Die Geheimnisse des Nicholas Flamel - Die silberne Magierin - Michael Scott - E-Book

Die Geheimnisse des Nicholas Flamel - Die silberne Magierin E-Book

Michael Scott

4,8
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Beschreibung

Das furiose Finale der Erfolgsreihe!

Nach schweren Zerwürfnissen sind die Zwillinge Josh und Sophie nun endlich wieder vereint. Während Nicholas und Perenelle Flamel mit ihren letzten verbleibenden Kräften versuchen, die moderne Welt vor den Monstern zu retten, die auf Alcatraz freigesetzt wurden, reisen Josh und Sophie 10.000 Jahre weit in die Vergangenheit. Hier – auf der legendären Insel Danu Talis wird sich das Schicksal aller Zeiten entscheiden. Denn hier begann alles und hier wird alles enden. In der letzten Entscheidungsschlacht der Unsterblichen – müssen Josh und Sophie endgültig für sich bestimmen, auf welcher Seite sie stehen. Auf Danu Talis wird sich zeigen, wer von ihnen auserkoren ist, die Welt zu retten – und wer, sie zu zerstören.

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cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlagin der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2013 für die deutschsprachige Ausgabecbj, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenAlle deutschsprachigen Rechte vorbehalten© 2012 by Michael ScottDie Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »The Secrets of the Immortal Nicholas Flamel – The Enchantress« bei Delacorte Press/Random House Children’s Books, New YorkAus dem amerikanischen Englisch von Ursula HöfkerUmschlaggestaltung: Max Meinzold, München, nach einer Vorlage von Michael WagnerSK · Herstellung: kwSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-08728-9V004

www.cbj-verlag.de

Dies ist für meinen Vater,Michael Scott, in memoriam.

Consummatum est.

Ich bin eine Legende.

Es gab einmal eine Zeit, da behauptete ich, der Tod hätte keine Herrschaft über mich und Krankheit könnte mich nicht anfechten.

Das trifft nicht mehr zu.

Ich kenne jetzt den Zeitpunkt meines Todes und auch den meiner Frau: Heute ist es so weit.

Ich wurde im Jahr des Herrn 1330 geboren, vor mehr als sechshundertundsiebzig Jahren. Ich war alterslos, ja; ich war unsterblich, aber nicht unverwundbar. Perenelle und ich wussten immer, dass dieser Tag kommen würde.

Ich hatte ein gutes Leben, ein langes Leben, und es gibt nur wenig, das ich bedauere. Ich war vieles im Laufe der Zeit: Arzt und Koch, Buchhändler und Soldat, Lehrer für Sprachen und Chemie, Gesetzeshüter und Dieb.

Und ich war der Alchemyst.

Mit dem Geschenk – oder war es ein Fluch? – der Unsterblichkeit ausgestattet, haben Perenelle und ich das von den Dunklen des Älteren Geschlechts ausgehende Böse bekämpft und sie in Schach gehalten. Und wir haben nach den legendären Zwillingen gesucht, nach Gold und Silber, Sonne und Mond. Wir dachten immer, sie würden uns helfen, diese Welt zu verteidigen.

Das war ein Irrtum.

Jetzt ist unser Ende nahe und die Zwillinge sind verschwunden. Sie sind in die Vergangenheit zurückgekehrt, auf die Insel Danu Talis, zehntausend Jahre zurück in die Zeit, in der alles beginnt …

Heute kommt das Ende der Welt.

Heute sterben Perenelle und ich, wenn nicht durch die Hand oder Klaue eines Älteren, dann ganz einfach an Schwäche. Meine liebe Frau hat mein Leben auf ihre Kosten – und welche Kosten! – um einen einzigen Tag verlängert. Und wenn es einen Trost gibt, dann den, dass wir gemeinsam sterben.

Aber noch sind wir nicht tot und wir werden auch nicht kampflos aufgeben. Denn sie ist die mächtige Zauberin. Und ich bin der Alchemyst, der unsterbliche Nicholas Flamel.

Aus dem Tagebuch von Nicholas Flamel, AlchemystNiedergeschrieben am heutigen Tag, Donnerstag, den 7. Juni,in San Francisco, der Stadt meiner Wahl

DONNERSTAG, 7. Juni

KAPITEL EINS

Der kleine Kristallspiegel war uralt.

Er war älter als die Menschheit, als das Ältere Geschlecht, die Archone und selbst die Erstgewesenen, die vor ihnen allen da waren. Der Spiegel gehörte einst einem Erdenfürsten und wurde an die Oberfläche gespült, als die Insel Danu Talis vom urweltlichen Meeresboden gerissen wurde.

Jahrtausendelang hing er an der Wand in einem kleinen Zimmer im Sonnenpalast von Danu Talis. Generationen von Erstgewesenen und Älteren hatten gerätselt, was es mit dem kleinen Rechteck aus Kristall in dem einfachen schwarzen Rahmen wohl auf sich hatte. Der Rahmen war weder aus Holz noch aus Metall oder Stein. Obwohl das Kristall alle Eigenschaften eines Spiegels aufwies, handelte es sich doch um keinen gewöhnlichen Spiegel, denn es waren nur Schatten darin zu erkennen. Wer genau hineingeschaut hatte, beteuerte oftmals, eine Spur der eigenen Schädeldecke oder eine Andeutung von Knochen unter der Haut gesehen zu haben. Gelegentlich – wenn auch eher selten – wurde behauptet, es seien Ausschnitte entfernter Landschaften darin zu erkennen, polare Eiskappen, Wüstenstriche oder dampfende Dschungel.

Zu bestimmten Zeiten im Jahr – bei der Herbst- und Frühlings-Tagundnachtgleiche und während einer Sonnen- oder Mondfinsternis – zitterte das Glas und zeigte Szenen von Zeiten und Orten jenseits allen Begreifens, exotische Welten aus Metall und Chitin, Orte, über denen keine Sterne am Himmel standen, nur eine unbewegliche schwarze Sonne. Generationen von Gelehrten versuchten zeitlebens hinter die Bedeutung dieser Szenen zu kommen, doch selbst Abraham der Weise konnte ihnen ihr Geheimnis nicht entlocken.

Eines Tages dann, als Quetzalcoatl, ein Angehöriger des Älteren Geschlechts, den Spiegel gerade rücken wollte, stieß er mit der Hand an den Rahmen. Er spürte einen Stich, und als er die Hand überrascht zurückzog, sah er, dass er sich verletzt hatte. Ein Tropfen Blut spritzte auf das Kristallglas und plötzlich wurde es klar. Die Oberfläche kräuselte sich unter dem Blut, das in einer dünnen, knisternden Wellenlinie darüberlief. In diesem Moment sah Quetzalcoatl Unbegreifliches:

… die Insel Danu Talis im Herzen eines riesigen Reiches, das sich über die gesamte Erdkugel erstreckt …

… die Insel Danu Talis brennend und zerstört, entzweigerissen von Erdbeben, die Prachtstraßen und all die herrlichen Gebäude vom Meer verschluckt …

… die Insel Danu Talis, gerade noch unter einer dünnen Eisschicht zu erkennen. Riesige Wale mit spitzen Schnauzen lassen sich über der begrabenen Stadt treiben …

… die Stadt Danu Talis, strahlend und golden inmitten einer endlosen Wüste …

Der Ältere stahl den Spiegel an diesem Tag und brachte ihn nie zurück.

Jetzt breitete Quetzalcoatl, schlank und mit weißem Bart, ein blaues Samttuch über einen einfachen Holztisch. Er strich den Stoff glatt und entfernte mit den schwarzen Fingernägeln Flusen und Staubkörnchen. Dann legte er den rechteckigen Spiegel mit dem schwarzen Rand mitten auf den Tisch und wischte ihn mit der Manschette seines weißen Leinenhemdes vorsichtig ab. Der Spiegel reflektierte nicht das Gesicht des Älteren mit der Hakennase; die polierte Oberfläche kräuselte sich und zeigte eine graue, rauchige Landschaft.

Quetzalcoatl beugte sich darüber, zog eine Nadel aus seinem Hemdärmel und stach sich damit in die fleischige Daumenkuppe.

»Ha! Mir juckt der Daumen schon …«, murmelte er in der uralten Sprache der Tolteken. Langsam bildete sich ein rubinroter Blutstropfen auf seiner glatten Haut. »… sicher naht ein Sündensohn.«

Er hielt die Hand über den Spiegel und ließ den Blutstropfen darauffallen. Sofort zitterte das Glas und schimmerte ölig in allen Farben des Regenbogens. Roter Rauch stieg auf, dann ordneten sich die Farben zu Bildern.

Jahrtausendelanges Experimentieren und Unmengen von Blut – wobei das Wenigste von ihm stammte – hatten den Älteren in die Lage versetzt, sich die Bilder zunutze zu machen. Er hatte das Glas mit so viel Blut versorgt, dass er inzwischen überzeugt war, der Spiegel sei ein fühlendes, lebendiges Wesen.

Quetzalcoatl starrte auf das Glas und murmelte: »Bring mich nach San Francisco.«

Das Bild im Spiegel verschwamm, dann floss weißes und graues Licht darüber und plötzlich schwebte Quetzalcoatl hoch über der Stadt und blickte hinunter auf die Bucht.

»Warum brennt es da unten nicht?«, überlegte er laut. »Warum sind keine Ungeheuer auf den Straßen?«

Er hatte den unsterblichen Humani Machiavelli und Billy the Kid erlaubt, nach San Francisco zurückzugehen, damit sie die Kreaturen auf der Gefängnisinsel Alcatraz auf die Stadt losließen. Hatten sie ihre Mission nicht erfüllt? Oder war er zu spät gekommen?

