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Düstere, verwinkelte Gassen, verschlagene Stadtfüchse, verborgene Magie - das ist Kalkstadt. Hier lebt der Magier Raukku Esch, der auf der Suche nach Unsterblichkeit täglich seinen Experimenten nachgeht. Für die Kehrseite der Magie interessiert er sich herzlich wenig. Nach einem Zwischenfall wird Raukku gezwungen, die Fluchjäger zu unterstützen - eine Gruppe, die magische Füchse daran hindert, Flüche zu erschaffen. Raukku ist wenig begeistert von den Jägern, schon gar nicht von ihrem übellaunigen Anführer Gabor Pars. Doch die Lage ist ernster, als Raukku sich vorstellen kann. Denn in Kalkstadt treibt ein gefährlicher Fuchs sein Unwesen, und wenn dessen Fluch ausbricht, regiert der Wahnsinn.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für die Thuner Stadtfüchse.
Ich habe euch zwar noch nie gesehen, doch ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass ihr da seid.
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Mein Dank geht an:
Teil 1
Kalkstadt war verflucht.
Die Füchsin fühlte es von Anfang an. Sie spürte das Schwere, das Bedrückende, das über den Gebäuden schwebte wie dicker Nebel; das Pech, das aus dem Asphalt aufstieg wie Dampf nach einem Sommergewitter – sie hätte keine Pfote in diese Stadt setzen sollen. Doch ihr blieb keine Wahl, sie konnte nicht so tun, als ob all das sie nichts anginge.
Lautlos und unsichtbar betrat sie Kalkstadt. Geschmeidig bewegte sie sich durch die Gassen, vor aller Augen und Ohren blieb sie verborgen.
Dann das. Nur einen winzigen Moment lang war sie unaufmerksam gewesen, rannte nachts über die Straße, ohne aufzupassen. Zack, ein rostiges Fahrzeug erwischte sie. Verteilte ihre Eingeweide auf dem Asphalt.
Der Fahrer bemerkte es nicht einmal.
Gabor Pars lag auf dem Bauch und beobachtete durch ein zerkratztes Fernglas hindurch den Rotfuchs, der zwei Häuser entfernt auf einem Dach saß. Der Pelz von einem hellen Beige, der sanft hin und her schwingende Schweif aschgrau. Es war dunkel, aber dank der leichten Bewegung konnte Gabor ihn gut erkennen. Und auch weil Idens Pelz so hell war. Andernfalls hätte er Mühe gehabt, seinen Fuchskollegen auszumachen. Das Fernglas war nämlich nicht nur zerkratzt, sondern auch milchig und trüb. Zweifellos stammte dieses Teil bereits aus der Zeit der ersten Fluchjäger. Es war uralt, verrostet und so schwer, dass Gabor die Hände und Unterarme schmerzten, während er es vor seine Augen hielt. Seit einer verdammten Stunde lag er jetzt hier, und das Zielobjekt war immer noch nicht aufgetaucht. Gabor ächzte, setzte sich auf, legte das Fernglas auf den dreckigen Boden der Betonterrasse und schüttelte die Arme aus.
Was für ein Scheißtag.
So hatte er sich seinen Feierabend nicht vorgestellt. Er könnte längst zu Hause sein und entspannt an seinem Puzzle weitermachen. Zum Glück war es bereits dunkel, so konnte er wenigstens den Schmutz nicht sehen, der seinen Anzug besudelte. Hätte er im Vorhinein gewusst, dass er heute Abend noch in vollgepissten Gassen rumkriechen würde, dann hätte er sich entsprechend angezogen. Stattdessen trug er ein weißes Hemd unter seinem schwarzen Jackett. Nie lief etwas nach Plan, so ein Mist.
Zwei Dächer weiter regte sich etwas. Endlich! Gabor kauerte sich wieder hin, griff nach dem verhassten Fernglas und betrachtete den Neuankömmling. Dieser Rotfuchs hatte ebenfalls einen hellen Pelz, sogar heller als der von Iden – der Rücken cremefarben, der Bauch weiß. Wie praktisch, so fiel es Gabor leichter, ihn im Auge zu behalten. Mit der typischen arroganten Eleganz, die den Füchsen zu eigen war, bewegte er sich über die Dächer, Terrassen und Feuerleitern, bis er bei Iden angekommen war, der brav auf ihn wartete.
Iden verzog die Lefzen zu einem charakteristischen Fuchsgrinsen. »Einen schönen guten Abend.«
»Wunderschön sogar!«, erwiderte der Neuankömmling überschwänglich.
Ihre Stimmen klangen kratzig und hohl in Gabors Ohren, das Abhörgerät, welches er in Idens Pelz versteckt hatte, war ebenso ein Relikt aus der Vergangenheit wie das Fernglas. Klar. Für jeden anderen Krempel konnte die Stadt Pins flüssig machen, aber wenn die Fluchjäger einmal in hundert Jahren um Ressourcen baten, waren natürlich nicht genügend Mittel vorhanden.
Zumindest unterhielten sich die beiden Füchse in menschlicher Sprache. Gabor hatte schon befürchtet, dass Iden seine Anweisung ignorieren und sich mit dem Verdächtigen nur »füchsisch« oder gedanklich verständigen würde. Diese gedankliche Sprache, die sogenannte »Gemeinsame Sprache«, beherrschte Gabor zwar auch, doch sie ließ sich bedauerlicherweise nicht mit einem Abhörgerät aufzeichnen.
