Die griechischen Denker vor Sokrates - Karl Vorländer - E-Book

Die griechischen Denker vor Sokrates E-Book

Karl Vorländer

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Beschreibung

Dieses Werk von Karl Vorländer bietet eine gründliche Untersuchung der philosophischen Strömungen, die den Grundstein für die abendländische Denkgeschichte legten. Anhand umfangreicher historischer und philologischer Quellen erläutert der Autor die herausragenden Ideen jener Epoche, in der sich Philosophie erstmals als eigenständige Disziplin herausbildete. Diese Entwicklung wird durch die Betrachtung der Ionischen Naturphilosophen eingeleitet, deren Vertreter – darunter Thales, Anaximandros und Anaximenes – mit ihren rationalen Erklärungsversuchen eine Abkehr vom mythischen Weltbild vollzogen und damit einen neuen Zugang zur Realität ermöglichten. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Überlegungen von Heraklit, dessen Dynamik des steten Wandels eine bedeutende Position innerhalb der vorsokratischen Debatten einnahm. Ebenso widmet sich der Autor den Eleaten, zu denen Xenophanes, Parmenides, Zenon und Melissos gehören, und beleuchtet deren Überzeugung von der Einheit und Unveränderlichkeit des Seins als radikalen Gegenpol zu Heraklits Gedankenwelt. Ferner analysiert Vorländer das Wirken von Pythagoras und seiner Gemeinschaft, die eine Verbindung zwischen Mathematik, Religiosität und Kosmologie herstellten und dadurch neue Dimensionen des Denkens erschlossen. Empedokles und Demokrit rücken mit ihren Theorien zu Elementen und Atomen in den Blick, welche die Frage nach der materiellen Grundstruktur aller Dinge aufwerfen. Darüber hinaus berücksichtigt das Buch die Sophisten Protagoras und Gorgias, welche die Bedeutung menschlicher Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit in den Mittelpunkt rückten und dadurch eine Wende zu subjekt- und gesellschaftsbezogenen Fragestellungen einleiteten. Vorländer betont die historischen Umstände, die diese Denkansätze hervorbrachten, und zeigt zugleich, wie ihre philosophischen Konzepte unsere heutige Sicht auf Wahrheit, Wissen und Moral nachhaltig beeinflusst haben. Abschließend verdeutlicht das Werk, dass jene frühen Gedankengebäude die Grundlage für alle späteren Entwicklungen der abendländischen Philosophie bildeten. Durch die ausgewogene Verbindung von historischer Genauigkeit und philosophischer Interpretation vermittelt die Darstellung nicht nur eine umfassende Übersicht über die Vorsokratiker, sondern fördert auch ein tieferes Verständnis der Wurzeln unserer kulturellen Identität. So erweist sich dieses Buch als unverzichtbare Lektüre für alle, die die Geschichte und die tragende Bedeutung des vorsokratischen Denkens genauer erfassen möchten. ​

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Karl Vorländer

Die griechischen Denker vor Sokrates

 
 
e-artnow, 2024

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
1. Die Heimat der Philosophie
2. Loslösung von der Religion
3. Die sittlichen Anschauungen der vorphilosophischen Zeit
Erster Abschnitt. Die ältere griechische Naturphilosophie
Kapitel I. Die drei Milesier oder das Problem des Urstoffs
1. Thales
2. Anaximandros
3. Anaximenes
Kapitel II. Heraklit
A. Leben und Persönlichkeit
B. Lehre
Kapitel III. Die Eleaten
1. Xenophanes
2. Parmenides
3. Zenon
4. Melissos
Kapitel IV. Pythagoras und die Pythagoreer. (Die Philosophie der Zahl)
A. Pythagoras und sein Orden
B. Die pythagoreische Lehre
Zweiter Abschnitt. Die jüngere Naturphilosophie
Kapitel V. Empedokles
A. Heimat und Persönlichkeit
B. Die Lehre
Kapitel VI. Anaxagoras
A. Leben und Persönlichkeit
B. Naturphilosophie
C. Die Lehre vom »Geist«
Kapitel VII. Demokrit und der Atomismus
A. Leben, Persönlichkeit, Verhältnis zu Leukipp
B. Naturphilosophie: Lehre von den Atomen und dem Leeren
C. Erkenntniskritisches und Psychologisches
D. Ethisches
Dritter Abschnitt. Die griechische Aufklärung im Zeitalter der Sophisten
Kapitel VIII. Die Sophistik im allgemeinen
Kapitel IX. Die Sophisten Protagoras und Gorgias
1. Protagoras von Abdera
2. Goraias von Leontinoi
Kapitel X. Jüngere Sophisten: Prodikos, Hippias und andere
1. Prodikos von Keos
2. Hippias von Elis
3. Die Verteidiger der Menschenrechte und des Rechts des Stärkeren
4. Der Ausgang der Sophistik Sokrates
Zeittafel
Literatur