Das Bild im Glas veränderte sich. Es zeigte die langgestreckte Insel und Quetzalcoatl entdeckte Bewegung im Wasser. Etwas schwamm durch die Bucht. Es kam von Alcatraz und hielt auf die Stadt zu. Quetzalcoatl rieb sich die Hände. Nein, er war nicht zu spät gekommen, sondern gerade rechtzeitig, um Zeuge einer netten kleinen Chaosveranstaltung zu werden. Es war lange her, seit er das letzte Mal die Zerstörung einer Stadt miterlebt hatte, und er liebte solche Spektakel.

Plötzlich flackerte das farbige Bild und verschwand dann. Der Ältere stach sich noch zweimal mit der Nadel in den Finger und ließ nährendes Blut auf das Glas tropfen. Es kam wieder Leben in den Spiegel, und erneut erschien das Bild der Stadt, gestochen scharf und dreidimensional. Quetzalcoatl konzentrierte sich, das Bild verschob sich nach unten und seine Aufmerksamkeit wurde auf aufgewühltes Wasser mit weißen Schaumkronen gelenkt. Unter der Oberfläche lauerte etwas Riesiges: eine Seeschlange. Der Ältere kniff die Augen zusammen. Es war schwierig, Einzelheiten zu erkennen, da die Kreatur sich hin und her wand, aber wie es aussah, hatte sie mehr als einen Kopf. Er nickte zufrieden. Das gefiel ihm. Eine nette Idee. Und es ergab einen Sinn, dass die Meereswesen zuerst in die Stadt geschickt wurden. Als er sich vorstellte, wie die Monster durch die Straßen toben würden, lächelte er und zeigte dabei seine spitzen Zähne.

Quetzalcoatl beobachtete die Seeschlange, wie sie über die Bucht schoss und sich auf einen der Piers zuringelte, die in die Bay hineinragten. Er runzelte kurz die Stirn und nickte dann erneut. Sie würde am Embarcadero an Land kriechen. Ausgezeichnet! Das bedeutete jede Menge Touristen, jede Menge Öffentlichkeit.

Das Licht veränderte sich. Ganz schwach konnte er einen rotblauen, öligen Fleck auf dem Wasser ausmachen und stellte verdutzt fest, dass die Schlange direkt darauf zuhielt.

Ohne es zu merken, senkte Quetzalcoatl den Kopf noch weiter. Seine Hakennase berührte fast den Spiegel. Er konnte das Meer jetzt riechen, Salz mit einer winzigen Spur Fisch und Tang … und noch etwas. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Eine Stadt sollte nach Metall und Autoabgasen riechen, nach verbranntem Essen und zu vielen ungewaschenen Körpern. Doch was er da roch, waren Düfte, die in einer Stadt nichts verloren hatten: das herbe Aroma von Minze, das blumige von grünem Tee und die Süße von Anis.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag, als die riesige Kreatur – es war der Lotan – sich aus dem Wasser erhob und sieben Köpfe auf den bewegten, rotblauen Fleck zuschossen. Jetzt erkannte Quetzalcoatl die Auradüfte und -farben: Das Rot war Prometheus und das Blau der unsterbliche Humani Niten. Und der eklige Minzegeruch in der Luft konnte nur von einem einzigen Mann stammen: von Nicholas Flamel, dem unsterblichen Alchemysten.

Dann sah Quetzalcoatl sie auch am Ende des Piers stehen. Und ja, die Frau war ebenfalls da, die Zauberin Perenelle, mit der er nur schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Automatisch ging seine Zunge zu der Lücke in seinem Gebiss, wo sie ihm einen seiner großen schwarzen Backenzähne ausgeschlagen hatte. Das war nicht gut. Das war alles andere als gut. Ein abtrünniger Älterer und drei der gefährlichsten Humani im ganzen Schattenreich …

Quetzalcoatl grub seine rasiermesserscharfen Fingernägel in die Handflächen. Dünnes Blut tropfte auf den Spiegel und sorgte dafür, dass die Bilder nicht verschwanden. Gebannt und ohne zu blinzeln schaute er darauf.

… der Lotan wendet sich den Auren zu und will sie sich einverleiben …

… die Kreatur erhebt sich aus dem Wasser, balanciert auf ihrem Schwanz, alle sieben Köpfe schießen nach vorn, die Mäuler weit aufgerissen …

… ein grüner Feuerblitz und der überwältigende Gestank von Minze …

»Nein!«, rief der Ältere, als er mit ansehen musste, wie der Lotan sich in ein kleines, blau geädertes Ei verwandelte. Er sah, wie das Ei in die ausgestreckte Hand des Alchemysten fiel. Flamel warf es triumphierend in die Luft … und eine über ihm kreisende Möwe schnappte danach und verschluckte es ganz.

»Nein! Neineineineinein …« Quetzalcoatl brüllte seine Wut hinaus. Sein Gesicht färbte sich dunkel, verzerrte sich und wurde zu dem eindimensionalen Bild einer Schlange, das die Maya und die Azteken zu Tode erschreckt hatte. Aus seinem Mund ragten unregelmäßige Zähne, die Augen wurden schmaler und das dunkle Haar bildete einen Stachelkranz um sein Gesicht. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Das alte Holz brach und nur seinen blitzschnellen Reflexen verdankte er es, dass der Spiegel nicht auf den Boden fiel und zersprang.

So schnell, wie sie gekommen war, verrauchte seine Wut auch wieder.

Quetzalcoatl atmete tief durch, fuhr sich mit der Hand durch sein störrisches Haar und glättete es. Billy und Machiavelli hätten nichts anderes zu tun brauchen, als ein paar Ungeheuer auf die Stadt loszulassen – drei oder vier hätten genügt. Zwei wären okay gewesen, für den Anfang hätte selbst eines gereicht, möglichst ein großes mit Schuppen und vielen Zähnen. Aber sie hatten versagt und würden für ihr Versagen bezahlen – falls sie überlebten!

Er musste die Bestien von der Insel holen, doch das würde ihm nur gelingen, wenn er den Flamels und ihren unsterblichen Freunden etwas zu tun gab.

Wie es aussah, musste Quetzalcoatl die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen. Der Ältere lächelte plötzlich und entblößte seine nadelspitzen Zähne. Er hatte in seinem Schattenreich ein paar Schmusetiere gesammelt – die Humani würden sie Monster nennen –, die konnte er zum Spielen freilassen. Allerdings würde der Alchemyst zweifellos genauso mit ihnen umspringen wie mit dem Lotan. Nein, er brauchte etwas Größeres, etwas entschieden Eindrucksvolleres als ein paar räudige Monster.

Quetzalcoatl suchte sein Handy. Es lag auf dem Küchentisch. Die Nummer in Los Angeles wusste er auswendig. Es läutete fünfzehnmal, bevor abgenommen wurde. Eine krächzende Stimme meldete sich.

»Hast du den Beutel mit den Zähnen noch, den ich dir vor zigtausend Jahren verkauft habe?«, begann Quetzalcoatl ohne Einleitung. »Ich möchte ihn zurückkaufen. – Warum? Ich brauche ihn, um den Flamels eine Lektion zu erteilen … Und außerdem will ich, dass sie beschäftigt sind, während ich unsere Kreaturen von der Insel hole«, fügte er hastig hinzu. »Wie viel willst du für den Beutel haben? – Nichts?! – Ja, natürlich kannst du zuschauen. Wir treffen uns dann am Vista Point. Ich sorge dafür, dass keine Humani in der Nähe sind.«

Quetzalcoatl beendete das Gespräch. »Sicher naht ein Sündensohn …«, murmelte er vor sich hin. »Und er ist auf dem Weg zu dir, Alchemyst. Auf dem Weg zu dir.«

KAPITEL ZWEI

Sophie Newman öffnete die Augen. Sie lag auf dem Bauch im Gras, das zu grün war, um echt zu sein, und sich anfühlte wie Seide. Die zerdrückten Blumen unter ihrem Gesicht, winzige Gebilde aus gesponnenem Glas und gehärtetem Harz, waren nie auf der Erde gewachsen.

Sie rollte sich auf den Rücken und schloss die Augen sofort wieder. Gerade eben war sie noch auf der Insel Alcatraz in der Bucht von San Francisco gewesen. In der kühlen, salzigen Luft hatten der Gestank von roher Kraft gelegen und die typischen Zoo-Gerüche von zu vielen Tieren auf engem Raum. Jetzt war die Luft frisch und rein und durchzogen von exotischen Düften. Warme Strahlen schienen auf ihr Gesicht. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie etwas über die Sonne wandern. Blinzelnd erkannte sie ein Oval aus Kristall und Metall.

»Oh!«, entfuhr es ihr. Sie beugte sich zu ihrem Zwillingsbruder hinüber und knuffte ihn in die Seite. »Wach auf …«

Josh lag auf dem Rücken. Er öffnete ein Auge und stöhnte, weil die Sonne so grell war. Doch als er begriff, was er sah, war er mit einem Schlag hellwach und setzte sich kerzengerade auf. »Das ist doch …«

»… eine fliegende Untertasse«, ergänzte Sophie.

Hinter ihnen regte sich etwas, und als sie sich umdrehten, stellten sie fest, dass sie nicht allein auf dem Hügel waren. Dr. John Dee kauerte auf Händen und Knien und starrte mit großen Augen in den Himmel. Hinter ihm saß im Schneidersitz Virginia Dare. Der Wind strich über ihr kohlschwarzes Haar.

