Die Geheimnisse des Nicholas Flamel - Der unheimliche Geisterrufer - Michael Scott - E-Book

Die Geheimnisse des Nicholas Flamel - Der unheimliche Geisterrufer E-Book

Michael Scott

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Beschreibung

Mit knapper Not konnten Flamel und die Zwillinge wieder zurück nach San Francisco fliehen. Doch auch in ihrer Heimatstadt gibt es kein Ausruhen. Um zu verhindern, dass ihre Feinde die Armee unheimlicher Kreaturen aus Alcatraz befreien, muss Josh nun auch in der Feuermagie ausgebildet werden. Doch kaum hat er die übertragen bekommen, da verschwindet Josh spurlos. Sophie ist zutiefst erschüttert, als sie herausfindet, dass erneut Dee hinter dem Verschwinden ihres Bruders steckt. Der dunkle Magier – von seinen Dienstherren wegen seines Versagens zum Tode verurteilt – hat nun jegliche Skrupel verloren: Mit Joshs Hilfe will er etwas Uraltes aus dem Geisterreich herbeirufen. Ein Wesen, das antritt, um selbst das Ältere Geschlecht zu töten – ganz sicher aber Josh.

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Seitenzahl: 454

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

DIENSTAG, 5. Juni

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

KAPITEL NEUNUNDDREISSIG

KAPITEL VIERZIG

KAPITEL EINUNDVIERZIG

KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG

KAPITEL DREIUNDVIERZIG

KAPITEL VIERUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG

KAPITEL SECHSUNDVIERZIG

KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG

KAPITEL ACHTUNDVIERZIG

KAPITEL NEUNUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFZIG

KAPITEL EINUNDFÜNFZIG

MITTWOCH, 6. Juni

KAPITEL ZWEIUNDFÜNFZIG

KAPITEL DREIUNDFÜNFZIG

KAPITEL VIERUNDFÜNFZIG

KAPITEL FÜNFUNDFÜNFZIG

KAPITEL SECHSUNDFÜNFZIG

KAPITEL SIEBENUNDFÜNFZIG

KAPITEL ACHTUNDFÜNFZIG

KAPITEL NEUNUNDFÜNFZIG

KAPITEL SECHZIG

KAPITEL EINUNDSECHZIG

KAPITEL ZWEIUNDSECHZIG

KAPITEL DREIUNDSECHZIG

KAPITEL VIERUNDSECHZIG

KAPITEL FÜNFUNDSECHZIG

KAPITEL SECHSUNDSECHZIG

ANMERKUNGEN DES AUTORS

Und so geht es weiter mit BAND 5 in der Reihe - Die Geheimnisse des NICHOLAS FLAMEL

DANKSAGUNG

Über den Autor

Copyright

Für Piers cura te ipsum

Ich habe Angst.

Nicht um mich, sondern um die, die ich zurücklassen werde: Perenelle und die Zwillinge.

Ich habe mich damit abgefunden, dass wir uns den Codex nicht mehr rechtzeitig zurückholen können. Mir bleibt vielleicht noch eine Woche, höchstens zwei, bevor ich an Altersschwäche sterbe; Perenelle hat noch ein paar Tage mehr. Und jetzt, da der Tod so nahe ist, wird mir bewusst, dass ich nicht sterben will.

Ich lebe seit sechshundertundsechsundsiebzig Jahren auf dieser Erde, und es gibt noch so vieles, das ich nicht gesehen habe, so vieles, das ich gerne noch tun würde.

Ich bin jedoch dankbar, dass ich lange genug leben durfte, um die legendären Zwillinge zu finden, und stolz, dass ich mit ihrer Ausbildung in der Elemente-Magie beginnen konnte. Sophie beherrscht drei Zweige davon, Josh nur einen, aber er hat andere Fähigkeiten bewiesen und ist über die Maßen mutig.

Wir sind nach San Francisco zurückgekehrt, nachdem wir Dee in London dem Tod preisgegeben haben. Ich hoffe, wir sehen ihn nie mehr wieder. Und selbst wenn die Begegnung mit dem Archon ihn nicht vernichtet hat, werden seine Gebieter einen Fehlschlag diesen Ausmaßes nicht tolerieren, das weiß ich gewiss. Allerdings beunruhigt mich die Tatsache, dass Machiavelli sich hier in der Stadt aufhält. Perenelle hat ihn und seinen Begleiter zusammen mit einer Armee von Ungeheuern auf Alcatraz zurückgelassen, aber ich bin mir nicht sicher, wie lange man jemanden wie Machiavelli tatsächlich auf der Felseninsel festhalten kann.

Perenelle und ich sind uns einig, dass Alcatraz eine Bedrohung darstellt, der wir entgegentreten müssen, solange wir das noch können. Allein der Gedanke an das, was die Gefängniszellen bergen, jagt mir einen Schauer über den Rücken. In den Legenden wird von vergangenen Zeiten berichtet, in denen die dunklen Wesen des Älteren Geschlechts Ungeheuer auf die Städte der Menschen losgelassen haben – und ich fürchte, dass Dee verrückt und verzweifelt genug ist, um genau das wieder zu tun.

Noch beunruhigender allerdings ist, dass Scathach und Johanna von Orléans verschwunden sind. Das Krafttor von Notre Dame hätte sie auf Mount Tamalpais bringen sollen, doch sie sind dort nie angekommen. Saint-Germain ist außer sich vor Sorge, aber ich habe ihn daran erinnert, dass Scathach über zweieinhalbtausend Jahre alt ist und die beste Kriegerin aller Zeiten und Welten. Auch Johanna gehört zu den tapfersten Kriegerinnen, die die Welt je gesehen hat. Francis hat sich den Point Zéro, den Nullpunkt in Paris genau angesehen, und er hat etwas gefunden, das er für Knochensplitter prähistorischer Tiere hält. Ich vermute, dass Machiavelli das Tor mithilfe des uralten alchemistischen Anziehungszaubers manipuliert hat, und stimme mit Saint-Germain überein, dass Scathach und Johanna in die Vergangenheit zurückversetzt wurden. Die Frage ist nur: in welche Zeit?

Meine größte Sorge gilt immer noch den Zwillingen. Ich bin mir nicht mehr sicher, wie sie über mich denken. Dass Josh Vorbehalte gegen mich hat, wusste ich von Anfang an, doch jetzt spüre ich, dass beide voller Angst und Misstrauen sind. Sicher, sie haben Dinge aus meiner Vergangenheit erfahren, die ich lieber für mich behalten hätte. Vielleicht hätte ich ehrlicher zu ihnen sein sollen. Auf einiges von dem, was ich getan habe, bin ich nicht stolz, aber ich bereue nichts. Ich habe getan, was ich tun musste, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Und ich würde alles noch einmal genauso tun.

Die Zwillinge sind wieder im Haus ihrer Tante in Pacific Heights. Ich werde ihnen einen oder zwei Tage Zeit zum Ausruhen und Erholen lassen, jedoch nicht mehr, da Perenelle und ich uns den Luxus von Zeit nicht mehr leisten können. Danach machen wir weiter. Ihre Ausbildung muss abgeschlossen werden. Sie müssen bereit sein für den Tag, an dem die Dunklen des Älteren Geschlechts zurückkommen.