»Wie nett, dass du heute auch wieder herkommst und mich mit deiner Anwesenheit beehrst, mein werter Laubschweif«, sagte Iden mit liebenswürdiger Stimme, von der man nie so genau wusste, ob er es ehrlich oder spottend meinte.
Laubschweif … so nennt er sich? Gabor verdrehte die Augen. Er hatte hier offensichtlich ein besonders exzentrisches Exemplar eines Fuchses im Visier.
»Gewiss, gewiss, mein lieber Iden«, säuselte Laubschweif. »So ein frischer, wolkenloser Abend eignet sich ganz vorzüglich, um mit einem neuen Freund über die tragische Sinnlosigkeit des Lebens zu debattieren.«
Erneut verdrehte Gabor die Augen. Wenn das so weiterging, konnte er bald sein eigenes Gehirn im Schädel sehen. Für dieses theatralische Gehabe der Füchse hatte er nicht das Geringste übrig.
Iden stieß ein kurzes, hohes Lachen aus. »Tragische Sinnlosigkeit? Wie deprimierend. Woher diese trübselige Einstellung? Ich habe dich für einen unbeschwerten Optimisten gehalten, als wir uns letzte Nacht begegnet sind.«
Stumm pflichtete Gabor Idens Aussage bei. Der cremefarbene Fuchs machte einen heiteren und fröhlichen Eindruck. Die Worte, die aus seinem Maul kamen, passten nicht ins Bild. Aber das war so eine Fuchs-Angewohnheit: Widersprüchliches Verhalten an den Tag legen, nur um möglichst geheimnisvoll zu wirken. Dieser Laubschweif machte jedenfalls einen höchst verdächtigen Eindruck auf Gabor.
»Ein unbeschwerter Optimist … so siehst du mich?« Der Fuchs keckerte amüsiert. »Ja, warum nicht. So könnteich sein. Ein Optimist, der in allem das Gute sieht und alles besser macht. Ja. Ich glaube, mit diesem Ruf könnte ich mich anfreunden. So sollte die Welt mich sehen.«
»Wie ich dich sehe«, erwiderte Iden höhnisch. »Jetzt gerade als Narren, so sehe ich dich. Traurige Sinnlosigkeit des Lebens … wie überaus pathetisch. Warum hältst du das Leben für sinnlos? Es ist das Einzige, das einen Sinn hat. Während wir leben, müssen wir dem nachjagen, was wir wollen. Wenn wir tot sind, sind wir tot, dann ist jeglicher Sinn dahin.«
»Das ist es ja gerade!«, klagte Laubschweif melodramatisch. »Der Tod nimmt dem Leben den Sinn. Wozu auf Ziele hinarbeiten, wozu Beziehungen pflegen, wozu überhaupt etwas tun? Welchen Sinn hat es, etwas Großes zu erschaffen, wenn wir dann einfach sterben? Wozu war die ganze Mühe? Für nichts. Ich für meinen Teil ersehe dies als äußerst tragisch.«
»Du willst also etwas Großes erschaffen. Sehr ambitioniert. Für mich wäre das ja nichts – zu viel Aufwand, viel zu anstrengend. Aber ein fleißiger Kerl wie du … Wenn du von deiner Ansicht überzeugt bist, dann bleibt dir wohl nur eine Option: Du müsstest einen Weg finden, um ewig zu leben.«
Gabor krallte die Finger fester um das Fernglas. Sehr gut. Iden lenkte das Gespräch in die richtige Richtung.
Der cremefarbene Fuchs nickte eifrig. »Das wäre was. Für immer weiterleben. Die Welt stünde still für mich, und nur ich allein würde entscheiden, ob sie sich weiterdreht. Alle Lebewesen um mich herum, all die Eintagsfliegen, wären belanglos in dieser Welt, die von mir erschaffen wurde. Wer oder was eine Bedeutung hat, läge einzig in meinem Ermessen.«
Das wird ja immer besser. Gabors Hände begannen zu schwitzen und er spürte seinen Herzschlag laut gegen die Brust klopfen. Nur ruhig, diese Worte sind noch kein Beweis. Es war gut möglich, dass der Fuchs einfach bloß bedeutungsschwangeren Blödsinn von sich gab, um eine scheinbar tiefsinnige Unterhaltung zu führen. Magiebegeisterte Füchse waren wirklich das Allerletzte.
