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Emden an der Wende zum 13. Jahrhundert. Der Tuchhändler Wibolt Flaskoper gerät unverschuldet in existenzielle Not. Fehler hat er nicht gemacht, aber in seinem Gewerbe wenden sich die Dinge gegen ihn. Gewinne bleiben aus oder werden durch Kosten verschlungen. Sein kaufmännischer Niedergang verschärft sich durch seine politischen Pläne in Emden. Er will dort Bürgermeister werden, doch das kann er nur als solventer Handelsherr. Als die Lage aussichtslos erscheint, bietet sich über einen Kontakt zu Fernhändlern plötzlich die Möglichkeit zur Rettung - über ein einziges großes Geschäft. Zu dumm, dass es nicht sauber ist…!
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Seitenzahl: 644
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Lothar Englert
Friesisch Blau
Historischer Roman
Lothar Englert ist in Brühl/Köln geboren und lebt in Aurich/Ostfriesland. Er war Berufsoffizier, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Neben Satiren, Gesellschafts- und Kriminalromanen hat er vor allem historische Romane veröffentlicht. Besondere Beachtung fand seine dreibändige Ostfriesland-Saga, deren erster Band auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2013 im Leda-Verlag)
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © Comfreak / pixabay.com
ISBN 978-3-8392-6432-4
Für meine Frau Therese und die Bürger von Emden
Aber von allen Gütern, die ein Kaufherr behüten muss, ist seine Ehre das wichtigste.
Der Stalhof1 in London, August 1198
Von der Themse her kam ein übler Geruch durch das geöffnete Fenster, es war die übliche Mischung aus faulem Fisch, Hausabfällen und Fäkalien, London machte da keinen Unterschied zu Hamburg oder Bremen. Auch die Flügel stadteinwärts standen offen, und von Tyborn gallows brandete plötzlich stürmischer Jubel herüber. Es war Hinrichtungstag. Den Altermann2 des Stalhofs schien das alles nicht zu berühren. Er winkte seinem Sekretär mit dem Zeigefinger, ließ sich ein Papier reichen, warf einen flüchtigen Blick darauf und sah den Emder mit kalten Augen an. »Ihr hört, das Tuch hat seinen Preis. Es kostet, was es kostet. Wir können wegen Euch keine Ausnahme machen.«
Wibolt Flaskoper hielt dem Blick des anderen stand. Der Mann stammte aus Köln und hieß Herbord Ruwe, sonst wusste Flaskoper nichts über ihn. Der Vorsteher des Stalhofes war gut behütet, er trat nur bei offiziellen Anlässen auf. Die Gilde der Großkaufleute ließ kaum jemanden an ihn heran, schon gar keinen Fremden. Für alle Fälle stand ein bewaffneter Kontordiener neben der Tür, er trug einen Stabdolch mit einer wuchtigen Klinge.
»Der Preis ist über die Jahre ständig gestiegen. Selbst Anno 96 und 97, als der Markt mit Wolle förmlich überflutet war.« Wibolt sprach ruhig, denn ein unbeherrschter Kaufherr schadet nicht nur seinem Ruf, sondern auch seinem Geschäft. »Und jetzt soll er wieder höher liegen. Um fünf Teile von hundert!«
Im Blick des Altermanns stand nun kühler Spott. Sein Gesicht blieb starr, aber die Augen sprachen Bände. Was will denn dieser kleine Lumpenhändler? Weiß er nicht, mit wem er spricht? London ist Stapelplatz. Hier werden die Waren der vereinigten Bruderschaften der Städte umgeschlagen. Gesammelt, was aus England auf das Festland geht und umgekehrt. Kaufen kann er bei einem unserer Händler am Hof. Aus den Mengen, die noch keine Abnehmer haben. Zu den festgesetzten Preisen. Oder er kann es lassen. So einfach. Ruwe legte seine gepflegten Hände behutsam auf die Brokatweste. Die Geste hatte etwas Betuliches, und zugleich verströmte sie spröde Arroganz. »Ihr sagt, dass der Markt mit Wolle gesättigt war? Wie kann er das, wenn die Preise steigen?«
Der Ton des anderen trieb dem Emder die Zornröte in den Hals. Es war die übliche blasierte Art der Gildekaufleute gegenüber einem kleinen Händler. Hier sprach der Sehende zum Blinden. Ein Wissender mit einem Ahnungslosen. Ihr wollt mich lehren, wie der Handel geht? Was untersteht Ihr Euch?
Dann schwieg Ruwe. Wahrscheinlich war ihm sein Atem zu kostbar. Verschwendet an diesen nachrangigen Krämer, der sich glücklich schätzen durfte, des Altermanns vom Londoner Gildehof überhaupt ansichtig zu werden. Den man nur vorließ, weil er rüpelhaft darauf bestanden hatte, wie ein Straßenköter, dessen Gekläffe man endlich nachgibt, um seine Ruhe zu haben. Ruwe bewegte sacht die Hände auf dem Wams, strich beinahe zärtlich über den kostbaren Stoff, und die Ringe an Finger und Daumen glitzerten. Dieser Kontakt, das Befühlen der teuren Seide, schien ihm nicht nur Genuss zu bereiten, er war, das wurde deutlich, als Beschäftigung jedenfalls erbaulicher als solch ein Gespräch.
Auch Wibolt blieb stumm. Das Gebrüll von der Hinrichtungsstätte flaute ab, flackerte dann erneut auf und trieb auf eine bis dahin nicht erreichte Höhe. Es musste wohl besonders spektakulär zugehen. Oder besonders grausam. Jedenfalls schienen die Leute ihren Spaß zu haben. Pöbel. Gesocks. Das Gesindel aus den Vorstädten, wie immer, wie überall. Wibolt fühlte sich angewidert, nicht nur von der Hoffart Ruwes.
Der Emder hegte schon lange den Verdacht, dass die großen Gilden nach Marktlage in den Warenverkehr eingriffen und künstliche Verknappungen herbeiführten, um die Preise hoch zu halten. Wie in den beiden letzten Jahren, als es plötzlich zu viel Wolle gab. Das Wetter war gut gewesen, die Herden waren gewachsen und mit ihnen der Ertrag. Augenblicklich waren die Preise gefallen, so rasant, dass man sogar in Ostfriesland davon sprach. Wibolt hatte sich eilends nach England aufgemacht, um seinen Teil des Segens zu ergattern. Er würde große Mengen Tuch kaufen, so war sein Plan, und es zu Hause in Emden fein säuberlich in den Speicher legen, bis die Preise wieder stiegen. Aber dann gab es böse Gerüchte, schon auf der Überfahrt, und als der Emder in London eintraf, hatte sich die Lage völlig verändert. Der Markt war normal reguliert, gutes Tuch hatte den üblichen Preis und nur Ausschuss war billig zu haben, so wie sonst. Bei der Landung in Dover kam von Nordosten ein seltsamer stechender Geruch, er wurde aus Suffolk herübergeblasen, es stank nach verschmortem Horn und irgendwann dämmerte es auch dem Letzten, dass hier immer noch Wolle verbrannt wurde.
Später hörte er in den Schenken, die großen Gilden und Bruderschaften steckten dahinter, die mächtigen Verbände der Fernhändler und Großkaufleute; die frühe Hanse. Man habe die Schäfer und Zulieferer unter Druck gesetzt, bestochen, bedroht und mit Geld gebändigt. »Und das rechnet sich?«, hatte er zweifelnd einen befreundeten Viehhändler gefragt, und der hatte ihn angesehen wie ein König seinen Narren. »Was denkst du wohl? Das Geld für die Schäfer und Wollhändler ist ein Almosen im Vergleich zu dem, was die großen Gilden am Ende einstreichen werden.«
Wibolt war nicht bereit, für geringer zu gelten, nur weil er mit kleineren Mengen handelte als der Mann, der ihm nun hier gegenübersaß, affektiert und mit dem Habitus eines Künstlers, der weiß, dass er seine Zeit an einen Ignoranten verschwendet. »Ihr irrt, oder Ihr wollt mich foppen«, sagte er frostig. »Auch wenn ein ostfriesischer Händler weniger Ringe trägt als Ihr, weniger Speicherraum braucht und besitzt, weniger Umschlag macht und weniger Gewinn, er versteht sein Geschäft nicht schlechter als Ihr, das wisset!«
Der Altermann hob den Kopf. Der Ausdruck von Spott in seinen Augen hatte sich sogar noch vertieft. Aber da war auch ein zorniges Funkeln, als wollte er sagen, hütet Euch, meine Geduld kommt an ihr Ende. Und dann sagte Herbord Ruwe die beiden Sätze, die er wohl besser im Gehege seiner Zähne gehalten hätte. »Eurem Namen nach haben Eure Vorfahren mit Flachs gehandelt. Vielleicht solltet Ihr Euch diesem Geschäft wieder zuwenden, es ist weniger schwierig als der Wollhandel.«
Es war ein ungeheurer Vorgang. Trotz des Gefälles zwischen ihnen sprachen sie unter Kaufleuten, von gleich zu gleich, und hier bezweifelte einer die Fähigkeiten des anderen. Der Emder atmete scharf ein, und in dieses Geräusch hinein fiel das mühsam unterdrückte Kichern des Sekretärs. Grußlos wendete sich Wibolt ab und verließ den Raum. Sein Zorn loderte so hell, dass er selbst zu leuchten schien. Den Stabdolchträger an der Tür stieß er rüde zu Seite.
