Die holländische Brille - Lothar Englert - E-Book

Die holländische Brille E-Book

Lothar Englert

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Beschreibung

Ostfriesland im Jahr 1564. David Fabricius, Sohn eines Schmiedes, wird in eine Epoche hineingeboren, in der die religiösen Unstimmigkeiten, die aus der Reformation hervorgingen, den Alltag bestimmen. Ostfriesland wird von drei Brüdern regiert, die untereinander zerstritten und somit völlig unfähig sind, ihren Herrschaftsbereich angemessen zu führen. In dieser Zeit religiöser und politischer Unsicherheit wagt es der junge Fabricius, das Theologiestudium aufzunehmen. Als Pastor versucht er sein Möglichstes, der Gemeinde Rückhalt und Orientierung zu bieten - doch das kann sehr gefährlich werden …

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Lothar Englert

Die holländische Brille

Historischer Roman

Zum Autor

Lothar Englert ist in Brühl/Köln geboren und lebt in Aurich/Ostfriesland. Er war Berufsoffizier, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Neben Satiren, Gesellschafts- und Kriminalromanen hat er vor allem historische Romane veröffentlicht. Besondere Beachtung fand seine dreibändige Ostfriesland-Saga, deren erster Band auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

Originalausgabe erschienen 2012 im Leda-Verlag

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © ruskpp / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6420-1

Widmung

Für meine Frau Therese und die Bürger von Esens

Prolog

Es darf das Recht nicht aus der Welt.

Aurich, gräfliches Hofgericht, 16. Mai 1617

Der Richtkarren polterte und ruckelte über das Pflaster, es klang so, als wären die Radreifen zornig über ihre zeitige Arbeit. Die Stunde war noch früh, von Nordwest fuhr ein böiger Wind heran, kalt und scharf packte er zu und riss an Haaren und Kleidern. Nach sommerlicher Wärme in seinen ersten Tagen war dieser Mai Anno Domini 1617 noch einmal winterlich geworden, das letzte Aufbäumen unwirtlicher Gewalten, unwillkommen und entbehrlich, da doch die Feldarbeit in Ostfriesland längst begonnen hatte.

Die beiden Fronboten des gräflichen Kriminalgerichts hielten Abstand zu Frerich Hoeyer. Der Mann war noch nicht verurteilt, ja nicht einmal abschließend befragt, aber seine Schuld stand so fest wie das Amen in der Kirche. Und da er bisher in der Hauptsache beharrlich schwieg, lieferte er schließlich selbst den Beweis. Wer reinen Gewissens ist, der redet und teilt sich mit und vergräbt sich nicht in einem finsterem Gehäuse mürrischer, abweisender Sprachlosigkeit. So dachten die Fronboten und so dachte auch der Rat am gräflichen Hofgericht zu Aurich, der die Befragung dieses Mannes heute zu ihrem Abschluss bringen wollte. Mit einer Überführung, so verstand es sich, und einer schnellen Verurteilung, die ebenso rasch zu vollstrecken war.

Denn die Fakten lagen klar. Es gab in diesem Fall keine offenen Fragen, keine Geheimnisse, schon gar keine Mysterien. Die Polizeibüttel hatten schließlich den Spaten gefunden, nur unvollständig vom Blut befreit, und Frerichs Kittel, auf dem das Hirngekröse noch in Resten klebte, das der Hoeyer dem Pastor Fabricius aus dem Schädel geschmettert hatte. Hinter seinen Schuppen hatte er alles geworfen, und recht nachlässig mit Grassoden bedeckt, es mochte sein, er glaubte für die Wahrheit verborgen, was auch ihm aus den Augen war. Anders war’s gekommen, und nun reiften die Dinge ihrem Ende entgegen.

Dem Hoeyer drohte das Rad, so viel stand fest. Nur reden sollte er, sagen sollte er es, gestehen sollte er, und dann nach Recht und Gesetz seine Strafe haben. Denn der Gerichtsrat Johannes Reertshemius war ein feinfühliger Mann, er brauchte das Geständnis zur Ruhe seiner Seele. Immerhin floss durch seinen Spruch das Blut eines Menschen, und war der auch, wie hier, ein sündhafter Hundsfott, so sollte doch durch das confessio der Sache ein befriedeter Abschluss zukommen.

Der Karren ratterte über die schrundigen Steine der oberen Kirchgasse, vorbei an Sankt Lambertus, und nahm seinen Weg auf das Gerichtsgebäude zu. Es war dieser Schlenker nicht nötig, man wählte ihn absichtsvoll, er sollte den Mörder an sein nahes Ende gemahnen. Frerich Hoeyer indes stand unbeeindruckt, ganz still und gesammelt, mit hängendem Kopf, es war, als ob er im Stehen schliefe. Nur die rohen Fäuste, mit denen er sich an den Handlauf klammerte, und das wie durch Krämpfe gequälte Schuckeln und Schütteln der gedrungenen Gestalt zeigten an, dass der Osteeler bei sich war.

Den beiden Schergen war’s gerade recht, sie hatten nichts mit dem Kerl und wollten ihre Ruhe. Kein Wort zu dem da, noch weniger eines von ihm. Was stand er und tat unbesorgt? Konnte sich ja auch setzen, der Hund, die Kette zwischen seinen Händen war doch lang genug. Aber nein; stand und war mit sich und der Welt im Heilen, zumindest machte er den Eindruck. Nicht mehr lange. Es warteten ja schon der Spanische Stiefel und die Schraube, die Judaswiege und die Ketzergabel, vielleicht sogar Säge, Pfahl und eiserne Mundsperre. Denn der Hofrichter war gewillt, durchaus gewillt, die Befragung zur Not auch peinlich durchzuführen. Allerdings nicht ohne bittere Empörung darüber, von diesem nichtswürdigen Widerborst zu solcher Grausamkeit gezwungen zu sein, eine harsche Zumutung für jeden Christenmenschen. Aber hier, liebe Gemeinde, haben wir einen Priestermörder, und da kann Gnade nicht sein.

Als sie vor dem Gerichtsgebäude anlangten, stieß einer der Fronboten den Hoeyer mit der Hellebarde in die Rippen. »Hab Acht, Kerl, und aufgewacht! Nun trittst du vor deinen Richter!«

Der Osteeler hob den Kopf, und dann sahen sie in sein geschundenes Gesicht. Also hatte er seine Prügel heute früh schon bekommen. Hoffentlich vor der Grütze, so war’s recht. Sie zerrten ihn vom Karren und wuchteten den Kerl die Treppe hinauf. Nicht eben glimpflich, denn das war überflüssig. Was sollten sie bei einem, über dem bestenfalls das Schwert hing, um sein dünnes Fell besorgt sein? Die Stiege hinauf in den Gerichtsraum, in dem Johannes Reertshemius schon wartete, wie immer in seiner schwarzen Hofrobe, der Kopf wölbte sich rund über der altmodischen spanischen Halskrause, gerade so, als habe man eine Rübe auf einen Fleischteller gelegt.

Neben Reertshemius der Schreiber und die Räte. Dahinter eine schwere Wollportiere, die den Raum nach rückwärts zu abtrennte. In der mannshohen Esse brannte ein Feuer, aber wohl noch nicht lange, denn der Atem hing den Männern wie Eiswolken vor den Mündern.

