Verlag: Aufbau digital Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Nachtschwalbe - Kjell Eriksson

In der Nacht zum 10. Mai hat die Polizei in Uppsala alle Hände voll zu tun. Schaufenster werden eingeworfen, ein Haus am Stadtrand geht in Flammen auf und in einer Buchhandlung wird ein junger Schwede tot aufgefunden. Kurz darauf tauchen Flugblätter auf, in denen die Schuld für die Unruhen jungen Immigranten zugewiesen wird. Die Stimmung kocht und Forderungen nach einem Ende der unbegrenzten Zuwanderung werden immer lauter. Ann Lindell und die Kripo von Uppsala übernehmen die Mordermittlungen. Zwar gibt es einen „dunkelhaarigen“ Verdächtigen, allerdings auch Hinweise auf eine Tat aus Eifersucht. Beim Exfreund der Freundin des Toten finden sich sogar Blutspuren des Opfers. Doch es gibt auch einen Zeugen: Der fünfzehnjährige Iraner Ali war vor Ort und glaubt den Täter erkannt zu haben …

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E-Book-Leseprobe Nachtschwalbe - Kjell Eriksson

Über Kjell Eriksson

Kjell Eriksson, geboren 1953, hat Erfahrungen in mehreren Berufen gesammelt. Er lebt in der Nähe von Uppsala. Für seinen ersten Kriminalroman um die Ermittlerin Ann Lindell »Den upplysta stigen« erhielt er 1999 den schwedischen »Krimipreis für Debütanten«. Sein Roman »Der Tote im Schnee« wurde zum »Kriminalroman des Jahres 2002« gekürt, eine Ehrung, die bereits Autoren wie Liza Marklund, Henning Mankell und Håkan Nesser bekommen hatten.

Informationen zum Buch

In der Nacht zum 10. Mai hat die Polizei in Uppsala alle Hände voll zu tun. Schaufenster werden eingeworfen, ein Haus am Stadtrand geht in Flammen auf und in einer Buchhandlung wird ein junger Schwede tot aufgefunden. Kurz darauf tauchen Flugblätter auf, in denen die Schuld für die Unruhen jungen Immigranten zugewiesen wird. Die Stimmung kocht und Forderungen nach einem Ende der unbegrenzten Zuwanderung werden immer lauter. Ann Lindell und die Kripo von Uppsala übernehmen die Mordermittlungen. Zwar gibt es einen »dunkelhaarigen« Verdächtigen, allerdings auch Hinweise auf eine Tat aus Eifersucht. Beim Exfreund der Freundin des Toten finden sich sogar Blutspuren des Opfers. Doch es gibt auch einen Zeugen: Der fünfzehnjährige Iraner Ali war vor Ort und glaubt den Täter erkannt zu haben …

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Kjell Eriksson

Nachtschwalbe

Ein Fall für Ann Lindell

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Paul Berf

Inhaltsübersicht

Über Kjell Eriksson

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Epilog

Impressum

1

Samstag, 10. Mai, 1.26 Uhr

Wäre ich früher gekommen, hätte ich es vielleicht verhindern können und alles wäre wie immer gewesen, zwar nicht gut, aber wie immer.

Kein Mensch entgeht seinem Schicksal, sagte Großvater immer. Aber stimmt das? Wäre es ohnehin geschehen, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit? War der Tod dieses Mannes vorherbestimmt? Denn tot war er doch wohl? Kein Mensch konnte solche Verletzungen überleben.

Dieses Verbrechen würde ihm für den Rest seines Lebens nicht mehr aus dem Kopf gehen: dieser zermalmte Schädel und das Blut, das überall auf die Einrichtung gespritzt war. Er hatte sich ganz in der Nähe aufgehalten, ein Teil von etwas Großem, in dem das Kleine enthalten war, das zum Grauen wurde.

Wäre ich doch nur früher gekommen, dann wäre jetzt alles wie immer, zwar nicht gut, aber wie immer. Der Gedanke wollte ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Neben dem Körper hatte ein Stuhl gelegen, und es war Ali wie der blanke Hohn vorgekommen, dass ein so alltäglicher Gegenstand einem Menschen den Tod bringen konnte.

Als er den blutüberströmten Mann dort liegen sah, fühlte er regelrecht den ersten Schlag, als wäre der gegen den eigenen Kopf gerichtet gewesen, und er glaubte den Schmerz zu spüren. Dann war ein zweiter, vielleicht noch kräftigerer gefolgt, und Ali duckte sich unwillkürlich. Ein dritter Schlag – und alles war vorbei. So hatte es sich in Alis Vorstellung abgespielt.

Dann war er weggerannt wie alle anderen, die aufgekratzt gegrölt hatten. In der Ferne hatte er Schreie gehört, vielleicht auch Sirenen. Alle liefen. Jubelnd, euphorisch, ängstlich. Ali weinte. Glas knirschte unter seinen Füßen, und er stolperte, kam wieder auf die Beine, spürte zwar keinen Schmerz, wo die Scherbe in seine Hand eingedrungen war, aber er sah Blut auf die Erde tropfen und musste sich schließlich übergeben.

Er lief vor seinem Anteil an dem Geschehen davon, war aber dennoch für immer daran gebunden, weil seine Augen zu viel gesehen hatten.

Wir alle leben mit dem Tod in unserer Nähe, sagte Großvater oft, und er musste es ja wissen. Ali wusste, bei diesen Worten dachte der Großvater an seine beiden Söhne, Alis Onkel. Tagtäglich dachte er an sie. Sein Großvater sprach leise, betete murmelnd, weinte, ohne Tränen zu vergießen, und lachte mit Augen, die voller Trauer waren.

»Vor dem Tod darfst du dich niemals fürchten«, pflegte er zu sagen. »Es ist unser Schicksal zu sterben.«

Doch Ali wusste, sein Großvater log. Anfangs hatte er sich von ihm noch täuschen lassen, so dass die Worte zu einem Märchen über ein Land wurden, in dem Ali nie gewesen war, über eine Familie, in der es so viele Tote gab, dass es ihm seltsam erschien, dass sein Großvater und er selber überhaupt lebten. Außerdem hatte er Angst, denn wenn alle so kurz hintereinander und so jung aus dem Leben gerissen worden waren, hing auch sein eigenes Leben nur an einem seidenen Faden.

Je älter er geworden war, desto mehr hatte er den alten Mann durchschaut. Großvater sagte das eine und zeigte mit seinem ganzen Wesen etwas anderes. Sein Körper konnte nicht lügen, kleinste Gesten verrieten ihn.

Ali verachtete die Lüge seines Großvaters nicht, im Gegenteil, er nahm sie an als das Märchen von der stolzen Familie, die dem Tod trotzte, suchte verstärkt die Nähe des alten Mannes und war fest entschlossen zu leben, um ihn stolz zu machen und seine Qualen zu lindern. Insgeheim nährte Ali zudem die Hoffnung, er könnte das Muster durchbrechen und so in dem Märchen zu einer Figur werden, die der Stolz, aber auch der Fluch seiner Familie war und gegen das Schicksal aufbegehrte. Ich werde es ihnen allen zeigen, murmelte er oft vor sich hin. Du wirst schon sehen, Großvater; all ihr Toten, die ihr auf mich herabschaut, ihr werdet schon sehen.

Als er sich noch einmal umgedreht hatte, war alles vorbei gewesen. Die Straße war wie leergefegt. Jemand schrie unten an der Brücke, ein anderer gestikulierte wild, aber Ali wollte nichts mehr hören, nichts sehen.

Das Mofa stand da, wo er es abgestellt hatte, was ihm seltsam erschien. Sein gutes altes Mofa. Als er es an den Poller gekettet hatte, war noch alles ruhig gewesen.

Er trat das Mofa an, und auch das Motorengeräusch überraschte ihn. Ansonsten war jetzt alles still. Es war ein früher Morgen im Mai, und Großvater würde von heute an wieder zu seinen Ausflügen aufbrechen, das hatte er schon gestern Abend verkündet. Er würde aufstehen, seinen Tee trinken, sich den Mantel anziehen, den Stock nehmen, ein paar Worte mit Ali wechseln und dann, nachdem er ihm einen guten Tag gewünscht hatte, in die Ebenen um Lar zurückkehren, obwohl er durch die flache Landschaft vor den Toren Uppsalas wanderte.

»Ich will nach Hause«, murmelte Ali auf Persisch.

Plötzlich kamen ihm Zweifel. Und wenn der Mann doch noch lebte? Es hatte ausgesehen, als wäre er tot, aber vielleicht war er auch nur bewusstlos gewesen. Ali überlegte, zu dem Geschäft zurückzulaufen. Das Mofa konnte er nicht nehmen, die Reifen würden sonst kaputtgehen. Er würgte den Motor ab, und sein zitternder Körper wurde wieder von Übelkeit erfasst. Ali übergab sich und spuckte eine Mischung aus Chips und Cola aus. Am Ende war sein Magen leer, und es kam nur noch eine Brühe, die in seiner Kehle wie Feuer brannte.

