Die fünf Tore (Band 4) - Höllenpforte - Anthony Horowitz - E-Book

Die fünf Tore (Band 4) - Höllenpforte E-Book

Anthony Horowitz

4,7

Beschreibung

Dann stürzte sich die Dunkelheit mit der Wucht eines Expresszuges auf sie und in diesem Moment passierte es. Sie spürte, wie sich etwas in ihr löste. Es war, als würde ein Fenster eingeschlagen, und sie wusste, dass sie nie wieder so sein würde wie vorher. Exotische Schauplätze, faszinierende Figuren und Action nonstop: Erfolgsautor Anthony Horowitz beweist einmal mehr, dass er ein absoluter Meister seines Fachs ist. In Horowitz' Reihe Die fünf Tore lauern Dämonen und Monster aus anderen Dimensionen hinter jedem der Portale. Fünf Jugendliche sind die einzigen Torwächter, die sie beschützen können, ohne davon zu wissen. Matt ist einer von ihnen und muss nun mit Hilfe seiner übernatürlichen Kräfte die anderen finden, um gemeinsam mit ihnen die Tore zu zerstören. Eine explosive Mischung aus Spannung, Action und Fantasy für Leser ab 12 Jahren. "Höllenpforte" ist der vierte Band der Die Fünf Tore-Reihe. Die drei Vorgängertitel lauten "Todeskreis", "Teufelsstern" und "Schattenmacht".

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NIGHTRISE CORPORATION

Streng vertraulich

Memorandum aus dem Büro des Vorsitzenden:

15.Oktober 2008

Wir werden die Macht übernehmen.

Vor vier Monaten, am 25.Juni, öffnete sich das Tor in der Nazca-Wüste und die Alten konnten endlich zurückkehren auf die Welt, die sie einst beherrschten. Sie sind jetzt unter uns und warten auf den richtigen Zeitpunkt, sich zu erkennen zu geben und den Krieg zu beginnen, den sie diesmal nicht verlieren können.

Warum dieser Zeitpunkt noch nicht gekommen ist?

Der Triumph von Nazca wurde überschattet von der Anwesenheit zweier Kinder, zweier Jungen im Teenageralter. Einen von ihnen kennen wir gut – wir beobachten ihn schon fast sein ganzes Leben lang. Sein Name, oder der Name, unter dem er jetzt bekannt ist, lautet Matthew Freeman. Er ist fünfzehn und Engländer. Der andere war ein peruanischer Straßenjunge, der sich Pedro nennt und in den Slums von Lima aufgewachsen ist. Diese beiden sind verantwortlich für den Tod unseres Freundes und Kollegen Diego Salamanda. Und, so unfassbar es klingt, sie haben den König der Alten im Moment seines größten Triumphes verwundet.

Dies sind keine normalen Kinder. Sie sind zwei der fünf sogenannten Torhüter, die vor mehr als zehntausend Jahren an der großen Schlacht teilgenommen haben, bei der die Alten besiegt und vertrieben wurden. Wenn wir diesmal Erfolg haben und eine neue Weltordnung schaffen wollen, ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir die Natur dieser Torhüter verstehen.

Vor zehntausend Jahren führten fünf Kinder die letzten Überlebenden der Menschheit in die Schlacht gegen die Alten. Die Schlacht fand in Großbritannien statt, allerdings zu einer Zeit, als das Land noch keine Insel war, noch vor dem Abschmelzen der Eisflächen im Norden.

Durch einen Trick gewannen die Kinder und vertrieben die Alten. Um sie von der Erde zu verbannen, wurden zwei Tore errichtet: eines in Yorkshire, im Norden von England, das andere in Peru. Ein Tor hielt. Das andere konnten wir im Juni endlich aufbrechen.

Die Fünf existierten damals. Die Fünf existieren auch heute. Es scheint, als wären sie auf der anderen Seite der Zeit wiedergeboren worden, aber so einfach ist es nicht. Es sind dieselben Kinder, die irgendwie in verschiedenen Zeitaltern leben.

Tötet man eines der Kinder, wird es durch eines aus der Vergangenheit ersetzt. Dies ist die entscheidende Tatsache, die diese Kinder zu so gefährlichen Feinden macht. Sie zu töten ist sinnlos. Wenn wir sie kontrollieren wollen, müssen wir sie lebendig fangen.