»Es mangelt dir an Respekt, da du nicht zu uns sprichst«, begann der Hofrichter ohne Einleitung. »Allein, es nützt dir nichts, denn die Dinge wenden sich gegen dich!« Er fuhr seine Hand aus, und der Schreiber legte ein Pergament hinein. Reertshemius sprach weiter, ohne auf das Blatt zu sehen, er hatte im Kopf, was er sagen wollte. »Es war dein Spaten, den wir fanden, und es war dein Kittel, an dem des Pastors Blut klebte. Und also zum letzten Mal: Wann hast du ihn getroffen?« Der Hoyer gab keine Antwort. »Warum hast du ihm aufgelauert?« Der Hoyer sagte nichts. »Weshalb hast du ihn erschlagen?« Der Hoyer schwieg. Und so schwieg jetzt auch der Hofrichter. Für eine Weile hörte man nur den Schreiber, er kratzte scharf mit dem Federkiel übers Pergament, es klang so, als wetze er ein Schlachtmesser.

Schließlich breitete der Hofrichter die Arme aus, es war eine Geste der Resignation, und dennoch kam die Bewegung kraftvoll und entschlossen. »Nun denn, so befragen wir dich nach der Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis!«, sagte Johannes Reertshemius, kalte Härte in der Stimme, und da hob der Hoeyer den Kopf.

»Das dürft Ihr nicht, denn ich bin kein Ketzer!«

»Was glaubst du, was ich alles kann?«, schrie Reertshemius mit rotem Gesicht, »und was fährt nun in dich, dass du dich einlässt?«, aber da hatte Frerich Hoyer schon wieder den Kopf gesenkt und den Mund so fest verschlossen, dass ihn scharfe Falten umkerbten.

»Ein letztes Mal: Das Blut an deinem Kittel, und das Gekröse an deinem Spaten, woher?«, fragte der Hofrichter drohend, das Pergament hatte er auf den Tisch geworfen.

»Es war umgekehrt«, gab der Hoeyer dumpf zurück, den Kopf immer noch hängend, »und woher? Recht einfach: Ich habe eine Sau geschlachtet!«

Bei den Räten hörte man, wohl wegen der unsäglichen Doppeldeutigkeit dieser Worte, ein scharfes Einatmen und Reertshemius zog die Schultern hoch, als wollte er zum Schlag ausholen. »Und wozu dann dein Schweigen? Warum, Kerl, hast du bisher Grund gesehen, uns darüber im Dunkeln zu lassen?«

»Es ist die Art von Euer Gnaden Befragung, die mich abhielt. Wenn Ihr mir Sätze vorlegt auf eine Weise, als wolltet Ihr eine Antwort bestätigt sehen, die Ihr seit langem schon gefunden zu haben glaubt«, zahlte der Hoeyer kalt zurück.

Reertshemius funkelte ihn zornig an. »Ich frage, wie ich frage. Es kommt dir nicht zu, daran Mangel zu suchen!« Er fasste an seinen Duttenkragen und schob ihn zurecht, dass es raschelte. »Also eine Sau hast du geschlachtet. Und hast du Nachbarn, die dafür Zeugnis geben können?«

»Diese Sau ging keinen meiner Nachbarn etwas an«, sagte der Osteeler aufsässig, und Johannes Reertshemius schloss empört den Mund, er sah aus wie ein Karpfen, der nach Beute schnappt.

Einer der Räte trat näher, zupfte den Hofrichter am Talar, raunte und flüsterte auf ihn ein, doch Reertshemius wandte sich brüsk ab, schüttelte sogar die Hand von seiner Robe, er wusste sehr wohl, was er als Nächstes zu fragen hatte. »Und dann die Grassoden? Was hattest du für Anlass, sie über den Kittel zu werfen?«

»Die Hitze«, sagte der Osteeler, »die frühe Hitze im Mai. Ich wollte nicht, dass das Blut die Ratten anlockt.«

»Aber dann hättest du den Kittel in die Waschtonne geworfen!«, brüllte der Richter aus vollem Hals. »Und der Spaten unter den Soden? Den taucht man in den Schlot und hängt ihn zum Trocknen. Item mit dem Kittel!«

Der Hoeyer schielte listig von unten herauf, linste mit einem Auge durch seine Haarsträhnen über der Stirn. »Es ist zu dem Behufe noch kein Gesetz gemacht, das weiß ich. Und mit meinem Spaten verfahre ich nach Gutdünken, da er mein Eigentum ist!«, sagte er frech, den Kittel ließ er gänzlich unerwähnt.

Und da platzte dem Hofrichter sein spanischer Kragen. Er stieß einen Wutschrei aus, der sogar dem Hoeyer das Kinn in die Höhe riss. Dann hob er den Arm, als hielte der eine Richtklinge, und die Portiere wurde zur Seite geschoben. Dahinter tauchten zwei Stadtknechte auf, sie trugen rote Hauben über den Köpfen, die nur die Augen frei ließen.

»Es hat sich soeben gefügt«, sagte der Hofrichter bebend vor Zorn, »dass meine Geduld an ihr Ende gekommen ist. Auch bin ich es leid, von dir Frechheiten und Anwürfe gegen die Geistlichkeit zu hören, die ich sehr wohl erfasst habe. Stecke dich jetzt noch einen Tag ins Loch. Einen letzten. Da kannst du nachdenken. Und dann, Kerl, das wisse, nimmt die gräfliche Gerichtsordnung ihren Lauf!«

1.

Sei mir gegrüßt, du Erdenlicht,

schließ’ mich in deine Arme.

Esens, 9. März 1564

Jan Jansen ließ den Schmiedehammer auf dem Amboss klingeln. Er war in Verzug, und er wusste es. Der Kerl da draußen auf dem Kutschbock hatte es ihm unmissverständlich klargemacht. Saß noch immer da, schnäuzte sich gelegentlich und schnalzte mit der Zunge, als wollte er seine Gäule antreiben. Noch nicht einmal absteigen wollte der, geschweige denn die Pferde ausschirren. »Keine Zeit, Schmied, du weißt, warum!«, hatte er geknurrt, und auf ärgerliche Art zur Seite ausgespuckt. »Nun mach hin und sieh zu!«

Den Trunk abgelehnt hatte er auch. Musste mitten in der Nacht aufgebrochen sein, stand da draußen jetzt schon seit vor dem Morgengrauen und machte die Welt verrückt mit seiner Ungeduld. Sollte ihn der Teufel holen! Jansen konnte nicht mehr als arbeiten, und das tat er, obwohl seine Frau neben­an in der Kate lag und sich durch ihre Wehen quälte. Aber die Amme war bei ihr, und was sollte er da helfen? Besser gesputet und den Auftrag erledigt, denn die Herren vor den Kopf stoßen, das konnte er sich nicht leisten. Nicht einmal dann, wenn sein erstes Kind geboren wurde. Der Hammer klingelte, als seine Frau eine Wand weiter zu schreien begann, klingelte lauter, tanzte auf dem Schmiede­block, er ließ ihn hüpfen und fallen und schaltete seine Gefühle aus. Nur dieser eine Radreifen noch, es ist der letzte, und dann ist das Geschäft gemacht. Hob irgendwann prüfend das Stück vor die Augen und linste daran entlang, als er die Amme hinter sich spürte. Sie musste schon eine Weile dort gestanden haben, er sah es an den Spuren, die ihre Füße scharrend im Sand hinterlassen hatten.

»Das Kind ist geboren«, sagte die Amme, sprudelte es jetzt hervor, »es ist alles gut gegangen, die Frau ist wohlauf und das Kind gesund!«

Er richtete sich auf und warf einen Blick auf seine Hände. »Wie groß ist der Knabe?«, wollte er wissen.