2

Samstag, 10. Mai, 6.45 Uhr

Martin Nilsson, dessen Tochter um ein Haar bei einem Bombenanschlag auf Bali ums Leben gekommen wäre, machte kurz vor der Brücke eine Vollbremsung. Als er die Verwüstungen in der Drottninggatan sah, wurde die Erinnerung an jenen Morgen im letzten Oktober wieder in ihm wach und traf ihn wie ein Faustschlag in den Magen.

»Lina«, flüsterte er. »Sie lebt, sie schläft in ihrem Bett. Bald werde ich nach Hause fahren und sie wecken.«

Die Polizisten, die vor einer Bankfiliale standen, wirkten ratlos. Martin Nilsson stieg aus dem Auto. Einer der Polizisten schaute auf. Nilsson fragte: »Was ist denn hier passiert?«

»Das sehen Sie doch«, sagte der Beamte abweisend.

»Eine Bombe?«

»Verschwinden Sie«, erwiderte der Polizist.

Martin Nilsson schüttelte den Kopf und blieb noch ein paar Sekunden stehen, ehe er wieder in seinen Wagen stieg. Über Funk hörte er, dass in der Trädgårdsgatan jemand ein Taxi brauchte. Er hätte in einer halben Minute dort sein können, meldete sich jedoch nicht bei der Zentrale. Die Erinnerung an den letzten Oktober wollte ihm nicht aus dem Kopf. Fast hätte er den Polizisten erzählt, wie knapp Lina damals dem Tod entronnen war, aber die schroffe Art des Beamten hatte den Einfall im Keim erstickt. Als er die Straße weiter hinunterfuhr, drängte sich ihm immer mehr der Gedanke von einer vergewaltigten Stadt auf.

Vor Bergmans Herren-Boutique, deren Schaufenster zertrümmert war, stand ein Zeitungsbote. Anzüge lagen verstreut auf dem schmutzigen Bürgersteig, eine Schaufensterpuppe war umgekippt. Der Zeitungsbote ging in die Hocke und griff nach der Puppe; Martin hatte den Eindruck, dass der Mann das cremefarbene Geschöpf am liebsten umarmt hätte, als wäre es ein Mensch aus Fleisch und Blut. Über die Schulter des Mannes starrte die Puppe Martin aus blinden Augen an.

Eigentlich hätte er anhalten, aussteigen und den Zeitungsboten trösten sollen, aber er fuhr langsam weiter. Das kann doch nicht wahr sein, dachte er. Das Knirschen zersplitterten Glases unter seinen Rädern bewies ihm, dass er nicht träumte. Alles war zerschlagen worden, nichts hatte man verschont. Plötzlich packte ihn die Wut. Das ist meine Stadt, dachte er und murmelte: »Vergewaltigt, geschändet.«

Er griff nach dem Mikrofon und übernahm jetzt doch den Fahrgast in der Trädgårdsgatan. In das Fenster eines Cafés hatte jemand ein Straßenschild geworfen. Da hat doch mein Zahnarzt seine Praxis, dachte Martin Nilsson, starrte auf den Hauseingang, als sähe er ihn zum ersten Mal, und hatte plötzlich den Geruch in der Nase, den die Handschuhe der Zahnarzthelferin verströmten.

Der Fahrgast war ein Mann mittleren Alters. Martin Nilsson zögerte und sah auf die Uhr.

»Ich habe es eilig«, sagte der Mann, der einen Hut mit breiter Krempe trug, den er so tief in die Stirn gezogen hatte, dass Martin Nilsson das Gesicht kaum erkennen konnte.

»Tut mir leid, aber ich wusste nicht, dass Sie zum Flughafen wollen«, sagte Nilsson. »Meine Schicht ist gleich zu Ende.«

»Ich habe es wirklich eilig«, wiederholte der Mann.

Martin Nilsson hatte ihn an der Stimme erkannt.

»Ich rufe Ihnen einen anderen Wagen«, sagte er. »Es dauert nur eine Minute. Wann geht Ihr Flug?«

»Das geht Sie nichts an. Ich habe ein Taxi bestellt, und Sie sind hier, da gibt es nichts zu diskutieren.«

»Probleme?«, meldete sich Agnes aus der Zentrale.

»Nein, aber ich mache gleich Schluss, und die Fahrt soll nach Arlanda gehen. Ich muss nach Hause, zu Lina.«

»Das ist doch wohl nicht wahr«, brüllte der Mann auf der Straße.

Martin sah ihn an und verzichtete auf eine Antwort.

Der Mann auf dem Bürgersteig starrte ihn an, als wäre er ein Außerirdischer. Martin schloss das Seitenfenster und fuhr los, schaltete das Radio ein und hörte Solomon Burkes Stimme.

An der Straßenecke, an der die Konditorei Fågelsången lag, fiel Martin wieder ein, dass sich dort in der Nacht ein Junge über ein Mofa gebeugt und sich übergeben hatte. Er hatte kurz aufgeschaut, als Martin vorbeigefahren war, und den gleichen Blick gehabt wie die Schaufensterpuppe vor dem Bekleidungsgeschäft. Die Leere des Entsetzens. Ehe er links abbog, hatte er aus den Augenwinkeln noch gesehen, dass der Junge mit seinen Fäusten auf eine Hausmauer einschlug.

Er nahm die Kurve am Teich viel zu schnell, und der Wagen geriet kurz ins Schleudern. Auf der Islandsbron stand über das Brückengeländer gebeugt ein junger Mann und starrte in das tosende Wasser des Flusses hinab. Irgendetwas an der geduckten Gestalt ließ Martin Nilsson anhalten. Der Mann sah aus, als hätte er etwas im Fluss verloren und suchte jetzt in den Wassermassen danach. Er schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen, sprach zum Wasser, fluchte und richtete sich blitzschnell auf, als hätte ihn der Schlag getroffen.

Martin Nilsson stieg aus dem Wagen und wusste nicht recht, ob und wie er den jungen Mann ansprechen sollte. Er geht dich doch gar nichts an, dachte er, wusste aber, dass er nicht einfach weiterfahren konnte.

»Alles in Ordnung?«

Der junge Mann wandte sich langsam um, sah Martin an und nickte. Er hatte geweint.

»Soll ich dich mitnehmen?«

»Ich habe kein Geld.«

»Die Fahrt geht aufs Haus«, sagte Martin und bereute sein Angebot sofort. Warum mischte er sich ein? Er würde sich vielleicht eine lange, traurige Geschichte anhören müssen, und unter Umständen würde sein Wagen besudelt, auch wenn der Junge nicht betrunken wirkte, aber man wusste ja nie.

»Wo wohnst du denn?«

»Svartbäcken«, antwortete der junge Mann.

»Steig ein«, sagte Martin. »Ich habe Feierabend, muss aber sowieso in die Richtung.«

Der Junge sah ihn einen Moment lang unsicher an, bevor er in den Wagen stieg.

»Das ist nett von Ihnen«, sagte er nur.

Er war ungefähr zwanzig Jahre alt, trug eine Wollmütze mit Ohrenschützern und roch nach Schweiß. Er hatte nur ein T-Shirt an, aber auf seinem Schoß lag eine Jacke. Martin schielte zu ihm hinüber.

»Hast du gesehen, wie es in der Stadt aussieht?«

»Bitte?«

»Irgendwelche Idioten haben die ganzen Schaufenster zertrümmert. Es sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.«

»Ich komme von einem Mädchen.«

»Ist doch schön«, sagte Martin.

»Sie hat Schluss gemacht.«

»Oh, verdammt.«

»Vielleicht ist es auch besser so. Wir passten einfach nicht zusammen.«

»Sind das ihre Worte?«

Der junge Mann lächelte zum ersten Mal, aber in seinem Blick lag keine Freude.

»Wie heißt du?«

»Sebastian, nein, ich meine Marcus.«

»Du bist dir nicht sicher, wie du heißt?«

»Marcus.«

»Seid ihr lange zusammen gewesen?«

Sie hatten bereits die Kungsgatan erreicht, als der Junge endlich antwortete.

»Drei Jahre.«

»Das ist hart«, sagte Martin.

Plötzlich kam Leben in Marcus. Er wandte sich dem Taxifahrer zu und legte dabei eine Hand auf das Armaturenbrett.

»Zuerst hat sie nur gesagt, sie will nicht mehr, und dass sie eine Auszeit braucht. Dass sie mich liebt, aber nachdenken müsste.«

»Das klingt doch plausibel«, meinte Martin.

