19,99 €
Glauben Sie uns: Der irrwitzigste Lesespaß seit Langem! Für alle, die die Welt der Literatur lieben! Ein erzählerisches Feuerwerk über eine ziemlich besondere Familie, bei der Bücherplateaus von der Decke hängen und in der Geschichten zum Leben erweckt werden. Und über drei Geschwister, die eine innige Liebe verbindet und ein großer Verlust. Was haben ein besessener Laurence-Sterne-Fan auf der abenteuerlichen Jagd nach dem angeblichen zehnten Band von Tristram Shandy, eine Teilchenforscherin, die abgeschirmt von kilometerdicken Felswänden über Jahre versucht, Dunkle-Materie-Teilchen zu erlauschen, ein Kino-Enthusiast, der abgefahrene Experimentalfilme ausheckt, eine nordenglische Kleinstadt und ein sensationeller Fund gemeinsam? Sie kommen in »Die Enthusiasten« vor, dem wahrscheinlich turbulentesten und gewagtesten Roman seit Langem, der auf halsbrecherische Weise die Grenzen dessen auslotet, was Erzählen kann und was menschengemachte Kunst ist. Auch dabei: eine rätselhafte Thailänderin, eine unendlich liebenswerte, lesebesessene und eigensinnige Mutter, die spurlos verschwindet, und ein Vater, der ausschließlich auf nie dagewesene Fragen antwortet.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2026
Markus Orths
Roman
Buch lesen
Titelseite
Über Markus Orths
Über dieses Buch
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Hinweise zur Darstellung dieses E-Books
zur Kurzübersicht
Markus Orths, Jahrgang 1969, studierte Philosophie, Romanistik und Anglistik und lebt in Karlsruhe. Es erschienen unter anderem die Romane Lehrerzimmer, Das Zimmermädchen, Alpha & Omega sowie zuletzt Max (2017), Picknick im Dunkeln 2020) und Mary & Claire (2023). Seine Bücher wurden in insgesamt achtzehn Sprachen übersetzt, manche verfilmt und zahlreiche ausgezeichnet.
zur Kurzübersicht
Ein Roman über ziemlich besondere Familie, bei der Bücherregalplateaus von der Decke hängen und die aus Geschichten Leben formt. Und ein Roman über drei Geschwister, die nicht nur eine innige Liebe verbindet, sondern auch ein großer Verlust.
Vincent Bär kommt aus einer höchst eigensinnigen Familie, in der alle mit enthusiastischer Hingabe ihren Eigenheiten und Passionen frönen: der Vater sucht seltene Worte, der Bruder den Noch-Nie-Dagewesenen-Film, die Schwester dubiose Elementarteilchen. Er selbst ist Laurence Sterne und dessen genialem Roman Tristram Shandy verfallen. Gerade jetzt trifft er sich mit zwei Gleichgesinnten zum 250. Geburtstag am Grab des Idols im nordenglischen Coxworld und bei allen drei geht eine gleichlautende SMS mit einer sensationellen Nachricht ein: das Manuskript des sagenumwobenen zehnten Kapitels des Romans sei aufgetaucht. Für Vincent könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein. Denn der windige Finder fordert die drei nicht nur auf, es auf Echtheit zu überprüfen, er will es auch binnen 24 Stunden (mit Vorkaufsrecht für die Experten) veräußern. Doch Vincent hat weder Geld noch Zeit: Gerade für morgen hat sein Vater eine Familien-Video-Konferenz anberaumt. Die erste, seit er Vicent und die beiden anderen Geschwister verstieß, weil sie ihm nahelegten, in ein Altersheim zu gehen. Die Konferenz bietet vielleicht Gelegenheit, das Verhältnis zu kitten und die anarchische gemeinsame Familienvergangenheit vor dem Zerwürfnis und dem Verschwinden der Mutter wieder aufleben zu lassen, wo sie zu fünft arm aber glücklich in bücherparadiesischer Ausgelassenheit lebten und aus Nichts und Geschichten paradiesische Wirklichkeit formten. Der sonst eher rezipierende Vincent muss handeln. Was er mithilfe seiner Anreise-Zuge-Bekanntschaft, der geheimnisvollen Thailänderin Chicketi Creek, der Coxwolder Pubbekanntschaft Fat Wayne und höchst ungewöhnlicher Ideen auch tun wird.
Die Geschichten werden sich verzahnen und ein Strudel sich überschlagener Ereignisse über ihn hereinbrechen.
KiWi-NEWSLETTER
jetzt abonnieren
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln
Verlag Galiani Berlin
© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung Lisa Neuhalfen
Lektorat Wolfgang Hörner
ISBN978-3-462-31432-8
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt. Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen der Inhalte kommen. Jede unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Alle im Text enthaltenen externen Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Das erste Buch
Kurz darauf meldete sich ...
Von York fuhr ein ...
Es schien alles wie ...
Wir mussten unserer Erregung ...
Das zweite Buch
Das Wichtigste aber waren ...
Stundenlang könnte ich von ...
Nach Mutters Verschwinden fehlte ...
Nach und nach füllte ...
In den ersten Jahren ...
Das dritte Buch
Wenn ich in Coxwold ...
Endlich brach ich auf ...
Da tippte Bianca mich ...
Anfangs war ich skeptisch. ...
Bianca hielt inne. Ich ...
Das vierte Buch
Die Sache war die: ...
Die Schönheit des reinen ...
Und ja, es ist ...
Und auch am nächsten ...
Doch Mutter gab nicht ...
Nachdem ich Kindheit und ...
Meine Knochen taten mir ...
Das fünfte Buch
Ich stieg hinab, ging ...
Ich erreichte in dem ...
Mein Bruder ist Filmemacher. ...
Der erste Film meines ...
Ihn zu sehen war ...
Surveillance war der siebte ...
Ich lauschte ins Galaxy ...
Ein Blick zur Uhr ...
Die nächsten Stunden zählen ...
Das sechste Buch
Es klingelt. Am Morgen ...
Das Dörfchen Santo Stefano ...
Wir mieteten ein Appartement ...
Hätten wir jenen älteren, ...
Das siebente Buch
Pete und Deborah strahlten, ...
Die Tür war nicht ...
Natchas private Gemächer bestanden ...
Ich war allein. Natchas ...
Das Läuten erlöste mich. ...
Das achte Buch
Nach der Beichte meines ...
Elfi richtete sich vortrefflich ...
Nach den Westerwelle-Korrekturen und ...
Die Verbitterung über seine ...
Nach seinem siebenundsiebzigsten Geburtstag ...
Und dann muss Vater ...
Das neunte Buch
Zu den zwei Zeitungsnachrichten ...
Im selben Augenblick (!) ...
Immer noch im selben ...
Ich war froh, dass ...
Das zehnte Buch
All diese so gar ...
Die Ratte machte keinerlei ...
Spätestens jetzt, dachte ich, ...
Ich folgte ihm ins ...
Ich stand dort, während ...
Minelli schaute ein wenig ...
Das letzte Buch
Einen Tag nachdem ich ...
Für einen Augenblick würde ...
Doch auch dieser Augenblick ...
Immerhin: Mit dem letzten ...
Das erste Buch
Ich schlief nicht. Kein ...
Dank
Sie schaute mich an. Ich schaute zurück. Ich nickte im Gruß. Sie grüßte mich nicht. Doch blickte sie weiterhin offen heraus mir geradewegs ins Gesicht. Ein regloser Blick, beinah starr. Ich fiel zurück in mein Buch, wollte weiterlesen, doch gelang es mir nicht. Zu sehr spürte ich die Augen der Frau: auf mir. Ich hätte nicht sagen können, ob sie in Wakefield zugestiegen war oder in Leeds. Ich hatte einfach nicht darauf geachtet, viel zu vertieft in das Buch, das ich unbedingt zu Ende lesen wollte vor dem großen Tag morgen. In Kürze würden wir York erreichen.