Und dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Er kaufte Tuch nur, um nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen, die Menge war deutlich geringer als erwartet. Am letzten Abend in seiner Herbergsschänke sah man ihn tief in Gedanken. Er trank wenig und die Schüssel mit Lauch und Fleisch blieb beinahe unberührt. Wibolt hatte keinen Hunger und er hatte es satt. Satt, von den großen Gilden gegängelt zu werden. Satt, ungerechte Preise zu bezahlen. Satt, sich von blasierten Zunftmeistern belehren zu lassen. Satt, im großen Spiel des Marktes hin und her geworfen zu werden wie ein Stückchen Holz. Davon musste er sich befreien. Nicht nur als Emder Kaufmann, sondern auch als Rat in jener Stadt. Er grübelte und sinnierte. Wenn er das alles loswurde, abwarf, hinter sich ließ, dann konnte er nicht nur als Händler wachsen, sondern auch an die Spitze des Magistrats. Sein Entschluss stand fest, noch bevor er in den Bettkasten kroch.
Schon auf dem Schiff schmiedete er Pläne. Natürlich würde er Geld brauchen. Viel Geld! Aber das würde er bekommen, er war ein angesehener Händler, Mitglied des Emder Rates, und er war solvent. Und dann würde der Handel in Schwung kommen. Gewinnträchtig. Aussichtsreich. Mit zwingendem Erfolg. Ohne das Kartell der Gilden. Unbehelligt vom Diktat der großen Bruderschaften. Er war sehr optimistisch, als die Kogge in den Hafen einlief. Die Sonne schien über Emden, sie brach sich golden auf dem Rathausdach, und das schien Wibolt Flaskoper ein gutes Omen.
1 Seit etwa 1000 n.Ch. deutscher Handelshof, von Kölner Kaufleuten gegründet
2 Vorsteher eines Handelshofes
Es soll niemand an dem Ort, an dem Handel getrieben wird, weder innen noch außerhalb des Hofes, Waffen tragen.
Aus der Nowgoroder Schra3
Emden, Ende März 1199
Wibolt Flaskoper war schon für den Magistrat gekleidet, als die Hausmagd den Fremden meldete. Er war ungehalten über die Störung, aber die Frau sagte, der Reiter lasse sich nicht abweisen, und die Sache sei wohl dringend. Wibolt verließ seine Schlafkammer und ging durch den Wohntrakt nach unten. Es war noch früh, eine milde Frühlingssonne stand über der Baustelle an der Kirche. Er sah die Helfer der Zimmerleute an den Gerüsten turnen und hörte das Klingeln der Steinmetze. In der Stube kicherten die Wäschefrauen. Es war ein schöner Morgen und Flaskoper freute sich auf den Magistrat. Heute würde man die neuen Mitglieder für die beiden nächsten Jahre wählen und er hatte gute Aussichten, das beeindruckende Votum seiner letzten Wahl diesmal noch zu übertreffen. Insgeheim hoffte er sogar darauf, die meisten der Stimmen auf sich zu vereinen. Ein Paukenschlag würde das werden, ein Ereignis mit Wirkung weit über Emden hinaus. Es wäre der letzte, der entscheidende Schritt an die Spitze. Dann könnten sie nicht mehr an ihm vorbei, die Hayens und die Moermans – Freunde, gewiss, aber auch Konkurrenten, Mitbewerber um die wichtigsten Posten zur Führung der Stadt. Und jetzt hier dieser fremde Kerl, unwillkommen an diesem Tag, mindestens aber zu dieser Stunde.
»Kann sich denn nicht Habbo um ihn kümmern?«, rief er noch auf der Stiege.
Die Magd schien auf diese Frage gewartet zu haben. »Er will nur mit Euch reden«, gab sie zurück, »und Euer Sekretär ist bereits im Kontor des Hafenmeisters.«
So war es. Wibolt erwartete eine Ladung Färbemittel und hatte dem Sekretär aufgetragen, sich nach der Ankunft zu erkundigen. Mürrisch trat er vor das Haus, dann sah er den Kerl und hatte sofort ein schlechtes Gefühl. Der Mann war verdreckt und verschwitzt, er musste die Nacht hindurch geritten sein. Seine Augen waren rot vor Müdigkeit, das Pferd hielt den Kopf gesenkt und schlug träge mit dem Schweif. Wibolt sah in das Gesicht des Boten, es kam ihm bekannt vor, und dann, mit einem Mal, begann sein Herz wie rasend zu schlagen. Es war der Großknecht seines Partners im Emsland, des Schafzüchters Everhard Svenke, des Mannes, bei dem Wibolt Flaskoper einen Großteil seines Vermögens angelegt hatte.
»Was ist gefällig? Ich muss in die Bürgerschaft!«, knurrte Wibolt.
Der Reiter zog seine Kappe und grüßte, ohne zu lächeln. »Schlechte Nachrichten«, sagte er spröde und trat zögernd einen Schritt vor. Seine andere Hand umschloss eine Briefrolle, aber er reichte sie nicht, sondern hielt sie gepackt, als wollte er sie nie im Leben hergeben.
»Dann spuck es aus, Kerl. Was soll’s denn sein?«, fragte Wibolt ungehalten. Er schwankte noch zwischen Angst und Ärger.
Der Mann trat heran und fixierte ihn aus blutroten Augen. »Es ist die Blauzungenkrankheit«, sagte der Knecht mit flacher Stimme. »Die ganze Herde ist erfasst!«
Wibolt handelte, ohne zu denken. Er scheuchte die neugierige Hausmagd von der Schwelle, packte sich den Kerl und zog ihn ins Haus, trieb ihn die Stiege hinauf in den Wohntrakt und befahl den Wäschefrauen barsch, sich zu entfernen. Dann zwang er den Knecht auf einen Stuhl, riss ihm die Briefrolle aus der Hand. »Für mich?!« Als der Bote nickte, öffnete Wibolt die Siegelschnur, und dann las er das ganze Drama. Everhard schilderte präzise. Die Symptome waren eindeutig. Anhaltendes und hohes Fieber über eine gute Woche, begleitet von blutigroten Kopfschleimhäuten. An den Lippen, Augenlidern und Ohren wassersuchtartige Schwellungen. Blaurote Färbung im Maul und an der Zunge.
»Alle Lämmer werden tot geboren«, hörte Wibolt den Knecht mit dumpfer Stimme sagen, »die meisten verkrüppelt oder entstellt. Wir haben Tiere mit fünf Beinen darunter, auch welche ohne Kopf.«
Flaskoper ließ das Pergament sinken und fuhr den Boten scharf an: »Schone mich mit deinem Geschwafel! Ich kenne die Merkmale. Was tut ihr dagegen? Was tut ihr, Mann?!«
Der Knecht war aufgestanden, er breitete die Arme aus. »Wie mein Herr schreibt. Wir trennen die kranken Tiere von den gesunden. Was sollten wir wohl sonst noch tun?«
»Die Wolle, Kerl! Rettet die Wolle!«, schrie Wibolt aus vollem Hals, und der andere versteifte sich.
»Ja doch! Wir schlachten früh, was sich noch lohnt, für den Rest …« Er breitete die Arme aus.
Flaskoper wusste, was der Knecht meinte. Mit dem Fleisch von Schlachtvieh konnte man noch Geld verdienen. Verendete Kadaver kosteten den Abdecker. Der Emder atmete tief durch, er fühlte sein Herz in der Brust unregelmäßig schlagen. »Wie viele können gerettet werden?«, fragte er tonlos.
Der Knecht hielt jetzt den Blick gesenkt, seine groben Hände knüllten die Mütze. »Drei von zehn. Wenn es gut läuft.«
Wibolt hatte das Gefühl, als griffe eine eiskalte Faust nach seinem Magen. »Nur drei von zehn?! Und was ist mit den Muttertieren?«
Der Mann hob den Kopf. In seinen Augen stand Zorn. Er fühlte sich gescholten für eine Sache, die er nicht zu verantworten hatte, das sah man deutlich. »Wir wollen möglichst viele durchbringen«, sagte er kurz, »kann sein, dass wir es schaffen.«
Er hob die Schultern, ließ sie weder fallen. Die Botschaft war klar: Wenn die Muttertiere überlebten, dann war es möglich, eine neue Herde aufzubauen. Irgendwann, in zwei oder drei Jahren.
Aber Wibolt Flaskoper wusste, dass er nicht so lange warten konnte. Denn in der Zwischenzeit brach der Umsatz ein. Die Kette war einfach: keine Schafe, keine Wolle. Keine Wolle, kein Tuch. Und ohne Tuch kein Handel. Aber Schulden. Gläubiger, die drängten, ihr Geld mit Zinsen zurückhaben wollten. Schließlich, und nicht zuletzt, die Reputation in Emden. Sein guter Name, sein Ruf als erfolgreicher Kaufmann.
»Wir haben Pech, dass die Seuche jetzt auftritt. Bei kalter Witterung würde sie zurückgehen. Doch nun kommt der Sommer«, sagte der Knecht hilflos.
Das Gesicht des Kaufherrn verschloss sich zu einer steinernen Maske. Die Haltung. Nichts nach außen! Von allem, was ihn in Gefahr brachte, war offene Panik das schädlichste. Nicht auszudenken, wenn man in Emden erführe, in welcher Lage er steckte. Jetzt zuerst die Bürgerschaft. Der erste Schritt. Dann der nächste. Und dann … und dann …?