Es gefiel ihm nicht, dass Marcus sein Auto begrapschte, aber gleichzeitig munterte es ihn auch auf, sich mit jemandem unterhalten zu können.

»Aber sie liebt mich, das weiß ich genau.«

»Das möchte man natürlich gerne glauben«, erwiderte Martin unbarmherzig und sah den jungen Mann mit einer Miene an, die gutmütig wirken sollte. Marcus ließ sich auf den Beifahrersitz zurücksinken und seufzte.

»Vielleicht braucht sie ja wirklich ein bisschen Zeit zum Nachdenken«, versuchte Martin auf ihn einzugehen, während sie am Luthagsleden vorbeikamen.

»Sie macht doch nichts anderes als nachdenken.«

»Ich bin auch allein«, erklärte Martin, »obwohl ich natürlich Lina habe, meine Tochter. Sie ist achtzehn.«

»Am schlimmsten ist, dass sie einen anderen hat. Das ist mir erst heute Nacht klar geworden.«

»Dann ist sie bestimmt einfach unsicher«, sagte Martin.

»Es wäre schön, immer weiterzufahren, einfach abzuhauen, die E 4 in den Norden zu nehmen.«

»Also, ich persönlich würde lieber nach Süden ziehen«, erwiderte Martin.

»Es wäre schön, einfach immer weiterzufahren«, wiederholte Marcus.

»Wo wohnst du?«

»Hinter der Kreuzung.«

Martin Nilsson schielte in den Rückspiegel und hielt an.

»Wir könnten einen Kaffee trinken, wenn du Lust hast«, sagte er. »Ich bleibe nach der Nachtschicht immer noch ein bisschen auf und wohne nur ein paar Häuserblocks entfernt. Es ist zumindest ein kleines Stück weiter im Norden.«

Marcus schaute den Taxifahrer verstohlen an.

»Ich bin nicht schwul«, sagte Martin und lachte.

»Das habe ich auch nicht gedacht«, erwiderte Marcus. »Okay, eine Tasse Kaffee.«

3

Samstag, 10. Mai, 7.50 Uhr

Es klopfte an der Tür und Riis lugte herein.

»In der Stadt ist der Bär los. Habt ihr schon gehört?«

Ottosson nickte.

»Was ist denn?«, erkundigte sich Ann Lindell.

»Irgendeine Gang hat die Schaufenster im Stadtzentrum eingeschlagen«, sagte Haver leise.

»Woher wissen wir denn, dass es eine Gang war?«, fragte Sammy.

»Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass eine einzige Person hundert Schaufenster zertrümmert«, antwortete Haver.

»Sollen wir uns eine Tasse Kaffee genehmigen, bevor wir an die Arbeit gehen?«, fragte Ottosson.

»Wir fahren gleich hin«, entschied Lindell und sah Haver an. »Berglund und Fredriksson, ihr könnt in einem zweiten Wagen mitkommen.«

Sie schaute Ottosson an, der etwas verwirrt schien. Er hatte sich auf ein nettes Plauderstündchen, eine Tasse Kaffee und die Teilchen gefreut, die er am Morgen gekauft hatte. Nach seiner Einschätzung war das nach Lage der Dinge kein Fall für die Kriminalpolizei, so dass Ottosson in Lindells Feuereifer durchaus den Versuch sehen konnte, einer gemeinsamen Kaffeerunde zu entfliehen.

»Wir trinken später eine Tasse Kaffee zusammen«, sagte Ann Lindell und umarmte ihn von hinten.

Der Kommissariatsleiter nickte.

»Es ist ein Elend, dass der Tag schon so anfangen muss«, jammerte er.

»Das ist’s doch genau, wonach wir uns sehnen, nicht wahr, Ann?«, meinte Berglund.

Samstag, der 10. Mai. Das Polizeipräsidium von Uppsala, der viertgrößten Stadt des Landes. Zehn Gebäckstücke. Sieben Kriminalpolizisten. Für einen Moment war es vollkommen still in dem kleinen Konferenzraum. Es roch schwach nach Kaffee.

Zwei Minuten später war der Raum leer. Fredriksson ging als Erster, in Gedanken bei einer Dokumentation über die Halbinsel Kamtschatka. Er hatte nur die Hälfte der Sendung gesehen und würde mit Sicherheit auch die Wiederholung am Nachmittag verpassen. »Wir sind nicht stolz, aber wir glauben an die Wahrheit, wir lügen nicht«, hatte ein alter Mann in dem Film gesagt.

Ottosson trauerte der kurzen Zeit nach, die sie hätten gemeinsam verbringen können. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Er würde vorzeitig in den Ruhestand gehen. Das Wochenendhaus draußen in Jumkil erwartete ihn. Eigentlich hatte er vorgehabt, es den Kollegen heute bei einer Tasse Kaffee mitzuteilen.

Ann Lindell war seltsam aufgewühlt. Es war der erste ernsthafte Zwischenfall in der Stadt seit ihrer Rückkehr aus der Elternzeit. »Was ist so toll dran, es geht doch immer nur um schreckliche Dinge«, hatte ihre Mutter gesagt, als Ann ihr erzählte, wie froh sie darüber war, endlich wieder arbeiten zu dürfen.

Schreckliche Dinge, sicher, das stimmte, war aber nur die halbe Wahrheit. In den letzten zwei Jahren hatte Ann Lindell viel über ihre Arbeit nachgedacht. Warum zogen diese schrecklichen Dinge sie magisch an? Sie war zu dem Schluss gekommen, dass nicht das hochtrabende Gerede von Gerechtigkeit und Anständigkeit, sondern eine nicht zu bezähmende Neugier sie wieder ins Polizeipräsidium trieb. Außerdem hatte sie sich wahnsinnig auf ihre Kollegen gefreut, wobei sich ihr Blickwinkel in dem Punkt verschoben hatte. Suchte sie früher vor allem die Nähe ihrer jüngeren oder gleichaltrigen Kollegen, waren nun eher Berglund, Fredriksson und natürlich Ottosson die Menschen, die sie am meisten schätzte.

Spielte hier vielleicht auch ihre vorübergehende Schwäche für Ola Haver eine Rolle, die dazu geführt hatte, dass sie und Ola sich letzten Winter in ihrer Küche leidenschaftlich und verzweifelt geküsst hatten? Auf diese Art von Nervenkitzel konnte sie im Dienst wahrlich verzichten. Außerdem erinnerten Sammy Nilsson und die übrigen Männer in ihrem Alter sie nur daran, dass sie allein lebte. In Gesellschaft von Berglund und Fredriksson kamen solche Gedanken dagegen niemals auf.

»Soll ich fahren?«, fragte Haver und unterbrach sie in ihren Überlegungen.

»Nein, ich fahre«, sagte sie und nahm ihm den Schlüssel aus der Hand.

Er sah sie verstohlen an. Sag nichts, dachte Lindell, machte sich aber nicht ernsthaft Sorgen. Er würde es niemals zulassen, dass diese Episode ihr kollegiales Verhältnis beeinflusste.

»Schön, wieder dabei zu sein«, sagte sie leichthin und mit mehr Wärme in der Stimme, als sie beabsichtigt hatte.

Sie sahen sich über das Wagendach hinweg kurz an. Als sie unmittelbar darauf im Auto saßen, hatten sich ihre Blicke verändert.

»Drottninggatan«, sagte Lindell.

»Du hast sofort das Kommando übernommen«, sagte Haver. »Ich meine da oben, im Konferenzraum. Du hast sofort entschieden, wer mitkommen soll.«

»Ach, das ist mir gar nicht aufgefallen.«

»Man darf wohl froh sein, dass man berücksichtigt wurde«, meinte Haver und sah sie auf schwer zu deutende Art an.

»Hast du ein Problem damit?«

»Nein, nein, so habe ich es nicht gemeint.«

»Bist du sauer?«

Haver machte eine abwehrende Geste, aber Lindell wurde trotzdem wütend. Sie war nicht zurückgekehrt, um sich solchen Blödsinn und irgendwelche Andeutungen anhören zu müssen. Aber sie wollte sich ja zurückhalten.

»Jetzt kümmern wir uns erst einmal um die Drottninggatan«, sagte sie und konzentrierte sich auf den Verkehr.

4

Samstag, 10. Mai, 7.55 Uhr

Marcus’ Blick war starr auf die Tasse gerichtet. Er hatte seinen Kaffee ebenso wenig angerührt wie den Zwieback, den Martin Nilsson auf den Tisch gestellt hatte.

»Hast du Hunger?«

Marcus blickte erstaunt auf, schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln.

