Die Erben der Animox 2. Das Gift des Oktopus - Aimée Carter - E-Book + Hörbuch

Die Erben der Animox 2. Das Gift des Oktopus Hörbuch

Aimée Carter

0,0

Beschreibung

Eine mysteriöse Nachricht von "X" führt Simon Thorn und seine Freunde nach Australien. Dort müssen sie den verschwundenen Raubstein finden, der den Erben der Animox ihre Kräfte nimmt. Doch Simons Bruder Nolan, der sich in der Zwischenzeit dem Imperium angeschlossen hat, versucht mit allen Mitteln, sie aufzuhalten. Kann Simon Thorn die Welt der Animox auch dieses Mal retten und den abtrünnigen Nolan davon überzeugen, ihnen zu helfen?

Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Zeit:4 Std. 54 min

Sprecher:Peter Kaempfe

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Über dieses Buch

Simon blieb die Luft weg. Die Wucht der Wassermassen presste ihm auf die Lunge, und als die Wellen über ihm zusammenschlugen, vermischt mit Glasscherben und giftigen Meerestieren, konnte er nur noch die Augen schließen und hoffen, dass er den Aufprall überleben würde.

 

Simon Thorn ist fest entschlossen, dem Imperium das Handwerk zu legen und die möglichen Erben der Animox ausfindig zu machen. Dank der Nachricht des mysteriösen »X« wissen Simon und seine Freunde zumindest, wo sie als nächstes suchen können: in Australien. Auf einem Kontinent, der über das vermutlich giftigste Tierreich der Welt verfügt, läuft jedoch nichts nach Plan und Simon sieht sich bisher nie dagewesenen Gefahren ausgesetzt …

 

Der mitreißende zweite Band der neuen ANIMOX-Bestseller-Serie!

 

 

 

 

 

 

 

Für Fred, Murphy und Beau

Prolog

Als Nolan Thorn den Thronsaal betrat, wurde es schlagartig still.

Sein Herz hämmerte, und seine Hände waren schweißnass, während er unter den Blicken der fünf Hüter des Raubsteins um die Blutflecken herumging, mit denen der Fußboden immer noch übersät war. Obwohl seit dem brutalen Kampf zwischen dem Imperium und den Ungezähmten erst ein Tag vergangen war, hatte man die Leichen längst weggeschafft. Darüber war Nolan insgeheim sehr erleichtert. Der Anblick von Toten schlug ihm immer auf den Magen.

Vom Vorraum aus hatte er eine lebhafte Diskussion gehört, doch jetzt sprachen die Hüter kein Wort. Der Fackelschein, der den Raum schwach erhellte, wurde von ihren schneeweißen Gewändern zurückgeworfen, und alle saßen steif auf ihren Marmorthronen, die so übertrieben wuchtig waren, dass Nolan unwillkürlich das Kinn hob. Sie sollten ruhig merken, dass er auf sie herabsah. Seit er in dem offenen Verlies zu ihren Füßen wieder zu sich gekommen war, an Händen und Füßen gefesselt und ohne seine Verwandlungskräfte wegen dieses blöden schwarzen Steins, empfand er eine starke Abneigung gegen alles, was auch nur entfernt mit den Hütern zu tun hatte.

Jetzt, nach drei Tagen als ihr Gefangener, war aus dieser Abneigung Verbitterung und Hass geworden. Der Raubstein war fort – und er selbst war noch hier, mit Kräften, die keiner der Hüter besaß. Kräften, die sie fürchteten.

Doch er war ihnen ausgeliefert, und das wussten sie.

»Du kommst zu spät«, sagte die australische Hüterin streng. Yvonne hatte ein verkniffenes Gesicht und schnurgerade Augenbrauen, als wäre sie extra als das Abbild eines Schurken entworfen worden.

»Ja und?«, fragte Nolan, während er in den großen Kreis der fünf Throne trat. »Was wollen Sie dagegen tun? Mich noch mal entführen?«

Sie funkelte ihn ärgerlich an. Da erhob sich ein Mann von dem Thron, der dem Haupteingang am nächsten stand: Qiang, der asiatische Hüter. Wahrscheinlich war er der einzige Freund, den Nolan hier hatte – falls man jemanden, der ihn mit Erpressung zur Zusammenarbeit zwang, »Freund« nennen konnte. Wahrscheinlich nicht, aber Nolan hatte schon fragwürdigere Freunde gehabt.

»Nolan ist mein Gast, Yvonne.« Der Fackelschein ließ Qiangs schwarzes Haar schimmern. »Er ist bereit, uns zu helfen. Da sollten wir ihn lieber nicht gegen uns aufbringen.«

Die anderen wechselten beunruhigte Blicke, und Nolan verkniff sich ein Grinsen. Sie alle waren Animox, aber nur er war ein Erbe. Oder ein Abkömmling, wie man wohl auch dazu sagte. Verglichen mit ihm waren die Hüter im Grunde nur Kinder, die Verkleiden spielten.

»Wenn er nicht gerügt werden will, muss er eben pünktlich sein«, entgegnete Yvonne ungnädig. »Was nützt er uns, wenn er sich nicht mal an die einfachsten Regeln –«

»Wir dürfen uns nicht ablenken lassen«, warf ein blonder Mann mit Reibeisenstimme und dickem Kopfverband ein. Er saß auf dem Thron des europäischen Hüters. Zwar war sein breites Gesicht durch Blutergüsse und Schwellungen entstellt, trotzdem war Nolan sicher, dass er neu war. »Wenn das Imperium seinen Einfluss auf die Animox-Welt behalten will, muss es unser oberstes Ziel sein, die Erben zu finden. Wir dürfen nicht die Hände in den Schoß legen, während sie einen Aufstand planen.«

»Man merkt, dass du dich noch nicht auskennst, Wadim. Wir anderen sind schon lange Hüter«, sagte Yvonne scharf. »Die Erben wird dein Nachfolger aufspüren. Für uns geht es nur darum, den Raubstein zu finden.«

Wadim. Bei dem Namen klingelte es bei Nolan, und plötzlich erinnerte er sich an den Sicherheitschef, der dem vorigen europäischen Hüter auf Schritt und Tritt gefolgt war. Schon da hatte Nolan ihn nicht gemocht und jetzt erst recht nicht. War er der neue Hüter für Europa? Was war aus dem alten geworden?