Er richtete sich auf. »Es ist gut. Sage deinem Herrn, ich habe die Botschaft erhalten. Er soll tun, was möglich und nötig ist. Ich komme demnächst, um selbst mit ihm zu reden.« Dann wandte er sich ab. An der Tür blieb er noch einmal stehen. »Und lass dir zu essen geben!«
*
Fragen. Drängende. Bohrende. Fragen, deren Beantwortung er fürchtete, die ihn beschäftigten, und die man dennoch einem Knecht nicht stellen konnte. Wie groß ist der Verlust in Geld? Was bedeutet er für mein Geschäft? Welche Wollernte ist noch möglich? Was kann ich an Umschlagzahlen erwarten?
Gedankenschwer nahm Wibolt seinen Weg. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit hielt er den Blick gesenkt. Er hatte keine Augen für den just begonnenen stolzen Neubau neben der alten Kirche, die endlich durch ein Steingebäude ersetzt werden sollte, zum Ruhme der Stadt und zur Ehre der Kaufmannschaft. Er richtete nicht wie sonst seine ganze Aufmerksamkeit auf den Fachwerkbau des Magistrats, den er so liebend gerne unter seiner Führung als Bürgermeister eingerissen und in Stein neu errichtet sähe. Nein, er näherte sich der Bürgerschaft mechanisch, fast zögernd, mit tastenden Schritten. Was konnte, was musste er nun tun? In dieser Lage brauchte er vor allem Zeit. Zeit, sich zu erholen, die Dinge zu ordnen, das Geschäft neu aufzustellen und in ruhiges Wasser zu lenken. Aber diese Zeit hatte Wibolt Flaskoper nicht. Seine Mittel waren ausgereizt, bis zum Ende strapaziert. Die Gläubiger saßen ihm im Nacken, allen voran der Bremer Heinrich von Tossen, der auf peinliche Bedienung der Kreditzinsen sah. Wibolt brauchte Gewinn sofort, noch in diesem Jahr, sonst war er am Ende.
Er betrat die Bürgerschaft aufrecht und mit erhobenem Kopf, aber sein Blick war leer, als er durch die unteren Räume ging. Aus der Küche kam geschäftiger Lärm, die Tür zur Vorratskammer stand offen. Die Vorbereitung des Brudermahls war in vollem Gange. Er wurde gegrüßt und nickte zurück, ohne zu lächeln.
Auf der Stiege in den Ratssaal fühlte er sich an der Schulter gepackt. »Aufwachen, Wibolt, das wird er, dein großer Tag!«
Wibolt lächelte schwach. »Warten wir’s ab.«
»Na, na, wer wird denn so pessimistisch sein?«, lachte der andere. Hompo Hayen roch schon am frühen Morgen nach dem Bier, mit dem er handelte, er nahm einen Humpen zum Frühstück, dem im Verlaufe des Vormittags weitere folgten. Seine Geschäfte liefen trotzdem prächtig, er hatte gute Verbindungen und genoss ein Handelsprivileg des Fürstbischofs von Münster, das ihm durch günstige Hebesätze eine Menge Kosten ersparte. Auch Hompo war ein Kandidat für höchste Ämter, seine Familie war ratsfähig seit vielen Generationen.
»Vielleicht wird’s ja auch deiner«, gab Wibolt scherzhaft zurück.
»Warten wir’s ab«, sagte Hayen, und dann lachten beide.
Der Saal war schon gut gefüllt. Die Herren standen in Gruppen und plauderten. Diener deckten die Tafel und schleppten Krüge mit Wasser und Bier. Der amtierende Bürgermeister, Johann Wynsen, saß wie üblich mit hochrotem Kopf an seinem Tisch und redete mit dem Schreiber.
Sie bahnten sich ihren Weg und setzten sich nebeneinander auf ihre angestammten Plätze. Von der anderen Seite grüßte Jakob Moerman herüber. Der Viehhändler war nervös, das sah man. Er bewegte sich hastig und schwitzte vor Aufregung, sein blondes Haar klebte an Stirn und Nacken. Auch Moerman hatte gute Aussichten, erneut in den Rat gewählt zu werden. Die Stimmen seiner Leute waren ihm sicher, aber er brauchte mehr als diese und fürchtete offenbar um ein überzeugendes Ergebnis.
»Jakob ölt wie eines seiner Schweine«, sagte Hompo Hayen abschätzig. Er stieß einen leisen Rülpser aus und verbreitete säuerlichen Dunst.
Wibolt schwieg. Eigentlich sollte ich es sein, der ölt, schoss es ihm durch den Kopf. Nach einer Weile sagte er: »Sei froh. Er wird Durst haben.« Der Bierhändler wieherte wie ein Pferd, und dann schlug der Bürgermeister seine Tischglocke.
Das Brudermahl begann. Früher einmal hatte es auch Liebesmahl geheißen. Es war das erste gemeinsame Jahresessen der Kaufleute und Schiffsführer und beendete offiziell die Winterzeit. Daneben bot es Gelegenheit für letzte persönliche Gespräche und war der Abschied vor der nun bevorstehenden Handelsperiode, die Seefahrer und Landkaufleute bis zum Herbst voneinander trennte. Die Herren steckten die Köpfe zusammen, man sah sich rötende Ohren und Wangen und der Lärmpegel stieg. Diener wieselten umher, reichten Schüsseln mit Rüben und Lauch und Platten, auf denen die Fleischbrocken dampften. Dazwischen wurden Bierkannen gefüllt und Becher eingeschenkt. Neben der Empore des Bürgermeisters spielten Musikanten auf Leier und Sackpfeife. Sie begleiteten einen neuartigen, mehrstimmigen Gesang, auf den Johann Wynsen sehr stolz war, er hatte die Truppe auf dem Wintermarkt in Oldenburg angeheuert.
»Möchte nicht wissen, was uns das Gejaule kostet«, schnaufte der Bierhändler und stieß mit dem Messer nach einer Fleischscheibe.
Wibolt antwortete nicht. Mit einem Mal erschien ihm die Klage des anderen schwer erträglich. Hier weinte einer wegen ein paar kleinen Münzen, während ihm, Wibolt Flaskoper, das Wasser an den Hals stieg. Er nestelte an seiner Gürteltasche und holte sein Essmesser hervor. Es war ein kostbares Stück, von einem französischen Schwertfeger gefertigt, mit Perlmutt am Griff und fein geschmiedeter Klinge. Flaskoper ließ seinen Blick suchend über die Fleischplatte wandern. »Du wirst es überstehen, Hompo. Und vergiss nicht: Die nächste Fehde kommt bestimmt.«
Der Bierhändler überhörte wohl die feine Ironie, denn er nickte heftig. »Das walte Gott«, sagte er mit vollem Mund. »Es wird nie so viel gesoffen wie im Krieg.« Seine Familie war in der Östringer Fehde durch den Bierverkauf reich geworden, und jeder in Emden wusste das. Allein in der Eisschlacht von Schakelhave Anno 65 sollten es an die zwanzig Fuder gewesen sein, teils erhitzt, um die Kämpfer zu wärmen. Auch, um ihren Kampfwillen anzuspornen. In einem Scharmützel am Rande des Schlachtfeldes sollte ein Fähnlein Rüstringer von den Östringern in einem Handstreich massakriert worden sein. Es hatte dort im Vollrausch gelegen und sich nicht wehren können.
Hompo sprach viel und gern, auch während er aß, und er legte Flaskoper ausführlich dar, wie er in diesem Jahr Anno 97 sein Geld zu verdienen gedachte. Viel sollte es vor allem sein, gutes Silber in lukrativen Geschäften, das war das Wichtigste. Und während Wibolt mit halbem Ohr zuhörte, drehten sich seine Gedanken um die Frage, wie er selbst dieses Jahr überstehen sollte. Das Wollgeschäft fiel weitgehend aus, so viel war klar. Wie sollte, wie konnte es weitergehen? Wibolt Flaskoper hielt Anteile an einer Walkmühle im Jeverland und an der Großkogge von Focke Uffen, aber diese Einkünfte brauchte er dringend, um die Fassade in Emden zu nähren. Sie reichten vielleicht gerade hin, den Schein zu wahren, seine Probleme lösen konnten sie nicht. Dazu bedurfte es mehr, viel mehr, das wusste er. Er musste wieder stärker in Nebengeschäfte einsteigen, günstige Gelegenheiten nutzen, sich für den Straßenhandel öffnen. Mit anderen Worten, er war gezwungen, sich einem Teil seines Gewerbes zuzuwenden, den er für sich längst überwunden glaubte, und der für Kaufleute seines Standes eigentlich verpönt war. Und hier lag der Haken; das alles musste diskret erfolgen, es durfte nicht zu offensichtlich sein, nicht erkennbar über einen Status hinausgehen, in dem ein tüchtiger Kaufmann lediglich ein Geschäft mitnimmt, das er von hohem Ross am Straßenrand pflückt.
Hompo stieß ihn in die Rippen. »Es geht los!«, sagte er mit fettigen Lippen, und Wibolt richtet sich auf.
Die Wahl begann. Der Bürgermeister hatte inzwischen einen Kopf, der an voll erblühten Mohn erinnerte. In einer umständlichen Zeremonie benannte er zunächst die Kandidaten und stellte sie langatmig vor. Das war eigentlich unnötig, denn jeder kannte hier jeden, aber es folgte der überlieferten Wahlordnung. Johann Wynsen hätte es kurz machen können, doch das entsprach nicht seiner Art.
