Die fünf Tore (Band 3) - Schattenmacht - Anthony Horowitz - E-Book

Die fünf Tore (Band 3) - Schattenmacht E-Book

Anthony Horowitz

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Beschreibung

Er schickte seine Gedanken aus, rief den Namen seines Bruders, ohne einen Laut von sich zu geben. Nichts. Keine Reaktion. Jamie spürte diese Stille und sie verriet ihm, dass das eingetreten war, was er am meisten fürchtete: Er war allein. Jede Sekunde zählt. Wenn Jamie nicht bald herausfindet, wohin sein Zwillingsbruder verschleppt wurde, wird er Scott niemals wiedersehen. Dunkle Mächte wollen ihn aus dem Weg schaffen, denn Scott ist einer der fünf Auserwählten, die die Welt vor dem Bösen bewahren können. Doch während Jamie jeder Spur nach seinem Bruder hinterherjagt, wird er plötzlich selbst zum Gejagten. Auch auf ihn haben es die dunklen Mächte abgesehen. Und sie schrecken vor nichts zurück, um ihn in ihre Fänge zu bekommen - tot oder lebendig ... In Anthony Horowitz' Reihe Die fünf Tore lauern Dämonen und Monster aus anderen Dimensionen hinter jedem der Portale. Fünf Jugendliche sind die einzigen Torwächter, die sie beschützen können, ohne davon zu wissen. Matt ist einer von ihnen und muss nun mit Hilfe seiner übernatürlichen Kräfte die anderen finden, um gemeinsam mit ihnen die Tore zu zerstören. Eine explosive Mischung aus Spannung, Action und Fantasy für Leser ab 12 Jahren. "Schattenmacht" ist der dritte Band der Die Fünf Tore-Reihe. Die Vorgängertitel lauten "Todeskreis" und "Teufelsstern".

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WAS BISHER GESCHAH …

In Teufelsstern konnten Matt und Pedro nicht verhindern, dass sich das zweite Tor, das sie in der Nazca-Wüste gefunden haben, öffnet und die Alten – die Mächte des Bösen – in die Welt zurückkehren.

Nachdem Matt den Kampf trotz Pedros Hilfe gegen sie verloren hatte, wurde ihm klar, dass es seine einzige Hoffnung war, die drei anderen Torhüter zu finden; zwei Jungen und ein Mädchen. Gemeinsam würden sie die Kraft haben, die Alten zu besiegen und die Welt vor dem Untergang zu bewahren.

Schattenmacht, das dritte Buch der Reihe, beginnt im Juni, einige Wochen vor dem Ende von Teufelsstern. Die Alten wissen alles über die Macht der Fünf und lassen sie überall suchen, fest entschlossen, die auserwählten Jugendlichen für immer voneinander getrennt zu halten.

In diesem Buch gibt es drei Welten: die moderne Welt, die Welt, wie sie vor rund zehntausend Jahren war, und eine merkwürdige Traumwelt, die beide miteinander verbindet.

DIE WELT DER ILLUSIONEN

Die beiden Männer in der schwarzen Limousine hatten das Theater schon einmal umrundet. Jetzt hielten sie auf der anderen Straßenseite gegenüber dem Haupteingang. Draußen waren es über dreißig Grad, aber die Klimaanlage im Auto lief auf Hochtouren, sodass es drinnen so kalt war wie in einem Kühlschrank. Die Männer saßen schweigend nebeneinander. Sie arbeiteten nun schon viele Jahre zusammen und verabscheuten sich. Sie hatten sich nichts zu sagen.

Das Theater lag am nördlichen Stadtrand von Reno im Bundesstaat Nevada. Es war ein kastenförmiges Gebäude aus rotem Stein mit nur einer Tür und ohne Fenster. Wäre die Neonschrift RENO THEATER über der Tür nicht gewesen, hätte es auch eine Bank oder vielleicht eine Kapelle sein können. Einige der Neonröhren funktionierten nicht und so war nur NO THEATER zu lesen.

Trotz seines Namens war im Reno Theater noch nie ein Theaterstück aufgeführt worden. Stattdessen war es immer wieder kurzfristig Heimat für zweitklassige Sänger, Tänzer, Zauberer und Komödianten gewesen, die irgendwann einmal bekannt gewesen, dann aber in der Versenkung verschwunden waren. Leute wie sie traten hier Abend für Abend auf und versuchten, andere zu unterhalten.

Die nächste Vorstellung würde in einer Stunde beginnen und die beiden Männer hatten ihre Eintrittskarten schon gekauft. Es gab allerdings etwas, das sie noch sehen wollten, bevor sie ihre Plätze einnahmen. Und sie brauchten nur wenige Minuten zu warten. Der Mann auf dem Fahrersitz erstarrte plötzlich.

„Da sind sie“, sagte er.

Zwei Jungen waren gerade aus einem Bus ausgestiegen. Beide trugen Jeans und T-Shirts und einer hatte einen Rucksack dabei. Es war unverkennbar, dass sie Zwillinge waren, etwa vierzehn Jahre alt. Sie waren beide sehr schlank, fast mager. Sie hatten schwarzes, glattes Haar, das ihnen in den Nacken hing, und dunkelbraune Augen. Der eine war ein paar Zentimeter größer und wirkte kräftiger als der andere. Er sagte etwas und sein Bruder lachte. Dann bogen die beiden um die Ecke und waren verschwunden.

„Das waren sie?“, fragte der Mann auf dem Beifahrersitz.

„Das waren sie“, bestätigte der Fahrer.