Sein Blick fiel auf den blutbefleckten Boden. Bei dem Kampf waren garantiert nicht nur Ungezähmte gestorben.

Wadim verzog ärgerlich das verschwollene Gesicht. »Wenn wir die Erben jetzt nicht ausschalten, können sie sich zusammenrotten. Wir haben keine Ahnung, wie viele es sind – Dutzende? Hunderte? Womöglich eine ganze Armee, und mit ihren Kräften sind sie uns überlegen.«

»Wenn wir uns den Raubstein zurückholen, können wir die Erben problemlos in Schach halten«, blaffte Yvonne. »Schließlich sind es nur Kinder, und der Raubstein lähmt ihre Kräfte. Nur so können wir unseren Nachteil ausgleichen.«

Nolan betastete seine aufgescheuerten Handgelenke. Yvonne hatte recht, so ungern er es zugab. Während sich die meisten Animox – die fünf Hüter eingeschlossen – nur in ein einziges Tier verwandeln konnten, war Nolan ein Erbe und konnte jede beliebige Tiergestalt annehmen. Doch als man ihn an den Sockel mit dem Raubstein gekettet hatte, war er beschämend machtlos gewesen. Ein ganz gewöhnlicher Dreizehnjähriger aus New York, der sich in eine Angelegenheit verstrickt hatte, der er nicht gewachsen war. So hilflos wollte er sich nie wieder fühlen.

Die anderen Hüter raunten zustimmend, nur Wadim hieb mit der Faust auf seine marmorne Armlehne. »Den Raubstein zu suchen ist sinnlos! Niemand weiß, wo er ist oder wer ihn an sich genommen hat!«

»Oh doch, das wissen wir!«, widersprach Yvonne. »Simon Thorn.«

Es wurde wieder still, und alle blickten Nolan an. Er grub die Fingernägel in die Handflächen und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Irgendwie gelang es Simon immer, Ärger zu machen, sogar wenn er gar nicht da war. »Mein Bruder hat den Raubstein nicht. Er hat ihn beim Kampf fallen lassen.«

Yvonne fuhr zusammen, als hätte er sie geohrfeigt. »Dein Bruder hat das wichtigste Artefakt der Welt fallen lassen?«

»Für Sie mag es wichtig sein, für uns ist es bloß ein blöder Stein«, gab Nolan achselzuckend zurück – eine bewusste Provokation. »Suchen Sie ihn lieber bei den Ungezähmten. Bestimmt hat ihn einer von denen aufgehoben.«

»Nur ein Erbe würde es wagen, den Stein zu berühren. Allen anderen Animox würde er die Kräfte entziehen!«, konterte Yvonne und lief zu Nolans Befriedigung rot an.

Qiang hob den Zeigefinger. »Ganz gleich, wer den Raubstein aufgehoben hat, jetzt ist er ziemlich sicher bei den Ungezähmten. Wenn du unbedingt eine Expedition in den Dunkelwald schicken willst, dann viel Glück, Yvonne. Die Ungezähmten sind clever und haben den Stein bestimmt längst fortgeschafft. Was den Jungen betrifft, so habe ich in Erfahrung gebracht, dass er mit seiner Mutter und seinem Onkel nach New York geflohen ist. Er mag das ganze Chaos hier ausgelöst haben, aber jetzt hat er den Rückzug angetreten.«

Nolan atmete verstohlen auf. Seine Familie war in Sicherheit. Simon und er kannten sich zwar erst seit knapp zwei Jahren, aber in dieser kurzen Zeit hatte sein bescheuerter Zwillingsbruder wieder und wieder den Helden gespielt. Deswegen hatte Nolan eigentlich damit gerechnet, dass Simon in der Schweiz bleiben würde, um sich den Hütern und dem gesamten Imperium ganz allein entgegenzustellen. Wenn sein Bruder ein Mal im Leben getan hatte, was man ihm sagte, würde es ihm selbst die Sache unendlich erleichtern.

Doch er kannte Simon. Sein Bruder würde sich nicht ewig heraushalten. Vielleicht war er erst einmal in die Staaten zurückgekehrt, um den Kopf freizubekommen und sich einen Schlachtplan zu überlegen. Bei der erstbesten Gelegenheit würde er sich aber garantiert wieder einmischen. Als bekäme Nolan das nicht auch allein hin! Als wäre die Verantwortung zu groß für ihn.

Wobei Nolan insgeheim auch daran zweifelte. Er zwang sich, sich noch etwas mehr aufzurichten. Er war klug. Er war ein Erbe. Und er hatte einen Plan. Das musste er sich immer wieder sagen. Dann würde alles gut gehen.

Außerdem hatte er sowieso keine Wahl. Qiang hatte deutlich gemacht, was passieren würde, wenn er nicht mitspielte. Von seiner Zusammenarbeit mit den Hütern hing das Leben seines Bruders ab. Das Leben seiner ganzen Familie.