Und dieser Tag ist nicht mehr fern.

Das Lithafest rückt näher.

Aus dem Tagebuch von Nicholas Flamel, AlchemystNiedergeschrieben am heutigen Tag, den 5. Juni,in San Francisco, der Stadt meiner Wahl

DIENSTAG,5. Juni

KAPITEL EINS

Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal hierher zurückkomme«, sagte Sophie Newman und grinste ihren Bruder an.

»Und ich hätte nie gedacht, dass ich mich so darüber freuen würde«, erwiderte Josh. »Es sieht alles so … ich weiß auch nicht … anders aus.«

»Es sieht noch genauso aus wie immer«, fand seine Schwester. »Wir sind es, die sich verändert haben.«

Sophie und Josh gingen die Scott Street in Pacific Heights, einem Stadtviertel von San Francisco, hinunter. Sie steuerten das Haus ihrer Tante Agnes an der Ecke zur Sacramento Street an. Vor sechs Tagen – am Donnerstag, den 31. Mai — hatten sie die Tante zum letzten Mal gesehen und waren von ihrem Haus aus zur Arbeit gegangen, Sophie ins Café und Josh in die Buchhandlung. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag gewesen … Der letzte gewöhnliche Tag in ihrem Leben, wie sich herausgestellt hatte.

An diesem Tag hatte sich ihre Welt für immer verändert. 13 Auch sie hatten sich verändert, und zwar physisch wie psychisch.

»Was sagen wir ihr?«, fragte Josh nervös.

Tante Agnes war 84 Jahre alt, und auch wenn die beiden sie Tante nannten, waren sie nicht blutsverwandt mit ihr. Sophie vermutete, Agnes sei vielleicht die Schwester ihrer Großmutter … oder eine Cousine oder auch nur eine Freundin. Sicher wusste sie es nicht. Sie war eine ganz liebe, aber leicht aus der Fassung zu bringende alte Dame, die schon in helle Aufregung geriet, wenn die Zwillinge auch nur fünf Minuten zu spät kamen. Sie trieb die beiden in den Wahnsinn und erstattete ihren Eltern über so gut wie alles, was sie taten, Bericht.

»Nur nichts Kompliziertes«, antwortete Sophie. »Wir bleiben bei der Geschichte, die wir Mom und Dad erzählt haben: Zuerst hat die Buchhandlung geschlossen, weil es Perenelle nicht gut ging, und dann haben die Flamels – «

»Die Flemings«, korrigierte Josh.

» … die Flemings uns eingeladen, ein paar Tage mit ihnen in ihrem Haus in der Wüste zu verbringen.«

»Und warum musste die Buchhandlung schließen?«

»Ein Leck in der Gasleitung.«

Josh nickte. »Ein Leck in der Gasleitung. »Und wo genau ist das Haus in der Wüste?«

»Joshua Tree.«

»Okay, alles klar.«

»Sicher? Du bist ein miserabler Lügner.«

Josh zuckte mit den Schultern. »Ich werde mich anstrengen. Du weißt, dass sie uns ganz schön was husten wird, ja?«

»Ich weiß. Und das ist erst der Anfang. Danach müssen wir auch noch mit Mom und Dad sprechen.«

Wieder nickte Josh. Dann sah er seine Schwester an. Schon seit Tagen hatte er sich heftig Gedanken über etwas gemacht. Jetzt hielt er den Zeitpunkt für günstig, die Sache zur Sprache zu bringen. »Ich habe mir überlegt«, begann er zögernd, »ob wir ihnen nicht einfach die Wahrheit sagen sollten.«

»Die Wahrheit?« An Sophies Miene war nichts abzulesen.

Die Zwillinge überquerten die Jackson Street. Drei Blocks weiter vorn konnten sie schon das weiße, im viktorianischen Stil erbaute Haus der Tante sehen.

»Was hältst du davon?«, fragte Josh nach, als seine Schwester schwieg.

Endlich nickte Sophie. »Klar, könnten wir.« Sie strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und sah ihren Bruder an. »Aber du weißt schon, was das heißt, ja? Wir verklickern Mom und Dad, dass ihr gesamtes Lebenswerk für die Katz war. Dass alles, was sie studiert haben – Geschichte, Archäologie und Paläontologie –, so nicht stimmt.« Ihre Augen weiteten sich. »Super Idee. Mach das mal. Ich lass dir gerne den Vortritt und schau es mir an.«

Josh zuckte unbehaglich mit den Schultern. »Okay, okay, dann sagen wir es ihnen eben nicht.«

»Zumindest jetzt noch nicht.«

»Einverstanden. Aber früher oder später erfahren sie es doch. Du weißt selbst, dass es unmöglich ist, Geheimnisse vor ihnen zu haben. Sie kriegen immer alles raus.«

»Weil Tante Agnes petzt«, murmelte Sophie.

Eine glänzende schwarze Stretchlimousine mit getönten Scheiben fuhr langsam an den Zwillingen vorbei. Der Fahrer hatte sich vorgebeugt und versuchte, durch die Bäume entlang der Straße die Hausnummern zu erkennen. Der Wagen blinkte und hielt ein Stück weiter vorn an.

Josh wies mit dem Kinn darauf. »Komisch. Sieht so aus, als würde er vor Tante Agnes’ Haus halten.«

Sophie blickte in Gedanken versunken auf. »Wenn wir nur mit jemandem reden könnten. Mit jemandem wie Gilgamesch. « Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich hoffe, es geht ihm gut.« Als sie den Unsterblichen das letzte Mal gesehen hatte, war er verwundet gewesen. Ein Pfeil des gehörnten Gottes hatte ihn getroffen. Sophie sah ihren Bruder an und stellte ärgerlich fest: »Du hörst mir ja gar nicht zu.«

»Der Wagen hält tatsächlich vor Tante Agnes’ Haus«, stellte Josh leise fest. Seine Kopfhaut kribbelte. War das eine Warnung? »Sophie?«

»Was ist denn?«

»Wann hatte Tante Agnes das letzte Mal Besuch?«

»Sie bekommt nie Besuch.«

Die Zwillinge beobachteten, wie der schlanke Chauffeur im schwarzen Anzug ausstieg und die Eingangsstufen hinaufging, eine Hand locker auf das Eisengeländer gelegt. Er trug schwarze Handschuhe. Mit ihren geschärften Sinnen hörten die Zwillinge deutlich sein Klopfen an der Tür. Instinktiv gingen beide schneller.

Tante Agnes öffnete. Sie war eine zierliche, knochige alte Dame mit knubbeligen Knien und von Arthrose geschwollenen Fingern. Josh wusste, dass sie als junges Mädchen als große Schönheit gegolten hatte. Aber das war lange her. Sie hatte nie geheiratet und in der Familie erzählte man sich, dass ihr Liebster im Krieg gefallen sei. Josh hatte sich immer gefragt, in welchem.

»Josh?«

»Hier stimmt was nicht«, murmelte Josh. Er begann zu joggen und Sophie passte sich mühelos seinem Schritt an.

