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Sarah lernt den Tankwart Charlie Steven kennen und verliebt sich in ihn.
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für T
Buch 1 – Rot
Rubinrot
Blutrot
Erdbeerrot
Kaschmirrot
Weinrot
Buch 2 – Weiß
Kreideweiß
Geisterweiß
Krokusweiß
Möwenweiß
Wolkenweiß
Schneeweiß
Buch 3 – Blau
Tannenblau
Meeresblau
Mitternachtsblau
Eisig kalter Wind wehte durch Sarahs Haar, auf dem sie eine froschgrüne Mütze mit einer niedlichen Schleife an der linken Seite trug. Es war eine sanfte und gleichzeitig beißende Brise, ein wilder Wind, der Unruhe im Gepäck hatte. Sarah saß auf einer Bank, dort, wo der Wind am meisten tobte, wie sie fand. Zwischen den Bäumen rund um die Bank pfiff der Wind eine Melodie und die Vögel stimmten mit ein. Es hörte sich eher kläglich als schön an. Es war der siebte Oktober und Sarah fror in ihrem grauen Wollmantel, obwohl sie zwei dicke Pullover darunter trug, blau und rot, Nachtblau und Rubinrot, das waren ihre Lieblingsfarben. Vielleicht hätte ich doch besser Handschuhe anziehen sollen, dachte sie, diese Kälte hält man ja nicht aus, wenn man hier stundenlang herum sitzt. Es war wirklich kalt. Fast schon zu kalt für Mitte Herbst. Trotzdem war sie lieber draußen als drinnen. Zuhause verbreitete die Atmosphäre noch mehr Kälte als das Wetter hier draußen. Aber das machte ihr nichts aus, so lange sie die Möglichkeit hatte, der Atmosphäre zu entfliehen. Also saß sie dort auf ihrer Bank, ein Buch auf dem Schoß und pinke Kopfhörer auf den Ohren. Aber sie las nicht, und sie hörte auch keine Musik. Das diente nur als Ablenkung. Falls jemand vorbeikommen würde, würden sie denken, sie würde hier im Park lesen, und sie würden sie nicht ansprechen. Wenn man das überhaupt Park nennen konnte. Ein Spielplatz, ein Flüsschen, viele kleine Wege, die von dem asphaltierten Hauptweg abgingen und zu verwunschenen Baumgrüppchen und kleinen Gartenlauben führten, und ein nicht besonders großer See mit einer Menge laut schnakenden Enten und einem Schild »Angeln verboten«, mehr gab es hier nicht. Er war kleiner als gewöhnliche Parks. Trotzdem war es Sarahs Lieblingspark. Das war er schon immer gewesen. Oft saß sie stundenlang einfach nur dort auf der Bank und starrte auf den See hinaus. Auf die Quelle ihrer Erinnerungen. Je später es wurde, desto heller wurde es, denn während sich die Sonne zur Mittagszeit noch hinter dunkelgrauen Wolken versteckt hatte, so ließ sie sich in den Nachmittagsstunden endlich blicken.
Sarah schlug ihr Buch zu, schaltete nun doch ihren Walkman an, drückte bei Joan Baez auf Play, stand auf und machte sich auf den Heimweg. Die warme Herbstsonne, die die kalte, beißende Luft nun milderte, schien auf den von buntem Laub bedeckten Weg neben dem See, welches die Tatsache verdeckte, dass der Weg asphaltiert war. Sie hatten ihn im letzten Sommer asphaltiert, erst nachdem alles geschehen war. Kurz bevor sie den See hinter sich ließ, blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um. Sie blickte auf das Eis, das bald zufrieren würde. Es war die Quelle ihrer Erinnerungen. Die Erinnerungen, wie ihr das meist geliebte in ihrem Leben weggenommen wurde, trieb ihr Tränen in die Augen. Sie zitterte. Es war nun schon fast zwei Jahre her, aber sie erinnerte sich immer wieder an den seelischen Schmerz und die Angst, die sie eingenommen hatte, als sie ihn im kalten Wasser versinken sah. Wie er nicht mehr aufgetaucht war. Wie niemand etwas unternommen hatte.
Doch jetzt wollte sie nicht mehr daran denken. Gleich würde sie genug darüber nachdenken müssen, denn sie musste zu ihrer Therapeutin, wie jeden Dienstag um halb sechs nachmittags.
