Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nie war die Frage nach der Freiheit des Menschen so zentral wie heute. Mit entlarvendem Blick auf die "Denkfiguren der Verkehrung" moderner Gesellschaftsingenieure findet die Autorin den Angelpunkt für eine Umkehr in den Fundamenten der biblischen Offenbarung: Wahre Freiheit entfaltet sich in der heiligen Gebundenheit des Herzens.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Monika HausammannDie große Verkehrung
www.fontis-verlag.com
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Der Fontis-Verlag wird von 2021 bis 2024 vom Schweizer Bundesamt für Kultur unterstützt.
© 2022 by Fontis-Verlag Basel
Die Bibelstellen wurden, soweit nicht anders angegeben, folgender Übersetzung entnommen:Lutherbibel (Bibelserver.de)
Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, LanggönsBild: Mauromod/Shutterstock.com E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Stefan Jäger
ISBN (EPUB) 978-3-03848-705-0
Vorwort von Dominik Klenk
Des Menschen Stellung in der Welt
Kapitel 1: Von Nachtmeerfahrten und Zielgeraden
Kapitel 2: Menschen brauchen Ordnung
Kapitel 3: Ordnung als Schutzfunktion und Leitplanke
Kapitel 4: Wer oder was ist «der Mensch»?
Der moderne Personenbegriff
Praxistest
Der biblische Personenbegriff
Kapitel 5: Freiheit und die Gebundenheit an ein Ziel
Die neue Freiheit: Umverteilung und soziale Ruhe
Die alte Freiheit: Heimkehrender Geliebter
Kapitel 6: Nur Individuen handeln
Lusthandeln versus Leidenshandeln
Handeln vor Gott
Kapitel 7: Was sollen wir tun?
Religion der Unsicherheit
Kompass zum lebendigen Leben
Die Autorin
Anmerkungen
Dieses kleine gelbe Buch birgt eine Menge Sprengkraft in sich. «Wow», dachte ich, als ich das Manuskript zum ersten Mal in den Händen hielt. Hier schreibt jemand klug und mit Verve. Sogar mit aphoristischem Talent. Die gedankliche Klarheit und programmatische Gradlinigkeit, mit der Monika Hausammann den Leser durch ihre Argumentation leitet, hat etwas Bestechendes: Sie wagt das Experiment, große, wohlfeil gewordene Begriffe wie Freiheit und Ordnung, Person und Beziehung vom diffusen Wohlklang zu befreien und einfach mal radikal zu Ende zu denken. Und das im Abgleich mit der biblischen Rede über Gott und den Menschen. Ein Essay, der nicht weniger will, als den Humanismus mit biblischem Denken zu kontern. Das ist mal eine Ansage. Eine lohnende, wie ich meine.
In unserer zunehmend kleinteiligen, digitalen und fluiden Welt stürzt sich die Autorin in den unübersichtlich gewordenen Strom der Sprache und versteht es wie ein geübter Fährmann, den Sprachstrom Gottes von den Stromschnellen des Zeitgeistes zu unterscheiden. Auf diese Weise macht sie die «Denkfiguren der Verkehrung» sichtbar, die uns wie ein Strudel nach unten, in die Absurditäten persönlicher und kollektiver Lebenslügen zieht.
Das Buch ist eine wichtige Stimme im Sprachstrom unserer Zeit. Es lädt zum Aufwachen ein, zum Mitschwimmen, gewiss auch zum Widerspruch. Vor allem aber mahnt es die dringend notwendige Debatte an, in der wir uns als Erben und Gestalter der abendländischen Kultur neu positionieren müssen, auch entgegen medial inszenierter und politisch suggerierter Alternativlosigkeiten. Wir brauchen Zwischenrufe dieser Art, die uns von dem faulen Frieden und der lauen Trägheit fortziehen, der wir uns nur zu gern ergeben. Frei werden heißt, sich zu verantworten, ohne auszuweichen. Die heilige Unruhe dieser Botschaft ist denen gewiss, die den Sprachstrom dieses Buches durch sich hindurchlassen.