Die Zwillinge sahen, dass der Chauffeur Tante Agnes etwas hinhielt und sie es ihm aus der Hand nahm. Mit zusammengekniffenen Augen beugte sie sich über etwas, das aussah wie ein Foto. Als sie sich noch tiefer darüber beugte, schlüpfte der Mann plötzlich an ihr vorbei und stürmte ins Haus.

Josh sprintete los. »Der Wagen darf nicht wegfahren!«, rief er Sophie zu, während er schon über die Straße rannte und die Stufen zum Haus hinaufhastete. »Hallo, Tante Agnes, wir sind wieder da«, grüßte er und lief an ihr vorbei.

Die alte Dame drehte sich einmal um ihre eigene Achse; dabei fiel ihr das Foto aus den Händen.

Auch Sophie überquerte im Laufschritt die Straße, blieb dann aber hinter dem Wagen stehen. Sie bückte sich und presste die Fingerspitzen auf den hinteren Reifen an der Beifahrerseite. Dann legte sie den Daumen auf den Kreis an der Unterseite ihres Handgelenks und ihre Finger begannen, weiß zu glühen. Es stank nach verbranntem Gummi, machte fünfmal deutlich hörbar plopp und der Reifen hatte fünf Löcher. Luft strömte heraus und der Wagen sank rasch auf die Felge.

»Sophie!«, kreischte die alte Dame, als das Mädchen die Eingangsstufen herauflief und ihre verwirrte Tante an der Hand nahm. »Was ist hier los? Wo wart ihr? Wer war der nette junge Mann? War das Josh, den ich eben gesehen habe?«

»Komm mit, Tante Agnes.«

Sophie zog ihre Tante von der Tür weg, damit sie, falls Josh oder der Chauffeur wieder herausgestürmt kamen, nicht versehentlich über den Haufen gerannt wurde. Sie bückte sich und hob das Foto auf, das ihre Tante fallen gelassen hatte. Dann führte sie die alte Dame ein gutes Stück vom Haus weg. In sicherer Entfernung besah Sophie sich das vergilbte Foto. Es zeigte eine junge Frau in Schwesterntracht — zumindest erschien es Sophie so. In die untere rechte Ecke hatte jemand mit weißer Tinte das Wort Ypres sowie die Jahreszahl 1914 geschrieben. Sophie hielt den Atem an. Die Frau auf dem Foto war ohne jeden Zweifel Scathach.

Josh betrat die dunkle Diele und drückte sich flach an die Wand. Er wartete, bis seine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Noch vor einer Woche wäre ihm das nicht in den Sinn gekommen, aber vor einer Woche wäre er auch nicht hinter einem Eindringling her in ein Haus gestürmt. Er hätte getan, was man in einem solchen Fall vernünftigerweise tut, und hätte den Polizeinotruf gewählt. Jetzt griff er in den Schirmständer hinter der Tür und zog einen der stabilen Gehstöcke seiner Tante heraus. Es war nicht Clarent, aber immerhin etwas.

Josh verharrte wieder reglos, den Kopf zur Seite geneigt, und lauschte. Wo war der Fremde?

Auf dem oberen Flur knarrte es, dann kam ein schlanker junger Mann die Treppe herunter. Er trug einen schlichten schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schmaler schwarzer Krawatte. Als er Josh sah, bremste er sein Tempo etwas, blieb aber nicht stehen. Er lächelte, doch es war mehr ein Reflex als eine bewusste Geste, denn das Lächeln ging nicht über seine Lippen hinaus. Aus der Nähe sah Josh, dass es sich um einen Asiaten handelte; um einen Japaner vielleicht.

Josh löste sich von der Wand. Den Gehstock hielt er wie ein Schwert vor sich. »Wohin willst du?«

»An dir vorbei oder durch dich hindurch, für mich macht das keinen Unterschied«, antwortete der junge Mann auf Englisch mit starkem japanischem Akzent.

»Was machst du hier?«, wollte Josh wissen.

Der Fremde trat von der untersten Treppenstufe in die Diele und wollte Richtung Haustür gehen, doch Josh versperrte ihm mit dem Stock den Weg.

»Nicht so schnell. Du schuldest mir noch eine Antwort.«

Der junge Mann packte den Stock, riss ihn Josh aus den Händen und zerbrach ihn über dem Knie. Josh verzog das Gesicht. Das musste wehgetan haben. Der Mann warf die beiden Stockhälften auf den Boden. »Ich schulde dir gar nichts, aber du kannst von Glück sagen, dass ich heute gute Laune habe.«

Etwas in der Stimme des Mannes ließ Josh einen Schritt zurückweichen. Es war etwas Kaltes und Kalkulierendes, das ihn plötzlich zweifeln ließ, ob der Mann tatsächlich durch und durch menschlich war. Von der Tür aus schaute er ihm nach, wie er leichtfüßig die Eingangstreppe hinunterlief. Der Mann wollte gerade die Wagentür öffnen, da bemerkte er den hinteren Reifen.

Sophie wackelte lächelnd mit dem Finger. »Sieht so aus, als hätten Sie einen Platten.«

Josh lief rasch die Treppe hinunter und stellte sich zu seiner Schwester und der Tante.

»Was geht hier vor, Josh?«, fragte Agnes gereizt. Hinter den dicken Brillengläsern wirkten ihre grauen Augen unverhältnismäßig groß.

Das hintere Fenster an der Beifahrerseite senkte sich ein Stückweit ab, und der Japaner sagte aufgeregt etwas in den Spalt hinein, wobei er auf den Reifen zeigte.

Die Wagentür wurde abrupt aufgestoßen und eine junge Frau stieg aus. Sie trug einen maßgeschneiderten schwarzen Hosenanzug über einer weißen Seidenbluse, dazu schwarze Lederhandschuhe und eine Sonnenbrille mit kleinen runden Gläsern. Doch was sie verriet, waren das gegelte rote Haar, das wie Igelstacheln abstand, und die blasse Haut mit den Sommersprossen.

»Scathach!«, riefen Sophie und Josh voller Freude.

Die Frau lächelte und entblößte dabei ihre Vampirzähne. Als sie die Brille abnahm, sah man, dass sie leuchtend grüne Augen hatte. »Falsch«, sagte sie. »Ich bin Aoife von den Schatten, und ich will wissen, was mit meiner Zwillingsschwester passiert ist.«

KAPITEL ZWEI

Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal hierher zurückkommen würde«, sagte Nicholas Flamel und drückte die Hintertür zu der kleinen Buchhandlung auf.

»Ich auch nicht«, erwiderte Perenelle.

Die Tür klemmte und Flamel stemmte die Schulter dagegen und drückte mit aller Kraft. Endlich ließ sie sich öffnen, das Türblatt schrammte über den gefliesten Boden, und im selben Moment stieg ihnen der Gestank in die Nase: der leicht süßliche Geruch nach vermodertem Holz und feuchtem Papier, gemischt mit ranzigem Fäulnisgeruch.