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

1. Die Heimat der Philosophie

Inhaltsverzeichnis

Nicht an den Fluren des Ganges oder im Tieflande der Mongolen, nicht in den fruchtbaren Ebenen des Euphrat und Tigris noch im Lande der Pyramiden hat die eigentliche Wiege der Philosophie gestanden, sondern im kleinasiatischen Griechenland. Gewiß, auch in den alten Kulturländern des fernen Ostens hat es so etwas Aehnliches wie Philosophie, hat es tiefsinnige Weltanschauungssysteme gegeben. So im China des sechsten Jahrhunderts vor Christus, wenn Meister Lao, d. h. der Alte, an den Anfang der Dinge das Tao, d. i. einen namenlosen Urgrund, setzte, aus dem der Schöpfer des Alls, aller Kräfte und aller Tugenden hervorging, der auch dem Handeln der Menschen den richtigen Weg weist, und zu dem der Weise wieder emporstrebt, indem er sich von allem Sinnlichen löst und auf sich selbst zurückzieht. Und wenn im Gegensatz zu dieser tiefsinnigen Weisheit, zu der wohl nur wenige durchdrangen, ein Jahrhundert später der nüchternere Meister Kung (von den Jesuiten in Confucius latinisiert) eine dem Durchschnitt seines Volkes besser angepaßte, darum auch heute noch in Blüte stehende rein praktische Sitten-, Staats- und, wenn man will, Religionslehre schuf.

Philosophischer angelegt als die übrigen Orientalen (Morgen- oder Ostländer), sind die uns als Indogermanen stammverwandten Hindus des alten Indiens. Hier sind eine ganze Reihe teils philosophischer, teils theologischer, aber zum Teil auch dem Materialismus zuneigender, mit indischer Gedankenfeinheit ausgesponnener Systeme entstanden, deren Kern die Lehre vom Brahman, dem die ganze Welt hervorbringenden, erhaltenden und wieder in sich zurückschlingenden All-Einen, und die vom Atman, der Menschenseele, bildet, die nur in dem Gedanken Ruhe zu finden vermag, daß sie mit dem All-Einen eines Wesens ist. Der bei uns bekanntesten, in den heiligen Büchern der Vedas vorliegenden, daher Vedanta-Philosophie genannten Richtung dünkt sogar die ganze Welt, einschließlich unseres eigenen Ich, nur Trug und Schein, mit dem Schleier der Maya (der täuschenden Sinne) verhüllt; Wahrheit liegt nur in Brahman, d. h. der Gottheit. Diese Lehre, die uns im neunzehnten Jahrhundert Schopenhauer, sein Jünger Paul Deussen und der deutsch-englische Religionsforscher Max Müller (Oxford) nahe zu bringen versucht haben, ist aber im Grunde doch weit mehr theologischer oder theosophischer als philosophischer Natur. Und vor allem, sie liegt völlig abseits von unserer abendländischen Art des Denkens. Erst neuerdings hat der auch bei uns in Europa erschienene indische Dichter und Denker Rabindranath Tagore eine Versöhnung dieser altindischen Theosophie (= Gottesweisheit) mit dem abendländischen Denken herzustellen sich bemüht, indem er neben dem Versenken der Einzelseele in das All doch auch das Recht der Persönlichkeit stark betont und diese von müßiger Beschaulichkeit zu tatkräftigem Handeln führen will.