Dominik Klenk, Verlagsleiter Fontis-Verlag
Als ich mich an diesen Text setzte, hatte ich einen Plan: Zwei Monate. Zehn Gebote. Hundert Seiten. Es sollte eine kurze, möglichst objektive Gegenüberstellung von dem werden, was heute oft und gerne «unsere freiheitliche» oder «unsere humanistische Grundordnung» genannt wird, und den «Du sollst»-Aussagen der Bibel.
Das Ziel war, ihr jeweiliges Koordinatensystem auf seine praktische Tauglichkeit zur langfristigen Sicherung des Zusammenlebens innerhalb einer Gemeinschaft abzuklopfen.
Bereits nach wenigen Wochen wurde mir aber klar: Die Frage nach einer tragfähigen Ordnung des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens ist vor allem anderen die Frage nach dem Menschen und nach seiner Stellung in der Welt. Sie wohnt als Urgrund jeder Beziehung inne, die wir zur Welt unterhalten, jedem Schritt, den wir tun, und jedem Lebensbereich, mit dem wir verbandelt sind – Politik, Wirtschaft, Religion, Bildung, Wissenschaft, Medien, etc.
Die Folge: Die anfängliche Frage nach den praktischen Anweisungen der Bibel und jenen des Humanismus beziehungsweise des sogenannten Humanismus wurde zur Frage nach dem Menschen, nach seinen Neigungen und seiner Freiheit.
Nun bin ich aber weder Philosophin noch Sozialwissenschaftlerin noch Theologin. Was also tun, um die Frage nach dem Menschen auf eine Halt bietende Grundlage für eine gute Ordnung weder in dogmatischer Härte zu stellen, noch zu einem esoterischen Selbstgespräch zu verwässern?
Die Lösung lautete: Freimütigkeit. Mit Freimütigkeit mich all diesen Disziplinen nicht nur nähern, sondern damit hantieren. Freimütig auf sichernde Polster und weichzeichnende Filter verzichten. Und schließlich freimütig dazu stehen, dass mein persönlicher Glaube, mein Denken und mein Erleben eine Einheit bilden, die ich weder trennen will noch trennen kann.
Für alles Folgende gilt demnach: Es ist auf der Grundlage meines persönlichen Glaubens an den lebendigen Gott geschrieben, der mir in der Bibel als Schöpfer, Richter und Befreier des Menschen entgegentritt. Nichts steht zwischen den Zeilen, sondern alles offen darin. An keiner Stelle betreibe ich das, was der Autor und Publizist Douglas Murray so treffend als «Jesusschmuggel» bezeichnete: den Versuch, Glaubensinhalte an den Zollschranken der Aufmerksamkeit des Lesers vorbeizuschmuggeln. Alles ist sauber deklariert.
Bei der Suche nach den relevanten Fragen und nach Ansätzen zu Antworten waren mir nebst der Bibel die Schriften von Helmut Thielicke, Joachim Cochlovius, Ludwig von Mises, Jordan Peterson, Karl Popper, Paul Watzlawick, Richard Wurmbrand, Charles Haddon Spurgeon, Henri Nouwen und Walter Lüthi unverzichtbare Wegweiser und Lotsen.
Fehlinterpretationen und Undeutlichkeiten gehen allein zu meinen Lasten.
Robert Nef danke ich für den Austausch zum Thema und das Stichwort, Matthias Matussek, Peter Ruch, Gerd Roggenhausen und Josef Hueber für die Bereitschaft zur Kritik und meinen Eltern Therese und Peter Hausammann für ihre unermüdliche geistige und geistliche Unterstützung. Danke von Herzen.
Stellen Sie sich vor, einer mache sich daran, ein Haus zu errichten, und der einzige Plan, den er hat, erschöpfe sich im Niederreißen der alten Mauern, während seine Vision für das Neue allein in der konsequenten Umkehrung sämtlicher bekannter Regeln der Baukunst bestünde.
Jeder vernünftige Mensch erkennt auf Anhieb die Unvernunft eines solchen Vorhabens. Umso erstaunlicher ist es, dass genau diese totale Verkehrung in einem ungleich tiefgreifenderen Sinn vor unser aller Augen mit dem ältesten und bewährtesten Regelwerk menschlichen Lebens und Zusammenlebens geschehen ist und geschieht, ohne dass es zum Thema oder überhaupt bemerkt wird. Die Rede ist von den Ordnungen, wie die Bibel sie uns vor Augen stellt.