Der erste Mann zuckte mit den Schultern. „Für mich sahen die nicht aus wie etwas Besonderes.“

„Das sagst du doch immer, Hovey. Aber man kann nie wissen. Vielleicht sind diese Kinder diejenigen …“

„Ich brauche einen Drink.“

Die Männer hatten noch eine Stunde Zeit und Bars gab es in Reno in Massen. Vielleicht würden sie auch ein paar Münzen in einen Spielautomaten stecken – die Casinos standen hier dicht aneinandergereiht. Es war ein langer Tag gewesen. Der Fahrer warf einen letzten Blick auf das Theater und nickte. Er hatte ein gutes Gefühl. Diesmal würden sie finden, wonach sie suchten.

Er legte den Gang ein und fuhr los.

Die Show, die zurzeit im Reno Theater gastierte – und zwar schon seit sechs Monaten –, hieß „Die Welt der Illusionen“. Neben der Eingangstür hing ein Glaskasten mit einem schwarz-weißen Plakat, das die Stirn und die Augen eines Magiers oder vielleicht eines Hypnotiseurs zeigte. Seine Hände schwebten körperlos vor ihm und zeigten auf den Besucher. Auf dem Plakat stand:

DON WHITE PRÄSENTIERT

DIE WELT DER ILLUSIONEN

Es gibt Dinge im Leben, die unerklärlich sind. Kräfte, die jenseits unseres Bewusstseins existieren. Wagen Sie die Reise in diese Welt jenseits der Realität? Sie werden Ihren Augen nicht trauen! Lassen Sie sich verzaubern! Diese Show werden Sie nie vergessen!

UNSERE STARS:

Swami Louvishni – weltberühmter indischer Fakir

Bobby Bruce – Hypnotiseur der Stars

MrMarvano – Meister der Zauberei

Zorro – Entfesselungskünstler

Scott & Jamie Tyler – telepathische Zwillinge

Vorstellungen: 19:30 & 21:30Uhr.

Eintritt: 35 bis 55 $.

Senioren zahlen den halben Preis.

An diesem Abend hatte sich um zwanzig nach sieben eine kleine Menschenmenge auf dem Bürgersteig versammelt und wartete darauf, dass die Tür geöffnet wurde. Es waren etwa fünfzig Leute. Die meisten waren durch Flugblätter angelockt worden, die sie vom Empfangspersonal ihrer Hotels bekommen hatten. Auf den Flugblättern hieß es „Fünf Dollar Preisnachlass – nur diese Woche“. Tatsächlich gab es diesen Rabatt jede Woche. Seit dem Beginn der Show wurden dieselben Flugblätter verteilt – und die Hotelangestellten verteilten sie nur, weil sie dafür bezahlt wurden. Sie bekamen fünf Dollar für jede Eintrittskarte, die sie verkauften.

Die Besucher begannen sich bereits zu fragen, ob diese Show sie wohl auch nur ansatzweise verzaubern würde. Das schmutzige Mauerwerk, die kaputte Leuchtreklame und das laienhaft gemachte Plakat sahen nicht gerade vielversprechend aus. Aber andererseits gab es in Reno kaum etwas anderes, das nur dreißig Dollar kostete, und jetzt war es vermutlich zu spät, um sein Geld zurückzuverlangen. Dann ertönte ein ratterndes Geräusch und die Tür wurde geöffnet. Die Besucher strömten ins Theater. Im Foyer gab es einen Stand mit Getränken und Süßigkeiten, aber da sie extrem überteuert waren, kaufte niemand etwas. Fast unwillig zeigten die Leute ihre Eintrittskarten vor und gingen durch den schmalen Gang in den Zuschauerraum.

Das Theater hatte zweihundert Sitzplätze, die hufeisenförmig um die Bühne angeordnet waren. Vor der Bühne hing ein roter Vorhang, ausgefranst und verblichen. Pünktlich um halb acht dröhnte Popmusik aus den Lautsprechern. Der Vorhang hob sich und gab den Blick frei auf einen bärtigen Mann mit einer Sonnenbrille und einem Turban.

„Guten Abend, meine Damen und Herren“, begrüßte er die Besucher. „Mein Name ist Swami Louvishni und ich bin den ganzen Weg von Kalkutta hergekommen, um Sie zu verzaubern.“

Nichts davon stimmte. Es war nur die erste von vielen Lügen.

Der indische Fakir war natürlich nicht echt. Sein wirklicher Name war Frank Kirby und der östlichste Ort, den er je gesehen hatte, war New York. Seinen Künstlernamen hatte er aus einem Comic und seine Tricks aus einem Büchereibuch, das er gestohlen hatte, als er neunzehn war. Bobby Bruce, der angebliche Hypnotiseur, war ein arbeitsloser Schauspieler und hatte nie einen Star aus der Nähe gesehen. MrMarvano, der Zauberer, wurde wieder von Frank Kirby gespielt – ohne den Bart und die Sonnenbrille und mit verstellter Stimme. Zorro war im realen Leben Alkoholiker.

Die Zuschauer waren wenig begeistert. Es war Hochsommer, die Hitze flimmerte über die Wüste, und die Klimaanlage im Theater lief nur mit halber Kraft. Die Leute schliefen beinahe in ihren Sitzen ein. Sie klatschten höflich, als sich der Fakir auf sein Nagelbrett legte und der Entfesselungskünstler aus einer verschlossenen Kiste sprang. Der Zauberer langweilte sie nur – sogar als er es fertigbrachte, einen großen, hechelnden Hund aus einem leeren Käfig hervorzuzaubern. Wahrscheinlich wussten die Leute, dass es in Las Vegas, nur ein paar Hundert Meilen entfernt, Magier gab, die dasselbe mit Elefanten und weißen Tigern machten.

Als die letzten Künstler die Bühne betraten, hatten die Leute längst genug. Doch als die Musik wechselte und die Beleuchtung plötzlich schummrig wurde, geschah etwas im Reno Theater. Etwas, das jeden Abend geschah. Es war, als spürten die Leute, dass sie nun etwas von dem zu sehen bekommen würden, was ihnen das Plakat versprochen hatte.

