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Anna-Maria Dornenvogel lernt in den Sommerferien 1979 ihren neuen Nachbarn kennen und verliebt sich in ihn...
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für C.
Tagebucheintrag vom 17. Mai 1979
Prolog
Das Ende einer Einsamkeit
Das Märchenbuch
Tagebucheintrag vom 14. August 1979
Wintergeschichte
In den Wolken leben und träumen
Tagebucheintrag vom 17. August 1979
An der Rosenbank
Brombeerhecken und Zwetschgenbäume
Der Wind unter der Trauerweide
Das Wolkenkind
Brief von Margot
Wie die Sonne im Sommer
Tagebucheintrag vom 22. August 1979
Zauberwald
Bambi
Die Schönheit eines Kinderzimmers
Zimmer der Träume
Der verwunschene Apfelbaum
Die Fee der Bäume
Drei Tassen warme Milch mit Honig
Das Geheimnis der Schatulle
Goldbroiler
Margots Geheimnis
Ein Brief voller Blumen
Abschied vom Rosengarten
Epilog
Tagebucheintrag vom 24. Dezember 1979
Anna-Marias Bücher
Ich habe einen Traum. Den Traum, die Welt kennenzulernen und vielleicht irgendwann zu verstehen und zu vergessen. Ich möchte lernen, besonders, was es heißt, jemanden bedingungslos zu lieben, mehr vielleicht, als ich meine Eltern geliebt habe. Ich möchte den Tod verstehen und vielleicht irgendwann damit umgehen können. Ich habe diesen Traum. Ich träume davon, ihn vor meinem eigenen Tod zu verwirklichen. Bevor meine Seele meinen Körper verlässt und mich von all meinem Schmerz befreit. Ich habe diesen Traum.
Leise, sanfte Schneeflocken fielen auf ihr vom Schlaf noch warmes Gesicht und zerflossen zu Wasser. Anna-Maria schlug die Augen auf und blickte durch das leicht geöffnete Dachfenster in den mit unzählig vielen kleinen Schneeflocken bedeckten Himmel. Irgendein Gefühl sagte ihr, dass dies vorerst der letzte Schnee sein würde. Denn es war schon Mitte Mai und draußen hatten sich die Bäume grün und die Pflanzen bunt gefärbt. Den plötzlichen Kälteeinbruch und die wütenden Schneestürme erklärte sich Anna-Maria mit den vergangenen Ereignissen. Wenn jemand stirbt, dann passt sich auch das Wetter an. Ihr Vater hatte zu seinen Lebzeiten nun mal die Kälte geliebt. Nun verabschiedete er sich mit ungewöhnlichen Minusgraden im Mai. Und ihre Mutter, die Schnee immer gemocht und allen anderen Wetterlagen bevorzugt hatte, gab ihren Tod mit den Schneestürmen bekannt, die sie des nachts um die Häuser schickte und somit die Einwohner des kleinen verschlafenen Städtchens an der Ostsee wach hielt.
Einen Tag nachdem Anna-Maria aus der psychiatrischen Klinik entlassen wurde, wo sie mit ihrer Cousine Margot für die letzten fünf Jahre gelebt hatte, war das tragische Unglück geschehen.
Dann, eine Woche später, war die Beerdigung.
Anna-Maria kramte in ihrer weißen Holzkommode, über der unzählige Poster und kleine Bilder hingen, die sie aus Zeitschriften entnommen hatte.
Endlich fand sie, was sie suchte: ihre einzigen schwarzen Kniestrümpfe, passend zu ihrem schwarzen Kleid.
Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie dieses Kleid trug. Es fühlte sich merkwürdig an.
Bisher hatte sie es nie gebraucht.
Es hatte nie Todesfälle in ihrer Familie gegeben.
Selbst ihre Großeltern lebten noch.
Doch ein einziger Fehler, ein einziges kleines Ereignis, hatte ihren Eltern das Leben gekostet.
Bis Anna-Maria vollständig realisiert hatte, dass sie ihre Eltern nie wieder sehen würde, würde noch einige Zeit vergehen. Auch ihre Trauer würde erst später einsetzen.
