihren Alltag Bescheid wissen. Und er musste ihre Gewohnheiten kennen, damit er nicht das Risiko einging, an ihrem »Hochzeitstag«, wie er seit jeher seine ekstatischen Begegnungen mit Frauen nannte, von Unvorhergesehenem überrascht zu werden.

Dafür war Helmut Heinzen vor gut einer Woche zur Mittagszeit in die Mensa der Uni gegangen. Dort herrschte so viel Trubel, dass er gar nicht weiter auffiel. Außerdem schlug er so zwei Fliegen mit einer Klappe, weil er während des Sondierens und Beobachtens auch gleich etwas essen konnte.

Da Heinzen auch früher schon seine Frauen meist an der Uni gefunden hatte, hatte er sich vorab vergewissert, dass keine ihm bekannte Polizistenvisage vielleicht auf die Idee gekommen war, sein Mittagessen gut und günstig ebenfalls an der Uni einzunehmen. So jemand hätte sofort Lunte gerochen und ihm seine Brautschau vermasselt, bevor sie richtig begonnen hatte. Außerdem hätte es ihm den Appetit verdorben, vor allem, wenn es sich um dieses Bullenschwein Rehder gehandelt hätte. Rehder hatte ihn damals in den Knast gebracht, und seit diesem Tag hatte Heinzen immer wieder daran gedacht, wie er sich an ihm rächen konnte. Wäre er jedoch in der Mensa auf Rehder gestoßen, wäre er ihm sicherlich in blindem Hass an die Gurgel gegangen, was sein Rückfahrticket in die Haft bedeutet hätte.

Heinzen hatte Glück gehabt und weder Benjamin Rehder noch einen anderen »alten Bekannten« in der Mensa getroffen. Dafür hatte er Alina sofort für sich entdeckt. Sie hatte direkt vor ihm in der Schlange an der Essensausgabe gestanden. Sie war ungefähr so groß wie er, hatte ihr brünettes Haar zu einem Bubikopf geschnitten und Beine wie ein junges Reh, auf denen sie etwas unsicher durch die Mensa gestakst war, als sie sich einen Platz gesucht hatte. Am meisten hatte ihm gefallen, dass keiner der männlichen Mensa-Besucher ihr hinterher glotzte. Sie war keine, die ihre Reize zur Schau stellte. Sie war eher eine verborgene Schönheit, das hatte er sofort erkannt, und gerade deswegen war seine Wahl auf sie gefallen. Genau so liebte er die Frauen. Er hatte sich ein paar Plätze von ihr entfernt hingesetzt, und als sie ging, hatte er ihr sehnsüchtig hinterhergeschaut. Bereits ein paar Tage später hatte er ihren Namen herausgefunden, und danach war es ein Leichtes gewesen, auch ihre Adresse in Erfahrung zu bringen. Und jetzt stand er hier summend in ihrer Wohnung und war mehr als bereit.

Heinzen trat noch einen weiteren Schritt auf Alina zu. Diesmal wich sie zurück und wäre fast über den Duschwannenabsatz gestolpert. Sie konnte sich gerade eben noch fangen, löste dafür jedoch reflexartig ihre Arme vor der Brust.

»Bleib so«, kam es hinter der Maske im Befehlston hervor. Alina gehorchte. Sie kam sich so hilflos vor. Sie wollte schreien, doch es kam nicht mehr als ein heiseres Krächzen aus ihrer Kehle. Ihre Augen wanderten zur Haarspraydose, die sie eben noch in der Hand gehalten hatte. Heinzen registrierte das alles.

»Nicht schreien. Und vergiss die Dose. Auch auf andere dumme Ideen solltest du nicht kommen. Du musst einfach nur machen, was ich will, dann passiert dir auch nichts«, knurrte Heinzen die Studentin an, deren barbusiger Anblick ihn schon fast zum Platzen brachte. Er hatte sie bereits einmal nackt gesehen. Vor zwei Tagen, als er sie am frühen Morgen durch ihr Fenster beobachtet hatte. Draußen war es noch dunkel gewesen, sodass er unbemerkt in ihr hell erleuchtetes Zimmer spähen konnte, in dem sie schlief, aß, arbeitete, Fernsehen guckte und sich umzog. Und jetzt gleich würde er ihr genau in dem Zimmer zeigen, was für ein Mann er war. Hierfür ließ er seine schwarz behandschuhte Hand vorschnellen, um ihren Arm zu greifen. Dann zog er sie mit einem Ruck an sich und weidete sich an der Panik in ihren Augen, die jetzt so dicht vor seinen waren. Alina schluckte und öffnete den Mund, aus dem sie ein einziges Wort hervorflüsterte: »Warum?«

Kurz öffnete auch Heinzen seinen Mund, für den in seiner Neoprenmaske ein Loch war, dann überlegte er es sich jedoch wieder anders und schloss ihn. Wozu sollte er sich Alina erklären? Er war der Mann und hatte das überhaupt nicht nötig. Stattdessen legte er den linken Arm um ihre Taille, presste sie noch enger an sich, drehte sich wie im Tanz mit ihr in einem Halbkreis und führte sie schwer atmend aus dem Badezimmer hinaus.