Perenelle hustete, presste eine Hand auf den Mund und blinzelte die Tränen weg, die ihr plötzlich in die Augen schossen. »Igitt!«

Flamel versuchte, möglichst flach zu atmen. Er nahm noch Spuren von Dees Schwefelgeruch in der feuchten Luft wahr, den typischen Gestank nach faulen Eiern. Die beiden gingen einen dunklen Gang hinunter. Auf beiden Seiten standen stapelweise Kartons mit antiquarischen Büchern. Die Kartons wiesen schwarze Fäulnisstreifen auf und die Deckel hatten sich bereits verzogen. Einige waren aufgebrochen und der Inhalt lag jetzt auf dem Boden.

Perenelle strich mit dem Finger über einen der Kartons. Ihre Fingerspitze war danach ganz schwarz. Sie hielt den Finger hoch, damit ihr Mann ihn sehen konnte. »Erzählst du mir, was hier los war?«

»Der Doktor und ich haben gegeneinander gekämpft«, antwortete Flamel leise.

»Das sehe ich.« Perenelle lächelte. »Und du hast gewonnen.«

»Na ja, so ein Sieg ist relativ …« Flamel öffnete die Tür am Ende des Flurs und betrat den Verkaufsraum. »Der Laden hat leider etwas gelitten.« Er streckte den Arm nach hinten, ergriff die Hand seiner Frau und zog sie in den mit Büchern vollgestopften Raum.

»Oh, Nicholas …«, flüsterte Perenelle.

Der Buchladen war vollkommen verwüstet.

Alles war von einer dicken Schicht grünschwarzem Schimmel überzogen und der Schwefelgestank nahm einem fast den Atem. Zwischen den zusammengebrochenen Tischen und Regalen lagen überall Bücher mit herausgerissenen Seiten, zerfetzten Umschlägen und gebrochenen Rücken. Ein großes Stück der Decke fehlte. Der Putz hing wie Stofffetzen an den Rändern herunter und man konnte die rohen Balken und zerrissenen Kabel sehen. Da, wo einmal die Kellertür gewesen war, klaffte jetzt ein Loch. Der Türrahmen war zu einer stinkenden schwarzen Masse zusammengefault, auf der schon Pilze wuchsen. Winzige weiße Maden krochen durch den Dreck. Der leuchtend bunte Teppich, der einmal mitten im Laden gelegen hatte, war zu einem hässlichen grauen Gebilde zusammengeschrumpft.

»Zerstörung und Fäulnis«, flüsterte Perenelle. »Dees Visitenkarte. «

Die große elegante Frau bahnte sich vorsichtig einen Weg in den Laden. Sobald sie etwas berührte, zerfiel es zu Staub oder einem Pulver, von dem Sporen aufstiegen. Die Bodendielen waren schwammig und klebrig und quietschten bei jedem Schritt unheilvoll. Man musste fürchten, jeden Augenblick im Keller zu landen. In der Mitte des Raumes blieb Perenelle stehen. Sie stemmte die Hände in die Hüften und drehte sich langsam um sich selbst. Ihre großen grünen Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sie geliebt, diese Buchhandlung. Ein Jahrzehnt lang war sie ihr Zuhause und ihr Leben gewesen. Sie hatten im Lauf der Jahrhunderte in vielen Berufen gearbeitet, doch diese Buchhandlung erinnerte sie mehr als alles andere an ihre erste Zeit mit Nicholas im 14. Jahrhundert, als er Schreiber und Buchhändler in Paris gewesen war. Damals waren sie einfache, gewöhnliche Leute gewesen, die ein unauffälliges Leben führten – bis zu jenem schicksalhaften Tag, als Nicholas von dem Mann mit dem Kapuzenumhang und den auffallend blauen Augen den Codex kaufte, das Buch Abrahams des Weisen. An diesem Tag endete ihr normales Leben und sie betraten die Welt des Außergewöhnlichen, wo nichts so war, wie es schien, und man niemandem trauen konnte.

Perenelle drehte sich zu ihrem Mann um. Er hatte sich nicht von der Tür wegbewegt und blickte sich deprimiert im Laden um. »Nicholas«, sagte sie leise, und als er den Kopf hob, fiel ihr auf, wie sehr er in der letzten Woche gealtert war. Jahrhundertelang hatte sich sein Aussehen kaum verändert. Mit seinem kurz geschorenen Haar, der glatten Haut und den hellen Augen hatte er immer ausgesehen, als sei er um die fünfzig Jahre alt. So alt war er gewesen, als sie angefangen hatten den Unsterblichkeitstrunk zu brauen. Jetzt sah er aus wie mindestens siebzig.

Die Haare auf seinem Kopf waren grau und in seine Stirn hatten sich tiefe Falten eingegraben. Auch um die Augenwinkel herum war die Haut faltig und die Augen selbst lagen tief in den Höhlen. Auf seinen Handrücken waren dunkle Altersflecke zu erkennen.

Der Alchemyst sah ihren Blick und lächelte bedauernd. »Ich weiß, ich sehe alt aus — für jemanden, der sechshundertundsiebenundsiebzig Jahre gelebt hat, aber wiederum gar nicht so schlecht.«

»Sechsundsiebzig«, korrigierte Perenelle ihn sanft. »Sechshundertsiebenundsiebzig wirst du erst in drei Monaten.«

Flamel trat zu ihr und nahm sie fest in den Arm. »Ich glaube nicht, dass ich diesen Geburtstag noch erleben werde«, sagte er sehr leise, den Mund dicht an ihrem Ohr. »In der letzten Woche habe ich mehr von meiner Aura verbraucht als in den vergangenen zwanzig Jahren zusammen. Und ohne den Codex …«

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Das war auch nicht nötig. Ohne den Unsterblichkeitszauber, dessen Rezeptur einmal im Monat auf Seite sieben des Codex erschien, würden er und Perenelle weiter altern. Ihre vielen Lebensjahre würden sie rasch einholen und innerhalb kürzester Zeit würde der Tod eintreten.

Unvermittelt stieß Perenelle ihren Mann von sich. »Noch sind wir nicht tot!«, fauchte sie und in ihrem Zorn verfiel sie in das ländliche Französisch, das sie in ihrer Jugend gesprochen hatte. »Es gab auch früher schon Situationen, die aussichtslos erschienen – und wir haben sie überlebt.« Eine Andeutung ihrer Aura flammte knisternd auf: Winzige, eisweiße Rauchfahnen stiegen von ihrer Haut auf.

Flamel trat zurück und verschränkte die Arme vor der schmalen Brust. »Bisher hatten wir immer den Codex«, sagte er in derselben Sprache.

»Ich spreche im Moment nicht von der Unsterblichkeit«, erwiderte Perenelle. »Wir haben viele Jahrhunderte lang gelebt, Nicholas, Jahrhunderte. Ich habe keine Angst vor dem Sterben, weil ich weiß, wenn wir diese Welt verlassen, verlassen wir sie gemeinsam. Unerträglich wäre nur, ohne dich leben zu müssen.«

Der Alchemyst nickte schweigend, da er seiner Stimme nicht traute. Ein Leben ohne Perenelle konnte er sich nicht vorstellen.