Der Schock saß ihr noch zu tief in der Seele und ihre Gedanken ließen sie nicht trauern. Sie ließen sie nicht zu Wort kommen.
Nachdem sie sich die Strümpfe übergezogen hatte, schlüpfte sie in ihre schwarzen Lacksandalen mit den hübschen Riemchen und verließ das Wohnungshaus.
Davor standen schon die wenigen Menschen, die um Anna-Marias Eltern trauerten.
Ihre Tante Bora mütterlicherseits, ihr Onkel Karl und dessen Frau Brunhilde, ihre Großeltern und ein paar Verwandte väterlicherseits, dessen Namen sie nicht einmal kannte. Die Verwandten ihres Vaters waren mit seiner Frau nie zufrieden gewesen und hatten somit davon abgesehen, ihn außer an seinem Geburtstag zu besuchen.
Diese paar Stunden, in denen die väterlichen Verwandten anwesend waren, hatten Anna-Maria und ihre Mutter stets genutzt, um mit der Straßenbahn in die Stadt zu fahren und Eis und Geschenke zu kaufen.
Anna-Maria hatte wenige Erinnerungen an ihre Kindheit und ihre Eltern. Doch diese Tage würde sie nie vergessen.
Als sie in der psychiatrischen Klinik gelebt hatte, hatten ihre Eltern sie nie besucht. Manchmal war sie der Überzeugung, dass sie für immer dort bleiben müsste.
Als ihre Eltern sie an diesem friedlichen Tag im Mai abholten, spürte sie etwas wie Freude und Hoffnung. Der nächste Maitag hatte all seine Friedlichkeit verloren und ließ all ihre Hoffnungen zerfallen wie eine Sandburg im Wind.
Die Verwandtschaft lief schweigend nebeneinander her zur Kirche.
Niemand sagte ein Wort. Nicht einmal Bora, die sonst mehr schrill als still war.
Als die Särge zu Erde getragen wurden fing es wieder an zu schneien.
Es war der letzte Schnee bis zum Tag vor Weihnachten.
Am Abend milderte sich das Wetter. Der Schnee verschwand und die Temperaturen wanderten wieder über zehn Grad. Doch der Himmel blieb grau.
»Anna-Maria, gehst du bitte noch ein wenig Holz holen? Mir ist so schrecklich kalt. Geh doch bitte«, rief Bora ihr aus der Küche zu. Anna-Maria schlug ihr Buch zu und sprang von ihrem quietschenden Metallbett auf.
Sie schnappte sich den Korb, der stets neben ihrer Wohnungstür stand, und ging hinaus.
Sie warf einen kleinen Blick auf die Wohnung nebenan und bemerkte, dass die Tür einen Spalt breit geöffnet war. Ob bald neue Mieter kommen würden? Ihre Eltern hatten ihr erzählt, dass die Wohnung seit ihrer Abreise zur Klinik vor fünf Jahren leer gestanden hatte.
Sie hoffte, es würde eine alte Frau mit einer Katze einziehen, bei der sie Tee trinken und Kekse essen konnte. Oder eine Familie mit kleinen Kindern, mit denen sie auf dem Spielplatz spielen konnte.
Die einzige Freundin, die sie je gehabt hatte, war Margot, ihre Cousine, und es brach ihr fast das Herz, sie so einsam in der Psychiatrie zurückzulassen. Sie hatte sich gewünscht, dass ihre Eltern sie auch mitnehmen könnten.
Doch das ging nicht. Jedenfalls nicht auf Dauer.
Nicht einmal ihre Mutter Bora wollte sie mit nach Hause nehmen.
Anna-Maria ging die zwei Treppen hinunter in den Garten und dann nach links, zu den Holzscheiten. Sie füllte den Korb und stellte ihn kurz ab.
Mit geschlossenen Augen genoss sie die frische Abendluft und das sanfte Rauschen der Wellen im Wind.