09:23 Uhr

Katharina stand vor der kleinen Anrichte im Büro und beobachtete, wie der duftende Kaffee in ihre Lieblingstasse lief. Sie war das Einzige, was sie aus ihrer Dienststelle in München mitgenommen hatte. Helen hatte ihr die Tasse im letzten Sommer, den sie zusammen verbracht hatten, geschenkt. Katharina konnte sich noch genau an die Worte ihrer inzwischen bereits seit vier Jahren toten Münchener Teampartnerin erinnern. »Hier, Katha, die ist für dich, von Freundin zu Freundin. Und damit du nicht immer aus meiner trinkst!«

Als das Brummen des Kaffeevollautomaten verstummte, holte Katharina die dampfende Tasse darunter hervor und drehte sich zu Tobi um.

»Du möchtest wirklich keinen Kaffee?« Auffordernd streckte sie ihm ihre Tasse entgegen. »Ich würde dir heute sogar meine geliebte Pünktchentasse abtreten!«

Tobias grinste. »Nee, lass mal. Ich hab dieses Magen-Darm-Abenteuer zwar weitestgehend überstanden, aber vom Kaffee lass ich heute wirklich lieber noch die Finger.« Er tippte auf eine bunt gestreifte Thermoskanne, die auf seinem Schreibtisch stand. »Aber wenn du möchtest, gebe ich dir gern was von meinem Fencheltee ab«, grinste er und drehte den Verschluss auf. Während er bereits zum zweiten Mal an diesem Morgen einen großen Becher mit der hellen, dampfenden Flüssigkeit füllte, schüttelte er sich. »Brrr, allein bei dem Geruch wird mir schon ganz anders.«

Katharina lächelte. »Dann ist es wohl Helmchens Verdienst, dass du das Zeug trotzdem trinkst, richtig?« Sie ging zu ihrem Schreibtisch, setzte sich in den Drehstuhl davor und beobachtete, wie Tobi mit gequältem Gesicht einen ersten Schluck seines Fencheltees schluckte. »Nun stell dich mal nicht so mädchenhaft an, lieber Kollege. Deine Freundin meint es nur gut mit dir.«

»Ja, schon klar«, murrte der Kommissar, doch Katharina wusste, dass er nicht wirklich maulig war. Er war nun schon fast so lange mit Jana Helm, genannt Helmchen, zusammen, wie sie selbst in Lüneburg war. In Katharinas allererstem Mordfall in Lüneburg war die junge Hotelangestellte diejenige gewesen, die die Leiche entdeckt hatte. Und dann hatten Tobias und sie sich gefunden … Dabei hatte Tobi sich damals durchaus in der Rolle des Schwerenöters gefallen. Er hatte so ziemlich jedem Rock hinterhergeschaut, ohne es mit dessen Trägerin wirklich ernst zu meinen. Auch heute war er nach wie vor kein Kostverächter, allerdings reichte ihm der Augenschmaus, wie er es selbst gern sagte. Helmchen war es halt gelungen, ihn zu zähmen. Katharina musste bei diesem Gedanken schmunzeln. Warum ein Schaf zähmen … Sie lachte kurz auf.

»Was ist los?«, fragte Tobi irritiert, und fasste sich ins Gesicht. »Wächst mir schon Grünzeug aus der Nase, weil ich so gesund lebe, oder was?«

»Nein, alles gut«, lachte Katharina. »Ich freu mich einfach nur, dass du wieder an Bord bist.« Dann sah sie sich im Raum um, wandte sich wieder an Tobias und fragte: »Apropos an Bord, wo ist denn eigentlich Ben? Es ist schon fast halb zehn. Auch wenn wir keinen akuten Fall auf dem Tisch haben: Das ist jetzt echt schon sehr zu spät für ihn.«

»Keine Ahnung, ich dachte eigentlich, das würdest du mir gleich erzählen. Hat er denn gestern nichts gesagt, dass er heute später kommt oder so?«

»Ben hat sich gestern ebenfalls krankgemeldet«, antwortete Katharina stirnrunzelnd. »Allerdings war ich mir sicher, dass er nur einen …« Schnell unterbrach sie sich selbst. Dass sie hinter der Krankmeldung ihres Chefs einen Kater vom gemeinsamen Vorabend vermutete, musste Tobi nicht unbedingt wissen. »… nur einen Tag fehlen würde und heute wiederkommt«, berichtigte sie sich schnell.