»Ein Vimana«, flüsterte Dee. »Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eines mit eigenen Augen sehe.« Ehrfürchtig betrachtete er das Flugobjekt, das rasch näher kam.

»Sind wir in einem Schattenreich?«, fragte Josh und schaute von Viriginia zu Dee.

Die Frau schüttelte leicht den Kopf. »Nein, das ist kein Schattenreich.«

Josh stand auf, schirmte seine Augen mit der Hand ab und beobachtete das Flugzeug fasziniert. Als es näher kam, sah er, dass es aus einer Art milchigem Kristall war. Rundherum lief ein breites goldenes Band. Die fliegende Untertasse neigte sich nach vorn und schoss im Senkrechtflug nach unten. Die Luft war erfüllt von einem leisen Unterschall-Dröhnen, aus dem ein tiefes Grollen wurde, als das Gefährt wenige Zentimeter über der Grasnarbe in der Luft stehen blieb.

Sophie erhob sich ebenfalls und stellte sich neben ihren Zwillingsbruder. »Es ist wunderschön«, wisperte sie. »Wie ein Edelstein.« Der schillernde Kristall war makellos. In das goldene Band waren winzige Buchstaben aus einer Art Stabschrift eingraviert.

»Wo sind wir, Josh?«, fragte Sophie ihren Bruder leise.

Josh schüttelte den Kopf. »Die Frage ist nicht, wo … sondern wann«, murmelte er. »Vimanas kommen in den allerältesten Mythen vor.«

Vollkommen geräuschlos klappte die obere Hälfte des Ovals auf. Ein Seitenteil unten glitt zurück und gab den Blick frei auf das blendend weiße Innere.

Ein Mann und eine Frau erschienen in der Öffnung.

Beide waren groß und schlank und tief gebräunt. Sie trugen weiße Keramikrüstungen, in die Muster, Piktogramme und Hieroglyphen aus unzähligen unterschiedlichen Schriften eingraviert waren. Das dunkle Haar der Frau war raspelkurz geschnitten, der Schädel des Mannes völlig kahl geschoren. Beide hatten leuchtend blaue Augen, und wenn sie lächelten, zeigten sie kleine, strahlend weiße Zähne. Nur die Schneidezähne waren unnatürlich lang und spitz. Hand in Hand stiegen sie aus dem Vimana und kamen über die Wiese. Die Blüten aus Glas und Harz schmolzen unter ihren Füßen und wurden zu winzigen Kügelchen.

Sophie und Josh wichen instinktiv einen Schritt zurück. Sie blinzelten gegen die tief stehende Sonne und die blendende Spiegelung der Rüstungen und versuchten, die Gesichter des Paares zu erkennen. Die beiden hatten etwas unheimlich Vertrautes an sich …

Plötzlich keuchte Dee, krümmte sich und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen. »Meine Gebieter«, hauchte er, »vergebt mir.«

Das Paar ignorierte ihn und ging einfach weiter. Es hatte nur Augen für die Zwillinge. Als ihre Köpfe die Sonne verdeckten, zeigten sie ihr Gesicht, umgeben von einem Lichthof.

»Sophie!«, sagte der Mann und seine Augen strahlten vor Freude.

»Josh!« Die Frau schüttelte leicht den Kopf und lächelte. »Wir haben auf euch gewartet.«

»Mom? Dad?«, kam es wie aus einem Mund von den Zwillingen. Sie wichen noch einen Schritt zurück.

Das Paar verneigte sich in aller Form. »An diesem Ort nennt man uns Isis und Osiris. Willkommen auf Danu Talis, Kinder.« Die beiden streckten die Hände aus. »Willkommen zu Hause.«

Die Zwillinge blickten sich mit großen Augen an. Vor Schreck und Verwirrung brachten sie den Mund nicht mehr zu. Sophie griff nach dem Arm ihres Bruders. Obwohl sie in der vergangenen Woche ganz Außergewöhnliches erlebt hatten, war das jetzt fast zu viel. Sie versuchte, Worte zu bilden und Fragen zu stellen, doch ihr Mund war trocken, und sie hatte das Gefühl, als sei ihre Zunge dick und geschwollen.

Josh ließ den Blick immer wieder zwischen seinem Vater und seiner Mutter hin und her wandern. Was er da sah, ergab einfach keinen Sinn. Das Paar sah aus wie seine Eltern, Richard und Sara Newman. Die beiden redeten auch wie sie, keine Frage, aber seine Eltern waren in Utah … Erst vor ein paar Tagen hatte er mit seinem Vater telefoniert. Sie hatten über einen gehörnten Dinosaurier aus der Kreidezeit gesprochen.

»Ich weiß, dass das ein bisschen viel ist«, meinte Richard Newman – Osiris – und grinste.

»Aber glaubt uns«, fuhr Sara – Isis – fort, »ihr werdet bald alles verstehen.« Ihre Stimme klang beruhigend und sie lächelte den Jungen und das Mädchen an. »Euer ganzes Leben war auf diesen Augenblick ausgerichtet. Das ist euer Schicksal, Kinder. Das ist euer Tag. Und was haben wir immer über den Tag gesagt?«, fragte sie und lächelte wieder.

»Carpe diem«, antworteten beide automatisch. »Nutze den Tag.«

»Was –«, begann Josh.

Isis hob die Hand. »Alles zu seiner Zeit. Aber glaubt uns – diese Zeit ist gut. Es ist die beste. Ihr seid zehntausend Jahre in die Vergangenheit gereist.«

Wieder blickten Sophie und Josh sich an. Nach allem, was sie durchgemacht hatten, hätten sie sich eigentlich freuen sollen, wieder bei ihren Eltern zu sein, aber irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Sie hatten hundert Fragen …

Dr. John Dee rappelte sich auf und klopfte sich penibel den Staub aus den Kleidern, bevor er an den Zwillingen vorbeiging und sich tief vor dem Paar in den weißen Rüstungen verneigte. »Meine Gebieter, es ist mir eine Ehre – eine große Ehre –, Euch wieder gegenübertreten zu dürfen.« Er hob den Kopf und blickte von einem zum anderen. »Ich war maßgeblich daran beteiligt, dass die legendären Zwillinge jetzt vor Euch stehen. Das wisst Ihr sicherlich zu schätzen.«

Osiris schaute Dee mit einer Andeutung des Lächelns an, das er den Zwillingen geschenkt hatte. »Ah, der verlässliche Dr. Dee, der geborene Opportunist …« Er streckte die rechte Hand aus, drehte den Handrücken nach oben und der Magier beeilte sich, sie mit beiden Händen zu ergreifen und die Finger zu küssen. »… und von jeher ein Idiot.«

Dee blickte rasch auf und wollte zurückweichen, doch Osiris hielt seine Hand fest. »Ich war immer –«, begann der Magier alarmiert.

»… ein Idiot«, ergänzte Isis.

Ein Schatten glitt über Osiris’ Gesicht, und als er die spitzen weißen Zähne entblößte, wurde es von einem Augenblick zum nächsten zu einer Maske des Grauens. Unvermittelt legte der kahl geschorene Mann die Hände so um Dees Kopf, dass die Daumen auf den Wangenknochen des Unsterblichen ruhten. Dann hob er den Magier hoch, bis er keinen Boden mehr unter den Füßen hatte. »Und was nützt uns ein Idiot … oder schlimmer noch, ein fehlerhaftes Werkzeug!« Osiris’ blaue Augen waren auf einer Höhe mit denen des Magiers. »Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich dich unsterblich gemacht habe, Dee?«, flüsterte er.

Der Doktor versuchte, sich zu befreien. Seine Augen waren vor Entsetzen plötzlich ganz groß. »Nein«, keuchte er.

»Als ich dir sagte, ich könnte dich wieder sterblich machen?«, fuhr Osiris fort. Dann flüsterte er: »Athanasia-aisanatha«, und schleuderte den Magier von sich.

Dee segelte durch die Luft, und bis er Virginia Dare vor die Füße fiel, war er ein alter Mann, ein verschrumpeltes Lumpenbündel. Das Gesicht war voller Runzeln, ganze Strähnen grauen Haars lagen um ihn herum auf dem seidigen Gras, die Augen waren milchig weiß, die Lippen blau.

Entsetzt blickten Sophie und Josh auf den eben noch energiegeladenen Mann. Er war jetzt unvorstellbar alt, dem Tod näher als dem Leben, aber sich seiner selbst und seiner Umgebung immer noch bewusst. Sophie wandte sich wieder dem Mann zu, der aussah wie ihr Vater, dessen Stimme klang wie die ihres Vaters … und musste feststellen, dass er ihr vollkommen fremd war. Ihr Vater – Richard Newman – war ein liebevoller, freundlicher Mensch. Zu einer solchen Grausamkeit wäre er nie fähig gewesen.

Osiris sah Sophies Gesichtsausdruck. »Bilde dir ein Urteil, wenn du sämtliche Fakten kennst«, sagte er. Sein Ton war eisig.

»Du hast die Erfahrung noch nicht gemacht, Sophie, aber es gibt Zeiten, in denen Mitleid eine Schwäche ist«, ergänzte Isis.

Sophie schüttelte den Kopf. Das sah sie nicht so. Und obwohl die Frau mit der Stimme von Sara Newman redete, sagte Sophies Gefühl ihr, dass sie nicht ihre Mutter war. Diese kannte Sophie nur als einen der freundlichsten und herzlichsten Menschen überhaupt.

