Die fünf Tore (Band 2) - Teufelsstern - Anthony Horowitz - E-Book

Die fünf Tore (Band 2) - Teufelsstern E-Book

Anthony Horowitz

4,8

Beschreibung

Fassungslos beobachtet Matt, wie vier bewaffnete Männer auf den Wagen zukommen, der ihn vom peruanischen Flughafen abgeholt hat. Plötzlich durchbricht ein Schuss die Windschutzscheibe. Matt öffnet die Fahrzeugtür und rennt um sein Leben. Doch er weiß nicht, wohin er fliehen soll. Mit einem gefälschten Ausweis ist er in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht spricht. Und er hat einen übermächtigen Feind, der sich mit dem Bösen verbündet hat. "Horowitz erzählt detailreich und in atemberaubendem Tempo, so dass man das Buch bis zur letzten Seite kaum aus der Hand legen möchte!" Die Rheinpfalz "Teufelsstern" ist der zweite Band der Die Fünf Tore-Reihe. Der Titel des ersten Bandes lautet "Todeskreis".

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WAS BISHER GESCHAH …

Matt Freeman weiß, dass er kein normaler Junge ist. Er besitzt eine geheime Kraft. Es ist die Fähigkeit, allein durch Gedanken Gegenstände zu bewegen oder Verwüstungen anzurichten. Aber noch hat er nicht gelernt, diese Kraft zu kontrollieren.

In Todeskreis hatte Matt dank seiner Kraft großes Unheil verhindert. Er war auserwählt worden, als Menschenopfer zu dienen, und sein Blut sollte ein magisches Tor zu einer anderen Dimension öffnen. Damit hätten unbeschreiblich böse Wesen – die Alten – erneut Zutritt zu unserer Welt gehabt. Und sie hätten alles Leben auf der Erde vernichtet.

Doch der Kampf ist nicht vorüber. Fünf Jugendliche stehen zwischen dem Fortbestehen der Menschheit und dem Chaos. Sie sind die Torhüter – und Matt ist einer von ihnen. Erst wenn sie einander gefunden haben, werden sie die drohende Gefahr bannen können.

Es gibt ein zweites Tor und schon bald soll es sich öffnen …

PROLOG

Die Augen des alten Mannes leuchteten rot, denn die Flammen des Feuers spiegelten sich in ihnen. Die Sonne ging unter und die Schatten wurden immer länger. Weit entfernt kreiste ein riesiger Vogel – ein Kondor – und stieß dann herab zur Erde. Es herrschte Totenstille. Die Nacht war nur noch einen Atemzug entfernt.

„Er wird kommen“, sagte der alte Mann. Er sprach eine merkwürdige Sprache, die nur noch wenige Menschen beherrschten. „Wir brauchen nicht nach ihm zu schicken. Er wird auch ohne unser Zutun hierherfinden.“

Der alte Mann erhob sich mühsam und ging, gestützt auf seinen selbst geschnitzten Gehstock, bis zum Rand der Steinterrasse, auf der er gesessen hatte. Von dort aus starrte er hinab in die Schlucht, die so tief war, dass sie kein Ende zu nehmen schien. Sie war wie ein Riss im Planeten, der vielleicht schon vor Millionen von Jahren entstanden war. Er schwieg eine ganze Weile. Hinter ihm saß ein Dutzend Männer, das darauf wartete, dass er fortfuhr. Keiner von ihnen rührte sich. Keiner wagte, ihn aus seinen Gedanken zu reißen.

Endlich drehte er sich wieder zu ihnen um.

„Der Junge ist auf der anderen Seite der Erde“, sagte er. „Er lebt in England.“

Einer der Männer wurde unruhig. Er wusste, dass es ihm nicht zustand, Fragen zu stellen, aber er konnte nicht anders. „Wollen wir denn einfach auf ihn warten?“, fragte er vorwurfsvoll. „Wir haben kaum noch Zeit. Und selbst wenn er kommt, wie soll er uns helfen? Er ist doch nur ein Kind!“

„Das verstehst du nicht, Atoc“, sagte der alte Mann. Es war nicht zu erkennen, ob er verärgert war, denn er ließ sich nichts anmerken. Er wusste, dass Atoc erst zwanzig war, fast selbst noch ein Kind. „Der Junge hat die Kraft. Er weiß immer noch nicht, wer er ist oder wie stark er ist. Aber er wird kommen – und zwar rechtzeitig. Seine Kraft wird ihn herführen.“

„Wer ist dieser Junge?“, fragte ein anderer.

Der alte Mann schaute auf zur Sonne. Sie schien wie ein glühender Ball auf dem höchsten Berggipfel zu liegen. Es war der Gipfel des Mandango, des Schlafenden Gottes.

„Sein Name ist Matthew Freeman“, sagte er schließlich. „Und er ist der Erste der Fünf.“

GLÜCKSRAD

Etwas stimmte nicht mit dem Haus in der Eastfield Street.

Die Häuser in dieser Straße sahen alle mehr oder weniger gleich aus: roter Backstein, zwei Zimmer im ersten Stock und ein Wohnzimmer, das entweder links oder rechts von der Haustür lag. An manchen Häusern waren Satellitenschüsseln angebracht, an anderen hingen Blumenkästen voller Sommerblumen. Aber wenn man oben auf dem Hügel stand und auf die Straße hinunterblickte, fiel ein Haus aus dem Rahmen. Es sah aus, als wäre es von einer Krankheit befallen und müsste aus der Reihe gerissen werden wie ein fauler Zahn.

Im Vorgarten türmte sich alles mögliche Gerümpel und die Mülltonne am Tor lief über. Daneben standen schwarze Säcke voller Abfall, den die Bewohner nicht mehr in die Tonne gekriegt hatten. Das kam in der Eastfield Street öfter vor. Auch dass die Vorhänge immer zugezogen waren und im Haus nie Licht brannte, war nichts Besonderes. Doch da war dieser Gestank. Schon seit Wochen roch es, als wäre die Toilette verstopft. Inzwischen war es so schlimm, dass die Leute die Straßenseite wechselten, wenn sie an dem Haus vorbeigehen mussten. Das ganze Grundstück schien befallen zu sein. Der Rasen im Vorgarten wirkte gelb und löcherig. Die Blumen waren verwelkt und dann von Unkraut überwuchert worden. Sogar die roten Backsteine sahen jetzt viel blasser aus.

Die Nachbarn hatten versucht, sich zu beschweren. Sie hatten an die Tür geklopft, doch es hatte niemand aufgemacht. Sie hatten angerufen, doch es hatte niemand abgenommen. Schließlich hatten sie sich bei der Gemeindeverwaltung beschwert, aber es würde natürlich Wochen dauern, bis die etwas unternahm. Auf jeden Fall war das Haus noch bewohnt. Zumindest das wussten die Nachbarn. Sie hatten Gwenda Davis, die Besitzerin, gelegentlich hinter den Netzgardinen hin und her laufen sehen. Und einmal – vor mehr als einer Woche – war sie an einer Nachbarin vorbeigegangen, als sie vom Supermarkt nach Hause hastete. Und es gab noch einen Beweis dafür, dass in Nummer 27 noch Leben war: Der Fernseher lief jeden Abend.

Fast alle in der Straße kannten Gwenda Davis.