»Wir müssen tun, was wir immer getan haben«, fuhr sie fort, »und weiter für das Überleben der Menschheit kämpfen. « Perenelle griff nach dem Arm ihres Mannes; ihre Finger bohrten sich schmerzlich in sein Fleisch. »Sechshundert Jahre lang haben wir den Codex gehütet und die Dunklen des Älteren Geschlechts von der Welt der Menschen ferngehalten. Das werden wir auch weiterhin tun.« Ihre Miene wurde hart. »Nur dass wir jetzt nichts mehr zu verlieren haben, Nicholas. Anstatt davonzulaufen und uns um des Buches willen zu verstecken, sollten wir angreifen! Wir sollten den dunklen Älteren den Kampf ansagen.«

Der Alchemyst nickte kurz. Wenn Perenelle so redete, machte sie ihm Angst. Obwohl sie nun schon jahrhundertelang verheiratet waren, war ihm seine Frau immer noch ein Rätsel, vor allem, was ihre außergewöhnliche Gabe betraf, die es ihr ermöglichte, die Schatten der Toten zu sehen. »Du hast recht, wir haben nichts mehr zu verlieren«, bestätigte Flamel leise. »Wir haben schon so viel verloren.«

»Dieses Mal haben wir die Zwillinge auf unserer Seite«, erinnerte ihn Perenelle.

»Ich bin mir nicht sicher, ob sie uns hundertprozentig trauen«, entgegnete der Alchemyst. Er holte tief Luft. »In London haben sie von der Existenz der anderen Zwillinge erfahren. «

»Oh. Von Gilgamesch?«

Flamel nickte. »Vom König. Jetzt weiß ich nicht, ob sie uns noch glauben, was wir ihnen sagen.«

Perenelle lächelte grimmig. »Dann sagen wir ihnen eben die Wahrheit. Die ganze Wahrheit«, fügte sie hinzu und ließ ihren Mann dabei nicht aus den Augen.

Nicholas Flamel hielt ihrem Blick einen Augenblick lang stand, dann nickte er und sah weg. »Und nichts als die Wahrheit. « Er seufzte und wartete, bis sie den Raum verlassen hatte, bevor er leise hinzufügte: »Aber die Wahrheit ist ein zweischneidiges Schwert und etwas sehr Gefährliches.«

»Das habe ich gehört«, rief sie.

KAPITEL DREI

Ihr ruft jetzt sofort eure Eltern an.« Tante Agnes funkelte Sophie mit ihren kurzsichtigen Augen an und wandte sich dann an Josh, der näher bei ihr stand. »Sie haben sich schreckliche Sorgen um euch gemacht. Jeden Tag haben sie hier angerufen, oft zwei-, dreimal. Erste heute Morgen sagten sie, sie würden zur Polizei gehen und euch als vermisst melden, falls ihr im Lauf des Tages nicht zurückkommt.« Sie machte eine kleine Pause und fügte dann in dramatischem Tonfall hinzu: »Sie wollten angeben, dass ihr entführt worden seid!«

»Wir wurden nicht entführt. Und wir haben erst vor ein paar Tagen mit Mom und Dad gesprochen«, sagte Josh. Er versuchte sich zu erinnern, wann genau das gewesen war. Am Freitag … oder Samstag? Er warf seiner Schwester einen Hilfe suchenden Blick zu, doch die starrte immer noch die junge Frau in Schwarz an, die Scathach so ähnlich sah. Also wandte er sich wieder seiner Tante zu. Er erinnerte sich, dass seine Eltern ihm eine Mail geschickt hatten, und zwar am … War es am Samstag gewesen, als sie alle in Paris gewesen waren? Seit er wieder in San Francisco war, wurde es immer schwerer, die letzten paar Tage auseinanderzuhalten. »Wir sind eben erst zurückgekommen«, sagte er schließlich wahrheitsgemäß und küsste seine Tante rasch auf beide Wangen. »Wie ist es dir ergangen? Wir haben dich vermisst.«

»Ihr hättet anrufen können«, sagte die alte Dame und schnaubte. »Ihr hättet anrufen sollen.« Schiefergraue, durch die dicken Brillengläser vergrößerte Augen blickten finster zu den Zwillingen auf. »Schreckliche Sorgen habe ich mir gemacht. Ein Dutzend Mal habe ich vergeblich im Buchladen angerufen und an dein Handy bist du auch nicht gegangen. Ein Handy mit sich herumzutragen, macht nicht viel Sinn, wenn man nicht drangeht.«

»Wir hatten die meiste Zeit keinen Empfang«, erwiderte Josh, was nicht gelogen war. »Und dann habe ich mein Handy auch noch verloren«, fügte er hinzu, und auch das entsprach der Wahrheit. Sein Handy und so ziemlich alles, was er sonst noch von zu Hause mitgenommen hatte, war verschwunden, als Dee Yggdrasil, den Weltenbaum, zerstört hatte.

»Du hast dein teures Handy verloren?« Die alte Dame schüttelte missbilligend den Kopf. »Das ist schon das dritte in diesem Jahr.«

»Das zweite«, verbesserte er sie leise.

Tante Agnes drehte sich um und ging langsam die Eingangsstufen hinauf. Joshs Angebot, sie zu stützen, wies sie mit einer abwehrenden Handbewegung zurück. »Lass mich, ich brauche keine Hilfe«, sagte sie und griff dann doch nach seinem Arm. »Du könntest mir aber wirklich ein wenig helfen, junger Mann.« An der Tür drehte sie sich um und sah hinunter auf Sophie und die rothaarige Frau. »Sophie, kommst du?«

»Gleich, Tante Agnes.« Sophie schaute ihren Bruder an, dann wanderte ihr Blick zu der offenen Tür. »Ich bin gleich bei euch, Josh. Geh doch schon mal mit Tante Agnes ins Haus und koche ihr eine Tasse Tee, ja?«

Josh wollte den Kopf schütteln, doch die alte Dame umklammerte mit erstaunlicher Kraft seinen Arm.

»Und während das Wasser kocht, kannst du eure Eltern anrufen.« Agnes blickte mit zusammengekniffenen Augen zu Sophie zurück. »Beeile dich.«

»Ja, mache ich.«

Sobald Josh und die Tante im Haus verschwunden waren, wandte Sophie sich an die Fremde und fragte: »Wer bist du?«

»Aoife«, antwortete die junge Frau und es klang wie »Ihfjǝ«. Sie bückte sich und strich mit ihren schwarz behandschuhten Fingern über den platten Reifen der Limousine. Dann gab sie dem Chauffeur Anweisung in einer Sprache, die Sophie als Japanisch erkannte.

Der Mann zog sein Jackett aus und warf es auf den Fahrersitz. Dann öffnete er den Kofferraum und holte einen Wagenheber heraus. Er stellte ihn unter den schweren Wagen, kurbelte den mühelos damit hoch und begann mit dem Reifenwechsel.

Aoife rieb die Hände aneinander, verschränkte die Arme vor der Brust, legte den Kopf schräg und sah Sophie an. »Es gab keinen Grund, das zu tun.« Sie sprach mit einem leichten ausländischen Akzent in einem singenden Tonfall.