Sie sah ihn an, in ihren Augen stand offener Vorwurf. Seine scheinbar spröde Kaltherzigkeit, die wie zur Schau gestellte Gleichmut, die Art, wie er sichtlich am Leiden seiner Frau keinen Anteil nahm und bei dem Neugeborenen männliches Geschlecht voraussetzte, als gebe es hierzu keine Alternative, ärgerte sie so sehr, dass nun ihre Stimme zitterte. »Eine knappe Elle.«

»Klein!«, sagte Jansen, es klang enttäuscht, ein wenig so, als werde der Stammhalter deshalb fast wieder zu einer Tochter, deren Mitgift liefern zu müssen ihn jetzt schon mit Sorge erfüllte. »David«, sagte der Schmied dann, »wir nennen ihn David, nach dem himmlischen Steineschleuderer, dem Bezwinger des Goliath aus Gath!«

David war kein himmlischer Steineschleuderer, sondern ein hebräischer, dachte die Amme, aber sie hütete sich vor einem Widerwort. Sie verneigte sich knapp und stumm, bevor sie sich abwandte.

Jan Jansen hob den Radreifen an und ließ ihn vor der Esse springen. Er wusste, dass sein Nachbar, der Stellmacher Enno, mit Unwillen beäugte, was der Schmied da tat. Denn der Stellmacher baute auch Wagenräder und wollte, dass sie nicht allzu lange rollten. Jedenfalls nicht viel länger als eine Handvoll Jahre. Daraus schöpfte er nämlich ein Gutteil seines Verdienstes. Da waren des Schmieds Radreifen Gift.

Aber Jansens Auftraggeber war der Magistrat von Esens, und der wollte sein Geld nicht an unbewehrte Holzräder vergeuden. Schickte zudem Kerle wie diesen da draußen, auf dem Kutschbock, der jetzt herüberschielte und dann nach den Zügeln griff, dass die Geschirre bimmelten. »Was ist nun, Schmied? Willst du den behalten oder liefern, wie es dein Geschäft ist? Der Magistrat erwartet übrigens alle vierundzwanzig Reifen, weil er nur so seine sechs Fuhrwerke bestücken kann. Und lieferst du einen nicht, zahlt man dir nicht mehr als achtzehn, denn der Rest ist vertan!« So sprach der Kerl auf dem Bock und drehte sich weg und blies sich den Rotz aus der Nase. Also war er keine Leuchte, dachte sich Jansen, denn die restlichen drei könnte man zu jedem Anlass über das Holz ziehen, aber er antwortete nicht und warum auch?

Der Schmied stiefelte hinüber und warf der Kanaille den Radreifen auf die Pritsche, es klingelte und schepperte, und der Kutscher sagte nichts mehr, sondern schnalzte mit der Zunge und ließ die Gäule anziehen. Er war schon um die Ecke, als Jan Jansen wieder an der Esse stand, um die nur noch sacht glühende Schlacke auseinanderzuschieben und mit einem Guss zu löschen. Kohle war teuer, und was soll er sie noch verbrennen, da seine Arbeit für den Tag getan war?

Dann ging er hinüber in den Wohntrakt. Seine Frau lag blass in den Federkissen, die Amme wickelte Leinenstreifen, ihr Blick noch immer Vorwurf, und das Kind, der Sohn, lag neben der Mutter in der Wiege und schlief. Er sah flüchtig hin, blondflaumiges Haar über rosigem Gesicht, und trat zögernd an das Wochenbett.

»Wie steht es, Talke, mein Mädchen?«, fragte Jansen und nahm die kleinen Hände, und dann lief der Frau das Wasser aus den Augen.

»Es ist ein Sohn, Mann, wie du ihn dir gewünscht hast!«, schluchzte sie und er fühlte ihre Finger kalt und schwitzig in seinen Pranken.

Er küsste sie auf die Stirn. »Wir nennen ihn David«, sagte er, und: »Es ist gut, Talke, mein Mädchen, du hast deinen Teil getan. Nun lass mich meinen tun!«

Er schwenkte zur Wiege und nahm, der entsetzten Blicke der Amme nicht achtend, den Knaben auf und ging mit ihm in die Schmiede. Stellte sich an die noch warme Esse und langte sich den Eimer. »Ein Schmied wirst du nicht, dazu fehlt dir das Schmalz«, sagte Jansen spröde und angelte nach der Schöpfkelle. »Aber du bist der Sohn eines Schmieds und also soll dir geschehen, wie mir geschah, noch bevor ich über dem Taufstein hing!« Nahm die Schöpfkelle mit dem Schmiedewasser und goss sie über die Stirn des Säuglings, und dann, als der zu wimmern begann, löste sich die Spannung des Jan Jansen in heißen Tränen der Dankbarkeit.

2.

Über den Sternen ist Gott

Braunschweig, 2. Dezember 1582

Wohlgefällig ruhte der Blick von Heinrich Lampe auf seinem Schüler. Der Ordinarius für Mathematik und Astronomie an der Lateinschule zur Braunschweig war von den Fähigkeiten dieses ostfriesischen Studenten überzeugt. Zwar war der von niedriger Geburt, der Sohn eines Schmieds, und das unterschied ihn von seinen Mitschülern, deren meiste adelig waren, item seine schmächtige Gestalt und seine zarten Glieder. Aber eben auch sein wacher Geist, die hellen Augen und seine geniale Neigung zur Astronomie.

David Jansen hatte den Durchmesser des Vollmondes in kurzer Zeit als Bruch eines Grades ermittelt und erfasste mit dem Astrolabium1 Winkelhöhen von Sternen schon, wenn die anderen Studiosi noch schoben und peilten. Er hatte die Funktion dieses Instruments, eine in die Ebene übertragene Armillarsphäre2, vollständig begriffen und hantierte mit der Alhydate3 schon jetzt wie ein erfahrener Astronom, drehte die Peilvorrichtung und nahm die Werte von der Skala, als hätte er nie etwas anderes getan. Man hatte gar das Gefühl, als ertaste er sie, ohne das Dorsum4 auch nur anzusehen, und manchmal war er seinem Ordinarius so fast schon etwas unheimlich.

Die Gruppe der Studenten verweilte mit ihrem Ordinarius auf der Plattform des Dachturms, unten schlummerten die Gemäuer ihres Instituts, die Nacht war kalt und von klarer Schärfe. Heinrich Lampe, der sich, der Mode folgend, Lampadius nannte, hob den Kopf und fixierte den jungen Mann. »Woher wissen wir, dass die Erde eine Kugel ist, Jansen?«, fragte er.

Im Schein einer Öllampe studierte der Junge eine Schrift von Regiomontanus, dem Baiern, der eigentlich Johannes Müller hieß und Werke des Ptolemäus ins Lateinische übersetzt hatte. Er antwortete, ohne von seinem Dokument abzulassen. »Durch den Schatten, den die Erde bei einer Mondfinsternis wirft. Er ist rund. Die Griechen haben es gefunden. Pythagoras wusste es schon, und auch Aristoteles hat es vielfach beschrieben«, sagte David, und es klang so, als wollte er sagen, was fragt Ihr mich da?

»Recht so!«, sagt der Ordinarius zufrieden, »und nun sage mir, wie es kommt, dass man den Kreis so unterteilt, dass er dreihundertsechzig Grad umfasst?«

Jetzt runzelte David die Brauen. Er schien gelangweilt. »Dies hat seine Wurzel bei den Babyloniern, die mit einem Zahlensystem rechneten, das auf der Sechs und der Sechzig fußt. Sie unterteilten den Kreis in sechs Segmente zu je sechzig Einheiten«, antwortete der junge Studiosus. »Sie verehrten auch das Sternbild des Orion. Es stellte für sie den großen Krieger Gilgamesch dar.« Hob nun den Blick und sah den Magister an, ohne zu lächeln. Auch die anderen blickten auf, zwei oder drei in wachem Interesse, einige der anderen mit dem Unbehagen derer, die fürchten, einem Gespräch nicht folgen zu können.