Was Politik, Hauptstrommedien, Bildungseinrichtungen, Wissenschaft, NGOs, supranationale Organisationen, Großkonzerne, Kirchen und der Kulturbetrieb – im Folgenden zusammenfassend als «Meinungsindustrie» bezeichnet – heute unter den Schlagworten der Offenheit, der Toleranz, der Inklusion, der Gerechtigkeit und der Diversität gleichsam als Plan und Vision für den Bau unserer Zukunft anpreisen, ist nichts anderes als das Niederreißen der alten Mauern.
Die sogenannt neue Ordnung ist nicht neu, sondern die Rückseite der Gesetzestafeln1, auf der das exakte Gegenteil dessen geschrieben steht, was die Bibel dem Menschen als Anweisung für ein gutes Leben nahelegt.
Machen Sie die Probe aufs Exempel und nehmen Sie irgendeinen Grundsatz, ein Gebot oder eine Wenn-Dann-Aussage der Bibel, und Sie werden feststellen, dass die zeitgeistigen Verlautbarungen und die konkreten Bemühungen der Meinungsindustrie auf ihre Relativierung, ihre Auflösung oder ihre Umkehrung ins Gegenteil hinauslaufen. Allein dieser Umstand ist meiner Meinung nach Grund genug, sich mit dem Gegenstand zu befassen, der bei all dem zwar nie erwähnt, aber praktisch nach allen Regeln der Kunst bekämpft wird – der Bibel.
Für die einen sind die Bücher der Bibel lebendiges Wort Gottes und Wahrheit, Anspruch und Zuspruch, Offenbarung des Menschen Rechte bei Gott und seiner Pflichten vor Gott, Urteilsspruch und Liebeswort, Gesetz und Evangelium.
Für andere sind sie reiner Mythos, ihre Ordnungen bestenfalls eine praktische Anleitung zu richtigem Handeln, eine moralische Instanz oder schlicht nicht von Interesse.
Nebst der Tatsache, dass hier zwischen einigen der verschiedenen Sichten auf das «Buch der Bücher» eine Art Scheingegnerschaft kultiviert wird, wo diese sehr wohl nebeneinander und sich ergänzend existieren können, ist es natürlich akzeptabel, dass ein freier Mensch nicht an die Bibel glaubt. Dennoch stellen ihre Bücher an jeden Einzelnen ein und denselben Anspruch: den der Kenntnis. Man sollte, was man ablehnt, ebenso kennen wie das, woran man glaubt. Gerade in diesem Fall, wo der Bezug zur Aktualität durch die allumfassende Verkehrung nicht zu übersehen ist.
Außerdem hat Kierkegaard recht, wenn er von der Bibel sagt: «Ich bin es, zu dem hier gesprochen wird, ich, von dem gesprochen wird. Dies ist der Ernst, eben dies ist der Ernst.»2
Obwohl gerade das Wort «Mensch» in der Bibel selten vorkommt, ist sie das Menschen- und Menschheitsbuch schlechthin. Ihr Einfluss kann weder vollständig erfasst noch überschätzt werden. Tatsache ist: Tut man die Bibel als wertlos und nicht zeitgemäß ab, tut man dasselbe mit unserer Kultur und den kulturellen Erzeugnissen von Jahrtausenden.
Auch die Werke von Marx und Engels sind voller biblischer Bezüge. Nietzsche bedauerte es zwar, «noch fromm» zu sein, war aber von einer intellektuellen Redlichkeit und einer großzügigen Art des Unglaubens, die es ihm nicht erlaubt hätte, in die Quelle zu spucken, aus der unsere ganze Zivilisation getrunken hat und noch trinkt: «(…) dass auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein jahrtausendealter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Platos war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist …».3
Oder anders gesagt: Ein Nicht-Glaubender, wenn er aufrichtig ist, verweigert sich der Unkenntnis und lässt in Anbetracht dessen, was die Menschheit dem Christentum verdankt, auch die Frage zu, ob die angebliche Widersprüchlichkeit und Unemanzipiertheit der Bibel, die «fundamentalistische Zumutung»4, möglicherweise nicht in Gesetz und Evangelium, sondern in der Vernunft des Menschen begründet ist.