»Na, dann hab ich ihn vielleicht doch angesteckt!«, befürchtete Tobias. »Dann hat unser lieber Chef mein tiefstes Mitgefühl, das war nämlich …«

»Keine Details, bitte«, fuhr Katharina lachend dazwischen. »Vielleicht hat er einen Termin bei unserem Oberboss, und ich hab es nur vergessen. Wir wissen ja alle, wie Kriminalrat Mausner ist, wenn er einmal in Redelaune ist. Bestimmt kommt Ben gleich. Und ansonsten stemmen wir zwei das hier schon alleine. Ist eh nichts los.«

Tobias blickte auf den akkurat aufgeräumten Schreibtisch seiner Kollegin. »Offensichtlich. Respekt, Katharina – ich glaube, so ordentlich habe ich deinen Schreibtisch seit mindestens fünf Jahren nicht gesehen!«

»Scherzkeks«, grinste Katharina. »So lange bin ich ja noch nicht mal in Lüneburg!«

»Ja eben …« Tobias duckte sich in dem Wissen, dass bei einem solchen Spruch gern mal etwas von Katharinas Seite zu ihm herübergeflogen kam. Doch der Schreibtisch der Kommissarin war tatsächlich so leer gefegt, dass sie auf die Schnelle nicht einmal ein zerknülltes Stück Papier oder einen Radiergummi in die Finger bekam.

»Glück gehabt, mein Lieber!«, grinste sie hinüber. Dann sah sie auf die Uhr. »Wenn ich ehrlich bin, hab ich ein bisschen Hunger. Ich glaub, ich spring mal eben rüber zum Bäcker und hol mir ein Franzbrötchen.« Gespielt mitleidig guckte sie Tobi an und fragte: »Soll ich dir vielleicht ein Päckchen Zwieback mitbringen?«

»Besten Dank«, antwortete Tobi und konnte trotz der zur Schau gestellten bösen Miene sein Lachen nicht unterdrücken. »Dann werde ich garantiert richtig krank. Ein Milchbrötchen tut es auch, und zwar mit Rosinen!«

»Uähhh«, schüttelte sich Katharina. Schon bei dem Gedanken an die kleinen schwarzen getrockneten Weintrauben verging ihr fast wieder der Appetit. Aber zum Glück nur fast.

»Okay«, beschloss sie die Diskussion, »dann lauf ich eben schnell rüber und hol uns was. Du kannst ja in der Zwischenzeit schon mal überlegen, ob dir für uns zwei Hübschen eine sinnvolle Beschäftigung einfällt, falls es hier weiterhin so ruhig bleibt.« Sie zeigte noch einmal auf ihren Vorzeigeschreibtisch. »Aufzuräumen hab ich jedenfalls nichts mehr, und irgendwie müssen wir den Tag ja rumkriegen.«

»Stimmt«, erwiderte Tobi. »Und vermutlich wäre es nicht wirklich prickelnd, wenn Mausner hier nachher vorbeischaut und uns beim Kartenspielen erwischt … Dann leiht er uns nachher wieder für eine Demo-Überwachung aus oder sonst was. Ich lass mir was einfallen! Jetzt hau schon ab, ich hab auch Hunger!«

Nach weniger als zehn Minuten stand Katharina wieder im gemeinsamen Büro und hielt Tobias eine Brötchentüte entgegen. »Einmal Rosinenbrötchen für den Patienten, bitte sehr!«

»Besten Dank, Schwester Katharina«, gab der Kommissar grinsend zurück. »Ich hab dir auch schon einen frischen Kaffee gemacht. Guten Appetit!«

»Dito!«, antwortete Katharina und setzte sich an ihren Schreibtisch, an dem aus der Pünktchentasse heißer Kaffeedampf aufstieg. »Und, hast du dir überlegt, womit wir uns die Zeit vertreiben können?«

Tobias zuckte mit den Schultern. »Nicht wirklich, ehrlich gesagt. Aber wie wäre es, wenn du mir ein bisschen was über Fallanalyse beibringst. Du musst ja nicht ewig die einzige Profilerin vor Ort bleiben.«

»Interessiert dich das wirklich?«, fragte Katharina ehrlich überrascht. »Na klar«, erwiderte Tobias ernst. »Ich finde das schon bewundernswert, wie du teilweise in unseren Fällen aus ein paar wenigen Anfangsfakten ein komplettes Täterprofil erstellst. Und ich würde sagen, du hast in den meisten Fällen recht gehabt.«

Etwas verlegen sah Katharina den Kollegen an. »Na ja, dafür hab ich ja schließlich die ganzen Fortbildungen gemacht. Wäre ja traurig, wenn das dann so gar nicht klappen würde. Im Prinzip ist das ’ne reine Lernsache.«

»Na, na, nun stell dein Licht mal nicht so unter den Scheffel«, sagte Tobias lächelnd. »Ganz so einfach ist das sicher nicht. Ich würde schon gern wissen, wie …«

In diesem Moment klingelte das Telefon auf Katharinas Schreibtisch. Katharina hob ihren Zeigefinger, um Tobi deutlich zu machen, dass er seinen Gedanken im Kopf behalten sollte. Dann deutete sie aufs Telefon, als hätte Tobi das Klingeln nicht auch gehört, grinste ihn an und nahm den Hörer ab.