»Das hatte ich dich aber nicht gefragt«, gab Lampe mit Tadel in der Stimme zurück, doch seine Augen blieben mild. Er wandte sich an einen anderen Studenten. »Sage mir du, Wartenberg, wo steht Jupiter heute, am zweiten Tag des Christmonats?«

Mit flatternden Händen griff sich der Gefragte das Astrolabium und richtete sich suchend auf. Es war klar, er wusste nicht, wohin er sich wenden sollte, und dann sagte David Jansen recht nüchtern: »Er steht genau in Süd, der Winkel misst einundzwanzig Grad, das ist auch seine obere Kulmination.« Stand auf, nahm dem Wartenberg das Astrolabium aus den kalten, feuchten Fingern, visierte nach Süden an, drehte die Alhydate und zeigte dem Ordinarius den gefundenen Wert.

Der lächelte noch immer, aber sein Ton wurde kühler. »Ich habe nicht dich gefragt, sondern den Wartenberg. Du musst lernen, dich zu bescheiden, Jansen; mag sein, du hast eine Neigung zur Hoffart. Denn du weißt, dass du mit Geistesgaben gesegnet bist. Aber das verpflichtet dich zur Demut!«

Die anderen hörten stumm zu, der Wartenberg schon längst wieder hinter einem Folianten versteckt, in dem er eifrig studierte. Auch David hielt die Stirn gesenkt, schwieg, in seinem Kopf arbeitete es, sein Hirn war wie ein Schwamm, und niemand sah tiefer hinein als Heinrich Lampe. Als der Junge sprach, war es, als rede er zu dem Papier in seinen Händen. »Ich will wissen, Magister!«

Und Lampe nickte. »Ja, aber du sollst auch fühlen. Die Liebe des Herrn und alles, was in ihr ist!«

Da hob David die Augen. Er legte den Kopf in den Nacken und ließ ihn einen Halbkreis abstreichen. »Die Gestirne sind doch das Schönste, das Edelste in der Schöpfung!«, sagte er mit Inbrunst.

Lampe beugte sich so heftig vor, als wollte er auf die Füße springen. »Mag sein! Das mag so sein. Aber wisse: Über den Sternen ist Gott!«

Überrascht sah der junge Ostfriese ihn an. Das Haupt seines Magisters war von Atem umwölkt, es war, als wollte er sein Minenspiel verschleiern. Als sei ihm daran gelegen, seinen Worten zusätzliche Mystik zu verleihen, als sollten sie allein durch ihr Diktum wirken. »Meint Ihr das räumlich oder sinnbildlich, Ordinarius?«, fragt David, offen und ohne Arg.

Der Magister lehnte sich zurück, er schien ruhiger und auch das Lächeln war wieder da. »Ich meine es auf beide Weise, David, und das solltest du wissen.« Lampe setzte sich gemütlich zurecht. Die Eiswolke um seinen Kopf war verschwunden, er sah sehr zufrieden aus. »Aber nun sage mir, David, wo steht Jupiter jetzt?«

Der Junge blickte sich flüchtig nach Süden um, ganz so, als wisse er schon, was hierüber zu berichten war. »Jupiter steht unter dem Horizont. Er ist längst untergegangen, Magister.«

Der Ordinarius Heinrich Lampe nickte, streckte sich genüsslich und lächelte. »Bedeutet was?«

»Es ist weit nach Mitternacht!«, antwortete David Jansen und Lampe nickte erneut.

»Eben. Zeit für den Bettkasten!«

Am nächsten Morgen stand David Jansen in Heinrich Lampes Studierzimmer. Der Ordinarius hatte kleine Augen, er wird wohl die restliche Nacht wieder hinter Folianten verbracht haben, dachte sich der junge Mann. Oder er war noch böse, weil er, David, gestern etwas ungebührlich gewesen war, und das verkniff ihm die Lider. Jansen wusste natürlich, dass sein Professor auch Prediger war, aber das führte zu keinem Widerspruch zwischen ihnen, denn Lampes Widmung zu Gott teilte der junge Ostfriese ohne jeden Vorbehalt. Er konnte sich sogar vorstellen, ebenfalls das Wort des Herrn zu verbreiten, wenn das nur bedeutete, dass er nicht von den Sternen lassen musste. Denn das sollte ihn hart ankommen.

Aber er hatte auf Lampe wohl den Eindruck gemacht, als stelle er das Irdische über das Göttliche und das besorgte ihn jetzt, weil der Ordinarius mit finsterem Gesicht aufblickte.

»Deine Tage hier in Braunschweig sind gezählt, David!«, sagte Lampe spröde. Er stand auf und trat an seine Armillar­sphäre, drehte gedankenverloren an Reifen und Kugeln, während der junge Ostfriese wie vor den Kopf geschlagen stumm blieb. »Ich träume davon, die Sterne durch ein Instrument zu sehen, das sie vergrößert, näher heranholt, klarer und deutlicher zeigt, verstehst du?«, wechselte Lampe plötzlich den Gegenstand, wandte sich um, seufzte. »Ach, wir wissen so wenig, so wenig!«, sagte der Ordinarius und wischte sich über die schweren Lider. Ließ sich ächzend in seinen Armstuhl fallen und wies dem jungen Studenten den Schemel an, der vor dem wuchtigen Studiertisch stand.

Es war dämmrig und kalt, der Kamin noch dunkel, auch für einen Magister stand am Tag nicht mehr als eine Schütte Brennholz zur Verfügung, und da hieß es haushalten. Davids Herz klopfte, als der Ordinarius den Mund öffnete. »Deine Tage hier sind vorbei«, wiederholte Lampe und plötzlich legte sich eine sanfte Milde über sein Gesicht. »Du kennst die Sterne und ihre Bahnen. Du verstehst dich auf Meridiandurchgänge ebenso wie auf Deklinationswinkel …« Er hielt inne, lehnte sich zurück und schloss die Augen. »Nenne die Formel zur Errechnung des Höhenwinkels in der oberen Kulmination auf der Nordhalbkugel!«

Auch David schloss die Augen, er schien ruhig, aber sein Herz pulste dafür umso heftiger in den Ohren. Dann nannte er die Formel, locker und flüssig: »

, sagte der junge Student und fügte ungefragt hinzu: »Für die untere Kulmination lautet sie .« Der Ordinarius hob die Lider wie nach langem Schlaf, und auch David sah ihn an. »Die beiden Formeln sind nur dann exakt, wenn der Kulminationspunkt auf dem Meridian liegt«, schloss der junge Ostfriese und wagte es, seine Lippen zu kräuseln.

Heinrich Lampe lächelte nun ebenfalls. »Das war leicht. Vielleicht zu leicht!« Er beugte sich vor, seine Züge hatten plötzlich etwas Schelmenhaftes. »Nun sage mir, wie lautet die trigonometrische Formel für die 2. Identität?«

David Jansen reckte den Hals, als müsste er von der Decke ablesen. Doch die war schwarz von Ruß, dunkel und kalt. Auf der stand nichts, rein gar nichts. »Die Formel drückt die Summe der complementi sinus zweier Zahlen als Produkt aus«, sagte David zögernd und für einen Augenblick schien es so, als wisse er nicht recht, wie fortfahren. Aber noch bevor der Magister die Lippen öffnen konnte, sprach der Studiosus weiter.

