Verlag: Aufbau digital Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Die grausamen Sterne der Nacht E-Book

Kjell Eriksson  

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E-Book-Beschreibung Die grausamen Sterne der Nacht - Kjell Eriksson

Ein älterer Herr, Petrarca Forscher und recht eigenwilliger Charakter, ist verschwunden. Seine Tochter Laura meldet ihn als vermisst. Zwei Bauern werden auf dem Land tot aufgefunden. Beide wurden erschlagen und ein Motiv ist nirgendwo erkennbar. Kommissarin Ann Lindell und die Kriminalpolizei von Uppsala sind ratlos. Erst der eigentlich nicht in den Fall eingebundene Kommissar Gusten Ander scheint Licht ins Dunkel bringen zu können. Ihn erinnern die Morde an eine berühmte Schachpartie …

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E-Book-Leseprobe Die grausamen Sterne der Nacht - Kjell Eriksson

Über Kjell Eriksson

Kjell Eriksson, geboren 1953, hat Erfahrungen in mehreren Berufen gesammelt. Er lebt in der Nähe von Uppsala. Für seinen ersten Kriminalroman um die Ermittlerin Ann Lindell »Den upplysta stigen« erhielt er 1999 den schwedischen »Krimipreis für Debütanten«. Sein Roman »Der Tote im Schnee« wurde zum »Kriminalroman des Jahres 2002« gekürt, eine Ehrung, die bereits Autoren wie Liza Marklund, Henning Mankell und Håkan Nesser bekommen hatten.

Informationen zum Buch

Ein älterer Herr, Petrarca Forscher und recht eigenwilliger Charakter, ist verschwunden. Seine Tochter Laura meldet ihn als vermisst. Zwei Bauern werden auf dem Land tot aufgefunden. Beide wurden erschlagen und ein Motiv ist nirgendwo erkennbar. Kommissarin Ann Lindell und die Kriminalpolizei von Uppsala sind ratlos. Erst der eigentlich nicht in den Fall eingebundene Kommissar Gusten Ander scheint Licht ins Dunkel bringen zu können. Ihn erinnern die Morde an eine berühmte Schachpartie …

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Kjell Eriksson

Die grausamen Sterne der Nacht

Ein Fall für Ann Lindell

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Paul Berf

Inhaltsübersicht

Über Kjell Eriksson

Informationen zum Buch

Newsletter

Polizeipräsidium Uppsala, September 2003

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Impressum

Polizeipräsidium Uppsala, September 2003

»Ist Ihr Vater in letzter Zeit öfter deprimiert gewesen?« Kriminalassistentin Åsa Lantz-Andersson sah zu Boden, sobald sie die Frage gestellt hatte. Die Frau, die ihr gegenüber saß, schaute sie derart fordernd an, dass es Lantz-Andersson schwerfiel, diesem Blick standzuhalten. Laura Hindersten schien mit ihm sagen zu wollen: Ich glaube nicht, dass ihr meinen Vater finden werdet, und zwar aus einem einzigen Grund: Ihr seid nichts weiter als eine Ansammlung inkompetenter Stümper, die man in Uniformen gesteckt hat.

»Nein«, sagte Laura Hindersten mit Nachdruck.

Åsa Lantz-Andersson seufzte. Ihr Schreibtisch war voller Ordner und Akten.

»Keine Anzeichen, dass er sich Sorgen gemacht hätte?«

»Nein, wie gesagt, er war eigentlich wie immer.«

»Was heißt: wie immer?«

Laura Hindersten lachte. Es war ein kurzes, trockenes Lachen, das die Polizistin an eine ihrer Vorschullehrerinnen erinnerte, die den Kindern das Leben schwergemacht hatte. Auch in deren Lachen hatte Hochmut mitgeschwungen, der sich mit Verbitterung darüber mischte, solche idiotischen Schüler ertragen zu müssen.

»Mein Vater ist Universitätsdozent und Forscher und widmet all seine Zeit seinem Lebenswerk.«

»Und das wäre?«

»Es würde zu weit führen, hier darauf näher einzugehen, aber um es kurz zu machen, kann ich Ihnen sagen, dass er einer der führenden Petrarca-Experten des Landes ist.«

Åsa Lantz-Andersson nickte.

»Ich verstehe«, sagte sie.

Laura Hindersten ließ erneut ihr trockenes Lachen hören.

»Er hat also letzten Freitag das Haus verlassen. Hat er Ihnen etwas über seine Pläne für diesen Tag gesagt?«

»Leider nicht. Wie gesagt, als ich von der Arbeit nach Hause kam, war er verschwunden. Kein Zettel auf dem Küchentisch, keine Eintragung in seinem Kalender, ich habe nachgeschaut.«

»Deutet etwas darauf hin, dass er eine Tasche gepackt oder Sachen mitgenommen hat?«

»Nein, soweit ich es beurteilen kann, nicht.«

»Sein Pass?«

»Liegt noch in seinem Schreibtisch.«

»Ihr Vater ist siebzig Jahre alt. Gibt es irgendwelche Anzeichen von geistiger Verwirrung bei ihm, dass er …?«

»Falls Sie andeuten wollen, dass er senil oder verrückt geworden ist, irren Sie sich gründlich. Sein Intellekt ist ungebrochen.«

»Das hört man natürlich gern«, sagte Åsa Lantz-Andersson. »Geht er regelmäßig spazieren, und wenn ja, wo? Der Stadtwald liegt nicht weit weg.«

»Er geht überhaupt nicht spazieren.«

»Gibt es irgendwelche Zwistigkeiten in der Familie? Haben Sie sich vielleicht gestritten?«

Laura Hindersten saß ganz still, blickte für einen Moment zu Boden, und Åsa Lantz-Andersson glaubte zu hören, dass sie etwas vor sich hin murmelte, ehe sie von neuem aufsah. Laura Hinderstens Stimme war jetzt eiskalt. Sie versuchte erst gar nicht mehr, kooperativ zu klingen.

»Wir haben uns sehr nahegestanden, falls Sie in der Lage sein sollten, sich das vorzustellen.«

»Warum sollte ich nicht?«

»Ihre Arbeit dürfte nicht besonders erbaulich sein.«

»Ja, da haben Sie vollkommen recht«, erwiderte Åsa Lantz-Andersson lächelnd. »Es ist eine deprimierende und banale Beschäftigung, aber wir werden natürlich alles tun, was in unserer Macht steht, um Ihren Vater zu finden.« Sie legte ihre Notizen zusammen, wartete einen Moment und stand dann auf. »Vielen Dank«, sagte sie und streckte die Hand aus.

Laura Hindersten blieb sitzen.

»Wollen Sie nicht …?«

»Vielen Dank«, wiederholte Åsa Lantz-Andersson, »wie gesagt, wir tun, was wir können.«

»Vielleicht ist er ja ermordet worden.«

»Wie kommen Sie darauf?«

Laura Hindersten erhob sich. Ihr schmaler Körper wirkte zerbrechlich. Sie schwankte einen Moment. Lantz-Andersson streckte helfend ihre Hand aus. Das aufgeblasene Benehmen ist nur eine Maske, dachte sie und hatte auf einmal ein schlechtes Gewissen und Mitleid mit der Frau.

Laura Hindersten war fünfunddreißig, wirkte jedoch älter. Vielleicht lag es an ihrer Kleidung, einem grauen Rock und einer altfränkischen, beigen und halblangen Jacke, denn ihr Gesicht war noch das einer jungen Frau. Es gab keine grauen Strähnen in den kräftigen dunklen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, im Gegenteil, Åsa Lantz-Andersson sah durchaus neidisch, dass die Haare der Frau glänzten.

Das schmale Gesicht war blass. Die etwas zu großen Schneidezähne ließen einen an ein Nagetier denken, vor allem wenn sie lachte, aber viele würden sicher der Meinung sein, dass Laura Hindersten eine attraktive Frau war. Sie hatte hellblaue Augen unter kräftigen, dunklen Augenbrauen und glatte Haut; die zierlichen Ohren, die eng am Kopf anlagen, waren klassisch gerundet und ähnelten kleinen Schnecken.

Das Foto ihres Vaters, ein paar Jahre alt, lag auf dem Schreibtisch und verriet, dass Laura einige seiner Gesichtszüge geerbt hatte.

»Eine Frage noch: Gab es eine Frau, die Ihrem Vater nahestand?«

Laura schüttelte den Kopf und verließ wortlos den Raum. Åsa Lantz-Andersson war überzeugt, dass man den Mann nicht lebend wiederfinden würde. Drei Tage waren seit seinem Verschwinden verstrichen. Nach vierundzwanzig Stunden konnte man noch optimistisch sein, nach zwei Tagen standen die Chancen fünfzig zu fünfzig, aber Ende September gab es nach drei Tagen erfahrungsgemäß kaum mehr Hoffnung.

Åsa Lantz-Andersson versuchte neue Möglichkeiten zu überdenken, kam jedoch rasch zu dem Schluss, es gab keine. Sie waren alle möglichen Erklärungen durchgegangen. Bereits am Samstag war die gesamte Nachbarschaft der Hinderstens befragt worden. Ein Suchtrupp hatte erfolglos den nahe gelegenen Stadtwald durchforstet. Das einzige, was man bei der Aktion gefunden hatte, versteckt unter einer Tanne, war Diebesgut von einem Einbruch am Sveavägen gewesen.

Universitätsdozent Ulrik Hindersten war wie vom Erdboden verschluckt. Er war von niemandem und nirgends gesehen worden, weder von den Nachbarn noch in den wenigen umliegenden Kiosken oder Geschäften.

Am Institut für Literaturwissenschaft, an dem Hindersten früher tätig gewesen war, das er mittlerweile jedoch nur noch etwa einmal im Monat besuchte, zeigte man sich wenig bestürzt über sein Verschwinden. Åsa Lantz-Andersson hatte mit einem seiner ehemaligen Kollegen gesprochen, der keinen Hehl daraus gemacht hatte, dass er den pensionierten Universitätsdozenten verabscheute.