Eine Weile nahm ich innerlich Anlauf, holte tief Luft und hob den Kopf ein zweites Mal: Die Frau sah mich immer noch an, hellauf unverfroren. Sie saß – Vierersitz mit Tisch – mir schräg gegenüber, auf dem Platz am Gang: eine Asiatin, vielleicht etwas jünger als dreißig. Ihre Faust stützte die Wange, und der Ellbogen dellte den Rucksack, den sie auf den leeren Sitz mir gegenüber gehievt haben musste. Das schwarz schimmernde Haar trug sie offen, eine Sonnenbrille steckte im Schopf über der Stirn, das rechte Handgelenk war umwickelt von Stoffarmbändern, die auf seltsame Weise zerfetzt und stabil zugleich wirkten. Mein Blick bog erneut von ihr ab: Richtung Fenster.
Ich fragte mich, was das sollte. Ich hatte kein Lächeln auf ihren Lippen gesehen, kein freundliches Blitzen, nein, ihr Blick war klar und ernst gewesen, ein nackter Blick, sonst nichts. Das war kein Anschauen mehr, das war ein Mustern, ein Abschätzen, ein Taxieren.
Ich nahm mir vor, ihr beim nächsten Mal länger standzuhalten, so lange vielleicht, bis ihre Augen von mir ablassen würden. Noch eine Weile spähte ich nach draußen, doch konnte ich nichts erkennen von meiner geliebten Yorkshire-Landschaft: Die wellige Weite und das erwachende Frühlingsgrün lagen im Dunkel der hereinbrechenden Nacht. Innerlich zählte ich – ein wenig verärgert noch – bis zwanzig. Dann tauchte ich auf und blickte erneut zu ihr. Offen heraus. Gerade. Direkt. Fest. Doch nichts hatte sich geändert. Ihr Blick steckte immer noch tief in meinem. Sie ließ mich nicht los mit ihren Augen. Dieses Mal blieb ich standhaft und sprach die Frau an, höflich, aber bestimmt.
Ich fragte: »Ist was?«
Sie sagte nichts.
Ich fragte: »Hab ich irgendwas im Gesicht?«
Sie sagte nichts.
»Einen Fleck oder so?«
Sie sagte nichts.
Ich fragte: »Warum schauen Sie mich an?«
Sie sagte nichts.
Ich nahm meine Brille vom Tisch, setzte sie auf, beugte mich ein wenig zu ihr, und endlich begriff ich: Die Augen der Frau mir schräg gegenüber waren gar nicht geöffnet, sondern geschlossen. Aber auf den geschlossenen Lidern hatte die Frau geöffnete Augen gemalt, täuschend echt. Deshalb antwortete die Frau mir nicht: weil sie mit geschlossenen Augen schlummerte und ich zu leise gesprochen hatte. Sie atmete ruhig und gleichmäßig. Ich beugte mich ein wenig näher zu ihr und betrachtete die bemalten Lider genauer: kleine Meisterwerke, die einen Kurzsichtigen wie mich mühelos in die Irre führen konnten.
Ich nahm zugleich ein seltsames Duftgemisch wahr: die typischen, zähen, die Sinne benebelnden Öldämpfe aus Thaimassagesalons (Lavendel, Teebaum, Zitronengras), dazu ein Stich von Gewürzen (Chili, Koriander), ferner kokoshafte Kirschvanille, die ich von parfümierten Duschcremes kannte, sowie die eher überraschende Frische von Cranberrys? Ja, vielleicht. Aber da war noch etwas anderes: eine kalte Aschewolke von ausgerauchten Zigaretten. Die Asche störte mich nicht. Im Gegenteil. Die Mischung gefiel mir. Zigaretten-Teebaum-Cranberry.
Da schreckte sie auf, die Frau, ihre Lider kippten nach hinten, und als ihre echten Augen sich öffneten, verschwanden die aufgemalten. Sie schaute mich an. Jetzt mit den Augen unter den Augen. Es traf mich ihr wirklicher Blick. Ich lehnte mich zurück. Die junge Frau verzog ihre Brauen, lächelte flüchtig, sagte nichts, deutete auf die Augenlider, kicherte kurz und zuckte mit den Schultern, keine Ahnung, weshalb. Sie trug eine blaue Fleece-Jacke mit hochgestelltem Kragen. Am linken Schlüsselbein war eine leicht schiefe Aufschrift eingenäht: Chicketi Creek. Ich wusste nicht, ob es das Logo einer thailändischen Firma war oder ihr eigener Name, von ihr persönlich aufgestickt. Sie schloss und öffnete jetzt ihre Augen in regelmäßigen Abständen. Doch war dies kein gewöhnliches Blinzeln, sie hielt die Augen länger geschlossen als gemeinhin üblich, eine ganze Sekunde vielleicht, und es wirkte jedes Mal wie eine kleine Inszenierung. Wenn sie ihre Lider schloss, erschienen die aufgemalten Augen; und wenn sie die Lider öffnete, wirkte es wie eine Wachablösung. Das Flirren der Blicke war irritierend. Echt. Falsch. Echt. Falsch.
»Your eyes?«, fragte ich und deutete auf ihre Augen.
Sie lachte kurz. Und nickte. Sie schien ihre aufgemalten Augen zu mögen. Und die Reaktion der Menschen darauf. Schon ruckte sie ein Stück nach vorn, war mit einem Mal ganz körperwach, hell und klar und ließ die Knöchel ihrer Hände knacksen.
Ich zuckte zusammen.
Sie sagte: »Sorry!«
Das war schon alles. Unser Gespräch endete. Die Sprachfremde schien eine unüberwindbare Hürde zu sein. Chicketi Creek schwieg jetzt. Als hätte sie in ihrem Innern etwas zusammengeklappt. Sie sah an mir vorbei zum Fenster hinaus. Und also schwieg auch ich.
Kurz darauf meldete sich mein Handywecker: Es war fünf vor sechs. Ich öffnete die Liste mit Fragen und überflog sie: Ich hatte mir schon bessere ausgedacht. In fünf Minuten würde ich meinen Vater anrufen. Wie an jedem Tag um Punkt achtzehn Uhr. Ich freute mich darauf. Sehr sogar. Gepflogenheiten sind wichtig. Wie immer würde ich gleich in die tickende Dunkelheit seiner kleinen Welt sprechen, die aus diesem einzelnen Zimmerchen bestand. Die Tapete: weiß, rau, noppenbesetzt. Das Bett zu schmal. Der Lattenrost: ein ausgeleiertes Quietschen bei jeder nächtlichen Eskimorolle. Der Teppich: rutschfest. Die Perlschnüre der Jalousie: hoffnungslos verheddert. Dorthin hatten wir Vater gegeben, nachdem uns Geschwistern die Zeit ausgelaufen war. Die Zeit für ihn. Dieses Zwanzig-Quadratmeter-Zimmerchen, in dem wir ihn sicher und gut aufgehoben wussten und er mehr oder weniger aufs Ende wartete, ohne dass es sich einstellen wollte, ganz so, als hätte der Tod ihn vergessen. Vater atmete seit fast achtzig Jahren. Jeden Tag atmete er, immer wieder neu. Erst letzte Woche hatte ich es für ihn ausrechnen müssen: mit dem Taschenrechner meines Galaxy.
»Das sind dreiundzwanzigtausend Atemzüge pro Tag.«
»Verrückt.«
»Insgesamt genau siebenhundertzweiundsiebzig Millionen und dreihundertvierzigtausend Atemzüge.«
»So wenig?«
»Findest du?«
Ernsthaft krank ist mein Vater nie gewesen.