Wadim murmelte etwas in einer Sprache, die Nolan nicht verstand. »Wenn wir den Raubstein hätten, könnten wir die Erben leichter unterwerfen«, gab er dann zähneknirschend zu. »Aber wie Qiang schon gesagt hat, wissen wir nicht, wo der Stein ist. Wer die Erben sind, wissen wir allerdings sehr gut, und es muss unser oberstes Ziel sein, sie zu finden, bevor sie sich zusammenschließen.«

»Du meinst, es ist unser oberstes Ziel, sie zu töten«, entgegnete die afrikanische Hüterin, die markante Wangenknochen und eine hohe Stirn hatte. Sie spielte mit ihrem breiten Goldring – dem gleichen Ring, den alle Hüter trugen. »Denn darum geht es doch, nicht wahr? Um die Ermordung unschuldiger Kinder.«

»Wenn der Raubstein einem Erben in die Hände fällt, kommt es zum Krieg, und dann wird es unzählige Tote geben«, konterte Wadim. »Noch nie war die Animox-Welt so sehr von uns Hütern abhängig. Wenn wir gestürzt werden, ist das das Ende.«

Die Stille, die nun eintrat, schien durch den Thronsaal zu hallen. Nolan musste sich schwer beherrschen. Die Hüter sprachen nicht nur über irgendwelche Erben, die er nicht kannte – sie sprachen auch über ihn. Über seinen Bruder. Und sie würden erst ruhen, wenn der letzte Erbe tot war.

Doch solange Simon noch lebte, solange er nicht in Gefahr war, würde Nolan mit den Hütern kooperieren. Sollten sie jedoch seinem Bruder mit dem Tod drohen und damit die Abmachung brechen, die er mit ihnen geschlossen hatte, würden sie dafür büßen.

»Wir vermuten nur, wer die Erben sein könnten«, erwiderte Qiang ruhig. »Von den Übrigen haben wir nichts zu befürchten.«

»Dann treiben wir sie zusammen und nehmen sie unter die Lupe.« Jetzt, wo sich Wadim der Aufmerksamkeit der anderen sicher war, wirkte er wesentlich selbstbewusster. »In Australien gibt es die wenigsten Nachkommen der Königsfamilie. Yvonne –«

»Willst du damit sagen, wir sollen mit meinen Landsleuten anfangen?«, fiel ihm die Hüterin entsetzt ins Wort.

»Es geht nicht um deine Landsleute, sondern um die Erben. Sie sind ein Krebsgeschwür, das wir mit Stumpf und Stiel ausrotten müssen. Sonst breiten sie sich aus und erobern sich ihre angestammten Throne zurück. Diese Throne hier!« Wadim deutete auf die Marmorsessel. »Und wenn sie sich erst einmal zu Herrschern über unsere Welt erklärt haben, gibt es ein Blutbad, und sie statuieren an uns ein Exempel für jeden, der sie stürzen will. Schon ihre Kräfte machen sie äußerst gefährlich. Sollten sie auch noch in den Besitz des Raubsteins gelangen, wären sie nicht mehr aufzuhalten.«

Nolan kam das Ganze reichlich übertrieben vor, vor allem der Teil mit dem Blutbad. Wadim hatte ja richtig Schaum vor dem Mund. Mit Fanatikern kannte sich Nolan aus. Nichts würde Wadim davon überzeugen, dass die Erben es verdienten, am Leben zu bleiben.

Auch gut. Jetzt wusste er wenigstens, wen er als Erstes aus dem Weg räumen musste.

Yvonne atmete zitternd ein. »Unschuldigen tun wir nichts zuleide. Nur Erben. Wahren Erben.«

»Selbstverständlich«, sagte Wadim mit einem angedeuteten Nicken, das Nolan ihm nicht abnahm.

Yvonne sprang von ihrem Thron und lief mit klackernden Absätzen auf und ab. »Ich werde die Tests persönlich überwachen«, verkündete sie. »Ich dulde keine Einmischung, nicht einmal von dir, Wadim. Und was dich angeht, Qiang …« Sie baute sich vor dem asiatischen Hüter auf wie eine Schlange kurz vor dem Zustoßen, sah aber dabei Nolan an. »Dein kleiner Liebling muss seinen Nutzen unter Beweis stellen, sonst lasse ich ihn und alle seine Angehörigen für den Diebstahl des Raubsteins hinrichten. Ist das klar?«

Nolan lief es eiskalt den Rücken hinunter. »Glasklar«, sagte er, ohne Qiangs Antwort abzuwarten. »Aber sobald Sie meiner Familie ein Haar krümmen, können Sie sich auf was gefasst machen. Sie alle.«

Yvonne verzog verächtlich die schmalen Lippen. »Dann tu deine Arbeit, Erbe. Wie es scheint, hängt davon unser aller Leben ab.«

Als sie sich abwandte, biss Nolan die Zähne zusammen. Simon saß im Flugzeug, rief er sich in Erinnerung. Bald würde er Tausende Meilen entfernt sein, von Australien aus gesehen auf der anderen Seite der Erde, wo ihm Yvonne und Wadim nichts mehr anhaben konnten. Und er selbst konnte dann tun, was nötig war, um seine Familie zu schützen.

Erstes Kapitel

Down Under

Als das Flugzeug von einer Turbulenz durchgeschüttelt wurde, geriet Simon Thorns Magen ins Flattern, und ihm wäre beinahe das lauwarme Mittagessen hochgekommen.

War es überhaupt das Mittagessen gewesen? Die unterschiedlichen Zeitzonen verwirrten ihn, und aus dieser Höhe war nicht zu erkennen, wo sie sich gerade befanden. Vielleicht noch immer über Land. Sie waren erst ein paar Stunden in der Luft, und durch das Fenster hinter seinem schnarchenden Großvater hatte Simon noch kein Meer gesehen. Allerdings war es schon ihr dritter Flug an diesem Tag, und Simon hatte den Überblick darüber verloren, welcher Kontinent unter ihnen lag, und erst recht, welches Land.