»Mitleid hat der Doktor noch nie verdient. Auf seiner Suche nach dem Codex hat er Tausende umgebracht. Seinen Ambitionen fielen ganze Nationen zum Opfer. Dieser Mann hätte euch beide ohne mit der Wimper zu zucken ermordet. Du musst dir immer vor Augen halten, dass nicht alle Ungeheuer aussehen wie Bestien, Sophie. Verschwende dein Mitgefühl nicht auf Kreaturen wie Dr. John Dee.«

Noch während die Frau sprach, fing Sophie schwache Erinnerungsfetzen der Hexe von Endor zu dem Paar auf, das als Isis und Osiris bekannt war. Die Hexe verachtete beide.

Unter gewaltiger Anstrengung hob Dee die linke Hand und wies auf seine Gebieter. »Ich habe Euch jahrhundertelang gedient …«, krächzte er. Die Anstrengung war zu groß und er fiel zurück ins Gras. Unter der runzligen Kopfhaut zeichnete sich die Form seines Schädels deutlich ab.

Isis ignorierte ihn. Sie wandte sich an Virginia Dare, die während der ganzen Zeit unbewegt dagesessen hatte. »Unsterbliche, die Welt wird sich über alle Maßen verändern. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und wer gegen uns ist, wird sterben. Wo stehst du, Virginia Dare?«

Die Frau erhob sich anmutig. Mit der linken Hand ließ sie locker ihre hölzerne Flöte herumwirbeln. Ein einzelner Ton blieb wie ein Glitzern in der Luft hängen. »Der Doktor hat mir eine Welt versprochen«, sagte sie. »Was bietet ihr mir?«

Isis machte eine Bewegung und ihre Rüstung reflektierte das Sonnenlicht blendend weiß. »Willst du etwa mit uns verhandeln?« Die Stimme der Älteren war lauter geworden. »Vergiss es. Das lässt deine Situation nicht zu.«

Virginia ließ die Flöte erneut herumwirbeln und die Luft zitterte von einem überirdischen Pfeifen. Die gläsernen Blumen ringsherum zerfielen zu Staub. »Ich bin nicht Dee«, stellte Virginia eiskalt klar. »Ich habe keinen Respekt vor euch und mag euch auch nicht. Und ganz bestimmt habe ich keine Angst vor euch.« Sie neigte den Kopf zur Seite und blickte von Isis zu Osiris. »Und ihr solltet euch immer vor Augen halten, was mit dem letzten Älteren passiert ist, der mir gedroht hat.«

»Du kannst deine Welt haben«, versicherte Osiris rasch und legte seiner Frau eine Hand auf die Schulter.

»Welche Welt?«

»Jede. Such dir eine aus.« Ein angestrengtes Lächeln lag auf seinem Gesicht. »Wir brauchen Ersatz für Dee.«

Virginia Dare stieg leichtfüßig über den alten, keuchenden Mann hinweg. »Ich schlüpfe in seine Rolle. Zumindest vorübergehend.«

Osiris lächelte. »Vorübergehend?«

»Bis ich meine Welt habe.«

»Du wirst sie bekommen.«

»Danach sind wir quitt. Ich werde euch nie mehr wiedersehen und ihr werdet mich nie mehr belästigen.«

»Du hast unser Wort darauf.«

Isis und Osiris wandten sich wieder den Zwillingen zu und streckten die Hände aus, doch weder Sophie noch Josh machten Anstalten, sie zu ergreifen.

»Kommt jetzt.« In Isis’ Stimme lag eine gewisse Ungeduld, sodass sie wie die Sara Newman klang, die sie kannten. »Wir müssen gehen. Es gibt viel zu tun.«

Die Zwillinge rührten sich nicht.

»Wir wollen zuerst ein paar Antworten«, verlangte Josh bockig. »Ihr könnt nicht erwarten, dass wir einfach so –«

»Wir werden alle eure Fragen beantworten, ich verspreche es«, unterbrach ihn Isis. Sie wandte sich ab und in ihrem Ton lag keine Wärme mehr, als sie wiederholte: »Wir müssen jetzt gehen.«

Virginia Dare wollte an den Zwillingen vorbei, blieb dann aber stehen und schaute Josh an. »Wenn Isis und Osiris eure Eltern sind … Was seid ihr dann?« Sie blickte kurz über die Schulter auf Dee und ging weiter zu dem kristallenen Luftschiff.

Sophie blickte ihren Bruder an. »Josh …«, begann sie.

»Ich habe keine Ahnung, was hier abgeht, Schwesterherz«, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage.

Ein trockenes, kratziges Husten lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf Dee. Obwohl die Sonne vom Himmel brannte und die Luft warm war, hatte der Greis sich zusammengerollt und die Arme um den Körper geschlungen. Trotzdem zitterte er heftig vor Kälte. Seine Zähne klapperten hörbar.

Wortlos zog Sophie ihre rote Fleecejacke aus und gab sie ihrem Bruder. Er betrachtete sie einen Augenblick, dann nickte er und kniete sich neben Dee ins Gras. Vorsichtig legte er die Jacke über den alten Mann und zog sie über seine Schultern. Der Magier nickte dankbar. Er hatte Tränen in den Augen, als er sich noch enger hineinwickelte.

»Es tut mir leid«, sagte Josh leise. Er wusste, was Dee war, wusste, wozu er fähig war, doch niemand hatte es verdient, so zu sterben. Er schaute über die Schulter. Isis und Osiris stiegen in das Vimana. »Ihr könnt ihn doch nicht einfach hier liegen lassen!«, rief er.

»Warum nicht? Wäre es dir lieber, ich würde ihn umbringen?«, fragte Osiris lachend. »Willst du das, Josh? Dee, willst du das? Ich kann dich auf der Stelle umbringen.«

»Nein«, wehrten Dee und Josh wie aus einem Mund ab.

»Seine vierhundertundachtzig Jahre holen ihn ein, das ist alles. Bald wird er eines natürlichen Todes sterben.«

»Es ist grausam«, mischte Sophie sich ein.

»Wenn ich an den Ärger denke, den er uns in den letzten paar Tagen bereitet hat, finde ich mich noch ziemlich gnädig.«

Josh wandte sich wieder Dee zu. Der alte Mann öffnete den Mund. Er atmete schwer. »Geh.« Eine klauenartige Hand schloss sich um Joshs Handgelenk. »Und wenn du Zweifel hast, Josh«, flüsterte er, »folge deinem Herzen. Worte können falsch sein, Bilder und Klänge manipuliert. Aber das …« Er tippte Josh auf die Brust. »Das sagt dir immer das Richtige.« Noch einmal tippte er dem Jungen auf die Brust und unter seinem roten T-Shirt mit dem Emblem der 49ers Faithful war deutlich das Knistern von Papier zu hören. »Oh nein, nein, nein.« Dem Magier entgleisten die Gesichtszüge. »Sag, dass das nicht die fehlenden Seiten aus dem Codex sind«, wisperte er mit brüchiger Stimme.

Josh nickte. »Doch, sie sind es.«

Dee brach in Lachen aus, aber die Anstrengung war zu groß, und es wurde ein Husten daraus, der seinen ganzen Körper schüttelte. Er krümmte sich und rang nach Luft. »Du hattest sie die ganze Zeit«, murmelte er.

Wieder nickte Josh. »Von Anfang an.«

Dee lachte lautlos in sich hinein, schloss die Augen und legte sich in das seidige Gras zurück. »Du hättest einen grandiosen Lehrling abgegeben«, flüsterte er.

Josh betrachtete den sterbenden Unsterblichen, bis Osiris ihn endgültig zur Eile mahnte. »Lass ihn liegen, Josh. Wir müssen jetzt gehen. Wir sind die Weltenretter.«

»Welche Welt müssen wir retten?«, fragten Sophie und Josh gleichzeitig.

»Alle Welten«, antworteten Isis und Osiris gleichzeitig.

KAPITEL DREI

Die Schreie gingen durch Mark und Bein.

Ein Schwarm Sittiche, Pflaumenkopfsittiche mit grünem Körper und rotem Kopf, flog in geringer Höhe über den Embarcadero, die Hafenstraße von San Francisco. Die Vögel schossen an den drei Männern und der Frau vorbei, die dicht am Wasser an dem hölzernen Geländer lehnten. Das laute, schrille Kreischen zerriss die Luft an diesem Spätnachmittag. Einer der Männer, er war größer und kräftiger als die anderen, hielt sich die Ohren zu.

»Ich hasse Sittiche«, knurrte Prometheus. »Sie sind laut, dreckig –«

»Die armen Dinger sind ganz aufgeregt«, unterbrach Nicholas Flamel das Gegrummel des Älteren. Er atmete tief ein und seine Nasenflügel bebten. »Sie spüren die Auren in der Luft.«

Prometheus legte dem Alchemysten seine schwere Hand auf die Schulter. »Mich hat fast ein siebenköpfiges Seeungeheuer gefressen. Ich bin auch ein wenig aufgeregt, aber schreie ich deshalb so herum?«

Der dritte Mann, ein schlanker Japaner mit fein geschnittenen Gesichtszügen, blickte in Prometheus’ breites, zerfurchtes Gesicht. »Nein, aber garantiert wirst du den Rest des Tages herumnörgeln deshalb.«

»Wenn wir den Rest des Tages überhaupt erleben«, brummte Prometheus. Ein Sittich flog so dicht an dem Älteren vorbei, dass er fast sein graues Haar gestreift hätte. Auf dem karierten Hemd des Hünen erschien ein klebriger weißer Fleck. Angeekelt verzog er das Gesicht. »Na, super! Einfach perfekt! Kann es eigentlich noch schlimmer kommen?«

»Wollt ihr endlich still sein!«, schalt die Frau. Sie steckte eine Münze in den Schlitz in der blauen Säule des Fernrohrs und richtete es dann auf die Insel Alcatraz. Sie lag direkt vor ihnen in der Bucht. Perenelle drehte an dem Rädchen, bis sie die Gebäude auf der Insel deutlich erkennen konnte.