Sie ging jetzt seit anderthalb Jahren zu der Therapeutin. Erst hatte sie Sarah nicht behandeln wollen, denn sie hatte kein Geld, um sie zu bezahlen. Ihre Eltern gingen nicht arbeiten, und das wenige Geld, das sie besaßen, hätten sie eher für Drogen ausgegeben, als für Sarahs Therapie.
Doch irgendwann hatte sich die Therapeutin ein Herz gefasst und ihr eine kostenlose Therapie angeboten. Offenbar gab es wirklich noch Therapeuten, die ihren Patienten wirklich helfen wollten, und es nicht nur für Geld taten.
Sarah ging gern dort hin. Sie hatte nicht das Gefühl, schon besser mit dem vergangenen Ereignis umgehen zu können, doch manchmal tat es wirklich gut, mit jemandem reden zu können, mit einer anderen Person zu kommunizieren als mit ihren Eltern, die ihr sowieso nie zuhören würden.
Sie lief den asphaltierten Weg bis zum Ende, über die große Straße, an der es keine Ampel gab, dann nach links, irgendwann nochmal links, und dann immer geradeaus.
Die Praxis der Therapeutin lag in einer Straße, die gleichzeitig befahren und ruhig war, irgendwie städtisch, aber trotzdem abseits der Innenstadt gelegen.
Das Haus war klein, es hatte nur zwei Stockwerke. Die Praxis war in einem Anbau im Hinterhof. Dort war es gemütlich, besonders im Winter. Es war wie ein großer Wintergarten, mit vielen Büchern, bunten Teppichen und alten Möbeln. In Zeitschriften kannte Sarah nur Praxen, die weiß und grau und eintönig waren. Die Möbel passten genau zu den Wänden, die Böden waren kalt und hart. Genau so wie die Therapeuten, die aufgesetzt lächelten, neben hochglanzpolierten Tischen aus Glas, auf denen langweilige Zeitschriften lagen, mit Augen, die sagten, »Wir wollen euer Geld« und »Seid ihr nicht eins zwei drei geheilt, werdet ihr in eine geschlossene Psychiatrie eingeliefert«.
Sarahs Therapeutin war nicht so. Sie hatte eine Ausstrahlung, so warm wie die Farben ihres Teppichs und des Kakaos, den sie Sarah jedes Mal aus Schweizer Milchschokolade und Schlagsahne kochte, sie hörte Sarah zu, wenn sie etwas zu erzählen hatte, und sie erzählte, wenn Sarah zuhören wollte.
Jetzt stand Sarah vor der Tür, und ihre Therapeutin öffnete ihr bereits, bevor sie auf die Klingel mit der Aufschrift »Dr. Mond« drücken konnte.
»Komm doch rein, Sarah. Ich hab dir schon Kakao aufgesetzt.«, begrüßte sie ihre Patientin.
Sarah folgte ihr nach innen, in den rechten Raum, in dem mehr Bücherregale standen, als in dem anderen, größeren Raum. Der andere Raum war voll mit Spielsachen. Truhen voll mit Bauklötzen, Puppen, Puzzles, Brettspielen, Murmeln und Spielautos. In diesem Raum waren sie früher öfter gewesen, als sie noch gern mit solchen Dingen gespielt hatte. Doch irgendwann hatte sie sich mehr für Bücher interessiert. Besonders Märchenbücher, Märchen aus aller Welt, interessierten sie.
Der Duft von Kakao schlug ihr entgegen und sie ließ sich in einen der großen Sessel fallen. Es gab auch ein großes Sofa mit einer bunt gestrickten Decke und vielen roten und grünen Kissen darauf. Aber sie setzte sich lieber auf den Sessel, denn der war gemütlicher.
Dr. Mond kam in den Raum, einen Tee und einen Kakao in der Hand. Die Tassen waren beide rot, eine dünn und hoch, mit rosanen Blümchen darauf, die andere klein und rund, mit bunten Schmetterlingen darauf.
»Wie geht es dir? Wie kommst du mit deinen Eltern zurecht?«, wollte sie wissen.
Sarah atmete tief ein und wieder aus. Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Ging es ihr gut? Ständig musste sie daran denken, was passiert war, sie verbrachte ihre gesamte Zeit am See, auf der Straße, und seit sie nicht mehr zur Schule ging, auf der Arbeit, doch wirklich gut ging es ihr nie.