»Hat sie dunkles Haar, oder ist sie blond?«

»Dunkel.«

»Die sind immer schwierig«, sagte Martin Nilsson. »Trink deinen Kaffee.«

Marcus gehorchte mechanisch. Seine kurzen Haare standen in alle Richtungen vom Kopf ab, die Stirn war mit roten Flecken übersät, die von kleinen weißen Punkten umgeben waren. Martin musste an einen Apfel denken, dessen Schale zu lange der prallen Sonne ausgesetzt gewesen war. Als Marcus die Tasse an den Mund hob, traten zwei tiefe Furchen auf seine Wangen, und er sah plötzlich wesentlich älter aus.

»Möchtest du vielleicht ein richtiges Brot?«

»Nein, danke.«

»Was treibst du denn sonst so?«

»Ich studiere. Medienwissenschaft.«

»Lina besucht das Grafische Ausbildungszentrum, sie belegt Kurse in Fotografie und so.«

Der Junge zeigte sich nicht sonderlich interessiert.

Martin Nilsson spürte, dass er allmählich müde wurde. Er sollte Lina wecken, sich eine Viertelstunde mit ihr unterhalten, während sie frühstückte, und sich anschließend ein paar Stunden aufs Ohr legen, aber die Unruhe, die ihn auf seiner Fahrt durch die Stadt erfasst hatte, war noch nicht verflogen.

»Bevor ich dich aufgelesen habe, sollte ich eigentlich noch eine Fahrt übernehmen, aber ich habe abgelehnt«, sagte er.

»Kommt das öfter vor?«

»Nein, eher selten. Es sei denn, jemand randaliert.«

»War der Typ voll?«

»Nein«, erwiderte Martin, »das nicht, aber es war ein alter Kumpel. Wir sind zusammen in die Schule gegangen, haben viele Jahre zusammengehangen.«

»Und Sie wollten ihn nicht fahren?«

»Er hieß Magnus, Quatsch, er heißt sicher immer noch so. Ich glaube nicht, dass er mich erkannt hat. Oder er hat so getan, als würde er mich nicht kennen.«

»Warum sollte er das tun? Haben Sie sich gestritten?«

Zum ersten Mal an diesem Morgen zeigte Marcus Interesse an etwas. Er trank einen Schluck Kaffee und nahm sich einen Zwieback.

»Ich sollte jetzt vielleicht Lina wecken«, sagte Martin Nilsson.

»Und ich werde wohl nach Hause latschen und mich in die Koje hauen«, sagte der Junge. Eine Redewendung, die Martins Vater oft gebraucht hatte.

Martin Nilsson erhob sich, blieb aber am Tisch stehen.

»Wir haben uns tatsächlich gestritten«, sagte er leise, nahm seine Kaffeetasse und stellte sie auf die Spüle. »Er hielt sich auf einmal für so verdammt wichtig. Wir gingen damals in die Hjalmar-Branting-Schule. Seinem Vater gehörte ein Spielzeuggeschäft, aber der hatte sich umgebracht. Die Mutter hat dann einen Wirt geheiratet, der später pleiteging und aus der Stadt verschwand.«

»Wird man dadurch denn so wichtig?«

»Nein, nicht unbedingt. Heute ist er Politiker oder irgendwas bei der Stadt. Ich sehe ihn manchmal im Fernsehen.«

Martin drehte die Tasse auf der Spüle. Warum erzählte er das alles?

»Man weiß so wenig, wenn man in die Schule geht«, fuhr er fort. »Es scheint einem alles zuzufliegen. Die Welt steht einem offen. Oder auch nicht«, korrigierte er sich selbst.

»Man ist doch noch ein Kind«, meinte Marcus altklug.

»Aus den meisten werden bestimmt anständige Leute.«

»Es können ja nicht alle Politiker werden«, sagte Marcus. »Es ist bestimmt ganz schön hart, wenn sich der eigene Vater umbringt.«

»Er hat sich eine Kugel in den Kopf gejagt. Ich muss jetzt Lina wecken, aber bleib ruhig sitzen«, fügte er hinzu, als Marcus sich anschickte aufzustehen.

Wenn ich die Fahrt zum Flughafen übernommen hätte, wäre ich diesem Jungen niemals begegnet, dachte Martin.

Lina hatte wie ihr Vater dunkle Haare. Als sie schlaftrunken die Küche betrat, glaubte Marcus für einen Moment, Ulrika stünde vor ihm. Der verwaschene Bademantel, das leicht verwirrte, schlaftrunkene Gesicht und die trägen Bewegungen, das alles führte dazu, dass er sofort vom Stuhl aufspringen und sie an sich ziehen wollte. Es war seine Ulrika, aber sie war es eben doch nicht.

Trotz ihrer Müdigkeit schien Lina seine Reaktion bemerkt zu haben, denn sie sah ihn erstaunt und fast ein wenig ängstlich an.

»Wer bist du?«

»Ich heiße Marcus. Ich bin mit deinem Vater hergekommen.«

»Aha«, stellte sie sachlich fest, als wäre es ganz normal, dass am frühen Morgen fremde Menschen in ihrer Küche saßen. Sie beobachtete Marcus mit neugierigem Interesse, während sie Müsli und Schwedenmilch auf den Tisch stellte und sich ihm anschließend gegenübersetzte. Martin Nilsson kam zurück und schaltete das Radio ein.

»Vielleicht sagen sie ja was«, meinte er.

Die zertrümmerten Schaufenster waren die erste Meldung in den Nachrichten des Lokalsenders. Nach einer kurzen Zusammenfassung aus dem Studio wurde das Wort einem Reporter übergeben, der live von der Drottninggatan berichtete. Die Verwüstungen umfassten das gesamte Areal von der Nybron bis zu dem Hang, der zur Universitätsbibliothek hinaufführte. Die Stimme im Radio beschrieb fast schon poetisch den Anblick der Glasscherben auf Bürgersteig und Straße und verglich ihn mit Bildern aus einem Bürgerkriegsland. Die Polizei hatte die Straße für den Autoverkehr gesperrt, nur Bussen war es erlaubt, in der Straßenmitte zu passieren, wo man die Glasscherben notdürftig weggekehrt hatte.

Inzwischen hatten sich auch Schaulustige eingefunden, einige von ihnen wurden interviewt. Eine junge Frau berichtete, sie sei von einer Bombenexplosion ausgegangen, ein Mann vermutete als Täter betrunkene Einwanderer. Ein Sprecher der Polizei beschrieb knochentrocken und bürokratisch gestelzt das Ausmaß der Zerstörung und erklärte, die Polizei ermittle in alle Richtungen.

Der Journalist hatte schon das meiste aus der Geschichte herausgeholt und war gerade dabei, seine Reportage abzurunden, als er mitten im Satz verstummte.

Nur sein angespanntes Atmen war zu hören. Martin Nilsson lehnte sich vor und drehte den Ton lauter. »Was ist denn jetzt los?«, sagte er.

»Wir bleiben dran«, verkündete die Stimme des Reporters erregt, und man begriff, dass seine Worte eine Aufforderung an das Studio waren, ihn weiter auf Sendung zu lassen.

Plötzlich hörte man einen durchdringenden Schrei. In Tausenden von Wohnungen und an Hunderten von Arbeitsplätzen in Uppsala erklang der verzweifelte Schrei einer Frau.

»Hier ist gerade etwas geschehen«, sagte der Radioreporter.

»Ja, das haben wir auch schon kapiert«, zischte Martin Nilsson.

»Eine Frau steht vor einem der demolierten Geschäfte in der Drottninggatan«, fuhr die Stimme fort. »Sie starrt entsetzt ins Ladeninnere. Polizisten laufen zu der Frau. Ich werde jetzt näher herangehen.«

Seine schnellen Schritte vermischten sich mit erregten Stimmen.

»In dem Geschäft liegt ein toter Junge«, hörte man eine Frauenstimme in den Äther sagen.

»Das gibt’s doch gar nicht«, sagte Martin und sah Marcus an. »Hast du das gehört?«

»Gehen Sie!«, rief jemand, aber der Journalist war viel zu routiniert, um sich dadurch abschrecken zu lassen.

Stattdessen berichtete er, wie die Frau durch die eingeschlagene Tür zeigte und dass man in dem Geschäft, inmitten wahllos verstreuter Bücher, zwei Füße erkennen konnte, die hinter der Ladentheke hervorschauten. Der Reporter berichtete, wie ein uniformierter Polizeibeamter den Laden betrat und sich über den Körper beugte.

Dann wurde die Übertragung kurzzeitig unterbrochen – offenbar hatte man versucht, den Reporter zurückzudrängen.

»Diesen Pressefritzen ist wirklich nichts heilig«, brummte Martin Nilsson.

»War das eine Bombe?«, fragte Lina, die bisher keinen Ton von sich gegeben hatte.

Ihre Stimme klang unsicher. Martin sah sie an, streckte die Hand aus und hielt ihren Arm fest. »Mach dir keine Sorgen, Kleines«, sagte er.