Im Gegensatz zu der die Menschheit in streng voneinander geschiedene Klassen (»Kasten«) trennenden Brahmareligion der indischen Gelehrten, die dort mit den Priestern (Brahminen) dasselbe sind, ist der bereits um die Zeit des Lao und Confucius gleichfalls auf indischem Boden erwachsene, jedoch durch Verfolgungen nach Hinterindien, Japan, China und anderen Ländern verdrängte Buddhismus eine Religion für die leidenden Massen, denen sie als höchstes Ziel Abwendung von allem leidenschaftlichen Begehren und Eingehen in das ewige Verlöschen (»Nirwana«) predigt. So ist die Religion des edlen, freiwillig arm gewordenen Königssohnes Buddha, auch wenn man von ihrem vielfachen Verzerren ins Götzenhafte absteht (das sie ja mit dem Brahmanismus, der antiken Religion, und zum Teil doch auch mit dem – Christentum teilt), im wesentlichen doch bloß religiöse Heilslehre, unserer Ansicht nach mit ihrer leidenden Ergebung und Unterdrückung auch der gesunden Sinnlichkeit im Kerne ungesund, wie sehr sie auch, vielleicht gerade deshalb, heute manchen Europäern – auch bei uns in Deutschland gibt es neubuddhistische Zeitschriften – imponieren mag.

Noch stärker religiöses Gewand trägt die um 600 von Zarathustra (lateinisch: Zoroaster) geläuterte altpersische Religion, deren Grundgedanke, der Glaube an einen von Beginn der Welt an existierenden Kampf zwischen dem Gott des Lichtes oder des Guten, den wir zu unterstützen haben, und dem Gott bzw. Reich des Bösen und der Finsternis, ohne Zweifel einen tief sittlichen Kern birgt.

Sicherlich enthält auch das Alte Testament der Israeliten tiefste sittliche Lebensweisheit. Wir brauchen nur an die dem weisen König Salomo zugeschriebenen Sprüche oder das Buch Jesus Sirach oder die Psalmen zu denken. Und die Schöpfungsgeschichte im ersten Kapitel »Mose« mit ihrem Aufsteigen vom Unvollkommenen zum immer Vollkommneren ist ebenso sicher von einem philosophisch angelegten Dichter ersonnen worden, wie das Buch Hiob, in dem die jedem unverdorbenen und gerechten Denken sich immer wieder aufdringende Schicksalsfrage behandelt wird, wie sich das Dasein des Uebels auf Erden, das oft gerade die Besten am härtesten trifft, mit dem Dasein eines allgütigen und allmächtigen Gottes vereinen lasse; oder gar das Buch Koheleth, dessen erschütternde Predigt von der Eitelkeit alles menschlichen Lebens und Mühens gerade dem scheinbar reichsten und glücklichsten Menschen als »Weisheit Salomonis« in den Mund gelegt wird.