Jetzt betraten die Zwillinge die Bühne. Sie trugen dunkle Hosen und schwarze Hemden, die am Hals offen waren. Der größere der beiden Jungen starrte feindselig ins Publikum. Er sah aus wie ein Straßenkämpfer und er hatte eine große Prellung am linken Wangenknochen. Sein Bruder wirkte freundlicher und man hatte den Eindruck, dass ihm sein Auftritt sogar Spaß machte. Er war es, der sprach.

„Guten Abend“, begrüßte er die Zuschauer. „Mein Name ist Jamie Tyler.“ Er deutete auf den anderen Jungen, der sich nicht bewegt hatte. „Und das ist mein Bruder Scott. Solange ich mich erinnern kann, wissen wir beide, was im Kopf des anderen vorgeht. Das macht es nicht gerade einfach, wenn einer von uns versucht, ein Mädchen kennenzulernen …“

Das waren nicht seine Worte. Man hatte ihn gelehrt, sie zu sagen, und er konnte nichts Witziges daran finden. Trotzdem zwang er sich zu einem Lächeln. Die Zuschauer zeigten gelindes Interesse. Sie hatten das Plakat gesehen. Telepathische Zwillinge. Aber niemand hatte ihnen gesagt, dass es Kinder waren.

„Wir haben das erst kürzlich entdeckt“, fuhr Jamie fort. „Wir wissen nicht nur, was der andere denkt. Wir sind echte Telepathen und haben eine Verbindung zueinander, die die Wissenschaft weder verstehen noch erklären kann. Und das werden wir Ihnen heute Abend beweisen. Lassen Sie uns beginnen!“

Während er redete, hatte ein Helfer einen Tisch voller Zeitungen hereingebracht. Es waren zwanzig verschiedene Zeitungen aus ganz Amerika. Auf dem Tisch lagen auch andere Requisiten, die Jamie später brauchen würde.

Er klemmte sich die Zeitungen unter den Arm und ging hinunter in die erste Reihe. Vor einer dicken Frau mit krausen Haaren blieb er stehen. Sie trug pinkfarbene Leggins und ein T-Shirt mit dem Aufdruck I + Reno. „Würden Sie bitte eine Zeitung auswählen?“, fragte er. „Sie können irgendeine nehmen.“

Die Frau war mit ihrem Mann gekommen. Er gab ihr einen Stoß und sie zog eine Zeitung aus der Mitte des Packens. Es war eine Ausgabe der L.A. Times.

„Vielen Dank“, sagte Jamie. „Diese Zeitung hat mehrere Teile. Bitte wählen Sie einen aus und geben Sie ihn Ihrem Mann.“

Die Frau tat, was er sagte. Sie wählte den Lokalteil und reichte ihn ihrem Mann.

„Bitte reißen Sie eine Seite heraus und geben Sie sie der Person hinter Ihnen“, fuhr Jamie fort.

Er hatte Glück, dass hinter dem Mann jemand saß. An schlechten Abenden lagen manchmal drei oder vier leere Reihen zwischen den einzelnen Besuchern.

Jetzt war die Zeitungsseite in den Händen eines Koreaners, der mit Frau und Tochter gekommen war. Jamie hoffte, dass er seine Sprache verstand. Er holte einen Stift aus der Tasche. „Sie haben jetzt ein Blatt mit mehreren Tausend Wörtern auf der Vorder- und der Rückseite“, sagte er. „Bitte umkreisen Sie eines dieser Wörter. Es kann in einer Überschrift sein oder in einer Anzeige. Das spielt keine Rolle. Sie können aussuchen, was Sie wollen.“

Der Koreaner lächelte und murmelte seiner Frau etwas zu. Doch er hatte verstanden. Er nahm den Stift, umkreiste etwas und gab Jamie die Seite zurück. Jamie warf einen Blick darauf. Ohne die Worte zu sprechen, las er:

Der neueste Trend in Los Angeles ist die umweltfreundliche Beerdigung. Die Stars stehen bereits Schlange, um sicherzugehen, dass sie der Umwelt nach ihrem Ableben nicht schaden.

Ein Wort war umkreist. Jamie fixierte es.

Auf der Bühne sprach Scott jetzt zum ersten Mal.

„Beerdigung“, sagte er.

Jamie hielt dem Koreaner die Zeitungsseite hin. „Ist das das Wort?“, fragte er.

„Ja. Ja …!“ Der Mann konnte es nicht fassen.

Zum ersten Mal an diesem Abend war der Applaus wirklich laut und echt. Natürlich musste es ein Trick sein. Alles, was die Zuschauer bisher gesehen hatten, waren Tricks gewesen. Aber wie hatten die beiden das gemacht? Die dicke Frau und ihr Mann hatten die freie Wahl gehabt. Der Mann hinter ihnen hätte jedes nur denkbare Wort aussuchen können. Vielleicht arbeiteten die beiden Jungen mit versteckten Mikrofonen. Aber was würde das nützen? Jamie hatte nichts gesagt. Er hatte kaum einen Blick auf die Zeitung geworfen.

Als der Applaus verstummte, war Jamie schon wieder auf der Bühne.

„Jetzt möchte ich jemanden bitten, mir zu helfen“, sagte er. Er zeigte auf den Ehemann der dicken Frau. „Wie wäre es mit Ihnen, Sir?“

Der Mann stieg auf die Bühne. Scott rührte sich nicht. Wenn man vergaß, dass er bereits ein Wort gesprochen hatte, hätte er auch eine Statue sein können. Ein aus Holz geschnitzter Junge. Jamie dagegen war in Bewegung. Er suchte die nächsten Requisiten zusammen und hieß den Mann willkommen.