»Er war eine richtige Nervensäge«, hatte er seine Ansichten zusammengefasst.

Die Befragung der Nachbarschaft hatte sie auch nicht weitergebracht. Im Grunde schien kein Mensch den verschwundenen alten Mann zu vermissen.

»Der Alte hat sich bestimmt in seinem eigenen Garten verlaufen«, meinte der direkte Nachbar leichthin.

Der Mann war Professor in einem Fach, von dem Lantz-Andersson noch nie gehört hatte, aber es ging dabei irgendwie um Physik, soviel hatte sie immerhin verstanden.

Sie las sich ihre Notizen noch einmal durch. Ulrik Hindersten war seit gut zwanzig Jahren Witwer und lebte seither allein mit seiner Tochter. Weder Ulrik noch Laura Hindersten waren polizeilich aktenkundig oder wegen Zahlungsversäumnissen beim Gerichtsvollzieher gemeldet.

Soweit es sich beurteilen ließ, stand ihr Haushalt auf soliden Füßen. Ulrik bezog eine recht komfortable Pension, und Lauras Arbeit brachte ihr einen Monatslohn von über dreißigtausend Kronen ein. Das Haus war seit Jahren abbezahlt.

Åsa Lantz-Andersson ging von drei möglichen Erklärungen aus: Ulrik Hindersten hatte entweder Selbstmord begangen oder sich verirrt und war an Erschöpfung oder einer Krankheit gestorben, oder aber jemand hatte ihn, eventuell bei einem Raubüberfall, umgebracht.

Hätte sie auf eine der drei Möglichkeiten tippen müssen, wäre ihr die zweite am wahrscheinlichsten erschienen. Sie schloss die Akte in dem Gefühl, dass es noch eine ganze Weile dauern konnte, bis sie erfuhr, ob sie richtig getippt hatte.

1

»Manfred Olsson.«

»Guten Morgen, hier spricht Ann Lindell von der Kriminalpolizei Uppsala. Entschuldigen Sie bitte die frühe Störung.«

Sie nahm das Telefon in die rechte Hand und schob die ausgekühlte linke in die Jackentasche.

»Aha, worum geht’s?«

Manfred Olssons Stimme klang etwas reserviert.

»Wir müssen Sie in einer bestimmten Angelegenheit sprechen«, begann Lindell ungewöhnlich vage.

»Geht es um den Wagen?«

»Nein, wieso, haben Sie …«

»Vor vierzehn Tagen ist mein Auto gestohlen worden. Haben Sie es gefunden?«

»Es geht nicht um Ihr Auto.«

Ann Lindell lehnte sich an die Wand. Die aufgehende Sonne wärmte ihren fröstelnden Körper. Schon beim Aufwachen hatte sie gefroren, und an einem kalten Morgen Ende Oktober auf einen zugigen Hof gerufen zu werden machte die Sache nicht besser.

Die Blätter eines Ahorns leuchteten in gelbroten Farbtönen. An manchen Stellen hatten kleine schwarze Pilzsporen sie verfärbt, so dass eine Verbindung entstanden war, die einem den unendlichen Reichtum der Vegetation, aber auch Wehmut und Vergänglichkeit vergegenwärtigte. Vereinzelte Schneeflecken zeigten, dass der Winter dieses Jahr früh gekommen war.

Ola Haver trat aus dem Haus, entdeckte Lindell und nickte ihr zu. Er sah müde aus. Vorhin hatte er kurz erwähnt, dass sowohl die Kinder als auch seine Frau schwer erkältet waren.

Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ihr Kollege den Anblick toter Menschen nur schwer ertragen konnte, weil er als Jugendlicher miterleben musste, wie sein Vater – von einer Wespe in den Hals gestochen – beim Abendessen zusammengebrochen und innerhalb weniger Minuten gestorben war.

»Kennen Sie einen gewissen Petrus Blomgren?« fuhr Lindell fort.

»Nein, nicht dass ich wüsste«, sagte Manfred Olsson. »Sollte ich?«

Im Hintergrund waren Stimmen zu hören. Es klang, als liefe der Fernsehapparat.

»Was machen Sie beruflich?«

»Alarmanlagen«, erklärte Olsson knapp. »Wieso?«

»Wir haben einen Zettel mit Ihrer Telefonnummer bei einem gewissen Petrus Blomgren gefunden. Er muss sie irgendwoher bekommen haben.«

Manfred Olsson blieb stumm.

»Sie können sich das nicht erklären?«

»Nein, wie gesagt.«

»Kennen Sie sich in Jumkil aus?«

»Nein, das kann ich nicht behaupten. Ich weiß, wo es liegt. Worum geht es denn eigentlich? Ich muss gleich los.«

»Wo arbeiten Sie?«

»Ich bin selbständig. Ich will … das spielt doch im Grunde keine Rolle.«

Nein, dachte Lindell und lächelte mitten in all dem Elend, es spielt keine Rolle. Jetzt nicht und vielleicht auch später nicht.

»Sind Sie in letzter Zeit einmal in Jumkil gewesen?«

»Ich war dort mal auf einer Hochzeit, aber das ist jetzt bestimmt schon zehn Jahre her.«

»Sie installieren Alarmanlagen, nicht wahr. Haben Sie vor kurzem eine Anfrage aus Jumkil bekommen?«

»Nein, daran kann ich mich nicht erinnern.«

»Vielen Dank«, sagte Lindell. »Wir werden uns möglicherweise noch einmal bei Ihnen melden und Sie bitten, sich ein Foto anzusehen.«

»Er ist tot, was? Dieser Blomgren, meine ich.«

»Ja.«

Sie beendete das Gespräch. Ein plötzlicher Windstoß wirbelte die Blätter zu ihren Füßen auf.

»Nichts«, sagte Lindell zu Haver, der zu ihr gekommen war. »Er wusste überhaupt nichts, weder über Jumkil noch über Blomgren.«

»Wir haben einen Brief gefunden«, sagte Ola Haver. »Einen Abschiedsbrief.«

»Wie bitte? Den Blomgren geschrieben hat?«

»Sieht ganz so aus.«

Lindell seufzte.

»Willst du mir etwa sagen, er hat vorgehabt, sich das Leben zu nehmen, ist aber nicht mehr dazu gekommen?«

Ola Haver fing plötzlich an zu lachen. Lindell sah ihn an. Ein Kollege von der Schutzpolizei blickte auf. Haver verstummte ebenso plötzlich wieder.

»Entschuldige bitte«, sagte er, »aber manchmal ist das alles einfach nur zum Kotzen. Du hast rote Flecken am Rücken. Du darfst dich nicht so an die Wand lehnen.«

Er klopfte ihre helle Jacke ab.

»Die ist neu, nicht?«

Lindell nickte. Sie spürte die kraftvollen Handbewegungen auf Schultern und Rücken. Es war kein unangenehmes Gefühl. Sie wärmten. Lindell hätte ihren Kollegen am liebsten geboxt, hielt sich aber zurück.

»So«, sagte er, »sieht schon besser aus.«

Lindell schaute sich um. Wieder einmal waren sie vor Ort. Höfe, Treppenhäuser, Keller, Wohnungen. Absperrungen, Scheinwerfer, Schutzschirme, Messbänder, blitzende Kameras, Kreidestriche auf Holzböden, Parkett, Betonboden und Asphalt. Die Stimmen der Kollegen und knisternde Sprechfunkgeräte. Schritte im Dunkeln, im Sonnenlicht, in herbstlichem Schmuddelwetter und frühlingshafter Wärme. Gegenstände, die aufgestellt, aufgehängt worden waren, zur Verzierung und Freude, zur Erinnerung. Briefe, Tagebücher, Kalender, Notizen und Einkaufslisten. Stimmen aus der Vergangenheit, auf Videokassetten und Anrufbeantwortern.

Haver redete weiter über den Brief, verstummte jedoch, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte.

»Du hörst mir wohl gar nicht zu?«

»Entschuldige bitte«, erwiderte Lindell, »aber ich musste an etwas denken.«

»Die Aussicht?«

»Ja, die Aussicht, unter anderem jedenfalls.«

Die Aussicht war tatsächlich das erste gewesen, was ihr an diesem Ort aufgefallen war.

»Er wohnte schön hier«, sagte sie. »Aber jetzt erzähl mir von dem Brief.«

»Er ist kurz, nur ein paar Zeilen, und ein bisschen seltsam formuliert.«

»Und Blomgren hat ihn selber geschrieben?«

»Das wird sich noch zeigen«, sagte Haver, »aber ich glaube schon.«

»Sollte jemand beabsichtigt haben, den Mord wie einen Selbstmord aussehen zu lassen, hätte er es jedenfalls ungewöhnlich ungeschickt angestellt.«

»Und den Mann nicht mit mehreren Schlägen auf den Hinterkopf getötet«, ergänzte Haver und sah zu der Scheune hinüber, in der jemand Petrus Blomgren niedergeschlagen hatte.

»Da war Wut im Spiel«, sagte er. »Er hat ziemlich was abbekommen.«

»Vielleicht war es ja Ottosson? Hat er nicht hier in der Gegend ein Sommerhaus?«

»Willst du mal gucken?« sagte Haver und ging Richtung Eingangstreppe.

Sie schielten zur Scheune hinüber, in der die Kriminaltechniker arbeiteten. Petrus Blomgrens Fuß war in der Toröffnung zu sehen.

Lindell war bereits kurz im Haus gewesen, dann aber wieder hinausgegangen, um die Nummer anzurufen, die sie auf einem Zettel gefunden hatten. Petrus Blomgren war offenbar ein ordnungsliebender Mensch gewesen. Vielleicht kommt auch der Pflegedienst regelmäßig vorbei, dachte Lindell, als sie und Haver erneut die Küche betraten. Alles war an seinem Platz. Kein schmutziges Geschirr. Eine Kaffeetasse mit Untertasse, ein Messer, ein tiefer Teller und ein paar Schüsseln standen ordentlich im Abtropfgestell.