Sie hatte nahezu ihr ganzes Erwachsenenleben in diesem Haus verbracht, erst allein, dann mit ihrem Freund Brian Conran, der gelegentlich als Milchmann arbeitete. Aber was die Nachbarn wirklich zum Tratschen veranlasst hatte, war die Tatsache, dass sie sechs Jahre zuvor einen achtjährigen Jungen bei sich aufgenommen hatte. Und dabei waren sich die Nachbarn einig, dass Gwenda und Brian keine idealen Eltern sein konnten. Brian trank. Und die beiden stritten sich dauernd. Und wenn man der Gerüchteküche glauben konnte, kannten die beiden den Jungen kaum, dessen Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren.

Da wunderte es niemanden, dass die ganze Sache schiefging. Der Junge konnte eigentlich nichts dafür. Matthew Freeman war ein nettes Kind gewesen, dem stimmte jeder zu, aber schon vom ersten Moment an hatte es nur Ärger mit ihm gegeben. Er hatte die Schule geschwänzt. Er hatte sich die falschen Freunde gesucht. Er hatte kleinere Straftaten begangen und war dann natürlich irgendwann von der Polizei aufgegriffen worden. Und schließlich kam es zu diesem Einbruch in ein Lagerhaus in der Nähe vom Bahnhof Ipswich. Der Wachmann war fast gestorben und Matthew war mit dessen Blut an den Händen am Tatort erwischt worden. Danach hatten sie ihn in irgendein Erziehungsprogramm gesteckt und jetzt lebte er bei einer Pflegemutter in Yorkshire. Dort sollte er gefälligst auch bleiben, war die einhellige Ansicht der Nachbarn.

Das alles war vor drei Monaten gewesen. Seitdem war Gwenda immer seltener aufgetaucht. Und Brian hatten die Nachbarn schon ewig nicht mehr gesehen. Das Haus verkam vor aller Augen. Die Nachbarn waren sich einig, dass etwas geschehen musste.

Es war abends um halb sieben in der ersten Juniwoche. Die Tage waren lang und schienen sich mit aller Kraft gegen die Nacht zu wehren. Die Menschen in der Eastfield Street wirkten verschwitzt und müde. Alle waren reizbar. Und der Gestank lag schwer in der Luft.

Gwenda stand in der Küche und machte sich ihr Abendessen. Sie war nie eine hübsche Frau gewesen – klein, schlampig gekleidet, mit glanzlosen Augen und schmalen Lippen, die nie lächelten. Doch seit Matts Auszug war es mit ihr noch mehr bergab gegangen. Sie kämmte ihr Haar nicht mehr. Fettig und verfilzt klebte es an ihrer Kopfhaut. Sie trug ein Kleid mit Blumenmuster und eine Strickjacke, die sie – genau wie sich selbst – schon ewig nicht mehr gewaschen hatte. Die Sachen hingen formlos an ihr herunter. Außerdem hatte sie die Angewohnheit entwickelt, sich ständig die Arme zu reiben, als fröre sie oder als hätte sie vor etwas Angst.

„Willst du was essen?“, rief sie mit schriller Stimme.

Brian saß im Wohnzimmer und sie wusste schon jetzt, dass er nichts essen würde. Es war besser gewesen, als er noch den Job als Milchmann gehabt hatte, aber nach einem Streit mit einem seiner Vorgesetzten hatte man ihn gefeuert. Das war kurz nach Matts Auszug passiert. Und jetzt hatte Brian auch noch den Appetit verloren.

Gwenda sah auf die Uhr. Gleich würde Glücksrad anfangen, die Sendung, die sie am liebsten sah. Dank Satellitenfernsehen konnte sie zwar jeden Abend Glücksrad sehen, aber donnerstags war es etwas Besonderes. An den anderen Tagen sendeten sie nur Wiederholungen, aber an jedem Donnerstag gab es immer eine neue Folge.

Gwenda war süchtig nach Glücksrad. Sie liebte die hellen Lichter im Studio, die Überraschungspreise und die Teilnehmer, die eine Million gewinnen konnten, wenn sie genügend Fragen richtig beantworteten und sich dann trauten, das Rad zu drehen. Aber am meisten liebte sie den Moderator der Show – Rex McKenna. Er war braun gebrannt und witzig und er hatte dieses perfekte, strahlend weiße Lächeln. Rex war ungefähr fünfzig Jahre alt, aber sein Haar war noch tiefschwarz, seine Augen funkelten und er bewegte sich so leichtfüßig, als wäre er viel jünger. Er moderierte diese Show schon so lange, wie Gwenda sich erinnern konnte, und obwohl er noch zwei andere Quizsendungen leitete, gefiel er Gwenda in Glücksrad am besten.

„Hat’s schon angefangen?“, rief sie nervös aus der Küche.

Brian antwortete nicht. Er redete in letzter Zeit nicht mehr mit ihr.

Sie holte eine Dose Bohnen aus dem Küchenschrank. Das war natürlich nicht gerade ein Festessen, aber es war schon eine Weile her, seit einer von ihnen Geld verdient hatte, und mittlerweile machte sich das bemerkbar. Gwenda sah sich in der Küche nach einem sauberen Teller um, aber es waren keine mehr da. Überall stapelte sich das schmutzige Geschirr. Ein Turm verkrusteter Teller ragte aus dem Spülbecken heraus. Gwenda beschloss, ihre Bohnen aus der Dose zu essen. Sie fuhr mit der Hand in das braune, schmutzige Abwaschwasser und fand tatsächlich eine Gabel. Hastig wischte sie die nasse Hand an ihrem Kleid trocken und eilte ins Wohnzimmer.

Dort brannte kein Licht, aber der Schein des Fernsehers reichte aus, um ihr den Weg zu zeigen. Er machte allerdings auch die Unordnung sichtbar, die im Zimmer herrschte. Überall lagen alte Zeitungen, die Aschenbecher quollen über, noch mehr schmutziges Geschirr stand herum und auf dem Boden waren alte Socken und Unterhosen verstreut. Brian saß auf der Couch. Auf dem Nylonbezug war ein ekliger Fleck. Gwenda beachtete ihn nicht und setzte sich neben Brian.

Der Gestank, der das ganze Haus durchdrang, war hier noch schlimmer, doch auch ihn ignorierte Gwenda.

Es kam ihr vor, als wäre alles schiefgegangen, seit Matt fort war. Doch sie wusste nicht, wieso. Sie hatte Matt ja nicht einmal gemocht. Ganz im Gegenteil, sie hatte immer gewusst, dass mit dem Bengel etwas nicht stimmte. Hatte er nicht geträumt, dass seine Eltern sterben würden – und das in der Nacht, bevor sie bei einem Autounfall ums Leben kamen? Sie hatten ihn nur aufgenommen, damit sie sich das Geld unter den Nagel reißen konnten, das Matts Eltern ihm hinterlassen hatten. Das Problem war nur, dass das Geld so schnell weg gewesen war. Und jetzt war auch Matt weg. Die Polizei hatte ihn festgenommen und in ein Erziehungsprogramm gesteckt. Und jetzt hatte Gwenda gar nichts mehr – ihr blieb nur noch die Schuld.

Dabei war es doch gar nicht ihre Schuld gewesen. Sie hatte sich doch um ihn gekümmert. Sie würde nie vergessen, wie die Polizisten sie angesehen hatten – als wäre sie diejenige gewesen, die das Verbrechen verübt hatte. Sie wünschte, Matt wäre nie in ihr Leben getreten. Er allein war daran schuld, dass alles schiefging.