Kam sie mit ihren Eltern zurecht? Ihre Mutter, Sylwia Winkens, war eine Tänzerin, in einer Bar, wunderschön und beliebt bei den Männern, genau so, wie Sarah es sein wollte, wenn sie auch erwachsen war. Sie ging abends und kam morgens wieder, den Tag über schlief sie oder sah sich betrunken irgendwelche Filme an. Ihr Vater, Micha Winkens, war Handwerker, doch seit er keine Arbeit mehr bekam, raubte er Tankstellen aus und verspielte das Geld beim Billard und versoff es in Bars, in denen seine Frau nicht tanzte.
Eigentlich bekam sie ihre Eltern kaum zu Gesicht. Sie kam ab und zu zum schlafen nach Hause, wenn niemand dort war. Sonst schlief sie in verlassenen Hochhäusern oder bei ihren Kunden, wenn sie welche hatte. Manchmal, wenn ihr das Geld ausging, versuchte sie etwas von Zuhause zu bekommen, doch mehr als ein paar Schläge bekam sie nicht. Also musste sie mehr arbeiten gehen, immer mehr.
Sie seufzte und ließ ihren Blick zum Fenster hinaus schweifen. »Eigentlich gehe ich jetzt arbeiten. Deswegen sehe ich meine Eltern kaum. Aber mir geht es gut, glaube ich jedenfalls. Morgen ist mein Geburtstag. Da sollte es mir gut gehen, oder?«, sagte sie.
Dr. Mond nickte. »Ich weiß. Wünschst du dir etwas von deinen Eltern?«
Sarah schüttelte lachend den Kopf. »Sie würden mir doch sowieso nichts schenken.«
»Man kann ja trotzdem noch wünschen. Versuche es doch einfach. Sag ihnen, was du dir von ihnen wünschst. Vielleicht wünschst du dir ja gar kein Geschenk, sondern dass ihr was zusammen macht. So was in der Art. Wenn sie nicht darauf eingehen, hast du es wenigstens versucht.«
»Ich glaube, alles was ich versuche, geht sowieso schief.«
»Ach, das glaube ich nicht. Erzähl mir mehr von deiner Arbeit. Was arbeitest du?«
»Ich bin eine Lolita. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Sie können ja jemand anderen fragen, wenn Sie wissen wollen, was das genau ist. Aber vielleicht sehe ich mich auch nach einer anderen Arbeit um. Ich habe nämlich nicht viele Kunden und ohne Kunden kein Geld und kein Platz zum schlafen.«
»Wenn du nicht weißt wo du schlafen sollst, kannst du immer hier in der Praxis schlafen. Wirklich, nachts ist ja eh keiner hier.«
Sarah nickte lächelnd und bekam ein schlechtes Gewissen. Sie hatte gelogen. Morgen war gar nicht ihr Geburtstag, es war der ihres Bruders.
Seit das mit ihm passiert war feierte sie ihren Geburtstag immer zusammen mit seinem. Eigentlich hatte sie im Juni Geburtstag, am einundzwanzigsten. Aber das Datum hatte ihr sowieso nie gefallen. In der Grundschule hatten immer alle angenommen sie sei ein Sonnenschein, ein munteres und fröhliches Kind, nur weil sie im Sommer geboren war. Doch das war sie nie gewesen. Sie war mehr wie ein heller Stern am mitternachtsblauen Oktoberhimmel.
Die Therapiestunde ging schneller vorüber als gedacht und endete mit lautem Regen, der gegen die Fensterscheiben schlug. Ein starker und wütender Regen, der langsam den sternklaren Abend einläutete, begleitet von munter krähenden Raben oder Krähen.
Sarah ging hinaus in den späten Abend. Sie lief die ruhig befahrene Straße entlang, bis zur nächsten Haltestelle, wo sie in die Straßenbahn stieg und einige Stationen fuhr. Die Stationen waren kurz, deshalb dauerte es nicht lange. Fünfzehn Minuten in einer beinahe leeren Straßenbahn. Außer ihr hatten sich nur eine alte Dame und ein mürrisch drein blickender Mann mit kleinem weißen Hund hierher verirrt.
