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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Der Junge zerrte seine Mutter zum Schaufenster. »Das Auto will ich haben«, verlangte er. Franziska Fellmann seufzte in sich hinein. »Du hast schon so viele Autos, Michael. Wir müssen jetzt Nele von der Schule abholen.« Michael stampfte wütend mit dem Fuß auf. »Ich will das Auto aber haben, oder habt ihr auch kein Geld mehr wie die Winzers?« In diesem Augenblick erwachte in Franziska Fellmann eine Idee, aber noch war sie zu vage, als dass sie ernsthaft darüber nachdenken konnte. »So viel Geld, wie du dir denkst, haben wir auch nicht«, sagte sie nur. Entgeistert sah er seine Mutter an. »Warum nicht?«, fragte er. »Das erkläre ich dir zu Hause. Jetzt holen wir Nele ab.« Es mochte seine Verblüffung sein, dass ihm ein Wunsch abgeschlagen wurde, die ihn schweigen ließ. Obgleich erst knapp sechs Jahre alt, war Michael Fellmann ein sehr aufgeweckter, wenn auch maßlos verwöhnter Junge. Wie verwöhnt er und seine Schwester Cornelia waren, war Franziska Fellmann erst in letzter Zeit so recht bewusst geworden und es stimmte sie sehr nachdenklich. Sie wollte sich gleich heute einmal mit ihrem Mann eingehend darüber unterhalten.
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Der Junge zerrte seine Mutter zum Schaufenster. »Das Auto will ich haben«, verlangte er.
Franziska Fellmann seufzte in sich hinein. »Du hast schon so viele Autos, Michael. Wir müssen jetzt Nele von der Schule abholen.«
Michael stampfte wütend mit dem Fuß auf. »Ich will das Auto aber haben, oder habt ihr auch kein Geld mehr wie die Winzers?«
In diesem Augenblick erwachte in Franziska Fellmann eine Idee, aber noch war sie zu vage, als dass sie ernsthaft darüber nachdenken konnte.
»So viel Geld, wie du dir denkst, haben wir auch nicht«, sagte sie nur.
Entgeistert sah er seine Mutter an.
»Warum nicht?«, fragte er.
»Das erkläre ich dir zu Hause. Jetzt holen wir Nele ab.«
Es mochte seine Verblüffung sein, dass ihm ein Wunsch abgeschlagen wurde, die ihn schweigen ließ. Obgleich erst knapp sechs Jahre alt, war Michael Fellmann ein sehr aufgeweckter, wenn auch maßlos verwöhnter Junge.
Wie verwöhnt er und seine Schwester Cornelia waren, war Franziska Fellmann erst in letzter Zeit so recht bewusst geworden und es stimmte sie sehr nachdenklich. Sie wollte sich gleich heute einmal mit ihrem Mann eingehend darüber unterhalten.
Cornelia, bereits acht Jahre, stand ihrem Bruder an Eigensinn nichts nach.
»Erst will ich ein Eis, bevor wir heimfahren«, forderte sie kategorisch. »Michael hat bestimmt auch eins bekommen.«
»Er hat keins bekommen«, erklärte Franziska Fellmann energisch. »Vor dem Essen gibt es kein Eis mehr, dann habt ihr nie Appetit.«
»Du bist heute vielleicht ätzend«, stellte Cornelia fest.
Das harte Wort ging Franziska durch und durch. War sie nur heute besonders hellhörig, oder hatte sie den Kindern zu viel nachgesehen, fragte sie sich.
»Gut, dann bin ich ätzend«, erwiderte sie betont. »Solche Ausdrücke möchte ich in Zukunft nicht mehr hören, Nele.«
»Mutti nörgelt heute dauernd«, quengelte Michael. »Das Auto, das ich haben wollte, hat sie mir auch nicht gekauft.«
»Ihr wollt nur immer. Das Wort ›Bitte‹ kennt ihr wohl gar nicht mehr.«
Michael stieß seine Schwester an und schnitt eine Grimasse. Franziska sah es wohl, sagte aber nichts. Viele Dinge gingen ihr durch den Sinn, die durch das Gespräch, das die beiden nun miteinander führten, noch tiefer in ihrem Bewusstsein Fuß fassten.