»Wer ist denn da gestorben?«

»Keine Ahnung. Sie haben ihn gerade erst gefunden.«

»Kann das ein Terroranschlag gewesen sein?«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte ihr Vater, »was für Terroristen sollten denn das sein?«

Marcus schwieg, beobachtete Vater und Tochter, sah, wie nahe sie einander standen, und fragte sich, wo Linas Mutter war. Vielleicht war sie tot, vielleicht hatte Lina sich entschieden, bei ihrem Vater zu wohnen. Oder wohnte sie abwechselnd bei Vater und Mutter?

»Wir fahren hin«, sagte Lina plötzlich.

»Du musst doch lernen«, wandte ihr Vater ein.

»Das kann ich auch später noch.«

»Nun hör sich einer die an«, meinte Martin Nilsson und sah liebevoll seine Tochter an. Sie lebt, dachte er erneut. Vielleicht ist es ja gut für sie, wenn sie die Verwüstung in der Stadt sieht. Vater und Tochter hatten zwar hin und wieder über Bali gesprochen, aber nicht genug. Lina ging sicher so vieles durch den Kopf, das irgendwann herausmusste.

»Du musst es als einen Teil meiner Ausbildung sehen. Kommst du mit?«, fragte Lina und wandte sich an Marcus.

Er sah völlig übermüdet aus und schüttelte den Kopf. Martin gab ihm einen aufmunternden Klaps auf die Schulter. Er wollte den Jungen nicht so einfach ziehen lassen, weil er nach wie vor völlig von der Rolle zu sein schien. Er antwortete zwar, wenn man ihn ansprach, aber seine Stimme wirkte leblos. Nicht einmal an Lina, die sonst immer die Aufmerksamkeit junger Männer auf sich zog, zeigte er Interesse.

Seine traurigen Augen sahen aus, als schaute er immer noch auf den Fluss. Was hatte er in den tosenden Fluten gesehen? Die Lösung seiner Probleme? Martin Nilsson war immer fester davon überzeugt, dass es so war, und empfand große Zärtlichkeit, wenn er den verlorenen Blick des Jungen sah.

»Komm doch mit«, sagte Lina.

Marcus warf ihr einen schwer zu deutenden Blick zu und nickte schließlich.

Martin Nilsson parkte auf dem Fyristorg. Eine beachtliche Zahl von Schaulustigen hatte sich rund um die Nybron versammelt. Die Polizei hatte die Straße mit Plastikbändern abgesperrt. Die Schaufensterpuppe lag immer noch auf dem Bürgersteig.

Es herrschte eine erwartungsvolle Stimmung unter den Gaffern, so als wären die Leute gekommen, um sich eine Parade oder einen heimkehrenden Sportler oder Prominenten anzusehen. Wer nicht auf dem Weg zur Arbeit zufällig vorbeigekommen und neugierig stehen geblieben war, den hatte die Reportage im Radio angelockt. Die Blicke aller waren auf zwei Wagen gerichtet, die sich in diesem Moment näherten. Zwei Streifenpolizisten hoben das Absperrband an, und die Wagen fuhren durch.

Drei Männer und eine Frau stiegen aus.

»Das ist Ann Lindell«, sagte Martin zu seiner Tochter. »Ich habe sie schon mal gefahren.«

Die vier Ermittler standen mitten auf der Straße und sprachen mit einem Polizisten, den Martin ebenfalls erkannte.

»Er war früher Ringer«, erläuterte er.

Martin warf Marcus einen Blick zu. Der Junge beobachtete ebenso fasziniert wie die anderen Neugierigen das Geschehen. Seine Gesichtszüge waren wie ausgewechselt. Die eben noch so müden Augen leuchteten nun gespannt. Martin Nilsson sah verstohlen zu Lina hinüber, und ihre Blicke begegneten sich. Er ahnte, dass sich in ihr das gleiche Gefühl regte wie in ihm selbst: Ekel vermischt mit der hyänenhaften Neugier, die das Schweigen und die gereckten Hälse der Menschenmenge verkörperten.

Der Radioreporter war immer noch vor Ort, inzwischen hatte man ihn jedoch hinter die Absperrung verwiesen. Er ging hektisch auf und ab und sprach ununterbrochen in sein Mikrofon.

Einer der Polizisten versuchte vergeblich, die Menge der Schaulustigen zu zerstreuen.

»Was ist das eigentlich für ein Laden?«, erkundigte sich ein Mann.

»Eine Kinderbuchhandlung«, sagte eine Frau, die neben ihm stand. »Ich bin oft dort«, ergänzte sie. So, wie sie es sagte, klang es, als wäre sie deshalb eine Expertin.

»Eine Buchhandlung?«

Die Frau nickte. »Ich glaube, der Besitzer ist zugewandert. Jedenfalls hat er eine dunkle Hautfarbe, spricht aber sehr gut Schwedisch. Ob er wohl …« Plötzlich legte sich Entsetzen auf ihr Gesicht.

»Er war doch immer so freundlich«, sagte sie und sah Martin mit Tränen in den Augen an. »Ist das nicht furchtbar«, fuhr sie fort und bahnte sich einen Weg, um näher an die Absperrung heranzukommen.

»Ein Einwanderer ist erschlagen worden?«, fragte ein Mann.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Martin.

Augenblicklich verbreiteten sich die unzusammenhängenden Gesprächsfetzen in der Menschenmenge.

»Vielleicht sollten wir jetzt gehen«, sagte Martin Nilsson zu Lina.

»Lass uns noch ein bisschen warten. Ich will diese Polizistin noch einmal sehen.«

»Das wird dauern«, sagte Martin, aber seine Tochter war voll und ganz auf die Buchhandlung konzentriert und hörte seine Worte nicht.

»Es ist ein junger Mann«, hörte er jemanden sagen und drehte sich um.

»Irgendwer hat mit einem der Bullen geredet«, fuhr der Mann fort und stand sofort im Zentrum der Aufmerksamkeit.

»Es ist ein Jugoslawe«, behauptete ein anderer. »Anscheinend war es eine Abrechnung im Drogenmilieu.«

»Drogen?«

Der Mann nickte.

»Es wird so viel Unsinn geredet«, meinte jemand.

»Warum sollte ich Unsinn reden?«, fragte der Informant beleidigt.

»Es gibt so viele Gaffer.«

»Sie stehen doch auch hier!«

»Ich bin Glaser«, erwiderte der Mann und lächelte.

Die Kriminalpolizisten warteten auf Eskil Ryde. Ungeduldig standen sie vor dem Geschäft, als wollten sie beim Schlussverkauf als Erste den Laden stürmen. Sammy starrte hinein, versuchte etwas zu erkennen und kommentierte, was er sah, aber es schien ihm niemand zuzuhören.

Die Leute von der Spurensicherung trafen vierzehn Minuten später ein. Ann Lindell sah Ryde und Oskarsson die Straße heraufeilen, wobei Eskil Ryde noch grimmiger schaute als sonst. Wahrscheinlich lag es daran, dass er sich einen Weg durch die Schaulustigen an der Nybron hatte bahnen müssen.

Sie wechselten ein paar Worte, aber Ryde war wie ein Spürhund. Wenn er einmal Witterung aufgenommen hatte, ließ er sich von nichts mehr ablenken. Er streifte sich auf der Straße den blauen Schutzanzug über, zog die Handschuhe an und betrat wortlos das Geschäft. Oskarsson, der die Ausrüstung schleppte, folgte ihm. Ryde trug mit dem Recht des Älteren nur selten etwas selbst, aber das war auch schon das einzige Privileg, das er sich zugestand.

Ann Lindell lag die Frage auf der Zunge, wie lange es noch dauern würde; sie begriff jedoch, dass sie keine Antwort bekommen würde, und schluckte den Satz hinunter. Sie betrachtete Rydes und Oskarssons Rücken. Die beiden standen jetzt an der Ladentheke. Ryde sagte etwas zu seinem Kollegen, der daraufhin stumm nickte. Dann begannen sie ihre Suche nach Fasern, Fuß- und Fingerabdrücken, fremden Gegenständen, irgendwelchen Hinweisen, die eventuell mit dem Verbrechen in Zusammenhang standen. Die Zahl der Fragen im Rahmen polizeilicher Ermittlungen war endlos.

Fünfundzwanzig Minuten später waren sie fertig: Sie hatten einen kleinen Teil der Buchhandlung so weit untersucht, dass die Kriminalpolizisten hereinkommen und sich einen ersten Überblick verschaffen konnten. Anschließend würden die Kriminaltechniker ihre Arbeit fortsetzen, die sicher noch den ganzen Tag dauern würde.

»Ich habe Lyksell angerufen«, sagte Ryde.