An einem regnerischen, dunklen Tag wie diesem blieben die meisten Menschen Zuhause. Sarah war nicht wie die meisten Menschen. Sie verließ das Haus nur an besonders trostlosen und regnerischen Tagen, an denen die Straßen und Parks einsam und verlassen waren, sie gefielen ihr am besten, denn da konnte sie allein sein mit der Welt. Nicht so wie Zuhause, bei ihren Eltern. Nicht so wie auf der Arbeit, bei ihren Kunden oder Kolleginnen. Wirklich allein. Allein mit der Luft, die im Oktober kühl war und nach Kürbis und Hagebutten roch, allein mit den bunten Blättern und Kastanien, die mit jedem Windstoß von den hohen alten Bäumen fielen, allein mit der Atmosphäre allein zu sein.
Als sie Pankow Kirche ankam, stieg sie aus und lief den restlichen Weg zu ihrem Lieblingsbuchladen. Irgendwo in einer kleinen Seitengasse der Breiten Straße verbarg sich der schöne, gemütliche Laden. Bücher gab es dort jede Menge, in allen möglichen Variationen. Kleine Kinderbücher mit bunten Zeichnungen, große und schwere historische Bücher mit aufwendigen Verzierungen und Preisen, die es in sich hatten, Bücher für Jugendliche über Liebe und Fantasie, Bücher mit Mördern und Mädchen, die sich in die Mörder verliebten, Bilderbücher für ganz kleine Kinder, Bücher aus anderen Ländern, Bücher über fremde Städte und Bücher über berühmte Personen. Finden konnte man wirklich alles in diesem kleinen Laden. Es standen so viele Bücherregale nebeneinander und übereinander, dass man sich ganz dünn machen musste, um überhaupt durch die schmalen Gänge zu passen. Überall standen weiß angestrichene Leitern herum, damit man auch an die Bücher ganz oben herankommen konnte, die sich bis zur Decke unter die altmodische violette Lampe in Blumenform stapelten.
Sarah blieb jedoch lieber am Boden, bei den Büchern, die sie ohne Leiter erreichen konnte, denn sie war nicht ganz schwindelfrei. Aber auch dort unten gab es genug Bücher, dass sie sich dreihundert Jahre mit lesen beschäftigen konnte, immer etwas neues.
Dieses Mal suchte sie nach einem ganz bestimmten Buch. Letzte Woche auf der Arbeit hatte ihr eine Kollegin ein Buch empfohlen. »Jetzt ist genau die richtige Zeit um es zu lesen. Du hast das perfekte Alter dafür. Ich habe es auch gelesen als ich zwölf war. Je früher, desto besser.«, hatte sie gesagt, Sarah zugezwinkert und war dann mit einem Kunden mitgegangen.
Sarah kannte den Autor des Buches bereits. Jedenfalls vom Namen her. Irgendwo im Laden hatte sie seinen Namen bereits auf irgendeinem Buchrücken stehen sehen. »Vladimir Nabokov«. Gelesen hatte sie jedoch noch nichts von ihm. »Lolita« würde also ihr erstes Buch von ihm sein.
Sie betrat den Laden mit der Nummer achtzehn und ein Duft nach frisch gebackenen Keksen, Mandeln und Chrysanthemen schlug ihr entgegen. Vorne auf dem Bezahltisch stand ein großer Teller mit Schokoladenkeksen und Mandelkeksen mit einem »kostenlos probieren« Schild, neben einem großen Strauß Chrysanthemen, die überall im Raum verteilt in bunten Blumenvasen herumstanden.
Sie zog ihre Mütze tiefer ins Gesicht. Der Laden war ungewöhnlich voll. Aber was gab es auch schöneres, als an einem regnerischen Tag Bücher zu lesen und kostenlose Kekse zu essen, während man am Fenster auf bunt gestreiften Kissen saß und dem Regen lauschte und ab und zu Vögel beim Streit um Brotkrumen und Würmer beobachtete. Sarah liebte es, den Vögeln dabei zuzusehen. Wie der Wurm hin und her gerissen wurde und schließlich der letzte Atemzug des Wurms und der Triumph der Vögel, wenn sie beide etwas davon bekommen hatten. Der Wurm tat ihr Leid, aber es war auch genau so faszinierend, ihm beim sterben zuzusehen.