»Ich schätze mal, das mit meiner Nachhilfestunde in Fallanalytik wird erst mal doch nichts«, murmelte Tobi mehr zu sich selbst, nachdem Katharina stirnrunzelnd den Hörer wieder aufgelegt hatte. Das Gespräch hatte nicht lange gedauert und Katharina hatte nicht viel gesagt, doch allein das abschließende »Wir sind gleich da« hatte ihrem Kollegen deutlich gemacht, dass es einen neuen Fall für sie gab.

»Was ist passiert und wo müssen wir hin?«, fragte er nun und stand auf, um seine Jacke zu holen.

»Komische Sache«, antwortete Katharina, die ebenfalls aufgestanden war. »Die Ilmenau wird doch gerade trockengelegt und entrümpelt, wie jedes Jahr, dieses Jahr nur halt etwas verspätet«, sie sah auf die Uhr, bevor sie weitersprach. »Und vor einer halben Stunde haben Mitarbeiter der Stadtreinigung im Flussbett einen menschlichen Schädel gefunden.«

»Ach Gott, öfter mal was Neues«, unkte Tobias. »So was hatten wir auch noch nicht, jedenfalls nicht zu meiner Zeit.« Er zog seinen dicken Parka über und sah Katharina auffordernd an. »Na, dann lass uns mal los.«

»Warte kurz«, stoppte Katharina ihn. »Ich will nur schnell einen Zettel für Ben hinterlassen. Damit er weiß, wo wir sind, falls er gleich kommt.« Sie schnappte sich den kleinen Post-it-Block, den sie auf dem ordentlichen Schreibtisch sofort fand, schrieb eine kurze Info für ihren Chef darauf und klebte ihn an die Glastür von Bens separatem Büro. Dann schnappte auch sie sich ihre Lederjacke und den dicken Wollschal, der über der Stuhllehne hing, und verließ gemeinsam mit Tobias das Kommissariat.

Die beiden Kommissare hatten entschieden, zu Fuß zu gehen. Der Fundort des Schädels war nahe der Altenbrückertorstraße, und das war so dicht am Kommissariat, dass sie mit Ein- und Ausparken vermutlich mehr Zeit benötigt hätten. Nach wenigen Minuten konnten sie die Stadtreinigung am Ufer der Ilmenau auch schon sehen, ebenso den Streifenwagen und zwei uniformierte Beamte, die sich mit den Reinigungskräften unterhielten. Katharina schüttelte sich leicht und zog ihren dicken Strickschal etwas enger.

»Vielleicht solltest du dir mal eine anständige Winterjacke zulegen«, kommentierte Tobias das Frösteln seiner Kollegin. »Die Lederjacke trägst du ja nun wirklich zu jeder Jahreszeit, aber bei den aktuellen Temperaturen kannst du darin nur frieren. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich das aber auch schon letztes Jahr erwähnt. Und das Jahr davor auch … Ich mein, hallo? Wir haben minus zwei Grad, gefühlt wie mindestens minus acht Grad!«

Katharina sah ihn an und zog die Schultern nach unten. »Es geht schon, danke. Das liegt nicht an der Lederjacke, sondern daran, dass ich nicht sonderlich scharf darauf bin, mir diesen Schädel anzugucken. Wir haben es ja eben nicht mal mehr geschafft, unser Frühstück aufzuessen. Und auf fast nüchternen Magen brauche ich solche Sachen nicht unbedingt.« Sie zog die Jacke etwas enger zusammen und kreuzte die Arme vor der Brust. »Okay, und vielleicht ein bisschen an der Kälte. Ich hätte einfach einen dickeren Pullover drunterziehen sollen.«

Tobias grinste. »So ein paar Macken hast du eben doch, meine Liebe. Lieblingstasse, Lieblingsjacke …«

»… genau, und einen Lieblingskollegen, der gleich einen kleinen Stoß in die Rippen bekommt, wenn er nicht die Klappe hält«, frotzelte Katharina zurück.

»Denk dran«, sagte Tobias gespielt erschrocken, »ich bin immer noch krank!«

Katharina wollte gerade zu einer passenden Antwort ansetzen, als sie bereits am Ilmenau-Ufer ankamen und von den Streifenpolizisten begrüßt wurden.