Würde jemand unsere Telefongespräche belauschen, könnte er meinen, Vater leide unter Altersdemenz. Das aber stimmt nicht. Abgesehen von der feuchten Makuladegeneration und dem schleichenden Verlust seines Augenlichts ist Vater das, was man als kerngesund bezeichnen würde. Auch im Kopf. Unser Vater sagt all das, was er sagt, weil er gern etwas anderes sagt als das, was er kennt. Er sagt, was ihm spontan einfällt, er sagt, was ihm in der Sekunde des Sagens durch den Kopf geht. Ganz so, als wären die Wörter Gespenster, die hinter der Stirn auf den richtigen Augenblick lauern und ab und zu von der Zunge nach draußen huschen, hinein in die Welt. Mein Vater sagt, was er sagt, weil er keine Lust hat auf plattgetretene Floskeln und auf das tägliche Wie-geht-es-dir?, keine Lust auf die Litanei der Medikamente und der kürzlich angeschauten oder angehörten Fernseh- oder Radiosendungen, keine Lust auf das immer gleiche Nacherzählen von immer gleichen Spaziergängen, keine Lust auf dieses tägliche Weißt-du-wer-gestorben-ist? und auf sonstigen Altenheimtratsch. All das mag mein Vater nicht. Im Grunde ist meinem Vater Ruhe am liebsten. Stilles Dahindämmern ohne Störung. Daher: Wenn ich mit ihm sprechen wolle, am Telefon, zu der von ihm festgesetzten Zeit, also von achtzehn Uhr bis achtzehn Uhr fünf, in jenen fünf Minuten, die er mir täglich gewähre, dann, so hatte Vater mir deutlich gesagt, solle ausschließlich Originelles von unseren Lippen fließen, nichts Bekanntes, einzig Überraschendes. »Wenn wir sprechen, soll die Sprache entgleisen«, sagte er. Die Diagnose eines Psychologen könnte lauten: Wiederholungsphobie.
Um zwei vor sechs erreichte mich eine Sprachnachricht meiner Kollegin Bianca Barbosa. Auf Deutsch. »Ole und ich sind schon da. Ole hat die Hütte. Ich das rosa Twin-Zimmer. Nichts ändert sich. Auch wenn man nicht anders glücklich sein kann als durch die Hoffnung auf Veränderung. Der Satz stammt von wem? Nachher wie üblich unten? Freu mich schon. Ciao.B.«
Ich drückte auf das Mikrofonzeichen und antwortete: »Johnson. Rasselas. Kapitel 47. Gruß an Ole. Bin gegen acht vor Ort. Wartet nicht auf mich.« Ich ließ los. Die Sprachnachricht flitschte – ich stelle mir beim Senden von Sprachnachrichten oft jene altrosa Einmachgummis vor, die Mutter früher so gern hoch in die Luft schoss – zu Professor Bianca Barbosa. Gemeinsam mit Professor Ole Andersson und mir ist Bianca Barbosa eine von jenen drei vierundvierzigjährigen Laurence-Sterne-Besessenen, die sich jedes Jahr am 18. März, dem Todestag Laurence Sternes, im winzigen Dörfchen Coxwold treffen, um das Grab von Laurence Sterne zu besuchen, denn für Ole, Bianca und mich ist Sterne einer der vier bedeutendsten Schreibenden aller Zeiten: neben Cervantes, Oates und Sherman-Palladino. Wie jedes Jahr hatten wir drei Zimmer im Falcon Inn auf der Thirsk Bank gebucht, weil wir die Besitzer so mögen und weil das Falcon Inn, obwohl von außen recht alt, von innen gnadenlos schnuckelig ist und außerdem nur eine einzige Gehminute von Sternes sterblichen Überresten beim Saint Michael’s Churchyard entfernt liegt und weitere vier Gehminuten von Shandy Hall.
Pünktlich um sechs Uhr wählte ich die Nummer meines Vaters. Auch er hatte ein Samsung im Heim. Immer dauert es, immer lässt er sich Zeit bis fast vorm Anspringen der Mailbox, ehe er den grünen Hörer auf dem Display zur Seite wischt, und meistens sagt er nichts, atmet nur, als sei es ausgemachte Sache, dass der, der anruft, auch der ist, der das erste Wort spricht.
»Papa?«, sagte ich.
»Auch das noch.«
»Ist es genehm?«
»Wie lange müssen wir?«
»Fünf Minuten.«
»Warum?«
»Weißt du doch.«
»Sag es.«
»Weil du uns verboten hast, dich zu besuchen.«
»Die Firma hat sich gemeldet«, brummte er.
»Ist das so?«
»Die wollen, dass ich Nachfolger werde vom ollen Doktor Kruppke.«
»Du bist seit vier Jahren pensioniert.«
»Wenn man hier über’n Flur geht, denkt man beinah, das Himalaya-Gebirge stürzt ein, so laut sind die Kettenhunde.«
»Welche Kettenhunde?«
»Die Viecher heißen Bernhard und Diener.«
Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf, musste aber schmunzeln. »Kommt noch was Vernünftiges heute?«
»Erbsensuppenbrei.«
»Okay. Dann wie immer?«
Ich hörte sein Nicken durchs Telefon, vielleicht auch das Ticken der alten Uhr an der Wand. Dabei hatte ich sein Zimmer erst ein einziges Mal gesehen. An jenem Tag, da wir ihn dort »eingeliefert« hatten, wie Vater verächtlich sagte, vor zwei Monaten, meine Geschwister und ich, »die Schuldsamen«, so Vater.
Ich öffnete die Liste mit meinen vorbereiteten Fragen und hielt das Handy wie ein Butterbrot in der flachen Rechten, so konnte ich ins Mikro sprechen und zugleich auf die Liste schauen.
»Was ist die Quadratwurzel aus einundvierzig Stocherkähnen?«
»Die Hälfte der Sau vom Bauern Stepkes.«
»Wie schnell wächst das Empire State Building?«
»Wenn man es hinlegt, kannst du selber drüberhüpfen.«
»Die Farbe von Sonnenblumen, die auf dem Mond wachsen?«
Vater zögerte. »Das ist schön«, sagte er plötzlich, ruhig und weich und ohne jede Wiederholungsangst. »Wie ist dir das eingefallen, Vince?«
»Wie alles andere auch.«
»Da schweig ich glatt die Stille an.«
»Welche Hengste sind schwarz wie Morast?«
»Die vier im glockengleich besprühten Blumentopf.«
Wir machten so weiter. Am Ende des täglichen Anrufs war es immer Vater, der die abschließende Frage stellte: »Was spricht die Zeitung, Vince?« Das war die einzige Konstante, die er zuließ.
»Zwei Nachrichten habe ich, Papa.«
»Zum Weinen?«
»Nur die Erste.«
»Lies los!«
»Der Bulle Sudan, das letzte männliche Exemplar des Nördlichen Breitmaulnashorns, wird im Ol-Pejeta-Reservat im Laikipia County anlässlich altersbedingter Krankheiten eingeschläfert.«
Mein Vater weinte. Ich gab ihm ein paar Sekunden. Er konnte das. Spontanweinen. Er brauchte das. Ab und zu. Wie ein Ventil.
Als er sich wieder beruhigt hatte, fuhr ich fort: »Nach dem ersten tödlichen Unfall mit einem autonom fahrenden Fahrzeug der Firma Uber in Arizona werden mahnende Stimmen lauter, zugunsten der Innovation nicht die grundlegende Sicherheit zu vernachlässigen.«
»Autonom war früher mal gut«, sagte er.
»Mhm«, sagte ich.
»Noch was«, sagte er fröhlich. »Ich hätte einen guten Titel. Für deinen ersten Roman.«
»Ich kann nicht schreiben!«, rief ich wie üblich.
»Flohmarkt vor dem Altenheim.« Vater kicherte. »Gut, was?«
Kurz danach drückten wir uns weg.
Von York fuhr ein Bus nach Coxwold. Umsteigezeit: zwölf Minuten. Zur Haltestelle liefen drei Menschen. Unter anderem Chicketi Creek mit ihrem Rucksack. Sie schenkte mir keine Beachtung. Wir warteten nebeneinander. Der Bus kam. Wir stiegen ein. Ich setzte mich nach hinten. Chicketi Creek nahm in der Mitte Platz. Der dicke Bus ächzte, als wolle er sagen: nicht schon wieder! Und dann fuhr er los: Richtung Coxwold.