„Ich werde meinem Bruder die Augen verbinden“, erklärte er. „Und ich möchte Sie bitten sicherzustellen, dass er wirklich nichts sehen kann. Vergewissern Sie sich bitte auch, dass er kein verstecktes Mikrofon trägt.“

Der Mann ging zu Scott und strich mit den Fingern hinter seinen Ohren entlang. Für einen kurzen Moment flackerte etwas in Scotts Augen auf. Diese Demütigung musste er sich jeden Abend zwei Mal gefallen lassen – und er hasste sie. Der Mann merkte nichts.

„Er ist sauber!“, verkündete er.

Ein paar Leute lachten.

Unter Jamies Anleitung legte der Mann zwei Geldstücke auf Scotts Augen. Es waren alte englische Pennys, größer als moderne Münzen. Danach wurden ihm die Augen verbunden und schließlich streifte Jamie ihm noch eine schwarze Haube über den Kopf. Sie bedeckte seine Augen, seine Nase und sein Haar und ließ nur den Mund frei.

Jamie kehrte in den Zuschauerraum zurück. Vor einer blonden Frau in einem engen Kleid blieb er stehen. Neben ihr saß ihr Freund, der seine Hand auf ihrem Oberschenkel liegen hatte.

„Können Sie mir etwas aus Ihrer Handtasche geben?“, fragte Jamie.

„Du willst etwas aus meiner Handtasche haben?“ Die Frau kicherte und sah ihren Freund an. Er nickte und mit seiner Erlaubnis holte sie einen kleinen silbernen Gegenstand heraus. Jamie nahm ihn in die Hand.

„Es ist ein Schlüssel“, sagte Scott.

Jamie hielt den Schlüssel hoch, damit ihn alle sehen konnten. Die Zuschauer klatschten wieder. Einige flüsterten miteinander und schüttelten ungläubig den Kopf.

„Versuchen wir etwas Schwierigeres!“, rief Jamie. „Hat jemand von Ihnen eine Visitenkarte dabei? Was ist mit Ihnen, Sir?“

Er war vor zwei Männern stehen geblieben, die nebeneinandersaßen. Ihm war bisher nur aufgefallen, dass sie beide braune Leinenanzüge trugen, was ungewöhnlich war, weil sich in Reno eigentlich niemand so elegant kleidete. Andererseits wählte Jamie für diesen Teil seiner Show immer jemanden aus, der ein Jackett trug. Aus Erfahrung wusste er, dass Männer meistens eine Brieftasche dabeihatten, in der auch Visitenkarten waren. Bei Frauen dauerte es zu lange, weil sie erst in der Handtasche wühlen mussten. Ihre Show sollte genau achtzehn Minuten dauern. Wenn er die überzog, würde es Ohrfeigen setzen. Oder Schlimmeres.

Jamie wartete darauf, dass der Mann in seine Tasche griff, und als das nicht geschah, sah er zu ihm hinunter. Sofort wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. In diesem Moment wünschte er, jemand anderen gewählt zu haben. Bisher hatte er sich in der feuchten Hitze des Theaters durch die Show gequält. Die Klimaanlage funktionierte nicht richtig – wie immer. Aber der Anblick dieses Mannes wirkte auf ihn wie ein Eimer kaltes Wasser mitten ins Gesicht.

Es lag nicht nur daran, dass er hässlich war. Jamie hatte bei seinen Shows viele unangenehm wirkende Leute gesehen – manchmal hatte er sich sogar gefragt, ob das Reno Theater sie vielleicht anzog. Aber dieser Mann war mehr als nur hässlich. Es war etwas Unmenschliches an ihm, an der Art, wie er Jamie anstarrte, mit Augen, die so hellblau waren, dass sie fast farblos wirkten. Der Mann hatte eine Glatze, aber das konnte nicht am Alter liegen – und rasiert hatte er sich den Schädel auch nicht. Es waren keine Stoppeln zu sehen. Dasselbe galt für sein Gesicht. Er hatte keine Augenbrauen. Keine Bartstoppeln auf seinen Wangen oder dem Kinn. Sein ganzes Gesicht sah aus wie eine straff über die Knochen gespannte Maske, die zu keiner Gefühlsregung fähig war. Er hatte sehr kleine und sehr weiße Zähne. Sie sahen unecht aus.

„Er will eine Visitenkarte von dir“, sagte der Mann neben ihm. Er hatte eine leise Stimme und einen Akzent aus dem Süden.

Dieser Mann hatte Haare. Sie waren schwarz und fettig und er trug einen Pferdeschwanz. Er hatte auch einen mickrigen kleinen Bart, der ein Dreieck unter seiner Unterlippe bildete. Er trug eine billige Sonnenbrille aus Plastik mit verspiegelten Gläsern, sodass seine Augen nicht zu sehen waren. Er roch nach billigem Aftershave, doch der Geruch konnte die Tatsache nicht überdecken, dass er seine Kleidung öfter wechseln und sich häufiger waschen sollte. Es war unmöglich zu sagen, ob er jünger oder älter war als sein Begleiter. Beide waren irgendwie alterslos.

Jamie wurde bewusst, dass mehrere Sekunden verstrichen waren, ohne dass etwas passiert war. Er schluckte. „Eine Visitenkarte“, wiederholte er.

Das Schweigen dehnte sich aus. Jamie wollte gerade aufgeben und jemand anderen um Hilfe bitten, als der Kahlkopf plötzlich mit den Schultern zuckte und in seine Tasche griff. „Klar“, sagte er. „Wenn’s weiter nichts ist.“

Er holte eine Brieftasche hervor, zog eine Karte heraus und hielt sie einen Moment lang zwischen seinen schmutzigen Fingern, als müsste er erst zu einer Entscheidung kommen. Doch dann reichte er Jamie die Karte. Jamie betrachtete sie. Es stand ein Name darauf und darunter eine Firma.