Ihr Blick wanderte nach oben, zu einem winzigen kleinen Fenster, das sich neben der leerstehenden Wohnung befand.
Vorsichtig kletterte sie auf den Stapel Holz und streckte sich, um an das Fenster heranzukommen.
Ein plötzlicher Windhauch öffnete das Holzfenster, dessen weiße Farbe sich schon abblätterte.
Sie zog sich hoch und sprang in den Raum dahinter hinein.
Als sie sich aufrichten wollte, stieß sie sich ihren Kopf an der niedrigen Decke.
Der Raum war winzig – 150cm hoch und 100cm tief und breit.
Das einzige Licht in dem Raum stammte von dem abnehmenden Halbmond, der seinen Lichtstrahl direkt durch das kleine Fenster schlingelte.
An der linken Wand entdeckte sie einen winzigen Türknauf.
Sie ruckelte und drehte an ihm und nach einigen Sekunden gab die Tür nach.
Zwar ließ sie sich nur spärlich öffnen, da an der Wand dahinter ein alter, schwerer Ofen stand, doch sie passte gerade so durch den kleinen Spalt hindurch.
Sie schloss die Tür und befand sich nun in einem Raum von höchstens acht Quadratmetern.
Die alte Blumentapete in Braun und Grüntonen war zerschlissen und gab die steinerne Wand dahinter frei.
Links war ein großes Fenster mit schwarz gestrichenen Holzknäufen und einer zurückgezogenen gelben Gardine mit Schmetterlingen und Blumen darauf.
Auf der Wand gegenüber dem Ofen befand sich ganz rechts ein Türrahmen, in dem die Tür fehlte.
Sie betrat den dahinterliegenden Flur, dessen naturbelassene Holzdielen unter ihren Füßen knarrten. Sie war barfuß.
Geradezu befand sich die Wohnungstür, die einen bunten Glaseinsatz hatte.
Links führte eine schmale Tür in die Küche und von der Küche eine weitere Tür in ein winziges Bad.
Hier waren die Holzdielen weiß angestrichen, so wie auch in dem Hinterzimmer.
Ein Windstoß öffnete das Küchenfenster und wehte das Laub, das sich in der ganzen Wohnung verteilt hatte, umher.
Anna-Maria rannte nach draußen und brachte den Korb mit dem Holz zu ihrer Tante.
Spät in der Nacht kehrte sie in das geheime Zimmer zurück und nahm ihre wenigen Habseligkeiten mit sich: Ihre Porzellanpuppe Rita, dessen Kleid mit der Schürze Margot für sie genäht hatte, ihr Tagebuch, ihre Lieblingsbücher »Schulmädelgeschichten«, »Die verlorenen Schuhe« und »Puckis erstes Schuljahr«, und eine kleine weiße Holztruhe, die sie schon als kleines Kind besessen doch nie geöffnet hatte, da sie nie einen Schlüssel dazu gehabt hatte.
Sie fragte sich oft, was wohl in der Truhe drin sein mochte, doch ein Gefühl sagte ihr, sie würde den Schlüssel finden, wenn die Zeit dazu gekommen war.
Drei Monate später war der Sommer in vollster Pracht. Es war Mitte August und während die anderen Kinder der Kleinstadt Eis essen gingen oder im Meer schwammen, zog Anna-Maria sich in ihr geheimes Zimmer zurück und versank in den Welten ihrer Bücher.
Es waren inzwischen schon mehr geworden. So hatte sie von ihrer Tante zu ihrem zwölften Geburtstag »Heidi« geschenkt bekommen, und von dem Geld, das ihre Großeltern ihr gegeben hatten, hatte sie die Bücher »Timur und sein Trupp« und »Dummerchen« bei einer Straßenhändlerin auf dem Wochenmarkt gekauft.
Es war der dreizehnte August, an dem Anna-Maria bemerkte, dass die Wohnung nebenan nicht mehr leer stand.
Mitten in der Nacht wachte sie auf und wollte hinüber in ihr geheimes Zimmer, doch nebenan brannte Licht.