»Wir dachten, du wolltest unsere Tante kidnappen«, erklärte Sophie leise. Seit sie den Namen Aoife gehört hatte, schwirrten Dutzende seltsamer Gedanken und Bilder in ihrem Kopf herum, doch es fiel ihr schwer, zwischen den Erinnerungen an Scathach und denen an Aoife zu unterscheiden. »Wir wollten es verhindern.«

Aoife lächelte mit geschlossenen Lippen. »Wäre ich mitten am Tag hier aufgekreuzt, wenn ich eure Tante hätte kidnappen wollen?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Sophie. »Das musst du wissen.«

Aoife schob die Brille so weit den Nasenrücken hinauf, bis die kleinen dunklen Gläser die grünen Augen verdeckten. Sie überlegte einen Augenblick. »Vielleicht hätte ich es getan. Vielleicht auch nicht. Aber«, fügte sie lächelnd hinzu und zeigte dabei erneut ihre Vampirzähne, »wenn ich eure Tante hätte kidnappen wollen, hätte ich das auch getan.«

»Du bist Aoife von den Schatten«, sagte Sophie.

»Ich bin Scathachs Schwester. Wir sind Zwillinge. Ich bin die Ältere.«

Sophie trat einen Schritt zurück, als die Erinnerungen der Hexe an Aoife endlich einen Sinn ergaben. Doch sie war nicht bereit, der jungen Frau zu verraten, was sie alles über sie wusste, deshalb sagte sie: »Scathach hat mir von ihrer Familie erzählt, aber von einer Schwester hat sie nichts erwähnt.«

»Das glaube ich gerne. Wir haben uns gestritten«, murmelte Aoife.

»Gestritten?«, fragte Sophie nach, obwohl sie bereits wusste, dass es um einen Jungen gegangen war, und sie sogar seinen Namen kannte.

»Wegen eines Jungen«, bekannte Aoife mit einer Spur von Traurigkeit in der Stimme. Sie blickte die Straße hinauf und hinunter, bevor sie sich wieder an Sophie wandte. »Wir haben schon sehr lange nicht mehr miteinander gesprochen.« Nach einem kurzen Schulterzucken fuhr sie fort: »Sie hat sich ganz von mir losgesagt. Und ich mich von ihr. Aber ich hatte immer ein Auge auf sie.« Wieder lächelte sie. »Du weißt bestimmt, wie das ist, wenn man ein Auge auf seine Schwester oder seinen Bruder hat.«

Sophie nickte. Obwohl Josh größer und stärker war als sie, war er für sie immer noch der kleine Bruder. »Er ist mein Zwillingsbruder.«

»Das wusste ich nicht«, erwiderte Aoife gedehnt. Sie senkte den Kopf und blickte Sophie über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg an. »Und sowohl seine als auch deine Sinne wurden geweckt«, fügte sie hinzu.

»Weshalb bist du hergekommen?«

»Ich habe gespürt, dass Scathach … geht.«

»Geht?«, wiederholte Sophie verständnislos.

»Dass sie verschwindet. Dieses Schattenreich hier verlässt. Meine Zwillingsschwester und ich sind durch Bande miteinander verbunden, wie sie zweifellos auch zwischen dir und deinem Bruder bestehen. Ich habe es immer gewusst, wenn sie Schmerzen oder Hunger hatte, verletzt war oder sich fürchtete …«

Sophie nickte gedankenverloren. Auch sie hatte ein paar Mal die Schmerzen ihres Bruders gespürt. Als er sich beim Fußballspielen eine Rippe brach, hatte sie den Stich in ihrer Seite gespürt, und als er auf Hawaii fast ertrunken wäre, war sie keuchend aufgewacht und hatte nach Luft geschnappt. Und als sie sich beim Taekwan-do die Schulter verrenkt hatte, war auch seine Schulter angeschwollen, und er hatte genau an derselben Stelle einen blauen Fleck bekommen.

Aoife fragte den Fahrer barsch etwas auf Japanisch und er antwortete mit einer einzigen Silbe. Sie wandte sich wieder an Sophie: »Wir können uns weiter hier auf der Straße unterhalten …«, begann sie. »Du kannst mich aber auch ins Haus bitten, wo wir es etwas gemütlicher haben.«

In Sophies Kopf schrillte eine Alarmglocke. Vampire konnten eine Schwelle erst übertreten, wenn sie jemand dazu aufgefordert hatte, und ihr war sofort klar, dass sie diese Vampirin ganz bestimmt nicht ins Haus ihrer Tante einladen wollte. Sie hatte etwas an sich … Ganz bewusst ließ Sophie es zu, dass die restlichen Erinnerungen, die noch ungeordnet irgendwo in ihrem Hinterkopf gelegen hatten, nach vorn drängten. Und plötzlich wusste sie alles, was die Hexe von Endor über Aoife von den Schatten gewusst hatte. Wie ein Schock brach es über sie herein, so schrecklich waren die Bilder und Erinnerungen. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen wich Sophie einen Schritt zurück, weg von dieser Kreatur. Gerade noch rechtzeitig merkte sie, dass der Fahrer hinter ihr stand. Sie wollte rasch den Finger auf die Tätowierung an ihrem Handgelenk legen, doch der Mann packte ihre Arme und presste sie an ihre Seiten, bevor sie den kreisrunden Beschleuniger aktivieren konnte. Aoife kam dazu, nahm Sophies Handgelenke und drehte sie so, dass sie das Muster sehen konnte, das Saint-Germain ihr in die Haut gebrannt hatte.

Sophie versuchte, frei zu kommen, doch der Fahrer hielt ihre Arme so fest umklammert, dass ihre Finger bereits anfingen zu kribbeln. »Lass mich los! Josh wird – «

»Dein Zwillingsbruder kann dir nicht helfen.« Aoife zog einen Lederhandschuh aus und fasste mit ihren kalten Fingern nach Sophies Hand. Schmutzig graue Rauchkringel stiegen von ihrer blassen Haut auf. Sie rieb mit dem Daumen über das kunstvolle, keltisch anmutende Band, das sich um Sophies Handgelenk wand. Auf der Unterseite, genau an der Stelle, an der der goldene Kreis mit dem roten Punkt in der Mitte lag, hielt sie inne. »Ah, das tine-Zeichen. Das Feuersymbol«, stellte Aoife leise fest. »Dann hättest du also versucht, mich zu verbrennen? «

»Lass mich los!« Sophie versuchte, dem Mann, der sie festhielt, einen Tritt zu versetzen, doch er verstärkte seinen Griff nur noch, und sie bekam plötzlich Angst. Selbst die Hexe von Endor war vor Aoife von den Schatten auf der Hut gewesen. Es tat weh, als die Vampirin Sophies Handgelenk wieder umdrehte und sich darüber beugte, um das Tattoo genauer zu betrachten. »Dies ist das Werk eines Meisters. Von wem hast du das … Geschenk?« Bei dem Wort »Geschenk« verzog sie angewidert den Mund.

Sophie presste die Lippen zusammen. Von ihr würde die Frau nichts erfahren.

Aoifes Sonnenbrille rutschte nach unten; ihre Augen glichen grünen Glassplittern. »Maui … Prometheus … Xolotl … Pele … Agni …« Sie schüttelte kurz den Kopf. »Nein, von denen war’s keiner. Du kommst gerade aus Paris, also ist es jemand, der dort wohnt …« Sie blickte über Sophies Schulter zu dem Fahrer in dem schwarzen Anzug. »Gibt es in der Hauptstadt Frankreichs einen Meister des Feuers?«

»Dein alter Gegenspieler, der Graf wohnt dort«, antwortete der Mann leise auf Englisch.