Iden gähnte ausgiebig. »Du bist ja vielleicht enthusiastisch. Malst dir eine Welt mit dir an der Spitze aus. Hahaha, diese Vorstellung lässt mir glatt den Pelz zu Berge stehen! Nichts für ungut, ich bewundere deinen Elan, aber deine Einstellung ist dann doch etwas zu romantisch für mich. Ich für meinen Teil sehe die Erreichung der Unsterblichkeit als rein pragmatisches Mittel an.«
»Wofür denn?«, fragte Laubschweif neugierig. »Erzähl mir bitte nicht, du hättest keine spannenden Pläne für so einen Fall. Was würdest du tun, wenn du ewig Zeit hättest?«
»Keine Ahnung. Essen. Schlafen. Weiterexistieren. Weiterexistieren und den Freuden des Lebens frönen.« In verschwörerischem Tonfall fuhr Iden fort: »Sags nicht weiter, aber ich fürchte mich unheimlich vor dem Tod. Es gibt nichts, was in mir ein solches Grauen auslöst wie die Vorstellung vom Sterben. Altern, zerfallen, Schmerzen erleiden, mich auflösen, bis nichts mehr von mir übrig ist außer Leid.«
»Interessant. Ich muss zugeben, bei mir verhält es sich ein wenig anders. Der Gedanke ans Sterben stimmt mich eher sentimental. Er macht mich traurig. So traurig, dass ich zum Zeitpunkt meines Todes am liebsten die ganze Welt mit mir reißen möchte, damit sie nicht ohne mich weiterexistieren darf. Es ist einfach nur unfair, mitten aus dem Geschehen gerissen zu werden, dass einfach alles ohne mich weitergeht. Oh, diese Sinnlosigkeit ist kaum zu ertragen.«
Iden zuckte gleichmütig mit den Ohren. »Tja. So unerfreulich das alles ist, es scheint, dass wir beide nicht um unser Schicksal herumkommen werden. Ich werde Schmerzen erleiden, du wirst dich weiterhin in deinem sinnlosen Dasein suhlen müssen. Haha! Das Leben ist schlicht erbarmungslos, nicht wahr? Die Unsterblichkeit … um dieses Ziel zu erreichen, müssten gewöhnliche Füchse wie wir schon mit umstrittener Magie hantieren. Und für die interessiere ich mich bedauerlicherweise ganz und gar nicht. Viel Aufwand, viel Arbeit, kaum Ergebnisse.«
»Oh. Wie schade. Da muss ich dir sagen, mein lieber Freund, du verpasst etwas. Magie ist faszinierend. Das Faszinierendste, was es gibt. Sie ist das Einzige, was mir in meiner traurigen Existenz Hoffnung bereitet. Nur mit ihrer Hilfe kann ich einen Ausweg finden aus diesem trostlosen, endlichen Dasein.«
Diese Aussage war ohne jeden Zweifel verdächtig. Ich will ihn haben. Gabor holte das Glöckchen aus seiner Jackentasche. Es hing an einem feinen Silberkettchen und war mit einem Quäntchen Fuchsfeuer modifiziert worden, damit sein Ruf bis in weite Ferne reichte. Mit einer schwungvollen Bewegung des Handgelenks zwirbelte Gabor es im Kreis. Es fing die Luft ein und stieß sie in einem leisen und hohen Pfeifgeräusch wieder aus.
Hoffentlich ist Kopper bereit. Iden würde den anderen Fuchs auf den Boden runterlocken. Sobald Kopper an Ort und Stelle war, musste er sich nur noch bemerkbar machen und dem Fuchs Angst einjagen. Und Idens Fluchtroute würde den Verdächtigen direkt in Gabors Arme treiben. So weit, so gut.
»Hörst du das?«, fragte Laubschweif und drehte die Ohren in alle Richtungen.
Iden tat, als würde er angestrengt lauschen. »Ja. Na so was, ein Pfeifton. Wahnsinnig eindrucksvoll, wirklich. Aber weißt du, was noch eindrucksvoller ist? Den liebestollen Katzen bei ihren nächtlichen Eskapaden zuzuhören. Da fallen dir glatt die Lauscher ab.«
Laubschweif überging Idens Spott, er wirkte unruhig. »Hört sich an wie eine Hundepfeife, findest du nicht? Vielleicht ist ein gefährlicher Hund in der Nähe, der seinem Besitzer davongelaufen ist.«
»Meinst du? Ich denke nicht. Sicher nur ein bemitleidenswerter Vogel, der einer Katze in die Falle gegangen ist. Vergiss die Pfeiferei. Wollen wir weiterziehen und uns irgendwo ein Häppchen gönnen? Bestimmt finden wir in den Hinterhöfen der Restaurants etwas Leckeres zu fressen.«
»Ich gehe jetzt«, verkündete der cremefarbene Fuchs plötzlich kurz angebunden.
»Warte, bleib doch noch.« Iden klang nach wie vor besonnen, doch Gabor vernahm eine leichte Unruhe in seiner Stimme. »Komm schon, ich kenne einen echten Geheimtipp. Da kann man sich immer einen Happen vom Personal erschnorren. Mir ist es nämlich zuwider, in Mülltonnen zu wühlen.«
»Bedaure, mein Freund, keine Zeit!«, rief Laubschweif in seiner Säuselstimme und erhob sich. Mit drei flinken Sprüngen machte er sich davon und war im Nu vom Dach verschwunden. Iden sah ihm gleichmütig hinterher.
»Verdammt!« Gabor nahm den Knopf des Abhörgerätes aus dem Ohr und steckte ihn zusammen mit dem Glöckchen und dem Fernglas ein, sprang von der niederen Terrasse und hastete in die Richtung, in der er den Fuchs vermutete. Dieses vorsichtige Mistvieh.
Er durchquerte eine anrüchige Passage, bog in eine schmutzige, schmale Gasse ein und warf beim Vorbei-Joggen einen Blick durch jedes zerbrochene Fenster. Nichts. Ich habe ihn verloren. Gabor sah hinauf, ließ den Blick zu den Balkonen, Regenrinnen und Dächern schweifen. Von Iden auch keine Spur, er gedachte anscheinend nicht herunterzukommen, um Gabor bei der Suche zu helfen. Dieser nutzlose Faulpelz kann was erleben. War nicht einmal dazu in der Lage, den verdächtigen Fuchs in die richtige Richtung zu lenken.
Aus einer Nebengasse heraus vernahm er ein Geräusch. Ein Schatten bewegte sich an der verrußten Betonmauer.