„Und jetzt ist es wieder so weit … fordern Sie Ihr Glück heraus und drehen Sie das Glücksrad!“

Gwenda lehnte sich zurück, als die Titelmusik von Glücksrad begann. Fünfzigpfundnoten tauchten auf und flatterten über den Bildschirm. Die Zuschauer klatschten. Und dann kam Rex McKenna die angestrahlte Treppe herunter, an jedem Arm ein bildhübsches Mädchen. Er trug ein glitzerndes Jackett und winkte lächelnd seinen Zuschauern.

„Guten Abend allerseits!“, rief er. „Wer wird heute unser großer Gewinner sein?“ Er zwinkerte direkt in die Kamera. „Das weiß nur das Glücksrad!“

Das Studiopublikum flippte völlig aus, als hörte es diese Worte zum ersten Mal. Aber natürlich begann Rex seine Show immer mit diesen Worten. „Das weiß nur das Glücksrad!“, war seine Einleitung, wenn Gwenda auch nicht sicher war, ob das wirklich stimmte. Das Rad war doch nur ein Gerät aus Holz und Plastik. Wie konnte es etwas wissen?

Rex kam zum Stehen und der Applaus verklang. Gwenda starrte wie in Trance auf den Bildschirm. Die Bohnendose hatte sie vollkommen vergessen. Irgendwo in ihrem Hinterkopf fragte sie sich, wie es möglich war, dass der Fernseher lief, obwohl der Strom schon vor zwei Wochen abgestellt worden war, weil sie die Rechnung nicht bezahlt hatte. Aber Gwenda achtete schon lange nicht mehr auf das, was in ihrem Hinterkopf vorging. Und außerdem war es ja egal. Es war ein Segen. Wie sollte sie sonst die Abende überstehen? Ohne Glücksrad?

„Willkommen in unserer Show, bei der das Glücksrad darüber entscheidet, ob die Kandidaten mit einer Million in der Tasche nach Hause gehen oder mit leeren Händen!“, verkündete Rex. „Wow, war das eine Woche! Gestern Morgen um sechs hat mich meine Frau geweckt, um mir zu sagen, dass ich den Wecker stellen soll. Um sieben ging er dann los – und er ist bis heute nicht zurückgekommen!“

Die Zuschauer brüllten vor Lachen. Gwenda lachte mit.

„Aber heute Abend haben wir eine tolle Show für Sie. In einer Minute werden wir die drei Glücklichen kennenlernen, die in der nächsten Stunde um unsere fantastischen Preise kämpfen werden. Und was müssen sie tun, um die Million zu gewinnen?“

„Das Rad drehen!“, brüllten die Zuschauer.

Brian sagte mal wieder keinen Ton. Allmählich ärgerte Gwenda die Art, wie er dasaß und schweigend auf den Fernseher starrte.

„Aber bevor es losgeht, möchte ich noch ein paar Worte an eine ganz besondere Dame richten, die einer unserer größten Fans ist.“ Er trat näher an die Kamera heran, und als sein Gesicht den Bildschirm ausfüllte, hatte Gwenda das Gefühl, als sähe er sie direkt an.

„Hallo, Gwenda“, sagte er.

„Hallo, Rex“, flüsterte Gwenda. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass er tatsächlich mit ihr sprach. So ging es ihr jedes Mal.

„Wie geht es dir heute, meine Liebe?“

„Oh … gut“, murmelte Gwenda und verschränkte die Hände im Schoß.

„Hör mal, mein Schatz, ich wollte wissen, ob du noch einmal über das nachgedacht hast, worüber wir neulich gesprochen haben. Matt Freeman. Diesen Abschaum. Diesen kleinen Widerling. Hast du schon entschieden, wie du vorgehen willst?“

Rex McKenna hatte vor zwei Monaten angefangen, mit Gwenda zu reden. Anfangs war Gwenda verblüfft gewesen. Wie konnte er seine Show unterbrechen, während zehn Millionen Leute zusahen, um mit ihr zu sprechen? Manchmal tat er es sogar in den Wiederholungen und das war doch völlig unmöglich. Anfangs hatte ihr das Angst gemacht. Und Brian hatte ihr ins Gesicht gelacht, als sie ihm davon erzählt hatte, und sie als Verrückte bezeichnet. Aber Rex hatte ihr einen Tipp gegeben, was sie wegen Brian unternehmen könnte, und jetzt störte er sie nicht mehr. Gwenda verehrte Rex McKenna und er schien sie genauso gernzuhaben.

„Matt Freeman hat eine Närrin aus dir gemacht“, fuhr Rex fort. „Er ist in dein Haus gekommen und hat deine Beziehung zu Brian ruiniert. Und dann ist er in Schwierigkeiten geraten und alle haben gesagt, es wäre deine Schuld. Und jetzt sieh dich an! Kein Geld. Kein Job. Du bist vollkommen fertig, Gwenda!“

„Das ist nicht meine Schuld“, murmelte Gwenda.

„Das weiß ich doch, meine Liebe“, erwiderte Rex. Die Kamera machte einen kurzen Schwenk und Gwenda konnte die Menschen im Zuschauerraum sehen, die allmählich unruhig wurden, weil die Show nicht anfing. „Du hast dich um diesen Jungen gekümmert. Du hast ihn aufgenommen wie einen Sohn. Und als er gegangen ist, hat er sich nicht einmal verabschiedet. Nicht die geringste Dankbarkeit! Und jetzt hält er sich für was Besseres. Du solltest hören, was er über dich sagt. Ich habe darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass er dafür bestraft werden sollte.“

„Bestraft …“, murmelte Gwenda unglücklich.

„So wie du Brian dafür bestraft hast, dass er unhöflich zu dir war.“ Rex schüttelte den Kopf. Vielleicht war es nur ein Lichtreflex aus dem Studio, aber einen Moment lang sah es so aus, als würde er aus dem Fernseher kommen und direkt in ihr Wohnzimmer steigen. „Tatsache ist, dass Matt durch und durch verdorben ist“, fuhr Rex fort. „Überall, wo er auftaucht, gibt es Ärger. Du weißt doch noch, was mit seinen Eltern passiert ist?“

„Sie sind gestorben.“

„Das war auch seine Schuld. Er hätte sie retten können. Und es sind noch andere Dinge geschehen, von denen du nichts weißt. Erst vor Kurzem hat er guten Freunden von mir etwas Schreckliches angetan: Er hat sie ermordet. Kannst du dir das vorstellen? Er hat sie alle umgebracht! Wenn du mich fragst, steht es außer Frage, dass er dafür bestraft werden muss. Und zwar hart!“

„Ich weiß doch überhaupt nicht, wo er ist …“, murmelte Gwenda.

„Aber ich. Er geht auf eine Schule, die Forrest Hill heißt. Sie ist in Yorkshire, etwas außerhalb von York. Das ist nicht so weit weg von dir.“

„Was soll ich tun?“, fragte Gwenda. Ihr Mund war trocken. Die Bohnendose war nach vorn gekippt und kalte Tomatensoße tropfte auf ihr Kleid.