»Saint-Germain«, fauchte Aoife. An Sophies großen Augen erkannte sie, dass sie recht hatte. Ein grausames Lächeln glitt über ihr Gesicht. »Saint-Germain, der Lügner. Saint-Germain, der Dieb. Ich hätte ihn umbringen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte.« Wieder sah sie den Fahrer an. »Nimm sie mit. Wir werden das Gespräch fortsetzen, wo uns niemand stört.«

Sophie wollte schreien, doch Aoife drückte ihr den Zeigefinger auf den Nasenrücken. Ihre graue Aura strömte aus ihren Fingerspitzen, der Rauch ringelte sich um Sophies Kopf und drang in ihre Nasenlöcher und den Mund.

Sophie versuchte, ihre eigene Aura zu entfachen. Einen Herzschlag lang flackerte sie schwach um ihren Körper herum auf, dann brach Sophie ohnmächtig zusammen.

KAPITEL VIER

Agnes drückte auf eine Kurzwahltaste und reichte Josh das Telefon. »Du sprichst jetzt sofort mit deinen Eltern«, befahl sie. »Und wo bleibt Sophie eigentlich? Wer ist die junge Frau, mit der sie da draußen spricht?«

»Die Schwester von jemandem, den wir kennen«, antwortete Josh und hielt das Telefon ans Ohr. Es läutete nur ein einziges Mal, bevor abgenommen wurde.

»Agnes?«

»Dad! Ich bin’s, Josh.«

»Josh!«

Er musste lächeln – aus dem Ton seines Vaters sprach deutlich die Erleichterung –, doch dann wurde er verlegen, als sein schlechtes Gewissen ihn zwickte, weil er sich nicht früher bei seinen Eltern gemeldet hatte.

»Ist alles in Ordnung?« Die Stimme von Richard Newman ging fast unter im Knistern statischer Elektrizität.

Josh drückte den Finger ans Ohr und konzentrierte sich. »Alles bestens, Dad. Uns geht es gut. Wir sind eben erst nach San Francisco zurückgekommen.«

»Deine Mutter und ich haben uns langsam Sorgen um euch gemacht. Ernsthafte Sorgen.«

»Wir waren bei den Fla-Flemings.« Josh konnte sich gerade noch verbessern. »Es gab dort keine Handy-Verbindung«, fügte er wahrheitsgemäß hinzu. »Aber deine Mail vom Sonntagabend haben wir bekommen. Auch das Foto von dem Haifischzahn. Von welcher Haifischart er genau stammt, konnte ich nicht erkennen, aber der Größe nach zu schließen, müsste es ein Süßwasser-Hai sein.«

»Sehr gut, mein Junge. Es ist ein Lissodus aus der oberen Kreidezeit und er ist in sehr guter Verfassung.«

»Ist alles okay bei euch?«, fragte Josh rasch, damit sein Vater nicht aufhörte zu reden. Er warf einen Blick zur Tür. Wenn nur Sophie endlich kommen würde! Seinen Vater konnte er mit Fragen ablenken, aber bei seiner Mutter würde der Trick nicht funktionieren. Und er ging davon aus, dass sie dicht neben ihrem Mann stand und ihm jeden Moment den Hörer aus der Hand nehmen würde. »Was machen die Ausgrabungen?«

»Bis jetzt ist alles super gelaufen.« Am anderen Ende der Leitung heulte der Wind und Steinchen prasselten gegen das Telefon. »Wir glauben, dass wir einen neuen Ceratopier entdeckt haben.«

Josh runzelte die Stirn. Der Name kam ihm bekannt vor. Früher hatte er die Namen Hunderter Dinosaurier gekannt. »Ist das ein gehörnter Dinosaurier?«, fragte er.

»Genau, aus der Kreidezeit, ungefähr fünfundsiebzig Millionen Jahre alt. In einem der Täler haben wir außerdem eine kleine und möglicherweise noch unberührte Ansiedlung der Anasazi-Indianer entdeckt und ein paar herrliche Felszeichnungen der Fremont-Indianer außerhalb der Grabungsstätte im Range Creek Canyon.«

Die überschäumende Begeisterung seines Vaters entlockte Josh ein Lächeln. Er wandte sich zum Fenster. »Welche Rasse wird in der Sprache der Navajo gleich wieder ›die Alten‹ genannt? «, fragte er, obwohl er die Antwort wusste. »Fremont oder Anasazi?« Er wollte, dass sein Vater weiterredete, um Sophie mehr Zeit zu geben.

»Die Anasazi«, antwortete Richard Newman. »Aber die korrekte Übersetzung lautet ›feindliche Vorfahren‹.«

Die beiden Wörter trafen Josh wie ein Schlag und er blieb stehen. Noch vor ein paar Tagen hätte ihm diese Übersetzung überhaupt nichts gesagt, doch da wusste er auch noch nichts von der Existenz des Älteren Geschlechts – des Geschlechts, das weit in der Vergangenheit die Erde regiert hatte. Inzwischen wusste er, dass hinter jedem Mythos und jeder Legende mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckte. »Feindliche Vorfahren«, wiederholte er. »Was bedeutet das?«

»Weiß ich auch nicht«, gab der Vater zu. »Aber ich ziehe ohnehin die Bezeichnungen Ancient oder Ancestral Puebloans oder Hisatsinom vor.«

»Aber es ist doch ein merkwürdiger Name!« Josh ließ nicht locker. »Was glaubst du, wer ihn gebraucht hat? Sie selbst werden sich wohl kaum so genannt haben.«

»Wahrscheinlich ein anderer Stamm. Fremde. Außenstehende. «

»Und wer war vor ihnen da, Dad?«, fragte Josh rasch weiter. »Vor den Anasazi und den Fremont?«

»Das wissen wir nicht«, antwortete sein Vater. »Diese Zeit wird die Archaik genannt. Aber woher kommt dein plötzliches Interesse am alten Amerika? Ich dachte, Archäologie langweilt dich?«

»In letzter Zeit habe ich angefangen, mich für Geschichte zu interessieren – und für die Welt, wie sie früher war …«, erwiderte Josh stockend. Er ging weiter Richtung Fenster – und sah gerade noch, wie Scathachs Schwester Sophie die Hand auf die Stirn legte und Sophie zusammenbrach. Der Fahrer fing sie auf. Entsetzt beobachtete Josh, wie die Vampirin mit einem Ruck den Kopf drehte, ihn anschaute und ein Grinsen zur Schau stellte, das ihre Reißzähne entblößte. Dann riss sie die hintere Wagentür auf, blieb daneben stehen, während der Fahrer Sophie auf den Rücksitz plumpsen ließ, und salutierte spöttisch.