Wibolt erlebte seine Wahl in einem Zustand wachen Träumens. Sein Kopf schien ihm wie mit Wasser gefüllt. Er sah alle Farben sehr scharf und klar, und er hörte jeden Laut, sogar das Kratzen eines späten Essers in der Lauchschüssel. Am Ende gewann er mit vierundvierzig Stimmen, der höchsten jemals erreichten Zahl in der Bürgerschaft. Hayen und Jakob Moerman, der Viehhändler, folgten mit deutlichem Abstand.
Später, als sie beim Bier beisammen standen, gratulierten ihm die anderen, Hompo Hayen mit gönnerhafter Betulichkeit, der Viehhändler verschwitzt und mit kantigem Kinn.
»Nun, Wibolt! Jetzt kannst du dich ja auf deine große Aufgabe vorbereiten«, sagte Jakob Moerman aus schmalen Lippen. »Darauf solltest du dir wohl einen Trunk gönnen.«
Hompo räusperte sich vernehmlich, er roch nach Bier, Braten und Lauch. »So soll es sein, und da ist noch einiges zu tun«, bemerkte der Bierhändler mit breitem Grinsen. »Gegessen hat er jedenfalls wie ein Vögelchen.«
3 Regelwerk des Handelshofes von Nowgorod
Es soll niemand fremder Nation auf dem Hof geduldet
oder mit des Kaufmanns Gerechtigkeit verteidigt werden, der sich dieser Gerechtigkeit nicht unterwirft.
Aus der Nowgoroder Schra
Weener an der Ems, Anfang April 1199
Erst der Ritt an die Ems machte für Wibolt Flaskoper die Katastrophe in ihrer ganzen Vollständigkeit sichtbar. Wenn er tief in seinem Inneren noch ein Fünkchen Hoffnung gehegt hatte, so wurde es hier mit letzter Gewissheit erstickt. Everhard Svenke kam ihm bis an die Grenze des Kirchspiels entgegengeritten. Es war früh warm geworden und die Sonne stand hoch, aber der Schafzüchter war gekleidet, als zöge er in eine Winterschlacht. Er trug die Wolle seiner Schafe als Wams und als Mantel, es schien ihm in diesem Fall wohl angemessen.
Wibolt hatte seinen Sekretär in Emden gelassen, er sollte die laufenden Geschäfte betreuen und im Übrigen von dieser Sache möglichst wenig wissen. Everhard zog seinen Hut und verneigte sich im Sattel wie bei einer Kirchenprozession. Er fragte nicht nach Befinden und Reise, und das war ein schlechtes Zeichen. Stattdessen berichtete er kurz und wiederholte im Kern die Botschaft seines Knechtes. Dann führte er den Emder ohne Verzug zu den Ställen. Schon auf dem Weg dorthin versetzte es Wibolt den ersten Schlag. Sie passierten Weiden mit grasenden Lämmern und Muttertieren, nicht mehr als zweihundertfünfzig oder dreihundert Tiere. Everhard wies mit dem Kinn auf sie. »Das sind die Gesunden.«
Flaskoper fühlte, wie ihn ein Hitzeschwall erfasste. Aber das schlimme Ende wartete noch auf ihn, und es war niederschmetternd.
Mit brennenden Augen ging Wibolt durch die Pferche und Stallgassen. Er sah die kranken Tiere, sah die Knechte, die sie mit Tüchern und Milchwasser labten, und es schien ihm, als wankte der Boden unter seinen Füßen. »Wie viele von denen bringt Ihr noch durch?«, fragte er dumpf.
Svenke nahm den Hut ab und wischte umständlich über das Schweißleder. Er ließ sich Zeit, ganz so, als hinge alles von seiner Antwort ab. »Ihr müsst nicht fürchten, dass alle eingehen. Einige werden sich erholen«, sagte er vorsichtig.
»Wie viele?«, stieß der Emder nach, aber Everhard tat, als habe er die Frage nicht gehört.
»Wir trennen immer noch schwere von den weniger schweren Fällen.« Er wies auf eine Absperrung, in der Tiere mit nassen Wolltüchern behängt waren. »Zum Beispiel versuchen wir, das Fieber durch Kühlung zu senken. Damit sind wir nicht völlig erfolglos. Man muss die Zeit abwarten.«
»Wie viele!«, knurrte Wibolt durch zusammengebissene Zähne, und jetzt sah ihn der andere voll an.
»Das kann ich nur schätzen.«
»Nun also, was schätzt Ihr?«
»Den zehnten Teil«, sagte der Schafzüchter fest.
Flaskoper starrte ihn an. Seine Augenlider flatterten. »Was bleibt dann noch von der Herde?«
»Etwa zwanzig von hundert.«
Wibolt griff nach einem Trenngatter, er musste sich festhalten und packte so hart zu, dass seine Knöchel weiß wurden.
»Was Ihr hier seht, sind zum übrigen die bisher überlebenden Tiere. Einen großen Teil hat sich der Schinder schon geholt«, sagte Svenke in einem Ton, als sei das ein Trost. Und als Flaskoper schwieg, fügte der andere grimmig hinzu: »Ihr seht aus, als käme das Jüngste Gericht über Euch. Auch ich habe viel Geld verloren, sehr viel Geld, das ist Euch doch hoffentlich klar?«
Wibolt biss die Zähne zusammen, seine Wangenmuskeln verhärteten sich. Was versteht Ihr wohl von meinen Geschäften?, wollte er Svenke anherrschen, aber dann riss er sich zusammen. Everhard konnte nichts wissen von der Klemme, in der Flaskoper steckte, und das sollte auch so bleiben. Der Mann züchtete Schafe, wie seine Familie seit Generationen, die Seuchen kamen und gingen, und am Ende hatte er sein Auskommen mit Wolle, Milch und Fleisch. Er kannte keine festen Liefertage, keine Fuhren an Stapelorte, keine Umschlagsziele und keine Fristen. Was er an Wolle erntete, verspann und zu Tuch webte, bot er auf Märkten an oder verkaufte es an fahrende Krämer. Was blieb, legte er in seine Speicher. Und wartete auf den nächsten Handel. So einfach. In diesem Augenblick beneidete ihn der Emder.
»Das Problem sind die Lämmer«, hörte er den anderen mit ruhiger Stimme sagen. »Davon schafft es keins. Böcke und Muttertiere müssen wir durchbringen, dann retten wir die Herde. Wer gesundet, wird nicht wieder krank, das haben wir eindeutig festgestellt.«
Wibolt nickte wie jemand, der sich derlei mehrmals am Tag anhören muss, in seinem Herzen schwarze Nacht. Das abschließende Gespräch im Kontor des Schafzüchters war umfassend, aber es blieb am Kern der Dinge. Everhard Svenke legte dem Emder Zahlen vor. Sie waren noch vorläufig, zogen aber bereits einen verlustreichen Schlussstrich unter dieses Drama. Everhard bezifferte präzise die bisher geerntete Wolle und den Umsatz aus den Schlachtungen. Dann zahlte er Wibolt aus. Es waren genau zweihundertzehn Mark Bremer Silber. Mehr als das Dreifache dieser Summe hatte der Emder verloren.
Viel schwerer als der Verlust dieses Geldes wog aber dessen unmittelbare Folge. Er würde sich für mindestens zwei Jahre nicht nennenswert am Tuchhandel beteiligen können. Und erst in diesem Augenblick begriff Wibolt seine Lage mit letzter Gewissheit. Er konnte seine Bestürzung nicht verbergen, als ihm Everhard die wenigen Münzen auf den Tisch stapelte.
Der Schafzüchter sah es ihm an, und er tröstete ihn. »Die Herde wird sich wieder erholen. In zwei oder drei Jahren ist alles vergessen, darauf Brief und Siegel«, sagte Everhard Svenke in munterem Ton, aber Worte waren dem Emder wohlfeil. Er lauschte ihnen nach wie einer verklingenden Melodie über ferne Ruhmestaten. »Ihr hört von mir, sobald die Sache insgesamt zu ihrem Ende kommt«, schloss Svenke sachlich. »Etwas Geld wird natürlich auch noch fließen, aber nicht mehr viel. Hängt davon ab, was wir der Seuche in den nächsten Tagen an Wolle und Fleisch abtrotzen können.« Dann hob er den Kopf. »Was soll mit den übrigen Tieren geschehen? Den gesunden, die Euch gehören? Wollt Ihr dafür Geld oder sollen sie bleiben?«
Wibolt dachte nach. Diese Schafe waren der restliche Gegenwert für seine Einlage in das Geschäft. Er konnte ihn sich auszahlen lassen, dann wäre die Zusammenarbeit mit Svenke beendet. Oder sie blieben, wo sie waren, als Teil von Everhards Herde.
Flaskoper entschloss sich zum zweiten, und Svenke lächelte. »Gute Entscheidung!«, sagte er. Zum Abschied reichten sie sich die Hände.
*
Auf dem Heimritt dachte Wibolt über seine Lage nach. Jetzt musste er sich mit beiden Händen wehren, um sich schlagen wie ein Ertrinkender. Aber es musste aussehen wie der gediegene Gestus erfolgreicher Kaufmannschaft. Gezielte Streiche, elegant ausgeteilt mit vornehmer Hand, und doch kräftig genug, den Kopf über Wasser zu halten. Er spürte das Silber des Schafzüchters im Geldschlauch unter seinem Wams, es drückte giftig gegen die Rippen und brachte die Fakten nachdrücklich in Erinnerung. Zum ersten Mal widerfuhr ihm schmerzlicher Verlust im Wortsinne, er konnte ihn sogar schmecken, er saß ihm bitter in der Kehle.