Allein sind diese Kinder schwach und besiegbar. Ihre Kräfte sind unzuverlässig und können von ihnen nicht vollständig kontrolliert werden. Aber wenn sie zusammen sind, werden sie stärker. Das ist die größte Gefahr für uns. Wenn alle fünf irgendwo auf der Welt zusammentreffen, sind sie möglicherweise in der Lage, ein drittes Tor zu errichten, und dann ist alles verloren, was wir bisher erreicht haben.

Der fünfte der Fünf

Bisher sind nur vier der Kinder identifiziert worden. Dem englischen und dem peruanischen Jungen haben sich Zwillinge aus Amerika angeschlossen, Scott und Jamie Tyler, auf die wir durch unser PSI-Projekt gestoßen sind. Zu dieser Zeit haben sie in einem Theater in Nevada gearbeitet.

Zur Kenntnisnahme: Scott Tyler wurde während seiner Haft in Nevada einer gründlichen Umprogrammierung durch unsere Agenten unterzogen. Inzwischen ist er zwar wieder mit seinem Bruder vereint, aber es ist trotzdem denkbar, dass wir ihn gegen seine Freunde richten können. Beachten Sie das psychologische Gutachten (Anhang 1).

Über den fünften der Fünf wissen wir bisher sehr wenig. Es ist ein Mädchen. Wie die anderen wird es fünfzehn Jahre alt sein. Wir vermuten, dass es chinesischer Abstammung ist und in Asien lebt. In der alten Welt war sein Name Scar. Ohne jeden Zweifel suchen die anderen vier nach ihm und wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass sie Erfolg haben könnten.

Das bedeutet, dass wir das Mädchen zuerst finden müssen.

Unsere Agenten suchen in allen Ländern der Erde nach ihm. Viele Politiker und Polizeikräfte arbeiten mittlerweile aktiv für uns. Das PSI-Projekt läuft in Europa und Asien weiter und wir untersuchen immer noch Teenager mit möglichen paranormalen Fähigkeiten. Die Aussichten, das Mädchen zu finden, stehen gut. Es ist zu vermuten, dass es bisher nicht weiß, was und wer es ist.

Sobald wir das Mädchen haben, können wir es dazu benutzen, die anderen Torhüter in eine Falle zu locken. Wir werden einen nach dem anderen in die Nekropole bringen und sobald wir alle fünf haben, werden wir sie getrennt einsperren, foltern und bis ans Ende der Zeiten am Leben erhalten.

Alles ist bereit. Die Torhüter haben keine Vorstellung, wie stark wir sind oder wie weit unsere Vorbereitungen gediehen sind. Unsere Augen sind überall, auf der ganzen Welt, und schon bald wird die Schlacht beginnen.

Wir müssen nur das Mädchen finden.

RETTUNG IN LETZTER SEKUNDE

Das Mädchen schaute nicht, bevor es die Straße überquerte.

Das sagte der Fahrer später aus. Sie hatte nicht nach links und rechts gesehen. Sie hatte auf der anderen Straßenseite einen Freund entdeckt und war einfach losgelaufen, ohne zu merken, dass die Ampel wieder grün war, und ohne daran zu denken, wie viel Verkehr auf dieser Kreuzung herrschte und dass um vier Uhr nachmittags alle Leute schnell von der Arbeit nach Hause kommen wollten. Das Mädchen lief einfach los, ohne nachzudenken. Es warf nicht einmal einen Blick auf den weißen Lieferwagen, der mit fast achtzig Sachen heranraste.

Das war typisch für Scarlett Adams. Sie hatte schon immer zu den Leuten gehört, die erst handeln und dann nachdenken – wenn es längst zu spät ist. Der Hockeyball, den sie über das Schulgebäude hatte schlagen wollen, der aber ausgerechnet ins Fenster der Schulleiterin geflogen war. Der Hausmeister, den sie voll angekleidet in den Swimmingpool geschubst hatte. Es wäre cleverer gewesen, zuerst herauszufinden, ob er schwimmen kann. Der 20-Meter-Baum, auf den sie geklettert war, nur um dann zu merken, dass sie nicht wieder hinunterkam.