Es war ein angenehmes, sanftes Licht. Kein Licht, das einem in den Augen wehtat oder einen aufwecken würde.
Es war ein dämmriges Kerzenlicht. Offenbar gab es dort noch keinen Strom.
Anna-Maria fragte sich, wer wohl dort eingezogen war. Sie tapste zu der Tür, setzte sich davor und hielt ihr Ohr an die Tür. Sie hörte Schritte, und dann, wie sich jemand an einen Tisch setzte. Dann hörte sie leises kratzen auf einem Papier, als würde jemand mit einer Feder schreiben.
Von den sanften Klängen eingelullt, schlief sie ein und wachte erst in den frühen Morgenstunden auf.
Sie schlich sich zurück in ihre Zimmer und setzte sich auf ihr Bett.
Noch ein wenig müde legte sie ihre Arme auf die Fensterbank, neben Holzfiguren, die ihr einst ihr Onkel Karl geschnitzt hatte, und legte ihren Kopf auf die Arme. So konnte sie gut nach draußen in den Rosengarten gucken. In den Park, der sich direkt hinter ihrem Haus befand und einen wunderbaren Blick auf das wilde Meer bot.
So wollte sie verharren, bis der mysteriöse neue Nachbar das Haus verlassen würde.
Wer oder was auch immer dort neu eingezogen war, sie wollte es wissen. Und früher oder später musste diese Person die Wohnung verlassen.
Wenn auch nur um im schönen Rosengarten spazieren zu gehen.
Während sich die Mandelbäume im Wind wogen und sich die Linde vor ihrem Fenster scheinbar immer mehr zu ihrem Fenster heran bog, verlor sie sich in der Schönheit des Rosengartens.
Zwischen den rosafarbenen Bäumen standen weiße Holzbänke, an denen sich Rosen rankten.
Je weiter man in den Garten hineinging, desto verwilderter war er.
Er wurde immer riesiger, so wie die Vielfalt der Bäume.
Sah man genau hin, konnte man kleine weiße Hasen an den Hollerbüschen vorbei hoppeln sehen und im Morgengrauen traf man Füchse und ausgerissene Katzen.
Der Garten verschmolz nach einiger Strecke mit dem dahinterliegenden Mischwald, in dem die Raben und Amseln über Kiefern und Kastanien kreisten.
Rehe und Hirsche hausten zwischen Birken, Eichen und Trauerweiden, an Flüssen und Bächen, die leise durch den Wald plätscherten.
Anna-Maria nannte ihn den »Märchenwald«, denn er erinnerte sie an die Wälder in den Märchen, die Margot ihr früher vorgelesen hatte.
Sie schreckte aus ihren Träumen, als Tante Bora nach ihr rief.
Die Sonne erhellte den Park aus Osten. Auf einer Rosenbank saß ein altes Ehepaar. Neben ihnen lag eine dicke, braun getigerte Katze, die sich streckte und gähnte, dann gemütlich aufstand und in einem entspannten Gang zu einer anderen Rosenbank lief.
Auf dieser Bank saß jemand, den Anna-Maria noch nie gesehen hatte. Das musste der neue Mieter sein.
Sie sprang auf, zog sich einen blauen Rock und einen weißen Pullover über und rannte zu Tante Bora in die Küche.
»Da bist du ja, Anna-Maria. Ich fahre gleich in die Stadt, ein paar Einkäufe erledigen. Ich wollte nur wissen, ob du mitkommen möchtest, dann kannst du noch ein paar Fruchtstielbonbons kaufen.«
»Nein danke. Ich habe schon etwas vor.«
Sie sah Anna-Maria fragend an. »Bist du dir sicher?«
Anna-Maria nickte.
»Na fein. Dann bringe ich dir eine Tüte Bonbons mit. Leg sie dir dann bitte bis zum Wochenende zurück. Was hast du denn überhaupt vor? Ich würde mich freuen, wenn du mal mit den anderen Kindern zum Strand gehen würdest, statt immer nur zu lesen. Lesen ist nicht gut für die Augen. Nicht das du mir bald eine Brille brauchst. Die kann ich im Moment wirklich nicht bezahlen.«
Anna-Maria sah sich gelangweilt im Raum um und ihr Blick fiel auf die Fensterbank, auf der verschiedene Blumentöpfe standen.