»Hast du gewusst, dass es in Australien hundert verschiedene Giftschlangen gibt?«, fragte das dunkelhaarige Mädchen links neben ihm. Winter steckte die Nase in einen Reiseführer mit dem Titel Australiens gefährlichste Tiere – ein Überlebensratgeber, und als sie umblätterte, wurde sie blass. »Und das sind nur die, die an Land leben.«

»Die Seeschlangen sind nicht so schlimm«, sagte Jam, Simons bester Freund. Er saß vor ihnen und hatte sich umgedreht. Die blonden Haare fielen ihm über die Brille. »Die meisten sind nur einsam und sehnen sich nach Unterhaltung. Solange man sie schwafeln lässt, tun sie einem nichts. Meistens geht es darum, wie dumm Krokodile oder wie nachtragend Schildkröten sind. Wovor ihr euch wirklich hüten müsst, sind die Würfelquallen. Ihr Gift ist tödlich, und sie haben kein Gehirn, darum kann man nicht mal vernünftig mit ihnen reden.«

»Vielen Dank – das wollte ich hören«, brummte Winter beim Umblättern. »In Australien ist die ganze Tierwelt lebensgefährlich. Spinnen, Fische, Vögel, Dingos und sogar die Kängurus.«

»Nur wenn man nicht aufpasst«, gab Jam zurück. »Millionen Australier überleben ja auch irgendwie. Und die Natur ist großartig: das Great Barrier Reef, das Outback, die Nationalparks, die Opalminen, die Strände …«

»… und alle voller gefährlicher Tiere«, ergänzte Winter. »Auch mit Koalas ist nicht zu spaßen. Koalas!«

»Jedes Tier kann gefährlich werden.« Jam klang genervt. »Außerdem sind wir schon an schlimmeren Orten gewesen, stimmt’s, Simon?«

Simon hatte den Blick auf seinen Klapptisch gerichtet und riss seine Papierserviette systematisch in winzige Stücke. Er wollte sich an dem Streit der beiden nicht beteiligen, spürte jedoch ihre erwartungsvollen Blicke. Sie wollten, dass er einem von ihnen recht gab. Während Jam ein Gespür dafür hatte, wann Simon nicht nach Reden war, würde Winter sein Schweigen nicht akzeptieren.

Aber was sollte er dazu sagen? Sie waren noch nie in Australien gewesen. Sie hatten alle keine realistische Vorstellung davon, was sie erwartete, und das wenige, was sie in Erfahrung bringen konnten, machte Simon Angst. Winter mochte sich vor den Tieren fürchten, er selbst dagegen würde es lieber mit hundert Giftschlangenarten aufnehmen, als erneut dem Imperium gegenüberzutreten.

»Ist doch jetzt auch egal.« Ariana, die neben Jam saß, kniete sich auf ihren Sitz, um sich an der Unterhaltung zu beteiligen. Als Simon in ihre dunklen Augen blickte, wurde ihm wieder ganz anders, was allerdings nicht an irgendwelchen Turbulenzen lag. »In sechs Stunden landen wir in Sydney. Dann haben wir eine ganz konkrete Aufgabe, und die hat nichts mit Sightseeing oder der furchterregenden Tierwelt zu tun.«

Diese Bemerkung löste die Spannung, und Simon atmete auf. Jam machte ein verlegenes Gesicht, Winter dagegen schnaubte beleidigt und wandte sich demonstrativ wieder ihrem Buch zu. Dass sie beunruhigt war, konnte man ihr vermutlich nicht übel nehmen. Vor nicht mal achtundvierzig Stunden hatte ihr der Raubstein auf mysteriöse Weise die Fähigkeit genommen, sich in ihre Animox-Gestalt, eine Wassermokassinotter, zu verwandeln. Sie war als Einzige von ihnen wehrlos.

»Na ja, es ist schon sinnvoll, sich mit der Tierwelt dort zu befassen«, lenkte Simon ein. »Vorbereitet zu sein ist immer gut.«

»Es kann nicht schaden«, pflichtete Ariana bei und schob sich das silberne Haar hinter die Ohren. Nach dem Blick zu urteilen, mit dem sie Winter ansah, dachte sie das Gleiche wie Simon. Sie boxte Jam in die Rippen und sah ihn auffordernd an.

»Und, äh … in Australien gibt es eine faszinierende Vielfalt von Arten, die nur dort vorkommen«, sagte Jam rasch. »Vielleicht können wir mal die Reiseführer tauschen, Winter. Dann lerne ich etwas über die Flora und Fauna und du über die Sehenswürdigkeiten und die Geschichte.«

Winter packte ihr Buch noch fester. »Danke, kein Bedarf«, lehnte sie schroff ab. »Und wenn einer von euch jetzt wieder mit der Mitleidsnummer anfängt, schreie ich so lange, bis der Pilot notlanden muss.«

»Das würde dem Imperium mindestens einen Tag Vorsprung verschaffen, und dann haben wir keine Chance mehr, die Erben als Erste zu finden«, sagte Arianas Sitznachbarin missbilligend.