»Was siehst du?«, fragte Flamel.

»Geduld, Geduld.« Seine Frau schüttelte den Kopf. Ihr Zopf hatte sich gelöst und jetzt fiel ihr das schwarze Haar silbrig glänzend über den Rücken. »Nichts Ungewöhnliches. Auf dem Land bewegt sich nichts und im Wasser kann ich auch nichts erkennen. Über der Insel fliegen keine Vögel.« Sie trat zurück und ließ ihren Mann durch das Fernrohr schauen. Eine Weile stand sie nachdenklich da, dann runzelte sie die Stirn. »Es ist zu ruhig.«

»Die Ruhe vor dem Sturm«, murmelte Flamel.

Prometheus stützte die kräftigen Unterarme auf das hölzerne Geländer und schaute über die Bucht. »Aber wir wissen, dass die Gefängniszellen voller Ungeheuer sind. Außerdem sind Machiavelli und Billy, Dee und Virginia Dare dort. Mars, Odin und Hel müssten inzwischen auch eingetroffen sein …«

»Moment mal«, unterbrach Flamel ihn. »Ich sehe ein Boot.«

»Wer ist am Steuer?«, wollte Prometheus wissen.

Nicholas drehte das Fernrohr etwas und richtete es auf das kleine Boot aus, das hinter der Insel hervorgekommen war. Das Kielwasser schäumte weiß.

Niten stellte sich in seinem schwarzen Anzug auf die unterste Querstrebe des Geländers und beschattete die braunen Augen. »Ich sehe eine Person im Boot. Es ist Black Hawk. Er ist allein. …«

»Wo sind dann die anderen?«, überlegte Prometheus laut. »Flieht er etwa …?«

»Nein, er ist schließlich Black Hawk«, unterbrach Niten den Gedankengang des Älteren. »Entehre seinen Namen nicht.« Der Japaner schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ma-ka-tai-me-she-kia-kiak ist einer der mutigsten Krieger, denen ich je begegnet bin.«

Die drei unsterblichen Menschen und der Ältere beobachteten das Boot, das schaukelnd aufs Ufer zuhielt.

»Moment mal …«, rief der Alchemyst plötzlich leise.

»Was gibt’s?«, erkundigte sich Niten.

Durch das Fernrohr sah Flamel um das Boot herum ein Dutzend Köpfe aus dem Wasser ragen. Es hätten Seehunde sein können, doch als er die Augen zusammenkniff, erkannte er, dass es die Köpfe junger Frauen waren. Sie hatten grünes Haar und waren wunderschön – bis sie den Mund öffneten und ihre Piranha-Zähne zeigten.

»Seehunde?«, fragte Prometheus.

Flamel schüttelte den Kopf. »Nereiden. Und es werden immer mehr.«

Bald war das Boot so nah, dass alle auf dem Pier die Kreaturen darum herum sahen. Schweigend beobachteten sie, wie eine davon sich aus dem Wasser erhob und an Bord zu klettern versuchte. Der stämmige Unsterbliche mit der kupferfarbenen Haut lenkte das Boot zur Seite. Der Rumpf krachte in die Kreatur mit dem Fischschwanz und sie fiel ins Wasser zurück. Black Hawk beschrieb einen so engen Kreis, dass das Boot fast kenterte, und steuerte dann geradewegs in die Nereidengruppe hinein. Das Wasser schäumte, als sie auseinanderstoben.

»Er hält sie ganz bewusst auf Trab«, stellte Niten fest. »Er will sie von der Insel fernhalten.«

»Was bedeutet, dass Mars und die anderen in Schwierigkeiten stecken«, vermutete Prometheus. Er wandte sich an Niten. »Wir müssen ihnen helfen.«

Flamel schaute Perenelle an. »Und was sollten wir tun? Was meinst du?«

Ein gefährliches Lächeln huschte über das Gesicht der Zauberin. »Ich meine, wir sollten die Insel angreifen.«

»Nur wir vier?«, fragte er leichthin.

Perenelle beugte sich vor, bis ihre Stirn die ihres Mannes berührte, und blickte ihm tief in die Augen. »Das ist unser letzter Tag, Nicholas«, sagte sie leise. »Wir haben immer versucht, nicht aufzufallen, haben uns immer bedeckt gehalten, keine Energie vergeudet, kaum einmal unsere Aura eingesetzt. All das ist jetzt nicht mehr nötig. Ich denke, es ist Zeit, den Dunklen Wesen des Älteren Geschlechts wieder in Erinnerung zu rufen, weshalb sie uns einmal gefürchtet haben.«

KAPITEL VIER

Das Rukma Vimana vibrierte, der Motor heulte. Das gewaltige dreieckige Luftschiff war beim Kampf vor Abrahams Kristallturm beschädigt worden. Eine Seite war völlig zerschrammt, Bullaugen waren zu Bruch gegangen und die Tür schloss nicht mehr richtig. Eiskalte Luft pfiff durch die Ritzen. Die Bildschirme und Konsolen auf der einen Seite waren schwarz und auf denen, die noch in Betrieb waren, pulsierte rot ein unregelmäßiges, kreisförmiges Symbol.

Scathach, die Schattenhafte, stand hinter Prometheus. Sie wusste, dass er ihr Onkel war, doch er hatte keine Ahnung, wer sie war. In diesem Zeitstrang war sie noch nicht geboren – sie würde erst nach dem Untergang der Insel auf die Welt kommen. Der Ältere hatte Mühe, das Fluggerät unter Kontrolle zu halten.

Scathach hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, damit sie nicht in Versuchung kam, sich an Prometheus’ Stuhllehne festzukrallen. Ihr war speiübel. »Kann ich helfen?«, fragte sie.

Prometheus grunzte. »Hast du je ein Rukma Vimana geflogen?«

»Ein kleineres, ja«, erwiderte sie, »aber das ist lange her.«

»Wie lange?«

»Schwer zu sagen. Zehntausend Jahre, plus oder minus ein Jahrhundert.«

»Dann kannst du mir nicht helfen.«

»Wieso nicht? Hat sich die Technologie denn überhaupt verändert?« William Shakespeare saß auf der rechten Seite des Luftschiffs und neben ihm Palamedes, der bullige sarazenische Ritter. Der unsterbliche Engländer blickte Scathach an. Seine hellen blauen Augen wirkten riesig hinter der starken Brille mit den großen Gläsern. »Du weißt, ich bin neugierig«, bekannte er. »Manche würden sogar sagen, naseweis.«

Sie nickte.

»Das war schon immer meine schlimmste Schwäche … und meine größte Stärke.« Er lächelte und ließ dabei seine schlechten Zähne sehen. »Aber ich finde, man lernt so viel mehr, wenn man Fragen stellt.«

»Dann frag endlich«, murmelte Palamedes.

Shakespeare ignorierte ihn. »Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass es Fragen gibt, die man nie stellen sollte. Aber ich glaube, ich will wirklich wissen, was das bedeutet.« Er zeigte auf das kreisförmige Symbol, das auf den wenigen noch funktionierenden Bildschirmen rot aufleuchtete.

Palamedes lachte grollend. »Die Frage kann ich dir beantworten, William. Ich bin zwar kein Experte in alten Sprachen, aber meiner Erfahrung nach deutet es immer auf Probleme hin, wenn etwas rot blinkt.«

»Größere Probleme?«

»Es bedeutet, dass die Besatzung das Schiff verlassen soll«, erwiderte Prometheus. »Aber am besten achtest du nicht weiter darauf. Diese alten Luftschaukeln spucken ständig irgendwelche Warnungen aus.«

Die linke Tragfläche neigte sich nach unten. Es rumste und sie hörten etwas an der Unterseite ihres Fluggeräts entlangschrammen.

Johanna von Orléans drehte sich auf ihrem Platz so, dass sie durch eines der kaputten Bullaugen auf der linken Seite spähen konnte. Das Vimana streifte die Baumwipfel. Hinter ihm segelten Blätter und abgebrochene Äste zu Boden. Sie blickte ihren Mann von der Seite her an und zog fragend die bleistiftdünnen Augenbrauen in die Höhe.

Der Graf von Saint-Germain zuckte mit den Schultern. »Ich bin ein großer Verfechter der These, dass man sich nur über solche Dinge den Kopf zerbrechen muss, die man beeinflussen kann«, antwortete er auf Französisch. »Und über dieses Gerät haben wir keine Kontrolle, also brauchen wir uns auch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen.«

»Wie philosophisch«, murmelte Johanna.

»Wie praktisch«, ergänzte Saint-Germain mit einem eleganten Schulterzucken. »Was wäre der Super-GAU?«

»Wir stürzen ab, wir sterben.«

»Dann sterben wir zusammen.« Er lächelte leise. »Das wäre mir sehr lieb. Ich will nicht ohne dich auf dieser Welt leben – und auf einer anderen eigentlich auch nicht.«

Johanna streckte die Hand aus und ihr Mann ergriff sie. »Warum habe ich mich nur so lange geziert, bis ich dich geheiratet habe?«, fragte sie.