Auf dem Tisch gab es nur einen Salzstreuer und eine Zeitung. Die Wachstuchdecke war sauber. Auf der Fensterbank standen ein paar Topfpflanzen und eine Vase mit den letzten Herbstblumen, zwei, drei Zweigen Goldrute und einer Schmerwurzel.

»Wurde er von einem Pflegedienst betreut?« fragte Lindell.

»Schon möglich. Du meinst, weil alles so sauber und ordentlich ist?«

»Ja, bei einem alleinstehenden alten Mann sieht es im allgemeinen anders aus.«

»Hier liegt der Brief«, sagte Haver und zeigte auf die Arbeitsfläche neben dem Herd.

Lindell wunderte sich, dass sie das weiße Blatt vorhin nicht gesehen hatte. Es lag neben der Kaffeemaschine, allerdings halb vom Brotkorb verdeckt.

Sie beugte sich vor und las:

»Jetzt ist es wieder einmal Herbst. Der erste Schnee. Meine Entscheidung treffe ich ganz allein. So ist es immer schon gewesen. Ich habe all meine Entscheidungen allein treffen müssen. Man gelangt schließlich an einen Punkt. Es tut mir leid, dass ich mich nicht immer richtig verhalten habe, wie man es eigentlich tun sollte. Ein letzter Wille: Ich möchte Euch bitten, den alten Ahorn nicht zu fällen. Noch nicht. Lasst ihn stehen, bis er von alleine umstürzt. Mein Großvater hat ihn gepflanzt. Es ist nicht besonders schön, sich zu erhängen, aber ich weiß mir keinen anderen Rat. Ich habe mein Leben gelebt.«

Der Brief war mit Petrus Blomgren unterzeichnet.

»Warum hat er den Brief hierher gelegt und nicht auf den Tisch?« überlegte Haver.

»Hast du das Blatt gesehen, das am Fenster hängengeblieben ist?« fragte Lindell und zeigte darauf. »Es kommt einem vor wie ein letzter Gruß vom Ahorn.«

Ein gelbes Blatt klemmte zwischen den Fenstersprossen. Es flatterte ein wenig im Wind, schlug mehrmals lautlos gegen das Glas, um anschließend davonzufliegen und sich mit dem übrigen Herbstlaub zu vereinen, das über den Hof wirbelte.

Haver sah sie an.

»Er wollte sterben, aber der Baum sollte weiterleben dürfen«, sagte sie. »Schon seltsam.«

»Hat er vielleicht geahnt, dass der Mörder ihn erwartete?«

Lindell schüttelte den Kopf.

»Dann hätte er doch sicher keinen Abschiedsbrief geschrieben, oder?«

»Die Nachbarin, die uns gerufen hat, meinte, dass Blomgren allein gelebt hat. Schon immer.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Zu Hause«, sagte Haver und nickte in Richtung eines Hauses, das etwa hundert Meter entfernt stand. »Bea spricht gerade noch einmal mit ihr.«

»Hat sie etwas beobachtet?«

»Nein, eigentlich nicht. Ihr war nur aufgefallen, dass das Tor zur Straße offenstand. Sie sagt, er hat immer darauf geachtet, dass es geschlossen ist. Ihr war sofort klar, dass etwas nicht stimmte.«

»Ein Gewohnheitstier.«

»Ein ordnungsliebender Mensch«, sagte Haver.

»Der keine Ordnung in sein Leben bekam«, erwiderte Lindell und trat ans Fenster.

»Wie alt dieser Baum wohl ist?«

»Bestimmt hundert Jahre«, sagte Haver, ein wenig ungeduldig wegen Lindells Nachdenklichkeit, obwohl er nur zu gut wusste, dass es sinnlos war, in Hektik zu verfallen. Für Blomgren spielte es ohnehin keine Rolle mehr.

»War es vielleicht ein Raubmord?« fragte Lindell schnell. »War er einer dieser alten Männer, die eine ganze Kommode voller Geld haben?«

»Wenn ja, dann muss der Mörder jedenfalls haargenau gewusst haben, wo er zu suchen hatte«, meinte Haver. »Die Kriminaltechniker sagen, dass nichts durchwühlt worden ist.«

»Wusste er, dass Blomgren zur Scheune hinausgehen würde? Das ist doch eine Scheune, oder?«

Haver nickte.

»Oder hat er sich dort herumgetrieben und ist überrascht worden, als der Alte mit einem Seil in der Hand angedackelt kam?«

»Die Frage sollten wir der Nachbarin stellen. Sie scheint so ein Mensch zu sein, der alles im Blick hat.«

Sie wussten beide, dass Beatrice Andersson am besten geeignet war, Blomgrens Nachbarin zu vernehmen. Wenn Beatrice etwas wirklich gut konnte, dann sich mit älteren Frauen unterhalten.

»Wer ist denn der glückliche Erbe?«

Sammy Nilssons Frage unterbrach die Stille, die sich in der Küche eingestellt hatte. Er war ins Haus gekommen, ohne dass Haver oder Lindell es bemerkt hätten.

Haver sagte nichts, warf ihm jedoch einen schwer zu deutenden Blick zu.

»Störe ich?« fragte Sammy.

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Lindell.

»Wir wollen hoffen, irgendein völlig abgebrannter, verzweifelter Neffe«, fuhr Sammy fort. Lindell versuchte zu lächeln.

»Schau mal da an dem Brotkorb«, sagte sie.

Ihr Kollege ging zu der Arbeitsfläche und las murmelnd den Abschiedsbrief.

»Das ist ja ein Ding«, sagte er.

Ein Windstoß unterstrich die Worte. Alle schauten zum Fenster hinaus. Draußen wirbelte ein Blätterregen vom Baum auf die Erde. Lindell kam es vor, als hätte der Ahorn beschlossen, an diesem Tag all seine Blätter abzuschütteln.

»Ein Denker«, meinte Sammy Nilsson.

»Ich frage mich, was er gestern abend gedacht hat«, sagte Haver.

»Das werden wir wohl leider nie erfahren«, erwiderte Sammy und las sich den Brief noch einmal durch.

Lindell ging in das Zimmer hinter der Küche. Hätte sie vorher raten sollen, wie es dort aussah, hätte sie wahrscheinlich neun von zehn möglichen Punkten erreicht. In dem Raum standen eine alte Ausziehcouch mit mattrotem Bezug, mit Sicherheit aus den dreißiger Jahren, und ein Sessel im gleichen Ton, ein Fernsehapparat auf einem Tisch mit Marmorplatte, zwei Stühle um einen kleinen Pfeilertisch und ein Regal mit Büchern. Auf dem niedrigen Tisch vor der Couch lag nichts außer der Fernbedienung für den Fernseher.

Trotz des Fehlens jeglicher Überraschungen war es ein sehr persönliches Zimmer. Lindell hatte das Gefühl, dem Toten näherzukommen, weil sie ahnte, dass Petrus Blomgren hier alleine seine Abende verbracht hatte. Er hatte bestimmt in dem Sessel gesessen, dessen Sitzfläche gründlich abgewetzt war und dessen Armlehnen schon ganz fadenscheinig waren.

Sie ging zum Bücherregal, in dem vor allem ältere Bücher standen. Einige Titel kannte sie aus ihrem Elternhaus. Die Bände waren mit einer Staubschicht bedeckt. Soweit sie sehen konnte, war das Regal schon länger nicht mehr angerührt worden.

Der linke Teil des Regals bestand aus einem Schränkchen. Der Schlüssel steckte. Sie stupste die Tür mit einem Stift auf und sah, dass auf den beiden Einlegeböden zum einen ein Buch lag, das nach einem Fotoalbum aussah, und zum anderen ein Band mit der Aufschrift Upplands Pferdezüchtervereinigung.

Offenbar war nichts angerührt worden. Falls sie es tatsächlich mit einem Raubmord zu tun hatten, war der Täter äußerst umsichtig vorgegangen.

»Das wird sich Allan anschauen müssen«, rief sie zur Küche gewandt und schaute sich um, konnte jedoch nichts Bemerkenswertes entdecken.

»Er kommt gleich«, meinte Sammy Nilsson.

Haver hatte die Küche verlassen. Sammy Nilsson stand im Raum und stierte zum Fenster hinaus. Lindell beobachtete ihn von hinten und stellte fest, dass seine Haare schütter wurden. Er wirkte ungewöhnlich nachdenklich. Das sanfte Morgenlicht beleuchtete eine Gesichtshälfte, und Lindell hätte sich gewünscht, eine Kamera zur Hand zu haben.

»Was hältst du eigentlich von dem neuen, Morgansson?«

»Er macht einen guten Eindruck«, sagte Lindell.

Charles Morgansson gehörte erst seit ein paar Wochen zur Spurensicherung. Er war aus Umeå gekommen, wo er einige Jahre gearbeitet hatte. Eskil Ryde, der Chef der Spurensicherung, hatte Morgansson im einzigen freien Kämmerchen der Abteilung untergebracht, und Morgansson hatte eine Bemerkung über Tierverschläge gemacht, danach jedoch vor allem geschwiegen. Seine wortkarge Art reizte einige Leute, während sie andere neugierig machte, aber alles in allem hatte sich der neue Mann gut eingelebt. Dies war sein erster Mordfall in Uppsala.

»Hast du etwas Neues über Rydes Zukunftspläne gehört?«

»Nein«, sagte Lindell, die sich erst gestern mit Eskil Ryde über seinen Entschluss unterhalten hatte, den Dienst bei der Spurensicherung zu quittieren und in den Vorruhestand zu treten, aber dies war ein Thema, über das sie mit Sammy Nilsson nicht sprechen wollte.

»Anita fand seinen Hintern knackig«, meinte Nilsson.