»Hörst du mir überhaupt zu, Liebes?«, fragte die Tante und folgte ihrem Blick.
»Darf ich die Kamelie unten im Rosengarten einpflanzen? Dort hat sie mehr Platz zum wachsen. Ich werde auch immer hinaus gehen und sie gießen. Ich verspreche es.«
Tante Bora überlegte. »Na gut. Das scheint mir eine gute Idee zu sein. Vielleicht verbringst du dann auch mehr Zeit mit den Kindern in deinem Alter, wenn du endlich mal herauskommst. Wenn du den ganzen Tag in deinem Zimmer sitzt, wirst du auch keinen gescheiten Mann zum heiraten finden… Aber was rede ich. Du bist doch gerade erst zwölf geworden…«
Anna-Maria hörte ihr gar nicht mehr zu sondern nahm sich die Kamelie samt Blumentopf und rannte barfuß in den Rosengarten.
Der junge Mann saß noch dort und schien so sehr in sein Buch vertieft, dass er seine Umgebung kaum noch wahr nahm.
Vor dem Haus stand ein großer Kasten mit Schaufeln und anderen Dingen, die man für einen Garten braucht. Sie nahm sich eine kleine blaue Schaufel hinaus und lief zu der Bank, auf dem der junge Mann saß.
»Entschuldigen Sie, Mister, stört es Sie, wenn ich meine Kamelie neben dieser Bank pflanze?«
Er sah von seinem Buch auf und sie blickte in seine grünbraunen Waldaugen, die gut zu seinem dunklen Haar passten.
»Kannst du dir keine andere Bank suchen? Es gibt doch genug.«
»Ich denke, hier an dieser Bank würde sie besonders schön aussehen. Meinen Sie nicht?«
Er winkte ab. »Mach nur.«
Sie schaufelte ein kleines Loch, setzte die Blume hinein und schaufelte sie wieder zu. Noch waren es nur grüne Blätter, doch im Frühjahr würden auch die weißen Blüten hervorkommen.
Ein paar Minuten lang starrte sie die Blume einfach nur an.
»Meine Eltern haben diese Blume aus Japan mitgebracht.«, erklärte sie. »Wussten Sie, dass sich die Blüten einer Kamelie rot färben, wenn derjenige, der sich um die Blume gekümmert hat, stirbt? Wenn die wilden Kamelien in Wäldern und freien Wiesen sich rot färben, dann weiß man, dass eine kleine Fee gestorben ist.«
Sie warf einen Blick auf den jungen Mann, der seinen Blick auf das weite Meer gerichtet hatte.
»In Japan gibt es keine Feen. Dort gibt es Naturgeister. Wenn sich die Kamelien dort rot färben, dann ist ein Naturgeist gestorben.«
Sie sah ihn beeindruckt an und ließ ihren Blick dann auch auf das Meer hinaus schweifen.
Der Wind hatte nachgelassen und das Wasser lag ruhig da.
Anna-Maria kniete sich hin und wandte sich zu der Katze.
»Das ist aber eine niedliche Katze. Hat sie einen Namen?« Sie nahm die Pfote der Katze und schüttelte sie zum Gruß.
»Edna. Sie hört aber nicht auf ihren Namen.«
»Vielleicht ist sie taub. Oder sie mag es einfach nicht, wenn man sie herumkommandiert. Edna ist eben ein Name für wahre Prinzessinnen.«
Der junge Mann sah sie stirnrunzelnd an.
»Wie ist dein Name, kleines Mädchen?«, fragte er.