Wibolt Flaskoper war entschlossen zu kämpfen, es blieb ihm nichts anderes übrig. Noch im Magistrat hatte er Focke Uffen beiseite gezogen und ihm erklärt, seine, Wibolts Beteiligung an der Großkogge des Reeders müsse in diesem Jahr eine höhere Rendite bringen.
Focke war erneut nicht in die Bürgerschaft gewählt worden und in der Laune eines Bären, den man aus dem Winterschlaf geholt hatte. Er hatte Wibolt aus ärgerlichen Augen angesehen. »So willst du deine Einlage erhöhen?«
Flaskoper hatte den Kopf geschüttelt. »Nein. Das nicht.«
Der andere hatte ihn angefunkelt. »Wieso forderst du dann einen höheren Anteil am Gewinn?«
Wibolt hatte eisig zurückgestarrt. »Muss ich dir das wirklich erklären, Focke? Weil der Markt es hergibt. Dein Schiff fährt auch mit meinem Geld. Deine Geschäfte gehen gut, und sie werden in diesem Jahr besonders gut gehen, weil Steine und Holz für die Kirche gebraucht werden.« Dann hatte er sich aufgerichtet. »Wenn du nicht einwilligst, ziehe ich mein Silber zurück. Andere warten schon darauf, dass ich bei ihnen einsteige!«
Es war ein Feuerspiel gewesen, ein Tanz auf dem Seil bei starkem Wind, wie es die Gaukler auf den Märkten aufführten, und einen bangen Augenblick hatte er gewartet, ob Uffen ihn abweisen würde; ›… dann nimm doch dein Geld, ich brauche dich nicht!‹, aber der Reeder hatte ihn nur wütend angeglotzt und sich dann brüsk abgewendet. Offensichtlich wollte er auf Wibolt als Teilhaber nicht verzichten. Oder er konnte es nicht. Jedenfalls, sieben Teile von hundert mehr, das sollte die Forderung sein. Die Verhandlungen würde Wibolt noch führen müssen, und er wollte Focke aufsuchen, sobald er wieder im Emden war. Natürlich war er sich auch darüber klar, dass er im Notfall, wenn ihm das Wasser über die Lippen stieg, vielleicht sogar gezwungen sein würde, seine Einlage bei Uffen tatsächlich auszulösen. Aber diesen Gedanken verdrängte er in den hintersten Winkel seines Hirns. Der war die ultima ratio, die letzte Zuflucht, der Sprung auf eine Planke, die ihn vielleicht vor dem Ertrinken bewahren konnte, ihn aber auch fortriss, wegspülte von seinen Zielen in der Stadt.
Genauso verhielt es sich mit seiner Beteiligung an der Walkmühle im Jeverland, wo er sein Tuch auch färben ließ. Als sein Vater das Geschäft noch geführt hatte, war das Walken von Menschen besorgt worden, meistens von Frauen und Kindern, die mit den Füßen Hebel bedienten, um einen Mechanismus in Gang zu setzen, der den Stoff aufraute. Als der Handel sich belebte und die Nachfrage nach friesischem Tuch stieg, wurde schnell klar, dass mit Fußwalkern den Bedarf des Marktes nicht zu befriedigen war. Trotzdem hatte sich der Vater heftig gegen jede Neuerung gewehrt, er hielt sie für Teufelswerk, ungesund und nicht zuletzt für unnütz. Schließlich hatte es in Jahrhunderten keine Rolle gespielt, wie lange die Menschen auf ihr Tuch warten mussten. Es dauerte eben, solange es dauerte. Wozu sich da unnötig eilen? Noch in seinen letzten Lebensjahren, als Wibolt den Handel längst übernommen hatte, hatte der Vater ihn in der Abgeschiedenheit des Flaskoperschen Hauses am Emder Delft als Ketzer beschimpft, als einen gefährlichen Neuerer, der mit schädlichen Gedanken Unruhe in die Welt brachte.
Aber Wibolt hatte sich nicht beirren lassen. Hatte Geld in die Hand genommen und gemeinsam mit mehreren Partnern an einem Jeverländer Tief eine Walke errichtet, deren Welle zusätzlich durch ein Windrad bewegt wurde. Wo Hämmer und Rauen früher durch Muskelkraft angetrieben worden waren, halfen heute Wind und Wasserfluss. Fast sprunghaft war die Produktion gestiegen, und mit ihr der Warenumschlag. Gewiss hatte es Ärger gegeben, für eine Weile, auch Tagelöhner verloren nicht gern ihre Arbeit. Aber es war schnell wieder Ruhe eingekehrt, und die Befürchtung des Vaters, die Walkhämmer würden das Tuch beschädigen, es unbrauchbar machen, hatte sich in keiner Weise bestätigt.
An dieser Mühle hielt Wibolt Flaskoper bis heute einen Anteil, seine Ersteinlage hatte er längst wieder herausgezogen und in den Ausbau seines Hauses gesteckt. Die Walke brummte, selbst kleinere Bauern konnten sich in dieser Zeit blaues Tuch leisten, und es wäre möglich, hier ebenfalls eine höhere Rendite zu fordern. Aber wieder konnte es nur um kleines Geld gehen, um wenige Teile von hundert. Er hockte auf seinem Pferd, donnerte durch Wiesen und Auwälder, zermarterte sich den Kopf und wusste, es reichte vorne und hinten nicht. Vielleicht war noch über das Färbemittel etwas zu machen, doch was konnte das ändern?
In der Propstei von Leer machte er Halt für die Nacht. Der Archediakon selbst lud ihn zur Vesper ein, er war ein alter, knöcherner Mann, der äußerlich schien, als habe er schon von allem Weltlichen Abschied genommen. Seine glühenden Augen lehrten das Gegenteil. Auch war er nicht geweiht, sondern ein weltlicher Dienstmann des Bischofs von Münster. Er aß sehr nachlässig und laut, oft fielen ihm Brocken aus dem Mund, und seine Pupillen schwammen ständig in wässrigem Grau. Zudem redete er ohne Unterlass. Mit knarziger Stimme schilderte er dem Emder eine rüde Rauferei auf dem Markt des Weilers, bei der auch Blut geflossen war. »Einer der Kerle hatte plötzlich eine Klinge in der Hand und stach damit zu. Der andere war auf der Stelle tot. Den Stecher hat sich der Nachrichter noch am gleichen Tag geholt. Seine Knochen faulen schon auf dem Rad. So muss Ordnung sein, so will sie Gott, der Herr, und mein Bischof auch«, sagte der Alte kichernd, während ihm der Ziegenkäse von den schmalen Lippen stürzte.
Es war kein Mahl, an dem sich der Emder besonders erfreuen konnte, und seine Gedanken wanden sich mäandernd in unendlichen Schleifen um immer gleiche Fragen. Er nutzte eine Pause des Alten, um Hompo Hayens Bier zu loben, und schaffte es, den Archediakon zur Abnahme von fünf Fudern zu bewegen. Hompo würde entzückt sein, denn die Propstei stand bisher nicht auf der Liste seiner Abnehmer. Keine Freude dagegen würde Hompo über Wibolts Forderungen zur Vermittlung dieses Geschäftes verspüren. Einen Anteil von zehn Mark Bremer Silber hielt Flaskoper für angemessen, nicht nur als Provision für die Lieferung, sondern vor allem als Gegenleistung für die Herstellung dieses Kontaktes, der sich schließlich gewinnbringend ausbauen ließ. Da bist du schon angelangt, bei deinem armseligen Handel am Straßenrand, dachte er verdrießlich, als der Alte mit kalter Hand einschlug. Schon bald kroch er in eine feuchte Bettstatt, doch Schlaf fand er lange nicht.
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Das Flaskopersche Haus am Emder Delft stand sehr schön auf einer kleinen Anhöhe über dem Hafen. Es war gediegen, aber nicht eben groß. Wibolt hatte es nach dem Tod seines Vaters ausbauen lassen, nach hinten zu, in Richtung auf das Zolltor, wo das Grundstück noch Platz bot. Er hatte zunächst die mittlere Etage erweitert und später ein Speicherhaus angebaut, das er sogar mit einem Pferdegespann befahren konnte. Aber genau da lag das Problem. Wibolt hatte zugunsten des Magazins am Wohntrakt gespart, und jetzt reichte der Raum gerade hin, die Gesellschaft für das heutige Nachtmahl unterzubringen.
Schon auf der Tenne hatte ihm der Viehhändler Jakob Moerman einen schrägen Blick zugeworfen. »Wundere mich jedes Mal darüber. Wozu brauchst du so viel Speicher? Willst du horten oder handeln, frage ich?«, hatte er spitz bemerkt, und dann, nachdem er die Küchendiele betreten hatte, harsch hinzugefügt: »Mann, Wibolt. Ist ja immer noch so knapp. Du wolltest doch die Wand zum Kontor wegnehmen! Hier muss sich aber noch einiges ändern, wenn du Bürgermeister werden willst!«
Flaskoper hatte dünnhäutig reagiert. »Wieso denn wohl? Bin ich dann euer Herbergsvater? Und wo soll ich mein Kontor hinlegen? Unter ein Zeltdach im Hof?«
»So nimmst du eben Speicher weg!«
Wibolt hatte das Kinn vorgeschoben. »Schone mich mit deinen Vorschlägen. Es hat daran keinen Mangel. Und zum Übrigen, Jakob; mir genügt es«, hatte er bissig heraus gezahlt.
Darauf hatte der Bierhändler grinsend angemerkt: »Es reicht, weil Wibolt immer noch kein Weib hat. Hätte er eines, dann würde es ihm die Flöhe schon austreiben«, und dann hatten alle gelacht.