Gabor hielt den Atem an. Er holte den Fluchbinder aus seiner Jackentasche. Ein neues Modell, seine KolleginMaari hatte es ihm heute Nachmittag in die Hand gedrückt und ihn gebeten, es demnächst auf Herz und Nieren zu prüfen. Natürlich hatte sie es aus altem Material hergestellt, denn für neue Ausrüstung war kein Geld da. Dass er bereits ein paar Stunden später versuchen würde, mit diesem ungetesteten Ding einen möglicherweise hochgefährlichen Fuchs einzufangen, damit hatte Gabor nicht gerechnet. Er klappte den Fluchbinder auf, zog die hauchdünne Schlinge ein Stück weit heraus und schlich, den Apparat fest umklammert, auf die Nebengasse zu, in die der Schatten verschwunden war. Lautlos lehnte er sich an die Mauer neben dem Durchgang und horchte. Zuerst war alles still. Langsam schob Gabor sich an der Mauer entlang, neigte den Oberkörper leicht zur Seite und linste über die Schulter nach hinten in die Gasse.
Alles finster. Nur langsam offenbarten sich die Umrisse der Umgebung Gabors Augen. Angestrengt starrte er in die Dunkelheit.
Ein schallendes Poltern ertönte. Gabor fuhr zusammen. Umgekippte Mülleimer, entschied er. Er hörte das trippelnde Geräusch von hastigen bekrallten Pfoten auf dem Asphalt. Ohne noch länger zu zögern, hechtete Gabor in die finstere Gasse. Und stolperte über etwas Weiches, Lebendiges. Hilfesuchend breitete er die Arme aus, fand Halt an der Mauer und konnte sich gerade noch so auf den Füßen halten. Blitzartig drehte Gabor sich um und hielt den Fluchbinder hoch, bereit, ihn einzusetzen. Er erblickte das Tier, über das er gestolpert war, und erstarrte in seiner Bewegung.
Zähnefletschend starrte es ihn an. Es war groß, rot, schlank und besaß spitze Fledermausohren.
Gabor entspannte seine Muskeln und ließ den Fluchbinder sinken. »Kopper, hast du den Fuchs gesehen?«, fragte er den Hund.
Als Hund beherrschte Kopper die menschlichen Laute nicht. Er antwortete in der Gemeinsamen Sprache.
Die Gemeinsame Sprache war eine Art Gedankenübertragung. Einem Mythos zufolge soll sie einst von Wölfen und Menschen gemeinsam erfunden worden sein, als die beiden Arten zusammenfanden und anfingen, miteinander zu jagen und zu leben. In den Mythen wurde teilweise viel Unsinn erzählt, aber die Erklärung für die Gemeinsame Sprache erschien Gabor plausibel. Schließlich waren es heutzutage in erster Linie Wölfe und Hunde, die sie beherrschten und sich mit Menschen unterhielten. Und Füchse. Füchse waren zusätzlich dazu in der Lage, die Sprachen der Menschen zu erlernen, da die meisten von ihnen einen Hauch (oder auch mehr) Magie besaßen. Andernfalls wären sie wohl kaum in der Lage gewesen, menschliche Laute zu bilden.
Kopper schnaubte verärgert. »Ich war ihm auf der Spur, aber er ist schnell.«
»Ist mir auch aufgefallen. Er hat die Falle gewittert und ist abgehauen. Iden konnte ihn nicht hinhalten.«
Kopper knurrte, schnüffelte die Gasse nach einer Spur ab und brummte vor sich hin.
Gabor schaute sich ebenfalls um. Er tastete in seiner Tasche nach dem Knopf des Abhörgeräts, hielt ihn ans Ohrund lauschte, ob er etwas von Iden hörte. Nichts. Keine Worte, keine Schritte, kein Atmen. Entweder war das alte Teil jetzt endgültig kaputt oder es hatte sich unbemerkt aus Idens Pelz gelöst. Frustriert steckte Gabor den Knopf in die Brusttasche. Scheiße. Es hätte so einfach werden können. Und trotzdem war der Fuchs entwischt. Er lehnte sich an die dreckige Mauer, sein Anzug und seine Jacke waren eh schon verschmutzt, jetzt spielte es auch keine Rolle mehr, und fischte eine zerdrückte Zigarettenpackung aus der Hosentasche. Er steckte sich eine der drei verbliebenen Zigaretten in den Mund und wollte sie gerade anstecken, als Kopper urplötzlich loskläffte wie ein Irrer. Gabor zuckte zusammen, griff geistesgegenwärtig nach dem Fluchbinder … und steckte ihn gleich wieder weg, als er den Grund für Koppers Anfall erkannte. Asra.
Die Füchsin saß auf einem Wellblechdach und blitzte überlegen auf Kopper herab. Der braunrötliche Pelz war wie immer zausig. Die gierigen Augen leuchteten in der Dunkelheit, und auf ihren Lefzen zeichnete sich ein zwielichtiges Grinsen ab.
»Ruhig, Kopper«, befahl Gabor.
Der Hund hielt tatsächlich die Schnauze, zeigte seinen Unmut nunmehr dadurch, dass er unentwegt leise knurrte wie ein schnurrender Tiger.
»Wen haben wir denn da«, trällerte Asra. »Gaby und der Köter. Zwei Gassenjäger, ahnungslos und hilflos, mal wieder.«
»Ich zeige dir gleich, wer hier hilflos ist!«, grollte Kopper, erhob sich auf die Hinterläufe, stützte die Vorderpfoten an der Mauer ab und fixierte Asra zähnefletschend.