Die religiösen Vorstellungen der alten Assyrer, Babylonier, Phönizier und Aegypter endlich zeigen, soweit wir bisher von ihnen wissen, erst recht keine philosophische Begründung. Kurz, diese ganze Weisheit des Orients ist nicht auf dem Grunde wissenschaftlichen Denkens erwachsen. Anders war es mit dem Volke, dem die Philosophie auch ihren Namen verdankt: dem Volk der Griechen. Die Griechen oder, wie sie sich selbst nannten, die »Hellenen«, haben zuerst Philosophie im wahren Sinne des Wortes getrieben. Ja, sie haben, kann man ohne allzu große Kühnheit behaupten, schon fast sämtliche großen, die Menschheit von jeher und darum auch heute noch bewegenden, philosophischen Fragen, und zwar zum großen Teil in einfacher, deshalb für jeden gebildeten Menschen auch der Gegenwart noch verständlichen Weise behandelt, sie uns Heutigen sozusagen vorgedacht. Alle die philosophischen Richtungen, die nacheinander in der Philosophie-Geschichte auftauchen, und die wir in dem Einführungsbändchen dieser Sammlung vorläufig erklärt haben, vom Idealismus und Materialismus bis zum Individualismus und Sozialismus, sind, wenige Ausnahmen abgerechnet, schon bei den altgriechischen Denkern zu Tage getreten. Und ebenso haben die Griechen und ihre geistigen Erben, die Römer und die mittelalterliche Kirche, auch bereits fast sämtliche Einzelwissenschaften der Philosophie, wie Logik und Psychologie, Staats- und Religions-, Natur- und Geschichtsphilosophie, Ethik und Aesthetik gekannt und, wenn auch noch nicht so ins einzelne spezialisiert wie heute, betrieben. Ja, gerade diese einfachere, wir möchten sagen natürliche, weniger verwickelte und gekünstelte Gestalt, in der die philosophischen Probleme bei dem naiven Griechenvolk auftauchen und behandelt werden, macht gerade die Philosophie des Altertums zu einem besonders geeigneten Studium für den Anfänger. Freilich mußte sich die Philosophie, um eben Philosophie, d. h. auf sich selbst gegründete, von allen fremdartigen Einflüssen unabhängige Wissenschaft und Weisheitslehre zu werden, zuerst von den sie umklammernden und beschränkenden religiösen Vorstellungen befreien. Diesen Vorgang haben wir uns zunächst etwas näher klar zu machen.

2. Loslösung von der Religion

Inhaltsverzeichnis

Die älteste Form der Religion ist, wie wir schon in unserer »Einführung« (Abschn. II B, 16) angedeutet haben, soviel bisher bekannt, bei allen Völkern der sogenannte Animismus gewesen, d. h. die Verehrung der auf irgendwelche geheimnisvolle Weise weiter existierenden Seelen ( animae) gestorbener Helden oder Vorfahren, daher auch als »Ahnenkult« (Ahnenverehrung) bezeichnet. Dieser Glaube an Geister und Dämonen, der noch in einem Teile unserer Kinderstuben, ja noch in den Vorstellungen ungezählter Erwachsenen als Gespensterglaube weiter spukt, setzte sich dann fort in dem Glauben daran, daß auch in den Bäumen, Quellen, Flüssen, Bergen usw. solche Geister lebten, die nach Belieben dem Menschen sichtbar werden können und böser oder guter Natur sind: die Elfen, Nixen, Riesen, Zwerge unserer Märchen, die Quell-, Fluß- und Waldnymphen, Satyre, Zyklopen usw. der Alten. Dieselbe Vorstellung wird sodann auch auf die Himmelskörper: Sonne, Mond und Sterne, übertragen; wie die Erde, so untersteht auch der Himmel, das Meer und die Unterwelt göttlichen Wesen, die natürlich mächtiger sind als jene in den Bäumen oder kleinen Gewässern hausenden Geister, die damit zu »Halbgöttern« herabsinken. So entsteht dann jene vielgestaltige Götterwelt, die bei den Griechen, ihrem Volkscharakter entsprechend, größtenteils eine heitere Form trägt, wie sie jedem von uns aus den homerischen Volksepen des 10. oder 9. vorchristlichen Jahrhunderts mehr oder weniger bekannt ist.