»Du hast mich für ein arrogantes, ignorantes, gefährliches Großmaul gehalten.«

»Wer hat das gesagt?«

»Du.«

»Und ich hatte Recht.«

Er grinste. »Ich weiß.«

Es rumste erneut und das ganze Luftschiff wackelte. Glänzende grüne Blätter wurden durch die Ritzen der schief hängenden Tür gewirbelt.

»Wir müssen jetzt landen«, drängte Scathach.

»Wo?«, fragte Prometheus.

Scathach wankte zu einem der Bullaugen hinüber und spähte hinaus. Sie rasten über einen dichten Urwald hinweg. Riesige Echsen mit ledrigen Flügeln zogen gemächlich ihre Kreise am Himmel und leuchtend bunte Vögel schossen wie Farbfontänen aus den Baumwipfeln. Affenähnliche Wesen, die vage an Menschen erinnerten, obwohl sie ein Federkleid trugen, flitzten rufend und schreiend über die Baumkronen. Und aus dem Gewirr von Blättern und Ästen schauten große Augen ohne zu blinzeln zu dem Vimana hinauf.

Wieder ging ein Ruck durch das Fluggerät, es sackte ab und die rechte Tragfläche schlug eine schmale Kerbe in die Baumkronen. Sämtliche Waldbewohner kreischten, heulten und bellten ihren Unmut hinaus.

Scathach zog den Kopf ein, ihre Augen huschten von rechts nach links. Der Wald erstreckte sich in alle Richtungen, ohne dass eine Lücke auszumachen war, bis er am Horizont von dick aufgebauschten Wolken verschluckt wurde. »Man kann nirgendwo landen«, stellte sie fest.

»Ich weiß«, erwiderte Prometheus ungeduldig, »ich fliege diese Strecke nicht zum ersten Mal.«

»Wie weit ist es noch?«

»Nicht mehr weit. Wir sollten es bis zu den Wolken da vorne schaffen. Ein paar Minuten müssen wir uns also noch in der Luft halten.«

William Shakespeare wandte sich von einem der Bullaugen ab. »Könnten wir vielleicht auf den Wipfeln landen? Einige Bäume sehen so aus, als könnten sie das Gewicht eines Luftschiffes tragen. Oder du könntest in der Luft darüber stehen bleiben und wir könnten an Seilen hinunterklettern.«

»Mach die Augen auf, Dichter. Siehst du den Waldboden? Diese Mammutbäume sind fast zweihundert Meter hoch. Selbst wenn du unverletzt auf dem Boden ankommen solltest, würdest du wahrscheinlich schon nach ein paar Schritten von etwas mit Zähnen und Klauen gefressen werden. Und wenn du ganz großes Pech hättest, würden dich vorher noch die Waldspinnen erwischen und ihre Eier auf dir ablegen.«

»Weshalb wäre das ganz großes Pech?«

»Du wärst noch am Leben, wenn die jungen Spinnen schlüpfen.«

»Das ist so ziemlich das Ekligste, das ich je gehört habe«, murmelte Shakespeare. Er zog einen Stift und einen Fetzen Papier aus der Tasche. »Das muss ich mir aufschreiben.«

Drei riesige schwarze, geierähnliche Vögel stiegen von gewaltigen Nestern in den Bäumen auf und flogen neben dem Vimana her. Scathach legte automatisch die Hände an ihre Schwerter, obwohl sie wusste, dass sie im Falle eines Angriffs nichts gegen die Tiere ausrichten konnte.

»Sie sehen aus, als hätten sie Hunger«, bemerkte Saint-Germain. Er beugte sich über Johanna, um aus dem Bullauge schauen zu können.

»Sie haben immer Hunger«, bestätigte Prometheus, »und auf der anderen Seite sind noch mal drei.«

»Sind sie gefährlich?«, fragte Scathach.

»Sie sind Aasfresser«, erklärte Prometheus. »Sie warten darauf, dass wir abstürzen, damit sie sich dann über uns hermachen können.«

»Sie gehen also davon aus, dass wir abstürzen?« Scathach beobachtete die Riesenvögel. Sie sahen aus wie Kondore, waren aber dreimal so groß wie jeder andere Kondor, den sie bisher gesehen hatte.

»Sie wissen instinktiv, dass jedes Vimana früher oder später abstürzt. Generationen dieser Viecher haben so viele Abstürze gesehen, dass sich dieses Wissen in ihnen festgesetzt hat.«

Plötzlich wurde der Bildschirm direkt vor dem Älteren schwarz, dann gingen bis auf eine nacheinander sämtliche rot blinkenden Lichter aus.

»Festhalten!«, rief Prometheus. »Und anschnallen!« Er riss den Steuerknüppel zurück und das Rukma Vimana stieg mit dröhnendem Motor fast senkrecht in die Luft. Es begann wieder zu vibrieren, und alles, was nicht festgezurrt war, flog in den hinteren Teil. Das Luftschiff stieg immer höher und aus den dünnen Wolkenfetzen wurden dicke, kompakte Wolkenberge. Im Luftschiff wurde es dunkel und plötzlich lief der Regen in Bächen über die Fenster. Die Temperatur sank. Der einzige noch funktionierende Bildschirm tauchte alles abwechselnd in rotes Licht und Dunkelheit.

Scathach ließ sich auf einen Sitz fallen, der nicht für menschliche Körperformen gemacht war. Sie umklammerte die Armlehnen so fest, dass das alte Leder brach. »Ich dachte, wir landen!«

»Ich steige so weit wie möglich auf«, knurrte Prometheus. Sein breites Gesicht war schweißüberströmt und leuchtete im Licht des Bildschirms gerade blutrot. Sein rotes Haar klebte an seinem Kopf.

»Aufsteigen?«, quiekte Scathach. Sie schluckte hart und versuchte es noch einmal. »Aufsteigen?« Jetzt klang ihre Stimme wieder normal. »Warum aufsteigen?«

»Damit wir, wenn der Motor den Geist aufgibt, noch ein Stück gleiten können«, antwortete Prometheus.

»Und wann wird das deiner Meinung nach –«

Es krachte und dann stank es in dem Vimana nach verbranntem Gummi. Kurz darauf hörte das leise Dröhnen des Motors auf.

»Und jetzt?«, fragte Scathach.

Prometheus lehnte sich in seinem für ihn viel zu kleinen Sitz zurück und verschränkte die Arme über dem breiten Brustpanzer. »Jetzt gleiten wir.«

»Und dann?«

»Dann geht’s abwärts.«

»Und dann?«

»Dann kommt der Aufprall.«

Scathach konnte einfach nicht aufhören. »Und dann?«

Prometheus grinste. »Dann werden wir sehen.«

KAPITEL FÜNF

Flamel wandte sich an den Japaner. »Niten, du bist der Top-Stratege hier. Was schlägst du vor?«

Niten stellte das Fernrohr auf die Insel in der Bucht ein und suchte sie von rechts nach links und von links nach rechts ab. »Hast du jemals mein Buch gelesen?«, fragte er und fuhr dann, ohne auf eine Antwort zu warten, fort: »Es gibt drei Möglichkeiten, einem Feind zu begegnen. Einmal das Tai No Sen, bei dem du wartest, bis er angreift, und dann den Gegenangriff startest. Beim Tai Tai No Sen stimmst du deinen Angriff auf seinen ab und ihr tretet gleichzeitig in den Kampf ein. Und dann gibt es natürlich noch das –«

»Ken No Sen«, ergänzte Prometheus, »bei dem du als Erster angreifst.«

Niten blickte den Älteren über die Schulter hinweg an. »Du hast tatsächlich gelesen. Ich fühle mich geschmeichelt.«

Prometheus grinste. »So war es nicht gemeint. Ich habe ein paar Fehler darin gefunden und Mars ist so ziemlich in allen Punkten anderer Meinung.«

»Kann ich mir vorstellen.« Niten wandte sich wieder dem Fernrohr zu. »Ken No Sen. Ich denke, wir sollten als Erste angreifen. Doch bevor wir loslegen, müssen wir wissen, womit wir es zu tun haben. Wir brauchen Augen auf der Insel.«

»Darf ich euch daran erinnern, dass wir nur zu viert sind?«, warf Prometheus ein.

»Ah.« Niten drehte sich zu den anderen um. »Aber ich gehe mal davon aus, dass unsere Feinde das nicht wissen.« Er lächelte. »Wir können sie in dem Glauben lassen, dass wir viel mehr sind.«

»Der Geist von Juan Manuel de Ayala ist auf der Insel«, sagte Perenelle. »Er ist für alle Ewigkeit an diesen Ort gebunden. Es gibt auch noch andere Geister dort. Sie haben mir bei der Flucht geholfen. Er würde uns helfen, da bin ich mir ganz sicher. Er würde alles tun, um seine Insel zu schützen.«

Niten lächelte. »Geister und Gespenster sind ausgesprochen nützlich, wenn es darum geht, jemanden abzulenken. Doch zum Bekämpfen der Ungeheuer brauchen wir etwas Greifbareres. Am besten etwas mit Zähnen und Klauen.«

Ein Furcht einflößendes Lächeln umspielte Perenelles Lippen. »Aber natürlich! Areop-Enap ist auch auf Alcatraz.«

Prometheus wirbelte herum. »Die Urspinne! Ich dachte, sie sei tot.«

»Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, hatte sie das Gift von Millionen Fliegen im Blut. Sie hat sich in einen harten Kokon eingesponnen, damit sie heilen kann. Aber sie lebt.«

»Wenn wir sie aufwecken könnten …«, murmelte Prometheus. »Sie ist …« Er schüttelte den Kopf. »Im Kampf ist sie eine schreckliche Gegnerin.«

»Wenn du Urspinne sagst«, begann Niten, »reden wir dann auch von einer großen Spinne?«

»Oh ja«, antworteten Nicholas und Perenelle gleichzeitig.