»Ich bin Anna-Maria Dornenvogel. Und ich bin deine Nachbarin. Falls du das noch nicht mitbekommen hast.«
»Anna-Maria klingt nach einem Namen für einen Gänsemagd.«
»Dann habe ich Glück. Denn der Prinz verliebt sich in die Gänsemagd.«
»Das stimmt auch wieder.«
Er widmete sich wieder seinem Buch und Anna-Maria warf einen Blick auf den Buchrücken. »Polskie Wiersze« stand darauf. Ehrfürchtig starrte sie ihn an, bis er ihren Blick erwiderte.
»Du scheinst sehr klug zu sein, wenn du die polnische Sprache beherrschst. Sprichst du noch andere Sprachen?«
»Ich bin in Polen bei meinem Großvater aufgewachsen. Neben Deutsch ist das die einzige Sprache, die ich wirklich gut sprechen kann. Aber ich interessiere mich auch für andere Sprachen… in Schweden haben mir ein paar Wanderer schwedisch beigebracht…«
»Und, war es das?«
»Nein.«, sagte er, und setzte eine Sonnenbrille auf, als wäre das Gespräch für ihn beendet.
Sie seufzte, nahm sich die Schaufel und den leeren Blumentopf und hüpfte zurück ins Haus.
Bevor sie hinein ging drehte sie sich noch einmal um und rief: »Zum Kaffee und Kuchen können Sie zu uns kommen. Wenn sie keinen Kaffee mögen haben wir auch Kakao und Tee…«, sie zögerte, ehe sie weitersprach, »Sicher haben wir auch ein Bier oder was immer Sie wollen.«
Ohne seine Antwort abzuwarten, rannte sie nach oben in ihre Wohnung.
Wenige Minuten später kam ihre Tante Bora vom einkaufen wieder und rief Anna-Maria sogleich zu sich.
»Ich wollte nochmal mit dir reden, Liebes.«
Sie setzten sich an den Küchentisch und Tante Bora legte eine übergroße Tüte Fruchtstielbonbons auf den Tisch.
Das hatte nichts gutes zu bedeuten. Wenn Tante Bora eine große Tüte Bonbons kaufte, dann nur, um Anna-Maria damit zu beschwichtigen, weil sie nichts gutes zu sagen hatte.
»Du weißt, dass ich nicht für immer hier bleiben kann. Irgendwann muss ich zurück nach Frankfurt gehen. Deshalb habe ich beschlossen, dich auf ein christliches Mädcheninternat zu schicken. Dort kannst du wohnen, bis du achtzehn bist und für dich selbst sorgen kannst. Du kannst den Rest der Ferien noch hier verbringen, um dich von deinem Zuhause zu verabschieden, doch im September werde ich dich ins Internat bringen. Ich kann nicht auch noch die Miete von dieser Wohnung übernehmen. Immerhin muss ich auch noch meine eigene Wohnung in Frankfurt bezahlen. Es tut mir so schrecklich Leid, dass du dein Zuhause so schnell wieder verlassen musst. Ich sehe aber im Moment keine andere Möglichkeit. Vielleicht kann ich mir irgendwann in Frankfurt eine größere Wohnung suchen und du ziehst zu mir. Bis dahin wirst du wohl oder übel im Internat wohnen müssen.«
Anna-Maria dachte darüber nach. Seit sie wieder hier war hatte sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt, ein richtiges Zuhause zu haben.
Besonders mit dem geheimen Zimmer, in das sie sich jederzeit zurückziehen konnte.
Im Internat müsste sie sich vermutlich ein Zimmer mit anderen Mädchen teilen und konnte sich nicht zum lesen zurückziehen.
Das Angebot, zu ihrer Tante nach Frankfurt zu ziehen, wusste sie zwar zu schätzen, doch sie wusste, dass es nicht das gleiche sein würde.
Sie würde die Ruhe vermissen, die sanften Klänge der Natur, den Duft der Mandelbäume und der Linde vor ihrem Fenster, ihr geheimes Zimmer, und ein neues Gefühl sagte ihr, dass sie auch ihren neuen Nachbar und seine Katze vermissen würde.
Sie sah aus dem Fenster und bemerkte, dass nur noch die Katze auf der Rosenbank saß. Die Sonne war verschwunden und die dicken grauen Wolken verkündeten Regen.