„Du magst mich doch, Gwenda, oder?“ Der Moderator lächelte sie auf seine ganz spezielle Weise an. Kleine Fältchen erschienen in seinen Augenwinkeln. „Du wirst mir doch helfen, Gwenda? Du weißt, was zu tun ist.“

Gwenda nickte. Aus irgendeinem Grund hatte sie angefangen zu weinen. Sie fragte sich, ob dies das letzte Mal sein würde, dass Rex McKenna mit ihr sprach. Sie würde nach Yorkshire fahren und sie würde nicht wiederkommen.

„Du wirst den Zug nehmen, Matt finden und dafür sorgen, dass er nie wieder jemandem wehtun kann. Das bist du dir schuldig. Das bist du uns allen schuldig. Was sagst du, Gwenda?“

Gwenda konnte nicht sprechen. Sie nickte ein zweites Mal. Tränen rannen ihr über die Wangen.

Rex wich zurück. „Verehrtes Publikum, bitte einen Riesenapplaus für Gwenda Davis. Sie ist eine wundervolle und mutige Frau!“

Der Meinung waren die Zuschauer auch. Sie klatschten und jubelten, bis Gwenda das Zimmer verließ und nach oben ging.

Brian blieb auf der Couch sitzen, mit leicht gespreizten Beinen und offenem Mund. Er hatte sich nicht mehr bewegt, seit Gwenda das Küchenmesser in sein Herz gerammt hatte. Brian hatte sie ausgelacht. Er hatte gesagt, sie wäre verrückt. Also musste sie ihm eine Lektion erteilen, die er nicht so schnell vergessen würde. Auch das hatte Rex ihr geraten.

Wenige Minuten später verließ Gwenda das Haus. Eigentlich hatte sie packen wollen, aber sie hatte nichts gefunden, was sich lohnte mitzunehmen. So hatte sie schließlich nur die Axt eingepackt, mit der sie früher Holz gehackt hatte. Die steckte jetzt in der Tasche, die an ihrem Arm baumelte.

Gwenda schloss die Tür hinter sich ab und ging. Sie wusste genau, wohin sie wollte: zur Forrest-Hill-Schule in Yorkshire. Sie war auf dem Weg zu ihrem Neffen.

Matt würde Augen machen!

AUSSENSEITER

Es war derselbe Traum wie immer.

Matt Freeman stand auf einem hohen Felsen aus schwarzem Gestein, der aus dem Boden ragte wie ein Giftpilz. Matt war hoch oben und ganz allein, umgeben von einem Meer, das tot aussah. Die Wellen rollten heran wie Öl, und obwohl der Wind heulte und ihm die Gischt in die Augen spritzte, fühlte er nichts – nicht einmal die Kälte. Ihm war klar, dass dies ein Ort war, an dem die Sonne niemals auf- oder unterging. Und er fragte sich, ob er bereits gestorben war.

Matt drehte sich um und sah zum Strand. Er wusste, dass dort vier andere auf ihn warteten und dass zwischen ihnen ein Wasserstreifen lag, der mindestens einen Kilometer breit und etliche Kilometer tief war. Die vier waren immer da. Drei Jungen und ein Mädchen, ungefähr in seinem Alter. Sie warteten darauf, dass er das Wasser überquerte und zu ihnen kam.

Aber diesmal war es anders. Einer der Jungen hatte eine Möglichkeit gefunden, zu ihm zu gelangen. Er saß in einem langen schmalen Boot, das aus Binsen geflochten war und einen Bug hatte, der geformt war wie der Kopf einer Wildkatze. Sehr stabil sah es nicht aus. Matt konnte sehen, wie es von den Wellen angegriffen wurde und wie sie versuchten, es zurückzutreiben – aber der Junge ruderte mit kraftvollen, rhythmischen Zügen. Er kam immer näher und nun konnte Matt auch erkennen, wie er aussah: braune Haut, dunkle Augen, halblanges schwarzes und sehr glattes Haar. Er trug zerschlissene Jeans und ein weites Hemd mit einem Loch am Ellbogen.

Matt war plötzlich voller Hoffnung. In wenigen Minuten würde das Boot die Insel erreicht haben und wenn er einen Weg fand, der von dem Felsen hinunterführte, dann könnte er endlich entkommen. Matt rannte zur Kante des Felsens und von dort aus sah er, wie sich etwas in dem tintenschwarzen Wasser spiegelte. Es war ein Vogel. Seine Form veränderte sich ständig, denn sie wurde durch den Wellengang verzerrt. Matt konnte nicht erkennen, was für einer es war. Er hatte eine enorme Spannweite, weiße Federn und einen langen, schlangenartigen Hals. Es war ein Schwan! Abgesehen von den drei Jungen und dem Mädchen war er das einzige Lebewesen, das Matt bisher in dieser Albtraumwelt gesehen hatte. Automatisch schaute er nach oben, in der Erwartung, den Schwan Richtung Festland fliegen zu sehen.

Der Schwan war ein riesiges Monster, so groß wie ein Flugzeug. Seine Augen funkelten gelb und er streckte die Krallen aus, um damit nach dem Wasser zu greifen und es wie einen Vorhang hochzuziehen. Matt wollte den anderen Jugendlichen eine Warnung zurufen. Doch bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hatte, riss das Vieh den dolchartigen Schnabel auf und stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus. Wie zur Antwort ertönte ein Donnerschlag und Matt fiel auf die Knie, als der Riesenvogel über ihn hinwegflog. Der Luftzug zerrte an ihm und der grauenhafte Schrei gellte noch immer in seinen Ohren. Und dann fiel der Vorhang aus Wasser wieder herunter und die Flutwelle überspülte den Felsen, den Strand und das gesamte Meer. Matt spürte, wie die Wassermassen über ihn hereinbrachen … und wachte nach Luft japsend in seinem Bett in der kleinen Dachkammer auf, durch deren Fenster das erste fahle Morgenlicht fiel.

Matt tat das, was er immer machte, wenn sein Tag auf diese Weise begann: Er schaute auf seinen Wecker. Es war halb sieben. Dann sah er sich um, weil er sich überzeugen wollte, dass er wirklich in seinem Zimmer war, hoch oben in dem Haus in York, in dem er nun schon seit fünf Wochen lebte. Im Geiste hakte er alles ab, was er sah. Seine Unterrichtsbücher lagen auf dem Schreibtisch. Die Schuluniform hing über der Stuhllehne. Sein Blick wanderte über die Poster an der Wand: die von seinem Lieblingsfußballverein und ein Plakat von Krieg der Welten. Seine PlayStation 2 lag in einer Ecke auf dem Fußboden. Das Zimmer war unordentlich, aber es war sein Zimmer. Es war genauso, wie es sein sollte. Alles war in Ordnung. Er war aus der Albtraumwelt zurückgekehrt.

Matt lag im Bett, döste vor sich hin und lauschte dem Verkehr des frühen Morgens. Zuerst kam der Milchwagen, eine Weile später waren Lieferwagen zu hören und dann setzte der Berufsverkehr ein. Um sieben Uhr klingelte im Zimmer unter ihm Richards Wecker. Richard Cole war der Reporter, der die Wohnung gemietet hatte. Matt hörte, wie er aufstand und barfuß ins Badezimmer tappte. Dann das Rauschen der Dusche. Es sagte Matt, dass es auch für ihn an der Zeit war aufzustehen. Er warf die Decke zurück und stieg aus dem Bett.