Neben dieser heiteren, glänzenden olympischen Götterwelt – olympisch, weil die zwölf höchsten Götter, an ihrer Spitze Vater Zeus, auf dem höchsten griechischen Berge, dem Olymp, ihren Wohnsitz haben –, haben sich jedoch auch dunklere religiöse Gefühle, zusammenhängend mit dem alten Geister- und Ahnenkult, und begründet in dem bangen Grauen vor den unfaßbaren Natur- und Schicksalsmächten, vor dem Schicksal der Seele nach ihrem irdischen Dasein und in der Sehnsucht nach Erlösung und dem Wiedereinswerden mit der Gottheit, erhalten: Gefühle, die weiter gepflegt wurden in allerlei Mysterien oder Geheimdiensten, zu denen nur die »Mysten«, d. h. Eingeweihten, zugelassen wurden. Dahin gehören die düsteren, mit geheimnisvollen, an das christliche Abendmahl erinnernden Zeremonien verbundenen eleusinischen, d. h. in dem getreidereichen Eleusis, zu Ehren der Demeter (»Mutter Erde«) gefeierten Mysterien, dahin aber auch der unter allerlei Orgien (Ausschweifungen) und Ekstasen (Außersichsein) vor sich gehende Dienst des begeisternden Weingottes Dionysos (lateinisch: Bacchus), an dem namentlich auch Frauen, die sogenannten Bacchantinnen oder Mänaden (Rasende), alle Scham und Zucht vergessend, teilnahmen.

Den Gegenpol zu diesem wilden, maßlosen, aus dem Ueberschwang unklaren Gefühls hervorgegangenen, jeder Schranke und jedes Gesetzes spottenden » dionysischen« Trieb in der griechischen Religion und Dichtung, ja Seele überhaupt, bildet, wie wohl zuerst Nietzsche in seiner glänzenden Jugendschrift »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« (1872) tiefer ausgeführt hat, die andere, nach dem griechischen Lichtgott Apollo benannte » apollinische« Seite des griechischen Denkens, die, im schärfsten Gegensatz zu jener »dionysischen« Art, nach Maß, Gesetz, Ordnung und Klarheit verlangt.

Eine Art Versöhnung zwischen beiden Richtungen erstreben ungefähr zur selben Zeit, wo in Milet (s. unten) die erste griechische Philosophie entsteht, die sogenannten Orphiker, genannt nach dem sagenhaften thrakischen Sänger Orpheus, dessen Namen ihre heiligen, erst im ausgehenden Altertum durch die ihnen geistig nahestehenden Neuplatoniker uns zum Teil bekannt gewordenen Schriften an der Spitze trugen: wie es heute scheint, eine festgeschlossene, eine Reihe Gemeinden zählende Sekte mit bestimmtem Gottesdienst, die eine religiöse Durchgeistigung der Welt und des Menschendaseins wollte, und sich auch, wie die alten Weisen Chinas und Indiens, mit den Uranfängen alles Gewordenen aus einem Urgrund beschäftigte. Als solchen nahmen die einen, mystischer, d. i. gefühlsmäßiger Angelegten, irgendein Unentwickeltes: die Nacht, das Chaos, den Himmel oder den unermeßlichen Ozean an, während eine jüngere Richtung, als deren Haupt einer der frühesten griechischen Prosaschreiber, Pherekydes von der Insel Syros (um 550), bezeichnet wird, den ordnenden Zeus, wenn auch zusammen mit Erde und Zeit, an den Beginn aller Dinge setzt.

Aber diese ganze Richtung des griechischen Geistes bleibt doch, um mit Aristoteles, als unserem ältesten und zuverlässigsten Gewährsmann über diese Entwickelung, zu reden, » theologisch«. Zur Philosophie – Aristoteles sagt statt dessen »Physiologie«, d. h. modern wiedergegeben: Naturwissenschaft – wird sie erst, insofern und indem sie sich grundsätzlich und entschieden von aller mythisch-religiösen Betrachtung, die in Pherekydes noch sehr stark ist, befreit, durch Thales von Milet.

Ehe wir jedoch zu diesem Ahnherrn der griechischen Philosophie, wie Aristoteles ihn schon nennt, übergehen, müssen wir erst, wenn auch nur in gedrängter Ueberschau, sehen, wie die sittlichen Anschauungen der alten Griechen bis zu diesem Zeitpunkt, dem Anfange des sechsten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, sich gewandelt hatten.