Zum Glück war man an ihrer Schule nachsichtig. Es half, dass Scarlett allgemein beliebt war und dass die meisten Lehrer sie mochten. Und auch wenn sie keine Musterschülerin war, gehörte sie doch nicht zu den Schlusslichtern ihrer Klasse. Richtig gut war sie in Sport. Sie war Kapitän der Hockeymannschaft (trotz der gelegentlichen Fehlschläge), eine starke Tennisspielerin und bei den Sommerwettkämpfen war sie in Leichtathletik immer die Beste. Einer Schülerin, die die Trophäen holt, macht keine Schule zu viel Ärger und Scarlett hatte ihrer Schule schon eine ganze Sammlung eingebracht.

Ihre Schule hieß St.Genevieve und von außen betrachtet hätte sie genauso gut ein vornehmer Herrensitz oder vielleicht ein Privathospital für die Superreichen sein können. Sie stand auf einem großen Grundstück, ein paar Meter von der Straße entfernt, war von Efeu überwuchert und hatte einen Glockenturm auf dem Dach.

St.Genevieve war eine Privatschule, eine der vielen, die sich im Zentrum von Dulwich im Londoner Süden zusammendrängten. Dulwich war ein merkwürdiger Stadtteil: Im Westen lag Streatham und im Osten Sydenham, beides Viertel mit Hochhäusern, Drogen- und Gewaltkriminalität. Aber in Dulwich war alles grün. Hier gab es altmodische Teestuben und an den Laternenpfählen hingen Blumenkörbe. Die meisten Autos waren Geländewagen und die Mütter, die sie fuhren, sprachen sich alle mit dem Vornamen an.

Scarlett war auf den ersten Blick anzusehen, dass sie nicht in England geboren worden war. Ihre Eltern mochten zwar typische Bewohner von Dulwich sein – ihre Mutter groß, blond und schick, ihr Vater ein Rechtsanwalt mit ergrautem Haar, einem rundlichen Gesicht und einer Brille –, aber sie sah ihnen kein bisschen ähnlich. Scarlett hatte lange schwarze Haare, merkwürdig braun-grüne Augen und die hellbraune Haut eines Mädchens, das aus China, Hongkong oder einem anderen Teil Ostasiens stammte. Sie war klein und schlank und ihr strahlendes Lächeln hatte sie schon aus so mancher peinlichen Lage gerettet. Sie war nicht die richtige Tochter der Adams. Das wusste jeder. Auch sie hatte es schon von frühester Kindheit an gewusst.

Sie war adoptiert. Paul und Vanessa Adams konnten keine eigenen Kinder bekommen und hatten sie in einem Waisenhaus in Jakarta entdeckt. Niemand wusste, wie sie dorthin gekommen war. Niemand kannte ihre leibliche Mutter. Scarlett versuchte, möglichst nicht an ihre Vergangenheit zu denken und daran, woher sie kam, aber sie fragte sich doch öfter, was passiert wäre, wenn das Paar, das den weiten Weg aus London gekommen war, das Baby in Bett sieben oder neun genommen hätte statt das in Bett acht. Würde sie dann jetzt irgendwo in Indonesien Reis pflanzen oder in einem Ausbeuterbetrieb Nike-Turnschuhe zusammennähen? Allein der Gedanke ließ sie schaudern.

Aber dazu war es nicht gekommen und sie lebte mit ihren Eltern in einer ruhigen Straße in der Nähe des Bahnhofs North Dulwich, von dem es bis zu ihrer Schule nur fünfzehn Minuten Fußweg waren. Ihr Vater Paul Adams war auf internationales Firmenrecht spezialisiert. Ihre Mutter Vanessa hatte ein Reisebüro und organisierte Reisen nach China und andere Länder im Fernen Osten. Die beiden waren so beschäftigt, dass sie kaum Zeit für Scarlett hatten – oder füreinander. Seit Scarlett fünf war, hatten sie deshalb eine Haushälterin, die sich um alles kümmerte. Christina Murdoch war klein und dunkelhaarig und hatte nicht den geringsten Sinn für Humor. Sie war aus Glasgow nach London gekommen und ihr Vater war Vikar. Davon abgesehen wusste Scarlett kaum etwas über sie. Die beiden kamen zwar ganz gut miteinander aus, aber ohne es laut auszusprechen, waren sie längst übereingekommen, dass sie nie Freundinnen sein würden.