Als Charlotte Roth sich zu ihnen umdrehte, entwischten ein paar dunkle Locken aus ihrem Haarknoten. Sie und Simon hatten sich erst vor sechs Tagen kennengelernt. Da war sie bei ihm zu Hause aufgetaucht und hatte ihn um Hilfe bei der Suche nach ihrer entführten Schwester gebeten. Seither stand sein ganzes Leben kopf. Bis dahin war seine größte Sorge gewesen, seine Prüfungen am L.A.G.E.R. zu bestehen – der Leitenden Animox-Gesellschaft für Exzellenz und Relevanz, einer geheimen Schule für Animox unter dem Central Park Zoo. Jetzt kam es ihm vor, als würde das Schicksal der gesamten Animox-Welt auf ihm lasten.

Wobei das nicht das erste Mal war. Vor zwei Jahren hatte er überhaupt erst erfahren, dass es Animox gab, dass er einen Zwillingsbruder hatte und dazu eine ganze Familie, von der er nichts geahnt hatte. Kurz darauf hatte er die fünf Animox-Reiche von Nordamerika nach den Teilen des Greifstabs abgesucht – eines legendären Steins, der ihre Welt zerstören konnte, wenn er in falsche Hände kam. Um ein Haar wäre das auch passiert, aber Simon war es in einer halsbrecherischen Aktion gelungen, den Greifstab zu zerstören.

Er hatte gedacht, damit wäre die Sache erledigt. Dann war Charlotte aufgetaucht und hatte ihm von einer tyrannischen Regierung namens Imperium berichtet, von den fünf Hütern, aus denen sie bestand, und dem Raubstein, der sogar noch mächtiger war als der Greifstab. Da war Simon klar geworden, dass es jetzt erst richtig losging.

Durch den Spalt zwischen den Sitzen erspähte er auf Charlottes Klapptisch eine offene Mappe. »Seid ihr mit der Liste weitergekommen?«

»Die haben wir schon vor Stunden durchgesehen«, sagte Charlotte mit ihrem europäischen Akzent, der keiner bestimmten Gegend zuzuordnen war. »Wir haben sie nach Orten sortiert und eine Landkarte gezeichnet.«

»Die gute Nachricht ist«, ergänzte Ariana, »dass es in Australien nur zwölf Namen sind.«

»So viele?« Simon bekam einen Schreck. »Seid ihr sicher, dass alle das richtige Alter haben?«

»Definitiv«, sagte Charlotte. »Das Imperium hat niemanden auf die Liste gesetzt, der zu jung oder zu alt sein könnte, um zum ersten Mal zu animagieren.«

Zwölf. Simon wünschte sich noch eine Serviette herbei, die er zerreißen könnte. Vor zwei Tagen war es ihm und Charlotte zusammen mit einem Jungen namens Hugo gelungen, den Hütern in der Zitadelle eine Datei zu klauen. Sie enthielt Angaben zu rund hundert Nachkommen der Königsfamilie, die früher mithilfe des Greifstabs und des Raubsteins über die Animox-Welt geherrscht hatte. Irgendwann hatte ein unzufriedener Prinz den Greifstab gestohlen und sich damit nach Nordamerika abgesetzt. Dadurch war das Königshaus geschwächt worden, und schließlich hatte das Imperium die Macht samt Raubstein an sich gerissen. Alle erwachsenen Mitglieder der Herrscherfamilie waren hingerichtet worden, die Kinder hatte man getrennt und auf die anderen fünf bewohnbaren Kontinente verteilt.

Bisher hatte immer nur ein einziger Nachkomme pro Generation Erbenkräfte entwickelt. Wenn er entdeckt wurde, hatte ihn das Imperium umgebracht, aus Furcht, er könnte einen Aufstand anzetteln. Bei der Zerstörung des Greifstabs letztes Jahr hatte Simon die Kräfte des mächtigen Steins unwissentlich noch einmal entfesselt – und als Abschiedsgeschenk hatten viele Nachkommen der Königsfamilie Erbenkräfte verliehen bekommen. All diejenigen, die kurz davor waren, zum ersten Mal zu animagieren.

Das Problem war, dass sie nicht wussten, welche der Nachkommen auf der Liste tatsächlich Erben waren. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als alle aufzuspüren, bevor das Imperium es tat.

Anscheinend sah man Simon an, wie ihm zumute war, denn Ariana sagte aufmunternd: »Zwei der Nachkommen wohnen außerhalb von Sydney. Leo soll am Flughafen ein Auto mieten und uns hinfahren.«

Simon sah zu seinem Großvater, der seine imposante Gestalt in den schmalen Flugzeugsitz gezwängt hatte. Er lehnte den Kopf ans Fenster und schnarchte immer noch. »Und wie weit weg wohnen die anderen?«, fragte Simon.

Arianas Gesichtsausdruck verriet ihm schon, dass die Antwort nicht erfreulich ausfallen würde. »Einer bei Brisbane, ein Zweiter in Melbourne. Beide Städte liegen zwar auch an der Ostküste, aber …«

»… der Rest ist überall verstreut«, erklärte Charlotte sachlich und zückte einen Zettel mit einer Skizze von Australien, auf der zwölf rote Punkte eingetragen waren. Die meisten Punkte waren an der Küste oder unweit davon, allerdings gab es auch eine Handvoll im Landesinneren – im Outback, auf das Jam offenbar gespannt war. Wie es aussah, würde sein Wunsch, es kennenzulernen, in Erfüllung gehen.

»Wie präzise ist diese Karte?« Simons Mund war plötzlich ganz trocken.

»Ich habe sie aus Jams Reiseführer kopiert«, antwortete Ariana. »Alle Städte sind eingezeichnet, auch die kleineren.«

»Australien ist ziemlich groß, oder?«

Diesmal kam die Antwort von Jam. Er blickte so düster drein, wie Simon sich fühlte. »Fast so groß wie die USA. Wenn wir einmal quer durchfahren, sind wir mindestens eine Woche unterwegs, und dabei geht es durch das Outback, also die Wildnis.«

»Meinst du zufällig die Wildnis, in der die gefährlichen Tiere leben?« Winters grüne Augen funkelten.