Sein Blick fiel auf den großen Spiegel in der Ecke und er musterte einen Moment lang, was er da sah: einen vierzehnjährigen Jungen in grauem T-Shirt und Boxershorts. Schwarze Haare. Bisher hatte er sie immer sehr kurz getragen, doch in letzter Zeit hatte er sie wachsen lassen. Blaue Augen. Matt war gut in Form, mit breiten Schultern und deutlich sichtbaren Muskeln. Er wuchs schnell. Richard war so klug gewesen, ihm seine Schuluniform eine Nummer zu groß zu kaufen – aber als Matt die Hose anzog, stellte er fest, dass sie ihm schon bald zu kurz sein würde.

Eine halbe Stunde später kam er mit seinen Schulsachen in die Küche. Richard räumte gerade das Geschirr zusammen, das sie am Abend zuvor stehen gelassen hatten. Er sah aus, als hätte er kein Auge zugetan. Seine Sachen waren zerknittert und er war unrasiert. Sein blondes Haar klebte nass an seinem Kopf und seine Augen waren halb geschlossen.

„Was willst du zum Frühstück?“, fragte er.

„Was haben wir denn?“

Richard unterdrückte ein Gähnen. „Also, Brot und Eier haben wir leider nicht.“ Er öffnete einen Schrank. „Hier sind ein paar Cornflakes, aber das reicht wohl nicht.“

„Ist Milch da?“

Richard nahm die Milchpackung aus dem Kühlschrank, schnupperte daran und kippte den Inhalt ins Spülbecken. „Die ist sauer“, erklärte er. Dann hob er verlegen die Hände. „Ich weiß, ich weiß. Ich habe gesagt, ich würde einkaufen gehen, und hab’s mal wieder vergessen.“

„Das macht doch nichts.“

„Natürlich macht es was!“ In einem plötzlichen Wutanfall knallte Richard die Kühlschranktür zu. Er war sauer auf sich selbst. „Schließlich habe ich versprochen, mich um dich zu kümmern …“

Matt setzte sich an den Küchentisch. „Das ist nicht deine Schuld“, sagte er, „sondern meine.“

„Matt –“, begann Richard.

„Nein. Wir können es ruhig zugeben. Es funktioniert nicht.“

„Das ist nicht wahr“, sagte Richard.

„Doch! Du willst mich eigentlich gar nicht hierbehalten. Die Wahrheit ist, dass du York am liebsten verlassen würdest. Das ist okay, Richard. Wenn ich du wäre, würde es mir auch nicht passen, jemanden wie mich an der Backe zu haben.“

Richard sah auf seine Uhr. „Wir können das jetzt nicht ausdiskutieren“, sagte er, „sonst kommst du zu spät zur Schule.“

„Ich will nicht in die Schule“, erwiderte Matt. „Ich habe darüber nachgedacht.“ Er holte tief Luft. „Ich will zurück ins FED-Programm.“

Richard starrte ihn entgeistert an. „Bist du jetzt völlig übergeschnappt?“

FED stand für Freiheit, Erziehung, Disziplin. Es war ein von der Regierung gefördertes Programm für jugendliche Straftäter und Matt hatte daran teilgenommen, als er Richard kennengelernt hatte.

„Ich denke, das macht alles einfacher“, sagte er.

„Als du das letzte Mal am FED-Programm teilgenommen hast, haben sie dich in ein Dorf voller Hexen gesteckt. Deine Pflegemutter, MrsDeverill, hielt dich wie einen Sklaven. Zu wem, glaubst du, werden sie dich das nächste Mal schicken? Zu Vampiren oder einer Kannibalenfamilie.“

„Vielleicht komme ich zu einer ganz normalen Familie, die sich um mich kümmert.“

„Ich kann mich doch um dich kümmern.“

„Du kannst dich nicht einmal um dich selbst kümmern!“ Das hatte Matt nicht sagen wollen, aber es war ihm einfach herausgerutscht. „Du arbeitest jetzt in Leeds“, fuhr er hastig fort. „Du sitzt jeden Tag stundenlang im Auto. Deswegen ist auch nie was Essbares im Haus. Und du bist abends immer total erschöpft. Du bleibst doch nur wegen mir hier. Und das ist nicht fair.“

Was Matt sagte, stimmte. Richard hatte seinen Job bei der Greater Malling Gazette verloren, doch nach ein paar Wochen hatte er eine neue Anstellung beim Gipton Echo gefunden, dessen Redaktion am Stadtrand von Leeds lag. Eine große Verbesserung war das nicht. Er schrieb weiterhin für den Lokalteil. Am Tag zuvor hatte er über ein neues Fischrestaurant, eine Müllkippe und ein von der Schließung bedrohtes Seniorenheim berichten müssen. Matthew wusste, dass Richard auch an einem Buch arbeitete, in dem er über ihr gemeinsam bestandenes Abenteuer schrieb – die Ereignisse, die zur Zerstörung des Atomkraftwerkes Omega Eins und dem Verschwinden eines ganzen Dorfes in Yorkshire geführt hatten. Aber er hatte die Story nicht an die Presse verkaufen können. Warum sollte das bei Buchverlagen anders sein?

„Ich will jetzt nicht darüber reden“, sagte Richard. „Es ist noch zu früh am Morgen. Lass es uns heute Abend besprechen. Ich werde auch ausnahmsweise nicht so spät kommen und wir können essen gehen. Oder wir bestellen uns was nach Hause.“

„Ja, von mir aus.“ Matt griff nach seinen Büchern.

„Was ist mit Frühstück?“

„Ich gehe zu McDonald’s.“

Forrest Hill war eine Privatschule mitten im Nirgendwo zwischen York und Harrogate. Obwohl Matt Richard nichts darüber gesagt hatte, war sie der Hauptgrund dafür, dass er den Norden von England verlassen wollte. Er hasste diese Schule. Obwohl bald Sommerferien sein würden, war er nicht sicher, ob er es noch so lange dort aushalten konnte.

Von außen wirkte sie einladend. Sie hatte einen viereckigen Hof, umgeben von Gebäuden mit Bogengängen und Außentreppen, und es gab sogar eine Kapelle mit Buntglasfenstern und Wasserspeiern. Einige Bauten der Schule waren dreihundert Jahre alt, aber es gab auch zahlreiche neue Gebäude. Die Schule hatte ein Theater, einen Fachtrakt für Naturwissenschaften und eine zweistöckige Bibliothek. Die Neubauten waren erst in den letzten zwei oder drei Jahren errichtet worden.

Zum Schulgelände gehörten mehrere Tennisplätze, ein Schwimmbad und Sportfelder. Sie lag in einem Tal und von allen Seiten führten Straßen zum Schulgelände. Als Matt sie zum ersten Mal gesehen hatte, kam sie ihm eher wie eine Universität vor. Erst als die dreizehn- bis achtzehnjährigen Jungen an ihm vorbeiliefen, die in ihren schicken blauen Jacketts und den grauen Hosen in ihre Klassen marschierten, hatte er begriffen, dass es tatsächlich eine Schule war.