Anna-Maria rannte barfuß durch den Garten, kletterte über die Holzscheite und durch das Fenster hindurch in ihr geheimes Zimmer hinein.
Sie wusste, dass dies der schönste Sommer ihres Lebens werden würde.
Zum späten Nachmittag hatte der Regen wieder nachgelassen. Trotz den dunklen Wolken fanden sich die Kinder wieder am Strand ein und Familien nahmen sich Decken mit, um ein trockenes Plätzchen auf den Rosenbänken zu finden.
Anna-Maria liebte es, den Rosengarten zu betrachten.
Doch als sie es klingeln hörte, fiel ihr wieder ein, dass sie den jungen Mann von nebenan zu Kaffee und Kuchen eingeladen hatte.
Sie stürmte in die Küche, wo sie ihrer Tante von ihrer Einladung berichtete. Gemeinsam gingen sie zur Tür und ließen den Mann hinein.
Er stellte sich als Lucius vor und Anna-Maria fand, dass er plötzlich viel größer wirkte.
Tante Bora deutete den beiden an, ihr in die Küche zu folgen, wo alle drei Platz nahmen. Da sie Pünktlichkeit sehr genau nahm, hatte sie bereits Kuchen und Kekse bereitgestellt und Wasser und Milch aufgesetzt.
»Es überrascht mich, dass die Wohnung noch einmal vermietet wurde. Wussten Sie, dass sie schon seit fünf Jahren leer stand? Wo haben Sie denn vorher gewohnt?«, wollte Tante Bora wissen. Lucius nickte. »Ich bin viel gereist. Nachdem ich den Bauernhof meiner Großeltern in Polen verlassen habe, hatte ich kein Zuhause mehr. Ich habe die ganze Welt kennengelernt. Doch das hat mich nicht glücklich gemacht. Ich hoffe, ich finde hier meinen Frieden.«
Anna-Maria sah ihn ehrfürchtig an. »Das ist alles sehr beeindruckend. Aber Sie haben noch nicht gesagt, was Sie trinken möchten. Tante Bora, gib ihm doch einfach ein Wernesgrüner.«
Die Tante holte ein Bier aus der Kühlkammer und stellte es vor Lucius auf den Tisch. »Bitte bedienen Sie sich, Lucius. Die Mandelkekse sind frisch vom Bäcker und den Schokoladenkuchen habe ich selbst gebacken. Lasst es euch schmecken.«
Während Lucius von den Mandelkeksen nahm, langte Anna-Maria beim Schokoladenkuchen zu. Der warme Kakao wärmte sie und vertrieb auch die letzten Regenwolken, sodass der Rosengarten von der Südwestsonne des Abends erleuchtet wurde, die nun auch die Küche in ein zauberhaftes Licht tauchte und die Regentropfen trocknete.
Lucius ging und Anna-Maria verbrachte noch den restlichen Abend damit, den Sonnenuntergang hinter dem Rosengarten und dem Meer zu betrachten.
Am nächsten Morgen wachte Anna-Maria schon früh auf, doch sie blieb noch eine Weile liegen, bis sie plötzlich hörte, wie sich die Wohnungstür von nebenan öffnete.
Sie sprang auf und rannte in den Hausflur. Vor ihr stand Lucius. Ein paar Augenblicke lang sahen sie sich einfach nur an.
»Was machst du hier so früh am Morgen?«, brach Anna-Maria schließlich das Schweigen.
Als er nicht antwortete, sprach sie weiter. »Gehen Sie fort? Sie werden doch wiederkommen, oder?«
Er nickte. »Acht Uhr bin ich wieder da. Dann können wir im Rosengarten frühstücken.«
»Kann ich nicht mitkommen, wo auch immer Sie hingehen?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein. Aber ich werde dir etwas mitbringen.«
Er lief die Treppen hinunter und Anna-Maria sah ihm noch eine Weile nach, bevor sie in ihr geheimes Zimmer ging, in »Dummerchen« las und