Sie tigerte durch die Regalreihen und hielt nach »Lolita« Ausschau, während ihr ein besonderer junger Mann auffiel.
Er war groß und schlank, doch auch muskulös, er trug schwarze Jeans und eine dunkle, warm und gemütlich aussehende Jacke zu schwarzen Chucks und eine dunkelblaue Mütze, die nur wenig von seinem dunklen Haar frei gab und einen dunklen Schatten auf seine dunkelgrünen Augen warf.
Sie starrte ihn etwas zu lange an, sodass er ihren Blick bemerkte, woraufhin er sein Buch zuschlug, in dem er eben noch gelesen hatte, und den Laden, verließ, nachdem er es gekauft hatte.
Für einen kurzen Augenblick hatte sie einen Blick auf das Buch erhaschen können: »Lolita«.
Sie ging hinüber zu dem Regal, an dem er gestanden hatte, und fand, wonach sie gesucht hatte. Es waren noch genau zwei Exemplare davon da. Das eine war gebunden, das andere ein Taschenbuch. Sie nahm die Gebundene Ausgabe, denn die gefielen ihr für gewöhnlich besser.
Auch wenn sie teurer waren als die Taschenbücher. Für Bücher konnte man ruhig mal ein bisschen mehr Geld ausgeben.
Immerhin hatte sie ihr Geld dafür gespart und dafür heute auch noch nichts zu Essen gekauft.
Also nahm sie das Buch und ein paar Kekse und setzte sich in die hinterste Ecke des Ladens, zwischen dunklen, hohen Bücherregalen, auf eine Bank mit einer bunten Wolldecke und weißen Kissen mit violetten und rosa Punkten.
Dort machte sie es sich gemütlich und fing an, in dem Buch zu lesen. Für einen Augenblick dachte sie darüber nach, ob sie dem jungen Mann hätte folgen sollen. Sie verspürte das Bedürfnis, ihn kennenzulernen, ihn nach seinem Namen zu fragen und warum er sich ausgerechnet »Lolita« gekauft hatte. Doch sie tat es nicht. Draußen war es kalt und im Laden war es warm und gemütlich. Sie hatte so viel Zeit draußen in der Kälte verbracht, dass sie gar nicht mehr fort gehen wollte. Sie wollte dort bleiben, so lange es ihr möglich war, um in fremde Welten zu versinken und wunderbare Kekse zu essen.
Zwei Stunden später wurde der Laden geschlossen und Sarah musste gehen. Sie bezahlte das Buch, nahm noch ein paar Kekse und ging wieder hinaus in die dunkle Kälte.
Die Straßenbahn fuhr ihr gerade vor der Nase weg, deshalb entschied sie sich zu laufen.
Der Weg war schön und menschenleer. Kalt und einsam, aber je mehr sie lief, desto wärmer wurde ihr.
Nach mehr als einer Stunde kam sie Zuhause an, in der kleinen, kurzen Straße. Auf der einen Seite standen ungefähr zehn Häuser, auf der anderen, auf der sie wohnte, gab es zweieinhalb Häuser, bevor das Gewerbegebiet anfing. Als Kind war sie immer sehr stolz darauf gewesen, neben dem Gewerbegebiet zu wohnen. Doch inzwischen wusste sie nicht mehr, worauf genau man da stolz sein sollte.
Die Straße fing an mit Mandelbäumen, die im Oktober nicht mehr blühten und einer Menge Brennnesseln vor einer Art kleinem Schuppen, einem kleinen, trostlosen, nichtssagenden Häuschen, das schon seit Ewigkeiten leer stand. Wenn man durch die Fenster sah, dann sah man nur Spinnweben, Staub und eine Menge Gerümpel. Doch manchmal, ganz selten, da brannte plötzlich Licht in dem kleinen Häuschen, als ob jemand es gemietet hätte.
Danach kam dann das Haus, in dem Sarah wohnte. Ein Haus aus rotem Backstein mit sechs Wohnungen und einem winzigen Garten mit einem Schuppen an dem sich der Efeu rankte.
Dort wohnte sie. Ganz oben, unter dem Dachboden, in der Wohnung rechts.
Es war die größte Wohnung des Hauses und vermutlich die teuerste.
Sie konnten sich die Wohnung nur leisten, weil die Heizungen nicht heizten, der Putz von der Decke fiel, der Boden bei jedem Schritt zu zerfallen drohte und die Fenster zu viel Wind und Kälte durchließen.