»Jetzt hat Rosi den Salat«, sagte Cornelia. »Nun muss sie in ein Heim. Jetzt kann sie nicht mehr angeben mit ihrem tollen Auto und der Villa, die viel schöner wäre als unsere. Das geschieht ihr ganz recht.«
»Weil ihr Vater so krank geworden ist?«, fragte Franziska betroffen nach. Wie gefühllos die Kinder waren. Ihre Kinder! Ihre Hände wurden ganz kalt.
»Was würdet ihr sagen, wenn unser Vati so krank werden würde?«, fragte sie beklommen.
»Ach, Vati wird doch nicht krank«, erklärte Michael wegwerfend. »Der treibt so viel Sport. Der ist kerngesund.«
Herr Winzer hatte auch einen kerngesunden Eindruck gemacht. Und als Generalvertreter hatte er sehr viel Geld verdient. Aber nun zehrte seine schleichende Krankheit nach und nach das Vermögen auf. Franziska wusste es sehr gut, weil ihnen das schöne Haus der Winzers zum Kauf angeboten worden war.
Nein, ihr Mann war nicht krank, und an Geldmangel hatten sie auch nicht zu leiden. Aber sie hatten sich ihr Geld hart verdienen müssen. Nichts war ihnen in den Schoß gefallen. Und diese beiden verwöhnten Rangen taten so, als wäre es das selbstverständlichste von der Welt.
Gewiss war das auch ihre Schuld. Sie hatten ihnen immer jeden Wunsch erfüllt, doch immer öfter sollte ihr bewusst werden, dass sie ihnen damit keinen Gefallen tat.
»Wir haben eine Neue gekriegt«, erzählte Cornelia. »Die hat vielleicht ein schäbiges Kleid an. Aber lauter Einser hat sie im Zeugnis und wir sollen uns ein Beispiel an ihr nehmen, hat Rektor Schneider gesagt. Pah, was nützen ihr die Einser, wenn sie so schäbig rumläuft.«
»Haben sie eigentlich immer so geredet«, fragte sich Franziska Fellmann wieder. »Und wenn es so ist, warum habe ich dann früher nicht darüber nachgedacht?«
War es ihr erst durch das Unglück der Winzers, die in ihrer nächsten Nachbarschaft wohnten, bewusst geworden, dass man sich seines Wohlstands nicht zu sicher fühlen sollte? Sie war doch gar nicht so veranlagt, dass sie ihren wachsenden Reichtum herauskehrte. Und ihr Mann erst recht nicht. Er arbeitete in seinem Großhandel noch immer von früh bis spät.
»Zu meinem Geburtstag lade ich zwanzig Kinder ein«, erklärte Cornelia mit aller Selbstverständlichkeit.
»Ohne mich vorher zu fragen?«, äußerte sich Franziska Fellmann.
»Du hast doch nie was gesagt«, murrte das Mädchen.
»Zwanzig Kinder hast du auch noch nie einladen wollen.«
»Wir sind reiche Leute, das können die alle ruhig ’mal wissen«, meinte sie altklug.
»Wo hat denn die blöde Gans wieder meine Turnschuhe hingestellt«, brüllte Michael durch das Haus, nachdem er nach langem Mäkeln endlich gegessen hatte.
Mit der »blöden Gans«, meinte er das Hausmädchen Erika, mit der Franziska Fellmann sehr zufrieden war.
Diese erschien auch sogleich mit zornrotem Gesicht. »Das lasse ich mir nicht mehr bieten, Frau Fellmann«, erklärte sie. »Die Kinder werden immer unverschämter. Ich finde auch eine andere Stellung.«
Franziska versuchte, sie zu beschwichtigen, aber schon mischte sich Michael wieder ein.
»Schmeiß sie doch raus!«
»Sie ist doch bloß ein Trampel vom Land«, gab auch Cornelia ihren Kommentar dazu.
Franziska packte blankes Entsetzen. In ihrer Empörung holte sie aus und versetzte jedem der Kinder eine schallende Ohrfeige.
Zuerst waren sie stumm vor Schrecken, dann fingen sie an, so fürchterlich zu schreien, als würden sie am Spieße stecken.
»Was ist hier los?«, fragte Albrecht Fellmann, der gerade nach Hause kam.