Was ist das denn überhaupt für eine Vernunft, auf die wir heute unser Leben und Zusammenleben zu stellen versuchen?
Ist es dieselbe im und auf dem Menschen gründende Vernunft, die Stalin und Hitler zugejubelt hat und heute noch einen Mao oder einen Che Guevara verehrt? Die Vernunft, die immer wieder Kriege und Maßenmorde rechtfertigte? Die Vernunft, die zur Lösung menschlicher Probleme in regelmäßigen Abständen zu Zwang und Unterdrückung greift? Die Vernunft, die heute den «alten weißen Mann» bekämpft mit Mitteln, Zeit und Begriffen, die sie ohne den alten weißen Mann gar nicht kennen, geschweige denn besitzen würde?5
Oder ist es die Vernunft, die behauptet, Schulden führten zu langfristigem Wohlstand, und um Freiheit und Leben zu bewahren, müsse man zeitweise auf beides verzichten? Die Vernunft, die als Letztbegründung immer öfter zu Alternativlosigkeit, Furcht und Feindbildern greift, und die denen, welche sich auf sie einlassen, nur die Wahl zwischen logischer Inkonsequenz und Feigheit bietet? Eine Vernunft also, die einen in die Sackgasse von Menschengefälligkeit, Menschenhörigkeit und Menschenangst führt und die weder im Hören noch im Sehen noch im Verstehen, sondern ausschließlich im Glauben, im Nicht-Wahrhaben-Wollen und in der schizophren anmutenden Leugnung gewisser Aspekte der Wirklichkeit Erlösung bietet?
Ist das überhaupt noch Vernunft? Ist das noch Erkenntnisvermögen, oder ist es bloß noch moralisch sanktionierte Erkenntnisverweigerung?
Die Tatsache, dass die ernsthafte Diskussion über das alte und das neue Wesen «unserer freiheitlichen Ordnung» abseits von NGO-Kampagnen und Politikerpathos anlässlich von Staatsakten, Nationalfeiertagen und Terroranschlägen nicht nur nicht geführt, sondern dort, wo sie geführt wird, als vernachlässigbares Anliegen rückwärts gerichteter Gruppierungen verunglimpft und diesbezügliche Unbildung mit «Wokeness» gleichgesetzt wird, führt meiner Meinung nach zu noch ganz anderen Fragen:
Kann es sein, dass es für diesen Umgang der Meinungsindustrie mit der Bibel und ihren Ordnungen denselben Grund gibt, der Demagogen und Diktatoren seit jeher bewogen hat, Christen in Verruf zu bringen, zu ächten und zu verfolgen? Weil die biblische Geschichte eine Befreiungsgeschichte ist, die auch für Tyrannen der Buntheit, der Inklusion, der Gerechtigkeit und der Toleranz eine Gefahr darstellt? Weil sich herausstellen könnte, dass nicht die Bibel «das Opium des Volkes»6 ist, sondern die Neu-Orthodoxien der Gegenwart dieses Opium sind, die mit dem Schüren von Gefühlen immerwährender Angst, Benachteiligung, Diskriminierung, Unterdrückung und allgemeiner Verletztheit die Menschen auf haltlose Affekte festnageln und ihre Hirne und Seelen vernebeln? Genauso wie die Riten und Bekenntnisse einer Neugläubigkeit, welche die Masse, um sie unter das Joch einer weiteren unerfüllbaren diesseitigen Eschatologie zu bringen, auf eine utopische Hoffnung einschwört, welche auch in der buntesten Version nur um den Preis des «richtigen Denkens» zu haben ist?
Tatsache ist, dass das, worauf den gängigen Parolen zufolge unsere Zukunft erbaut werden soll, der exakten Verkehrung der biblischen Ordnungen in ihr Gegenteil entspricht: Wo das, was der Zeitgeist «Fortschritt und Offenheit» nennt, nur mit inquisitorisch-eiferndem Hinwegfegen des Hergebrachten aus sämtlichen Lebensbereichen erreichbar zu sein scheint, und wo schließlich jenes gewaltige Wort, das die Menschen durch die Zeit hindurch aus jeder Knechtschaft7 ruft, als Chiffre für das Unmoderne und Unaufgeklärte zu gelten hat.