Simon ging nicht darauf ein. »Vielleicht gelingt es uns, mit ein paar möglichen Erben zu sprechen, aber bei den übrigen wird uns das Imperium zuvorkommen. Ausgeschlossen, dass wir bei allen als Erste eintreffen.«

»Wir müssen es trotzdem versuchen.« Ariana grub die Fingernägel in ihren Sitz. »Ein paar zu retten ist besser als nichts.«

Sie hatte natürlich recht, aber was würde passieren, falls das Imperium … sobald das Imperium die übrigen aufspürte? Ein unerträglicher Gedanke. »Können wir nicht irgendwie schneller hinkommen?«

»Wir könnten fliegen«, antwortete Charlotte, klang jedoch nicht sehr überzeugt. »Wobei man jedes Mal, wenn man in einen Flieger steigt, dem Imperium eine Spur hinterlässt. Die haben ganz andere Möglichkeiten als wir.«

»Selbst wenn wir ihnen zuvorkommen«, ergänzte Jam, »wie wollen wir die Nachkommen dazu bringen, uns zu erzählen, ob sie Erbenkräfte haben?«

»Warum sollten sie uns das nicht sagen?«, wandte Winter ein. »Sie wissen doch nicht, dass das Imperium hinter ihnen her ist.«

Charlotte schüttelte den Kopf. »Das bedeutet noch lange nicht, dass sie Wildfremden von ihrer außergewöhnlichen Gabe erzählen. Damit könnten sie schließlich unerwünschte Aufmerksamkeit erregen.«

Beklommene Stille trat ein. Auf die Idee, die Nachkommen von der Liste würden möglicherweise nicht offen über ihre Kräfte sprechen, war Simon noch gar nicht gekommen. Das Einfachste wäre, wenn sie alle Erben waren. Ein Teil hatte jedoch schon vor der Zertrümmerung des Greifstabs zum ersten Mal animagiert und besaß somit nur eine einzige Tiergestalt, so wie fast alle Animox. Diese Nachkommen würden ihnen nichts vormachen können.

Die Erben dagegen schon. Als Simon seinerzeit entdeckt hatte, dass er sich in jedes beliebige Tier verwandeln konnte, war ihm auch klar geworden, wie riskant es wäre, das herumzuerzählen. Fast sein ganzes erstes Jahr am L.A.G.E.R. hatte er so getan, als könnte er sich nur in einen Goldadler verwandeln. Das war die Tiergestalt seiner Mutter, und niemand hatte das infrage gestellt, nicht mal sein Bruder und sein Onkel. Seine Freunde hatten die Wahrheit erst herausgefunden, als sie zusammen auf die Suche nach den Teilen des Greifstabs gegangen waren. Und den Anführern der fünf Reiche hatte er sein Geheimnis erst vor der letzten Schlacht offenbart. Da hatte er es einfach nicht länger für sich behalten können.

Um die Erben für sich zu gewinnen, würde er ihnen sagen, dass sie in Gefahr waren und das Imperium ihren Tod wollte. Andererseits wäre das erst recht ein Grund für sie zu schweigen. Besonders gegenüber einem jungen Ausländer, der aus heiterem Himmel in ihr Leben platzte und ihre Welt umkrempelte.

»Hinter Simon ist das Imperium ja auch her«, hörte er Ariana leise zu Charlotte sagen. »Dir oder mir trauen die möglichen Erben vielleicht nicht, aber Simon kann beweisen, dass er einer von ihnen ist. Vielleicht hilft das.«

Wieder sahen alle ihn an. Simon schaute stur auf sein Tischchen. Als er New York verlassen hatte, um mit Charlotte nach Zürich zu fliegen, hatte er gewusst, dass ein heikles Abenteuer vor ihm lag, aber mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Wenn es ihm nicht gelang, dass ihm die Erben vertrauten, wenn er ihnen nicht klarmachen konnte, dass er auf ihrer Seite war …

»Wenn ich ein Erbe wäre, würde ich Simon glauben«, sagte Winter. »Sonst müssen wir ihnen irgendwie zeigen, dass nicht wir diejenigen sind, vor denen sie Angst haben müssen.«

»Das kann ja eigentlich nicht so schwer sein«, pflichtete Charlotte ihr bei. »Das Imperium wird es erst auf die nette Tour versuchen, aber ewig können sie das nicht durchhalten. Irgendwann werden sie ihre wahren Absichten enthüllen.«

Jam nickte. »Vielleicht haben wir ja Glück. Wenn wir erst mal einen Erben überzeugt haben, werden uns die anderen eher glauben.«

Einer. Zwölf. Im Grunde war das egal, es war sowieso aussichtslos, dachte Simon. Als sich seine Freunde wieder richtig hinsetzten, versuchte er sich trotzdem einzureden, dass sie recht hatten – dass sie es irgendwie hinkriegen würden.

Doch als er an seinem schlafenden Großvater vorbei aus dem Fenster sah, kamen ihm wieder Zweifel. Wie lange würde es dauern, bis das Glück sie verließ?

Zweites Kapitel

Spion mit Flügeln

Während des restlichen Flugs konzentrierte sich Simon darauf, ein paar Stunden Schlaf zu bekommen – was angesichts der anhaltenden Turbulenzen und seiner Sorgen nicht leicht war. Die Sorgen verfolgten ihn sogar bis in seine Träume. Darin sah er zwar nicht die Gesichter der Erben, spürte aber ihr Misstrauen und später ihre Vorwürfe, wenn sie im Sterben lagen, umringt von weiß gekleideten Gestalten mit einem ganzen Arsenal blutverschmierter Waffen.