»Welchen Hintern?«

»Morganssons.«

»Vergiss seinen Hintern mal einen Moment«, sagte Lindell müde. »Wir ermitteln hier in einem Mordfall.«

»Ich versuche doch nur …«

»Vergiss es! Übernimmst du die obere Etage? Ich werde mich draußen ein wenig umsehen. Sag Allan, er soll sich das Wohnzimmer vornehmen.«

Fast zwei Stunden hatten die Kriminaltechniker Jönsson und Mårtensson das Wohnhaus unter die Lupe genommen. Jetzt waren die Kriminalpolizisten an der Reihe, aber Lindell fiel es schwer, in Petrus Blomgrens Haus zu bleiben. Warum das so war, wusste sie nicht zu sagen, aber es war mehr als das beklemmende Gefühl, das sie üblicherweise im Zuhause eines Menschen beschlich, den ein gewaltsamer Tod ereilt hatte. Vielleicht tut mir ein wenig frische Luft ganz gut, dachte sie und ging auf den Hof hinaus.

Die Quecksilbersäule hatte am Morgen minus fünf Grad angezeigt, aber jetzt kündigte sich Tauwetter an. Die ungewöhnlich kalten Tage sollten von einer Warmfront abgelöst werden, und der Oktober würde mit etwas normaleren Temperaturen zu Ende gehen.

Sie bog um die Hausecke und gelangte in den Windschatten. Ein paar Johannisbeersträucher mit verschrumpelten Blättern und einzelnen, vertrockneten Beeren an den Zweigen erinnerten sie an eine entschwundene Zeit. So ging es ihr immer, wenn sie aufs Land hinauskam. Jeder Hausgiebel, jeder Holzschuppen und jeder Haufen mit Ästen und altem Gras ließ sie an Gräsö zurückdenken. Das war ihre Strafe, so empfand sie es jedenfalls. Sie wusste, dass sie damit leben musste. Jeder Mensch hatte seine schmerzhaften Erinnerungen. Dies war ihre Pein.

Sie seufzte, zupfte eine Beere ab, die sie sich in den Mund steckte, und schaute sich um. Es gab nichts Bemerkenswertes: eine Handvoll uralter Apfelbäume, ein Beet mit erfrorenen Blumen an der Hauswand und eine verrostete Leiter, die am Hausgiebel hing. Lindell sah sich die Leiter und die Halterungen, in denen sie hing, etwas genauer an. Sie schien schon lange nicht mehr angerührt worden zu sein.

Hinter dem Haus türmte sich ein Steinhaufen auf, der die Phantasie anregte. Große Blöcke lagen dort aneinandergewälzt, als würden sie einen Ringkampf bestreiten. Einstmals Feinde vertrugen sie sich nun. Altersschwer, überzogen mit Moos und Tüpfelfarn, waren sie erschöpft in ihrem Kampf erstarrt und stützten sich gegenseitig.

Petrus Blomgren hatte in unmittelbarer Nähe des Steinhaufens einen Baum gepflanzt. Lindell berührte den glatten, gestreiften Stamm. Unter der lichten Krone stand ein vergessener Stuhl. Lindell glaubte den alten Mann dort in der Kühle sitzen zu sehen, die von den Steinen ausging, über Entscheidungen nachgrübelnd, die er einsam treffen musste. Hatte er das nicht in dem Brief geschrieben: Er habe seine Entscheidungen immer alleine treffen müssen?

Welches Motiv konnte jemand haben, einen alten Mann wie ihn zu erschlagen? Lindell blieb stehen, atmete tief durch und holte ihren kürzlich erworbenen Notizblock heraus, für den sie sich ein wenig schämte. Sie hatte im Sommer einen Krimi gelesen, den ersten seit vielen Jahren, dessen Hauptfigur einen Notizblock besaß, in dem alles von Interesse festgehalten wurde. Anfangs hatte Lindell das albern gefunden, aber nach vollendeter Lektüre waren ihre Gedanken immer wieder zu dem kleinen Notizblock zurückgekehrt, und als sie einmal zufällig an einer Buchhandlung vorbeikam, hatte sie einen solchen Block für zweiunddreißig Kronen erstanden. Inzwischen trug sie ihn immer bei sich und fand das richtig professionell, auch wenn sie ihre Arbeit mit Block sicher nicht besser machte als ohne.

Sie hatte Ottosson von ihrem neuen Hilfsmittel erzählt, und er hatte herzlich gelacht, vor allem über ihren Gesichtsausdruck, dann jedoch gemeint, sie könne die Quittung gerne einreichen, er werde mit Vergnügen die Erstattung der Anschaffungskosten für den neuen Helfer veranlassen.

Jetzt schrieb sie »Motiv« und lächelte in sich hinein. Anschließend listete sie die verschiedenen finanziellen Motive auf, die sie sich vorstellen konnte, übersprang Eifersucht, notierte jedoch »Streit in der Nachbarschaft«, »missglückter Einbruch« und schließlich »Zufall«.

Wofür letzteres stand, wusste Lindell auch nicht genau, aber sie war erfahren genug, um zu wissen, dass viele Verbrechen, auch solche, bei denen Gewalt eine Rolle spielte, das Ergebnis zufälliger Umstände waren.

Sie hörte auf der Landstraße ein Auto anhalten und nahm an, dass Allan Fredriksson gekommen war. Das ist bestimmt eine Ermittlung nach seinem Geschmack, dachte sie, er liebt doch die Landluft. Der Waldschrat der Kriminalpolizei.

Wer war Petrus Blomgren? Wie hatte er gelebt? Sie bog um die nächste Hausecke. Der Ort strahlte Ruhe aus, aber mehr noch Einsamkeit, nicht zuletzt um diese Jahreszeit, Ende Oktober. Im Mai sah alles sicher ganz anders aus, optimistischer. Jetzt machte die Natur Pause, warf die Blätter ab, begann ihren Winterschlaf. Sie blieb stehen und schaute in die Vegetation, die das Haus umgab. Nichts rührte sich. Der Wind hatte sich gelegt. Sie sah Trauerkränze vor sich. Tannengrün. Glocken, die an einem Herbsttag erbärmlich läuteten über einer Gemeinde, die sich aneinanderdrängte und möglichst wenig bewegte.

Lass dich davon nicht einlullen, dachte sie. Du hast keine Zeit, den Kopf hängenzulassen.

Sie musste sich ein Bild von Petrus Blomgrens Leben machen, um zu verstehen, wie er gestorben war. Sein Abschiedsbrief war der Herbstgruß eines Menschen, der jede Hoffnung aufgegeben hatte. Es war Ironie des Schicksals, dass er nicht mehr dazu gekommen war, sich das Leben zu nehmen.

Lindell ging über den Hof, als Fredriksson durch das Tor trat.

»Mann, knapp siebzig, bei uns nicht aktenkundig, alleinstehend, erschlagen in der Scheune, keine Anzeichen für einen Raubüberfall«, fasste Lindell die Lage für ihren Kollegen zusammen.

»Schöner Hügel«, stellte Fredriksson fest. »Hast du den Ahorn gesehen?«

»Nein, den muss ich doch glatt übersehen haben«, sagte Lindell und grinste.

»Verdammt viele Blätter. Als ich ein Kind war, hat man uns verboten, in die Blätterhaufen zu springen, es hieß, davon könne man Kinderlähmung bekommen.«

2

Dorotea Svahn stand plötzlich auf, ging zum Fenster und sah für einen Moment hinaus, ehe sie sich erneut am Tisch niederließ.

»Ich dachte …«, sagte sie, beendete den Satz jedoch nicht.

»Ja?«

»Ich dachte, da käme eine Bekannte.«

Die Frau sprach in kurzen Sätzen, stieß die Worte hervor und schnappte hörbar nach Luft, was mit einer solchen Anstrengung verbunden zu sein schien, dass sich Beatrice Andersson unwillkürlich über den Tisch lehnte, wie um Dorotea helfend zur Seite zu stehen, als sie erneut das Wort ergriff.

»Petrus und ich, wir haben uns schon verstanden. Ich bin Witwe.« Sie sah auf ihre gefalteten Hände hinab. An der Wand hinter ihr tickte eine Uhr. »Seit vielen Jahren«, fügte sie hinzu und sah Beatrice an. »Sind Sie verheiratet?«

Beatrice nickte.

»Das ist gut.«

»Wie lange wohnen Sie schon hier?«

»Ich bin in diesem Haus geboren worden.«

Beatrice glaubte einen Anflug von Trotz in Dorotea Svahns Stimme hören zu können, so als wäre es im Grunde ein Unding, in Vilsne by im Kirchspiel Jumkil geboren worden zu sein und es sein Leben lang nicht geschafft zu haben, von hier wegzugehen.

»Es ist schön hier«, sagte Beatrice.

»Jetzt bin nur noch ich übrig«, seufzte die Frau.

»Können Sie mir noch ein wenig über Petrus erzählen?«

»Er war …«, Dorotea Svahn suchte nach dem richtigen Wort, »er war streng mit sich selbst. Er gönnte sich nur selten etwas, lebte, wie die Leute früher gelebt haben. Eine Zeitlang hat er als Schreiner gearbeitet, auch in der Stadt. Er hatte viel zu tun. Damals lief es besser für ihn. Doch das ist jetzt lange her. In den letzten Jahren ist er nicht mehr so oft vorbeigekommen. Aber ich konnte ihn auf seinem Stuhl am Hausgiebel sitzen sehen. Da hat er gesessen und philosophiert.«

»Und worüber?«

Die Frau lächelte zum erstenmal.