»Moin, Kollegen«, erwiderte Tobi als Erster. »Na, was habt ihr Schönes für uns – ich hab da was von einem Schädel gehört?«

»Stimmt«, sagte ein bereits etwas älterer uniformierter Polizist. »Die Jungs von der Stadtreinigung haben vorhin wohl ziemlich blöd geguckt, als das Ding zum Vorschein kam. An Fahrräder, Waschmaschinen, Mülltüten und sonstigen Abfall sind sie ja bei diesen Aktionen gewöhnt, aber einen echten Schädel hat die Ilmenau so auch noch nicht zum Vorschein gebracht.«

»Wo finden wir denn den Schädel?«, fragte Katharina, um das gemütliche Geplänkel ihrer männlichen Kollegen zu stoppen.

»Da drüben, kommt mit«, antwortete der Uniformierte und ging ein Stück die Uferböschung hinunter, während die beiden Kriminalkommissare ihm folgten. Im nächsten Moment entdeckte Katharina auch schon Frauke Bostel, die gebückt am Ufer hockte. Die Rechtsmedizinerin, die ungefähr in Katharinas Alter war, begutachtete bereits den Schädel, wie die Kommissarin beim Näherkommen erkannte.

»Hi, Frauke«, begrüßte Katharina die Kollegin, »wie geht’s?«

»Na, auf alle Fälle mal besser als dem Eigentümer hier«, lachte Frauke Bostel und zeigte auf den Schädel, der im Gras lag.

»Ich liebe deinen Galgenhumor«, schmunzelte Katharina. »Kannst du uns schon was sagen?«

Inzwischen war auch Tobias dazugestoßen und betrachtete den von Schlamm und Dreck verkrusteten Fund, der trotz aller Verschmutzung eindeutig als menschlicher Schädel erkennbar war. »Moin, Frauke. Ist das überhaupt ein Fall für uns?«, fragte Tobi, während die Rechtsmedizinerin sich erhob.

»Berechtigte Frage«, erwiderte sie. »Also, ganz spontan würde ich behaupten, dass der Schädel schon seit mindestens zehn Jahren hier in der Ilmenau herumgegondelt ist. Und auf Anhieb sind keine Spuren eines Gewaltverbrechens zu erkennen, also nicht am Kopf jedenfalls«, erklärte sie den beiden Kommissaren. »Es sind aber noch ein paar weitere Knochen gefunden worden. Die liegen da hinten.« Frauke Bostel zeigte auf eine etwa fünf Meter entfernte kleine Grasfläche an der Böschung. Dann fuhr sie fort: »Ich nehme das alles mit in die Rechtsmedizin und untersuche es dort genauer in meinem stillen Kämmerlein. Sobald ich Näheres weiß, geb ich euch Bescheid. Momentan kann ich euch weder ein genaues Alter noch ein Geschlecht oder Sonstiges sagen, ihr habt also für eure Ermittlungen noch absolut keinen Ansatz.«

»Soll mir recht sein«, murmelte Katharina und wandte den Blick von dem Schädel ab. »Das ist nicht mein Ding, ganz komisch. Ich hab in meiner Zeit bei der Kripo ja nun echt schon so einige Leichen gesehen, aber die waren immer alle noch …« Sie suchte nach dem richtigen Ausdruck, für das, was sie sagen wollte.

»Frisch?«, kam Tobi ihr schmunzelnd zur Hilfe.

»Blödmann«, sagte Katharina, obwohl sie ihm zustimmte. Sie hätte es so nur nicht ausdrücken mögen.

»Wo er recht hat, hat er recht«, stimmte Frauke Bostel grinsend zu. »Mir wäre da jetzt auch kein besserer Begriff eingefallen, von den Fachbegriffen aus der Medizin mal abgesehen.«

»Oh nein, bloß nicht«, insistierte Tobias, der mit den lateinischen Begriffen, die Frauke Bostel gern mal anbrachte, ohne dabei auch nur ansatzweise arrogant zu wirken, überhaupt nichts anfangen konnte. »Das erinnert mich dann gleich wieder so an Schule, und ich bin nach wie vor heilfroh, dass ich das schon lange hinter mir habe!«

Katharina lächelte. »Wie schade! Eigentlich wollte ich dir mal einen Intensivkurs Latein schenken, damit du dich künftig so richtig professionell mit den Kollegen aus der Gerichtsmedizin austauschen kannst.«

»Ja, ja, Hauptsache ihr Frauen seid euch wieder einig«, winkte Tobias ab und trat ein Stück zur Seite. »Also ich würde sagen, für uns ist das hier heute erst mal erledigt, oder? Hier vor Ort gibt es doch für uns aktuell nichts zu tun. Oder sehe ich das falsch?«

»Sehe ich genauso«, stimmte Katharina zu. »Wir müssen abwarten, bis wir Genaueres wissen.«

»Ich beeile mich«, versprach Frauke Bostel, die bereits damit beschäftigt war, den Schädel vorsichtig in einer Plastikkiste zu verstauen, um ihn unbeschadet in die Rechtsmedizin zu transportieren.

Die beiden Kommissare verabschiedeten sich von ihr und von den übrigen Kollegen und machten sich auf den Weg zurück ins Kommissariat.