Da stehen wir. Und fast sieht es danach aus, als befänden wir uns nach Jahrzehnten, während derer man diesen Weg Schritt für Schritt gegangen ist, inzwischen auf einer Art Zielgeraden. Sowohl die Logik als auch die nüchterne Beobachtung der Wirklichkeit und die Bibel legen nahe, dass jeder weitere Schritt in dieselbe Richtung zum Rückschritt wird, dass diese Art der Freiheit Knechtschaft ist, und dass das Ende dieses Weges mit dem Ende des Zeitalters der Vernunft zusammenfällt und in der «Nachtmeerfahrt [einer] Massenpsychose»8 mündet. Einer weiteren Massenpsychose.
Grund genug also, fragend und Verantwortung fordernd auf das aktuelle und exklusiv beworbene Verständnis der Wirklichkeit von Mensch, Freiheit und Welt zuzugehen und es in direkten Vergleich mit dem zu stellen, wovon die Bibel sagt, es sei nicht nur eine gute, sondern die richtige Ordnung, und es gehe bei der Entscheidung, ob man sich in diese Ordnung gestellt sehen oder sie verwerfen wolle, um nicht weniger als um Leben und Tod.
Die Fakten zeigen: Der Riss, der zwischen unserer christlichen Herkunft und dem verläuft, was sich – fälschlicherweise, wie wir sehen werden – «säkularer Humanismus» nennt, wird nicht dadurch kleiner, dass man sich wegduckt, Migräne vortäuscht oder sich für «nicht zuständig» erklärt. Und es ist dem sogenannt emanzipierten Menschen nicht würdig, an dem vorbeizuleben und vorbeizusterben, wovon Menschen und Werke Dutzender Generationen bezeugen, es sei Leben, das zum Reichtum innerer Unendlichkeit, zu Herzensbildung, Charakterstärke, Liebesfähigkeit, Freiheit und seelischem Frieden führen wird. Auch und gerade im Tod.
Menschen brauchen Gewohnheiten. Eine in sich gleich bleibende verlässliche Basis fester Ordnungen des Denkens und des Handelns.
Als Alexander Pope zu Beginn des 18. Jahrhunderts schrieb, Ordnung sei des Himmels oberstes Gesetz, fasste er nicht nur diese Tatsache in Worte, sondern auch das, was heute in der Psychiatrie als gegeben gilt: dass die Welt dem Menschen ohne Ordnung regellos, chaotisch und völlig unvorhersehbar und damit bedrohlich erscheint. Und dass dies ebenso für vermeintlich Kleines wie für Großes gilt. Für abstrakte Gegenstände wie Sprache, Ideen und Zahlen ebenso wie für unsere Umgebung – egal ob Zweizimmerwohnung oder das Sternenzelt.
Paul Watzlawick9 setzt Ordnung mit Verstehen, die Absenz von Ordnung mit Konfusion, also Verwirrung gleich. Jordan Peterson10 seinerseits setzt Ordnung mit Sinn und Bedeutung, das Fehlen von Ordnung mit Sinnlosigkeit, mit dem Unbekannten und mit Chaos gleich. Einig sind sich beide darin, dass Un-Ordnung als Un-Wirklichkeit empfunden wird und bewusst oder unbewusst Unbehagen bis hin zu blankem Entsetzen verursacht – die totale und lähmungsartige Fixierung auf den angsterzeugenden Moment.
Das bedeutet: Wo es keine festen Gewohnheiten gibt und wo keine tradierte Ordnung Basis allen menschlichen Handelns ist, gibt es auch keine Entwicklung und keinen Fortschritt. Man tritt – persönlich oder als Gemeinschaft – bestenfalls auf der Stelle.
Und im Umkehrschluss: Um Unbehagen und Angst zu vermeiden, wo wir die uns unmittelbar betreffende Wirklichkeit nicht verstehen und wo wir nicht in der Lage sind, sie so zu ordnen, dass wir sie verstehen – seien es andere Menschen, Ereignisse, eine Umgebung oder unsere Gedanken –, werden wir unser Bemühen zuerst und automatisch darauf richten, diesbezüglich Abhilfe und also Ordnung zu schaffen. Und werden uns nicht oder nur noch oberflächlich anderem widmen beziehungsweise von allem anderen wegorientiert sein.