Einer der Vorteile des Lebens in Dulwich war, dass Scarlett viele Freunde hatte, die alle in der Nachbarschaft lebten. Zwei Mädchen aus ihrer Klasse wohnten sogar in derselben Straße und ein Junge – Aidan Ravitch – nur fünf Minuten entfernt. Es war Aidan, wegen dem sie auf die Straße gelaufen war.

Aidan besuchte nun schon das zweite Jahr The Hall, eine andere Privatschule in Dulwich. Er war aus Los Angeles nach London gekommen, war groß für sein Alter und sah mit seinen struppigen Haaren und der leicht schlaffen Haltung auf eine entspannte Weise gut aus. Er trug tagein, tagaus dasselbe Kapuzenshirt, dieselben Jeans und Turnschuhe. Aidan konnte die Engländer nicht verstehen. Er behauptete, Dinge wie Fußball, die Teestunde und Doctor Who nicht zu kapieren. Aber vor allem die englischen Polizisten hatten es ihm angetan. „Warum müssen die diese dämlichen Hüte tragen?“ Er war Scarletts bester Freund, obwohl sie beide wussten, dass sein Vater, der für eine amerikanische Bank arbeitete, jederzeit wieder nach Hause geschickt werden konnte. Aber bis es so weit war, verbrachten sie so viel Zeit miteinander, wie sie konnten.

Der Unfall passierte an einem warmen Sommernachmittag. Scarlett war zu dieser Zeit dreizehn.

Es war kurz nach vier und Scarlett war auf dem Heimweg von der Schule. Allein die Tatsache, dass sie ohne Begleitung nach Hause gehen durfte, bedeutete ihr sehr viel. Ihre Eltern hatten erst an ihrem letzten Geburtstag endlich nachgegeben. Bis dahin hatten sie darauf bestanden, dass MrsMurdoch sie jeden Tag am Schultor abholte, obwohl es viel jüngere Mädchen gab, die den Gefahren der Dulwich High Street ganz allein und ohne bewaffnete Eskorte trotzen durften. Scarlett hatte nie begriffen, wieso ihre Eltern so besorgt waren. Sie konnte sich nicht verlaufen. Ihr Weg führte vorbei an einem Blumengeschäft, einem Bioladen und einer Kneipe, wo sie möglicherweise ein paar alte Männer sehen konnte, die mit ihrer Mischung aus Bier und Limonade in der Sonne saßen. In der unmittelbaren Nachbarschaft gab es keine Drogenhändler, keine Kindesentführer und keine Axtmörder. Außerdem war es ja nicht so, als wäre sie allein auf weiter Flur gewesen. Von halb vier an waren die Straßen voller Mädchen und Jungen, die auf dem Weg nach Hause in alle Richtungen unterwegs waren.

Sie war an einer Ampel angekommen, wo fünf Straßen aufeinandertrafen, als sie Aidan entdeckte. Er war allein und hörte Musik. Sie konnte die weißen Kabel sehen, die von seinen Ohren herunterhingen. Er sah sie, lächelte und rief ihren Namen. Ohne nachzudenken, lief sie auf ihn zu.

Der Fahrer des Lieferwagens war ein fünfundzwanzigjähriger Kurierfahrer namens Michael Logue. Die Polizei würde später seine Personalien aufnehmen. Er transportierte Ersatzteile für eine Nähmaschinenfabrik in Bickley und hatte es dem Londoner Verkehr zu verdanken, dass er schon jetzt Verspätung hatte. Er war ganz sicher zu schnell, als er auf die Kreuzung zufuhr, aber andererseits war die Ampel eindeutig grün.

Scarlett war schon mitten auf der Straße, als sie ihn sah, und da war es viel zu spät. Sie sah, wie Aidan erschrocken die Augen aufriss, und drehte erst da den Kopf, weil sie wissen wollte, was er gesehen hatte. Sie erstarrte. Der Lieferwagen war schon fast über ihr. Sie konnte den Fahrer sehen, der sie über das Lenkrad hinweg anstarrte, voller Entsetzen, weil er genau wusste, was gleich passieren würde, und nichts dagegen tun konnte. Der Lieferwagen schien größer und größer zu werden, je näher er Scarlett kam. Schließlich füllte er ihr ganzes Gesichtsfeld aus.

Und dann passierte alles auf einmal.