Da breitete Heinrich Lampe die Arme aus. »Was soll ich dich noch lehren? Hier kann niemand mehr etwas für dich tun!« Stand auf und umrundete den Studiertisch, schob einen baculus jacobi, einen uralten Jakobsstab5, achtlos zur Seite, setzte sich ächzend auf die Tischkante. »Du gehst nach Helmstedt, an die Academia Julia Carolina. Ich habe dich schon angemeldet. In der theologischen Fakultät. Du wirst auch Philosophie hören, mit ihren sieben freien Künsten, und damit ist deiner Liebe zu den Sternen wohl genügt!« Lampe erhob sich und ging steif hinüber zur Esse, nahm ein paar Scheite Holz und stellte sie für den Brand auf. Er bewegte sich langsam, wie nach einer langen, harten Arbeit. Dazwischen redete der Magister. Vielleicht auch, weil der junge Ostfriese wie verdattert schwieg. »Du bist jetzt stumm und das ist gut. Du weißt sehr wohl, dass die Philosophie recht eigentlich Grundlage für ein Studium der Theologie ist. Ich stehe in Briefkontakt mit deinem Ordinarius dort. Du bist begabt genug, beides zugleich zu tun, habe ich ihm gesagt. Er ist einverstanden. Du fährst noch vor dem Christfest.« Unterbrach sich, wandte sich um, lächelte sein warmes, freundliches Lächeln. »Jetzt kannst du reden, junger Ostfriese. Was ist? Warum bist du so schweigsam?«

David hielt die Arme vor der Brust verschränkt. Er fühlte eine feuchte Kälte in sich hochkriechen, eine Kälte, von der er nicht wusste, ob sie aus banger Ungewissheit spross oder aus der Tatsache, dass die Esse immer noch dunkel war. Was er aber wusste, war dies: Er wollte bleiben, hier in Braunschweig, bei seinem Lehrer Heinrich Lampadius, und bei seinen Sternen.

Gewiss, die sieben freien Künste waren so gestellt, dass deren letzte, zum Quadrivium gehörend, die Astronomie betraf, aber was sollte er mit der Theologie als Brotberuf? Prediger, nun ja, aber das hier lief doch wohl auf ein Pastorenamt hinaus. David war unsicher, ob er dies anstreben sollte. »Ich habe nicht das Geld, um in Helmstedt zu studieren, Ordinarius«, war alles, das ihm einfiel, womöglich in vager Hoffnung, die Dinge noch zu wenden, doch das focht den Alten nicht an.

»Das Geld für dein erstes Jahr kommt von mir. Dein Vater ist darüber bereits belehrt. Und hat seinen Segen gegeben!«, sagte Heinrich Lampe genüsslich, zwinkerte ihm zu und tat etwas verschwörerisch, ganz so, als wollte er sich mit dem Jungen zu gemeinsamer Kabale verabreden.

»Aber dann die Theologie …!«, wagte der junge Jansen zaghaft einzuwenden, ehe Lampe ihm ins Wort fiel.

»Ein gottgefälliges Werk, das seinen Mann nährt und gerade jetzt mehr nottut als je. Ich bin Prediger und habe Muße für die Astronomie, und das wirst du auch.« Dann hob er mahnend den Zeigefinger. »Aber vergiss es nicht und denke stets daran, David Jansen: Über den Sternen ist Gott!« Und fügte für den jungen David recht kryptisch noch hinzu: »Die Astronomie ist mehr als ein gottgefälliger Blick auf die Schönheit der Sterne. Sie zwingt dich, zu forschen. So birgt sie Mühsal und oft auch Verdruss. Doch merke dir: Du wirst keinen Stein bewegen, wenn dir die Bereitschaft fehlt, ganze Mauern einzureißen!«

1 Astronomisches Scheibeninstrument zur Messung der Winkelhöhe von Sternen über dem Horizont. Vorläufer des Sextanten.

2 Wie 1), aber Form wie ein Globus. Dient auch zur Darstellung der Planetenbahnen.

3 Messlineal auf einem Astrolabium

4 Rückseite eines Astrolabiums, enthält Peilvorrichtung zur Ermittlung von Höhenwinkeln.

5 Instrument zur Messung von Winkeln und Strecken in der Seefahrt, der Landvermessung und der Astronomie. In der Nautik ein Vorläufer des Sextanten.

– Eintrag in das Tagebuch des David Jansen –

20. Januar 1583

Nun seit einer Woche in Helmstedt an der Universität. Mein Rektor ist um ein halbes Jahr jünger als ich, es ist der Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, aber er war schon Rektor mit zwölf Jahren, weil es sein Vater so wollte und verfügte, also mag er es heute durch diese Protektion sein und nicht durch Leistung. Er gilt aber trotzdem als ein gebildeter Fürst. Man sieht ihn des Morgens auf seinem Zelter auf den Campus reiten, gänzlich unbewacht, nur ein Bursche ist bei ihm, der ihm danach das Pferd abnimmt, und wüsste man es nicht besser, so könnte man ihn wohl für einen reichen Studiosus halten. Er geht ohne Verzug in seine Räume und vergräbt sich, dem Vernehmen nach, in kostbare Folianten. Wir Studenten treffen ihn kaum, man sagt aber, dass er gelegentlich in die Vorlesung kommt. Doch nur, um selbst noch zu hören.Das Trivium hat mit dem Studium von Grammatik, Rhetorik und Dialektik stürmisch begonnen. Alle Fächer werden jeden Tag gegeben. Man muss sich schon strecken. Es ist gleichwohl nur die Vorbereitung für Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, die man hören muss, um sich schließlich dem Wort Gottes zu widmen. Gebe der Herr, dass meine Kräfte hinlangen, die Theologie zu betreiben, ohne darin zu versinken.

Der Ordinarius für Astronomie wurde heute vorgestellt. Es ist ein gewisser Professor Johannes Decibelius. Er ist noch jung und hat die Augen eines hungrigen Wolfes. Davon verspricht man sich einiges.

Das Wetter trocken und klar, aber selbst für einen Januar menschenfeindlich kalt. Ich glaube wahrhaftig, wir erleben eine Art von Eiszeit.

3.

Aus dem Starken kommt das Süße (Ex Forti Dulcedo)6

Helmstedt, im November 1583

An die neue Art der Anrede musste sich der junge Student noch gewöhnen. Sein Ordinarius Heinrich Lampe war kein Freund von Förmlichkeiten gewesen, und hatte ihn in Braunschweig stets in vertraulichem Du nur David oder Jansen genannt. Hatte auch schon einmal in wohlwollendem Spott gefragt: »Was sagt denn wohl hierzu mein friesischer Genius?«, oder: »Wie denkt unser Davidus Magnus dar­über?«, und die anderen hatten gelacht, wenn auch einige recht gezwungen. Hier war er nun Studiosus, hatte sich als David Faber Esensis in die Matrikel eingeschrieben, und ohne ernstliche Gegenwehr zugelassen, dass seine Mitbrüder in der Fakultät daraus David Fabricius machten. Was zunächst wohl eher als Studentenulk daherkam, war nun ein Faktum. Und doch war ihm immer noch so, als sei nicht er gemeint, sondern jemand anderer.