Doch Welten trennten diese Schule von der, die Matt in Ipswich besucht hatte. Hier war alles so sauber und ordentlich. Kein Pommesgestank aus der Schulküche, keine Graffiti, keine abblätternde Farbe oder Fußballtore, deren Netze in Fetzen hingen. Hier gab es Tausende von Büchern in der Bibliothek und die Computer waren die neuesten Modelle. Und die Schuluniform machte den Unterschied besonders deutlich: Als Matt sie zum ersten Mal angezogen hatte, war es ihm vorgekommen, als hätte man ihn in ein albernes Kostüm gesteckt. Das Jackett lag schwer auf seinen Schultern und kniff unter den Armen. Und der grau-grün gestreifte Schlips war einfach lächerlich. Er wollte kein Geschäftsmann werden, warum musste er sich dann so kleiden? Wenn er sich im Spiegel betrachtete, hatte er das Gefühl, einem Fremden gegenüberzustehen.

Es war nicht Richards Idee gewesen, ihn hierherzuschicken. Der Nexus – die geheime Organisation, die über sein Leben zu bestimmen schien – hatte die Schule vorgeschlagen. Doch Matt hatte in den letzten zwei Jahren nichts gelernt. Er lag in jedem Fach weit zurück. Ihn mitten im Sommerhalbjahr in eine öffentliche Schule zu schicken wäre problematisch gewesen. Aber eine Privatschule würde nicht zu viele Fragen stellen und ihn vielleicht auch so fördern, wie er es brauchte. Der Nexus zahlte das Schulgeld. Es schien eine gute Idee zu sein.

Aber es war von Anfang an schiefgegangen.

Die meisten Lehrer von Forrest Hill waren in Ordnung, aber die anderen machten den Unterricht zur Hölle. Matt hatte nur ein paar Tage gebraucht, um sich gleich zwei Lehrer zu Feinden zu machen: MrKing, den Englischlehrer, und MrO’Shaughnessy, der Französisch unterrichtete und außerdem noch der stellvertretende Schulleiter war. Die beiden waren um die dreißig, aber sie benahmen sich, als wären sie viel älter. Am ersten Tag hatte MrKing Matt angefahren, weil er auf dem Schulhof Kaugummi gekaut hatte. Und am zweiten hatte MrO’Shaughnessy ihm mit schriller Stimme einen zehnminütigen Vortrag gehalten, weil sein Hemd aus der Hose gerutscht war. Und danach schienen beide jede Gelegenheit zu nutzen, auf ihm herumzuhacken.

Aber das eigentliche Problem waren die anderen Schüler. Matt konnte sich normalerweise durchsetzen. In seiner alten Schule hatte es eine Menge fieser Typen gegeben, denen es Spaß gemacht hatte, andere zu quälen. Matt war klar gewesen, dass es eine Weile dauern würde, bis er in Forrest Hill neue Freunde fände – vor allem, weil die anderen Jungen so anders waren als er. Und doch war er überrascht gewesen, wie wenige sich von ihnen bereit zeigten, ihm eine Chance zu geben.

Natürlich kannten sich alle anderen. Die Jungen in seinem Alter gingen schon seit mehreren Jahren auf diese Schule und hatten längst Freundschaften geschlossen. Sie hatten eine eingespielte Lebensweise und Matt wurde als Eindringling betrachtet. Und – was noch schlimmer war – er kam aus einer ganz anderen Welt. Von einer öffentlichen Schule und dazu noch einer, die nicht in Yorkshire stand. Die meisten der Jungen waren lediglich misstrauisch und hielten Abstand zu ihm, doch es gab einen, der es auf Matt abgesehen hatte.

Sein Name war Gavin Taylor. Er war in Matts Klasse und er herrschte über den gesamten Jahrgang.

Gavin war nicht einmal sehr groß. Er war schlank, trug die Nase hoch und sein blondes, stets fettiges Haar reichte bis zu den Schultern. Er achtete sehr darauf, dass sein Schlips immer schief hing, und schlurfte mit den Händen in den Hosentaschen herum – eine Haltung, die Lehrer und Schüler gleichermaßen warnte, ihm bloß nicht in die Quere zu kommen. Angeblich war er einer der reichsten Jungen der Schule. Sein Vater hatte eine Internetfirma, die Gebrauchtwagen in ganz England verkaufte. Und Gavin hatte vier oder fünf Freunde, die riesig waren. Sie folgten ihm durch die Schule wie Leibwächter.

Es war Gavin, der entschieden hatte, dass Matt an seiner Schule nichts zu suchen hatte. Er verachtete Matt nicht wegen dem, was er über ihn wusste, sondern wegen dem, was er nicht wusste. Matt war am Ende des Schuljahres aus dem Nirgendwo aufgetaucht. Er weigerte sich zu sagen, warum er seine bisherige Schule verlassen hatte, was mit seinen Eltern passiert war oder was er die letzten zwei Monate gemacht hatte. Gavin hatte die ersten paar Wochen immer wieder gestichelt und gelästert, in der Hoffnung, dass Matt etwas ausplaudern würde. Die Tatsache, dass Matt keine Angst vor ihm hatte und sich weigerte, ihm irgendetwas zu erzählen, ärgerte ihn nur noch mehr.

Doch was dann passierte, machte alles noch schlimmer. Gavin hörte zufällig, wie die Schulsekretärin in ihrem Büro telefonierte. Und dabei erfuhr er, dass Matt Schwierigkeiten mit der Polizei gehabt hatte. Und er hatte keine Kohle. Irgendeine Wohlfahrtsorganisation in London bezahlte sein Schulgeld. Nur Minuten später wusste die ganze Schule Bescheid und Matts Schicksal war besiegelt. Er war bloß ein Versager. Matt gehörte nicht zu ihnen und würde es auch nie.

Vielleicht gab es ein paar Jungen, denen seine Vorgeschichte egal gewesen wäre, weil aber alle vor Gavin kuschten, stand Matt ohne einen einzigen Freund da. Richard hatte er davon nichts erzählt. Er gehörte nicht zu denen, die sich beklagten. Als seine Eltern starben und man ihn zu seiner Tante Gwenda Davis geschickt hatte, ja sogar, als man ihn wie einen Sklaven in Hive Hall gehalten hatte, war es ihm gelungen, einen Schutzwall um sich zu errichten. Aber diese Schule war Tag für Tag schwerer zu ertragen. Matt wusste genau, dass er früher oder später ausflippen würde.

Der Bus setzte ihn wie gewöhnlich um kurz vor acht ab. Der Schultag begann immer damit, dass sich alle in der Kapelle versammelten. Dann sangen sechshundertfünfzig Schuljungen, die noch halb schliefen, schleppend ein Kirchenlied und der Schulleiter oder einer der Lehrer verlas ein paar Ankündigungen. Matt versuchte, nicht aufzufallen. Er dachte über das nach, was er am Morgen zu Richard gesagt hatte. Er war fest entschlossen zu gehen. Es reichte ihm.

Die ersten beiden Stunden waren nicht so schlimm. Der Mathe- und der Geschichtslehrer waren jung und mitfühlend. Beide ließen nicht zu, dass die anderen auf Matt herumhackten. Die Pause verbrachte Matt in der Bibliothek, um dort noch schnell ein paar Hausaufgaben zu machen. Danach hatte er eine Stunde bei dem Nachhilfelehrer, der mit ihm Rechtschreibung und Grammatik übte. Doch in der letzten Stunde vor der Mittagspause hatte er Englisch und MrKing war schlecht gelaunt.

„Freeman, steh bitte auf!“

Matt erhob sich zögernd. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Gavin einen anderen Jungen anstieß und grinste. Matt bemühte sich, keine Miene zu verziehen.