Es war Viertel nach neun, als der Bus die Haltestelle Falcon Inn erreichte. Chicketi Creek stand auf. Fast im selben Augenblick wie ich. Sie konnte nicht sehen, dass auch ich zur Tür des Busses ging. Erst als der Bus hielt, bemerkte sie, dass ich hinter ihr stand. Sie war etwa ein Meter sechzig groß. Noch einmal nahm ich ihn wahr: diesen schwermütig-schummrigen Duft. Als die Tür aufstöhnte, sprang Chicketi Creek rasch aus dem Bus, und ich stieg hinter ihr aus. Draußen fuhr sie zu mir herum und rief: »Piss! Piss!« Ich zuckte zusammen. Dann ging sie schnellen Schrittes davon. Mich traf die tiefe Traurigkeit. Das passiert mir manchmal. Es fühlt sich an, als ziehe meine Seele den Vorhang zu. »Piss! Piss!«, hatte sie gerufen und wohl sagen wollen: »Piss off!« Abhauen sollte ich. Als könnte ich ihr etwas antun.
Aus dem Restaurant des Falcon Inn drang Livemusik. Ole und Bianca würden dort sitzen, lachen, ein bisschen trinken und mit den Sängern singen. Ich blickte noch einmal zu Chicketi Creek, die sich im Eilschritt von mir entfernte. Ich wollte allein sein. Ich ging in die Dunkelheit, Richtung Saint Michael’s Church. Lichter an der Straße gab es kaum. Ich bog auf den Friedhof ein und leuchtete mit dem Handy. Wolken zogen durch die Nacht. Endlich gaben sie den Blick frei auf einen blitzblanken Mond. Die Grabsteine standen wild und wackelig herum wie die faulen, schiefen Zähne eines erlegten Riesen. Es stieg Nebel auf. Das war keineswegs gruselig. Nicht für mich. Ich war schon viel zu oft hier gewesen. Ich wusste, wohin ich wollte.
Laurence Sternes Grab ist ein einfacher Stein. In einer unscheinbaren Ecke. Eine Platte. Bisschen Gras um die Füße. Das ist alles. Dieser Mensch, dessen Feder jede Tinte in tanzende Wolken verzauberte, dieser Mensch, dem Heerscharen von Bewunderern nachliefen und immer noch nachlaufen, dieser Mensch, von dem Goethe und Nietzsche sagten, er sei der feinste und freieste Geist, der je auf Erden gewirkt habe, dieser Mensch, der so unbarmherzig, unverfroren und unverstellt schreiben konnte wie kein zweiter: Hier also hatte seine Bodenlosigkeit ihren Grund gefunden, unter dieser mickrigen Steinplatte. Um gleich die Wahrheit zu sagen: Nicht der komplette Leichnam Laurence Sternes lag hier, sondern nur sein Kopf. Mit abgetrennter Schädelplatte. Sterne starb verarmt und allein in der Londoner Old Bond Street. Er wurde 1768 auf dem Kirchhof der Saint George’s Church beerdigt, ohne Kirchengeläut, so heißt es, und prompt in selber Nacht wieder ausgebuddelt: von Leichenräubern. Damals war es üblich, Frischleichen aus den Gräbern zu zerren und an medizinische Fakultäten zu verschachern, die nicht nach der Herkunft fragten, weil sie dankbar waren für jede Leiche, an der geschlitzt und geschnippelt werden konnte. Laurence Sternes Leiche wurde nach Cambridge geschafft, zu Professor Charles Collignon, der auf seinem Seziertisch im Anatomiesaal die Schädeldecke des toten Dichters absägte, bis er plötzlich innehielt, genauer hinsah und flüsterte: »Ist das nicht Laurence Sterne?« Von der Knochenarbeit erschöpft stand er dort, Schädeldecke in der Linken, und als das Hirn des Dichters jetzt zum ersten Mal das Licht der Welt erblickte, ging auch dem Professor ein Licht auf. Er trat neben den Leichnam. Schaute ihm ins stirnlose Gesicht. Wie hatte er das übersehen können!? Vielleicht weil die Perücke fehlte? Vielleicht weil das dünne Schädelhaar nur in spärlichen Zotteln nach hinten geklatscht war? Vielleicht weil der Professor seinen Leichen längst nicht mehr richtig ins Gesicht sah? Aber natürlich war das Laurence Sterne! Ohne Zweifel! Die knollige Nase! Die unverkennbare Unterlippe! Sein Mund bot im Tod noch ein Feixen. Collignon zögerte. Der Innenkopf des Dichters lag frei. Sein Hirn, es dampfte nicht mehr. Aus diesem Organ waren die neun Bücher des Tristram Shandy entsprungen, einfach so, als wäre es nichts. Neun Bücher, die Collignon fiebrig und ab und an mit Kopfschütteln und dann wieder mit zeterndem Gelächter gelesen hatte. Aber dieses Hirn hier sah doch genauso aus wie alle anderen Hirne, die Collignon aus ihren Knochenschüsseln befreit hatte. Es unterschied sich nicht im Mindesten vom Hirn des Schreiners Winston am Tag zuvor. Collignon presste die abgesägte Platte gegen den Schädel und sagte: »Wir packen den Sterne wieder ein!« Und so wurde der Leichnam zurück nach London geschafft und in sein altes Grab gelegt, das kalt und leer auf ihn gewartet hatte. Erst Ende der 1960er-Jahre ließ der Laurence Sterne Trust nach Überresten suchen und fand einen Schädel samt abgesägter Decke. Sie brachten den Schädel mit ein paar entsprechenden Körperknochen nach Coxwold, jenem Dörfchen, in welchem Sterne seine letzten Lebensjahre verbracht und den Großteil seines Tristram Shandy geschrieben hatte. So wurde er ein weiteres Mal beerdigt. Jetzt in einem Sarg von der Größe einer Hutschachtel. Das frische Grab mit schlichtem Grabstein bot nur Platz für Kopf und Geist.
Ich setzte mich ins Gras. Vor das Grab. Vor die Blumen. Vor die Kerzen der zahllosen Shandy-Liebhaber. Ich tat dies immer, wenn ich hier war, trotz der Feuchtigkeit im Yorkshire-März. Es machte mir nichts aus, dass meine Hose die Nässe vom Boden saugte. Fast schien es, als würde mir Laurence Sterne mit dieser Nässe ein Stück Lebenskraft schenken, vielleicht sogar ein wenig Witz. Wenn ich nach Coxwold fuhr, packte ich immer genügend Hosen ein. Ich holte einen losen Knopf aus der Manteltasche, legte ihn auf den Daumen und schnippte ihn zwischen die Blumen, und ich sagte: »Das Kapitel über die Knöpfe hast du nie geschrieben, mein Freund, vielleicht fällt es dir noch ein.« Ich lächelte ihm zu, durch den Dreck hindurch. Da war die tiefe Traurigkeit verschwunden. Ich atmete auf. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn sie eines Tages für immer bliebe, die tiefe Traurigkeit.
Cut.