Mit Lyksell, einem Gerichtsmediziner, der vor drei, vier Jahren einmal sein Glück bei Lindell versucht hatte, dann jedoch in schneller Folge geheiratet hatte und Vater einer kleinen Tochter geworden war, arbeiteten sie am häufigsten zusammen.

»Wann kommt er?«, fragte Lindell.

»Woher soll ich das wissen?«, fauchte Ryde.

Ann Lindell beugte sich über den Leichnam. Haver, Riis und Sammy Nilsson standen in einem Halbkreis hinter ihr. Ein blutjunger Mann, dachte sie verbittert und sah ihre Kollegen an. Haver wirkte bedrückt, Riis schien eher auf Rache zu sinnen, und Sammy musterte die massakrierte Gestalt mit einem traurigen Blick.

»Noch ein Junge«, sagte er nur.

Es war still in der engen Buchhandlung. Von fern drangen Stimmen herein. Lindell las die Aufschrift auf dem T-Shirt des Jungen: »Dreamland«. Gelbe, blutbesudelte Buchstaben.

»Wer ist er?«, fragte Haver.

»Johansson hat nach einem Portemonnaie oder etwas Ähnlichem gesucht, aber er scheint nichts bei sich gehabt zu haben.«

»Konstapel Johansson ist hier gewesen und hat alles angefasst?«, sagte Riis. »Dann können wir die Ermittlungen ja gleich einstellen.«

Lindell sah ihn an, sagte aber nichts, sondern richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Opfer. Es konnte keinen Zweifel geben, dass der Mann ermordet worden war. Er war ganz offensichtlich von mehreren kräftigen Schlägen getroffen worden, vor allem am Kopf. Wahrscheinlich war die Tatwaffe der Stuhl, der unmittelbar neben dem Toten lag. Das Stirnbein des Jungen war eingedrückt, ein Ohr zerfetzt, und vermutlich hatte er weitere Verletzungen am Hinterkopf, aber es würde noch eine Weile dauern, bis sie die Leiche umdrehen konnten.

Die Blutlache auf dem Steinfußboden war mindestens einen Quadratmeter groß. Der Junge war einmal blond gewesen, aber den Großteil seiner kurzgeschorenen Haare hatte das Blut dunkel gefärbt. Unmittelbar hinter seinem Kopf stand ein Regal mit Stofftieren. Eine Willi-Wiberg-Puppe war herabgefallen und lag dicht neben der Leiche.

Wie alt er wohl ist, dachte Lindell. Siebzehn oder achtzehn vielleicht. Der Tote war schlank und sah definitiv nicht wie ein Raufbold aus. Er trug ein T-Shirt, eine kurze Sommerjacke, eine Hose voller Flecken, vermutlich Urin. Weder Ringe noch sonstiger Schmuck. Die Füße steckten in Sandalen. Seine Hände waren klein, die Fingernägel gepflegt. Ein gut erzogenes Mamasöhnchen, murmelte Lindell und richtete sich wieder auf.

»Verdammt«, sagte sie. »Wann kommt denn nun endlich Lyksell?«

Den Kollegen war bereits aufgefallen, dass Lindell ungeduldiger war, seit sie nach ihrer Elternzeit wieder den Dienst angetreten hatte. Sammy und Haver schauten sich an.

»Der arme Junge«, sagte Riis unerwartet.

»Wir müssen ihn erst mal identifizieren«, sagte Sammy.

»Wann ist das alles passiert?«, erkundigte sich Haver.

»Der Alarm wegen Sachbeschädigung kam um 1.21 Uhr«, erwiderte Sammy. »Es ging zunächst nur darum, aufzuräumen, eventuelle Spuren zu sichern und sich mit den Hausbesitzern und den Inhabern der Geschäfte in Verbindung zu setzen.«

»Es gibt keine Parolen oder Graffiti?«

»Sieht nicht danach aus.«

»Wie zum Teufel kann man eine ganze Straße verwüsten und dann spurlos verschwinden?«, wollte Riis wissen, der zu seinem üblichen cholerischen Tonfall zurückgefunden hatte.

»Da musst du schon unsere ›Prinzessin‹ fragen«, meinte Sammy tonlos, »die hat bestimmt eine Theorie.«

»Die Prinzessin« war sein neuer Spitzname für den Polizeipräsidenten. Der Name war während Lindells Abwesenheit aufgekommen, und sie hatte es noch nicht geschafft zu fragen, worauf er eigentlich anspielte.

»Das war bestimmt dieses Gesocks aus den multikulturellen Vierteln«, meinte Riis.

Lindell sah sich um. Abgesehen von ein paar Büchern auf dem Fußboden gab es keine Anzeichen von Zerstörung oder einem Kampf.

»Wem gehört das Geschäft?«, fragte sie.

»Einem Mann namens Fridell, aber der hat den Jungen nicht gefunden, sondern eine Frau, die hier arbeitet. Sie sitzt in Beas Wagen.«

»Bea ist hier?«

»Sie ist direkt von zu Hause gekommen. Ich glaube, der Diensthabende hat sie angerufen«, meinte Haver.

»Zu Hause?«

»Ja, soweit ich weiß, sind die beiden verwandt.«

»Verwandt?«, wiederholte Lindell überflüssigerweise. »Holt diese Tante herein«, fuhr sie fort.

»Sie steht ziemlich unter Schock«, sagte Haver.

»Vielleicht erkennt sie den Jungen.«

»Sie meinte, sie würde ihn nicht kennen«, wandte Haver ein.

»Aber vielleicht hat sie auch nicht so genau hingesehen«, erwiderte Lindell.

Birgitta Lundebergs Gesicht war hochrot, als sie von Beatrice Andersson in die Buchhandlung geführt wurde. Lindell sprach mit ihr über den Schock und erklärte, man sei ihr sehr dankbar für ihre Mitarbeit. Die Frau starrte Lindell an wie ein fremdes Tier.

»Könnte es vielleicht Thomas sein?«, sagte sie leise.

Lindell trat ein wenig näher an sie heran.

»Welcher Thomas?«

»Mein Neffe. Er arbeitet hier als Aushilfe.«

»Wie alt ist er?«

»Er wird im Herbst neunzehn, am 23. September.«

»Das haben Sie vorhin nicht erkennen können?«

»Nein, ich habe nur die Beine gesehen«, sagte die Frau.

Haver schielte zu Lindell hinüber, die nickte.

»Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihn sich noch einmal anschauen könnten«, sagte sie.

Birgitta Lundeberg blickte zu Johansson auf, der sich neben ihrer schlanken Gestalt wie ein Berg erhob. Er nickte ihr aufmunternd zu, und sie machte ein paar Schritte in das Geschäft hinein. Haver sah, dass die Frau auf ein Bilderbuch trat, wie er eines vor ein paar Jahren gekauft hatte.

»Ist er verletzt?«, fragte sie.

Er ist tot, hätte Sammy am liebsten erwidert, hielt sich aber zurück.

»Er hat Verletzungen davongetragen«, sagte Lindell, »aber es wäre wirklich sehr wichtig für uns, wenn Sie uns helfen könnten.«

Birgitta Lundeberg machte zwei wacklige Schritte nach vorn und sah entsetzt auf den ermordeten Jungen hinab, schnappte nach Luft und wäre beinahe rücklings umgekippt. Johansson stand dicht neben ihr, um sie gegebenenfalls zu stützen.

Die Polizisten starrten sie an.

»Das ist nicht Thomas«, sagte sie schließlich.

»Sind Sie sicher?«

Die Frau nickte.

»Kommt Ihnen sein Gesicht bekannt vor?«

»Es ist niemand, den ich kenne«, flüsterte sie. Sie war leichenblass.

»Danke«, sagte Lindell, »Sie sind sehr tapfer gewesen.«

»Tapfer«, wiederholte die Frau, während sie von Johansson ins Freie geleitet wurde. »Ich bin diese ganzen Toten so leid«, hörten sie die Frau sagen, als sie auf die Straße trat.

»Wie meint sie das?«, fragte Haver.

Ann Lindell wurde an ihre Heimat Östergötland erinnert, als sie Birgitta Lundebergs Worte hörte. Hatte sie einen Anflug des dortigen Dialekts herausgehört oder musste sie wegen der Bemerkung über Tote an ihre Eltern denken? Ein Dauerthema in den Gesprächen mit ihnen waren Krankheiten und die Altersgenossen ihrer Eltern, die einer nach dem anderen aus dem Leben schieden. Ann kam es oft vor, als würde ihre Mutter das Thema nur anreißen, um die Tochter daran zu erinnern, wie gebrechlich sie waren und dass sie jeden Moment sterben konnten. Natürlich nur, um Ann indirekt vorzuwerfen, dass sie sich zu wenig um ihre Eltern kümmerte.