3. Die sittlichen Anschauungen der vorphilosophischen Zeit

Inhaltsverzeichnis

Wir lassen das älteste, erst in unseren Tagen sich mehr und mehr aufhellende Zeitalter griechischer Kultur beiseite. Aber bei Homer müssen wir beginnen, weil dieser im ersten philosophischen, d. h. eben im sechsten Jahrhundert ja zur Bibel, zum Schulbuch, kurz zum allgemeinen Volksbuch geworden war, dessen Verse jedermann im Munde trug, zu dessen Anschauungen darum auch die Philosophen Stellung nehmen mußten. Ein Bild der homerischen »Weltanschauung« freilich können wir zumal demjenigen Leser nicht geben, der sie nicht aus eigener Lektüre des Vaters Homer oder doch eingehenden Berichten darüber kennt; sondern nur einige charakteristische Züge kurz zusammenfassen.

Vor allem muß man sich gegenwärtig halten, daß die beiden großen Epen, Ilias wie Odyssee, noch ganz vom ritterlichen oder »Herren«-Standpunkt aus geschrieben sind, genau so wie unsere großen deutschen Epen des Mittelalters, das Nibelungenlied und der Parzival. Das »Volk« erscheint als durchaus bedeutungsloser Zuschauer der Haupthandlung; es besteht aus »Knechten«, die sich für ihre Herren zu opfern haben. 1 Der Stärkere, manchmal auch der Schlauere (Odysseus!) siegt, wenngleich der Dichter auch mit dem edlen Ueberwundenen (Hektor) Mitgefühl hat. Neben Tapferkeit und Klugheit wird jedoch auch schon die Tugend des Maßhaltens gepredigt, im Gegensatz zu der »Hybris«, dem Frevelmut, der von dem über Götter und Menschen gleichmäßig waltenden Schicksal (der Moira) bestraft wird. Vaterlandsliebe, d. h. eigentlich nur Liebe zur engeren Heimat, Freundschaft, Edelmut gegen Bedrängte und Hilfeflehende, Achtung vor dem Weib als Gattin: das sind weitere Züge dieses Heldenzeitalters. Von religiöser Sehnsucht findet sich keine Spur. Der homerische Grieche ist so naiv, daß er über das Erdendasein nicht hinausdenkt. Selbst der hochgesinnte und stolze Achill, der ruhmvollste aller Griechenhelden vor Troja, möchte lieber der geplagte Ackerknecht eines armen Bauern als Herrscher im Reiche der Toten sein! Von philosophischer Moral ist in dieser ganzen, sehr natürlich geschilderten und deshalb uns noch fesselnden Welt menschlicher Leiden und Freuden selbstverständlich keine Rede.

Anders steht es schon mit dem im achten Jahrhundert, wahrscheinlich bald nach den homerischen Liedern entstandenen Lehrgedichte des im Böoterlande lebenden Hesiodos. Seine »Werke und Tage«, eine Art poetischen Bauernkalenders, geben zum ersten Male Kunde von der Werktagsstimmung des einfachen Volkes, und zwar eines hart arbeitenden Landvolkes, das unter dem Drucke und der Ausbeutung durch die ungerechten und bestechlichen »Fürsten«, d. h. regierenden Edelleute, seufzt. Er glaubt zwar an eine kommende Zeit ausgleichender Gerechtigkeit, wo es den Armen und Gedrückten einmal besser gehen wird. Aber auch dann wird Arbeit die höchste Menschentugend sein; denn vor die Erreichung der Tugend (Tüchtigkeit) und der damit verbundenen Befriedigung »haben die unsterblichen Götter den Schweiß gesetzt«. Hesiod, der früheste griechische Lehrdichter überhaupt, hat auch eine »Theogonie«, d. h. eine Lehre von der Entstehung und Fortpflanzung der Götter, verbunden mit einer Weltentstehungslehre, geschrieben, die jedoch noch keine in strengerem Sinne philosophischen, d. h. wissenschaftlichen, Bestandteile in sich birgt.