»Kopper, Kopper, unbeherrscht wie eh und je. Du solltest deine Energie lieber nutzen, um an deinem Spürsinn zu arbeiten. Vielleicht wärst du dann mal zu etwas nutze.«
»Du hast doch nur so eine große Schnauze, weil du da oben sitzt«, erwiderte Kopper und knurrte.
»Stimmt. Und wärst du ein anständiger Gassenjäger, hättest du mich längst bemerkt, während ich die ganze Zeit hinter dir hergelaufen bin. Unten bei dir auf dem Boden, wohlgemerkt.«
»Vorlautes Miststück. Ich beiße dir den Kopf ab.«
»Tu dir keinen Zwang an. Geselle dich gerne hier hoch zu mir, Köter.«
Und es ging wieder von vorn los. Koppers tiefes Bellen tönte durch die schmale Gasse wie ein grollendes Ungeheuer.
»Ruhe, verdammt!«
Kopper verstummte, er und Asra starrten Gabor mit großen Augen an. Ihren Ausdrücken nach zu urteilen, war er lauter gewesen, als es sich für ihn selbst angefühlt hatte. Himmel, war er genervt.
Asra keckerte kurz, was sich wie ein menschliches Räuspern anhörte. »Wie dem auch sei, kommen wir zur Bezahlung.«
»Bezahlung? Wofür? Du erwartest ernsthaft –«
»Kopper.« Gabor warf ihm einen strengen Blick zu und der Hund verstummte abermals.
Gabor stöhnte entnervt und massierte sich mit einer Hand den Nacken. Er war wieder komplett verspannt.
Er wandte sich Asra zu. »Du willst deinen Lohn, aber der Verdächtige ist entwischt. Deshalb weiß ich nicht, was deine Information wert ist.«
Asra lachte. »Gaby, mein Job ist es, Gerüchte aufzuschnappen, Informationen zu sammeln und euch über die Aufenthaltsorte verdächtiger Individuen zu unterrichten. Dafür verlange ich eine anständige Mahlzeit. Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt. Nicht mein Problem, wenn ihr Gassenjäger die Verdächtigen entwischen lasst.«
»Du sagtest, du seist Kopper die ganze Zeit gefolgt. Du hast nicht gesehen, wohin der Fuchs geflohen ist?«
»Nö, bedaure. Ich kann versuchen, ihn wieder aufzuspüren. Vorausgesetzt natürlich –«
»Jaja, spar dir das. Geh zur Schmiede. Maari wird dich bezahlen.«
»Na also, wir verstehen uns.« Asra bedachte Kopper noch einmal mit einem frechen Grinsen, was den Hund die Zähne blecken ließ, und verschwand.
Sie hörten ihre trippelnden Schritte, als sie sich von Wellblech zu Wellblech bewegte. Dann war es still in der dunklen Gasse.
Mit einem Ächzen lehnte sich Gabor wieder an die Mauer, schloss die Augen und bewegte den Kopf hin und her, bis es zwischen seinen Wirbeln knackte.
»Das gefällt mir nicht«, brummte Kopper. »Wir sollten nicht mit der Füchsin zusammenarbeiten. Ich traue ihr nicht.«
»Ist mir schon aufgefallen«, erwiderte Gabor müde. »Mir gefällt es auch nicht, und trauen tue ich ihr schon gar nicht. Aber wir brauchen sie. Füchse sind nützliche Informationsquellen. Sie bekommen Gerüchte und Geflüster mit. Auskünfte, an die wir sonst nicht rankämen.«
»Und wie zuverlässig sind diese Auskünfte?«
»Was schlägst du also vor?«, schnappte Gabor. »Hast du eine bessere Idee? Jede Nacht planlos durch die Gassen streifen, auf gut Glück nach Fuchsdaimonen Ausschau halten? Weil die einem ja einfach so vor die Füße spazieren, ja?«
Kopper erwiderte nichts mehr, knurrte nur noch leise vor sich hin.
Gabor stöhnte und tätschelte dem Hund versöhnlich den Kopf. »Egal. Der Fuchs ist entkommen. Heute zeigt er sich garantiert nicht noch einmal. Gehen wir zurück zur Schmiede.«
»Ja.«
Sie verließen die Seitengasse und machten sich auf den Weg in den ältesten Teil von Kalkstadt, während das karge Licht der Straßenlaternen ihnen den holprigen Pflastersteinweg erhellte.
Als die Füchsin wieder zu sich kam, konnte sie es kaum fassen: Sie war beklaut worden. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie der Dieb das geschafft hatte; nur jemand, der über Magie verfügte, war dazu in der Lage. Sie wusste nicht, was er mit dem Diebesgut anfangen konnte, wie weit seine Magie reichte. Nur eines wusste sie: Er würde damit nicht ungeschoren davonkommen.
Der Zorn war erwacht und entweder, sie erwischte den Dieb rechtzeitig, oder diese Stadt wäre schon bald dem blutigen Chaos eines Fuchsfluches ausgesetzt.
Die Magierin gab sich alle Mühe. Sie ließ kleine Feuerwerke aus ihren Händen aufsteigen, die in allen Farben des Regenbogens über den Köpfen der vorbeigehenden Leute explodierten. Sie erzeugte Geigenklänge, indem sie mit schnellen Bewegungen die Luft durchtrennte. Sie ließ kleine Kristalle aus dem Nichts erscheinen und wachsen. Sie hantierte und referierte ohne Unterlass, während der Großteil der Fußgänger desinteressiert an ihr vorüberging.