Sie waren ihrer nicht viele, nur Hompo, der Viehhändler, der Bürgermeister und ein paar weitere Ratsherren, aber es war eng. Verdammt eng! Die Herren nahmen Platz und dann kreiste der Bierkrug. Von den Kochstellen her kam Geklapper, die Mägde hantierten mit Platten und Geschirr. Heute würden die neuen Zinnteller eingeweiht. Wibolt hatte sie im letzten Jahr aus Cornwall mitgebracht, sie waren mit den Löffeln und Fleischgabeln sehr teuer gewesen. Eine solche Ausgabe würde er sich nun genau überlegen, aber jetzt war er froh, sie zu besitzen. Sie waren recht präsentabel, und als die Mägde sie auftrugen, freute sich Wibolt über den glitzernden Blick, mit dem der Viehhändler das Geschirr musterte.
Dann kam das Fleisch, und die Gäste zückten ihre Essmesser, das jeder wie üblich mit sich führte. Man tat sich gütlich an frischem Wild und Steckrüben aus dem letzten Jahr, die aber gut gelagert waren. Für eine Weile war nur Schnaufen zu hören, genussvolles Stöhnen und Schmatzen, und endlich sagte der Bürgermeister: »Focke Uffen hat es ja nun wieder nicht geschafft. Schädlich für die Stadt, fürchte ich. Wir werden seine Dienste brauchen.«
Der Bierhändler legte sein Messer zur Seite. Er hatte sein Wams aufgeknöpft, an seinem Kinn klebte eine Fleischfaser. »Wo soll da der Schaden sein? Für seine Transporte wird er entlohnt, recht ordentlich sogar, will ich meinen.«
Der Bürgermeister nickte mit rotem Kopf. »Schon, schon. Aber es wird ihm sauer, dass er wieder durchgefallen ist.«
»So muss er sich eben erneut stellen, wie jeder andere auch«, sagte der Bierhändler kauend. Er langte nach seinem Fleischmesser und stieß die Klinge in eine saftige Scheibe.
Jakob Moerman hob ruckartig den Kopf, seine emsigen Hände kamen zur Ruhe. »Der Reeder ist kein Bewerber wie jeder andere, vergiss das nicht«, sagte er giftig, man konnte hören, dass der Viehhändler darüber nicht unglücklich war.
Für einen Moment herrschte Schweigen am Tisch, es wurde sogar so still, dass die Hausmagd ihre Nase neugierig um die Ecke streckte. Ein Blick Wibolts reichte, sie von dort zu vertreiben.
»Ja doch, ich weiß. Die alte Sache«, nickte der Bürgermeister bekümmert, sein Gesicht leuchtete wie in Blut getaucht, »… aber sollte man nicht …?«
»Nein! Man sollte nicht!«, fing ihn der Viehhändler mit kalter Stimme ab. »Focke hat gegen den Kodex ehrbarer Kaufmannschaft verstoßen. Wir alle wissen das, und du weißt es auch, Johann Wynsen!« Er richtet sich auf, und auch seine Stimme hob sich. »Es soll doch wohl in unserer Stadt noch gelten: kein schmutziges Geld. Ich wundere mich über dich, Johann, wirklich, ich wundere mich.«
Der Bürgermeister sank im gleichen Maße, in dem der Viehhändler sich aufgerichtet hatte, seine Ohren schienen zu glühen. »Ja, doch, ja«, murmelte er betreten und legte sein Fleischmesser ab, der Appetit hatte ihn wohl verlassen.
Alle Augen der Gesellschaft lagen auf Wynsen, viele abschätzig und voller Ablehnung, und jetzt tat der Mann Wibolt leid. Johann war eigentlich keiner von ihnen. Er handelte nicht, fuhr nicht zur See, bot keine Ware feil und kaufte keine an. Er war einfach nur reich durch die Leistungen seiner Vorväter, die mit Geldgeschäften zu Wohlstand gekommen waren. Mit sauberen Geschäften, so viel verstand sich. Vor allem sein Silber, das sich ohne Johanns Zutun beinahe täglich vermehrte, stützte seine Stellung in der Stadt.
Aber das gab ihm kein Mandat zu solcher Rede! Es setzte die ehernen Regeln der Emder Kaufmannschaft nicht außer Kraft. Focke Uffen hatte eines seiner kleineren Schiffe, eine Knarr, für den Handel mit Groningen und Utrecht eingesetzt. Irgendwann hatte es Gerüchte gegeben, das Schiff transportiere nicht nur Holz und Getreide, sondern auch Trane und Fette, die aus verkochten Menschenleibern stammten. Aus den Körpern von Toten des Leprahospitals St. Remberti in Bremen, und sogar von Pestleichen. Als das Gerede sich verdichtete, war Focke Uffen vor den Rat zitiert worden. Dampfend vor Zorn hatte er zunächst alles abgestritten, von Verleumdung geschrien, um ihn, den erfolgreichen Reeder, in der Stadt kaltzustellen. Tumulte hatten sich angeschlossen, gebrüllte Abwehr gegen gedonnerte Vorwürfe, und die Sache schien gänzlich aus dem Ruder zu laufen. Totenstill war es dann geworden, als man ihn schließlich mit Fakten konfrontiert hatte, auf die Focke keine Antworten wusste. Menschliche Zähne in Fettfässern und mehrmals sogar billiger Schmuck, wo die denn wohl herkämen, das hatte einer der Herren kalt gefragt. Und nicht nur das, er hatte die Dinge sogar auf den Tisch des Hauses gelegt, niemand wusste, woher er das Zeug hatte, aber da lag es nun und Uffen hatte sofort die Arme ausgebreitet. Er konnte nichts erklären, nur so viel, dass er selbst in Treu und Glauben gehandelt habe und weiter nichts wisse. Hatte dann noch seine Zulieferer genannt, dieser Spur war man später in Bremen nachgegangen und hatte tatsächlich eine Bande aufgebracht, die mit Leichenteilen handelte. Die Kerle hatten gebaumelt, noch am gleichen Tag. Nur mit vielen Anstrengungen, einem ordentlichen Stück Geld an den Magistrat und mit allergrößter Mühe war Focke aus der Sache herausgekommen, aber sie hatte ihm schwer geschadet, und das tat sie bis heute.
Jeder am Tisch dachte daran und ein peinliches Schweigen machte sich breit. Und noch bevor Wibolt Flaskoper die Stille auflockern konnte, rumorte es in der Küche, man hörte die klare Stimme der Hausmagd und dann wurde der zweite Fleischgang aufgetragen. Es gab gebratenen Kapaun in einer Tunke von geharztem Wein. Der Bierhändler rollte mit den Augen, in seinem Gesicht glänzte die Vorfreude. »Löblich, Wibolt, sehr löblich. Du hast dich in Kosten gestürzt«, sagte er mit spitzen Lippen.
Der Hausherr lächelte freundlich, seine Stirn blieb glatt. Er schnitt eine saftige Keule vom Braten und schob sie mit Bedacht dem Bürgermeister zu. Dann stand er auf, den Bierkrug in der Hand. »Ich verstehe dich, Johann. Du musst versöhnen, vereinen, zum Wohle Emdens. Aber auch die andere Seite gilt: der Kodex. Kein schmutziges Geld!«
Er verstummte und ließ seinen Blick durch die Runde wandern. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Der Bierhändler sah ihn unverwandt an, Johann Moerman mit der verkniffenen Miene des argwöhnischen Konkurrenten. Der Bürgermeister starrte stumm auf das Geflügelbein und die übrigen Herren nickten nachdrücklich. Kein schmutziges Geld, das war die Regel, von der keine Ausnahme geduldet wurde, und so hatten sie es immer gehalten. Saubere Hände. Im Zweifel gegen das Geschäft. Wibolt hob seinen Bierkrug und sie tranken darauf. Alle. Auch der Bürgermeister.
Würde ein Kaufmann seines Herrn oder Prinzipalen Gut mit Spielen, Fressen, Saufen oder anderes unzüchtiges Handeln mutwillig verzehren, so soll ihm dies durch den Altermann mit großem Ernst untersagt werden.
Aus der Nowgoroder Schra
London, Sommer 1199
Die Überfahrt war eine Katastrophe gewesen. Scharfe Böen hatten die Kogge gepackt, kaum dass sie nördlich der Inseln die offene See gewann. Sie brauchten den Nordstern, um ihren Weg zu finden, aber der war oft durch Wolken bedeckt, und der Mann am Ruder fluchte und betete in stetigem Wechsel. Vor der Küste Westfrieslands hatte der Wellengang derart zugenommen, dass die Ladung sogar in den unteren Staufächern ständig nachgezurrt werden musste. Dazu wurde die Mannschaft auch des Nachts aus den Kojen geholt, und das zerrte an jedermanns Nerven. Was sich an Gütern auf Deck befand, wurde nicht aus den Augen gelassen und jedes Stück trieb dem Schiffsführer die Sorgenfalten in die Stirn. Denn vor Terschelling hatten sie um ein Haar zwanzig Fässer Wachs verloren, sie wären durch den Schlag einer riesigen Welle über Bord gegangen, wenn nicht der Vormann im letzten Moment das Ruder gepackt und die Kogge in den Wind gedreht hätte.