»Es ging meistens um nichts Besonderes«, meinte sie. »Na ja, Sie wissen schon … nichts Besonderes eben. Keine großen Gedanken. Zum Beispiel über ein Eichhörnchen, das verschwunden ist, oder das Brennholz, das richtig behandelt werden musste. Er ist auch oft in die Pilze gegangen. Und hat Beeren gepflückt. Manchmal brachte er eimerweise Beeren nach Hause. Ich habe dann Marmelade gekocht und Saft abgefüllt. Mit meinen Beinen ist das ja schwierig. Selber in den Wald zu gehen, meine ich.«

Beatrice nickte. Die Uhr schlug mehrmals.

»Hat er sich Sorgen gemacht?«

»Worüber sollte er sich Sorgen machen?«

»Vielleicht hat er ja etwas erwähnt. Gab es irgendwelche Streitigkeiten? Leute, mit denen er sich nicht verstand?«

»Dann hätte er doch sicher … Er hat nichts in der Art gesagt.«

»Er hatte keine Kinder?«

Dorotea schüttelte den Kopf.

»Keine Kinder«, sagte sie tonlos.

»Hatte er viele Bekannte?« fragte Beatrice Andersson, obwohl sie die Antwort bereits kannte.

»Nein. Früher vielleicht schon. Er war Mitglied in der Wegegenossenschaft und ist sicher auch manchmal auf die Jagd gegangen. Dadurch hatte er natürlich ein bisschen Kontakt zu anderen Leuten.«

Dorotea Svahn verstummte, sah aus dem Fenster. Die Geranien auf ihrer Fensterbank standen noch in voller Blüte.

»Früher kam hier der Bücherbus vorbei«, fuhr die Frau fort. »Petrus hat sich viele Bücher ausgeliehen. Ich übrigens auch. Solange Kindbloms Kinder noch zu Hause wohnten, ging es hier lebhafter zu.«

Sie machte eine Mundbewegung, schmatzte. Beatrice begriff, dass sie ihr Gebiss zurechtschob.

»Können Sie sich erinnern, ob er in letzter Zeit unerwarteten Besuch bekommen hat?«

»Meinen Sie wie in dieser Reklame, ein Tanker, der in einem Garten auf Grund läuft?«

Beatrice lachte über die überraschende Antwort und sah in den Augen der Frau einen Anflug des aufmüpfigen Blicks einer jüngeren Dorotea.

»Nein, er hat nicht viel Besuch bekommen. Der Postbote hat manchmal vorbeigeschaut. Und Arne natürlich, aber auch immer seltener.«

»Wer ist Arne?«

»Arne Wiikman. Er ist ein alter Freund von Petrus. Ihre Väter haben zusammen im Sägewerk gearbeitet. Arne ist dann eines Tages ganz plötzlich verschwunden.«

»Tatsächlich, wann war das?«

»Ja, das war vielleicht eine Geschichte. Er hatte das Temperament seines Vaters geerbt. Ein richtiger Streithammel, der sich mit jedem anlegte.«

Dorotea lächelte über irgendeine Erinnerung und schien sich ein wenig gefangen zu haben. Sie atmete jetzt ruhiger.

»Er war Kommunist. Das wusste jeder. Aber trotzdem in Ordnung. Ein richtiges Arbeitstier.«

»Jetzt sprechen Sie von Arnes Vater?«

»Er hieß Nils. Der Vater von Petrus hieß Karl-Erik, aber er wurde der Schwarze genannt, die beiden hielten immer zusammen. Er war Sägewerker. Nils war Holzaufschichter. Ja, Petrus hat als junger Mann auch im Sägewerk gearbeitet. Genau wie Arne. Dann ist er verschwunden.«

»Wann war das?«

»Das war so Mitte der fünfziger Jahre.«

»Aber er ist zurückgekommen?«

»Ja, vor ungefähr zehn Jahren. Er hat Lindvalls altes Haus gekauft und instand gesetzt, es modernisiert.«

»Und Arne und Petrus haben sich angefreundet?«

»Ja, das hat sich so ergeben. Eigentlich sind sie sehr verschieden. Petrus war ruhig. Arne ist aufbrausend.«

»Wohnt er noch in dem Haus?«

»Aber ja.«

»Sie können sich niemanden vorstellen, der Petrus umbringen wollte?«

»Nein, keinen Menschen. Er konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Er hatte mit niemandem Streit.«

»Wie ging es ihm finanziell?«

»Er kam zurecht. Bekam natürlich Rente. Er lebte sparsam.«

»Hatte er viel Bargeld im Haus?«

»Sie meinen, dass jemand auf sein Geld aus war? Das glaube ich nicht.«

»Haben Sie jetzt Angst?«

Dorotea Svahn seufzte.

»Ich habe Angst, alt zu werden«, sagte sie. »Wenn die Beine nicht mehr wollen, wie soll es dann weitergehen? Ich habe Angst vor der Stille. Es wird …«

Sie blickte auf den Tisch hinab.

»Es ist traurig, dass so ein feiner Mann ein solches Ende finden muss.«

Dorotea Svahn weinte lautlos. Beatrice legte ihre Hand auf die der Frau. Dorotea blickte auf.

»Es ist schon seltsam, dass erst etwas Schreckliches passieren muss, damit hier mal was los ist«, sagte sie.

»Wo wohnt Ihr Sohn?«

»In der Stadt, aber er ist viel unterwegs. Manchmal auch im Ausland.«

»Wann war er das letzte Mal hier?«

»Das ist schon eine Weile her.«

»Was macht er beruflich?«

»Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht genau. Es hat etwas mit Maschinen für Medikamente zu tun. Früher jedenfalls.«

»Ist er verheiratet?«

»Geschieden. Mona-Lisa, seine Frau, wurde … nun ja, sie war es wohl einfach leid.«

»Enkelkinder?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Sie ist dann schwanger geworden. Hinterher, meine ich, viel später. Ich glaube, es geht ihr gut.«

»Sie mochten sie?«

»Ich habe nichts gegen Mona-Lisa«, sagte Dorotea Svahn.

»Um wieder auf Petrus Blomgren zurückzukommen. Wann ging er in der Regel ins Bett?«

»Nach den Neunuhr-Nachrichten, manchmal blieb er aber auch noch länger auf, wenn ein guter Film kam oder so. Er sah gerne Filme.«

»Haben Sie ihn gestern gesehen?«

»Wir haben uns nicht unterhalten, aber ich habe ihn wie jeden Tag gesehen. Er ging abends immer Brennholz holen. Früher, als er noch eine Katze hatte, da … na ja, Sie wissen schon. Er war richtig vernarrt in diese Katze. Eine schwarze mit kleinen weißen Tupfen auf den Pfoten. Sie ist verschwunden.«

»Dann haben Sie ihn gestern Holz holen gesehen?«

»Nein, ich glaube nicht. Ich saß sicher hier«, meinte Dorotea nachdenklich, »mit meinem Kreuzworträtsel. Und dann habe ich einen Einkaufszettel geschrieben. Petrus wollte heute vorbeikommen. Er ist manchmal für mich einkaufen gegangen. Das eine oder andere braucht man eben.«

Beatrice nickte und beobachtete Dorotea Svahn.

»Sie sind die erste Dorotea, der ich begegne.«

»Tatsächlich? Schön ist der Name ja nicht, aber man gewöhnt sich an ihn. Am schlimmsten war es, als die anderen mich Dorran nannten. Aber das ist lange her.«

»Fanden Sie es merkwürdig, dass von Petrus gestern abend nichts zu sehen war?«

»Nein, eigentlich nicht. Ich habe ja gesehen, dass im Haus Licht brannte. Als ich heute morgen aufgestanden bin, ist es immer noch an gewesen, und dann habe ich gesehen, dass das Tor offenstand. Ich meine das große Tor. Erst habe ich gedacht, der Krankenwagen wäre hier gewesen. Petrus hat es sonst immer zugemacht. Und dann das Tor zur alten Scheune, es stand auch offen.«

»Sie waren früh auf den Beinen.«

»Die Blase«, sagte Dorotea.

»Sie haben gestern abend kein Auto gesehen?«

»Nein, das wäre mir sicher aufgefallen«, sagte die Frau bestimmt.

Beatrice überflog ihre Notizen, ein paar Zeilen, der eine oder andere Name, nicht viel mehr. Als sie die Vernehmung schon beenden wollte, klingelte ihr Handy. Sie sah, dass der Anruf von Ann Lindell kam, und meldete sich sofort.

Sie hörte zu und beendete das Gespräch, ohne selber ein Wort gesagt zu haben. Dorotea beobachtete sie neugierig.

»Ich habe gerade erfahren, dass Petrus einen Abschiedsbrief geschrieben hat.«

»Einen Abschiedsbrief? Was wollen Sie damit sagen?«

»Offenbar hatte er vor, sich das Leben zu nehmen«, sagte Beatrice.

Die Frau starrte sie an.

»Das ist völlig unmöglich«, erklärte sie schließlich. »So etwas würde Petrus niemals tun.«

»Meine Kollegen glauben, dass er ihn geschrieben hat«, sagte Beatrice. »Es tut mir leid.«

»Dann meinen Sie also …«

»… dass Petrus sich entschlossen hatte, Selbstmord zu begehen. Ja, es sieht ganz danach aus.«

»Der arme Kerl. Wenn ich das nur gewusst hätte.«

»Sie hatten keine Ahnung, dass so etwas passieren könnte?«

»Aber nein! Sicher, er war manchmal ein bisschen deprimiert, aber doch nicht so.«

»Es tut mir wirklich leid«, wiederholte Beatrice, und Dorotea schien ihr zu glauben.

Nachdem sie sich noch ein paar Minuten unterhalten hatten, verließ Beatrice Andersson das Haus. Am Gartentor drehte sie sich um und winkte. Sie konnte Dorotea zwar nicht sehen, nahm jedoch an, dass die Frau am Fenster stand.

Eigenartig, dachte sie, aber in Doroteas Augen wäre es besser gewesen, ihr Nachbar wäre ermordet worden, ohne sich umbringen zu wollen. Neben der tragischen Nachricht von Petrus Blomgrens Tod wurde der Frau so eine weitere Last aufgebürdet, das Wissen darum, dass er lebensmüde gewesen war, und vor allem, dass er am Abend vor seinem Tod nicht ihren Beistand gesucht hatte.