Als Katharina und Tobias wenig später ihr Büro wieder betraten, sah Katharina sofort, dass ihre Nachricht unberührt an Bens Tür klebte. Ihr Chef war also nach wie vor nicht aufgetaucht. »Komisch«, dachte sie bei sich, doch sie wollte Tobi gegenüber nicht zu besorgt wirken, darum sagte sie nichts.

Der Rest des Tages blieb so ruhig, wie er am Morgen begonnen hatte. Katharina holte sich in der Mittagspause etwas von ihrem Lieblingsitaliener und für Tobias brachte sie eine Hühnerbrühe aus dem Feinkostmarkt, der Am Sande lag, mit. Tobias freute sich dermaßen überschwänglich über diese Geste, dass er erst ruhig wurde, als Katharina schwor, ihm nie wieder etwas zum Essen mitzubringen, wenn er sich weiter so aufführte. Danach aßen sie schweigend. Anschließend unterhielten sie sich eine Weile über die Fälle, die ihnen im Laufe des fast beendeten Jahres auf den Tisch gekommen waren. Schließlich kam Tobi auf seine Idee vom Vormittag zurück. Er schien sich tatsächlich dafür zu interessieren, wie Katharina an Fallanalysen heranging.

»Warum hast du mich das nicht schon viel früher mal gefragt?«, wunderte sich die Kommissarin. »Ich mach das doch schon, seit ich hier bei euch angefangen habe. Bisher hatte ich immer das Gefühl, dass dich das nicht die Bohne interessiert.«

Tobias blieb ungewöhnlich ernst, als er antwortete: »Na ja, ich werde auch nicht jünger. Es kann sicher nicht schaden, noch ein bisschen was dazuzulernen, und momentan fällt mir das vielleicht nicht so schwer wie in ein paar Jahren.«

Katharina war ehrlich überrascht. »Mit dir ist es doch tatsächlich nie langweilig. Da denkt man jahrelang, du bist froh, nur das Nötigste an Theorie machen zu müssen, und dann kommst du plötzlich mit solchen Aussagen um die Ecke … Hast du irgendwas Bestimmtes in Planung?«

»Keine Sorge, Katharina, ich hab garantiert nicht vor, dir deinen Bereich streitig zu machen«, sagte Tobias vorsichtig.

»Um Gottes willen, so hab ich das nicht gemeint!«, erwiderte Katharina rasch. »Wirklich nicht! Ich finde es total gut, wenn du noch ein bisschen weiterkommen willst und wenn ich hier jemanden habe, mit dem ich mich vielleicht auch mal vor Ergebnispräsentationen austauschen kann. Bisher hab ich dich einfach nur nicht für besonders interessiert oder ehrgeizig gehalten, was das angeht.«

»Na ja«, zögerte Tobias. »Klar will ich weiterkommen. Und dass ich mit einem höheren Dienstgrad auch eine Ecke mehr Kohle verdienen würde, ist schließlich auch kein Geheimnis. Das kann ja nie schaden. Und überhaupt …«

Katharina hatte den Eindruck, als wäre Tobi die Richtung, die das Gespräch einschlug, irgendwie unangenehm. Sie konnte das zwar nicht wirklich erklären, wollte ihn aber auch nicht noch mehr in Verlegenheit bringen.

»Also los, was willst du wissen?«, versuchte sie daher, die Unterhaltung wieder etwas zu lockern. »Ich stehe dir sehr gern Rede und Antwort zu meinem Lieblingsthema!«

Tatsächlich schien Tobias sich schon länger mit diesem neueren Bereich der Polizeiarbeit auseinandergesetzt zu haben, denn die Fragen sprudelten nur so aus ihm heraus. Katharina wiederum redete sich teilweise richtig in Rage, denn schon lange hatte sie nicht mehr so konkret über ihr Spezialgebiet gesprochen. In der Regel wandte sie das, was sie in zahlreichen Fortbildungen gelernt hatte, für sich alleine an und präsentierte den Kollegen dann am Ende ihr Ergebnis. Das war etwas ganz anderes, als den Weg dorthin zu erläutern.

Der Nachmittag verflog wie von allein und sowohl Tobias als auch Katharina waren fast erschrocken, als sie bemerkten, dass es draußen inzwischen schon dunkel geworden war.