Das Wetter war auch in den Gewässern vor Dover ungemütlich geblieben. Die Böen schliefen ein, doch das Schiff stampfte und rollte in einer Altdünung, die auch festen Mägen das Letzte abforderte. Wie zum Hohn wehte ein stetiger achterlicher Wind, der eigentlich günstig war, aber zu schwach blieb, um guten Vortrieb zu geben.
Dabei waren sie bei strahlendem Sonnenschein ausgelaufen. Emden hatte sich von seiner besten Seite gezeigt, die ganze Stadt hatte geleuchtet, und das war Wibolt Flaskoper als schönes Omen für das bevorstehende Unternehmen erschienen. Aber wenn es Vorzeichen gab, gute und böse, dann musste das Wetter der Überfahrt als bedrohlich gelten.
Und auch die Gesellschaft an Bord der Thedea war nicht gerade angenehm. Alle voran der Schiffseigner selbst mit seiner Stinklaune. Focke Uffen nahm noch immer übel. Er nahm das Wetter übel, die so verlorene Zeit nahm er übel, und sein Scheitern bei der Ratswahl in Emden nahm er übel. Letzteres vor allem Wibolt Flaskoper, der ihm das fleischgewordene Symbol seines Versagens zu sein schien. Vielleicht sogar mehr als das; die Ursache hierzu. Die dunkle Macht im Hintergrund. Jedenfalls hielt Focke mürrisch Abstand, und sie sprachen nur das Nötigste.
Zu Wibolts Gewinnanteilen an der Kogge hatten sie sich schließlich auf sechs von hundert geeinigt, aber der Weg dorthin war widerwärtig gewesen. Hartes und langes Feilschen hatte ihn begleitet, umrankt von wechselseitigen Vorwürfen, wüsten Beschimpfungen und Anwürfen.
»Was verstehst du denn von meinem Geschäft?«, hatte der Reeder mit roten Augen gebrüllt.
»Ich kenne deine Umschläge und kann rechnen!«, war Wibolts fauchende Antwort gewesen. Des Geizes und der Raffgier hatte man sich lauthals bezichtigt, sich maßlose Forderungen und zutiefst unredliche, ja unehrenhafte Gewinnunterschlagung vorgehalten, und als man sich getrennt hatte, war das Tischtuch zwischen Focke Uffen und Wibolt eigentlich zerschnitten. Es hielt nur noch an einigen wenigen Fäden, am dünnen Zwirn des kaufmännischen Zwecks.
Als der normannische Burgfried von Dover am dunstigen Horizont auftauchte, war Wibolt heilfroh. Zugleich aber wuchsen seine Sorgen. Dieses Jahr 99 würde er überstehen, vielleicht sogar ganz gut, aber dann? Die nächsten beiden, 1200 und 1201, würden hart werden. Einnahmen aus dem Tuchgeschäft würden nach dem Desaster an der Ems ausbleiben. Gleichzeitig würde er gezwungen sein, in Emden den Schein zu wahren, seinen Lebensstil nicht augenfällig zu ändern. Und seine Gläubiger zu bedienen. Der Tuchhändler stand am Schanzkleid und tastete nach seiner Rocktasche, in der es leise knisterte. Everhard Svenke hatte ihm das Billet geschickt, der Schafzüchter von der Ems. Er hatte Nachricht von einem Roßkamm, der erst kürzlich aus England kommend und auf dem Weg nach Süden bei ihm für eine Nacht geblieben war. Der Text des Briefes war ebenso einfach wie dramatisch, er hatte den Emder getroffen wie ein Hagelschlag im Hochsommer.
Hochmögende Exzellenz und lieber Herr!
Im Stalhof von London hält sich gegenwärtig ein lübischer Händler auf. Er heißt Jan Borgk und sitzt auf einer größeren Menge Wolltuch, das er nicht losschlagen kann, weil es noch ungewalkt ist. Seine eigene Walke wurde, so höre ich, unlängst bei einem Großfeuer vernichtet, und fremde scheinen nicht verfügbar. Sehe Möglichkeiten für Euch, ins Geschäft zu kommen, nur eilen müsst Ihr, und nun Gott befohlen!
Euer Diener
Everhard Svenke
Nachschrift: Die Seuche ist besiegt, es gibt keine Krankheitsfälle mehr, aber viele Verluste. Die genauen Zahlen teile ich noch mit. Müssen uns auf zwei magere Jahre einstellen. E.S.
Über die Anrede musste Wibolt noch lächeln. Der Rest lag ihm wie ein Klumpen Eisen im Magen. Er hatte den Brief wieder und wieder gelesen, sogar bei Sturm und Kerzenschein in seiner Eignerlaube im Heck der Thedea, obwohl der Schiffsführer im schweren Wetter offenes Licht verboten hatte. Denn nicht Wind und Wellen seien der ärgste Feind des Schiffes, sondern das Feuer, trotz der Unmengen Wassers, die sie umgäben, hatte der Mann sie wiederholt in scharfem Ton belehrt.
Wibolt Flaskoper war hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen. Er kaufte ja stets ungewalktes Tuch, um seine eigenen Quellen im Jeverland zu nutzen, aber wenn dieser Jan Borgk auf seiner Ladung saß und sie nicht los wurde, dann konnte man vielleicht ein günstiges Geschäft machen. Einen Handel, der ihn über den Sommer rettete, womöglich sogar bis in den Herbst. Also hatte Wibolt alles Silber zusammengekratzt, dessen er habhaft werden konnte, ohne die laufenden Geldflüsse zu stören. Hatte gegen seine sonstige Geschäftspraxis seinen Sekretär angewiesen, Zahlungen erst an Ultimo zu leisten. Hatte schließlich Focke Uffen erklärt, er werde diesmal die Überfahrt nicht vergüten, der Reeder solle die Passage mit den nächsten Einkünften verrechnen. Und hatte den folgenden kalten, musternden Blick des Schiffseigners mit glatter Stirn ausgehalten.
Der Anblick der Burg von Dover erfüllte ihn mit Erleichterung, aber zugleich packte ihn eine tiefe Unruhe. Es war die Ungewissheit. Und die Angst, zu spät zu kommen. Was, wenn der Lübecker inzwischen abgereist war? Oder sein Tuch doch noch losgeschlagen hatte? Er griff sich sein Gepäck, bevor der Lotse an Bord kam.
Als sie in Dover landeten, verschwand der Reeder wortlos und tauchte im Gewusel des Hafens unter. In welchen Geschäften Uffen unterwegs war, wusste Wibolt nicht. Was die Thedea an Ladung nach England gebracht hatte, dagegen sehr präzise. Es waren zwanzig Fässer gutes Wachs, fünf Fuder bestes Bier von Hompo Hayen, drei Lasten Heringe, vierhundert Lammfelle, Bast für zehn Mark Lübecker Silber und dreißig Pfund schmiedbares Eisen. Dazu kamen vier Pferde und die Passage für ihre Reiter, zwei Handelsherren und ihre Gesellen. Das würde einiges an Geld bringen.
Vom Hafen in Dover brachen ständig Gruppen reisender Kaufleute nach London auf, und Wibolt schloss sich einer Gesellschaft westfriesischer Händler an. Der Südosten Englands war besonders unruhig wegen des regen Warenverkehrs zwischen Hafen und Hauptstadt. Es trieb sich allerlei Raubgesindel herum, und man reiste nicht ohne Not allein. Die Westfriesen waren ihrer sieben, durchweg baumlange, kräftige Kerle, ebenso wie der Emder gut bewaffnet, und sie bewältigten ihren Weg unbehelligt in fünf Tagen.
*
Wibolt hatte keinen Blick für die Sensation vor seinen Augen. Der steinerne Neubau der London Bridge war in vollem Gange, alles noch unfertig, und doch waren die gewaltigen Ausmaße schon erkennbar. Über achtzehn Fuß breit würde dieses Ungetüm werden, und mehr als achthundert Fuß lang. Londoner standen ehrfürchtig und staunend davor, aber der Emder warf sich auf sein Mietpferd und bahnte sich seinen Weg zum Stalhof. Es war schwieriger als sonst. Schon über den Fluss zu kommen, hatte ihn ungewöhnlich viel Zeit gekostet. Er mied die alte Holzbrücke, um den Zoll zu sparen, aber vor der öffentlichen Fähre stauten sich die Leute, viele davon in Eisen. Kriegsvolk!
Und nun musste er, ob es ihm gefiel oder nicht, seine Umgebung genauer betrachten. Plötzlich spürte auch er die Unruhe, eine seltsam gespannte Stimmung, es roch nach roher Körperlichkeit, Konfliktbereitschaft und Gewalt. Er ritt die Themse entlang bis zur All Hallows Lane, bog dann in die Thames Street ab, wo er sich unvermittelt in einer Horde Bewaffneter wiederfand. Er erkannte Farben und Gildewappen des Stalhofes. Grobe Fäuste packten seinen Gaul an den Zügeln, er wurde angerufen, man verlangte einen Pass. Der Handelsbrief des Emder Magistrats ging von Hand zu Hand, lesen konnte ihn niemand von den Kerlen, aber das Wappen machte Eindruck.
Auch das Tor zum Gildehof war scharf bewacht. Durch das Brückenhaus rumpelten ihm beladene Fuhrwerke entgegen, und erst im Inneren des Gildehofes erfuhr er mehr. Es war ein befreundeter Fischhändler aus Bremen, der ihm Neuigkeiten zurief. »Ja, weißt du denn nicht? Richard Löwenherz ist tot. Der neue König, Johann, steckt in großen Schwierigkeiten. Er zieht seine Truppen zusammen, weil der Adel rebelliert. Er will Johann nicht. Es gab schon Händel. Die ganze Stadt ist in Aufruhr. Gib Acht auf dein Fell!«
Nun also! Als gäbe es nicht schon genug Probleme. »Was heißt das für uns? Für den Handel?«, fragte Wibolt zurück.