Erst als das Flugzeug in den Sinkflug ging, schreckte er aus diesen Albträumen hoch. Ihr Plan hatte durchaus eine Chance, redete er sich wieder gut zu. Trotzdem hatte er ein mulmiges Gefühl, auch noch bei der Landung auf dem Internationalen Flughafen von Sydney. Nachdem sie die Zollkontrolle passiert hatten, entschuldigte er sich und verschwand in der nächsten Toilette.

Er würde es schaffen. Er musste es schaffen, sagte er sich, während er sich kaltes Wasser ins Gesicht klatschte. Niemand sonst würde den Erben zu Hilfe kommen, und wenn er seine Ängste nicht in den Griff bekam, waren ihre Chancen gleich null.

»Hast du überhaupt ein Auge zugemacht?«, fragte jemand. Simon fuhr vor Schreck zusammen und setzte dabei die Ablage zwischen den Waschbecken unter Wasser. Sein Großvater schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Du siehst nicht so aus.«

»Ich hab’s versucht.« Simon nahm sich ein paar Papierhandtücher und wischte die Ablage trocken. »Aber ich habe die ganze Zeit … geträumt.«

Leos buschige, grau melierte Augenbrauen schossen in die Höhe. »Du hattest wieder Albträume?«

Simon nickte. Sein nasses Gesicht brannte vor Verlegenheit, dabei gab es eigentlich keinen Grund, sich zu schämen. Leo Thorn, der Vater seines Vaters, war bei der letzten Schlacht mit Simons anderem Großvater dabei gewesen – mit Orion, dem Vater seiner Mutter und früheren Herrn des Vogelreichs. Der Kampf war ein Jahr her und hatte mit dem toten Orion neben dem zerstörten Greifstab geendet. Wenn irgendwer nachvollziehen konnte, warum Simon manchmal immer noch schreiend, schweißgebadet und mit dem Gefühl, auf schroffe Felsen zu stürzen, aufwachte, dann Leo.

»Diesmal ging es aber nicht um die Schlacht«, sagte Simon. »Sondern um die Erben. Ich …« Er betätigte den Seifenspender und konzentrierte sich aufs Händewaschen, um die schrecklichen Bilder zu verdrängen. »Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Wie ich sie alle retten soll.«

Im Neonlicht traten die dunklen Ringe unter Leos Augen deutlicher hervor als sonst. »Niemand weiß, was kommt, Simon. Es kann für uns gut laufen und für das Imperium schlecht. Das sehen wir, wenn es so weit ist.«

»Das Imperium ist überall«, entgegnete Simon. »Wir können von Glück sagen, wenn sie sich noch nicht alle Erben geschnappt haben.«

»Möglich, aber sie haben einen entscheidenden Nachteil. Sie müssen die Erben erst dazu bringen, ihnen zu vertrauen. Deine Freunde haben recht. Wenn diese jungen Leute ihr Geheimnis jemandem anvertrauen, dann einem anderen Erben, nicht irgendwelchen Erwachsenen, die sie ausfragen.«

Als Simon seine Hände unter kaltem Wasser abspülte, begegnete er im Spiegel dem Blick seines Großvaters. »Du siehst aber auch nicht aus, als hättest du auf dem Flug viel Schlaf bekommen.«

Leo lachte. »Wie auch! Ihr habt ja die ganze Zeit geredet. Du tust dein Bestes, Simon, und du bist in dieser Sache nicht allein. Wir werden alles Menschenmögliche versuchen, um diese Kinder zu beschützen, und wenn es uns nicht gelingt …« Er wurde ernst. »Zu viele Leute wissen schon Bescheid. Irgendwann muss sich das Imperium für seine Verbrechen verantworten.«

Das würde allerdings keins der Opfer wieder lebendig machen – zum Beispiel Beck, Charlottes großen Bruder, der vor ein paar Jahren verschwunden war, kurz nachdem er Erbenkräfte entwickelt hatte. Ihre kleine Schwester Emilia war vor einem Monat ebenfalls verschleppt worden. Simon klammerte sich an die schwache Hoffnung, dass wenigstens sie noch am Leben war.

Die ganzen Mutmaßungen und Vorstellungen vom schlimmstmöglichen Ausgang würden jedoch niemanden retten. Und so kehrte Simon, nachdem er sich die Hände getrocknet hatte, mit seinem Großvater zu den anderen zurück. Die versüßten sich die Wartezeit mit einem Eis, das bestimmt hundertmal besser schmeckte als alles, was man ihnen im Flugzeug vorgesetzt hatte.

Sie folgten den Schildern und warteten am Gepäckband auf ihre Koffer. Simon hatte nur seinen Rucksack dabei, und während Jam, Ariana und Leo jeder einen Koffer hatten, reisten Charlotte und Winter mit größerem Gepäck. Um Winters sämtliche Taschen vom Band zu hieven, mussten alle mithelfen, und als alles ordentlich auf einen Kofferkuli gestapelt war, lief Simon der Schweiß in den Nacken.