COLTON BANES

NIGHTRISE CORPORATION

Darunter standen eine Adresse und eine Telefonnummer, aber im Halbdunkel des Zuschauerraums konnte Jamie die winzigen Buchstaben nicht entziffern.

Der Mann sah ihn neugierig an, als wollte er ihm direkt ins Gehirn starren. Mühsam riss Jamie seinen Blick los und drehte sich zur Bühne. Er versuchte zu sprechen, aber sein Mund war zu trocken. Er schluckte und versuchte es noch einmal.

„Scott, kannst du mir sagen, wo dieser Herr arbeitet?“, rief er.

Von der Bühne kam nur Schweigen. Was war los?

Doch dann sprach Scott. „Klar, Jamie. Er arbeitet für die NightriseCorporation.“

Der Mann lächelte. „Das stimmt“, sagte er so laut, dass ihn alle hören konnten. Aber in Jamies Ohren klang seine Stimme fast verächtlich, als wäre es ihm vollkommen gleichgültig, ob der Trick funktioniert hatte oder nicht. „Der Junge hat recht.“

Diesmal applaudierten die Leute noch lauter. Es waren nur noch an die vierzig Zuschauer da, doch sie waren fasziniert. Das war der erste wirklich gute Trick, den sie an diesem Abend gesehen hatten. Sie würden sich noch Tage später fragen, wie die beiden Jungen das wohl gemacht hatten.

Und keiner von ihnen zog die schlichte Wahrheit in Betracht, obwohl sie die einzig mögliche Erklärung war. Es gab keine Mikrofone. Keine versteckten Hinweise. Keine Codes oder heimlichen Helfer hinter der Bühne. Der Trick war, dass es keiner war. Die beiden Jungen konnten wirklich die Gedanken des anderen lesen.

Das wusste nur die NightriseCorporation. Deshalb hatte sie die beiden Männer geschickt. Damit sie sich selbst davon überzeugen konnten. Es war Zeit, dass Scott und Jamie Tyler verschwanden.

HINTER DER BÜHNE

Die Show war vorbei. Scott und Jamie hatten jetzt eine halbe Stunde Zeit, bevor die zweite Vorstellung begann, und sie kehrten in ihre Garderobe zurück. Hinter der Bühne verlief ein schmaler L-förmiger Flur mit greller Neonbeleuchtung durch das ganze Gebäude bis zum Hintereingang. Wie gewöhnlich mussten sich die beiden einen Weg durch die Kostüme, Körbe und Requisiten bahnen, die schon für die nächste Vorstellung bereitstanden. Das Nagelbrett von Swami Louvishni lehnte neben Zorros Ketten und seiner Zwangsjacke. Daneben standen eine Kuh aus Pappmaschee und ein kaputtes Klavier, bei dem etliche Tasten fehlten – diese Dinge waren Überbleibsel irgendeiner anderen Show. Der ganze Flur roch nach Essen, denn die Küche eines Motels grenzte an einer Seite direkt an das Theatergebäude. Wenn die Jungen abends das Haus verließen, sahen sie das Filipino-Küchenpersonal mit den gestreiften Schürzen und den weißen Papierhüten oft draußen stehen und rauchen.

Auf ihrem Weg zur Garderobe hörten Scott und Jamie plötzlich ein Winseln und ein Hund stürmte aus einer der Türen. Es war ein Schäferhund, zehn Jahre alt und auf einem Auge blind. Er gehörte Frank Kirby, der ihn mit auf die Bühne nahm, wenn er MrMarvano, den Magier, spielte. Zwei Mal pro Abend saß der Hund hinter einem geheimen Spiegel und wartete darauf, in den Käfig zu schlüpfen.

Jamie bückte sich und streichelte ihm den Kopf. „Hallo, Jagger“, sagte er. Der Hund war nach dem Leadsänger der Rolling Stones benannt worden, aber niemand wusste, wieso.

„He – Jamie!“

Frank Kirby warf einen Blick aus seiner Garderobe. Zorro war bei ihm und saß am Tisch. Vor ihm standen ein Glas und eine halb volle Flasche Whisky. Jamie hoffte, dass der Entfesselungskünstler noch nicht zu viel davon getrunken hatte. Einen Abend war er wie üblich mit Handschellen gefesselt und verschnürt in seine Kiste gesperrt worden und dort prompt eingeschlafen. Das hatte ihn eine Woche Lohn gekostet. Er und Kirby verbrachten viel Zeit miteinander. Sie waren beide geschieden. Sie waren beide um die fünfzig. Und – wie Jamie in Gedanken hinzufügte – sie waren beide Versager.

„Was ist, Frank?“, fragte Jamie. Er lehnte sich an den Türrahmen und spürte, wie Scott an ihm vorbei und in ihre eigene Garderobe ging.

„Es gibt Gerüchte, dass wir umziehen.“ Kirbys Stimme war immer heiser. Solange er dreißig Zigaretten am Tag rauchte, würde sich daran wohl auch nichts ändern. „Ich habe gehört, dass wir aus Reno verschwinden. Weißt du was darüber?“

„Ich hab nichts gehört“, entgegnete Jamie.

„Frag doch mal deinen Onkel Don. Uns sagt er ja nie was!“

Am liebsten hätte Jamie geantwortet, dass Don White auch ihm nie etwas sagte, aber stattdessen zuckte er nur mit den Schultern und verschwand im angrenzenden Zimmer.