»Von einer sehr großen«, fügte Perenelle hinzu. »Und von einer mit unwahrscheinlichen Kräften.«

Prometheus schüttelte den Kopf. »Hier geht es um mehr als nur um die Verteidigung der Stadt, Nicholas. Wir müssen diese Ungeheuer vernichten. Und die Zeit arbeitet gegen uns. Ich kann dir garantieren, dass sämtliche Bestien der Westküste Amerikas bereits auf dem Weg hierher sind. Sämtliche Dunklen des Älteren Geschlechts einschließlich ihrer Diener sind unterwegs. Wir können es nicht gegen alle aufnehmen.«

»Das müssen wir auch nicht«, beruhigte Niten ihn voller Überzeugung. »Wir sollten uns einen nach dem anderen vornehmen. Aber zuerst wollen wir uns klarmachen, womit wir es zu tun haben.« Er wies mit dem Kinn zur Insel. »Die Dunklen des Älteren Geschlechts wollen, dass diese Kreaturen die Stadt in Angst und Schrecken versetzen. Wenn wir das verhindern können, haben wir ihre Pläne schon mal durchkreuzt. Und ja, es werden weitere nachkommen, aber das sind dann Einzelne und die stellen nun wirklich kein Problem für uns dar.«

»Und wer sagt denn, dass wir nur zu viert sind«, fragte Perenelle. »Bestimmt werden einige von ihnen an unserer Seite kämpfen, Unsterbliche wie wir oder solche, die friedlichen Älteren oder Angehörigen der nächsten Generation verpflichtet sind. Wir sollten Kontakt mit ihnen aufnehmen.«

»Wie denn?«, fragte Prometheus.

»Ich habe ihre Telefonnummern«, antwortete Perenelle.

»Tsagaglalal wird mit uns kämpfen«, fuhr Flamel fort, »und niemand kennt das Ausmaß ihrer Kräfte.«

Niten schüttelte den Kopf. »Sie ist eine alte Frau.«

»Tsagaglalal ist vieles«, widersprach Perenelle. »Es wäre ein Fehler, nur eine alte Frau in ihr zu sehen.«

»Wenn du ihre Nummern hast, ruf sie an«, entschied Niten. »Sie sollen alle herkommen.« Er wandte sich an den Älteren. »Prometheus, du bist ein Meister des Feuers. Kannst du Feuer auf die Insel regnen lassen?«

Der kräftige Ältere schüttelte traurig den Kopf. »Ich könnte schon, aber es wäre nur ein Nieselregen und er würde mein Ende bedeuten. Ich bin alt, Niten, und werde bald sterben. Mein Schattenreich existiert nicht mehr und ich besitze nur noch wenig Aura-Energie … sie reicht vielleicht gerade noch für ein letztes, glorreiches Auflodern.« Er lächelte grimmig. »Und das will ich mir bis ganz zum Schluss aufheben.«

Der unsterbliche Japaner nickte. »Das verstehe ich.«

»Wir könnten es mit einem Spähzauber versuchen«, schlug Perenelle vor.

Flamel schüttelte den Kopf. »Zu begrenzt und zu zeitaufwändig. Wir könnten nur das sehen, was sich in Glas oder Wasserpfützen spiegelt. Aber wir brauchen ein größeres Bild.« Er hielt kurz inne und grinste dann. »Erinnert ihr euch an Pedro?«

Perenelle blickte ihn verständnislos an, dann lächelte sie. »Pedro. Natürlich erinnere ich mich an Pedro.«

»Wer ist Pedro?«, wollte Niten wissen.

»Wer war Pedro?, musst du fragen. Pedro lebt schon seit fast hundert Jahren nicht mehr«, antwortete Perenelle.

»König Pedro von Brasilien?«, fragte Prometheus. »Pedro von Portugal? Der Entdecker und Erfinder?«

»Der Papagei«, erklärte Perenelle, »so genannt zu Ehren unseres wunderbaren Freundes Periquillo Sarniento. Wir hatten jahrzehntelang einen Gelbhaubenkakadu. Ich sage ›wir‹, obwohl er auf Nicholas fixiert war und mich nur toleriert hat. Wir fanden ihn als hilfloses Küken, als wir im neunten Jahrhundert nach den Ruinen von Nan Madol suchten. Fast achtzig Jahre war er bei uns.«

Prometheus schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, was das mit unserer Situation –«

Flamel tat, als hätte er den Einwand nicht gehört. »Papageien sind ganz außergewöhnliche Vögel«, fuhr er fort und streckte den linken Arm aus. In der salzigen Luft hing plötzlich ein Hauch von Minze. Er spitzte die Lippen und stieß einen leisen Pfiff aus. Wie aus dem Nichts erschien unter heftigem Geflatter ein ungewöhnlich schöner Sittich mit rotem Kopf und grünem Körper und ließ sich auf der ausgestreckten Hand nieder. Der Vogel legte den Kopf schräg und betrachtete Flamel mit großen Augen, eines silbern, das andere gold. Dann trippelte er langsam den Arm hinauf. Der Alchemyst strich ihm mit der Rückseite des Zeigefingers über die Brust. »Papageien sind ungewöhnlich intelligente Tiere. Und sie haben ausgesprochen gute Augen. Bei manchen Arten wiegen die Augen mehr als das Gehirn. Sie können ins infrarote und ins ultraviolette Spektrum sehen. Sogar Lichtwellen erkennen sie.«

»Alchemyst …«, drängte Prometheus.

Flamel konzentrierte sich ganz auf den Papagei und blies sacht über dessen irisierendes Gefieder. Der Vogel rieb seinen Kopf an Flamels Stirn und begann seine buschigen Augenbrauen zu putzen.

»Alchemyst!« Prometheus verlor langsam die Geduld.

»John Dee und seinesgleichen beobachten mit den Augen von Ratten und Mäusen«, erklärte Perenelle. »Im Lauf der Jahre hat Nicholas gelernt, mit Pedros Augen zu sehen. Es funktioniert durch einen einfachen Transferprozess. Man hüllt das Tier in seine Aura ein und dirigiert es dann vorsichtig in eine bestimmte Richtung.«

»Pedro hat uns mehr als einmal das Leben gerettet«, berichtete Flamel weiter. »Bald war es so, dass er schon beim geringsten Anflug von Dees Schwefelgestank anfing zu kreischen.« Er neigte den Kopf zu dem Pflaumenkopfsittich und der rieb den Schnabel an seiner Stirn und putzte dann Flamels kurz geschorenes Haar. »Würdest du mich jetzt bitte stützen, Prometheus?«, bat er. »Mir wird gleich ein bisschen schwindelig.«

»Warum?«, fragte Niten verdutzt.

»Ich werde gleich fliegen«, flüsterte der Alchemyst. Er legte den Kopf schräg und der Vogel machte es ihm nach. Einen Moment lang waren ihre Augen auf einer Höhe. Die salzige Luft roch plötzlich intensiv nach Minze und ein Zittern überlief den Sittich. Als Flamel ihn streichelte, hinterließen seine Finger schimmernde, auf dem grünen Gefieder des Vogels kaum zu erkennende grüne Streifen. Flamel schloss die Augen … und aus den Augen des Vogels wich fast alle Farbe.

Dann schlug der Vogel plötzlich mit den Flügeln und erhob sich in die Luft. Prometheus fing den Alchemysten auf, als der zu Boden sank.

KAPITEL SECHS

Seid ihr wirklich unsere Eltern?«, fragte Sophie.

»Was soll die Frage!«, raunzte Isis.

Sophie und Josh blickten sich an. Die Zwillinge saßen auf zwei schmalen Sitzen direkt hinter Isis und Osiris. Virginia Dare kauerte auf dem Boden hinter ihnen. Josh hatte ihr seinen Platz angeboten, doch sie hatte es vorgezogen, sich nicht anschnallen zu müssen. Sie tätschelte ihm die Wange, als sie ihm dankte, und bei der Berührung überlief es ihn heiß.

Richard Newman – Osiris – drehte sich um und lächelte. »Ja, wir sind wirklich eure Eltern. Und wir sind wirklich Archäologen und Paläontologen – zumindest in eurem Schattenreich. Alles, was ihr über uns wisst, stimmt.«

»Außer die Geschichte von Isis und Osiris, Herrscher über Danu Talis«, widersprach Josh. »Und die ganze Sache mit dem Altern und der Unsterblichkeit.«

Osiris lächelte noch breiter. »Ich habe gesagt, dass alles, was ihr über uns wisst, stimmt. Ich habe nicht gesagt, dass ihr alles über uns wisst.«

»Wie sollen wir euch nennen?«, erkundigte sich Sophie.

»So, wie ihr uns immer genannt habt«, antwortete Isis. Sie flog das Vimana aus Kristall und Gold. Ihre Hand mit den langen, schmalen Fingern lag flach auf einer Glasscheibe und sie dirigierte das Flugzeug mit winzigen Bewegungen von Daumen und Zeigefinger.