Friedrich von Spee hier neben ihm hatte es da leichter. Der fünfte Sohn einer rheinischen Adelsfamilie hatte keine Aussicht auf den Grafenhut seines Vaters, also wurde er Geistlicher, und es sollte wohl mit dem Teufel zugehen, wenn dabei nicht die Bischofswürde heraussprang. Man sah Spee an, dass er fest mit derlei rechnete. Er war seiner selbst sehr sicher, sah gut aus, roch gut nach seiner teuren Seife, und wenn er nur mit Herr von Spee angesprochen wurde, weil ihm der Grafentitel nicht zustand, dann zeigten sich schnell steile Falten des Unmuts auf seiner Stirn.

Aber Spee hatte auch seine guten Seiten. Er besaß eine teure Tischuhr, konnte trefflich davon erzählen und zeigte gern deren kostbare Teile, das Werk mit seiner Spindelhemmung, der lebhaften Radunruh, dem Federhaus mit der Kraftübertragung über Darmsaiten und Schnecken, den Rädern aus feuervergoldetem Messing. Sie hatte sogar ein recht seltenes Viertelstundenschlagwerk, schlug natürlich die vollen Stunden und Friedrich machte sich gelegentlich selbst eine Freude damit, den Kommilitonen dieses Wunderwerk vorzuführen. In der Schweiz, so hatte er erst neulich berichtet, gebe es derzeit Versuche, die Minute in weitere sechzig Teile zu gliedern und zu messen, ein gewisser Jost Bürgi forsche daran. Er nenne die neue Einheit Sekunde nach dem lateinischen pars minuta secunda, denn es handele sich hierbei, nach der Minute, ja um die zweite Teilung der Stunde in ein kleineres Zeitmaß.

Bei den meisten Studenten rief diese Nachricht ungläubiges Staunen hervor, manche zweifelten sie offen an, denn allgemein wurde der von Spee für einen reichen, wenn auch intelligenten Aufschneider gehalten. Der Adelige studierte ebenfalls Astronomie, hantierte sicher mit allen Geräten, er gehörte zu den Besten der Fakultät, aber seine Bestimmung war die Bischofsrobe, der Purpur des Kirchenfürsten. Er wurde nicht müde, darauf seine Hinweise zu machen. »In der lutherischen Kirche gibt es keine papistischen Fürsten, das merke dir!«, wurde ihm dann entgegengehalten, auch von David. »Du wirst niemals in Purpur leuchten!«

»Ein Fürstbischof ist ein regierender Graf, und der wirst du ja wohl nicht sein!«, sagte Fabricius einmal und schämte sich sogleich dafür, denn er war verärgert und sprach in verletzender Absicht.

Doch der von Spee setzte dann stets ein wissendes Lächeln auf, wie ein Magister, der seinen Studenten eine erste Extemporale aufträgt. Er hatte natürlich die Wahrheit im Rücken und seine Fakten im Kopf. In diesen Augenblicken erschien er den anderen kalt und dünkelhaft, sie begriffen nicht recht, warum er Theologie hörte. »Seht euch um, ihr Narren, denen es beliebt, mich falsch zu verstehen. Ich rede nicht von katholischem Karmin. Fürsten, die für ihr Land das Bekenntnis Martin Luthers als Religion durchsetzen, fungieren dort zugleich als Bischöfe, das wisst ihr so gut wie ich. Nun, diese Regel wird keinen Bestand haben. Es werden Zeiten kommen, da auch wir, die Lutherischen in Deutschland, unsere Bischöfe haben werden. Und einer davon werde ich sein, Friedrich von Spee!« Er sah danach stets sehr zufrieden aus und allen war klar: Es war nicht die Erfüllung als Seelsorger, die den Grafensohn trieb. Der von Spee wollte Herr und Fürst sein. Und da er es als Graf nicht sein konnte, wollte er es nun eben als Kleriker.

»Du träumst!«, rief dann gelegentlich einer von hinten, gedeckt durch die breiten Rücken seiner Kameraden, oder: »Gib’s auf, Spee, denn du verrennst dich!«, aber hierauf konnte der Grafensohn vom Rhein recht heftig werden.

»Es gibt bereits seit nahezu fünfzig Jahren bei den Schweden und in Dänemark lutherische Bischöfe, die keine Landesherren sind. Denkt auch an Jan Blahoslav, den Böhmen!«

Und noch etwas nährte in David üblen Verdacht: Der Spee sprach häufig und voller Bewunderung von den Fürstbischöfen der anglikanischen Kirche. Besonders Thomas Wolsey, der unter Heinrich VIII. Lordkardinal gewesen war, hatte es ihm angetan. Unangefochten Primas der anglikanischen Kirche, Herrscher unter den Erzbischöfen, Bischöfen und Äbten, zeitweise, so glaubte zumindest das Volk, der mächtigste Mann im Reich. Und des Königs treuer, unerbittlicher Vollstrecker der Säkularisierung. Ein Purpurträger reinsten Wassers! Dann leuchteten die Augen des Grafensohns und sein Hals konnte sich im Eifer röten. Speisten sich hiervon seine geheimsten Wünsche? Eine Kirche, nicht ganz lutherisch, aber frei von Rom, ohne auf seinen Glanz zu verzichten? Und er, Friedrich von Spee, als deutscher Lordbischof, nahezu omnipotent und mit jenen Ehren überhäuft, nach denen er sich so offenkundig sehnte? Asche. Asche und Steine für die Christenheit, der Himmel bewahre uns! Spee redete sich in einen rechten Rausch, und niemand konnte ihn halten.

Auch David nicht, der ihn an bestimmte Dinge erinnerte:»Wolsey wurde von seinem König des Hochverrats angeklagt. Er verlor seine Ämter und Besitztümer. Nur sein früherer Tod konnte ihn davor bewahren, seinen Kopf zu verlieren!«

»Er hat in Heinrichs Ehesache ungeschickt taktiert, zwischen Kaiser und Papst wie ein Rohr im Wind geschwankt, man hätte es besser machen können«, sagte darauf der von Spee und David begriff, dass er nichts erreicht hatte, die Diskussionen führten zu keinem Ende. Sie ließen dann fast erschöpft voneinander ab, wie eine Hundemeute, die sich müde getobt hatte.

»Wann bist du geboren, Fabricius?«, fragte Spee jetzt. »Sage mir nur den Tag und die Zeit, und ich nenne dir deinen Geburtsort!«

David sah auf die Tischuhr, legte das Schreibrohr ab und fuhr sich über das Gesicht. An seinen Fingern klebte die Tinte in großen Flecken. Er kannte dieses Spiel, er war nicht schlechter als der Spee. »Am neunten März. Die Uhr zeigte vier Stunden und neunundfünfzig Minuten nach der Mitternacht.« Er wusste die Zeit von seinem Vater, denn der war Schmied und nicht arm, er hatte eine Uhr in der Stube, wenn auch keine so schöne, kostbare wie der von Spee.

Der Rheinländer kramte in Listen und Tabellen, murmelte Zahlen, und nach einer Weile richtete er sich auf. »Polaris steht in Helmstedt in einem Winkel von 52 Grad und 13 Minuten über dem Nordpol. Geben wir ein Grad und einige Minuten nördlicher Breite hinzu, da du ein Fischkopf bist«, schmunzelte Spee und fuhr über seine Stirn, so, als müsse er sich nach harter Arbeit den Schweiß wischen. »Also, sagen wir 53 Grad und 20 Minuten.« Er übertrug die Position auf eine Karte und schloss mit einem breiten Grinsen: »Es muss irgendein Kaff an der Küste sein!«

»Esens«, sagte David, und: »Ich bin von Euren Künsten nicht beeindruckt.« Er wählte die förmliche Anrede mit Bedacht, wenn auch nur vorübergehend. »Und rede mir nicht von Höhen des Polarsterns über dem mathematischen Horizont noch von ihrer Korrelation zum Beobachtungsort, denn darauf verstehe ich mich selbst. Es sind im Übrigen 53 Grad und 38 Minuten!«

Doch der von Spee lachte nur.