»Haben Sie so etwas schon einmal gesehen? Ich glaube nicht! Diese Kristalle erschaffe ich aus den ungeborenen Träumen und Wünschen, die jeder Mensch in sich trägt!«
Meine Güte, ist das kitschig. Raukku Esch war gerade vom Kräutersammeln im nahe gelegenen Wäldchen zurückgekommen und befand sich auf dem Weg zu seinem Laden, als er die Straßenmagierin an der Seepromenade entdeckt hatte.
Er war über die östliche Brücke zurück nach Kalkstadt spaziert. Die Stadt befand sich inmitten des Mortarsees, und man konnte sie über vier überdachte, mit Geranien geschmückte Holzbrücken betreten. Der Mortarsee galt als das alkalischste Gewässer der Umgebung, wodurch Kalkstadt zu ihrem Namen gekommen war.
Raukku stand jetzt schon seit einer Weile da, schaute der Straßenmagierin zu und klatschte gönnerhaft an den passenden Stellen. Er und drei andere Passanten waren die Einzigen, die bei der Darbietung stehen geblieben waren. Offenkundig störte die Magierin sich nicht im Geringsten am mangelnden Interesse der Leute. Die Begeisterung und Selbstsicherheit ihrer Worte ließen keine Sekunde lang nach.
»Wie wäre es, wenn Sie Ihren Liebsten ein solch unverzichtbares Schmuckstück mitbringen, als Zeichen Ihrer Liebe? Verschenken Sie einen ungeborenen Traum – an Ihren Mann, Ihre Frau, Ihre Kinder, an sich selbst!«
Raukku schüttelte den Kopf. Unmöglich, dass diese Person eine echte Magierin war. Das waren doch nur billige Zaubertricks, die sie da vorführte. Die Show war nicht übel, aber diese falsche Magie … eine Beleidigung für jeden echten Magier, der etwas auf sich hielt.
Die Turmuhr schlug, und er löste den Blick von den funkelnden Kristallen der Magierin. Ich muss mich sputen, hab ja noch den Termin mit Klara. Raukku wandte sich vom Schauspiel ab und marschierte zügig weiter. Die bunt schimmernden Steinchen seines Ohrschmucks und seiner Halsketten klimperten bei jedem Schritt, der hellgrüne Mantel mit den filigran verzierten Goldnähten wallte elegant hinter ihm her. Nur zum Kräutersammeln hätte er sich im Grunde nicht so hübsch machen müssen, aber Raukku mochte es, sich schön anzuziehen. Kleidung, die seiner schlanken Statur und seinen hellgrünen Augen schmeichelte, das lange, cremeblonde Haar schick gekämmt, dazu den passenden Schmuck – so gefiel sich Raukku am besten.
Auf seinem Weg ging er am Forschungslabor der Stadt vorbei, dessen Vorplatz mit Kieselsteinen bedeckt und von jungen Blutahornen gesäumt war. Das Gebäude war schon ziemlich alt, weshalb man ihm kürzlich einen frischen weißen Anstrich verpasst hatte; vermutlich, um es moderner und steril aussehen zu lassen. Die Maßnahme hatte nur bedingt geholfen, dank Ruß und Abgasen erstrahlte das Gebäude inzwischen wieder in einem matten Grau.
Raukku wusste, dass im Labor das Fuchsfeuer – auch Fuchsmagie genannt – erforscht wurde. Der Plan war, dass man die Magie des Fuchsfeuers zukünftig wieder als Energiequelle nutzen konnte. Früher hatte man es eine Zeit lang getan, aber leider war Fuchsfeuer extrem instabil, sodass es zu Verbrennungen und sogar tödlichen Unfällen kam und es schließlich verboten wurde. Lediglich kleinere Gerätschaften wurden testweise mit einer winzigen Dosis Magie ausgestattet. Die Modifizierung von Geräten mit Fuchsfeuer war aber nur den Magieschmieden gestattet; Privatpersonen war es verboten, und es wurde auch strikt davon abgeraten, im stillen Kämmerlein damit zu experimentieren. Aber selbst wenn es irgendwann legal werden würde, so wusste Raukku nicht, wie man an so viel Fuchsfeuer gelangen sollte, um ganze Städte mit Energie zu versorgen. Schließlich besaßen die meisten Füchse nur einen Hauch Magie, der kaum der Rede wert war.
Aber egal, sollten die Forscher tun, was sie wollten. Raukku hatte seine eigenen Forschungen, und die waren das Einzige, was ihn interessierte.
Auf dem weiteren Heimweg kam Raukku am Tunnel vorbei. Er wusste nicht, ob die Passage offiziell einen Namen hatte. Wohl eher nicht; in seinem Kopf war sie schlicht der Tunnel. Ein stockdunkles Loch inmitten einer alten Mauer.
Wie jedes Mal, wenn er diesen Weg ging, blieb Raukku davor stehen und starrte in die Dunkelheit.
Und wie jedes Mal überkam ihn eine unerklärliche kindliche Furcht. Die Gewissheit, dass etwas Bösartiges in der Dunkelheit hauste, das jeden Moment rauskommen und ihn zerfleischen würde. Eine einfältige Angst, aber so stark, als wäre es eine Tatsache; als würde es garantiert passieren, wenn er zu lange hineinsah.