Vierzehn Stunden später saß ich wieder dort. Vor dem Grab. Im Film geht so was schnell. Mittels Schnitt oder Blende. Statt Außen/Nacht jetzt einfach Außen/Tag. Ein paar Vögel, die am Himmel kleben und zwitschern. Schon weiß der Zuschauer Bescheid. Aber ich saß jetzt nicht mehr allein im Gras. Neben mir: Ole und Bianca. Es muss nicht immer alles erzählt werden im Film. Nicht, dass ich am Abend zuvor noch im Falcon Inn eingecheckt und den Koffer aufs Zimmer gebracht und die Hosen gewechselt hatte und ins Restaurant gegangen war. Es muss nicht erzählt werden, dass ich mit Ole und Bianca noch bis spät in die Nacht geredet und mich über den neuesten Stand der Forschung ausgetauscht hatte. Es muss auch nicht erzählt werden, wie wir alle drei den eben erst erschienenen Artikel des aufstrebenden jungen Anglisten Doktor Hermann Pulver ablehnten. Pulvers Aussagen zur Gestaltung und Komposition des Tristram Shandy widersprachen aufs Heftigste unserer, also, genauer gesagt, meiner eigenen sogenannten Feder-Theorie, die aber sowohl von Ole Andersson als auch von Bianca Barbosa in ihren Arbeiten aufgegriffen und erheblich verfeinert worden war, weshalb wir uns, neben anderem, so sehr mochten. Vereinfacht gesagt basiert unsere Feder-Theorie darauf, dass wir Sternes beziehungsweise Shandys Satz aus dem sechsten Buch, Kapitel sechs, wortwörtlich nahmen, welcher lautet: »Doch was soll das hier? Warum erwähne ich’s? Fragt meine Feder: Sie führt mich. Nicht umgekehrt.« Sprich: Wir vertreten mit Vehemenz die These, dass Laurence Sterne sein Buch einfach aufs Papier geknallt hat, ja, dass er geschrieben hat, wie ihm der Schnabel gewachsen war, ja, dass er in den Druckbögen nur das Allernötigste verbessert und tatsächlich genau das getan hat, was er seinen Tristram Shandy hat behaupten lassen, nämlich seiner aberwitzigen Feder zu folgen, die ihn wie ein durchgegangenes, tolles Pferd mal hierhin, mal dorthin schleuderte. Wir verstanden nicht wirklich, wie man einen anderen Schluss ziehen konnte angesichts dieses uferlosen Buchs und angesichts dieses zugleich alles verschüttenden und alles aufbrechenden Humors. Nein, wir können, wir müssen einfach dem Feder-Satz Sternes folgen. Etwas anderes ist undenkbar! »Denn ich schreibe in solcher Hast«, heißt es einmal in Kapitel einundzwanzig des ersten Buchs, »dass mir weder die Zeit bleibt, mich darauf zu besinnen, noch deswegen nachzuschlagen.« Und wenn wir ihn uns schreibend vorstellen, unseren Laurence, sehen wir ihn dann nicht vor uns, wie er glüht und bebt? Wie er aus den tiefsten Schwärzen des Tintenfasses all das angelt und kratzt, was er uns in neun Bänden schenkte? Es hat nach mehr als zweihundertfünfzig Jahren keinen Fingernageldeut eingebüßt vom Zauber des Sich-über-alles-Hinwegsetzens, über Normen und Formen, über alle Schreib- und Lesekonventionen. Ja! Sehen wir Laurence Sterne nicht vor uns mit teuflischem Grinsen? Wie sich Satz um Satz aus seiner Feder pumpt und ins Weiße ergießt? Ein Medium, selbstvergessen am Tisch! Und wie er mit Staunen und hin und wieder diebischem Lachen dem folgt, was sein Hirn, sein Geist, sein Bauch, seine Hände, seine Feder, seine Tinte ihm bieten? Ja! Sehen wir nicht, wie er darauf verzichtet, das Geschriebene zu gestalten? Es so belässt, wie es aus ihm geflossen ist? In aller chaotischen Zügellosigkeit? All diese köstlichen Szenen und verrückten Spleens! Die gesamte Welt auf einen Zahnstocher gepiekt! Die Frechheiten? Die Meta-Ebene? Die Intertextualität? Leere Seiten. Schwarze Seiten. Marmorierte Seiten. Ein fehlendes Kapitel. Hat Laurence Sterne nicht schon die gesamte Literaturgeschichte vorweggenommen? Liegt in Sterne nicht alles Spätere begründet? Die Romantik? Das automatische Schreiben der Surrealisten? Die Postmoderne? War Sterne nicht seiner Zeit um Äonen voraus? Vor allem dem sogenannten realistischen Erzählen? Diesem krückenhaften Hinterherhinken der Wirklichkeit? Einem Abmalen? Einem Schattenfangen? Einem Schreiben, dem es um Relevanz ging? Um Sinn? Um Bedeutung? Um Glaubwürdigkeit? Um Geradlinigkeit? Demgegenüber erstrahlt Laurence Sternes unendliches Kettenrasseln der hanebüchensten Abschweifungen, die ihn nirgends hinführen als dorthin, wohin uns das Leben selbst einst führen wird: ins Nichts. Unser Tristram Shandy ist das Gegenteil der Hemingway’schen Erzählökonomie. Und deshalb lieben wir ihn so, in alle Unendlichkeit. Wer aufs Meer will mit dem alten Mann, kann’s gerne tun. Wir aber tänzeln lieber dreihundert Seiten lang mit einem gespenstisch ungeborenen Ich-Erzähler eine einzige Treppe hoch, die nicht so viele Stufen hat, wie man denken könnte.
Aber das wollte ich überhaupt nicht erzählen. Ich will auch nicht erzählen, dass wir alle drei gut schliefen in der Nacht. Das ist uninteressant. Es muss auch nichts erwähnt werden vom köstlichen englischen Frühstück, das Familie Stone uns jedes Jahr zubereitete. All das kann ausgelassen werden. Wir haben das Frühstück schon gegessen und auch verdaut, oder es liegt noch – wie in meinem Fall einer Ortswechsel-Obstipation – pappig im Magen, da liegt es gut und muss nicht aufs Papier. Es wäre auch reichlich unappetitlich, wenn ich etwas Unverdautes zu Papier brächte. Wenn ich all das hier also nicht erwähne, kann ich umso schneller zu jenem Morgen fortschreiten, von dem ich die ganze Zeit erzählen will und muss, jenem Morgen also, an dem alles, was sich jahrelang immer so wunderbar gleich anfühlte, plötzlich und auf einen Schlag gänzlich anders wurde. Und zwar durch die Ankunft einer Triple-SMS. Am 18. März 2018: dem zweihundertfünfzigsten Todestag von Laurence Sterne.
Es schien alles wie immer. Wir saßen nebeneinander im Gras. Genossen die Stille. Oder: Genossen der Stille. Ole. Bianca. Und ich. Früh war’s. Früh. Wir hatten uns eigens so zeitig hierher begeben, um dem Ansturm der übrigen Besucher zuvorzukommen. Die erloschenen Sterne lauerten unsichtbar im Hellen, der Wind windete, die Sonne sonnte, das Licht lichtete, wenige Wolken wolkten, der Himmel himmelte, kurz, das Wetter wetterte so vor sich hin, als ich plötzlich jene SMS bekam. Aus dem Nichts.