»Wow«, lachte Tobias. »Das nenne ich mal Begeisterung fürs Thema. Hast du schon mal drüber nachgedacht, als Dozentin zu arbeiten?«

Verdutzt sah Katharina ihn an. »Ehrlich gesagt noch nie!«, antwortete sie. »Wie kommst du darauf?«

»Ganz einfach, weil du großartig erklären kannst. Und weil es ansteckend ist, mit welcher Faszination und Leidenschaft du diesen ganzen theoretischen Kram versprühst. Man hört dir echt gern zu.« Er erkannte ihren zweifelnden Blick. »Ich meine das ganz ehrlich. Du hast ja absolut recht, dass ich mich um solche Themen generell nicht reiße. Aber mit einer Lehrerin wie dir würde mir wahrscheinlich sogar Geschichtsunterricht Spaß machen.«

»Danke für die Blumen«, sagte Katharina, immer noch ein wenig irritiert. »Aber das wäre nicht mein Ding. Ich möchte an konkreten Fällen arbeiten, das, was ich gelernt habe, selbst anwenden. Ein Leben ohne aktiven Dienst und nur am Schreibtisch … nein, danke.«

»Na, umso besser«, erwiderte Tobias, »ich hab auch keine große Lust, mich an einen neuen Kollegen gewöhnen zu müssen, nachdem ich es mit dir jetzt endlich gerade so eben aushalte …« Er lachte und duckte sich, wie schon am Morgen, aus gespielter Sorge vor der Reaktion Katharinas, doch sie lächelte ihn lediglich süffisant von der gegenüberliegenden Schreibtischseite an. »Du wirst schon noch sehen, was du davon hast. Ich werde mal ein Profil von dir erstellen, und das schenk ich Helmchen zu Weihnachten, zusammen mit ein paar guten Ratschlägen, wie sie mit dir umgehen sollte. Mal sehen, ob du dann immer noch so viel zu lachen hast!«

Tobias hob die Hände: »Okay, ich geb auf, du hast gewonnen! Schon allein, weil ich jetzt Feierabend machen werde, um zu meinem Helmchen zu gehen. Wie sieht es bei dir aus?«

Katharina sah auf ihre Armbanduhr. »Ich werde mich auch auf den Weg machen. Dann kann ich direkt noch ein paar Besorgungen erledigen.«

»Okay«, sagte Tobias, während er sich seine Jacke überzog. »Dann hau ich schon mal ab, wir sehen uns morgen!«

Katharina wartete, bis sie Tobias vom Fenster aus die Straße entlanggehen sah. Dann schnappte sie sich ebenfalls ihre Jacke, hängte sich den Schal lose um den Hals und verließ das gemeinsame Büro.

17:43 Uhr

Katharina stand stirnrunzelnd an ihrem Küchenfenster und sah in die Dunkelheit hinaus. Auf dem Fußweg vom Kommissariat zu ihrer Wohnung hatte sie kurzerhand ihr Handy hervorgeholt und die Nummer von Benjamin Rehder gewählt. Es sah ihm in ihren Augen einfach nicht ähnlich, sich nicht abzumelden, auch wenn Tobi sich darüber offenbar nicht so sehr gewundert hatte. Sie wollte auch nicht zu besorgt wirken – vor allem nicht nach ihrem gemeinsamen Abend vor dem Kamin –, aber schließlich hatte sie trotzdem beherzt seine Nummer gewählt, denn sie hatte ja einen zusätzlichen Grund: Ben hatte sich für heute Abend mit ihr zu einem Bummel über den Weihnachtsmarkt verabredet und sie wollte wissen, ob diese Vereinbarung noch stand oder sie ihren Abend anders verplanen musste. Das wäre zumindest die Begründung, die sie ihm für ihren Anruf nennen wollte. Noch während sie sich überlegt hatte, wie sie das Gespräch möglichst unverbindlich und neutral beginnen könnte, war der Anrufbeantworter von Benjamin Rehders Festnetzanschluss angesprungen. Katharina sprach eigentlich ungern irgendjemandem auf Band, aber in diesem Moment war sie so überrascht, dass sie spontan losgebrabbelt hatte: »Hey, Ben, äh, ich bin’s, Katharina. Ich wollte eigentlich nur wissen, ob unser Date heute Abend noch steht, du hast es ja den ganzen Tag nicht für nötig gehalten, dich mal zu melden. Wäre schön, wenn du mir Bescheid gibst. Tschüss.« Als sie die Verbindung beendet hatte, war sie über sich selbst erschrocken gewesen. »Unser Date?«, hatte sie fassungslos vor sich hingemurmelt. »Bin ich eigentlich noch ganz dicht? Und mein Tonfall … Na, das hab ich ja mal wieder super hinbekommen!«