Trotzdem konnte er nie widerstehen, anzuhalten und hineinzublicken. Der Tunnel übte eine beängstigende Anziehungskraft auf ihn aus. Raukku hatte ihn allerdings noch nie benutzt und wusste nicht, wo er hinführte. Er hatte auch noch nie jemand anderen hineingehen oder herauskommen sehen. Kein Wunder, in dieser Dunkelheit konnte sich ja kein Mensch orientieren. Merkwürdig, dass die Stadtverwaltung dort drinnen immer noch keine Laternen hatte anbringen lassen. Es war, als wäre diese Passage ein vergessener Ort, quasi nicht existent.
Ein paarmal war Raukku versucht gewesen, den Tunnel zu betreten, aber die Angst war größer als die Neugier. Natürlich war es Unfug, sich vor einem einfachen Durchgang zu fürchten, aber er konnte sich dennoch nicht überwinden, hineinzugehen.
Egal, genug Löcher in die Dunkelheit gestarrt. Wenn er sich beeilte, konnte er noch pünktlich sein. Es machte keinen guten Eindruck, die Kundschaft warten zu lassen. Zügig ging er weiter und betrat das Einkaufsviertel. Eine breite Pflastersteinstraße, gesäumt von Platanen und Rosskastanien. Links und rechts davon die Geschäfte. Raukku schlängelte sich zielstrebig zwischen den bummelnden Menschen durch, ohne einen Blick an sie oder die Schaufenster der Läden zu vergeuden.
Es war erst früher Nachmittag, und doch spürte Raukku ganz deutlich die Anwesenheit eines Fuchses, der ihn schon seit einer ganzen Weile verfolgte. Normalerweise kamen Füchse erst zur Abenddämmerung aus ihren Verstecken. Sobald die Menschen nach Hause gingen, um den Tag ausklingen zu lassen, zogen die Stadtfüchse los und gingen auf Futtersuche.
Was will der von mir? Ein Rezept? Üblicherweise bestand seine Kundschaft aus Menschen, aber hie und da kamen auch Füchse in sein Geschäft, die Raukkus Rat suchten. Meist handelte es sich dabei um Füchse, die Medizin für eine Verletzung benötigten. Manche suchten auch nach einer Pulvermischung, um einen lästigen Hund loszuwerden, oder sie wollten sich an einem magischen Trick probieren und brauchten dafür fachmännische Beratung. Sie alle waren bei Raukku Esch an der richtigen Adresse. Er beschäftigte sich schon sein ganzes Leben lang mit Magie, probierte alles Mögliche und Unmögliche aus, experimentierte mit Blauregen-Wurzeln, Fischblut, Spinnenbeinen und Rattenmägen, studierte uralte und brandneue Bücher über Theorie und Praxis der Magie. Raukku musste sich zuweilen selbst loben – so einen engagierten und begabten Magier wie ihn gab es garantiert kein zweites Mal in Kalkstadt. Da war es nicht verwunderlich, dass ihm schon die Füchse hinterherliefen.
Trotzdem, wer etwas von ihm wollte, sollte gefälligst in seinen Laden kommen, und bitte schön während der Öffnungszeiten! Für dieses heimliche Verfolgen hatte ernichts übrig; und dann noch so offensichtlich. Wenn du mich verfolgst, mach es anständig, damit ich nichts merke. Aber belästige mich nicht mit deiner angeblichen Nicht-Anwesenheit. Hätte er es nicht so eilig gehabt, dann hätte er den Fuchs zur Rede gestellt und ihn über grundlegende Anstandsregeln aufgeklärt. Aber egal, er hatte Wichtigeres zu tun, als sich mit schmutzigen Stadtfüchsen rumzuschlagen. Das Geschäft führte sich schließlich nicht von selbst.
Raukku verließ das belebte Einkaufsviertel und bog in einen Durchgang zwischen zwei Gebäuden ab. Es war seine übliche Route. Ein kurzer, schmutziger Gang, verdorrter Efeu klebte an den Mauern, Staub und Ruß waren unsauber in die Ecken gekehrt worden. Aus einem Gitter im Boden stieg der faulige Geruch des Seewassers auf, das die Stadt umgab, und ein hohles Plätschern war zu hören. Jedes Mal, wenn er diesen Weg ging, beschlich Raukku das Gefühl, dass kein Mensch außer ihm den Durchgang nutzte. Er war breit, offen zugänglich und eine praktische Abkürzung, doch wirkte er stets verlassen und kaum vorhanden, als wäre er ein Relikt von vor Hunderten Jahren, vergessen und verstaubt. Viele Gassen und Nischen in Kalkstadt waren so. Passagen voller Unrat, eingeschlagene Fensterscheiben, zerbeulte Briefkästen. Diese Orte existierten einfach so weiter, und niemanden kümmerte es. Eine ungewöhnliche Tatsache, wo Kalkstadt ansonsten ein recht schmuckes Städtchen war. Aber schließlich herrschten im Verborgenen auch Füchse und Magie, von daher fügten sich die rätselhaften Gässchen und verborgenen Winkel ganz gut ins Gesamtbild der Stadt ein.