Sophie starrte auf den Hinterkopf der Frau. Sie sah aus wie ihre Mutter, redete wie ihre Mutter und bewegte sich wie ihre Mutter … und dennoch … Irgendetwas war anders, irgendetwas stimmte nicht. Sie schaute kurz zu ihrem Bruder hinüber und wusste instinktiv, dass er genau dasselbe dachte. Der Mann, der aussah wie ihr Vater, lächelte sie immer noch an. Und es war genau das Lächeln, das ihr aus ihrem Schattenreich, der Erde, so vertraut war: die Fältchen in den Augenwinkeln, kleine Einkerbungen an den Mundwinkeln. Die Lippen waren fest geschlossen, genau wie bei ihrem Vater. Der öffnete den Mund beim Lächeln auch nie. Sie hatte immer geglaubt, seine langen Eckzähne seien ihm peinlich. »Vampirzähne«, hatte er sie genannt, als sie klein war. Damals hatte sie darüber gelacht, doch jetzt lief es ihr bei dem Wort kalt über den Rücken.

»Ich glaube, ich nenne euch Isis und Osiris«, beschloss Sophie schließlich. Es fühlte sich stimmig an und aus dem Augenwinkel sah sie, dass Josh nickte.

»Wie du willst«, erwiderte Osiris freundlich. »Ihr habt sicher eine Menge zu verkraften. Wir bringen euch jetzt zurück in den Palast und dann esst ihr erst einmal etwas. Das macht die Sache leichter.«

»Palast?«, hakte Josh nach.

»Nur ein kleiner. Der größere steht in einem nahe gelegenen Schattenreich.«

»Dann seid ihr hier die Herrscher?«, fragte Virginia Dare von ihrem Platz auf dem Boden aus.

Bei der Frage huschte eine winzige Spur von Ärger über Osiris’ Gesicht. »Wir sind Herrscher, ja, aber nicht die obersten. Oberster Herrscher ist ein anderer.«

»Wenn auch nicht mehr lange«, warf Isis ein. Sie drehte den Kopf und lächelte ihren Mann an.

Osiris grinste, und dieses Mal waren die spitzen Eckzähne auf der Unterlippe zu sehen. »Nicht mehr lange«, bestätigte er. »Bald herrschen wir über diese Welt und alle anderen.«

»Dann sind wir definitiv auf Danu Talis«, sagte Josh, mehr zu sich selbst. Er hob den Kopf und blickte aus dem Fenster. Von seiner Seite des Vimanas aus sah er lediglich den Krater eines riesigen Vulkans, aus dem sich eine dünne, grauweiße Rauchfahne in den Himmel ringelte. »Der berühmte Ursprung sämtlicher Legenden über Atlantis.«

»Ja, das ist Danu Talis.«

»Zu welcher Zeit?«, wollte er wissen.

Osiris zuckte mit den Schultern. »Schwer zu sagen. Die Humani haben ihren Kalender so oft angeglichen und wieder angeglichen, dass eine präzise Zeitbestimmung unmöglich ist. Aber es dürften so ungefähr zehntausend Jahre vor eurer Zeit auf der Erde sein.«

»Vor unserer Zeit?«, fragte Josh. »Nicht auch vor eurer?«

»Unsere Zeit ist diese hier, Josh. Eure Welt ist lediglich ein Schatten von dieser.«

»Aber ihr habt doch auch in unserer Welt gelebt.«

»Wir haben in vielen Welten gelebt«, erklärte Isis, »und in vielen Zeiten.«

»Eure Mutter hat recht«, bestätigte Osiris. »Wir bewegen uns seit Jahrtausenden zwischen den Welten. Wahrscheinlich haben wir mehr Schattenreiche erkundet als jeder andere Ältere.«

»Dann gehört ihr also dem Älteren Geschlecht an?«, fragte Sophie.

»Ja.«

»Und was sind wir?«, wollte Josh wissen. »Sind wir auch Erstgewesene oder gehören wir zur nächsten Generation?«

»Das wird sich noch zeigen«, erwiderte Osiris. »Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es noch keine nächste Generation. Und wenn alles nach Plan läuft, wird es auch keine geben. Sie kam erst nach dem Untergang der Insel.«

»Wichtig ist nur, dass ihr jetzt hier seid und dass ihr beide erweckt und in etlichen Zweigen der Elementemagie ausgebildet wurdet«, befand Isis.

Das Luftschiff kippte leicht nach vorn und plötzlich tauchte vor und unter ihnen eine riesige, wie ein kreisförmiges Labyrinth angelegte Stadt auf. Kanäle und Wasserstraßen liefen um eine riesige Pyramide im Zentrum der Stadt herum und spiegelten das Sonnenlicht. Die Straßen waren voller Menschen und zwischen den Häusern standen immer wieder kleinere Pyramiden, auf deren Dächer Fackeln loderten oder Fahnen flatterten. Die Wohnhäuser, Paläste, Tempel und Villen waren in unzähligen verschiedenen Stilen erbaut. Um die Stadt herum zog sich ein breiter Gürtel aus niederen, halb verfallenen Gebäuden.

»Ist die groß«, flüsterte Josh.

»Die größte Stadt der Welt«, bestätigte Osiris stolz. »Und der Mittelpunkt der Welt.«

Josh wies auf die gewaltige Pyramide, um die herum die Stadt offensichtlich gebaut war, und auf den weitläufigen Palast dahinter. »Gehen wir dorthin?«

»Noch nicht.« Osiris lächelte. »Das ist der königliche Sonnenpalast und im Moment noch Sitz von Aten, dem Herrscher über Danu Talis.«

»Scheint ziemlich viel los zu sein …«, begann Josh.

Isis beugte sich plötzlich vor und das Vimana kippte abrupt ab. »Osiris!«, rief sie erschrocken.

Osiris drehte sich um, beugte sich ebenfalls vor und blickte hinunter auf die Pyramide. Über dem Palast kreuzten Vimanas in allen Größen und Formen und auf dem Boden nahmen Wachen in schwarzer Rüstung Aufstellung. Vor dem Gebäude hatte sich eine riesige Menschenmenge eingefunden und von den umliegenden Straßen strömten immer mehr Leute herbei.

Isis blickte ihren Mann von der Seite her an. »Sieht so aus, als sei während unserer Abwesenheit etwas passiert.«

»Bastet!«, zischte er. »Ich hätte wissen müssen, dass sie sich nicht heraushält. Planänderung. Wir landen. Um diese Sache müssen wir uns sofort kümmern.«

»Landen?«, fragte Isis. Doch aus dem Motorengebrumm des Vimanas wurde bereits ein leises Sirren und das Luftschiff schaukelte sacht über einem großen Marktplatz voller Stände mit bunten Markisen. Der ganze Platz wimmelte von kleinen, stämmigen, tief gebräunten Menschen. Die meisten trugen einfache weiße Wolltuniken oder weiße Hemden und Hosen. Ein paar blickten zu dem Vimana hinauf, aber niemand schenkte ihm besondere Beachtung. Zwei Anpu-Wachen in lederner Rüstung kamen mit Schildern und Speeren auf das Vimana zugerannt, doch als sie sahen, wer an Bord war, drehten sie sich auf dem Absatz um und verschwanden in einer Seitenstraße. Das Luftschiff wirbelte Staub auf, als es in der Mitte des Platzes landete.

»Virginia, ich lasse die Zwillinge in deiner Obhut«, sagte Osiris, als das Dach des Vimanas sich öffnete.

»In meiner Obhut?« Virginia Dare blinzelte überrascht.

Osiris nickte. »Genau.«

Isis drehte sich auf ihrem Sitz um und schaute von Sophie zu Josh. »Geht mit Virginia. Euer Vater und ich sind bald zurück, dann essen wir gemeinsam zu Abend und berichten uns gegenseitig, was seit unserem letzten Beisammensein passiert ist. Wir beantworten alle eure Fragen. Versprochen. Auf euch kommen aufregende Dinge zu. Man wird euch als Gold und Silber anerkennen. Man wird euch verehren. Ihr werdet herrschen. Und jetzt geht.«

Die Zwillinge lösten ihre Sicherheitsgurte und stiegen aus. Es war später Nachmittag. Sie atmeten tief durch, um den trockenen, metallischen Ozongeruch des Vimanas aus der Nase zu bekommen. Der Marktplatz war erfüllt von den verschiedensten Gerüchen, manche fremd und längst nicht alle angenehm. Es roch nach Früchten – zum Teil nach fauligen – und nach exotischen Gewürzen.

»Wohin geht ihr?«, fragte Virginia Osiris.

Osiris blieb in der Tür des Vimanas stehen. »Wir müssen in den Palast und ich will die Kinder nicht in Gefahr bringen.« Er zeigte auf eine goldene Turmspitze, die über die umliegenden Dächer hinausragte. Eine Fahne flatterte im Wind und das kunstvoll eingestickte Motiv erinnerte an ein Auge. »Da wohnen wir. Geht jetzt und wartet dort auf uns.« Er blickte sich auf dem Platz um. Die meisten Standbesitzer hatten sich dem großen, kahlköpfigen Mann zugewandt. Nicht allen gelang es, ihren Hass zu verbergen. Osiris ließ den Blick über die Menge schweifen. Er ließ sich Zeit dabei. Keiner der Umstehenden wollte den Blick erwidern. »Niemand wird euch etwas tun«, sagte er und seine Stimme schallte über den Platz. »Niemand wird es auch nur versuchen. Sie wissen alle, dass meine Rache schrecklich wäre.« Er beugte sich vor und legte eine Hand auf Virginias linke Schulter. Sie schüttelte sie sofort wieder ab. »Beschütze meine Kinder, Unsterbliche«, sagte er leise. »Sollte ihnen etwas zustoßen, wäre ich nicht erfreut. Und du auch nicht.«

Virginia Dare schaute Osiris in die Augen. Er senkte den Blick als Erster. »Ich mag keine Drohungen«, erwiderte sie ebenso leise.

»Oh, das war keine Drohung.«