Sarah liebte einfach alles an dieser Wohnung. Sie hatte das kleinste Zimmer, ein dreizehn Quadratmeter Zimmer mit alten, kaputten Möbeln und Postern von Musikern und Fußballern an der Wand.
Die anderen drei Zimmer, jedes fünfundzwanzig Quadratmeter groß, wurde von ihren Eltern bewohnt. Das eine Zimmer war wohl das Wohnzimmer, doch Sarah war schon seit langer Zeit nicht mehr drin gewesen.
Das hinterste Zimmer war das Schlafzimmer ihrer Eltern und das Zimmer neben ihrem eigenen war das Ankleidezimmer ihrer Mutter, in dem es immer nach Parfüm und Zigaretten roch.
Marlboro. Sarah hasste diese Zigarettenmarke.
Sie hasste Zigaretten allgemein, aber Marlboro fand sie am schlimmsten.
Bei ihr auf der Arbeit wurde auch geraucht, Chesterfield und Pall Mall.
Wenn die anderen Mädchen rauchten, dann zog sie sich lieber zurück und las ein wenig in einem Buch.
Während die anderen Zigaretten brauchten, um sich zu beruhigen, brauchte sie nur ein paar Zeilen ihrer Bücher, um sich wieder gut zu fühlen.
Sie ging in ihr Zimmer und legte ein bisschen Geld in ihre Spardose, die sie immer in einem ihrer Kissen versteckte, damit ihre Eltern es nicht finden und ausgeben würden.
Sie seufzte und setzte sich für einen Augenblick auf ihr Bett, das unter dem großen weißen Holzfenster stand.
Im Türrahmen tauchte ihr Vater auf und musterte sie abschätzend.
In der einen Hand eine Bierflasche, in der anderen eine Zigarette, vermutlich Marlboro, nickte er zuversichtlich.
»Ist irgendwas?«, wollte Sarah wissen.
Ihr Vater, Micha, nickte noch einmal und nahm einen Schluck aus seiner Flasche und einen Zug von seiner Zigarette. »Du bist groß geworden. Schon 'ne hübsche junge Frau. Hilf mir doch mal bei so einer Sache, ja?«
Sarah sah ihn verwirrt an. »Was für eine Sache?«
»Drüben die Tankstelle. Da bin ich 'ne Weile nicht gewesen, könnte wieder was zu holen sein.«
Sarah seufzte, stand auf und wollte gehen, aber ihr Vater hielt sie zurück.
»Ich muss wirklich gehen, Papa.«, sagte sie.
»Kannst ja gehen, nachdem du mir geholfen hast. Wenn du den Typ da ablenkst, sind wir doch in null komma nix wieder draußen.«
Sarah sah zu Boden und fühlte sich unwohl. Sie überlegte. Vermutlich hatte sie keine Wahl, sie musste ihrem Vater helfen. Aber war sie überhaupt psychisch bereit dazu, jetzt sofort in eine Tankstelle zu gehen? Und sie dann auch noch zu überfallen?
»Gut, aber ich will die Hälfte von dem Geld haben. Ich muss immerhin den Verkäufer ablenken.«
Ihr Vater murmelte irgendetwas und zog sie zur Tür, runter auf die Straße und den kurzen Weg bis zur Tankstelle. Immer geradeaus und dann links. Eine gewöhnliche Aral Tankstelle.
Es standen keine Autos auf dem Parkplatz und auch im Ladeninneren schien es leer und ruhig zu sein.
Sarah warf einen Blick auf die Uhr, die über der Tür hing. Eine digitale Uhr mit grünen Zahlen, wie eine tickende Zeitbombe.
Fünfzehn Minuten nach elf Uhr. Die Tankstelle spendete das einzige Licht, die Straßenlaternen waren allesamt kaputt und es fuhren keine Autos mehr, die Licht mit ihren Scheinwerfern hätten spenden können.
Ihr Vater sah sich um und schien sich darüber zu freuen, dass sie alleine waren. So wäre es ganz einfach. Niemand würde sofort die Polizei rufen.