Aidan schrie auf. Der Fahrer riss hektisch das Lenkrad herum. Der Lieferwagen geriet in gefährliche Schräglage. Und Scarlett wurde vorwärtsgestoßen, denn etwas – oder jemand – rammte mit unglaublicher Wucht ihren Rücken. Sie wollte aufschreien, aber der Schlag hatte ihr den Atem genommen und ihre Knie gaben unter ihr nach. Irgendwo in ihrem Gehirn registrierte sie, dass ein Passant vom Bürgersteig gesprungen war und sie zu retten versuchte. Sein Arm lag um ihre Taille, sein Kopf und seine Schulter pressten sich in ihren Rücken. Aber wie war er so schnell zu ihr gekommen? Selbst wenn er den Lieferwagen hatte kommen sehen und sofort losgesprintet war, hätte er sie kaum rechtzeitig erreichen können. Es war beinahe, als hätte er schon vorher gewusst, was passieren würde.

Der Lieferwagen schoss vorbei und verfehlte sie nur um Zentimeter. Sie spürte sogar den warmen Luftzug im Gesicht und konnte die Abgase riechen. Sie hatte zwei Bücher unter dem Arm gehabt, ein französisches Wörterbuch und das Mathebuch, denn in diesen Fächern standen ihr noch anderthalb Stunden Hausaufgaben bevor. Doch als sie nach vorn gestoßen wurde, flogen ihre Arme unkontrolliert hoch und die Bücher segelten durch die Luft, landeten auf der Straße und rutschten über den Asphalt, als hätte sie sie mit Absicht weggeworfen. Scarlett machte es ihnen nach. Während der Mann sie noch immer festhielt, ging sie zu Boden. Einen Moment fühlte sie einen scharfen Schmerz, als sie mit einem Knie aufschlug und sich die Haut abschürfte. Hinter sich hörte sie Reifenquietschen, Hupen und dann das grässliche Krachen von Metall auf Metall. Eine Autoalarmanlage heulte los. Scarlett lag still.

Die folgenden Augenblicke, in denen absolut nichts passierte, kamen ihr vor wie eine ganze Minute. Es war fast, als hätte jemand ein Foto gemacht, es eingerahmt und den Titel „Verkehrsunfall in Dulwich“ daraufgeklebt. Dann setzte sich Scarlett auf und sah sich um. Der Mann, der sie gerettet hatte, lag auf der Straße und sie erkannte nur, dass er Chinese war, um die zwanzig, mit schwarzen Haaren, Jeans und einer weiten Jacke. Sie sah an ihm vorbei. Der weiße Lieferwagen war um eine Verkehrsinsel geschleudert worden und auf den Bürgersteig geraten, wo er ein parkendes Auto gerammt hatte. Es war dieses Auto, dessen Alarm losgegangen war. Der Fahrer des Lieferwagens hing über dem Lenkrad und seine Haare waren voller Glassplitter.

Sie schaute wieder zurück. Eine Menschenmenge hatte sich angesammelt – vielleicht war sie aber auch schon von Anfang an da gewesen – und Leute eilten auf sie zu, vorbei an Aidan, der wie angewurzelt dastand. Er schüttelte den Kopf, als müsste er beteuern, dass es nicht seine Schuld war. Es hatten sich auch zwanzig oder dreißig Schüler eingefunden, die Fotos mit ihren Handys machten. Ein Polizist war so schnell aufgetaucht, als wäre er durch eine Falltür im Gehsteig gekommen. Er war der Erste, der bei Scarlett ankam.

„Bist du in Ordnung? Versuch jetzt bitte nicht, dich zu bewegen …“

Scarlett ignorierte ihn. Sie stützte eine Hand auf und rappelte sich hoch. Ihr Knie brannte wie Feuer und ihre Schulter fühlte sich an, als hätte sie einen Schlag mit einem Brecheisen abbekommen, aber sie war ziemlich sicher, dass sie nicht ernsthaft verletzt war. Sie sah Aidan an und dann den weißen Lieferwagen. Ein paar Leute halfen dem Fahrer heraus und legten ihn auf den Bürgersteig. Neben ihr sprach der Polizist eindringlich in sein Funkgerät und forderte Verstärkung an.