»Mutti ist ganz gemein zu uns«, schrieen die beiden im Duett. »Sie hat uns sogar gehauen und alles nur wegen dieser dummen Ziege.«
»Sag jetzt nichts, Albrecht«, bat Franziska Fellmann. »Ich muss dich unbedingt sprechen. So geht es nicht weiter.«
Er drehte sich zu den Kindern um. »Ihr haltet den Mund, sonst bekommt ihr von mir auch noch den Hosenboden voll.«
Er merkte, dass seine Frau aufs höchste erregt war, und sie war ihm doch wichtiger als seine ungezogenen Rangen, die auch ihm manchmal beträchtlich zu schaffen machten.
»Wenn wir nicht andere Saiten aufziehen, Albrecht, wachsen sie uns noch über den Kopf«, stellte Franziska Fellmann niedergeschlagen fest. »Ich will, ich will, etwas anderes hört man nicht mehr von ihnen. Erika wird uns auch davonlaufen, wenn sie von diesen ungezogenen Gören weiterhin so beschimpft wird. Ich mache mir schwere Vorwürfe.«
»Waren sie nicht immer so?«, fragte er nachdenklich.
»Ich weiß nicht. Da waren sie noch kleiner und alles klang so putzig. Man hat darüber gelacht. Aber jetzt werden ihre Ansprüche immer größer und maßloser. Wir müssen etwas unternehmen, bevor es zu spät ist. Wir haben unsere Existenz doch auf einer soliden Grundlage aufgebaut.«
»Und mit sehr viel Arbeit«, nickte er.
»Aber so, wie sie eingestellt sind, werden sie alles verjubeln. Ich habe Fehler gemacht, Albrecht. Ob sie noch gutzumachen sind?«
»Dann habe ich genauso viel Schuld«, bemerkte er, »und wir müssen gemeinsam einen Weg finden, um sie in vernünftige Bahnen zu leiten. Aber wie? Das wird nicht so leicht sein.«
»Sie haben nicht mal Mitgefühl mit der kleinen Rosi Winzer. Sie spotten noch darüber, weil sie jetzt nicht mehr auf so großem Fuße leben können.«
»Dann müssten wir ihnen vielleicht klarmachen, dass wir uns auch nicht alles erlauben können«, stellte er nach einem langen Schweigen fest. »Wir wollen erst mal in Ruhe darüber schlafen, Franzi. Natürlich will ich auch, dass sie nicht lebensuntüchtige Menschen werden.«
»Und ich werde mich mal um Frau Winzer kümmern. Ich schäme mich richtig, dass ich auch so gedankenlos bin.«
»Tu das«, nickte er. »Wegen des Hauses habe ich schon mit ihr verhandelt.«
»Und?«
»Ich habe ihr eine größere Anzahlung geboten und den Rest auf Leibrente, damit sie eine Sicherheit hat. Man gewöhnt sich leicht an ein sorgenfreies Leben, Franzi, aber wenn man die Ansprüche zurückschrauben muss, ist es ein hartes Erwachen.«
»Das soll uns nicht passieren«, murmelte sie. »Wir werden unsere Ansprüche schon beizeiten zurückschrauben, meinst du nicht?«
Er tätschelte ihre Wange. »Du bist ja so bescheiden geblieben, Liebes. Darüber kann ich mich wirklich nicht beklagen. Die Kinder haben wir halt zu sehr verwöhnt, aber vielleicht finden wir noch einen Ausweg.«
*
Elisabeth Winzer war nicht so bescheiden geblieben wie Franziska. Sie war eine hübsche Frau, die sich immer nach der neuesten Mode gekleidet hatte, die zweimal in der Woche zum Friseur gegangen war, die jedes Jahr einen neuen Sportwagen fuhr und die teuersten Pelze trug.
Damit war es vorbei und geblieben war eine Frau, die mit dem Schicksal haderte.
Sie brach auch gleich in Tränen aus, als Franziska Fellmann kam, und erklärte schluchzend, dass sich ja nun schon lange niemand mehr um sie kümmerte.
Franziska fühlte sich unbehaglich und rang sich tröstende Worte ab.
»Das soll ja kein Vorwurf für Sie sein, liebe Frau Fellmann«, erklärte Elisabeth Winzer, die sich in den guten Zeiten gernhatte Bess nennen lassen.