Ryde holte sie in die Wirklichkeit zurück.

»Wenn ihr genug gesehen habt, könnt ihr den Raum jetzt verlassen«, sagte er.

Das Quartett vom Kommissariat für Gewaltdelikte zog sich zurück. Lindell war froh, wieder an die frische Luft zu kommen. Nach dem Leichenfund in der Buchhandlung hatte sie die Kollegen angewiesen, alle Geschäfte zu durchsuchen. Sie sah, dass ein paar Streifenpolizisten vor einem Café standen und mit einem Mann diskutierten, der wild gestikulierte.

Eine Frau, die Lindell einmal in einer Zeitungsreportage gesehen hatte, stand ein paar Meter davon entfernt. Sie weinte still.

»Wir müssen überprüfen, ob jemand als vermisst gemeldet wurde. Es wäre immerhin möglich, dass der Junge dabei ist.«

»Er sieht zu jung aus, um schon Student zu sein«, sagte Sammy.

»Stimmt, seine Familie wohnt sicher in der Stadt«, pflichtete Haver ihm bei.

Lindell ging ein wenig zur Seite und sah Beatrice an der Ecke zur Trädgårdsgatan stehen. Es war Viertel vor zehn.

5

Samstag, 10. Mai, 8.10 Uhr

Die Alte hatte während des Winters merklich abgebaut, ihre mageren Schultern waren noch dünner geworden, und sie sagte sogar selber, sie sehe immer mehr wie ein Eichelhäher aus.

»So, so, du willst also wegfahren?«, sagte sie.

»Vierzehn Tage«, antwortete Edvard.

»Und was gibt es in diesem Land?«

»Sonne und Meer.«

Viola fuhr herum und zog den schrill pfeifenden Wasserkessel von der Herdplatte. In der Küche hatte sie nichts von ihrer Schnelligkeit verloren. Edvard sah aus dem Fenster.

»Soll ich die Flagge hissen?«

»Warum?«

»Weil es Frühling ist. Das sollten wir feiern und draußen frühstücken.«

»Kommt überhaupt nicht in Frage«, entschied Viola. »Eine Lungenentzündung holt man sich auch so schon schnell genug.«

»Es sind dreizehn Grad. Am Holzschuppen ist es sicher schön warm.«

Er sah sie an, ihren Rücken, die widerspenstigen Haare, die knochige Hand, wie sie die Tassen aus dem Schrank holte.

»Viktor und ich könnten ein paar Heringe fangen. Die würden uns bestimmt gut schmecken, nicht?«

Sie drehte sich zu ihm um, und ihre Blicke trafen sich.

»Das würde ihm sicher Spaß machen«, sagte sie.

Edvard saß träge am Tisch und fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit völlig erledigt. Einen Monat lang hatten er und Gottfrid in Gimo an einem Haus gearbeitet, das eigentlich schon Mitte April bezugsfertig sein sollte, aber erst vor ein paar Tagen fertig geworden war. Sie hatten hart arbeiten müssen und sich nicht immer gut verstanden. Außerdem hatte die ständige Kritik des Hausbesitzers ihnen in den letzten Wochen die Arbeit verleidet. Gottfrid traf im Grunde keine Schuld an der Verzögerung, aber er musste für die Langsamkeit der Materiallieferanten büßen. Als sie schließlich fertig waren, fiel eine zentnerschwere Last von ihnen.

Viola und Edvard tranken schweigend ihren Kaffee. Auf einem Teller lagen zwei Brote.

»Das gibt es hier auch«, meinte sie.

»Was?«

»Sonne.«

»Sicher.«

»Und das Meer liegt da unten.«

»Das ist richtig.«

»Wo es schon immer lag«, ergänzte Viola und begann, den Tisch abzudecken.

»Willst du mitkommen?«

»Du bist wohl verrückt!«

»Ich denke jedenfalls, ich fahre mal nach Uppsala. Es kostet ja nichts, sich unverbindlich zu erkundigen. Bei der Gelegenheit könnte ich auch gleich einkaufen gehen.«

»Gibt es da Schlangen?«

Wie alle Schärenbewohner hatte Viola große Angst vor Reptilien.

»Mit Sicherheit.«

»Du hast immer vom Meer gesprochen, deshalb bist du hergekommen.«

Sie hielt inne, aber Edvard wusste, dass sie es dabei nicht belassen würde.

»Du hast vor dem Haus gestanden und gesagt, du würdest dich nach dem Meer sehnen, erinnerst du dich? Ich habe dir angesehen, dass du traurig und hungrig wie ein räudiger Fuchs warst.«

»Sah ich so erbärmlich aus?«

»Wie ein Fuchs, der schon lange nichts mehr zwischen die Zähne bekommen hat.«

»Ich kann mich nicht erinnern, besonders hungrig gewesen zu sein.«

»So meine ich das nicht«, fauchte Viola unwirsch.

Edvard stand auf.

»Jetzt genügt dir dieses Meer nicht mehr«, meinte Viola mit dem Rücken zu ihm.

»Doch, es genügt mir«, sagte er gerührt, war ihrer Sorgen aber auch ein wenig überdrüssig. »Du weißt genau, dass ich zurückkomme.«

Sie drehte sich um.

»Viktor will sich bestimmt verabschieden.«

»Ich fahre doch noch gar nicht.«

»Er kommt jedenfalls vorbei. Er soll mir mit dem Brennholz helfen.«

»Das ist doch schon alles erledigt.«

»Jaja, irgendetwas war aber.«

»Also ich fahre jetzt in die Stadt. Soll ich einkaufen gehen?«

Er hatte eines späten Abends bei Viola angeklopft und sie gebeten, ein Zimmer mieten zu dürfen. Obwohl sie eigentlich schon seit Jahren nicht mehr vermietete, hatte sie sich von seiner Müdigkeit und seinem verlorenen Blick erweichen lassen. Damals hatte er nur ein vorübergehendes Asyl gesucht. Inzwischen war er ein Einwohner von Gräsö geworden und würde es wahrscheinlich auch bleiben. Schon vor zwei Jahren hatte Viola ihm erzählt, dass sie ihm ihr Haus vererben würde.

Die anderen Inselbewohner hatten ihn akzeptiert. Er wohnte bei einer Einheimischen, benahm sich anständig und arbeitete mit Gottfrid zusammen – das reichte den eigensinnigen Insulanern.

Er hatte gelernt, in den Schären zu leben, und war oft zum Fischen auf dem Meer, manchmal zusammen mit Viktor, meistens jedoch alleine. Die Anwohner der Bucht sahen ihn oft in Viktors Boot, als einen Schatten in der Kajüte oder auf dem Vordeck, wenn er die Netze auswarf oder einfach nur dastand, zum Horizont sah und Seeadler beobachtete, die am Himmel kreisten.

Tatsächlich erschien er manch einem durch seinen Lebensstil und seine spärlichen Kontakte mit der Außenwelt authentischer als viele Einheimische. Edvard war sich bewusst, dass in den Häusern über ihn geredet wurde. Er war der Eigenbrötler, der sich das Heim mit einer Eigenbrötlerin teilte.

Edvard wirkte auch dann noch einsam, wenn er unter Leuten war. Er war durchaus ein geselliger Mensch, aber irgendetwas in seiner Art, sich zu geben, konnte die abweisende Haltung des Einzelgängers nicht verleugnen. Die Polizistin, mit der er zwei Jahre zusammen gewesen war, hatte ihn betrogen, war von einem anderen Mann schwanger geworden und hatte Edvard seiner Trauer überlassen. So erzählten es sich die Leute, und im Großen und Ganzen entsprach es auch der Wahrheit. Edvard trauerte. Um Ann und um ein Leben, von dem er wusste, dass es möglich gewesen wäre.

Er blieb für einen Moment auf dem Hof stehen. Die neuen Nistkästen hatten bereits erste Gäste. Es wehte ein lauer Wind, der Frühling verhieß. Gräsö war ein, zwei Wochen hinter dem Festland zurück, aber jetzt wurde es auch hier Zeit, die Felder zu bestellen. Noch vor zwei Jahren war er von innerer Unruhe erfasst worden, wenn der Winter dem Frühling weichen musste und die Erde duftete. Mittlerweile sah er das alles gelassener. Er musste nicht, ja wollte vielleicht nicht einmal auf diese Gefühle hören. Er brauchte nicht mehr zum Pflügen und Säen aufs Feld. Dennoch ging er zum Acker, wie Bauer Lundström es auch zu tun pflegte. Er wollte vor allem schauen, wie der Boden aussah, ein wenig mit sich selber reden und vielleicht auch ein paar Worte mit Lundström wechseln, falls sie sich begegneten.