»Ich muss was trinken«, sagte er. »Ich glaube, wir sind vorhin an einem Automaten vorbeigekommen.«

»Ich komme mit.« Ariana strich sich das Haar aus dem erhitzten Gesicht. »Während ihr auf der Toilette wart, habe ich meine Euros in australische Dollar gewechselt.«

Leo wendete den Kofferkuli und steuerte den Schalter einer Autovermietung an. »Aber bleibt bitte in der Nähe. Keine eigenmächtigen Erkundungstouren. Eure Eltern würden es mir nie verzeihen, wenn ihr am anderen Ende der Welt verloren geht. Ich habe auch so schon genug Ärger mit ihnen.«

»Und wessen Schuld ist das?«, fragte Ariana leichthin und hakte sich bei Simon unter, bevor sie in die Richtung zurückgingen, aus der sie gekommen waren. Leo hatte Simons Mutter und Onkel nicht in seine Pläne eingeweiht, sich den Ungezähmten anzuschließen, einer Gruppe von Animox, die schon seit Jahren gegen das Imperium kämpften. Obendrein hatte er einen falschen Namen benutzt, um seine Verbindung zu Simon zu verschleiern, der in der Animox-Welt jetzt berühmt-berüchtigt war. Die Anführerin der Aufständischen – zufällig Charlottes Mutter – war über die Lüge nicht erfreut gewesen, hatte den Grund aber eingesehen. Denn wenn Simon und seine Freunde die Nachkommen des Königshauses überall auf der Welt aufspüren wollten, musste ein Erwachsener sie begleiten. Simon war froh, dass dieser Erwachsene sein Großvater war.

Der Getränkeautomat war weiter weg, als Simon gedacht hatte. Nach fast zehn Minuten Suche im Labyrinth der vielen Gänge hatten sie ihn immer noch nicht gefunden.

»Stand er nicht in der Nähe einer anderen Toilette?«, fragte Simon und spähte in einen engen, gelb gestrichenen Gang.

»Ich glaube nicht, dass wir da hergekommen sind«, sagte Ariana. »Vielleicht hätten wir Jam mitnehmen sollen.«

»Zu spät.« Simon war sowieso nicht sicher, ob Jams geradezu unheimlich präziser Orientierungssinn auch in Bezug auf Getränkeautomaten funktionierte. »Vielleicht sollten wir jemanden fragen, der …«

Er unterbrach sich. Durch den Hauptgang kam eine Frau in einer marineblauen Uniform auf sie zu. Ihr schwarzes Haar war zu einem straffen Knoten gebunden. Simon kannte sie nicht, sehr wohl jedoch das Abzeichen an ihrem Ärmel: eine Raute mit zwei zusätzlichen spitzwinkligen Linien.

Das Symbol des Imperiums.

»Ariana!«, zischte er und duckte sich, als könnte er sich so vor der Frau verbergen, doch Ariana zog ihn wieder hoch und ging in quälend normalem Tempo weiter.

»Ich seh sie auch«, sagte sie, fast ohne die Lippen zu bewegen. »Tu, als wäre alles in Ordnung. Wenn wir weglaufen, machen wir uns bloß verdächtig.«

Sie hatte natürlich recht. Simon riss sich zusammen. Um die Hüfte trug die Frau einen Gurt mit einem Walkie-Talkie, und als sie jetzt näher kam, hörte man Rauschen und unverständliche Wortfetzen. Schließlich blieb Ariana stehen und tat, als müsste sie sich den Schnürsenkel binden, und die Frau ging an ihnen vorbei. Das Funkgerät rauschte wieder, und diesmal konnte Simon ein paar Worte aufschnappen.

»Hüter – gelandet – alle verfügbaren – Lounge –«

Atemlos sah Simon Ariana an, die aus der Hocke zu ihm hochstarrte. Keiner von beiden sagte etwas, bis die Frau in einem anderen Gang verschwunden und kurz darauf eine schwere Tür hinter ihr zugefallen war.

»Wehe, du –«, setzte Ariana an, doch Simon rannte schon zu dem gelben Gang zurück, in dem sich zum Glück niemand aufhielt. Als Ariana ihn eingeholt hatte, schwirrte er als Fliege über dem abgetretenen Teppichboden. Das war vielleicht nicht die unauffälligste Tarnung, aber er hatte im Flughafen schon mehrere Fliegen entdeckt, und etwas Besseres fiel ihm gerade nicht ein.

Er flog zu Arianas Ohr hoch. »Geh wieder zu den anderen. Ich komme gleich nach.«

»Du spinnst!«, schimpfte sie, doch bevor sie richtig loslegen konnte, war er schon auf und davon.

Für den Fall, dass irgendwelche Animox-Spione in der Nähe lauerten, änderte Simon beim Fliegen ruckartig die Richtung, wie er es von gewöhnlichen Fliegen kannte. Vor einer rostigen Metalltür musste er anhalten.

Die Klinke konnte er schlecht selbst hinunterdrücken. Als er sich gerade in eine Mücke verwandeln und durch den Spalt unter der Tür hindurchschlüpfen wollte, schwang sie plötzlich auf und hätte ihn fast erschlagen. Blitzschnell schoss er in die Höhe, und als ein stämmiger Mann erschien, schwirrte er über dessen Kopf hinweg, damit ihn der Mann nicht sah.

Der Gang hinter der Tür war offenbar nur für Flughafenmitarbeiter gedacht. Er war lang und muffig, mit mehreren nicht beschilderten Türen auf beiden Seiten. Am anderen Ende entdeckte er die Frau. Sie trat gerade durch eine weitere Tür, auf der »VIP« stand. Simon flog, so schnell er konnte, und einen Sekundenbruchteil, bevor die Tür zufiel, schlüpfte er mit hindurch.

Zu seiner Verwunderung befand er sich in einer luxuriösen Lounge. Gewöhnliche Passagiere hatten hier bestimmt keinen Zutritt. Der Boden war mit flauschigem blauem Teppich ausgelegt, an den Wänden hingen Originalkunstwerke zwischen großen Fernsehmonitoren, und durch den Sitzbereich mit den bequemen Sesseln eilten elegant gekleidete Angestellte mit Getränken für die wenigen Passagiere, die hier auf ihre Flüge warteten.