»Neun Monate ist mein Mann nun schon krank, und Tag für Tag schneien mir nur Arzt- und Krankenhausrechnungen ins Haus. Ich bin Ihrem Gatten ja so dankbar, dass er mir ein so großzügiges Angebot für das Haus gemacht hat. Die anderen wollten mich ja alle übers Ohr hauen.«
Es war wirklich ein herrliches Haus, aber bei der kostbaren Ausstattung, die auch einen Swimmingpool im Keller einschloss, hatten sie sich wohl doch ein wenig übernommen. Gut, wenn Herr Winzer nicht krank geworden wäre, wäre die Belastung tragbar gewesen. Aber nun hatte er keinen Verdienst mehr und seine Lebensversicherung wurde erst fällig, wenn er einmal die Augen schloss. Dass er zum Sterben verurteilt war, hatte sich bereits herumgesprochen, und wenn Franziska früher auch manches an Elisabeth Winzer auszusetzen gehabt hatte, jetzt empfand sie doch tiefes Mitgefühl mit dieser noch so jungen und einstmals lebenslustigen Frau.
»Ich möchte vor allem nicht, dass unsere Kinder erfahren, dass mein Mann dieses Haus gekauft hat«, erklärte sie eindringlich.
»Aber warum denn nicht?«, fragte Frau Winzer staunend.
»Weil sie ohnehin schon maßlos arrogant sind«, erwiderte Franziska ehrlich. »Sie denken viel zu materiell.«
»Das war bei Rosi auch so, aber nun wird sich ihr und unser Leben zwangsweise völlig ändern«, sagte Frau Winzer leise. »Mein Mann wird nicht mehr gesund. Ich habe mich entschlossen, Rosi in ein Kinderheim zu geben. Es ist ein sehr schönes Heim. Können Sie sich noch an Frau Rennert erinnern, die früher einmal vorübergehend den Kindergarten hier geleitet hatte? Sie ist jetzt dort in Sophienlust Heimleiterin geworden. Ich habe es mir vorige Woche mit Rosi angesehen, und seither ist meine Kleine gar nicht mehr so traurig, dass sie in ein Heim soll. Für mich ist alles ohnehin schlimm genug. Es ist so schrecklich, wenn man nichts anderes mehr tun kann, als warten. Hoffen kann ich ja schon lange nicht mehr. – Man sollte eben doch früher daran denken, was alles passieren kann. Aber wer denkt schon daran, wenn es einem gut geht.«
Worte, über die es sich nachzudenken lohnte. Franziska Fellmann beschäftigte sich auf dem Heimweg noch damit. Gut Sophienlust! Frau Winzer hatte ihr noch ausführlich davon erzählt.
Wenn man nun auch Nele und Michael für eine Zeit in ein solches Kinderheim gab, wo sie ihren Hochmut verlieren konnten?
Es war ihr ein schmerzlicher Gedanke, sich von ihnen zu trennen, aber wenn es zum Besten für sie war, sollte es überlegt werden.
*
Mit dieser Andeutung konnte sie Erika auch bewegen, von ihrer Kündigung Abstand zu nehmen.
»Gut täte es den beiden schon, wenn sie es mal lernen müssen, sich anzupassen und nicht nur kommandieren können«, meinte die treue Seele unverblümt. »Sie tanzen Ihnen ja auch schon auf der Nase herum, ohne dass Sie es merken.«
Immer wieder sprach Franziska es mit ihrem Mann durch, ohne einen endgültigen Entschluss fassen zu können. Aber dann gab eine für sie recht bittere Stunde doch den Ausschlag. Sie wurde zum Klassenlehrer von Cornelia bestellt.
»Es tut mir leid, dass ich es Ihnen sagen muss, Frau Fellmann, aber Cornelia ist ein Unruhestifter in dieser Klasse. Alle Kinder will sie unterjochen und wird in einem Maße ausfallend, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht, dass sie kaum zu bändigen ist. Ich kann auch nicht dulden, dass sie die Kinder aus bescheidenen Verhältnissen wie Dreck behandelt. Zudem entsprechen ihre Leistungen in keiner Weise dem Klassendurchschnitt. Sie meint, sie hätte es als Tochter eines reichen Vaters nicht nötig zu lernen. Dabei ist sie intelligent genug.«
Wenn Michael erst zur Schule kam, würde sie wahrscheinlich noch Schlimmeres zu hören bekommen, denn er protestierte jetzt schon überaus renitent gegen seine Einschulung.