MrKing kam auf ihn zu. Der Englischlehrer hatte Haarausfall. Er versuchte zwar, ihn zu tarnen, indem er die roten Strähnen quer über seinen Kopf kämmte, aber die Kopfhaut schimmerte unübersehbar durch. Er hielt eine eselsohrige Ausgabe von Oliver Twist in der Hand, dem Buch, das sie gerade lasen. Außerdem hatte er einen Stapel Arbeitshefte dabei.

„Hast du die Kapitel von Oliver Twist gelesen, die ich euch aufgegeben hatte?“, fragte er.

„Ich habe es versucht“, antwortete Matt. Ihm gefiel die Geschichte, aber er fand die Sprache ziemlich altmodisch, sie erschwerte das Verständnis des Textes. Warum musste Charles Dickens so viele Beschreibungen verwenden?

„Du hast es versucht?“, höhnte MrKing. „Das soll wohl heißen, dass du sie nicht gelesen hast.“

„Doch, hab ich –“, begann Matt.

„Unterbrich mich nicht, Freeman. Dein Aufsatz war der schlechteste von allen. Du hast nur zwei von zwanzig möglichen Punkten. Und du kannst nicht einmal Fagin richtig schreiben! F-A-Y-G-I-N! In Fagin ist kein Y, Freeman! Hättest du die Kapitel gelesen, wüsstest du das!“

Gavin kicherte hörbar und Matt spürte, wie seine Wangen zu glühen begannen.

„Du wirst die Kapitel noch mal lesen und den Test wiederholen und in Zukunft würde ich es begrüßen, wenn du mich nicht mehr anlügst!“ Er warf Matts Heft vor ihn auf den Tisch, als wäre es etwas Ekliges.

Die Stunde zog sich in die Länge. Nach der Mittagspause hatten sie Sport. Normalerweise machte ihm Sport Spaß, denn er war fit und flink, aber auch auf dem Sportplatz gehörte er nicht dazu. In diesem Schuljahr wurde Kricket gespielt und es hatte Matt kein bisschen gewundert, als man ihn ans hintere Ende des Feldes schickte – so weit weg von den anderen Spielern, wie es nur ging.

Mittagessen gab es in einem der Neubauten. Dort war eine Selbstbedienungstheke mit warmen und kalten Gerichten aufgebaut und unter der Decke, an der ein moderner Kronleuchter hing, standen fünfzig lange Tische. Die Schüler durften sitzen, wo sie wollten, aber normalerweise blieben die Klassen zusammen. Das Klappern von Geschirr und Besteck und der Lärm Hunderter Stimmen hallten durch den Raum. Alle aßen zur selben Zeit und die großen Glasfenster schienen den Geräuschpegel aufzufangen und zurückzuwerfen.

Matt hatte Hunger. Er hatte morgens den Bus gerade noch erwischt und keine Zeit mehr gehabt, bei McDonald’s zu frühstücken. Und am Abend zuvor war in Richards Küche auch nicht viel Essbares zu finden gewesen. Das einzig Gute in Forrest Hill war für Matt das Essen und er lud sich eine große Portion Braten, Salat, Eiscreme und Fruchtsaft auf sein Tablett. Dann suchte er sich einen freien Platz. Nach fünf Wochen an dieser Schule hatte er die Hoffnung aufgegeben, dass ihn jemand an seinen Tisch rufen würde.

Er entdeckte einen freien Platz und steuerte darauf zu. Da er das Tablett vor sich hatte, sah er den Fuß nicht, der sich ihm in den Weg streckte. Hilflos stolperte er darüber. Das Tablett, zwei Teller, ein Glas, Messer, Gabel und Löffel flogen ihm aus den Händen und landeten mit ohrenbetäubendem Geschepper auf dem Boden. Matt ereilte dasselbe Schicksal. Er konnte nichts dagegen tun und fiel genau in das, was eigentlich sein Mittagessen hätte sein sollen. Plötzlich war Totenstille im Speisesaal. Matt brauchte nicht aufzuschauen, um zu wissen, dass ihn alle anstarrten.

Es war nicht Gavin Taylor gewesen, der ihm ein Bein gestellt hatte, sondern einer seiner Freunde. Aber Matt war überzeugt, dass es Gavins Idee gewesen war. Er konnte den Typen sehen, wie er ein paar Tische weiter mit einem Glas in der Hand aufstand und dämlich grinste. Matt kniete auf dem Boden. Eiscreme klebte an seinem Hemd, der Fruchtsaft hatte sich auf seiner Uniform und dem Boden verteilt.

Und dann fing Gavin an zu lachen.

Das war das Zeichen für alle anderen, es ebenfalls zu tun. Matt hatte das Gefühl, von der ganzen Schule ausgelacht zu werden. MrO’Shaughnessy kam auf ihn zu. Warum musste ausgerechnet der an diesem Tag Aufsicht haben?

„Was bist du doch für ein Tölpel, Freeman!“ Die Worte schienen aus weiter Entfernung zu kommen. „Ist dir etwas passiert?“

Matt schaute auf und sah das hämische Grinsen von Gavin. Er spürte, wie ihn die Wut durchströmte – aber es war nicht nur Wut, sondern noch etwas anderes. Er hätte es nicht stoppen können, selbst wenn er gewollt hätte. Es war, als wäre Matt zu einer Art Trichter geworden, und in seinem Körper loderte es. Er konnte den Brandgeruch sogar riechen.

Der Kronleuchter explodierte.

Es war ein hässliches Ding, ein Gewirr aus stählernen Armen und Glühbirnen. Und es hing direkt über Gavin. Und während Matt den Kronleuchter anstarrte, platzte eine Glühbirne nach der anderen und jedes Mal knallte es wie ein Pistolenschuss. Scherben regneten herunter und prasselten auf die Tische. Gavin sah nach oben und schrie auf, als ihn ein Splitter im Gesicht traf. Noch mehr Scherben fielen auf ihn herab. Rauch lag in der Luft. Jetzt lachte keiner mehr. Im ganzen Raum herrschte schockiertes Schweigen.

Dann explodierte auch das Glas, das Gavin in der Hand hielt. Gavin kreischte. Seine Handfläche war aufgeritzt. Er sah erst seine Hand an, dann Matt. Gavin öffnete den Mund, aber es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis Worte herauskamen.

„Das war er!“, schrie Gavin. „Matt hat das getan!“ Er zitterte am ganzen Körper.

Der stellvertretende Schulleiter stand hilflos da. Er sah fassungslos aus und schien nicht zu wissen, was er tun sollte. So etwas war in Forrest Hill noch nie passiert. Damit hatte er keine Erfahrung.

„Das war er!“, schrie Gavin wieder.

„Sei nicht albern!“, wies ihn MrO’Shaughnessy zurecht. „Ich habe gesehen, was passiert ist. Freeman war nicht einmal in deiner Nähe.“

Gavin war blass geworden. Das hätte am Schmerz oder am Anblick des Blutes liegen können, das aus der Schnittwunde an seiner Hand floss, doch Matt wusste es besser: Gavin hatte Angst vor ihm.

MrO’Shaughnessy schien sich gefasst zu haben, denn er übernahm jetzt wieder das Kommando. „Jemand muss die Schulschwester holen!“, befahl er. „Und wir werden diesen Raum verlassen. Hier liegt überall Glas herum …“

Die Schüler hatten sich schon in Bewegung gesetzt. Sie wussten nicht, wie alles passiert war. Aber sie wollten auf keinen Fall im Speisesaal sein, wenn die ganze Decke einstürzte. In diesem Moment hatten sie Matt vollkommen vergessen und deshalb bemerkte keiner, dass Matt bereits verschwunden war.