Josh hatte das Gefühl, als hätte ihn jemand in den Magen geboxt. Er bekam keine Luft mehr und sein Herz hämmerte wild. »Dad – ich bin gleich wieder da …«, flüsterte er heiser. Er ließ das Telefon fallen, rannte aus dem Zimmer und den Flur hinunter. Im Laufen hob er die beiden Teile des Gehstocks auf, den der Fahrer zerbrochen hatte, riss die Haustür auf und wäre fast die Eingangstreppe hinuntergefallen. Halb und halb hatte er erwartet, dass der Wagen ihm vor der Nase davonfahren würde, doch Aoife wartete geduldig auf ihn. »Gib sofort meine Schwester heraus!«, rief er.

»Ich denke nicht daran«, erwiderte sie leichthin.

Während Josh zum Wagen lief, versuchte er sich zu erinnern, was Johanna von Orléans ihm über das Kämpfen mit Schwertern beigebracht hatte. Wenn er nur Clarent dabeihätte! Selbst Scatty, die sonst vor nichts Angst hatte, hatte die Steinklinge gefürchtet. Doch seine einzigen Waffen waren die beiden Hälften des Gehstocks.

Die Vampirin sah dem Jungen lächelnd entgegen.

Joshs Angst entzündete seine Aura und ein schwacher goldener Schimmer umgab seinen Körper. Er sah seine Schwester reglos auf dem Rücksitz des Wagens liegen und seine Angst verwandelte sich in rasende Wut. Mit einem Schlag loderte seine Aura auf, goldene Rauchschwaden umgaben ihn und seine Augen wurden zu goldenen Scheiben. Die Aura verfestigte sich um seine Hände herum und bildete metallene Handschuhe. Dann ergoss sie sich über die Stockhälften und verwandelte sie in goldene Stäbe. Josh versuchte zu sprechen, doch die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Als er schließlich etwas herausbrachte, klang seine Stimme tief und rau und eher wie die eines Tieres als eines Menschen. »Gib … sofort … meine … Schwester … heraus …«

Aoifes hochmütiges Lächeln erlosch. Sie rief nur ein Wort auf Japanisch, drehte sich um, sprang in den Wagen und schlug die Tür hinter sich zu. Der Motor heulte auf und die Hinterräder drehten qualmend durch.

»Nein!« Josh erreichte die Limousine im selben Moment, in dem sie losfuhr. Er holte mit einem der goldenen Stäbe aus und zerschmetterte eines der hinteren Seitenfenster. Die Scheibe explodierte und zerfiel zu weißem Pulver und der Stab hinterließ noch einen langen Kratzer in dem glänzenden schwarzen Lack. Der nächste Schlag drückte eine tiefe Delle in den Kofferraumdeckel und beschädigte eines der Rücklichter. Dann schoss der Wagen die Straße hinunter.

In seiner Verzweiflung warf Josh die goldenen Stäbe hinterher, doch in dem Moment, in dem er sie losließ, wurden sie wieder zu bloßem Holz und prallten, ohne Schaden anzurichten, vom Kotflügel ab.

Josh rannte dem Wagen nach. Er spürte, wie seine Aura ihn durchströmte und ihm zu Kraft und Schnelligkeit verhalf. Ihm war auch bewusst, dass er noch nie so schnell gelaufen war, doch die Limousine beschleunigte immer weiter. Sie schoss über eine Kreuzung und verschwand dann mit quietschenden Reifen um eine Ecke.

Und so plötzlich, wie sie gekommen waren, verließen Josh seine Kräfte auch wieder. Am Ende der Scott Street sank er keuchend auf Hände und Knie. Sein Herz hämmerte wie wild und jeder einzelne Muskel in seinem Körper brannte. Vor seinen Augen tanzten schwarze Flecke und er fürchtete, sich übergeben zu müssen. Erschöpft beobachtete er, wie der goldene Überzug an seinen Händen sich auflöste und seine Aura verdampfte. Ihm tat alles weh, er begann zu zittern und bekam plötzlich einen Krampf in der Wade. Es war ein wahnsinniger Schmerz, und er rollte sich rasch herum, stemmte den Absatz in den Boden und drückte mit aller Kraft, damit der Muskelkrampf nachließ. Ihm war hundeelend, als er sich aufrappelte und zum Haus seiner Tante zurückhumpelte.

Sophie war weg. Von Aoife gekidnappt. Er musste seine Zwillingsschwester finden.

Doch das bedeutete, zu Nicholas und Perenelle Flamel zurückzugehen.

KAPITEL FÜNF

Das Schattenreich hieß Xibalba. Es galt selbst unter den zahllosen uralten Schattenreichen als alt, und im Gegensatz zu vielen anderen, die wunderschön und artenreich waren, war dieses ausgesprochen primitiv.

Xibalba bestand lediglich aus einer Höhle, unwahrscheinlich groß, unvorstellbar hoch und durchsetzt mit schwarz verkrusteten Kratern, in denen träge Lava blubberte. Gelegentlich brach einer der Krater aus und spuckte zähflüssiges Gestein hoch in die Luft; dann tanzten rote und schwarze Schatten an den Wänden. Es stank nach Schwefel, und Licht spendete lediglich ein gallertartiger gelblich weißer Pilz, der die Wände und die riesigen Stalaktiten bedeckte, die hoch oben an der kaum erkennbaren Decke hingen.

Von jedem Schattenreich gab es mindestens einen Zugang zu einem anderen Reich. Einige hatten auch Verbindung zu zwei Reichen. Xibalba bildete eine Ausnahme: Es grenzte an neun Schattenreiche und wurde deshalb zuweilen Wegscheide genannt. Die Höhlenwand wies ringsum in regelmäßigen Abständen neun Öffnungen auf. Um diese behauenen Eingänge herum waren klotzige, primitive Glyphen in den Stein geritzt worden, und es fiel auf, dass der klebrige, leuchtende Pilz, der den größten Teil der dunklen Höhlenwände bedeckte, nicht in der Nähe dieser Symbole wuchs. Bei den Öffnungen handelte es sich um Tore zu anderen Schattenreichen.

Gewöhnlich rührte sich außer der blubbernden Lava in Xibalba nichts, doch nun huschte und krabbelte ein ununterbrochener Strom von Boten von einem Eingang zum nächsten. Einige dieser Boten waren ledrig und ähnelten Fledermäusen, andere trugen Fell und sahen aus wie Ratten, aber sie waren weder das eine noch das andere, und keiner war wirklich lebendig. Sie waren zu einem einzigen Zweck erschaffen worden: Um eine Nachricht aus dem Innersten des Schattenreichs der Dunklen Älteren hinauszutragen in sämtliche angrenzenden Welten. Sobald die Botschafter ihre Aufgabe erfüllt hatten, zerfielen sie wieder zu Erde, Zweigen, Hautfetzen und Haarbüscheln.

Die Boten überbrachten die Nachricht von Dr. John Dees Todesurteil.

Und keiner, der es vernahm, war überrascht — weder die Älteren der ersten noch der nächsten Generation noch Unsterbliche der menschlichen Art. Es gab nur eine Strafe für Versagen. Und Dr. John Dee hatte grandios versagt.

KAPITEL SECHS

Ich habe schon schlimmere Tage erlebt«, sagte Dr. John Dee, obwohl er sich nicht erinnern konnte, wann das gewesen sein sollte.