An diesem Tag fasste Franziska Fellmann den Entschluss, sich mit Frau von Schoenecker, der Besitzerin des Gutes Sophienlust, in Verbindung zu setzen. Sie bat um ein ganz persönliches Gespräch.
So schwer es ihr auch fiel, sie legte die Karten ganz offen auf den Tisch.
»Es ist doch wohl ein Armutszeugnis, das wir uns ausstellen müssen, aber wir werden unserer beiden Rangen nicht mehr Herr«, erklärte sie. »Und wenn ich diese braven Kinder hier sehe, weiß ich nicht, ob ich Ihnen überhaupt das zumuten kann, unsere beiden aufzunehmen.«
»Wir sind schon mit manchen schwierigen Kindern fertig geworden«, erwiderte Denise von Schoenecker freundlich. »Rosmarie Winzer hat sich auch sehr rasch eingelebt. Wenn ich Ihnen damit helfen kann, wollen wir es auf einen Versuch ankommen lassen. Wir pflegen zwar keinen militärischen Drill, aber parieren müssen sie schon.«
Begeistert von dem wunderschönen Anwesen, gestärkt durch das freundliche Entgegenkommen, das man ihr entgegengebracht hatte, kehrte Franziska Fellmann zurück.
»Das geht aber nicht, dass du ohne uns wegfährst«, wurde sie von Michael empfangen. »Was hast du uns mitgebracht?«
»Gar nichts«, erwiderte sie ruhig. »Es wird sich bei uns manches ändern.«
Ungewohnt ernste Worte bekamen Cornelia und Michael zu hören. »Ihr denkt immer, wir können das Geld nur so aus dem Ärmel schütteln«, sagte sie, »aber Vati muss sehr hart dafür arbeiten. Und weil es ihm zu viel wird, werde ich ihm künftig im Geschäft helfen.«
»Und wir?«, fragten sie bestürzt.
»Ihr kommt in ein Kinderheim und zwar in das Gleiche, wo Rosi Winzer ist.«
»In ein Heim für arme Kinder?«, fragte Cornelia empört.
»Es ist kein Heim für arme Kinder, es ist ein schönes Heim für alle Kinder.«
»Aber Rosi wird sich ins Fäustchen lachen und denken, dass wir nun auch kein Geld mehr haben«, meinte Cornelia, während Michael seine Mutter noch immer stumm und entgeistert anstarrte.
»Sie wird sich nicht ins Fäustchen lachen«, widersprach Franziska. »Sie hat nämlich schon gelernt, dass man nicht alles haben kann, was man haben will.«
»Du willst mich ja bloß wegschicken, weil der blöde Lehrer so geklatscht hat«, begehrte Cornelia auf.
Franziskas Miene wurde streng. »Für euch sind alle Menschen, die nicht das tun, was ihr wollt, blöd und dämlich und was weiß ich. Aber ihr werdet in eurem Leben noch sehr oft auf solche Menschen angewiesen sein.«
Michael schob die Unterlippe vor. »Dann geh ich eben in das Heim. Dann brauche ich wenigstens nicht zur Schule.«
»Das wird dir dort auch nicht erspart bleiben. In die Schule musst du trotzdem«, wurde er von seiner Mutter belehrt.
Ihm hatte es die Stimme verschlagen. »Warum bist du eigentlich so böse mit uns, Mutti?«, fragte er dann nach einer Weile doch recht kleinlaut.
»Weil es mich sehr kränkt, dass ihr jetzt so oft so böse Worte aussprecht. Nehmen wir mal Erika. Sie sorgt für euch, sie macht euch das Frühstück, putzt eure Schuhe, wäscht eure Sachen und soll sich dann auch noch gefallen lassen, von euch beschimpft zu werden? Denkt einmal darüber nach. So klein seid ihr nicht mehr.«
»Ich bin aber noch klein«, begehrte Michael auf. »Ich gehe noch nicht in die Schule.«
»Auf einmal. Sonst redest du doch schon so supergescheit daher.«
*
»Mutti ist wirklich böse«, sagte Michael bedrückt zu seiner Schwester, als sie allein waren.