Lindell, Nilsson, Haver und Beatrice Andersson standen auf dem Hof vor Blomgrens Haus. Den Stimmen der Kriminaltechniker glaubte Lindell anzuhören, dass sie ihre Arbeit in der Scheune bald erledigt hatten. Sie wusste aus Erfahrung, dass die Männer von der Spurensicherung meistens schweigend arbeiteten und sich erst nach getaner Arbeit wieder unterhielten.

»Es ist schon seltsam, wie sich ein Ort verändert, je nachdem, was an ihm passiert ist«, sagte sie.

Damit hatte sie sicher keine bahnbrechende Erkenntnis formuliert, und Haver war der einzige, der sich zu einem zustimmenden Brummen aufraffen konnte. Die anderen musterten die nähere Umgebung. Beatrice sah zu Doroteas Haus hinüber. Jetzt machte die alte Frau dort sicher ihre Hausarbeit oder saß am Küchentisch. Beatrice wäre gerne noch etwas länger bei ihr geblieben.

»Ja«, sagte Sammy Nilsson unerwartet gefühlvoll, »jetzt ist das hier der Tatort in einem Mordfall. Von dem Haus, in dem Blomgren ermordet wurde, wird man noch lange sprechen. Die Leute werden vorbeigehen, langsamer werden, vielleicht kurz stehenbleiben und mit dem Finger darauf zeigen.«

»Hier kommt eher selten jemand vorbei«, sagte Beatrice.

Allan Fredriksson gesellte sich zu ihnen.

»Wie schön dieses Haus liegt«, sagte er. »Habt ihr gesehen, was für ein vielschichtiges Biotop wir hier haben? Hier gibt es alles: Nadelwald, Laubwald, offene Wiesen und Felder, Hügel und sogar ein kleines Sumpfgebiet.«

Lindell lächelte in sich hinein.

Fredriksson zeigte auf die andere Seite der Landstraße, wo ein großer Graben zu einem Sumpfstück führte. Grünes Moos leuchtete in der Vormittagssonne. Die Seggesoden glichen kleinen runden Gebäckstücken, und ein Schilfröhricht wiegte sich im Wind.

»Ich frage mich, ob Blomgren sich für Vögel interessiert hat?«

»Petrus Blomgren hatte nur wenige Freunde«, sagte Beatrice, »und er scheint kein reicher Mann gewesen zu sein, der Geld oder andere Wertgegenstände im Haus hatte.«

»Das einzige, was ich bisher gefunden habe, war ein Brief von der Sparkasse«, meinte Fredriksson. »Es gab kein einziges Sparbuch, auch keine Kontoauszüge, aber vielleicht hat er die Unterlagen irgendwo versteckt. Wir werden ja ohnehin das ganze Haus durchkämmen müssen.«

Weder die Männer von der Spurensicherung noch die Kriminalpolizisten hatten etwas gefunden, was auf einen Einbruch oder ein Durchsuchen des Hauses hingedeutet hätte. Abgesehen davon, dass der Hauseigentümer ermordet in seiner Scheune lag, gab es nichts Ungewöhnliches in dem Haus in Vilsne by.

»Sprichst du mit der Bank, Allan?« fragte Lindell.

Sie musterte den neuen Kriminaltechniker, der sorgsam seine Ausrüstung verstaute. Sammys Kommentar fiel ihr wieder ein.

»Schöner Hintern«, sagte Lindell.

»Wie bitte?«

»Morganssons«, präzisierte sie und nickte in Richtung Scheune.

Haver wandte sich um. Ihm schien eine Bemerkung auf der Zunge zu liegen, aber dann hielt er sich doch zurück. Alle beobachteten den Kriminaltechniker.

Eine Tür wurde geöffnet, und das Glas in Dorotea Svahns Haustür reflektierte das Sonnenlicht so, dass der Strahl zunächst die Polizisten traf und sich dann im Unterholz von Erlen und Salweiden verlor. Die alte Frau blickte zum Nachbarhof hinauf, trat langsam auf die Eingangstreppe und schloss vorsichtig die Tür hinter sich.

Mit einer Hand stützte sie sich auf einen Stock und mit der anderen auf das schmiedeeiserne Treppengeländer. Mühsam bewegte sie sich die Treppe hinab und kam langsam auf die Polizisten zu. Ein Bein schien nicht richtig mithalten zu wollen.

Sie trug einen grauen Mantel und einen dunklen Hut. Beatrice nahm an, dass dies nicht Doroteas Alltagskleider waren.

»Kommt sie zu uns? Sie braucht vielleicht Hilfe«, sagte Haver und machte einen Schritt Richtung Tor.

Die Frau kam zwar nicht schnell voran, schien sich jedoch eine gewisse Technik angeeignet zu haben, um die Schwäche ihres kranken Beins auszugleichen. Ein Auto näherte sich. Anfangs war nur ein schwaches Brummen hinter dem Wald zu hören gewesen, der Blomgrens Grundstück umgab. Dorotea Svahn schien das stetig lauter werdende Motorengeräusch nicht bemerkt zu haben, und als sie auf halbem Weg war, tauchte der Polizeitransporter von der Gerichtsmedizin in der Kurve auf. Fridh saß am Steuer. Die Frau schaute auf, blieb stehen und hob ihren Stock über den Kopf, als wollte sie dem Fahrer so ein Signal geben.

Ola Haver trat noch einen Schritt vor, hielt dann jedoch inne. Er hatte einen griechischen Schafhirten vor Augen, dem er und Rebecka einmal auf einer kurvigen Gebirgsstraße im Norden des Landes begegnet waren. Der Hirte hatte seine Schafe über die Straße getrieben und dabei selbstbewusst geredet, obwohl niemand seine Worte verstehen konnte.

Als Haver nun die Nachbarsfrau ihren Stock gegen Fridhs Wagen erheben sah, musste er wieder an den Hirten denken. Murmelte sie nicht auch irgend etwas? Er glaubte zu sehen, dass Doroteas Lippen Worte formten, die keiner verstehen konnte.

Fridh hatte gebremst. Die Frau ging weiter bis zu Blomgrens großem Tor, zögerte einen Moment, als wäre sie unsicher, ob sie diesen Weg nehmen sollte, betrat dann jedoch das Grundstück. Beatrice ging ihr entgegen.

Dorotea Svahn war außer Atem. Sie verbarg ihren Mund hinter ihrer Hand, vielleicht wischte sie sich etwas Speichel aus dem Mundwinkel.

»Ich möchte Petrus sehen«, sagte sie mit angestrengter Stimme.

Fridh war inzwischen herangefahren; Beatrice reichte der Frau ihren Arm und führte sie ein wenig beiseite, damit der Wagen auf den Hof fahren konnte.

»Er ist übel zugerichtet«, sagte Beatrice.

»Das ist mir klar«, erwiderte Dorotea.

»Sie können ihn sicher auch später noch sehen, ich meine, wenn er hergerichtet worden ist.«

»Ich möchte Abschied nehmen. Und zwar hier.«

Sie roch ein wenig nach Mottenkugeln.

»Natürlich dürfen sie hier Abschied nehmen. Ich werde sie begleiten«, sagte Beatrice.

Fredriksson wandte sich ab. Haver trat gegen die Blätter zu seinen Füßen. Lindell und Sammy Nilsson sahen sich an. Lindell schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging zum Haus.

Beatrice führte die Frau zum Scheunentor. Charles Morgansson hatte seine Sachen zusammengepackt und machte ihnen Platz. Er nickte Beatrice zu, die seine Kopfbewegung so verstand, dass sie jetzt hineingehen konnten.

»Ich glaube, dass er schon beim ersten Schlag bewusstlos geworden ist«, sagte Beatrice.

Sie spürte, dass Dorotea Svahns hagerer Körper sich spannte. Die Frau befreite sich aus Beatrices Griff, stützte sich auf den Stock und sank neben Petrus Blomgren auf die Knie, murmelte etwas und legte ihre Hand auf seine Schulter. Beatrice war froh, dass Dorotea Svahn im Morgengrauen nicht allein hergekommen war und Petrus so gefunden hatte, sondern gleich die Polizei gerufen hatte, damit sie nach dem Rechten sah.

»Er war mein bester Freund«, sagte Dorotea.

Beatrice ging in die Hocke, um besser zu hören.

»Mein einziger Freund. Er und ich, wir waren wie Altertümer hier draußen. Petrus hat oft gesagt, das ist nicht richtig, dazu haben sie kein Recht. Das hat er gesagt.«

Beatrice verstand nicht ganz, was sie mit diesen Worten sagen wollte.

Dorotea Svahns Hand strich über den gestrickten Pullover des Toten. Das dunkle, geronnene Blut aus der Quetschwunde am Hinterkopf schien sie überhaupt nicht zu bemerken.

»Mein kleiner Petrus, du bist vorgegangen. Ich hätte es mir fast …«

Ihre Stimme stockte. Die knöcherne Hand kam zur Ruhe und grub sich in den Pullover, als wollte sie den Toten in die Höhe ziehen.

»Diesen Herbst hat er mir Preiselbeeren gebracht. Mehr als sonst. Jetzt hast du reichlich, hat er gesagt, als hätte er es da schon gewusst.«

Sie stieß sich mit dem Stock ab und richtete sich langsam und mühsam wieder auf.

»Wenn man in mein Alter kommt, sieht man, wie alles zusammenhängt. Petrus hat immer gesagt, man sollte das Leben eigentlich umdrehen, erst ein alter Mensch sein und dann immer jünger werden, die Gebrechen hinter sich lassen, aber seine Weisheit mitnehmen.«

»Das wäre vielleicht gar nicht so schlecht«, meinte Beatrice.

Die Frau seufzte.