Ich bekomme für gewöhnlich keine SMS, nur noch WhatsApps oder Signals. SMS schickt einfach keiner mehr. Den Ton für eine eingehende WhatsApp kenne ich gut. Auch den Ton für eine eingehende Signal-Nachricht. Den Ton für eine eingehende SMS hatte ich im Lauf der letzten Jahre vergessen. Es war das Tschilpen irgendeines Vogels. Ich zog mein Handy hervor: Sie haben eine neue Nachricht. Auch bei Ole und Bianca fiepte es, deutlich vernehmbar. Sie zückten ihre Handys ebenfalls. Alle drei waren wir ein wenig verärgert darüber, dass jemand uns in unserer Andacht störte. Denn Bianca trug gerade – einem Vaterunser gleich – unser Lieblingszitat aus dem ersten Buch, Kapitel einundzwanzig vor: »So also – so, meine verehrten Mitstreiter bei der großen Ernte der Gelehrsamkeit, mit langsamen Schritten allmählichen Wachsens, ist es möglich geworden, dass unser physikalisches, metaphysisches, physiologisches, polemisches, nautisches, mathematisches, aenigmatisches, technisches, biographisches, romantisches, chemisches und obstetrisches Wissen mit seinen fünfzig Abzweigungen (die meist auch auf -isch endigen) in diesem letzten Jahrhundert allmählich bis nahe an jene höchste Höhe der Vollkommenheit geklettert ist, die wir – nach den Fortschritten der letzten sieben Jahre zu urteilen – sehr bald erreicht haben werden. Wenn sich dieses Ereignis vollzogen haben wird, so ist zu hoffen, dass damit auch jeglicher Art von Schrifttum und Schreiberei ein Ende bereitet sein wird, und dieser Mangel an Schrifttum und Schreiberei wiederum wird auch jedwedem Lesen ein Ende bereiten, und daher …« An dieser entscheidenden Stelle also klimperte nicht nur meine SMS-Glocke, sondern auch die SMS-Glocke von Bianca und die SMS-Glocke von Ole. Wir drei hatten zeitgleich eine SMS bekommen. Wir schauten uns an. Von wem? Dann lasen wir die Nachricht. Jeder für sich. Wir standen auf. Ich rieb mir über den feuchten Po und freute mich auf frische Hosen. Da sich eine blasse Märzsonne mühte, den Horizont zu erklimmen, um etwas Licht zu schicken, schauten wir ihr blinzelnd zu, ich lehnte mich gegen die Mauer, die aber noch keine wirkliche Wärme gespeichert hatte. Doch musste ich mich irgendwo festhalten. Denn was ich gelesen hatte, war so ungeheuerlich, dass ich es entweder sofort löschen wollte oder bedingungslos glauben. Ich tapste von einem Bein aufs andere, zeigte meinen beiden Mitstreitern bei der Ernte der Gelehrsamkeit das Handy und fragte: »Habt ihr die auch bekommen?« Beide nickten. Sie folgten meinem Beispiel und zeigten ihre Handys. Auf jedem Display war dieselbe Nachricht zu erkennen. Es war eine absolut identische SMS in mehreren Teilen: Wir standen alle drei in der Anredezeile.
»Und jetzt?«, fragte Bianca.
»Ich würd es gern glauben«, sagte ich.
»Einwandfreie Schwindelei«, sagte Ole.
»Woher hat der Mann unsere Handynummern?«
»Die Adressen stehen im Netz.«
»Ebenso die Handynummern?«
»Er muss sich mit uns beschäftigt haben.«
Wir schwiegen. Wir dachten nach. Schauten auf die Handys. Lasen noch einmal die Nachricht. Ziemlich lang für eine SMS.
»Werte Frau Professorin Doktor Bianca Barbosa, werter Herr Professor Doktor Ole Andersson, werter Herr Doktor Shandy! (Ich hoffe, auch ich darf Sie bei Ihrem Spitznamen nennen?) Nun gut. Ich purzele gleich mit der Tür ins Haus: Mir ist vor knappen Wochen etwas in die Hände geflattert. Ein literarisches Werk. Ein sensationelles literarisches Werk. Dabei handelt es sich um nicht mehr und nicht weniger – halten Sie sich fest! Sitzen Sie? Atmen Sie durch! Sie ahnen, hoffen, wünschen es bereits? –, bei diesem literarischen Werk also handelt es sich um das zehnte Buch des von Ihnen so heiß geliebten Romans Tristram Shandy. Genau jenes verschwundene zehnte Buch, von dem Sie vor einigen Jahren noch vehement behaupteten, es sei einst definitiv von Laurence Sterne geschrieben worden, jedoch in den Unbillen der Zeiten verschollen. Jenes Werk also, nach dem Sie alle drei so lange gedürstet haben. Fragen Sie mich nicht, wie dieses Werk in meinen Besitz gelangt ist. Durch einen monströsen Zufall nämlich, der beinah dem besagten Werk selber entsprungen sein könnte und den ich hier nicht erzählen kann, ohne den Rahmen zu sprengen. Nun. Es ist ein handgefertigtes eingebundenes Lederbuch. Ich habe das Buch bereits zwiefach gutachterlich prüfen lassen: Einband, Papier und Tinte wurden durch die Firma Halberry & Sons in Manchester examiniert; sie haben die Holzfasern untersucht, die Chemie des Zellstoffes und die Oberflächenbehandlungen; außerdem haben sie eine Karbondatierung und eine Flüssigkeitschromatographie durchgeführt bezüglich der chemischen Tintenbeschaffenheit, also, kurz: Einband und Papier und Tinte stammen ohne jeden Zweifel aus dem Jahr 1768 plus minus drei Jahren. Ferner hat der international renommierte Edinburgher Graphologe Doktor William Stapleton mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Handschrift des Werkes als diejenige Laurence Sternes bestätigt. Doch Sie wissen es selbst: Der Teufel ist ein Kasperle. Die Menschen haben unendlich viel Zeit damit verbracht, es auf dem Gebiet des Fälschens zur Meisterschaft zu bringen. Noch zu Lebzeiten ist Laurence Sterne bereits imitiert, ja, gefälscht worden. Obwohl also die soeben erwähnten Gutachten eine solche Evidenz und Eindeutigkeit aufweisen, möchte ich doch untrüglich sichergehen, nicht in den Filz irgendeines gewieften Betrügers zu geraten, der selbst angesehenste Experten bezüglich Papier und Handschrift zu täuschen in der Lage ist. Daher möchte ich – hier kommen Sie ins Spiel, meine Dame, meine Herren –, ein drittes Gutachten erstellen lassen. Sehen Sie, etwas steht für mich unumstößlich felsenfest: Eine Fälschung von Schrift und Papier ist zwar höchst unwahrscheinlich, aber doch immerhin theoretisch möglich; eine Fälschung des Inhalts jedoch nicht. Kein Mensch kann das zehnte Buch eines solch weltliterarischen Romans wie Tristram Shandy verfassen! Das ist völlig unmöglich! Nun. Ich mag Laurence Sterne vielleicht ebenso sehr wie Sie, bin jedoch weit davon entfernt, über Ihre Expertise zu verfügen. Genau deshalb möchte ich gern ein letztes Gutachten einholen. Bei Ihnen. Bezüglich des Inhalts. Es trifft sich gut: Auch Sie sind gerade in Coxwold. Wie jedes Jahr. Also lautet meine einfache Frage an Sie: Stammt dieses zehnte Buch wirklich aus der Feder des göttlichen Teufels Laurence Sterne? Falls Sie Interesse an der Beantwortung dieser Frage und der Überprüfung des Textes haben, wovon ich ausgehe, treffen Sie mich doch bitte heute Abend um siebzehn Uhr in den Shandy Hall Gardens. Ich bitte darum. Vorzüglich: Ihr Morton Minelli.«
Wir schwiegen.
Die Nachricht fiel auf fruchtbaren Boden. Im Grunde genommen hatten wir insgeheim unser ganzes Leben lang nach einer solchen Nachricht gedürstet. Dazu muss gesagt werden: Das für uns meisterhafteste Werk der Literaturgeschichte, ebenjenes Buch The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, besteht aus neun Büchern oder Bänden, englisch Volumes genannt. Veröffentlicht wurden die Bücher oder Bände in den Jahren 1759 bis 1767. Sowohl Professor Doktor Ole Andersson als auch Professor Doktor Bianca Barbosa als auch ich sind Vordenker, um nicht zu sagen, Initiatoren der sogenannten Zehn-Bücher-Theorie. Diese Theorie basiert unter anderem auf der Veröffentlichungshistorie der vorhandenen neun Bücher, welche sich wie folgt darstellt:
Das erste Buch & das zweite Buch. York 1759.
Das dritte Buch & das vierte Buch. London 1761.
Das fünfte Buch & das sechste Buch. London 1762.
Das siebente Buch & das achte Buch. London 1765.
Das neunte Buch … London 1767.
Das zehnte Buch: Es fehlt.