Der andere hob die Schultern. »Vorerst nichts. Der Altermann will, dass alles normal weiterläuft. Sieh nur zu, dass du nicht in eine Rauferei kommst!«
Das Gespräch mit dem Hofmarschall war ebenso unerfreulich wie notwendig. Jeder Fremde am Stalhof musste es führen, es diente der Einleitung für den gewünschten Handelskontakt, man kam an dem Mann nicht vorbei. Wibolt kannte den Marschall seit Jahren, es war ein Engländer mittleren Alters, Jonathan Pearce. Er war durchaus nicht unfreundlich, aber er hatte den typischen Habitus der englischen Nobilität. Der Marschall stellte Fragen, weil es den Regeln seines Amtes entsprach. Er stellte sie auch dann, wenn er die Antworten bereits kannte. In diesem Punkt erinnerte er Flaskoper an die dickfellige Sturheit eines friesischen Bauern. Pearce ruhte in der arroganten Selbstgewissheit, die man bei vielen seiner Landsleute in hoher Stellung antreffen konnte, und seine Augen sagten ständig: »Seid froh, dass man Euch vorgelassen hat.«
Der Emder blieb ruhig, aber seine Antwort war mit Händen zu greifen: Ihr seid nur der Hofkanzler, ein Verwalter, verantwortlich für die Ordnung am Hof, Lakai Eures Herrn und seines Klüngels aus Köln!, und das war keine gute Voraussetzung für ihre Begegnung. Flaskoper wusste, es war unklug, den anderen herauszufordern, doch ihm brannte es unter den Nägeln, und hier war einer, der mit knöcherner Lust seine Machtspielchen trieb.
Der Marschall nahm den Handelsbrief nicht auf, obwohl er kaum eine Handlänge vor ihm lag. Er sah ihn nicht einmal an, sondern ließ seinen Blick durch den Raum wandern, ganz so, als wäre er in Muße allein. An der Tür stand ein Waffenknecht mit einem Bluthund am Würgehalsband. Der schien den Marschall mehr zu interessieren als der junge Kaufmann, der da vor ihm stand. Und wartete. Vielleicht, wer wusste es denn, ging es Pearce auch nur darum, mit Nachdruck auf die Macht seines Hauses hinzuweisen. Auf die Reihenfolge von oben und unten. Von Bitte und Gnade. Jedenfalls nahm der Mann sich Zeit. Viel Zeit. Nach einer endlosen Weile winkte er träge mit dem Finger und ließ sich den Handelsbrief durch den Sekretär reichen. Misstrauisch wie eine alte Krähe musterte er das Emder Wappen.
Er braucht dich nicht, aber du ihn schon, also bewahre die Ruhe, ging es Wibolt Flaskoper durch den Kopf, bevor er freundlich sagte: »Ihr müsstet es eigentlich wohl kennen.«
Der Marschall studierte umständlich Siegel und Unterschriften. Dann hob er den Kopf, seine Augen waren stumpf und gleichgültig. »Gehört Eure Stadt zum Bund der Bruderschaften?«
»Nein«, antwortete der Sekretär ungefragt.
Wibolt warf ihm einen eisigen Blick zu. Sein Gesicht brannte, doch das spürte er nicht. »Noch nicht«, sagte der Emder mit fester Stimme, »aber in Anno 1201 bin ich Bürgermeister, und dann wird sie es bald.«
Es war eine spontane Äußerung, mit heißem Herzen gesprochen, geboren aus dem Ärger über die vorlaute Antwort des Sekretärs, aber während er seinen Worten noch nachlauschte, lief in seinem Hirn das Räderwerk an. Die Gedanken waren plötzlich da, sie formten sich, wurden handfest und greifbar. Was wäre, wenn Emden Mitglied des Bundes der Bruderschaft würde? Als erste friesische Stadt. Mit allen Privilegien und Vorteilen. In Augenhöhe mit Städten wie Bremen, Hamburg und Lübeck. Auf dem Sprung zu gediegenem Wohlstand, ja sogar zu Reichtum. Unter seiner Führung als Bürgermeister. Was wäre es der Stadt wert? Was wäre es dem Bund wert? Könnte er aus dieser Sache schnellen Nutzen ziehen? Welchen? Was wöge der in Silber?
Der Marschall sah ihn an wie ein Viehhändler sein schlechtestes Stück. Und während er in diese teilnahmslosen Augen blickte, fühlte Flaskoper ein schmerzhaftes Schlagen in der Brust. Sein Bauch zitterte so heftig unter dem Wams, dass er meinte, der Engländer müsste es sehen. Zu viele Gedanken und Fragen, zu wenig Antworten. »Das ist keine Angelegenheit der Krone«, äußerte Pearce trocken, es klang wie eine Bemerkung zum Kehricht der Vorstadt.
Wie denn? Sitzt Ihr hier für den König von England oder für Euren Kölner Herrn, dessen Brot Ihr esst? Der Emder biss auf die Zähne, es kostete ihn viel Kraft, zu schweigen, und auf den Lippen des Marschalls stand plötzlich ein dünnes Lächeln. Interessiert beobachtete er das Muskelspiel an Wibolts Kinn. Mit schläfriger Stimme fragte er dann nach dessen weiterem Begehr, und als Flaskoper den Namen des lübischen Kaufmanns nannte, runzelte der Engländer die Stirn. »Ihr wollt sein Tuch?« Wibolt nickte, und dann entspann sich zwischen Pearce und dem Sekretär ein knapper nasaler Dialog, dem der Emder trotz guter Sprachkenntnis nicht folgen konnte. Mehrfach fiel der Name Jan Borgk, dann hörte Wibolt etwas, das klang wie »too late«, und jetzt fixierten ihn beide, der Marschall unter hängenden Lidern, der Sekretär in offener Genugtuung. »Er hat sein Tuch schon losgeschlagen, zumindest den größten Teil. Aber sprecht mit ihm selbst. Ihr findet ihn in seiner Diele hinter dem Hauptmagazin.«
Blicklos stolperte er über den Gildehof. Es war noch nicht dunkel, aber aus dem rheinischen Weinhaus kam bereits Gesang. Er wusste, dass sich dort die Kölner mit ihren englischen Partnern trafen, aber auch Vertreter des Hofes und der Bürgerschaft kamen hier zusammen. Jan Borgk war nicht in seiner Klause. Wibolt traf ihn beim Wein, der Lübecker begoss sein Geschäft. Er machte keinen Hehl daraus, dass er mit dem unverhofften Handel mehr als glücklich war. »Zehn Ballen habe ich noch, der Rest ist eben abgefahren«, sagte Borgk undeutlich, er musste sofort mit dem Trinken begonnen haben. »Kommt, und gebt mir Gesellschaft.«
Wibolt dankte mechanisch, er kaufte die übrigen Ballen, regelte den Umschlag und trollte sich. Das schöne Lied der Kaufleute klang wie Hohn in seinen Ohren. Es war alles umsonst gewesen.
*
Auf dem Weg zum Stall verharrte er und dachte über seine Lage nach. Er fühlte sich gedrängt, noch einmal mit dem Altermann zu sprechen. Bessere Sätze und Preise auszuhandeln. Vielleicht auch einen Weg zu diskutieren, wie man Emden näher an die Bruderschaft der Städte heranführen könnte, zu beiderseitigem Nutzen, mit dem ersten Ziel der Verdichtung der Handelsbeziehungen, und mit dem ferneren Ziel der vollständigen Mitgliedschaft. Ja, er hatte kein Mandat zu verhandeln, aber das konnte doch ein sondierendes Gespräch nicht ausschließen. Gewiss, es würde schwierig sein, Herbord Ruwe für seine, Wibolts, Sache zu gewinnen, aber es dünkte ihn unkaufmännisch, die Gelegenheit ungenutzt zu lassen. Und immer wieder irrlichterten ihm die Gedanken über seine persönliche Rolle durch den Kopf. Wenn seine Lage in Emden schwierig werden würde, wenn es augenfällig war, dass er in schwerem Wetter fuhr, dann könnte er mit der Türöffnung zum Städtebund vieles wieder auffangen. Seht und hört her, könnte er sagen, ich, Wibolt Flaskoper, sichere euch Zugang zu neuen Märkten. Ich bessere euren Stand bei Zoll und Stapelrechten. Ich schaffe euch Privilegien und Verträge, ich führe euch einer goldenen Zukunft entgegen.
Ein Trupp Waffenknechte riss ihn aus seiner tiefen Nachdenklichkeit. Die Männer führten ihre Pferde zum Marsstall, einige waren verwundet, es wurde trotzdem laut gelacht und gescherzt. Fast wie von selbst lenkten ihn seine Schritte in Richtung auf das Haupthaus zu, dorthin, wo der Altermann sein Kontor hatte. Zwei Wachposten, grobklotzige Kerle mit schweren Stabdolchen, sicherten das Tor. Fremde Söldner. Es waren jedenfalls keine Engländer, so viel wurde Wibolt klar, denn sie knurrten ihn an in einer Sprache, die der Emder nicht verstand, es mochte keltisch sein. Was sie ihm sagen wollten, begriff Wibolt aber sehr wohl. Schert Euch weg, wenn Ihr kein Blut verlieren wollt. Er musste einsehen, dass es sinnlos war.