Negativ ausgedrückt: Der Mensch kann auf Dauer nicht in Unordnung und damit Unwirklichkeit leben. Es ist ihm unmöglich, nicht zu versuchen, einem Ereignisablauf oder einer Situation eine Ordnung zuzuweisen.
Nur im Verstehbaren können wir leben. Alles andere ist zuerst Unbehagen, dann Angst, dann Wahn.
Damit gilt: Erst wo wir die Wirklichkeit verstehen, können wir produktiv, entdeckend und schöpferisch handeln.
Erst da, wo wir eine Ordnung erkennen, können wir zu Schöpfern innerer oder äußerer Universen werden.11
Im Umkehrschluss gilt daher auch, wofür meiner Meinung nach sowohl das letzte Jahrhundert als auch die aktuelle Zeit eindrücklich Zeuge stehen: Wo Verwirrung und Nicht-Verstehen herrschen, regiert Stillstand.
Stillstand aber ist nicht Leben, sondern Tod.
Wenn man sich das bewusst macht, wird etwas anderes ebenso deutlich: Durch zusammengebrochene oder abgeschaffte Ordnung erzeugte Verwirrung – sei es ein persönlicher Schicksalsschlag, eine Wirtschafts- und Finanzkrise, ein Staatsbankrott, eine Seuche oder ein anderes Ereignis – ist eines der wirkmächtigsten Mittel der Einflussnahme. Auf einen einzelnen Menschen ebenso wie auf eine ganze Gesellschaft.
Ob die Gefahr echt ist oder nicht, ist dabei unerheblich, solange die Betroffenen sich dadurch in der emotionalen Notlage des Nicht-Verstehens und der Unsicherheit gefangen sehen. Macht und Einfluss hat oder bekommt in einer solchen Situation derjenige, der die Menschen aus dieser existenziellen Unsicherheit hinausführt und eine glaubhafte Erklärung und Lösung – eine Art Er-lösung also – anbieten kann.
Je größer die Angst und je höher der emotionale Einsatz der Menschen ist, umso fester werden sie sich an die dargebotene, womöglich Ordnung stiftende Erklärung klammern. Addiert man hierzu noch das Phänomen des Gruppendrucks, das tief sitzende Bedürfnis des Einzelnen nach Harmonie mit seinen Mitmenschen, dann wird schnell klar, wohin die Reise gehen kann.
Wo Erlösungssehnsucht auf solchen Gruppendruck trifft, wächst die Bereitschaft, sich unterzuordnen und sowohl die individuelle Urteilsfreiheit als auch die damit verbundene Verantwortlichkeit für das Linsengericht der Scheinsicherheit im Schatten des «Man» zu verschachern.
Ziel von Diktatoren und anderen Psychopathen war und ist es demnach immer, Verstehen zu verhindern. Unwichtiges wird groß gemacht, Wichtiges und Maßgebendes verschwiegen oder in inszenierten Scheindebatten niedergebrüllt und jede Gewissheit unter Bergen unwichtiger Emotionen, Zahlen und Werten erstickt. Regeln und Gesetze ändern sich im Tagestakt und werden in dieser Kurzlebigkeit immer absurder. Apokalyptische Zukunftsszenarien, Umdeutung oder Sinnentleerung von Worten (Sprachverwirrung), die Verkomplizierung und Verwissenschaftlichung banaler Zusammenhänge waren und sind dabei probate Mittel.
In einer solchen Wirklichkeit sind Skepsis und kritisches Interesse nicht länger Insignien freiheitlichen Zweifels, sondern werden zur Quelle von zusätzlicher Unsicherheit und deshalb zu Leugnung und zum Ausdruck von Anrüchigkeit und Gefährdung umgedeutet und mit allen Mitteln begrenzt.
Wer sich mit der Bibel befasst, wird gleich zu Beginn feststellen, dass der Gott der Bibel ein Gott der Ordnungen ist – und zwar innerster und äußerster Ordnungen – und dass Entgrenzung, Verwirrung, Wahn und Chaos die Konsequenzen sind, die sich einstellen, wenn der Mensch sich von diesen Ordnungen abwendet, sich davon abbringen lässt oder sie für ungültig erklärt.