Wir mussten unserer Erregung jetzt etwas Vernunft entgegensetzen und – auch wenn es uns nicht wirklich passte – realistisch bleiben und in aller Ruhe nachdenken. Was war das für eine SMS? Eine verdächtige. Eine SMS, die auf missliche Weise den mäandernden Sterne-Stil nachzuahmen versuchte und kläglich scheiterte. Eines machte uns noch misstrauischer, als wir ohnehin schon waren: Die SMS hatte keinen vernünftigen Absender.
»Unter Umständen ist es ein missglückter Witz«, sagte Ole. Wie immer war er äußerst elegant gekleidet in einem grauen Dreiteiler aus Seidentwill. Er trug eine rote Krawatte und ein rotes Einstecktüchlein und hatte ein Sitzkissen dabei. Wir sprachen deutsch. Bianca Barbosa ist Deutsch-Italienerin, zweisprachig erzogen, Ole ein Sprachgenie, der, wenn er eine Sprache lernte, wie eben Deutsch seit seinem fünfzehnten Lebensjahr, den Anspruch erhob, diese Sprache in absoluter Perfektion zu beherrschen. Im Grunde sprach er besser Deutsch als ich.
»Ein Witz?«
»Ein Witz.«
»Zum zweihundertfünfzigsten Todestag«, sagte Bianca.
»Von wem?«
»Von jemandem, der unsere Zehn-Bücher-Theorie kennt.«
»Und der sich über uns lustig machen will?«
Wir dachten nach.
»Trevor!«, rief ich.
Professor Trevor Jamal lehrte in Oxford, hielt uns für Dilettanten, unsere Theorien für »mit hohler Begeisterung gefüllte Luftblasen, die jederzeit zerplatzen können«, ja, er hatte uns manch erbitterten Artikel entgegengeschleudert.
»Und?«
»Und was?«
»Gehen wir hin?«
»Nach Shandy Hall?«
»Klar gehen wir hin!«
»Wir haben nichts zu verlieren.«
»Ein Witz«, sagte Bianca, »ist wohl die wahrscheinlichste Möglichkeit. Welche Möglichkeiten gibt es noch?«
»Es könnte eine Gefahr für uns bestehen«, sagte Ole stets wie gedruckt. »Ähnlich jener Gefahr, die einem in der virtuellen Welt droht, wenn man einen E-Mail-Anhang einer nicht bestätigten Adresse öffnet, einfach so.«
»Was ist die unwahrscheinlichste Möglichkeit?«
»Morton Minelli …«
»Übrigens ein hübsch gesuchter falscher Name, oder?«
»Morton Minelli will uns eine Fälschung andrehen.«
»Aus welchem Grund?«, fragte Ole.
»Um uns Geld aus der Tasche zu leiern?«
Wir schwiegen. Nach ein paar Augenblicken ergriff ich das Wort und sagte: »Wir haben die schönste Möglichkeit vergessen.«
»Welche meinst du?«
»Die allerallerunwahrscheinlichste: Minelli schreibt die Wahrheit. Er besitzt tatsächlich das Originalmanuskript des zehnten Buchs.«
Wir standen noch eine Weile am Grab und schwelgten stumm in dieser letztgenannten Möglichkeit, die, wenn sie der Wahrheit entspräche, uns in wenigen Stunden etwas in die Hände spülen würde, das wir alle drei wie nichts anderes auf der Welt begehrten. Dabei ging es uns nicht um Eitelkeiten. Nicht darum, dass wir, fände sich das Manuskript des zehnten Buchs, in den Augen sämtlicher Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler sogleich in den allerhöchsten Rang springen würden, hatten wir doch etwas absolut Unwahrscheinliches behauptet, was dann tatsächlich eingetroffen wäre. Es ging uns auch nicht um den schieren materiellen Wert eines solchen Fundes: Sollte das Manuskript echt sein, wäre es unbezahlbar. Da es aber zugleich von erheblichem öffentlichem Interesse wäre, müsste ein Finder es abgeben, an The National Archives, die das Manuskript auswerten und veröffentlichen würden. Morton Minelli bekäme höchstens einen kleinen Finderlohn. Es ging uns auch nicht um den ideellen Wert eines solchen Fundes, es ging uns nicht darum, dass die Welt fortan eine andere wäre nach diesem Sterne’schen Winken aus dem Grab heraus, nein, es ging uns nicht darum, dass ein solcher Fund eine literaturhistorische Sensation wäre, ein literaturwissenschaftlicher Urknall, ein unfassbares, einmaliges Ereignis. Nein, um all das ging es uns nicht, jedenfalls nicht nur. Es ging uns allen dreien um eines: Wenn das Manuskript echt wäre, dann könnten wir es lesen.
Und wir wollten es lesen.
Ja, wir wollten alles stehen und liegen lassen, uns hinsetzen und das Buch einfach nur einatmen. Nichts sonst. Wir wollten verschwinden in dem Buch wie in einem Brunnen, wir wollten lachen und schwitzen, schmunzeln und schreien, wir wollten kichern und die Stirn runzeln und den Kopf schütteln und uns auf die Schenkel schlagen, wir wollten uns einmal mehr und neu und frisch einfangen lassen von dieser unwiderstehlichen Gedanken- und Zwerchfellgrazie, vom Seelencharme eines Menschen, der unser aller Leben dermaßen verhext hatte, und wir wussten es schon jetzt: Wenn die letzte Seite des zehnten Buchs umgeblättert wäre, würden wir wieder von vorn beginnen.
Eine Weile träumten wir unseren Gedanken nach, ehe wir zurückkehrten in die Wirklichkeit. Wo waren wir? Immer noch auf dem Friedhof. Es trudelten erste Shandyaner ein, teilweise mit Perücken und in voller Montur. Sie legten ihre Mitbringsel aufs Grab, selbst gebastelte Miniatur-Onkel-Toby-Befestigungsanlagen, Steckenpferde, eine Handvoll Knöpfe oder knopflose Knopflöcher, und schließlich heftete eine Frau mit Sterne-Perücke ein Plakat mit Klebestreifen an die Mauer, darauf die berühmten Sterne-Linien, mit denen Sterne sich selbst karikiert hatte, indem er den Gang seiner ersten vier Bücher darstellte, jene Linien, die Abbilder waren seiner gewieften und geliebten Abschweifungen gegenüber der einfallslosen Blässe jener ordentlich abgepackten, parataktisch stammelnden, achtbaren und anständigen linearen Literatur vor und nach ihm.
Und als wir das sahen, war uns allen klar: So gering die Hoffnung auch war, wir mussten es versuchen. Und so zogen wir unsere Handys heraus und tippten unisono: »Sehr geehrter Mister Morton Minelli. Herzlichen Dank für Ihre SMS! Wir sind sehr aufgeregt. Selbstverständlich kommen wir um siebzehn Uhr nach Shandy Hall! Danke, dass Sie an uns gedacht haben.« Wir atmeten ein. Wir atmeten aus. Wir schauten uns an. Wir drückten auf Senden.
Mutter ist verschwunden. Einfach so. Am 30. Juni 1984 ist sie verschwunden. Spurlos. Ich war damals zehn Jahre alt. Mein Bruder Marcellus sechs. Meine Schwester Elfi zwölf. Alles in mir sträubt sich, diese Tür zu öffnen. Mutter. Von der ich immer noch so ein deutliches Bild in mir trage. Als wäre sie erst gestern verschwunden und nicht vor ewigen Jahren. Ich kann sie einfach nicht vergessen, diese kurze Zeit, die wir miteinander hatten. Ihr Geburtsname lautete Kobold. Wir nannten sie Mama, aber wenn sie von sich selber sprach, wählte sie gern die dritte Person. Sie sagte statt »Ich muss noch einkaufen« lieber »Die Koboldmutter muss noch einkaufen«, und statt »Ich habe euch lieb« sagte sie »Die Koboldmutter hat euch lieb«.
Ach, Kobold.
Ach, Mama.
Ach, du.