Sie stritten häufig, jawohl, und oft über die Frage, welche Dinge die Welt in ihrem Inneren zusammenhalten. Für Spee war es das Geld, als Beweis führte er den Fugger an, der weiland in Augsburg sogar einen Kaiser gekauft hatte. Für nahezu fünfhundertfünfzigtausend Gulden. Spee kannte sogar die genaue Summe: »Es waren 543.589 Gulden, allein von dem Fugger. In Summa 852.589 Gulden und 56 Kreuzer!«

Seine Augen leuchteten, so fand David, für einen künftigen Mann der Kirche unangemessen hell, als er die Zahl nannte. Jedenfalls, es war ungeheuer viel Geld. Verteilt an die sieben Kurfürsten des Reiches, damit sie den König von Spanien als V. Karl zum deutschen Kaiser wählten. So einfach. Und sie nahmen, ohne zu erröten. Allein der Pfälzer sollte gut hundertzwanzigtausend Gulden eingestrichen haben. Dabei war sogar Papst Leo X. gegen Karl gewesen und hatte seinen Freund Franz, den Franzosenkönig, bevorzugt. Und dennoch hatte des Fuggers Geld den Ausschlag gegeben. Natürlich kannte David die Geschichte, und sie war ihm widerwärtig, aber er stritt mit dem Grafensohn vom Rhein darüber, und der rieb sich gerne an ihm.

Der Disput hatte sich wie folgt zugetragen. David sagte: »Es gab gute Gründe für Karl, denn der war Habsburger und damit Deutscher. Was sollten wir wohl mit einem Franzosen als Kaiser?«

Der Spee antwortete: »Karl war Habsburger, das ja, aber er war nie in Deutschland und konnte kein Wort unserer Sprache. Er ist in Gent geboren und aufgewachsen, seine Muttersprache war das Französische.«

Darauf David: »Es ist unwahr, dass er kein Deutsch konnte. Von ihm selbst stammt nämlich der Satz: ›Ich spreche Spanisch zu Gott, Italienisch zu den Frauen, Französisch zu den Männern und Deutsch zu meinem Pferd.‹«

Hierauf der Spee: »Also gut, Deutsch wenigstens mit seinem Pferd. Großartig! Der Papst hat aber Karl abgelehnt, weil Franz ihm der bessere Mann schien, um den Protestantismus zu besiegen!«

Dann David: »Der Papst hat Karl abgelehnt, weil der zugleich König von Neapel war. Leo fürchtete um seine Macht in Italien!« David wusste das alles ganz genau, denn sein Magister in Braunschweig, Heinrich Lampe, hatte es ihm berichtet.

Doch der Spee gab nicht nach, er verteidigte die Position des Pontifex mit einer Leidenschaft, die ebenso auffällig war wie sein verräterischer Satz über den Kampf gegen das Lutherische. Und dann spürte der junge Ostfriese: Der Grafensohn war im Grunde seines Herzens ein Papist. Wie in so vielen Fällen, in denen adelige Söhne ihre Väter nicht beerben konnten, vielleicht auch nur aus Machtkalkül oder zur Absicherung, war der junge Mann Protestant geworden, womöglich auf Weisung oder Rat seines Vaters als Einziger in der Familie, um so seinen Weg zu machen.

Am Ende sagte David Fabricius: »Wir reden über den Kauf hoher Fürsten gegen Gold, also von einer längst versunkenen Zeit. Heute wäre derlei nicht mehr möglich, denn Martin Luther hat auch Reinheit in die Welt gebracht. Und da du den Fugger so lobst: Hat dieser Kaufherr nicht für den Papst den Ablasshandel organisiert, damit der seinen Tempel auf dem Petersberg bauen kann? Was findest du an ihm so erbaulich?«

Darauf sah ihn Spee kopfschüttelnd an. »Höre gut zu! Weder lobe ich ihn, noch finde ich ihn erbaulich. Ich benenne nur die Fakten. Und was das andere betrifft: Der Herr erhalte dir deine unbekümmerte Einfalt!«

So war der Spee, ein Mann voller Widersprüche, klug und arrogant, dünkelhaft und amüsant, fesselnd und abstoßend.

Jetzt hob er den Kopf und ließ seinen Blick durch den Studier­saal wandern. Es waren nur noch wenige Kommilitonen anwesend, die meisten hatten ihre Plätze geräumt, denn es ging auf die Vesper. Vorn am Katheder stand ihr Magister für Astronomie, Johannes Decibelius, schon seit langem im tiefen Gespräch mit Franziskus Schmidbauer, dem Rektor der theologischen Fakultät, zugleich ihr Ordinarius für das Fach. Die beiden Professoren hatten soeben eine gemeinsame Vorlesung gehalten, ein neues Modell, einzigartig in Deutschland, und für die jungen Studenten atemberaubend. In einem eleganten und furiosen Wechselspiel hatten sie sich Stichworte zugeworfen wie Bälle, hatte einer dem anderen den Anknüpfungspunkt für sein Thema geliefert, um genau so zu enden, dass der jeweils folgende ohne Bruch mit seiner Sache fortsetzen konnte. Und das alles, um den Beweis zu führen, dass die Astronomie, ebenso wie vice versa, des Glaubens bedürfe.

Es hatte die Studenten zwischendurch zu Beifallsstürmen hingerissen, sie waren aufgesprungen, für die ehrwürdige Universität zu Helmstedt durchaus unüblich, und hatten »Bravo« gerufen, einige sogar unpassend »Vivat, cresceat, floreat«, was eigentlich ein Trinkspruch ist.

Die Unruhe hatte schließlich den jungen Rektor der Anstalt, Herzog Heinrich Julius, angelockt, er wollte wohl sehen, was es da zu rufen gäbe, und hatte sich dann von der Begeisterung anstecken lassen und mit roten Wangen laut applaudiert. Und die beiden Lehrer hatten freundlich gelächelt.

Ihre stimmige Zweisamkeit im Vortrag, die Harmonie des gemeinsamen Wirkens war ohne Zuneigung nicht möglich, und doch wusste man, dass sie Feinde waren. Denn bei einer Vorlesung des Theologen über die Gefahren der Gegen­reformation hatte der Astronom, der im Auditorium hockte, das Wort ergriffen, war aufgestanden und hatte in einem scharfen Vortrag für die sofortige Wiedervereinigung der Kirche plädiert. »Das Schisma ist des Teufels und es nützt nur ihm!«, hatte Decibelius gedonnert und seine hungrigen Wolfsaugen hatten vor Zorn geleuchtet.

Dem hatte der Schmidbauer, wie es seine Art war, mit sanfter aber fester Stimme widersprochen: »Solange der Papst und die Katholischen sich nicht läutern, sehe ich kein Auskommen mit uns!«

Der darauf folgende Disput wurde in kalter Härte geführt, so gnadenlos unversöhnlich, wie sich heute die beiden Lager gegenüberstanden. Und sonderbar, es war der Kleriker, der die Kirchenspaltung guthieß und der Astronom war es, der gegen sie stritt. Die Studenten lauschten still, mit klopfendem Herzen, und schnell war jedem klar, dass der Schmidbauer und der Decibelius keine Freunde waren, keine Freunde sein konnten.

»Bist du denn noch lutherisch, Decibelius?«, hatte endlich der Theologe den anderen leise gefragt, und der hatte ihn fest angesehen.