Schließlich tauchte Aidan bei ihr auf. „Scar …?“ Das war sein Name für sie. „Bist du okay?“

Sie nickte und war plötzlich den Tränen nahe, ohne zu wissen, warum. Vielleicht war es nur der Schock, das Wissen, was beinahe passiert wäre. Sie fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht und merkte erst da, wie schmutzig ihre Nägel waren und dass sie sich alle Fingerknöchel aufgeschürft hatte. Ihr Rock war auch zerrissen. Sie musste total demoliert aussehen.

„Du hättest tot sein können …!“ Warum sagte Aidan ihr das? Darauf war sie auch allein gekommen.

Aber seine Worte erinnerten sie an den Mann, der sie gerettet hatte. Sie sah nach unten und stellte verblüfft fest, dass er nicht mehr da war. Im ersten Moment glaubte sie an einen Zaubertrick – dass er sich irgendwie in Luft aufgelöst hatte. Aber dann sah sie ihn, schon am Ende der Straße, wo er an den Geschäften vorbeieilte. Er erreichte den Friseursalon an der Ecke, aus dem gerade eine Frau kam, drängte sich an ihr vorbei und dann war er weg.

Warum? Er war nicht einmal so lange geblieben, dass sie sich bei ihm bedanken konnte.

Danach lief alles viel langsamer ab. Ein Krankenwagen kam, den Scarlett nicht brauchte, aber der Lieferwagenfahrer wurde auf eine Trage gelegt und weggebracht. Auch Scarlett wurde untersucht, aber da nichts gebrochen war, durfte sie nach Hause gehen. Aidan ging mit ihr und eine Polizistin begleitete sie. Scarlett fragte sich, was MrsMurdoch wohl dazu sagen würde. Sie wusste aber schon jetzt, dass es ganz sicher nicht auf Gelächter und übermütiges Auf-den-Rücken-Klopfen zur Schlafenszeit hinauslaufen würde.

Tatsächlich hatte der Unfall mehrere Konsequenzen.

Als Paul und Vanessa Adams am Abend erfuhren, was passiert war, und den ersten Schrecken, dass ihr einziges Kind beinahe überfahren worden wäre, überwunden hatten, fingen sie sofort an, darüber zu streiten, wessen Schuld es war: ihre eigene, weil sie Scarlett zu viel Freiheit gegeben hatten, Aidans, weil er sie abgelenkt hatte, oder Scarletts, die einfach auf die Straße gelaufen war – und das mit dreizehn Jahren. Schließlich entschieden sie, dass MrsMurdoch in Zukunft wieder am Schultor auf Scarlett warten sollte. Es vergingen neun Monate, bis Scarlett wieder allein von der Schule nach Hause gehen durfte.

Wer ihr Retter gewesen war, blieb ein Rätsel. Woher war er gekommen? Wie hatte er erkannt, was gleich passieren würde? Warum war er so schnell verschwunden? MrsMurdoch vermutete, dass er ein illegaler Einwanderer gewesen sein musste, der angesichts des herannahenden Polizisten die Flucht ergriffen hatte. Scarlett tat es nur leid, dass sie sich nicht bei ihm hatte bedanken können. Und wenn er in irgendwelchen Schwierigkeiten gewesen wäre, hätte sie ihm gern geholfen.

In dieser Nacht hatte sie den ersten Traum.

Scarlett hatte eigentlich nie lebhafte Träume. Normalerweise kam sie von der Schule, aß, machte ihre Hausaufgaben, spielte noch eine halbe Stunde mit ihrer Playstation und fiel dann in einen tiefen, traumlosen Schlaf, der immer viel zu schnell zu Ende war, wenn MrsMurdoch sie für den Start in einen neuen Schultag wach rüttelte. Aber dieser Traum war mehr als lebhaft. Er war so realistisch und detailliert, dass es fast so war, als sähe sie einen Film. Und da war noch etwas Merkwürdiges. Soweit sie es beurteilen konnte, hatte er nicht das Geringste mit ihrem Leben oder den Ereignissen dieses Tages zu tun.

Sie träumte, dass sie in einer matt erleuchteten Welt war, vielleicht auf einem anderen Planeten – dem Mond? In der Ferne sah sie einen riesigen Ozean, der sich zum Horizont und noch darüber hinaus erstreckte – aber da waren keine Wellen. Die Wasseroberfläche hätte auch eine riesige Metallplatte sein können. Alles war tot. Sie war von Dünen aus Staub umgeben, die irgendwie dorthin geweht worden waren und – wie der Staub auf dem Mond – dort bis in alle Ewigkeit unverändert bleiben würden. Scarlett ging los, doch es blieben keine Fußabdrücke zurück.