»Hier drinnen hielten sie früher zehn Kühe. Vielleicht auch mal zwölf. Das Land hat er dann später verkauft.«

»Hat er viel dafür bekommen?«

»Ein ordentliches Sümmchen, denke ich. Er brauchte sich keine Sorgen zu machen.«

»Er scheint sparsam gelebt zu haben«, sagte Beatrice, reichte der Frau ihren Arm und führte sie an die frische Luft.

»So sind wir erzogen worden«, erwiderte Dorotea Svahn.

»Wissen Sie, ob Petrus ein Versteck für seine persönlichen Papiere hatte?«

Dorotea schüttelte den Kopf.

»Davon weiß ich nichts«, sagte sie.

Die anderen Polizeibeamten standen wartend auf dem Hof. Beatrice hatte das Gefühl, sie und Dorotea würden eine Kirche verlassen, als kämen sie gerade aus einem Trauergottesdienst.

Fridh saß noch immer im Wagen und würde dort sitzenbleiben, bis die alte Frau den Hof verlassen hatte.

»Mögen Sie mit mir beten?« fragte Dorotea. »Nur ein paar Worte. Petrus war nicht gläubig, aber er wird sicher nichts dagegen haben.«

Beatrice faltete die Hände, und Dorotea murmelte ein paar Worte und blieb eine Weile regungslos stehen.

»Er war ein großartiger Mann«, sagte sie. »Hatte ein gutes Herz. Möge seine Seele Ruhe finden.«

In der Ferne wieherte ein Pferd.

3

Hatte sie ihn jemals gern gehabt? Immer wieder stellte sie sich diese Frage. Manchmal vielleicht schon. Zum Beispiel, als er auf der Straße vor dem Haus gestolpert war und sich das Gesicht aufgeschlagen hatte. Da hatte er ihr zumindest leid getan. Zwar hatte er behauptet, er sei gestolpert, aber Laura war damals das Gefühl nicht losgeworden, dass etwas anderes passiert war, weil er sich beide Wangen aufgeschürft hatte, genau wie die Stirn.

Sie hatte die Wunden mit einem zwiespältigen Gefühl versorgt: zum einen empfand sie Verachtung für sein Gejammer über das Desinfektionsmittel, das so brannte, zum anderen Zärtlichkeit angesichts seiner Hilflosigkeit. Die mageren Beine, das schüttere Haar, das immer mehr ausdünnte, und die Hände, die sich in die schmutzige Decke gruben.

Aber es gab auch Momente, in denen sie ihn nahezu besinnungslos hasste. Hielt sie sich dann im Haus auf, und er war in der Nähe, musste sie fliehen, in den Garten oder sogar in die Stadt, um ihn nicht mit dem erstbesten Gegenstand, der ihr in die Hände fiel, zu erschlagen. Dieser Hass war unbeschreiblich, so düster und verzehrend, dass sie glaubte, davon auch körperlich deformiert zu werden.

Nachdem sie sich notdürftig beruhigt hatte, konnte es noch Tage dauern, bis sie in der Lage war, ihren Vater wieder normal anzusprechen.

»Aha, du bist mal wieder schlecht gelaunt«, pflegte er ihren Zustand zu kommentieren, außerstande zu sehen und zu verstehen, was sie so gegen ihn aufgebracht hatte.

Früher war bei ihnen alles in schönster Ordnung gewesen. Dann wurde alles schmutzig. Bücher, Manuskripte und lose Blätter stapelten sich überall und lagen auf dem Fußboden verstreut herum. Laura hatte schon lange jeden Versuch aufgegeben, in den Zimmern aufzuräumen. Es gab hier einfach kein Streben nach Ordnung. Das hätte nicht in das Weltbild ihres Vaters gepasst.

Es roch ein wenig seltsam im Haus, und erst jetzt, einen Monat nach dem Verschwinden ihres Vaters, begriff sie, woher der Geruch kam. Sie hatte immer geglaubt, er steige aus den abgelegten Kleidern auf, die in Haufen auf dem Fußboden herumlagen.

Sie hatte ihn dafür verachtet, dass er alles so verdrecken ließ. Doch als sie nun begann, seine Sachen aufzuräumen, sah sie sich gezwungen, auch in sein Schlafzimmer zu gehen, das sie seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Dort stand seit ihrer Kindheit eine Stehlampe, die ihre Eltern Ende der fünfziger Jahre in Deutschland gekauft hatten. Damals modern, war sie heute wieder ein begehrtes Objekt auf Flohmärkten und Auktionen.

Als sie in der Nähe der Lampe stand, nahm sie den Geruch deutlicher wahr als je zuvor; sie schnupperte widerwillig an dem abstoßenden Gegenstand. Das Plastik, denn der Lampenschirm bestand aus schmutzigen Plastikstreifen, verströmte einen muffigen Geruch, wenn die Sechzigwattbirne eingeschaltet war. Er hatte sie auch nachts immer angelassen. Laura hegte den Verdacht, dass er manchmal in dem Sessel neben dem Tisch eingeschlafen war, in ein Problem versunken, das mit Petrarca oder irgendeiner Schachpartie zu tun hatte.

Die meisten Sachen in seinem Schlafzimmer hatte sie nicht angerührt. Sogar seine Lesebrille lag noch auf dem Nachttisch, daneben der Artikel eines Forschers von der Humboldt-Universität in Berlin. Es ging darin um Petrarcas Laura und die Frage, ob ein kürzlich entdecktes Porträt sie tatsächlich zeigte oder eine andere.

Laura war nach dieser Dame aus dem 14. Jahrhundert benannt worden, die zum literarischen Begriff und zum Forschungsobjekt geworden war. Oft genug hatte sie sich selber wie ein Objekt gefühlt. Als Jugendliche war sie sich nicht mehr sicher gewesen, ob sie überhaupt lebte. Wer war sie für ihren Vater? Sie kniff sich selbst, spürte den Schmerz, weinte und fühlte die Tränen auf ihren Wangen, aber bewies das ihre Existenz?

Sie bildete sich ein, dass er sie nur als Petrarcas Laura sah, als einen Schatten aus der Vergangenheit, ohne menschliche Eigenschaften. Keine Tochter, die man liebte, sondern die Wiedergeburt einer literarischen Gestalt. Dennoch lebte sie jetzt und hier, stand morgens auf, verließ das Haus, ging in die Schule, kehrte zurück, wuchs auf.

Als sie zum ersten Mal ihre Tage bekam, erzählte sie es ihrem Vater sofort. Erst war sie schüchtern gewesen, hatte sich vielleicht geschämt, aber plötzlich hatte sie es einfach gesagt: »Jetzt muss ich Binden kaufen, Papa.« Es war, als spräche eine unbekannte Stimme aus ihrem Mund.

Er hatte sein Besteck auf dem Teller abgelegt und sie mit einem vieldeutigen Gesichtsausdruck angesehen. Laura hatte das Gefühl gehabt, ihn irgendwie beleidigt zu haben. Die Anrede »Papa« benutzte sie sonst kaum. Er wollte, dass sie ihn mit seinem Vornamen ansprach.

Nach einer Weile aß er schweigend weiter. Sie sah ihm an, dass ihm das nicht gefiel.

»Wer wird meine Arbeit weiterführen?« rief er gelegentlich mit jener Mischung aus Hochmut und Verzweiflung, die mit den Jahren immer typischer für ihn geworden war.

Sein Beitrag zur Forschung war unumstritten. Vielleicht war es aber auch nur so, dass all jene, die guten Grund gehabt hätten, seine frühen Forschungsergebnisse in Frage zu stellen, keine Veranlassung mehr sahen, ihn heute, fünfunddreißig Jahre nach Erscheinen seiner Abhandlung, noch anzugreifen. Möglich, dass er einmal ein bedeutender Forscher auf seinem Gebiet gewesen war, aber er war an den Rand gedrängt worden und spielte in der aktuellen Diskussion keine Rolle mehr.

An dieser Entwicklung war er selbst beteiligt gewesen. Wie ein Boxer, der mehr von seiner Kraft und Intensität als von Technik und Taktik lebt, hatte er sich in der akademischen Welt durchgeboxt. Anfangs war er damit auch erfolgreich gewesen, nicht zuletzt aufgrund seiner berühmt berüchtigten Fähigkeit, seine Widersacher mit Hilfe zahlloser Fakten zu ermüden, die er häufig in langen, scheinbar unzusammenhängenden Tiraden vortrug. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr sah man in ihm einen verstaubten Kauz, der in veralteten Denkmustern steckengeblieben war.

Trotzdem gab es immer noch Menschen, die sich von seinen Worten verführen ließen, vor allem, wenn er eines der gefühlvollsten Sonette Petrarcas rezitierte. Er tat dies stets mit solchem Einfühlungsvermögen und in so perfektem Italienisch, dass die Worte wie von selbst in einem Raum zu schweben schienen, in dem keine Fragen, keine Einwände denkbar waren.

War er ein Genie? Oder nur ein bücherwälzender Irrer? Oder etwa beides?

Er wurde nie Professor.

»Ich werde konsequent übergangen«, hatte er gesagt. »In Florenz und Paris erkennt man meine Größe, aber in diesem Kaff hier feiert man die Mittelmäßigen. Hier sitzen inzestuöse Karrieristen aus dem Reich der Liliputaner auf den Ehrenplätzen, während die Riesen sich für einen Platz im Vorzimmer zusammenkauern müssen.«

Er wühlte in seinen Blätterstapeln, zog Briefe von Kollegen aus aller Welt hervor, wedelte aufgebracht mit den Blättern, hielt sie ihr unter die Nase.

»Hier, hier sind die Zeugenaussagen, von denen die Einwände dieser Schwachsinnigen in Stücke gerissen werden.«

Er wurde laut, rückte an sie heran, zwang sie, die Briefe zu studieren, klopfte mit dem Zeigefinger auf die Unterschrift und erläuterte, der Briefschreiber gehöre zu den führenden Kennern der italienischen Renaissancedichtung.