EIN ZWEITES TOR

Die Straßen leerten sich bereits, als Matt nach Hause kam. Es war Sommer und täglich strömten zahlreiche Touristen in die Stadt. Schon bald würde es in York mehr Besucher als Einwohner geben, aber das passierte in jedem Jahr.

Matt stand in der engen, mit Kopfsteinen gepflasterten Gasse und sah hoch zu der dreigeschossigen Wohnung über dem Souvenirladen. Hier war er eine Zeit lang glücklich gewesen. Bei Richard zu wohnen war komisch – der Reporter war mehr als zehn Jahre älter als er –, aber nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, war es irgendwie ganz gut gelaufen. Sie hatten einander gebraucht: Richard wusste, dass Matt ihm die Story geben konnte, die ihn berühmt machen würde, und Matt hatte niemanden, zu dem er sonst gehen konnte. Die Wohnung war gerade groß genug für zwei Menschen und außerdem waren sie ohnehin den ganzen Tag nicht zu Hause. Am Wochenende gingen sie meistens wandern, schwimmen oder auf die Kartbahn. Matt versuchte, in Richard einen großen Bruder zu sehen.

Aber im Laufe der letzten Wochen hatte er sich immer unwohler gefühlt. Richard war nicht sein Bruder, und als die Erinnerung an ihr gemeinsam bestandenes Abenteuer zunehmend verblasste, schien es keinen vernünftigen Grund mehr zu geben, weiterhin zusammenzubleiben. Matt mochte Richard. Doch er konnte Richard keine Story liefern, mit der er eines Tages den Pulitzerpreis gewinnen würde. Matt fühlte sich Richard gegenüber wie ein Störfaktor, eine Karrierebremse. Deswegen hatte er vorgeschlagen, ins FED-Programm zurückzugehen. Bei einer normalen Familie irgendwo auf dem Land zu leben konnte nicht allzu schlecht sein, egal, was Richard sagte.

Und es gab noch einen Grund, York zu verlassen.

Matt fragte sich, ob die Schule schon bei Richard angerufen und ihm gesagt hatte, was passiert war. Eigentlich gab es keinen Anlass dafür. Trotz Gavins Anschuldigungen hatte keiner der Lehrer ernsthaft geglaubt, dass er etwas mit der Explosion im Speisesaal zu tun hatte. Matt wusste es besser. Er hatte gespürt, wie die Kraft ihn durchströmte. Es war dieselbe Kraft gewesen, die in Omega Eins das Messer aufgehalten und die Fesseln gesprengt hatte, als er geopfert werden sollte. Aber diesmal war es anders gewesen. Diesmal hatte er seine Kraft gegen jemanden in seinem Alter gerichtet. Gavin war nicht sein Feind. Er war nur ein verzogener Junge.

Er konnte nicht länger in Forrest Hill bleiben. Noch eine Stichelei von Gavin, noch ein grässlicher Morgen mit MrKing – und was würde dann passieren? Matt hatte schon immer gewusst, dass er anders war. Er hatte etwas in sich, diese Kraft … Matt hatte sich Filme wie X-Men und Spiderman im Kino angesehen und sich manchmal gefragt, wie es wohl wäre, ein Superheld zu sein und die Welt zu retten. Aber eine Sache unterschied ihn von den Leinwandfiguren: Matts Kraft war nutzlos, weil er nicht wusste, wie er sie einsetzen sollte. Und was noch schlimmer war, er konnte sie nicht kontrollieren. Wieder sah er das Blut aus Gavins Hand strömen und das Entsetzen in seinem Gesicht. Er hätte den Kronleuchter auch aus seiner Halterung reißen können – dann wäre Gavin davon erschlagen worden. Beinahe wäre das auch geschehen. Matt musste weg von Forrest Hill, weit weg, bevor ein schlimmeres Unheil passierte.

Hinter dem Fenster im ersten Stock bewegte sich etwas und Matt sah Richard, der mit dem Rücken zum Fenster stand. Das war merkwürdig. Richard hatte zwar gesagt, dass er früher kommen würde, aber vor sieben Uhr war er eigentlich nie zu Hause. Der Herausgeber des Gipton Echo behielt ihn immer gern so lange wie möglich in der Redaktion – es könnte sich ja noch ein sensationeller Vorfall ereignen. Doch das passierte fast nie. Richard schien mit jemandem zu reden. Matt fand das ebenfalls ungewöhnlich, denn sie hatten äußerst selten Besuch.

Matt schloss die Tür auf und ging nach oben. Auf der Treppe hörte er die Stimme einer Frau. Er erkannte sie sofort.

„In drei Tagen ist ein Treffen in London“, sagte sie. „Wir möchten, dass Sie kommen.“

„Sie wollen nicht mich. Sie wollen nur, dass Matt kommt.“

„Wir wollen, dass Sie beide kommen.“

Matt stellte seine Schultasche ab, öffnete die Wohnzimmertür und ging hinein.

Susan Ashwood, die blinde Frau, die er in einem Vorort von Manchester kennengelernt hatte, saß kerzengerade auf einem Stuhl und hatte die Hände vor sich gefaltet. Ihr Gesicht war blass, was durch die kurzen schwarzen Haare und die dunkle Brille noch betont wurde. Am Stuhl lehnte ein weißer Stock, doch sie war nicht allein gekommen.

Matt kannte auch den großen, dunkelhäutigen Mann, der ihr gegenüberstand. Er hieß Fabian und war jünger als Miss Ashwood, vielleicht Anfang dreißig. Matt war auch ihm schon begegnet. Er war es, der vorgeschlagen hatte, dass Matt bei Richard bleiben sollte, und der ihm einen Platz in Forrest Hill besorgt hatte. Wie üblich war MrFabian auffallend gut gekleidet, diesmal trug er einen hellgrauen Anzug mit Krawatte. Er setzte sich hin und schlug ein Bein über das andere.

Beide Besucher waren Mitglieder der Geheimorganisation, die sie Nexus nannten. Sie hatten von Anfang an beteuert, dass sie es als ihre Aufgabe ansahen, Matt zu helfen und ihn zu beschützen. Trotzdem war er nicht gerade begeistert, zwei von ihnen zu sehen.

Miss Ashwood hatte ihn wohl hereinkommen hören. „Matt“, sagte sie. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie konnte spüren, dass Matt den Raum betreten hatte.

„Was ist los?“, fragte Matt.

Richard ging vom Fenster weg. „Sie wollen was von dir.“

„Das habe ich gehört. Warum?“

„Wie geht es dir, Matt? Wie ist die neue Schule?“ MrFabian lächelte nervös. Er versuchte, freundlich zu klingen, aber Matt hatte schon beim Hereinkommen gespürt, was für eine angespannte Atmosphäre im Zimmer herrschte.

„Die Schule ist okay“, sagte Matt ohne jede Begeisterung.

„Du siehst gut aus“, bemerkte der Besucher.

„Mir geht’s auch gut.“ Matt setzte sich auf die Lehne der Couch. „Warum sind Sie hier, MrFabian? Was wollen Sie von mir?“

„Ich denke, das weißt du …“

Mr