Scott lag auf dem schmalen Bett mit der schmutzigen Matratze und der gestreiften Decke. Auch hier gab es einen Tisch und zwei Stühle. Die Zimmer waren alle gleich: quadratisch und mit einem Fenster, das den Blick auf den Parkplatz und das Motel auf der anderen Seite freigab. In jedem Zimmer befanden sich außerdem ein Waschbecken und ein von Glühlampen umrahmter Spiegel. In manchen der Zimmer funktionierten sie sogar. Jamie betrachtete seinen Bruder, der an die Decke starrte. Auf dem Tisch lagen ein paar alte Comics, daneben stand eine halb volle Flasche Cola. Das war alles. Die beiden taten zwischen den Shows nie etwas. Manchmal redeten sie, aber in letzter Zeit hatte Jamie den Eindruck, als würde Scott sich mehr und mehr in sich selbst zurückziehen.

„Frank sagt, dass wir umziehen“, berichtete Jamie.

„Wohin?“

„Wusste er nicht.“ Jamie setzte sich. „Oh Mann, es wäre super, von hier abzuhauen. Weg aus Reno.“

Scott schien kurz nachzudenken. Er starrte immer noch an die Decke. „Ich glaube nicht, dass das einen Unterschied macht“, sagte er schließlich. „Es wäre woanders ganz genauso – oder schlimmer.“

Jamie trank einen Schluck Cola. Sie war warm und hatte keine Kohlensäure mehr. Er wandte den Kopf und musterte seinen Bruder auf dem Bett. Scott hatte sein Hemd aufgeknöpft, sodass sein Bauch und seine Brust zu sehen waren. Die Hemden sahen auf der Bühne gut aus, aber sie waren aus billigem Nylon, in dem man furchtbar schwitzte. In diesem Augenblick sah Scott nicht aus wie vierzehn. Er hätte ebenso gut vierundzwanzig sein können.

Jamie musste sich oft daran erinnern, dass sie tatsächlich gleich alt waren. Sie waren Zwillinge. Zumindest das war sicher. Und trotzdem betrachtete er Scott als seinen älteren Bruder, was nicht nur an den körperlichen Unterschieden zwischen ihnen lag. Solange er sich erinnern konnte, hatte Scott auf ihn aufgepasst. Irgendwie war es nie andersherum gewesen. Wenn Jamie seine Albträume hatte, irgendwo in einem schäbigen Motel oder einem gammligen Wohnwagen, war Scott da gewesen und hatte ihn getröstet. Wenn er Hunger hatte, besorgte Scott etwas zu essen. Wenn Don White oder seine Freundin Marcie gemein wurden, stellte sich Scott zwischen sie und seinen Bruder.

So war es immer gewesen. Andere Kinder hatten Eltern. Andere Kinder gingen zur Schule und hingen mit ihren Freunden herum. Sie hatten Fernseher und Computerspiele und fuhren ins Ferienlager. Das alles hatte Jamie nie gehabt. Es war, als spielte das wirkliche Leben irgendwo anders, und ihn hatte man einfach am Spielfeldrand ausgesetzt.

Manchmal dachte er zurück an das Leben, das er geführt hatte, bevor Onkel Don gekommen war und Scott und ihn in die Welt der Illusionen geholt hatte. So lange war das noch nicht her. Aber als aus den Tagen Wochen und Monate wurden, fiel es ihm immer schwerer, sich zu erinnern, und jetzt kam es ihm vor, als hätte er all seine Erinnerungen verloren. Übrig geblieben waren nur schäbige Theater, Zirkuszelte, Hotels, Motels, Wohnwagen und Wohnmobile. Stunden, die er auf den staubigen Straßen quer durch Nevada verbracht hatte. Ständig unterwegs, oft mitten in der Nacht, immer auf der Jagd nach dem nächsten Dollar.

Er fragte sich, wie er die letzten drei Jahre überlebt hatte, ohne verrückt zu werden. Aber im Grunde kannte er die Antwort. Sie lag ausgestreckt vor ihm auf dem Bett. Scott war immer für ihn da. Er war sein Beschützer und gleichzeitig sein einziger Freund. Sie waren immer zusammen gewesen. Und das würde auch so bleiben. Schließlich war der Unfall nur passiert, weil Erwachsene versucht hatten, sie zu trennen. Der Unfall war der Anfang des Albtraums gewesen, in dem sie jetzt steckten. Jamie betrachtete seinen Bruder, der inzwischen eingeschlafen zu sein schien. Seine nackte Brust hob und senkte sich langsam und Schweiß schimmerte auf seiner Haut. Er dachte wieder an das zurück, was Scott ihm gesagt hatte, in jener Nacht, in der sie zum ersten Mal in einem großen Zelt in der Nähe von Las Vegas aufgetreten waren.

„Mach dir keine Sorgen, Jamie! Das überstehen wir auch. Noch zwei Jahre, dann sind wir sechzehn. Dann können sie uns nicht länger festhalten. Sie können uns zu nichts zwingen, was wir nicht wollen.“

„Und was machen wir dann?“

„Wir finden schon was. Vielleicht gehen wir nach Kalifornien. Nach Los Angeles.“

„Wir können im Fernsehen auftreten.“

„Lieber nicht. Die würden uns für Freaks halten.“ Scott hatte gelächelt. „Vielleicht können wir unsere eigene Firma gründen … du und ich.“

„Wenigstens wüssten wir, was die Konkurrenz denkt.“

„Genau.“ Scott erwärmte sich für diese Idee. „Wir könnten es wie Bill Gates machen. Millionen verdienen und dann in den Ruhestand treten. Warte es nur ab. Wenn wir erst sechzehn sind, hält uns keiner mehr auf!“

Bis dahin waren es nur noch zwei Jahre, aber in Jamie wuchs die Angst. Es kam ihm vor, als verblasste ihr Traum mit jedem Tag ein wenig mehr. Scott wurde immer stiller und abwesender. Er konnte stundenlang einfach daliegen, nicht schlafend, aber auch nicht richtig wach. Es war, als würde langsam etwas aus ihm herausgesogen, und Jamie fühlte sich verloren. Scott war doch der Starke. Scott wusste immer, was zu tun war. Wenn es sein musste, konnte Jamie noch zwei Jahre weiter auftreten. Er konnte mit Onkel Don und seiner Brutalität leben. Aber etwas machte ihm Angst.