Als sie jetzt in ihrer Wohnung stand, aus dem Fenster blickte und daran dachte, ärgerte sie sich noch immer maßlos über ihre Worte. Doch jetzt war das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Sie hatte zwar nach ihrer verkorksten Bandansage obendrein Bens Handynummer gewählt, aber auch dort war nur die Mailbox angesprungen, und eine zweite Nachricht hatte die Kommissarin sich tunlichst verkniffen. Ihr Ärger über sich selbst wich, seit sie zu Hause angekommen war, immer mehr der Sorge um Ben. Wo steckte er? Er rief sonst immer zurück und war ein Ausbund an Zuverlässigkeit. Auch dass er ihre Verabredung so einfach vergessen haben sollte, konnte sie sich nicht vorstellen. Ganz abgesehen davon, dass es nicht zu ihm passte, sich mit einer SMS krankzumelden und dann nicht wenigstens am nächsten Tag noch einmal Bescheid zu geben. Außerdem hatte er nicht geschrieben, was er hatte. Okay, gestern hatte sie noch angenommen, es wäre ein Kater, doch dann hätte Ben heute wieder im Dienst erscheinen können. Aber wenn er nun … Katharina stockte der Atem. Wenn er nun gar keinen Kater oder eine harmlose Grippe, sondern einen Unfall gehabt hatte und im Krankenhaus lag! Nein, das hätte sie erfahren. Wenn nicht vom Krankenhaus, dann von Bens Bruder. Da war Katharina sich sicher. Also fiel diese Möglichkeit aus. Aber was war dann mit Ben? Kurzentschlossen schnappte sie sich ihre Lederjacke, griff den Schal und den Schlüsselbund und verließ die Wohnung. Eine Straße weiter ging sie zielstrebig auf das kleine schwarze Cabrio zu, und wie bisher jedes Mal entlockte ihr der Anblick ein kleines Lächeln. Erst vor drei Monaten hatte sie sich – in ihren Augen ziemlich spontan – diesen schicken kleinen Flitzer gegönnt. In München hatte sie kein Auto besessen. Dort hatte sie entweder die öffentlichen Verkehrsmittel genutzt oder war mit dem Auto von Maximilian gefahren. Als sie nach Lüneburg gekommen war, hatte sie sich lange Zeit überhaupt keine Gedanken um ein Auto gemacht – innerhalb der Stadt war es zu Fuß oder mit dem Rad in ihren Augen viel bequemer. Schon allein, weil die Parkplatzsituation in der Altstadt nicht gerade komfortabel war. Mit der Zeit hatte es sie aber doch ab und an genervt, keinen Wagen zu haben, denn wenn sie mal aus der Stadt raus wollte, war sie mit den Öffentlichen doch sehr eingeschränkt. Und dann war ihr Blick eines Tages bei der Fahrt durch Bardowick an einem der dort ansässigen Autohäuser, genauer gesagt an diesem kleinen Flitzer hängen geblieben. Zwei Tage später hatte sie den Kaufvertrag unterschrieben. Und auch wenn sie das Auto unter der Woche wenig nutzte, hatte sie den Kauf bisher nicht im Ansatz bereut.

Jetzt öffnete Katharina die Fahrertür, setzte sich in den Sportsitz und schnallte sich an. Bevor sie den Motor startete, überlegte sie noch einmal, ob ihr Vorhaben richtig war, und entschied sich dann dafür. Sie würde jetzt zu Benjamin Rehder nach Hause fahren und gucken, ob er dort war. Möglicherweise ging es ihm ja wirklich schlecht und er konnte Hilfe gebrauchen. Sie drehte den Zündschlüssel, zirkelte den Wagen geschickt aus der engen Parklücke und verließ die Altstadt in Richtung Ochtmissen.

Knapp 15 Minuten später erreichte sie das Haus, das Benjamin Rehder vor einigen Jahren mit seiner damaligen Frau Simone gekauft hatte. Obwohl das Haus im Lüneburger Stadtteil Ochtmissen lag, gleichzeitig einem der ältesten Dörfer des Landkreises und schon allein deswegen zum Teil recht idyllisch, fand Katharina es ziemlich spießig, hatte das ihrem Chef gegenüber aber natürlich nicht erwähnt. Langsam fuhr sie auf Bens Haus zu. Alles schien dunkel zu sein und sein Auto stand nicht unter dem Carport. Irritiert hielt sie den Wagen einige Meter vor Bens Einfahrt an. Sicher ist sicher, dachte sie und stieg aus. Sie ging zielstrebig auf die Haustür zu und klingelte. Nichts. Kein Licht, kein Geräusch und schon gar keine sich öffnende Tür. Ben war tatsächlich nicht zu Hause. Katharinas Sorge wandelte sich spontan in Verärgerung. Hatte er ihre Verabredung schlichtweg vergessen? War sie ihm so egal? Frustriert drehte sie sich um und ging zurück zu ihrem Auto, als plötzlich eine Frau aus der Zuwegung zum Nachbargrundstück auf sie zutrat.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Frau und sah Katharina freundlich an. »Suchen Sie etwas?«

Katharina schätzte sie auf Mitte 50, sie war bieder gekleidet, hatte eine schlanke Figur und eine sehr unscheinbare Art.

»Nein, vielen Dank«, erwiderte die Kommissarin höflich. »Ich wollte nur einen Kollegen besuchen, aber er scheint nicht da zu sein.«

»Wollten Sie zu Herrn Rehder?«, hakte die Frau nach.