»Pass auf«, sagte er und beugte sich zu ihr herunter, als würde er einem kleinen Kind die Welt erklären, »Du gehst jetzt da rein und fragst nach einer Cola oder was weiß ich. Such irgendwas und sag dann, dass du es nicht findest. Bringe ihn dazu, von der Kasse weg zu gehen. Und dann beschäftige ihn, so lange wie ich an der Kasse bin. Alles klar?«
Sarah nickte, verdrehte die Augen und betrat die Tankstelle. Unangenehme Kälte von nicht funktionierenden Heizungen schlug hier entgegen. Kein Ort, an dem sie lange bleiben wollte.
Sie sah sich ein wenig unschlüssig um, bis ihr Blick auf den Tankwart fiel, der über ein Buch gebeugt hinter dem Verkaufstisch stand.
Ein großer, schlanker Mann, und trotzdem muskulös …
Sie erkannte ihn sofort wieder. Es war der Mann, den sie schon zuvor in dem Buchladen gesehen hatte.
Was für ein Zufall, dachte sie, man sieht sich also wirklich immer zwei Mal im Leben.
»Habt ihr Cola? Nein, ich meine Pepsi. Ich trinke keine Cola. Ich würde gern eine Pepsi kaufen. Wenn Sie so was haben.«, sagte sie und bewegte sich keinen Zentimeter.
Der Tankwart nickte und zeigte auf eines der Kühlregale, das direkt vor ihrer Nase stand.
Dann beugte er sich wieder über sein Buch. Er las in »Lolita«.
Sie schmunzelte und nahm sich eine Pepsi aus dem Kühlregal. Erst dann fiel ihr wieder ein, dass sie den Mann ja ablenken sollte.
Sie warf einen Blick nach draußen, wo ihr Vater rauchend stand und sie ungeduldig beobachtete.
»Ich hab noch eine Frage, können Sie kurz herkommen?«
Der Mann sah etwas verwirrt von seinem Buch auf, legte es dann genervt weg und kam ans andere Ende des Ladens, zu Sarah und dem Kühlregal.
Im gleichen Augenblick schlich sich ihr Vater hinein, hinter den Ladentisch, zur Kasse.
»Und, was möchtest du wissen?«, fragte der Mann.
»Darfst du so spät noch alleine draußen sein? Wo sind deine Eltern?«
Sarah nickte nur lächelnd, öffnete das Kühlregal und ließ eine Glasflasche daraus zu Boden fallen, damit der Tankwart nicht hörte, wie ihr Vater die Kasse gewaltsam öffnete.
»Tut mir Leid, ich kann das wegmachen.«, sagte sie und der Mann atmete genervt aus.
»Ich mach das schon, sag einfach was du wissen willst.«
Sarah überlegte für einen Moment. »Würden Sie Mountain Dew empfehlen? Ich habe es noch nicht getrunken.«
»Ich auch nicht.«, sagte er nur und drehte sich um.
Sarah seufzte erleichtert, als sie feststellte, dass ihr Vater bereits draußen war.
Sie gab dem Mann ein bisschen Geld für die Pepsi, murmelte ein »Danke« und verschwand ebenfalls. Ein paar Meter entfernt von der Tankstelle wartete ihr Vater auf sie.
»Siehste, hat doch gut geklappt. Hier, haste 100 Mark.«, meinte ihr Vater und steckte ihr das Geld in die Manteltasche.
»Aber das ist doch nicht die Hälfte, oder?«
Micha winkte ab und machte sich auf den Heimweg. Sarah blieb stehen und starrte ihm nach, starrte zurück zu der Tankstelle, fühlte sich auf einmal schlecht, für das, was sie getan hatte.
Sie hatte ihrem Vater geholfen, den Mann auszurauben, obwohl sie den Mann mochte.
Sie wollte ihn wiedersehen, sich mit ihm unterhalten. Sich vielleicht bei ihm entschuldigen, ohne ihm zu sagen, für was sie sich entschuldigte.
Seit sie ihn im Buchladen gesehen hatte war sie fasziniert gewesen, von seiner Schönheit, von der Ruhe und gleichzeitigem Selbstbewusstsein, das er ausstrahlte.
Sie merkte, wie ihre Augen schwer wurden und sie müde wurde. Jetzt war es zu spät, um noch einmal zurück zu gehen. Für einen Augenblick schloss sie ihre Augen und genoss die Stille, die jäh von Polizeisirenen unterbrochen wurde.