Er wusste, dass er es allein nicht schaffen würde.

Am anderen Ende des Flurs, in einem Eckbüro mit zwei Fenstern, saß Don White an einem Schreibtisch, den er niemals würde erreichen können. Sein Bauch war zu dick. Er war so unglaublich fett, dass sein Fleisch in Wülsten hing, als suchte es einen neuen Platz. Es war eiskalt im Zimmer – dies war der einzige Raum des Theaters, in dem die Klimaanlage funktionierte –, aber Don hatte trotzdem große Schweißflecken auf der Brust und unter den Armen. Er schwitzte immer. Für einen Mann seines Gewichts waren schon zehn Schritte zu viel und er sah ständig erschöpft aus. Auch jetzt hatte er dunkle Ringe unter den Augen und seine Lippen sahen aus wie die eines Fischs, der nach Luft schnappt. Er aß einen Hamburger. Ketchup quoll ihm durch die Finger und tropfte auf den Schreibtisch.

Auf der anderen Seite des Schreibtisches saßen zwei Männer und warteten darauf, dass er fertig wurde. Sie verzogen angesichts der Tischmanieren ihres Gegenübers keine Miene. Einer der Männer hatte eine Glatze, der andere schwarze Haare. Beide trugen Anzüge. Sie warteten schweigend, bis Don aufgegessen hatte, sich die Finger ableckte und sie dann an seiner Hose abwischte.

„Was meinen Sie?“, fragte er schließlich.

„Die Jungen sind wirklich beeindruckend“, antwortete Colton Banes, der Glatzkopf.

„Sag ich doch. Sie können es wirklich. Es ist kein Trick. Wenn Sie mich fragen, ich finde es gruselig. Aber es ist, als könnten sie sich gegenseitig in den Kopf gucken.“ Don griff nach einer halb gerauchten Zigarre und zündete sie an. Der bittere Geruch von altem Tabak verbreitete sich. „Die anderen Nummern in der Show … die sind Mist. Aber diese Kinder sind was Besonderes.“

„Es würde mich interessieren, woher Sie sie haben.“

„Das kann ich Ihnen sagen. Ich bekam sie vor drei Jahren. Da waren sie ungefähr elf. Niemand weiß, woher sie gekommen sind. Sie wurden ausgesetzt, als sie ein paar Monate alt waren. Das Jugendamt hat sie irgendwo in der Nähe vom Lake Tahoe eingesammelt. Keine Mutter, kein Vater. Wahrscheinlich haben sie Indianerblut. Wie auch immer, sie waren bei ein paar Pflegefamilien, aber das ist nie lange gut gegangen. Wundert mich nicht. Würden Sie gern mit jemandem zusammenleben, der Ihre Gedanken lesen kann?“

„Sie können auch die Gedanken anderer Leute lesen?“

„Klar können sie das. Aber sie tun so, als könnten sie es nicht, und ich kann sie nicht dazu zwingen. Also gut, auf der Bühne tun sie es. Aber das sind nur Partytricks. Im wirklichen Leben kriege ich sie nicht dazu.“ Don zog an seiner Zigarre und blies Rauch aus. „Sie sind also eine Weile herumgeschubst worden und dann bei meiner Schwägerin und ihrem Mann in Carson City gelandet. Aber das ist auch nicht gut gegangen, das kann ich Ihnen sagen.“

„Was ist passiert?“

„Sie waren ungefähr ein Jahr dort und dann hat sich Ed – also der Mann meiner Schwägerin – umgebracht. Vielleicht hatte es etwas mit den beiden zu tun. Keine Ahnung. Er wollte sie ohnehin rausschmeißen. Er hatte die Schnauze voll von ihnen.“ Don beugte sich vor und sah seine Besucher verschwörerisch an. „Ed hat immer gesagt, dass mit den beiden was nicht stimmt. Wenn man einen geschlagen hat, hat der andere die blauen Flecken gehabt. Können Sie sich das vorstellen? Sie kleben Scott eine und der kleine Jamie hat das blaue Auge? Der eine wusste immer, was mit dem anderen passiert, sogar wenn sie kilometerweit voneinander getrennt waren. Ed hat stets zu sagen gepflegt, dass es wäre, als würde man in einer Folge von Akte X leben. Also wollte er die beiden loswerden, und das Nächste, was ich höre, ist die Nachricht von seinem Tod, dass meine Schwägerin total ausflippt und keiner die Jungen haben will.“

Ein Stück Asche fiel von der Zigarre auf Dons Ärmel, aber er merkte es nicht.