Ein Stück entfernt standen vier Jungen.

Sie suchten nach ihr. Wenn sie genau hinhörte, konnte sie sogar hören, wie sie ihren Namen riefen. Sie versuchte zurückzurufen, aber obwohl kein Wind wehte, nicht einmal eine Brise, wurden ihr die Worte vom Mund weggerissen.

Die Jungen waren nicht echt. Das konnten sie nicht sein. Scarlett hatte sie noch nie gesehen. Aber trotzdem war sie überzeugt, ihre Namen zu kennen.

Scott. Jamie. Pedro. Und Matt.

Sie kannte sie von irgendwoher. Sie waren sich schon begegnet.

Dies war das erste Mal, dass sie diesen Traum hatte, aber im Laufe der nächsten zwei Jahre kam er immer wieder. Allerdings veränderte er sich allmählich. Es kam ihr vor, als wären die Jungen jedes Mal ein Stück weiter weg, bis sie sich mit dem Gedanken vertraut machen musste, dass sie ganz allein war. Sie stellte fest, dass sie abends vor dem Schlafengehen immer darauf hoffte, sie zu sehen. Nein, es war mehr als das. Sie musste sie treffen.

Sie sprach nie über ihre Träume, nicht einmal mit Aidan. Aber irgendwo in ihrem Hinterkopf wusste sie, dass es die wichtigste Sache in ihrem Leben geworden war, diese vier Jungen zu finden.

DIE TÜR

Zwei Jahre später, als Scarlett gerade fünfzehn geworden war, wurde sie zum zweiten Mal in ihrem Leben Waise.

Paul und Vanessa Adams waren zwar nicht gestorben, dafür aber ihre Ehe. In gewisser Weise war es erstaunlich, dass sie es so lange miteinander ausgehalten hatten. Scarletts Vater hatte einen neuen Job bei einem multi-nationalen Konzern in Hongkong angenommen und ihre Mutter verbrachte mehr und mehr Zeit mit ihrem eigenen Betrieb und ihren Kunden, die anscheinend vierundzwanzig Stunden am Tag ihre Aufmerksamkeit forderten. Die beiden sahen immer weniger voneinander und stellten irgendwann fest, dass es ihnen so gefiel. Sie stritten nicht und schrien sich auch nicht an. Sie entschieden einfach, dass beide glücklicher sein würden, wenn sie sich trennten.

Als sie es Scarlett am Ende der Sommerferien mitteilten, war sie nicht sicher, wie sie sich deswegen fühlen sollte. Aber die Wahrheit war, dass es eigentlich nichts an ihrem Leben änderte. Die meiste Zeit war sie ohnehin mit MrsMurdoch allein und auch wenn sie sich immer freute, ihre Eltern zu sehen, war sie doch daran gewöhnt, dass die beiden fast nie zu Hause waren. Die drei hatten ein letztes Gespräch in der Küche. Die beiden Erwachsenen machten ernste Gesichter und hielten ihre Weingläser fest.

„Deine Mutter wird mit ihrem Geschäft nach Australien gehen und sich in Melbourne niederlassen“, sagte Paul. „Sie muss dahin gehen, wo der Markt ist, und Melbourne ist eine große Chance für sie.“ Er warf Vanessa einen kurzen Blick zu und in diesem Moment erkannte Scarlett, dass er ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Vielleicht waren die Australier tatsächlich ganz wild auf exotische Reisen. Aber ihre Mutter hatte mit Absicht ein Land gewählt, das so weit weg war wie möglich. Vielleicht hatte sie jemand Neues kennengelernt. Aus welchem Grund auch immer – sie wollte ein neues Leben anfangen. „Und was mich betrifft, so würde Nightrise es begrüßen, wenn ich nach Hongkong zöge…“

Die Nightrise Corporation. Das war der Konzern, für den ihr Dad arbeitete.

„Ich weiß, wie schwierig das für dich ist, Scarly“, fuhr er fort. „Zwei so gewaltige Veränderungen. Aber wir möchten uns beide um dich kümmern. Du kannst dir aussuchen, mit wem du leben willst.“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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