Namen passen oft wie angegossen. Mutter hieß nicht nur Kobold, sie war auch einer. Wenn auch auf ihre ganz eigene Weise. Es lebte sich bombastisch mit Mutter. Wir fühlten uns losgelöst. War Mutter daheim, bebte das Haus. Mutters fiebrige Wildheit vibrierte zwischen den Wänden. Nichts war starr und still. Das Haus schien zu wanken. Wir wussten nie, was Mutter als Nächstes tun würde. Genau das liebten wir. Sie sang so gern. Trippelte barfuß und trällernd durchs Haus oder summte, während sie buk, obwohl das Backen fast nie klappen wollte, denn sie war stets anderswo mit ihren Gedanken, mal versumpfte sie beim Backen in dem unvermeidlichen Roman, mal wollte sie unbedingt und auf der Stelle ein neues Kuchenrezept ausprobieren, von dem jemand ihr vorgeschwärmt hatte, stellte aber beim Backen fest, dass ihr nicht nur der Vanillezucker fehlte, sondern auch Kokosflocken, Schokoraspeln und gefrorene Himbeeren, sodass sie den halb angerührten Teig einfach achtlos stehen ließ. Als ich einmal einen solchen Teig – da war ich sieben und wusste längst, dass wir Mutter bei allem helfen mussten – ins Klo kippen wollte, rief sie: »Um Himmels willen. Doch nicht ins Klo, Vince! In der Tiefe, da lauern die Ratten. Essensreste locken sie an. Du willst doch nicht, dass dir so ein Viech in den Arsch beißt!« Und dann lachte sie herzzerzausend.
Im Sommer tänzelte sie nicht nur barfuß, sondern gern splitternackt durch die Wohnung, goss sich bei sengender Hitze eine Schüssel mit eiskaltem Wasser über den Kopf, sprang mit nasser Haut umher, bis auch wir uns auszogen zur Wasserschlacht, und unsere Wohnküche glich schnell einer Schlitterbahn. Im Winter prasselten Scheite im Kamin, und wir suchten Mutters Nähe auf der Couch, krochen zu ihr unter eine Decke, die uns allesamt verhüllte, eine Decke aus grüner Wolle mit rosaroten Sprenkeln, von Mutter selbst gehäkelt, mindestens vier mal vier Meter oder noch größer. Mutters Endlosdecke verbarg uns alle vor den Augen der Welt. In den Schatten der Dinge kuschelten wir uns. Wir vergaßen alle Pflichten, Schule, Hausaufgaben, Instrumente üben. Unter der Decke zerflossen wir und glühten wie die Kachelöfen, unter der Decke konnten wir sein, wie und wer wir sein wollten. Und unter der Decke hörten wir zu. Mutter erzählte Geschichten, plapperte drauflos, ein wenig polternd, ein wenig lustig, ein wenig verrückt, ein wenig gruselig, alles Mögliche kam ihr unter die Erzählräder. Den größten Unsinn fanden wir am besten. »Auch Unsinn muss einem erst mal in den Sinn kommen!«, sagte Mutter gern und lachte. Wenn Mutter erzählte, fielen wir aus der Zeit, wir fielen aus dem Raum, wir fielen aus der Gegenwart, wir fielen in alle Wolken und vergaßen die restliche Welt um uns her.
Mutter flatterte von Nektar zu Ambrosius, naschte hier etwas, naschte dort etwas, fügte alles zusammen und packte ihr Leben in jeden Atemzug. Sie wirkte wie ein Schwamm auf uns: Mutter saugte alles in die Poren ihres nackten Daseins, sammelte Kraft, Freude und Leichtigkeit wie Feuerholz gegen die Finsternis, und wenn sie zu Hause war, fütterte sie uns Kinder mit Licht. Im Winter war Mutter unser Kamin, im Sommer unser Springbrunnen: Und Mutters Nähe war stets der begehrteste Platz im Haus.
Abends verschwand sie gern in der Frankfurter Unterwelt, wie sie es nannte, traf sich mit Freunden und Freundinnen, trank ein bisschen mehr, als ihr guttat, rauchte viel, immer rote Gauloises, aber wohl auch anderes Zeug. Spät in der Nacht kehrte sie oft kichernd zurück. Mutters Kichern juckt mir immer noch im Ohr: wenn sie nachts an unseren Türen lauschte und schaute, ob wir schliefen. Auch wenn ich nicht schlief, tat ich so, als schliefe ich. Dann hörte ich ihr Glucksen: als hätte die Dunkelheit gerade einen Scherz gemacht. Am Morgen nach diesen Nächten saß Mutter mit einem Kater am Küchentisch und trank starken Kaffee, um »ihre Sinne zu entnebeln«, und dann musste meine ältere Schwester Elfi ihr Kaffee nachgießen, Mutter nahm Elfis Hand, blickte sie lange an und sagte: »Danke, du zarte, kluge Fee.«
Es stimmte, Mutter war oft fort. Aber wenn sie bei uns war, so war sie es ganz und gar. Wenn sie mit uns spielte, wurde sie selber zum Kind, sie spielte immer auf Augenhöhe. Doch spielte sie am liebsten immer nur mit einem Einzigen von uns. Drei auf einmal, das war ihr zu viel. Immer noch habe ich ihre sonore Singstimme im Ohr, die selbst geschmiedete Texte auf bekannte Melodien bog: »Es war einmal ein Entchen, das schwamm in einem See. Es hatte keine Händchen und keinen dicken Zeh. Doch es konnte tauchen in einen tiefen Schlund. Und dieser tiefe Schlund war ein riesengroßer Mund. Dort fühlte es sich wohl, im Maul vom Krokodol.« Oft sang Mutter danach Hava Nagila. Sie wurde immer schneller und schneller. Und immer endete das Singen damit, dass sie mich kitzelte und zum Lachen brachte. Höre ich heute Hava Nagila, muss ich immer noch lachen. Oder weinen. Mitunter sackte Mutter auf alle viere, wuffte wie ein dicker Hund und bellte: »Schnuff! Schnuff! Schnuffel!« Sie krabbelte in Windeseile hinter mir her. Ich hatte eine irre Angst, weil Mutter so anders klang, sie konnte das, sie konnte brummen wie Ivan Rebroff, und sie wuffte wild. Wenn sie merkte, dass meine Angst zu groß wurde, durfte ich auf ihren Rücken klettern, dann wurde ich zum Schnuffelreiter, wie sie es nannte, ich hatte den Schnuffel bezwungen, und mittels Schürze, die als Zügel diente, lotste ich den Mutterschnuffel nach links und rechts, fühlte mich wie ein König und schrie: »Hüja!«
Ich erinnere mich auch ganz genau an ihre Blicke. Ich habe später oft nachgedacht über diese Blicke. Klirrende Tiefe lag in ihnen. Die Blicke wirkten, als hätte Mutter in ihrem Innern etwas berührt. Etwas Schreckliches oder etwas Schönes, das kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich beides. Ihre Blicke schienen wie Schlüssel zu einem geheimen Reich, das den meisten Menschen verborgen bleibt. Ich konnte ihren Blicken immer nur kurz standhalten und hatte das Gefühl: Schaue ich sie länger an, gehe ich unter.
Das Wichtigste aber waren die Bücher: Kern des Hauses und seine Haut zugleich. Bücher lebten und atmeten allüberall. Nicht nur in den hohen Regalen, die sich an die Wände schmiegten, sondern auch neben, unter, über und in allen Schränken und Kommoden. Auf dem Speicher und im Keller lebten die Bücher entweder in Plastikkästen oder auf ausrangierten Wackelregalen. Wir fanden sie in den Vorratsschränken und zwischen dem Spielzeug. Bei den Schwimmsachen und unter den Betten. Die Bücher drängelten sich in den Stufenschatten der Treppe, als müssten sie sich verstecken. Dort standen sie einander gegenüber. Die Stufen der frei schwebenden Büchertreppe waren sechzig Zentimeter tief: Es fanden zwei Reihen Bücher unter ihnen Platz. Die Treppenbücher konnten von beiden Seiten erreicht werden, einerseits beim