Edvard ging in die Hocke, wie er es tausendmal zuvor getan hatte. Mit der Hand auf dem Erdboden versuchte er an Lundström zu denken, an die Steine, an den Wind, der seine Gestalt umspielte, und daran, dass Lundström Unkraut jäten müsste. Aber in Wahrheit dachte er an Ann Lindell. Er war in ihrer Nähe glücklich gewesen. Das Erdreich und ihre warme Haut waren eins geworden, in den Konturen und Rundungen ihres Körpers, dem hellen Flaum und ihren Haaren hatte er Landschaften gesehen. Alles war eins – ihre Düfte und die der Böden, die Freude, die Schritte im Wald, am Feldrand.

Ich war glücklich, dachte er und richtete sich lächelnd wieder auf.

Im vergangenen Winter hatte er sporadisch die Veranstaltungen des Kulturvereins in Öregrund besucht und Vorträgen von Bergsteigern, Schriftstellern und Abenteurern gelauscht, die Reisen nach Grönland und Sibirien unternommen hatten, ihre Dias gesehen und sich gelegentlich selber gesagt: Da sollte ich auch mal hinfahren.

Jetzt würde er auf Reisen gehen, aber im Gegensatz zu den Abenteurern zog es ihn nach Süden. Mit Fredrik hatte er sich über Strände, das Meer und Fische unterhalten.

Am Ende des Winters hatte er dann immer häufiger darüber nachgedacht, eine Reise zu machen. Fredrik hatte eine Insel erwähnt, die Koh Lanta hieß, und sie war jetzt Edvards Ziel. Er hatte einen Reiseführer gekauft, der im Großen und Ganzen Fredriks Bericht bestätigte.

Jedenfalls würde er in Uppsala in ein Reisebüro gehen. Er lächelte still vor sich hin und schlenderte zurück. Der kurze Moment auf Lundströms Feld hatte ihn aufgewühlt, aber die Tatsache, dass er sich selbst wieder beruhigen konnte, zeigte ihm, die Absprache, die er mit sich selbst getroffen hatte, wurde eingehalten.

6

Samstag, 10. Mai, 10.05 Uhr

Seltsamerweise sah sie ihn zuerst, obwohl er inmitten einer Menschenmenge stand, die sich an der Nybron versammelt hatte, einer wogenden Masse, die sich schon aufzulösen schien, um im nächsten Moment doch wieder größer zu werden.

Er stand in der ersten Reihe, halb verdeckt von ein paar Kindern. Ann Lindell glaubte das verwaschene Hemd wiederzuerkennen, das er trug. Er war wie immer braungebrannt. Sein Anblick traf sie wie ein Schlag, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Es war ein unverhofftes, aber nicht unangenehmes Gefühl. Sie war verwirrt, wenn auch nicht sonderlich überrascht, denn irgendwann musste sie ihm ja einmal begegnen. Jetzt stand er also da, nur sechzig Meter von ihr entfernt. Wie lange braucht man, um sechzig Meter zu gehen? Da stand Edvard, der Mann, den sie so leidenschaftlich geliebt, begehrt und dann aus Fahrlässigkeit verloren hatte.

Sie sah, dass er sich mit einer Frau unterhielt. Sie war jünger als er, blond und trug einen langen Mantel. War das seine neue Freundin? Konnte er mit einer Frau zusammen sein, die einen solchen Mantel trug? Sie ging weg, er sah ihr nach. Edvard, den sie fast zwei Jahre lang nicht mehr gesehen hatte, er hatte sich nicht verändert.

Haver sagte etwas, das sie nicht verstand.

»Bitte?«

»Ich habe gesagt, die Kollegen haben auf der Straße Blutspuren gesichert.«

»Sprich mit Ryde«, erwiderte sie kurz angebunden.

»Was ist denn los? Du bist ja ganz blass.«

»Edvard«, sagte sie nur.

»Ist er hier?«

Sie nickte in Richtung Brücke, und Ola Haver versuchte ihn in der Menge auszumachen.

»Das ist ja ein Ding«, meinte er, als er ihn entdeckt hatte. »Willst du mit ihm reden?«

In diesem Moment bemerkte Edvard sie und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorn, wurde jedoch durch die Absperrung aufgehalten. Er hob grüßend die Hand. Sie erwiderte seine Geste mit einem zaghaften Winken.

Sie sahen sich kurz an, dann ging er und verschwand wieder in der Menschenmenge.

»Nein«, sagte sie und machte eine unbeholfene Geste.

Haver sah, wie ihre Verwirrung in Verzweiflung umschlug, die Schultern heruntersackten und die Arme schlaff herabhingen.

»Er ist gegangen«, stellte sie fest.

»Allerdings. Er war wohl genauso geschockt wie du.«

Ann Lindell wandte sich schweigend ab. Der Anblick der verwüsteten Straße war ein Spiegelbild ihres eigenen Lebens, Scherben pflasterten ihren Weg. Jetzt, da es ihr endlich gelungen war, die Erinnerungen an Edvard zu verdrängen, ihn und seine verdammten Augen und Hände in die abgelegensten Winkel ihre Hirns zu pressen, tauchte er plötzlich auf und verschwand dann ebenso schnell wieder. Es kam ihr vor wie ein Trugbild, aber er war es tatsächlich gewesen. Er hatte die Hand gehoben, wollte sich zu erkennen geben, aber nicht mehr, wollte keinen Kontakt aufnehmen, kein Wort mit ihr wechseln. So ein Mist, dachte sie, er hätte wenigstens fragen können, wie es mir geht, dann hätte ich ihn mir ansehen und für eine Weile seine Stimme hören können. Braun war er. Sie war blass. Er sah kerngesund aus. Dieses Hemd, das er anhatte, war so typisch für Edvard. Wenn er ausnahmsweise einmal in die Stadt fuhr, zog er garantiert die ältesten Klamotten an, die er im Kleiderschrank finden konnte.

Verstohlen schaute sie sich um, und ihr Blick fiel auf Haver, der ganz unglücklich aussah. Er hatte sie damals mit einer Umarmung und einem Kuss verführen wollen, war dann aber verschreckt zu seiner Rebecka zurückgerannt. Sie hatte seinen Besuch in der Vorweihnachtszeit mehrfach Revue passieren lassen.

Jetzt stand er da und gab sich einfühlsam. »Fahr zur Hölle«, zischte sie leise, »fahrt doch alle zur Hölle.«

Die Kollegen suchten zwischen den Glassplittern nach Gegenständen, die für die Ermittlungen relevant sein könnten. Sie ähnelten Blaubeerpflückern, die auf der vergeblichen Jagd nach Beeren im dünnen Gestrüpp stocherten. Lindell beobachtete sie mit gleichgültigem Blick. Sie ahnte, dass die Beamten nicht viel mehr finden würden als alte Eisverpackungen, Zigarettenkippen und anderen Müll, aber diese Arbeit musste dennoch getan werden.

Sie war gezwungen, sich zusammenzureißen. Was blieb ihr auch anderes übrig? Auf der Straße zusammenzubrechen und zu flennen? Sie war eine Meisterin in der Kunst des Verdrängens und würde es auch diesmal wieder schaffen.

Ihr Handy klingelte, und sie riss es mit einer gereizten Bewegung heraus, erstarrte jedoch, als sie die Nummer auf dem Display sah.

Sie hat immer noch seine Nummer gespeichert, dachte Haver, der Lindell die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte. Sie trommelte mit der freien Hand auf ihrem Oberschenkel, wie sie es immer tat, wenn sie nervös wurde.

Nun geh schon ran, dachte Ola Haver. Oder geh nicht ran und vergiss diesen Bauerntölpel, der bringt dir doch nur Ärger. Sie starrte immer noch das Telefon an, meldete sich aber schließlich. Es wurde kein langes Gespräch. Ann Lindells angespannter Rücken wurde etwas lockerer, und sie steckte nachdenklich das Telefon wieder ein, während sie die Straße hinabspähte. Einen Moment lang blieb sie regungslos stehen, und Haver glaubte zu sehen, dass sie überlegte, ob sie zur Brücke laufen sollte. Stattdessen ging sie mit energischen Schritten zu Ryde, und die beiden wechselten ein paar Worte. Lindell zeigte zu dem Hang, der zur Universitätsbibliothek hinaufführte. Ryde wirkte abweisend, aber das hatte nichts zu sagen, Charme gehörte nicht zu seinen Stärken. Haver war überzeugt, dass der Griesgram Ann Lindell trotzdem mochte.

Ansonsten war Ryde noch ganz vom alten Schlag, »deadwood«, wie ein australischer Kollege bei einem Besuch die alten Hasen im Polizeicorps genannt hatte, denen Frauen in Uniform, und erst recht als Ermittlerinnen bei der Kriminalpolizei, ein Gräuel waren. Haver hatte den Begriff von down under