Einst war Kalkstadt ein wahres Paradies für Magier gewesen. Aus den umliegenden Wäldern zogen viele Füchse hierher, verköstigten sich mit dem prallen Angebot der Abfalltonnen, richteten sich ihre Baue in versteckten Nischen ein und genossen das bequeme Leben in der Stadt. Die Magier folgten bald darauf. Es war seit jeher bekannt, dass Füchse unter allen Geschöpfen diejenigen waren, die am häufigsten und stärksten über magische Begabungen verfügten. Die Magier zogen von überall nach Kalkstadt, um von den Füchsen zu lernen und von ihrer Magie zu profitieren. Eine Zeit lang war die Stadt ein florierender Ort für Menschen und Füchse gewesen, ein Ort voller Magie und Wunder. Doch irgendwann begannen einige grausame Magier damit, die Füchse einzufangen und an ihnen herumzuexperimentieren – was für die Füchse meist mit dem Tod endete. Teilweise erwischten Magier sogar echte Fuchsdaimonen. Durch die Folter, die sie ihnen antaten, brachten die Daimonen Flüche hervor, die die Stadt ins Chaos stürzten.
Früher kam es oft zu solchen Fluchausbrüchen, doch heutzutage war davon nichts mehr zu sehen. Die Verantwortlichen der Stadt ergriffen irgendwann Maßnahmen, um die Fluchgefahr einzudämmen, und heute war Kalkstadt ein ausgesprochen friedliches Städtchen. Inzwischen lebten kaum noch Magier hier, und die Anzahl der Füchse war wahrscheinlich nicht höher als in anderen Städten auch. Außerdem gab es angeblich ohnehin kaum noch echte Fuchsdaimonen. Raukku war trotzdem nach Kalkstadt gezogen, die Vergangenheit dieses Ortes faszinierteihn, und er hatte das Gefühl, dass er hier mehr über das Fuchsfeuer lernen konnte als irgendwo anders.
Auf der anderen Seite des Durchgangs war es ruhiger. Die Gebäude waren alt, die Läden heruntergekommen. Raukku marschierte in der Mitte des Pflastersteinwegs und äugte halbwegs interessiert zwischen den Geschäften links und rechts hin und her. Hinter staubigen Schaufenstern wurden noch staubigere Waren präsentiert. Kettchen und Anhänger, die beim bloßen Ansehen schon schier auseinanderfielen. Große Steine, kleine Steine, Heilsteine; gewöhnliche Steine, die irgendwo aufgelesen und hier als Zaubersteine angeboten wurden. Gelangweilte Verkäufer saßen mit hochgelagerten Beinen in ihren kleinen Läden und lasen Zeitung, die Hoffnung auf Kundschaft längst aufgegeben. Aus einem efeuvermummten Atelier strömte der Dunst von Räucherstäbchen, ein würziger, süßlicher Geruch, der Raukku in der Nase brannte und die Augen tränen ließ.
Schließlich erreichte er die schmale, steile Treppe, die durch eine unscheinbare Passage führte, die Fuchsgasse. Die Gasse war eng, düster und strahlte etwas Verbotenes aus. Einmal musste er abbiegen, dann kam er am anderen Ende wieder raus. Hier war alles noch einmal einen Tick älter. Schiefe Häuser, von denen der letzte Rest Farbe abblätterte. Schiefe Steintreppen, die zu schiefen, morschen Kellertüren führten, hinter denen sich schiefe, alte Räume befanden. Ein feuchter, modriger Geruch herrschte hier vor. Die Oleander, die den Gehweg säumten, saßen verdorrt und vertrocknet in ihren Kübeln, ihre Blätter lagen tot auf dem Boden. Sie bekamen nicht viel Wasser und noch weniger Sonne zu Gesicht.
Als Raukku um die nächste Ecke bog, erblickte er sie: Die Hängegeranien, die er vor Kurzem fein säuberlich auf die Simse seiner Kellerfenster aufgereiht hatte. Ihre roten Blüten sprangen ihm schon von Weitem ins Auge. Als er näher kam, ging ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er nicht vergessen durfte, sie zu gießen, ihre Triebe wirkten bereits ein wenig kraftlos. Vor der Treppe, die zum Kellereingang führte, stand der zerbeulte schwarze Briefkasten, und das angebrachte Namensschild war vom Regen so sehr verwaschen, dass der klangvolle Name Raukku Esch darauf kaum noch zu entziffern war. In Ordnung, die Geranien mussten warten, zuallererst würde er das Namensschild ersetzen.
Raukkus Blick schweifte die kurze, vermooste Treppe hinab zu der morschen Tür – und da war sie. Die alte Frau stand vor seinem Laden und schaute hin und her. Offensichtlich hatte sie bereits mehrmals geklingelt und wurde langsam ungeduldig. Ihr hüftlanger grauer Zopf wippte mit der Bewegung ihres Kopfes hin und her.
»Klara!«, rief er. »Meine gute Klara. Habe ich Sie doch tatsächlich warten lassen, ich bin untröstlich!«
Sie drehte sich um zu seiner Stimme und ihr faltenüberzogenes Gesicht erstrahlte in Verzückung. »Raukku!«, krähte sie begeistert. »Ich befürchtete schon, Sie seien nicht da.«
»Ich musste unbedingt einige Zutaten pflücken. So ein leicht sonniger, frisch angebrochener Nachmittag eignetsich vorzüglich, um die verborgene Macht gewisser Kräuter zum Vorschein zu bringen.«
»Raukku, ich muss schon sagen, Ihr breites Wissen bringt mich immer wieder zum Staunen.«
»Klara, ich bin entzückt ob Ihrer Liebenswürdigkeit! Wollen wir reingehen?«
»Liebend gern.«
Er holte den rostigen Kellerschlüssel aus seiner Manteltasche und schloss die Tür auf.
»Bitte nach Ihnen, meine Gute.«
Klara trat ein. Raukku folgte ihr und schloss die knarzende Tür hinter sich.
Endlich daheim!