»Ja, ich bin lutherisch. Wäre ich sonst hier, an dieser Anstalt? Aber du musst eines begreifen, Schmidbauer: Es frommt weder dir noch mir, dass wir es sind, während ein größerer Teil der Kirche päpstlich ist. Die Trennung muss ein Ende haben!«

So war es gewesen, Decibelius hatte es dem anderen hingeworfen wie eine Last, die er nicht mehr tragen wollte, und das Auditorium verlassen in einem Schritt, als sei er auf der Flucht. Es wurde berichtet, man habe die beiden später in einer Schenke der Stadt beobachtet, sie hätten beim Dunkel­bier gehockt und sich nur in die Augen gesehen, ohne zu reden. Aber immerhin tranken sie noch miteinander.

Die beiden Professoren beendeten ihr Gespräch und sahen jetzt herüber. Und wie sie da nebeneinander standen, in traulicher Nähe und doch durch kleine Ewigkeiten, fassbare Äonen getrennt, kamen sie David vor wie er selbst und der Spee, dessen Schulter er spürte, und der ihm doch so fremd war, ein Grafensohn vom Rhein, mit dem er kaum mehr gemein hatte als mit einem der Indier, die der Genuese Columbus vor einundneunzig Jahren entdeckt hatte. Oder entdeckt haben wollte.

»Ah, unsere beiden Primusse!«, rief Professor Decibelius mit breitem Schmunzeln. Es war dies typisch für ihn, den Mann klarer Worte, eine Formulierung wie »unsere primi inter pari« wäre ihm kaum über die Lippen gekommen. Selbst bei seinen Vorlesungen pflegte er einen dürren Ausdruck, hielt seine Studenten zu Gleichem an, und wenn einer schraubte und drechselte, dann konnte es geschehen, dass Decibelius ihn anblaffte: »Schone mich, Schachtelhalm!« oder: »Du hältst keine Osterpredigt!«

Auch Schmidbauer trat näher und lächelte. Er hatte sich zunächst reserviert gezeigt, es behagte ihm wohl nicht, dass ihm Magister Heinrich Lampadius seinerzeit das Zugeständnis des gleichzeitigen Studiums der Philosophie und der Theologie für den jungen Ostfriesen abgerungen hatte. Es hatte schon alles seine wohlgefügte Ordnung mit den Studien, und wo kommen wir da hin, wenn davon Ausnahmen gemacht werden, und seien sie auch noch so gut begründet? Doch er war dem Lampe verpflichtet, und so hatte er schließlich, durchaus nicht leichten Herzens, eingewilligt.

Aber sehr bald hatte Schmidbauer dann bemerkt, was in David Fabricius steckte: ein hungriger Geist auf der gierigen Suche nach Nahrung. Ein ruheloser Wolf, der seine Zähne in alles schlug, was gelesen und gelernt werden konnte. Mit beeindruckender Leichtigkeit hatte sich der Student die lutherische Messordnung angeeignet, er ging sicher durch Agende und Kasualien der Liturgie, beherrschte deren feststehende und wechselnde Stücke, spielte fast mit Ordinarium und Proprium, kurz, er war schon nach wenigen Monaten ein überzeugender Liturg. Ohne Mühe hatte er Messen in der Kapelle der Hochschule gelesen und seine zur Probe gehaltene Predigt in der Kirche St. Stephani war kraftvoll und bündig gewesen.

Es war dies übrigens eine Auszeichnung, denn nur wenige Studiosi durften dort predigen. Immerhin war St. Stephani die Kirche, in der am 15. Oktober anno 1576 der Gründungs­gottesdienst der Universität gefeiert worden war. Der alte Herzog Julius hatte anno 1568, als er die Herrschaft antrat, im gesamten Braunschweiger Land die Reformation eingeführt, war aber im Grunde seines Herzens noch immer ein katholischer Formalist und achtete pedantisch darauf, dass die Vorgaben der Messordnung eingehalten wurden. Er zog sogar zum Gottesdienst eine weiße Seidenschnur aus dem Hosensack und knotete sie nach den Teilen im Ablauf, ein Knoten für das Orgelvorspiel, einen für das Confiteor, einen für den Introitus und so fort, und war erst zufrieden, wenn am Ende der Messe seine Knoten stimmten. Predigen durften in St. Stephani nur die Besten der Fakultät, und dazu gehörten David und natürlich der von Spee.

Jetzt waren die beiden Professoren heran, standen fast Schulter an Schulter, sie wirkten wie Brüder und waren doch keine. »Unsere Primusse! Ja, in der Tat, dieses Bild trifft. Ebenso wie Jupiter strahlt und Gregors Kalender überflüssig ist«, sagte Magister Franziskus Schmidbauer mit leichter Ironie in der Stimme.

Decibelius’ Lächeln gefror auf der Stelle. »Was stört dich am gregorianischen Kalender, außer dass ihn ein Papst ersonnen hat?«, fragte der Astronom in spitzem Ton.

Der Kleriker blieb ruhig. »Nicht er hat ihn erdacht, sondern der Mathematiker Christoph Clavius, ein deutscher Jesuit.«

»Ich meine, ersonnen im Sinne der Initiative!«, sagte Decibelius schnell.

»Ich weiß, was du meinst!«, gab der andere zurück.

Es wusste jeder, dass der Schmidbauer eigentlich auch im Unrecht war. Nicht der Jesuit Clavius hatte den Kalender gemacht, sondern eine Reformkommission des Vatikans unter der Führung von Kardinal Guglielmo Sirleto. Der Jesuit war Ordinarius am Collegio Romano und vom Papst nur mit der mathematischen Ausarbeitung beauftragt worden. Aber es gefiel dem Magister Schmidbauer wohl, die Sache so darzustellen, dass die Katholischen schlecht wegkamen. Dazu war ein Jesuit allemal geeignet.

Decibelius ließ seinen Blick durch den jetzt fast leeren Saal wandern. Nur noch wenige Studiosi waren dort, sie strebten hungrig dem Ausgang zu. Als der Astronom wieder sprach, war seine Stimme versöhnlich. »Wie auch immer, jedenfalls war seine Einführung notwendig, denn der Kalender Julius Cäsars war offenkundig zu ungenau.«

Schmidbauer wiegte zwar bedenklich den Kopf, blieb aber freundlich und es schien, als wollte auch er vor den Studenten keinen offenen Streit. Und doch ließen seine Worte das Gegenteil vermuten. »War sie notwendige Korrektur oder Ausdruck päpstlicher Machtwillkür in weltlichen Dingen, das ist doch die Frage!«, sagte der Theologe spröde, und man wusste, worauf er anspielte. Denn Papst Gregor XIII. hatte anno 1582 verfügt, dass auf Donnerstag, den 4. Oktober, unverzüglich Freitag, der 15. Oktober zu folgen hätte. Die fehlenden zehn Tage sollten für den notwendigen Ausgleich im Kalender sorgen.

Nun meldete sich der Spee zu Wort. Er sprach selbstsicher, fast in belehrendem Ton. »Sie muss wohl nötig gewesen sein, denn der Julianische Kalender war, gemessen am Sonnenjahr, zu lang.« Warf dem Decibelius einen raschen Blick zu, ganz so, als wollte er sage, höre gut her, ich habe meine Lektion gelernt! Dann fuhr er fort: »Somit schob sich das astronomische Frühjahrs-Äquinoktium, bezogen auf den Kalender, immer mehr zurück. Letztes Jahr, anno zweiundachtzig, war es schon der 11. März. Ohne eine Korrektur feierten wir das Osterfest schon bald im tiefsten Winter!«