„Da habe ich beschlossen, sie zu nehmen“, fuhr er fort. „Ich hatte diese Show, ,Die Welt der Illusionen‘, ins Leben gerufen, und als ich gesehen habe, was die Jungen können, habe ich sie als Abschlussnummer genommen. Das Witzige ist, dass jeder denkt, es müsste ein Trick sein. Heimliche Signale oder Codes oder so etwas. Und es sind nicht nur die Zuschauer. Nicht einmal die anderen Künstler der Show wissen, wie die beiden es machen. Ist das nicht urkomisch? Marcie und ich finden das echt zum Brüllen!“

Banes hatte den anderen Mann als Kyle Hovey vorgestellt. Er sprach jetzt zum ersten Mal. „Warum haben Sie die beiden nicht im Fernsehen auftreten lassen?“, fragte er. „Damit wäre doch viel mehr zu verdienen gewesen.“

„Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Marcie und ich haben darüber gesprochen. Aber wenn die beiden zu bekannt werden, könnte sie mir jemand wegnehmen.“ Er zögerte, denn er wusste nicht, wie er es den beiden Männern erklären sollte. „Sie wissen doch, wie das ist“, fuhr er fort. „Das Jugendamt ist total überarbeitet. Zu viele Akten und zu wenig Personal. Das sagt Marcie jedenfalls. Die glauben wahrscheinlich, dass die Jungen immer noch bei Ed und meiner Schwägerin sind. Zurzeit sieht es jedenfalls so aus, als hätte man die beiden vergessen, und vielleicht ist es das Beste, wenn es so bleibt.“ Er betrachtete einen Moment lang seine Zigarre und starrte auf das glühende Ende. „Aber wie ich Ihnen bereits sagte, freiwillig machen sie es nicht. Es war schon schwierig genug, sie dazu zu kriegen, auf der Bühne mitzuspielen. Ich habe sie mit dem Gürtel geprügelt. Dann habe ich sie hungern lassen. Ich habe ihnen deutlich gemacht, wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen. Aber sogar da haben sie sich noch geweigert.“

„Und was haben Sie dann gemacht?“, wollte Banes wissen.

Don White grinste. „Ich habe sie gegeneinander ausgespielt. Ich habe Scott gesagt, dass ich Jamie blutig prügeln würde, wenn sie nicht mitspielen. Ich habe ihm auch angedroht, noch Schlimmeres mit ihm anzustellen. Da hat er zugestimmt, um seinen kleinen Bruder zu schützen. Und Jamie hat eingewilligt, weil Scott es ihm gesagt hat. Und das war’s. Jetzt kommen wir gut miteinander aus. Ich bin ihr Onkel Don. Sie arbeiten in der Show und ich sorge für sie.“

„Was ist mit der Schule?“

„Sie sind in Carson City zur Schule gegangen, als sie bei Ed waren. Aber das war ein Fiasko. Jetzt werden sie zu Hause unterrichtet. Der Staat ist mehr als zufrieden damit. Wir kriegen sogar Schulgeld dafür. Und Marcie ist eine kluge Frau. Sie bringt ihnen alles bei, was sie wissen müssen.“ Von der Zigarre waren nur noch zwei Zentimeter übrig. Don nahm einen letzten Zug und drückte sie dann auf dem Teller aus, auf dem gerade noch sein Hamburger gelegen hatte. „Vielleicht haben Sie recht“, meinte er. „Vielleicht hätte ich sie ins Fernsehen bringen sollen. Ich habe dieses Theater satt. Niemand interessiert sich dafür. Niemand kommt. Sehen Sie sich diese Müllhalde doch an! Wir haben hier mehr Küchenschaben als zahlende Gäste!

Neulich war ich in einer Bar und habe zufällig gehört, wie jemand über eine Firma gesprochen hat, die gutes Geld für Informationen über besondere Kinder zahlt. Ich bin hingegangen und habe einen Namen bekommen. Dann habe ich angerufen und nun sind Sie hier. Sie haben Scott und Jamie gesehen. Sie wissen, dass sie echt sind. Also, was sagen Sie?“

Kyle Hovey sah seinen Partner an, der Don mit ausdruckslosem Blick angestarrt hatte. Colton Banes nickte. „Wir nehmen sie.“

„Sie nehmen sie? Einfach so?“

„Wir zahlen fünfundsiebzigtausend Dollar.“

Don White leckte sich die Lippen. Das war mehr Geld, als er je zu träumen gewagt hatte. Aber es war ihm nicht genug. „Fünfundsiebzigtausend … für jeden?“, fragte er.

Colton Banes zögerte kurz, aber er hatte sich längst entschieden. „Natürlich. Einhundertfünfzigtausend für die beiden Jungen. Aber es sind ein paar Bedingungen damit verknüpft. Erstens: Mehr Geld gibt es nicht. Zweitens: Sie werden keine Fragen über die Jungen oder uns stellen. Und drittens: Wenn Sie mit irgendjemandem über diese Transaktion sprechen, werden Sie und Ihre Freundin Marcie ebenfalls verschwinden. Da draußen in der Wüste gibt es eine Menge Sand, MrWhite. Den möchten Sie doch sicher nicht von unten betrachten, oder?“

„Wann wollen Sie sie mitnehmen?“

„Heute. MrHovey und ich werden bei der nächsten Vorstellung wieder im Theater sein. Draußen sind noch zwei Kollegen von uns. Es würde uns helfen, wenn Sie die Jungen bitten, nach der Vorstellung noch so lange zu bleiben, bis die anderen Künstler gegangen sind. Dann nehmen wir die Jungen mit und Sie bekommen Ihr Geld in bar. Geht das in Ordnung?“

„Klar geht das in Ordnung.“ Dons Mund war trocken. Aber ein paar Fragen musste er noch stellen. „Wer genau sind Sie?“ fragte er. „Ich meine, ich weiß, für wen Sie arbeiten. Aber was wollen Sie mit den beiden?“

„Ich glaube, Sie haben nicht richtig zugehört“, antwortete Banes. „Wir sind niemand. Sie haben uns nie getroffen. Die Jungen existieren nicht mehr.“

„Schon klar. Ganz wie Sie meinen.“

Von draußen war Popmusik zu hören, die aus den Lautsprechern an der Bühne dröhnte. Ein kurzer Klingelton machte die Künstler darauf aufmerksam, dass es gleich wieder losging.

Die zweite Vorstellung des Abends begann.

GEFANGEN IM NEONLICHT

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