»Er ist ein Wissenschaftler, das möchte ich ausdrücklich betonen. Wissenschaft, keine losen Vermutungen oder geschwätzigen Ansichten.«

Seine Stimme wurde noch lauter. Manchmal senkte er plötzlich die Arme, schottete sich ab, zog sich in sein Zimmer zurück. Einmal war sie ihm nach einem solchen Ausbruch gefolgt, hatte unbemerkt im Türrahmen gestanden und seinen Rücken betrachtet. Er hatte den Brief losgelassen, der zu Boden geflattert und halb unter dem Bett gelandet war.

Laura hatte an ihrem Vater auch andere Seiten entdeckt, Eigenschaften, die in der öffentlichen Diskussion nur selten zum Tragen kamen, zum Beispiel seine Vorliebe für scheinbar unbedeutende Worte. Er konnte sich an einer kurzen Phrase berauschen, an ein paar Buchstaben auf einem Bogen Papier, gleichsam probehalber niedergeschrieben, spontane Ausdrücke für das Gefühlsleben des Dichters. Es war manchmal geradezu rührend, allerdings auch ein wenig ermüdend, wenn ihr Vater sie zu sich rief und ihr etwas vorlas, ein paar Strophen, Teile eines Sonetts, die er beinahe zitternd, mit der Brille auf der Nasenspitze, vortrug. Oft ging es in ihnen um die Liebe:

Tempo non mi parea da far riparo

contra colpi d’Amor: però m’andai

secur, senza sospetto; onde i miei guai

nel commune dolor s’incominciaro.

»Wunderschön, nicht wahr? So lebendig und ausdrucksvoll«, pflegte er stets auszurufen, nachdem er den Worten nachgelauscht hatte. Laura brauchte nichts zu sagen, musste nur zuhören. Ihr Vater benötigte ein Publikum, und zwar eins, das nicht polemisierte, sich nicht über den Text stritt, nur andächtig lauschte. Den Worten lauschte, die berauschten, entführten, verwandelten, dem Leben einen Sinn gaben.

»Das Sonett ist überlegen!« konnte er unvermittelt ausrufen, und er lachte lauthals, wenn er ihre erstaunte und manchmal auch erschrockene Miene sah.

Wenn er doch nur mehr gelacht hätte. Alice, ihre Mutter, hatte einmal gesagt, Lauras Vater nehme das Leben zu ernst. Er war ein Experte in der Sprache der Liebe, selber jedoch unfähig zu Schwärmerei und Zärtlichkeit, gefangen in einer Umgebung, in der die schönen Worte nicht gedeihen konnten.

Laura hatte schon früh die Spannung zwischen Lachen und Schweigen gespürt. Manchmal hatte ihre Mutter gesungen, sie verstummte aber, sobald ihr Vater in der Nähe war. Als wäre es unanständig, Freude über etwas derart Triviales wie gutes Wetter zu zeigen, oder darüber, dass die Rosen im Garten wunderbar dufteten oder dass eine Bewegung ein Ausdruck für Lebensfreude sein konnte und nicht nur eine Art, sich zwischen Schreibtisch und Esszimmermöbeln zu bewegen.

Lauras Mutter kam vom Land. Er überschüttete ihr Heimatdorf Skyttorp oft mit Bosheiten. Der kleine Ort wurde ihm zu einem Synonym für Einfalt und mangelnden Ehrgeiz. Er liebte es, ihre ländliche Ausdrucksweise zu berichtigen, und wenn sie ein Wort aus ihrem Dialekt benutzte, stürzte er sich darauf wie ein Falke. Ihre Sprache schrumpfte. Sie verschluckte die Worte und Lieder ihrer Kindheit auf einem kleinen Bauernhof zwischen Örbyhus und Skyttorp.

Laura erinnerte sich noch gut an einen Moment, in dem ihrer Mutter der Kragen geplatzt war und sie ihn in einer heftigen Attacke der Doppelmoral bezichtigt hatte. Er liebe die toskanische Volkssprache, verachte jedoch die ihre. Verblüfft hatte er ihrem Redeschwall gelauscht, ihren immer gröberen Worten, mit denen sie ihn in lupenreinem Uppländisch beschimpfte, und wie sie schließlich schallend lachte und gar nicht mehr aufhören wollte zu lachen.

»Hysterika«, hatte Ulrik sie genannt; Alice hatte ihm daraufhin auf den Mund geschlagen.

Sie verstummte und blieb stumm, solange ihr Mann anwesend war. Achtzehn Monate später war sie tot. Kurz zuvor hatte sie ihren vierundvierzigsten Geburtstag gefeiert.

Als er mehr und mehr verkam und sich isolierte, als der Hohn seiner Umgebung, die Spitzen der Nachbarn und die offene Verachtung ständig zunahmen, errichtete Laura eine immer wuchtigere Wehrmauer um das Haus. Sie plazierte die lächerlich hässliche Sitzgruppe aus weißem Plastik nur deshalb mitten im Garten, um den Nachbarn zu ärgern, diesen pedantischen Ästheten, der alle zwei Wochen die Ränder seiner Rasenflächen fein säuberlich trimmte. Die Möbel leuchteten, waren dem Professor und seiner Frau ein Dorn im Auge. Später ergänzte Laura das Ensemble durch einen Sonnenschirm, der marktschreierisch Reklame für Budweiser machte.

Sie fütterte die Tauben, damit sie in der näheren Umgebung ihren Kot verteilten, ließ im Freien Musik in voller Lautstärke laufen, während sie selber im Haus lag und las, weigerte sich, die gemeinsame Weißdornhecke zurückzuschneiden, die das gepflegte Gemüsebeet des Nachbarn zu überwuchern drohte.

Als der Professor sich bei ihr beschwerte, machte sie ein trotzig freches Gesicht. Das zeigte Wirkung, das wusste sie. Frechheit, die Unfähigkeit, sachlich zu argumentieren, Pöbelmanieren, das waren die Dinge, die für die Akademiker in ihrem Viertel am schwersten zu ertragen waren.

Sie zeigte demonstrativ ihren schlechten Geschmack, kleidete sich sogar noch nachlässiger als ihr Vater, lud Bekannte ein, die bis weit in die Nacht auf den weißen Möbeln saßen und grölten.

Ihr Vater sah nichts von all dem. Er ging nur wenige Male im Jahr in den Garten hinaus, um bekümmert eine Runde zu drehen und den Verfall zu beklagen, ohne jedoch etwas dagegen zu unternehmen. Manchmal sagte er, dass sie jemanden beauftragen sollten, die alten Obstbäume auszuschneiden, setzte jedoch seinen Vorsatz nie in die Tat um. Die Bäume verwilderten, verloren Äste in Herbststürmen, hingen voller Früchte, die nicht geerntet wurden und verschimmelten.

Der Verfall im Haus und im Garten beschleunigte sich immer mehr. Warum wohnte sie überhaupt noch hier? Die Frage wurde ihr des öfteren von Arbeitskollegen gestellt, aber sie konnte ihnen keine Antwort darauf geben. Sie versuchte finanzielle Gründe anzuführen, doch das war eine Lüge, das wussten alle. Sie gab an, sich um ihren verwirrten Vater kümmern zu müssen. Das klang zwar schon ein wenig einleuchtender, aber letztlich nicht wirklich überzeugend.

Manchmal behauptete sie, sie fühle sich in dem alten Haus wohl und würde sich niemals an eine moderne Wohnung oder ein Reihenhaus gewöhnen können. Ihre Bekannten schüttelten nur den Kopf, bekümmert darüber, dass sie ihrem Vater tendenziell immer ähnlicher wurde.

Sie saß am Küchentisch und fühlte sich so befreit wie vor einem Monat. Damals war das Radio an gewesen. Die schwedische Bevölkerung hatte sich gegen einen Beitritt zur europäischen Währungsunion ausgesprochen, und die Küche wurde von Kommentaren erfüllt, die sie nicht im geringsten interessierten. Sie hatte sich nicht an der Abstimmung beteiligt.

Sie sah aus dem Fenster, schaltete das Radio aus und wurde von der eintretenden Stille überwältigt. Das Zimmer schrumpfte. Die dunkelgrünen Küchenschränke wölbten sich, schoben sich näher an sie heran. Die Spüle, in der sich schmutziges Geschirr stapelte, schien sich zu heben und zu senken.

Reue oder vielmehr Unschlüssigkeit erfasste sie vorübergehend, verschwand jedoch schnell wieder. Auf dem Weg, den sie eingeschlagen hatte, war kein Platz für Wankelmut. Die Richtung, die ihr Leben genommen hatte, war nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Sie hatte sich vielmehr einer Bewegung überlassen, einer Kraft, die sie nun unerbittlich vorantrieb, immer weiter voran. Keine Geschichte, keine Rückblicke, nur ein stiller Rausch, der bei weitem die Stimmung ihres Vaters beim Lesen der schönen Worte übertraf. Seine Euphorie war begrenzt und zerbrechlich. Er war schwach. Sie war stark.

Worte, Worte, Worte bis in alle Ewigkeit. Sie wollte nichts von ihnen wissen, von den zurechtgelegten, verlogenen Versicherungen, mit denen die Menschen sich umgaben. Sie brachte die Worte zum Verstummen und löschte jegliche Falschheit aus.

Laura fühlte, dass sie nun zwei Welten beherrschte. Jetzt konnte sie ohne Angst oder Erwartungen in die Wirklichkeit hinaustreten. Sie trug einen Schild, einen Panzer, von dem die Worte abprallten. Sie war unverletzbar, überlegen.

»Du bist viel fröhlicher geworden«, hatte eine Arbeitskollegin in einer Kaffeepause zwei Wochen nach dem Verschwinden ihres Vaters gesagt.

»Das ist die einzige Möglichkeit«, hatte Laura vieldeutig erwidert.