»Ich bin auch böse«, erwiderte sie grollend. »Ich will nicht in ein Heim. Dann esse ich einfach nichts und werde krank. Ich werde es ihnen schon zeigen.«
Diesmal war Michael vorsichtiger. »Wenn man nichts isst, muss man sterben, wie unser Kanarienvogel.«
»Warum wollen sie uns ausgerechnet in das Gleiche Heim schicken wie Rosi, wenn wir schon wegmüssen«, überlegte Cornelia. »Na, sie werden es sich schon noch überlegen. Ich sage es Vati schon, dass ich es ungerecht finde.«
»Warst du in der Schule wirklich böse?«, erkundigte sich Michael.
»Pöh – ich spiele bloß nicht mit den Armeleutekindern. Das hat Rosi auch nicht getan. Frau Winzer hat immer gesagt, dass wir Unterschiede machen sollen.«
»Aber sie haben nun auch kein Geld mehr. Vielleicht haben wir auch keins mehr, und Mutti sagt es uns bloß noch nicht«, vermutete Michael. »Sie schicken uns weg, damit wir nicht merken, wenn unser Haus verkauft wird und so.«
Cornelia bekam kugelrunde Augen. »Dann will ich lieber weg, sonst lachen sie mich in der Schule auch aus.«
»In so ’nem Heim kann es vielleicht ganz schön sein«, versuchte Michael sie zu trösten.
»In einem Heim sind nur Waisenkinder, die kein Geld haben«, stellte Cornelia hochtrabend fest. »Wir haben aber Eltern.«
»Vati ist gekommen«, flüsterte Cornelia. »Jetzt reden sie bestimmt darüber. Ich gehe mal ein bisschen lauschen.«
»Ich lausche nicht«, erklärte Michael.
»Dann lässt du es eben bleiben.«
*
»Nun, hast du mit ihnen gesprochen?«, fragte Albrecht Fellmann seine Frau.
»Sehr ernsthaft sogar.«
»Was haben sie gesagt?«
»Du kennst sie ja. Ich habe ihnen erklärt, dass ich dir helfen müsste im Geschäft. Na ja, irgendetwas musste ich doch anführen.«
Das bekam Cornelia glücklicherweise nicht mit, aber dann hörte sie, das Ohr an das Schlüsselloch gepresst, fast jedes Wort.
»Was kostet dieses Heim eigentlich?«, fragte Albrecht Fellmann.
»Das liegt im eigenen Ermessen. Es gibt Unterschiede, und das finde ich sehr schön. Wir werden natürlich einen angemessenen Preis bezahlen. Das ist es mir wert.«
»Aber das brauchen unsere Rangen doch nicht zu wissen. Ich möchte nicht, dass sie sich den andern wieder überlegen fühlen. Sprechen wir lieber später weiter«, fuhr er fort. »Vielleicht lauscht einer.«
Cornelia trat darauf schnell den Rückzug an. Aber eigentlich hatte sie gehört, was sie hören wollte.
Man bezahlte einen angemessenen Preis dafür. Arm konnten ihre Eltern also nicht sein. Sie erzählte es Michael sofort.
»Sie wollen bloß nicht, dass wir es wissen«, erklärte sie triumphierend. »Verrat dich nicht. Wenn wir zahlen, haben wir es auch besser als die anderen.«
»Aber vielleicht müssen Vati und Mutti dafür unser schönes Haus verkaufen«, vermutete Michael kleinlaut.
»Ob ich Erika mal frage?«, überlegte Cornelia.
»Ach, die ist doch sauer, weil wir sie angeschimpft haben.«
»Wenn ich aber ganz nett mit ihr bin?«
»Versuch’s doch mal«, meinte er zögernd.
Ganz schüchtern schlich sich Cornelia in die Küche. »Erika?«, begann sie tastend.
»Was willst du denn?«, fragte diese leicht erstaunt.
»Bist du noch wütend auf uns?«
»So schnell legt sich das bei mir nicht«, kam die Erwiderung.
»Hat Mutti schon was zu dir gesagt, ob du bleiben kannst?«
